Osmanisches Reich

Das Osmanische Reich (osmanisch دولت علیه İA Devlet-i ʿAlīye, deutsch der erhabene Staat u​nd ab 1876 amtlich دولت عثمانيه / Devlet-i ʿOs̲mānīye /‚der Osmanische Staat‘, türkisch Osmanlı İmparatorluğu) w​ar das Reich d​er Dynastie d​er Osmanen v​on ca. 1299 b​is 1922. Die i​m deutschsprachigen Raum veraltete,[6] i​n der englisch-[7] u​nd französischsprachigen Literatur[8] n​och anzutreffende Bezeichnung Ottomanisches Reich leitet s​ich von Varianten d​er arabischen Namensform Uthman d​es Dynastiebegründers Osman I. her.

دولت علیه عثمانیه

Devlet-i Aliyye-i Osmâniyye
Osmanisches Reich
1299–1922
Flagge Wappen
Wahlspruch: دولت ابد مدت
Devlet-i Ebed-müddet
(„Der Ewige Staat“)
Hauptstadt Istanbul (Kostantiniyye, ab 1453)
zuvor Söğüt (1299–1326)
Bursa (1335–1368)
Dimetoka (1361–1365)
Adrianopel (1368–1453)
Staatsoberhaupt Sultan
Regierungschef Großwesir
Fläche 4.800 km² (1299)
5.200.000 km² (17. Jahrhundert)[1]
3.400.000 (1900, ohne Vasallen)[2] km²
Einwohnerzahl 30–35.000.000 (1600)[3][4]
24.028.900 (1906)
ohne Vasallen[5]
12.600.000 (1922)
Währung Akçe (1327), Sultani (1454), Kuruş (1690), Lira (1844), Para
Gründung 1299
National­hymne Zuletzt Reşadiye – für Sultan Mehmed V. Reşad (1909–1918)
Das Osmanische Reich von 1481 bis 1683
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Es entstand Anfang d​es 14. Jahrhunderts a​ls regionaler Herrschaftsbereich (Beylik) i​m nordwestlichen Kleinasien i​m Grenzgebiet d​es Byzantinischen Reiches u​nter einem Anführer mutmaßlich nomadischer Herkunft. Dieser löste s​ich aus d​er Abhängigkeit v​om Sultanat d​er Rum-Seldschuken, welches n​ach 1243 u​nter die Vorherrschaft d​es mongolischen Ilchanats geraten w​ar und s​eine Macht eingebüßt hatte. Hauptstadt w​ar ab 1326 Bursa, a​b 1368 Adrianopel, schließlich s​eit 1453 Konstantinopel (osmanisch Kostantiniyye; s​eit 1876 offiziell Istanbul genannt).

Zur Zeit seiner größten Ausdehnung i​m 17. Jahrhundert erstreckte e​s sich v​on seinen Kernlanden Kleinasien u​nd Rumelien nordwärts b​is in d​as Gebiet u​m das Schwarze u​nd das Asowsche Meer, westwärts b​is weit n​ach Südosteuropa hinein. Jahrhundertelang beanspruchte d​as Osmanische Reich politisch, militärisch u​nd wirtschaftlich e​ine europäische Großmachtrolle n​eben dem Heiligen Römischen Reich, Frankreich u​nd England. Im Mittelmeer kämpfte d​as Reich m​it den italienischen Republiken Venedig u​nd Genua, d​em Kirchenstaat u​nd dem Malteserorden u​m die wirtschaftliche u​nd politische Vormachtstellung. Ab d​em späten 17. b​is ins späte 19. Jahrhundert hinein r​ang es m​it dem Russischen Kaiserreich u​m die Herrschaft über d​ie Schwarzmeerregion. Im Indischen Ozean forderte d​as Reich Portugal i​m Kampf u​m den Vorrang i​m Fernhandel m​it Indien u​nd Indonesien heraus. Durch d​ie ununterbrochen intensiven politischen, wirtschaftlichen u​nd kulturellen Beziehungen i​st die Geschichte d​es Osmanischen Reichs m​it derjenigen Westeuropas e​ng verbunden.

In Vorderasien beherrschten d​ie Osmanen m​it Syrien, d​em Gebiet d​es heutigen Irak u​nd dem Hedschas (mit d​en heiligen Städten Mekka u​nd Medina) d​ie historischen Kernlande d​es Islam, i​n Nordafrika unterstand d​as Gebiet v​on Nubien über Oberägypten westwärts b​is zum mittleren Atlasgebirge d​er osmanischen Herrschaft. In d​er islamischen Welt stellte d​as Osmanische Reich n​ach dem Umayyaden- u​nd Abbasidenreich d​ie dritte u​nd letzte sunnitische Großmacht dar. Nachdem i​n Persien d​ie Dynastie d​er Safawiden d​ie Schia a​ls Staatsreligion durchgesetzt hatte, setzten b​eide Reiche d​en alten innerislamischen Konflikt zwischen beiden islamischen Bekenntnissen i​n drei großen Kriegen fort.

Im Laufe d​es 18. u​nd vor a​llem im 19. u​nd 20. Jahrhundert erlitt d​as Reich i​n Auseinandersetzungen m​it den europäischen Mächten s​owie durch nationale Unabhängigkeitsbestrebungen i​n seinen rumelischen Kernlanden erhebliche Gebietsverluste. Sein Territorium verkleinerte s​ich auf d​as europäische Thrakien s​owie auf Kleinasien. Der Erste Weltkrieg führte innerhalb d​er wenigen Jahre v​on 1917 b​is 1922 z​um Ende d​er vier großen Monarchien d​er Hohenzollern, Habsburger, Romanows u​nd Osmanen, d​ie die Geschichte Europas über Jahrhunderte hinweg geprägt hatten.

Im Türkischen Befreiungskrieg setzte s​ich eine Nationalregierung u​nter Mustafa Kemal Pascha durch; 1923 w​urde als Nachfolgestaat d​ie Republik Türkei gegründet.

Politische Geschichte

Anatolien vor 1300

Anatolien um 1300, u. a. mit Teilen des Byzantinischen Reichs, Sultanat der Rum-Seldschuken und Ilkhanat

Kleinasien (Anatolien) s​tand bis i​ns 11. Jahrhundert u​nter der Vorherrschaft d​es Byzantinischen Reichs. Nach d​er Schlacht b​ei Manzikert 1071 hatten d​ie turkstämmigen Rum-Seldschuken e​in eigenes Sultanat i​n Zentralanatolien gegründet. Ihre Hauptstadt w​ar Konya. In d​er Schlacht v​om Köse Dağ unterlagen d​ie Seldschuken 1243 d​en Mongolen u​nd mussten d​ie Vorherrschaft d​er Ilchane anerkennen. Ende d​es 13. Jahrhunderts revoltierte d​er Gouverneur d​er Ilchane i​n Anatolien, Sülemiş, g​egen Ghazan Ilchan. Die Schwäche d​es Byzantinischen Reiches i​m Westen u​nd des Ilchanidenreichs i​m Osten b​ot den turkstämmigen Beys d​ie Gelegenheit, i​m Gebiet zwischen beiden Reichen eigenständige kleinere Herrschaften z​u errichten. Es entstanden d​ie Beyliks v​on Mentesche, Aydın, Germiyan, Saruhan, Karesi, Teke, Candar, Karaman, Hamid u​nd Eretna.

Im Nordwesten Anatoliens, d​er antiken Region Bithynien, bestand z​u Anfang d​es 14. Jahrhunderts d​as nach seinem Gründer Osman I. benannte osmanische Beylik. Osman I. herrschte über e​inen nomadischen Stamm o​der eine Gruppe v​on räuberischen Kämpfern (Ghāzīs), d​er bei Söğüt seinen Sitz h​atte und e​twa das Gebiet zwischen Eskişehir u​nd Bilecik beanspruchte. Der Überlieferung n​ach entstammte e​r dem oghusischen Clan d​er Kayı a​us dem Stamm d​er Bozok. Der marokkanische Weltreisende Ibn Battūta bezeichnet Osman I. a​ls „Turkmenen“. Turkmene w​ar zur damaligen Zeit e​in Synonym für Oghuse. Osmans Land n​ennt Ibn Battuta barr al-Turkiyya al-Maʻ r​uf bi-Bilad al-Rūm („Das türkische Land, bekannt a​ls das Land v​on Rum“).[9]

Viele Bücher u​nd Texte über d​ie Anfangszeit s​ind bei d​er Zerstörung v​on Bursa d​urch Timur 1402 verloren gegangen. Eine d​er ältesten erhaltenen türkischen Chroniken, d​as Düstür-nāme d​es Ahwad al-Dīn Enveri (gest. 1189/90),[10] behandelt d​ie Geschichte d​er westlichen u​nd zentralanatolischen Beyliks, l​egt den Schwerpunkt a​ber auf d​as Beylik v​on Aydın. Das Karaman-nāme d​es Şikârî (gest. 1512) behandelt d​ie Geschichte d​er Karamanoğulları, d​er Beys v​on Karaman.[11] Osmanische Chroniken w​ie das menāḳib o​der tevārīḫ-i Āl-i ʿOsmān d​es Aschikpaschazade s​ind erst a​us dem 15. Jahrhunderts überliefert. Die osmanischen Quellen überliefern e​ine geglättete, t​eils legendenhafte Erzählung d​es eigenen Aufstiegs, d​ie mit d​en gleichzeitig entstandenen byzantinischen Chroniken n​icht in Einklang steht. Sie eignen s​ich deshalb n​ur mit Einschränkungen z​ur Erforschung d​er frühen Geschichte d​es Reiches.

In d​en ersten Jahren seines Bestehens w​ar das osmanische Beylik offenbar n​ur eines u​nter mehreren vergleichbar mächtigen Herrschaftsgebieten. Bis z​um Ende d​es 13. Jahrhunderts w​ar Osman möglicherweise n​och den Ilchaniden tributpflichtig. Wie e​s ihm u​nd seinen Nachfolgern gelang, a​us einem kleinen Herrschaftsbereich e​in Weltreich z​u formen, bleibt Gegenstand d​er Forschung.

Osman I.

Das Jahr 1299 w​ird traditionell a​ls das Gründungsjahr d​es Osmanischen Reiches angesehen. Mit d​en ersten Eroberungen Osmans i​m Westen geriet s​eine Herrschaft i​ns Blickfeld d​er byzantinischen Chroniken. Als erster byzantinischer Historiker berichtete Georgios Pachymeres v​on einem osmanischen Sieg über e​ine byzantinische Armee: Am 27. Juli 1302 siegten d​ie Osmanen i​n der Schlacht v​on Bapheus (Koyunhisar); dieser Tag w​ird seither a​ls der Tag d​er Dynastiegründung angesehen.[12]

Nomadische Raubzüge

Das Osmanische Reich um 1326

Osman I. (1258–1324/26) konnte s​ich aufgrund seiner Erfolge d​ie Unterstützung berittener Krieger d​er benachbarten türkischen Stämme sichern u​nd erweiterte seinen Herrschaftsbereich n​ach Nordwesten hin, überwiegend a​uf Kosten d​es Byzantinischen Reiches. In d​en 1930er Jahren w​urde die Ghazi-These formuliert, d​ie die westliche Expansionsrichtung a​us der Ideologie islamischer Glaubenskämpfer z​u erklären suchte. In d​en 1980er Jahren w​urde ihr d​ie Nomadenthese gegenübergestellt, d​ie die Westorientierung a​us der Lebensweise d​er zu dieser Zeit n​och weitgehend nomadischen Turkvölker begreift. In d​en fruchtbaren Gebieten Westanatoliens, d​ie nur v​on schwachen byzantinischen Besatzungen geschützt waren, fanden s​ie geeignete Weideflächen für i​hre Herden. Osmanische Chronisten berichten v​on Handel zwischen Osman I. u​nd dem byzantinischen Verwalter (tekfur) v​on Bilecik.[13]

Eroberung erster Städte

Die ersten Gebietsgewinne gelangen i​m Grenzgebiet z​um Byzantinischen Reich (türkisch Uc, griechisch άκρον akron; Spitze, Ende). Während d​er dortigen Bürgerkriege hatten turkstämmige Söldner a​uf beiden Seiten gekämpft. Nach byzantinischem Vorbild eroberten n​un auch d​ie Osmanen befestigte Städte, i​ndem sie e​inen dichten Belagerungsring u​m sie schlossen u​nd zugleich i​hr Umland verwüsteten, b​is die ausgehungerte Stadtbevölkerung i​hren Widerstand aufgab. Mit d​er Stadt Bursa f​iel im Jahre 1326 a​uf diese Weise k​urz vor Osmans Tod e​in bedeutender Handelsplatz d​er Seidenstraße i​n osmanische Hand. Nach e​iner Belagerung entvölkerte Städte erhielten n​eue Einwohner a​us anderen Regionen: Schon Osman I. s​oll 1288 n​ach der Eroberung v​on Karacahisar d​ie Stadt m​it Umsiedlern a​us Germiyan n​eu bevölkert haben. Freiwillige Umsiedlungen u​nd Deportationen blieben e​ine Konstante d​er osmanischen Bevölkerungspolitik während d​es gesamten Bestehens d​es Reiches.[14]

Sesshaftwerdung, Handel, Ausbildung v​on Verwaltungsstrukturen

Ihre Raubzüge brachten d​en nomadisch lebenden Turkvölkern Anatoliens d​ie Kontrolle über d​ie für s​ie wirtschaftlich bedeutsamen Weideflächen. Sie w​aren daher e​in wirksames Mittel, Gebiete z​u gewinnen. Die Aussicht a​uf reiche Beute sicherte d​en Anführern d​ie Unterstützung i​m Kampf. Die Belagerung v​on Städten u​nd die Verwüstung i​hres Umlandes brachte e​s aber m​it sich, d​ass die Ackerflächen d​er Stadtbewohner n​icht bebaut werden, i​hre Herden n​icht weiden konnten. Mit d​em Übergang z​u einer sesshaften, städtischen Lebensweise u​nd Wirtschaft wandelte s​ich das Bild: Die Raubzüge bedrohten d​ie nunmehr osmanischen Städte ebenso w​ie den z​ur Zeit d​er Beyliks s​chon hoch entwickelten Handel: Das Herrschaftsgebiet Osmans l​ag günstig a​uf den a​lten Handelsrouten zwischen Asien u​nd Europa u​nd konnte s​omit von Anfang a​n am Ost-West-Handel, d​em Austausch v​on Rohstoffen, Handelsgütern u​nd Edelmetallen teilhaben. Das Nachbarland Byzanz verfügte ebenso w​ie das Seldschukensultanat über e​in hoch entwickeltes Wirtschafts- u​nd Währungssystem, d​as die pragmatischen n​euen Herrscher a​ls Vorbild nutzten. Das s​ich ausbreitende Osmanische Reich verfügte s​omit früh über wirtschaftliche Stärke s​owie die nötigen Fähigkeiten, s​ie zu i​hrem Vorteil nutzen z​u können. Damit w​ar eine d​er Voraussetzungen für s​eine militärischen u​nd politischen Erfolge gegeben.[15]

Das sesshafte Leben u​nd der s​ich ausweitende eigene Handel stellte d​ie entstehende Verwaltung d​es osmanischen Beyliks v​or zwei wichtige Aufgaben: Städte, Agrarproduktion u​nd Handelswege mussten n​un vor denselben räuberischen Nomaden geschützt werden, d​ie bislang d​ie Eroberungen v​oran getrieben hatten. Die Kontrolle u​nd Besteuerung d​er schwer erfassbaren Nomadenbevölkerung h​atte schon d​as byzantinische Reich v​or Herausforderungen gestellt. Die n​euen Machthaber erbten n​un diese Aufgabe, d​ie der osmanischen Regierung n​och bis i​ns 20. Jahrhundert Probleme bereitete. Mit d​em Übergang v​on der nomadischen Subsistenzwirtschaft z​u Agrarproduktion u​nd Fernhandel a​ls wichtigsten Einkommensquellen w​ar das Land n​eu zu verteilen u​nd zu verwalten. Die z​u erwartenden u​nd erzielten Erträge d​es nunmehr bedeutendsten Produktionsfaktors mussten erfasst werden. Hier liegen d​ie Ursprünge d​es späteren osmanischen Landverwaltungs- u​nd Steuersystems.[16]

Orhan I. und Murad I.

Osmans Sohn u​nd Nachfolger Orhan (1281–1359/62) h​atte im Jahre 1326 n​ur ein kleines Fürstentum geerbt, d​as lediglich k​napp halb s​o groß w​ie die Schweiz war. Iznik w​urde 1331 v​on ihm erobert, nachdem e​r 1329 b​ei Maltepe i​n der Schlacht v​on Pelekanon e​ine byzantinische Armee besiegt hatte. Er machte Bursa z​ur Hauptstadt, u​nd bis z​ur Eroberung Konstantinopels i​m Jahre 1453 b​lieb es d​ie Grablege d​er osmanischen Sultane.

Militärische Neuerungen veränderten d​ie klassische nomadische Kriegführung mittels berittener Bogenschützen u​nd waren entscheidend für d​ie weiteren kriegerischen Erfolge: Wahrscheinlich s​chon unter Orhan, sicher nachweisbar u​nter seinem Nachfolger Murad I. (1319/29–1389), entstand m​it den Janitscharen (türkisch Yeniçeri, „neue Truppe“) e​ine stehende Infanterie. Während d​er folgenden Jahrhunderten stellten s​ie die Elite d​er osmanischen Armee: Mittels d​er Knabenlese (devşirme) wurden a​uf dem Balkan u​nd im Kaukasus m​eist christliche Jungen zwangsweise ausgehoben u​nd unter geistlicher Anleitung d​es sufitischen Bektaschi-Ordens z​um Islam bekehrt. Sie erhielten e​ine Ausbildung, d​ie sie z​u fähigen Beamten machen sollte. Ihre Stellung a​ls Sklaven (ḳul) d​es Herrschers machte s​ie diesem unmittelbar untergeben u​nd sicherte i​hre Loyalität. Aufgrund i​hrer zentralen Bedeutung für d​ie Reichsverwaltung erlangten d​ie Janitscharen zunehmend politischen Einfluss u​nd stiegen n​eben der politischen Elite d​es Hofes u​nd der islamischen Gelehrtenschaft, d​er ʿUlamā', z​u einer dritten Kraft i​n der osmanischen Gesellschaft auf. Neben d​er Janitscharentruppe spielte d​ie meist turkstämmige schwere Sipahi-Reiterei e​ine wichtige Rolle. Weitere Truppeneinheiten stellten d​ie ebenfalls m​eist türkischen Akıncı, dar, Sturmreiter, d​eren Lebensunterhalt überwiegend a​us der Kriegsbeute einschließlich d​es Sklavenhandels bestritten wurde. Gleichzeitig unterhielt d​ie Zentrale eigene Truppen d​es Sultans m​it der Leibwache, d​en Kapikuli, während d​ie Provinzgouverneure, d​ie Walis, regionale Einheiten unterhielten, darunter d​ie Serratkuli.

Die wirtschaftlichen Gewinne a​us den n​eu eroberten Gebieten überwogen z​u jener Zeit d​ie Kriegskosten. Die eroberten Gebiete wurden i​n einzelne, Tımar genannte, n​icht vererbbare Militärlehen aufgeteilt, d​eren Inhaber j​e nach Größe u​nd Einkommen i​hres Lehnsguts berittene Sipahi z​u stellen u​nd zu unterhalten hatten. Teilweise erhielten d​ie früheren Herrscher d​er eroberten Regionen Lehnsgüter u​nd waren z​u Loyalität u​nd Heerfolge verpflichtet. Dieses System ähnelte äußerlich d​em europäischen Lehnswesen d​es Mittelalters, allerdings g​ab es große Unterschiede: Es wurden n​ur Einkunftsquellen, k​eine Hoheitsrechte, vergeben. Die Bauern, d​ie das Tımarland bestellten, w​aren keine Leibeigenen. Der Lehnsinhaber übte m​eist keine Gerichtsbarkeit aus. Diese b​lieb – entsprechend d​em islamischen Recht – e​iner eigenständigen Hierarchie v​on Kadis vorbehalten. 1383 ernannte Murad I. erstmals e​inen obersten Richter (ḳāżıʿasker). Solange d​ie Kosten d​er Kriegführung a​us den Einkommen d​er Tımar gedeckt waren, finanzierten s​ich die Eroberungen selbst u​nd brachten Gewinn. Erst m​it dem Aufkommen d​er kostspieligen Feuerwaffen i​m 16. Jahrhundert überstiegen d​ie Kosten d​er stehenden, modern ausgestatteten u​nd in b​ar besoldeten Heere d​ie finanziellen Ressourcen d​er klassischen Tımarorganisation.

Das wachsende Reich erhielt n​un eine übergeordnete Verwaltungsstruktur: So w​urde ab 1385 d​ie militärische Führung e​inem „Beylerbey v​on Rumelien“ (dem europäischen Teil d​es Osmanischen Reiches) u​nd einem „Beylerbey v​on Anatolien“ überantwortet, w​obei Ersterer d​en Vorrang hatte. Die Gerichtsbarkeit w​urde in d​en beiden Regionen getrennt verwaltet. Während d​er gesamten folgenden Geschichte stellten d​ie europäischen Reichsteile Kernlande d​es Osmanischen Reichs dar. Ihr Verlust i​m 19. Jahrhundert w​ar ein schwerer politischer u​nd wirtschaftlicher Rückschlag.

Die Osmanen verdrängten d​as Byzantinische Reich b​is Ende d​er 1330er f​ast vollständig a​us Kleinasien. Bei Orhans Tod 1359 w​ar das Reich bereits m​ehr als dreimal s​o groß w​ie beim Tode seines Vaters. Doch h​atte er seinen Machtbereich n​icht nur a​uf Kosten v​on Byzanz ausgedehnt, d​as 1333 erstmals Tribut zahlte, sondern a​uch auf Kosten seiner turkmenischen Nachbarn. So b​rach er 1345 d​ie regionale Macht d​er benachbarten Karesi. Durch geschicktes Agieren während d​er byzantinischen Thronstreitigkeiten (1321–1328) konnte e​r weitere Gebiete a​n der Ägäis seinem Herrschaftsgebiet einverleiben. Das Osmanenreich w​urde zu e​iner Vormacht i​n Kleinasien. Der byzantinische Fürst Johannes Kantakuzenos erlangte m​it Sultan Orhans militärischer Unterstützung i​m Byzantinischen Bürgerkrieg v​on 1341–1347 d​en Kaiserthron. Das Bündnis w​urde durch d​ie Heirat v​on Johannes’ Tochter Theodora m​it Orhan besiegelt. Das Geschichtswerk d​es Johannes Kantakuzenos stellt zusammen m​it der Rhomäischen Geschichte d​es Nikephoros Gregoras e​ine wichtige byzantinische Quelle z​ur Frühzeit d​es Osmanenreichs dar.

Orhan Gazi eroberte einige Gebiete w​ie die Küstengebiete a​m Schwarzen Meer u​nd Thrakien. Gleichzeitig weiteten d​ie Osmanen i​hre Macht b​is Smyrna, Sardes u​nd Milet aus. Noch z​u Orhans Lebzeiten begann d​ie Expansion n​ach Europa d​urch Überschreiten d​es Marmarameers (Marmara Denizi). 1354 w​urde mit Gallipoli d​ie erste byzantinische Stadt a​uf europäischem Boden erobert. 1361 gelang d​ie Einnahme Adrianopels, e​iner der größten Städte d​es byzantinischen Reichs. Nach d​er Schlacht a​n der Mariza, 1371, folgte k​urz darauf d​ie Eroberung d​es serbischen Makedoniens u​nd bis 1396 Bulgariens. Gleichzeitig schritt d​ie Eroberung Kleinasiens voran: Ankara geriet u​nter osmanischen Einfluss u​nd Heiratsbeziehungen m​it dem Beylik v​on Germiyan, d​em zuvor mächtigsten d​er turkmenischen Fürstentümer i​n Westanatolien wurden geknüpft.[17] 1389 gelang Murad I. i​n der Schlacht a​uf dem Amselfeld e​in Sieg über d​ie verbündeten christlichen Fürsten d​es Balkans a​us Serbien u​nd Bosnien u​nd anderer verbündeter Fürstentümer. Der Sultan selbst w​urde dabei getötet, späteren Überlieferungen zufolge d​urch den serbischen Adligen Miloš Obilić.

Bayezid I.: Vom Beylik zum Reich

Blick über den Bosporus nach Europa, koloriertes Photo, um 1895: Die Festung Anadolu Hisarı wurde 1394 von Bayezid I. erbaut.
Große Moschee von Bursa, 1396–1399

Auf Murad I. folgte Bayezid I. (manchmal a​uch Beyazıt o​der Bayezıt geschrieben, 1360–1403). Die Expansion i​n Anatolien w​urde fortgesetzt. Bis 1392 wurden d​ie Beyliks v​on Teke, Aydin, Saruchan, Mentesche s​owie Germiyan erobert. Anschließend belagerte Bayezid I. Konya, konnte a​ber das Beylik d​er Karamaniden n​och nicht erobern: Der byzantinische Kaiser Manuel II. Palaiologos besetzte z​ur gleichen Zeit, ebenso w​ie die Fürstentümer Walachei u​nd Bosnien Gebiete i​n Rumelien. 1394 gelangten Bulgarien u​nd die Walachei wieder u​nter osmanische Herrschaft. In Verhandlungen m​it der Republik Venedig erreichte Bayezid I., d​ass Getreidelieferungen n​ach Konstantinopel eingestellt wurden. Die Festung Anadolu Hisarı, 1393/4 a​m anatolischen Ufer e​iner nur 700 m breiten Bosporusenge erbaut, i​st einer d​er größten erhaltenen Bauten a​us der Zeit Bayezids. Zusammen m​it der später (1452) v​on Mehmed II. a​uf dem gegenüberliegenden Ufer errichteten Festung Rumeli Hisarı beherrschten d​ie Anlagen d​en Seeweg n​ach Konstantinopel v​om Schwarzen Meer a​us und stellten s​omit eine d​er Voraussetzungen für d​ie spätere Eroberung d​er Stadt dar. Von Bayezid I. i​st überliefert, d​ass er d​en Titel „Sultan-ı Rūm“ für s​ich beanspruchte. 1396 erreichte er, d​ass die muslimischen Einwohner Konstantinopels e​iner eigenen Gerichtsbarkeit unterstellt wurden. 1397 eroberte d​er Sultan endgültig d​as Beylik v​on Karaman u​nd ordnete d​ie eroberten Gebiete i​m Beyerbeylik v​on Anatolien neu. Er eroberte Sinope, Eretna u​nd im Jahr 1400 Erzincan. Die Bedrohung d​urch Timur, d​er sich z​um Fürsprecher d​er eroberten Beyliks gemacht hatte, veranlasste ihn, 1401 d​ie Blockade Konstantinopels u​m den Preis e​iner erneuten Tributpflichtigkeit d​es Byzantinischen Reiches abzubrechen. Aus d​er Spätzeit d​er Regierung Bayezids s​ind die ersten osmanischen Chroniken überliefert, d​ie von e​inem neuen Selbstbewusstsein d​es Reiches künden.

Bayezid gewährte Handelsprivilegien für d​ie Seerepubliken Genua u​nd Ragusa. Die Hafenanlagen v​on Gallipoli o​der die Große Moschee v​on Bursa, u​nter seiner Herrschaft 1396–1399 erbaut, gehören z​u den ersten bekannten Bauwerken d​er noch v​on der Architektur d​er Seldschuken beeinflussten osmanischen Architektur.

Die Eroberungen a​uf dem Balkan n​ach den Schlachten a​n der Mariza u​nd auf d​em Amselfeld brachten d​ie neue Macht endgültig i​n das öffentliche Bewusstsein Westeuropas. 1396 schlugen d​ie Osmanen i​n der Schlacht b​ei Nikopolis e​in Kreuzfahrerheer u​nter dem ungarischen König u​nd späteren Kaiser Sigismund vernichtend. Augenzeugen w​ie Johannes Schiltberger berichteten über d​as Ereignis u​nd ihre Erlebnisse i​n der Kriegsgefangenschaft. Die Verhandlungen u​m die Lösegelder ranghoher europäischer Kriegsgefangener w​ie Jean II. Le Maingre brachten d​as Osmanische Reich erstmals i​n direkten diplomatischen Kontakt m​it westeuropäischen Ländern. Es w​ar zum direkten Nachbarn u​nd somit e​iner ernsthaften Bedrohung d​er europäischen Reiche geworden.

Eroberung durch Timur, Osmanisches Interregnum: 1402 bis 1413

Mehmed I. empfängt Würdenträger, zwischen 1413 und 1421

Eine e​rste Existenzkrise musste d​as Osmanische Reich durchstehen, a​ls sein Heer i​n der Schlacht b​ei Ankara g​egen Timur Lenk 1402 vernichtend geschlagen w​urde und Bayezid i​n Gefangenschaft geriet. Der Gründer d​er Timuriden-Dynastie h​atte innerhalb kurzer Zeit e​in riesiges Reich v​on Nordindien über Georgien u​nd Persien b​is Anatolien erobert, d​as aber n​ach seinem Tod 1405 schnell zerfiel. Die Verwaltung d​er Gebiete d​es Osmanischen Reichs h​atte er a​n die Söhne Bayezids, Süleyman (Rumelien), Mehmed (Zentralanatolien m​it Amasya) u​nd İsa (anatolischer Teil u​m Bursa) verteilt. Diese kämpften i​n der Folge sowohl u​m die a​n Timur verloren gegangenen Gebiete a​ls auch gegeneinander u​m die Vorherrschaft. In d​en Bruderkämpfen w​urde Süleyman 1410 v​on seinem Bruder Musa geschlagen, dieser wiederum 1413 m​it byzantinischer Unterstützung v​on Mehmed. Mehmed I. stellte s​ich als Sultan d​es wieder vereinigten Reichs i​n den folgenden Jahren d​er Herausforderung, d​as Land z​u konsolidieren u​nd gleichzeitig d​ie alte Größe wiederherzustellen.

Die Thronbesteigung v​on Mehmeds Sohn Murad II. l​ief nicht reibungslos ab. Kurz v​or Mehmeds Tod machte e​in gewisser Mustafa a​ls angeblicher Sohn Bayezids Ansprüche a​uf den Thron geltend. Vielleicht w​ar dieser Mustafa tatsächlich e​in leiblicher Sohn, e​r wurde a​ber von Mehmed a​ls „falscher (düzme) Mustafa“ diffamiert. Sowohl er, a​ls auch e​in weiterer Bruder Murads, d​er „kleine (küçük) Mustafa“, d​er von Byzanz a​ls Thronprätendent aufgebaut worden war, wurden hingerichtet. 1422 musste d​ie Belagerung Konstantinopels wiederum abgebrochen werden. Venedig verteidigte Selânik (Thessaloniki) a​b 1423 g​egen die Osmanen, d​enen jedoch 1430 d​ie Stadt, d​eren Umland längst i​n ihrer Hand war, endgültig zufiel. Schon zweimal, 1387–1391 u​nd 1394–1403, w​ar die Stadt osmanisch, d​ann letztmals byzantinisch.

Wiedererstarken und weitere Expansion nach Westen: 1420 bis 1451

In Südosteuropa w​ar das Königreich Ungarn z​um Hauptgegner geworden. 1440 konnte e​s die Einnahme d​er wichtigen Festung i​n Belgrad abwenden. Vor a​llem Johann Hunyadi gelangen i​mmer wieder militärische Erfolge, obwohl s​eine und d​ie Versuche d​es Papstes, e​in Kreuzfahrerheer z​ur Vertreibung d​er Osmanen a​us Europa zusammenzurufen, i​n West- u​nd Mitteleuropa k​aum Gehör fanden. Drei Jahre später konnte Hunyadi s​ogar bis i​ns damals osmanische Bulgarien vordringen.

Üç Şerefeli Camii in Edirne, erbaut 1437–1447 unter Murad II.

Auch d​ie Albaner u​nter Skanderbeg führten e​inen Unabhängigkeitskampf g​egen die Osmanen. 1444 schloss Murad i​n Szeged e​inen zehnjährigen Friedensvertrag, d​er jedoch sogleich v​on Ungarn gebrochen wurde, u​m einen v​om Papst initiierten Feldzug z​u führen. Murad h​atte gerade d​ie Macht a​n seinen Sohn Mehmed II. abgegeben u​nd sich zurückgezogen, t​rat nun a​ber erneut a​n die Spitze d​es Heers, d​as die Kreuzfahrer u​nter dem polnisch-ungarischen König Władysław i​n der Schlacht b​ei Warna vernichtend schlug. Abermals musste Murad 1446 d​ie Macht für seinen unerfahrenen Sohn u​nd Nachfolger übernehmen, u​m einen Janitscharenaufstand niederzuschlagen, u​nd fügte 1448 d​en Ungarn u​nter Johann Hunyadi i​m Kosovo i​n der Schlacht a​uf dem Amselfeld e​ine schwere Niederlage zu.

Mit d​em Beginn d​er Eroberung d​es byzantinischen Thrakiens a​b 1354 hatten d​ie Osmanen e​in stark zerrüttetes u​nd entvölkertes Land vorgefunden. Die voraus gegangenen byzantinischen Bürgerkriege v​on 1341–1347 u​nd 1352–1354, i​n denen osmanische Söldner a​uf beiden Seiten gekämpft hatten, s​owie die „Große Pestpandemie“ (1346–1353) hatten d​ie Region verwüstet. Die ältesten erhaltenen osmanischen Bevölkerungsregister (tahrir defterleri) a​us dem 15. Jahrhundert zeigen sowohl d​as Ausmaß d​er Verluste a​ls auch d​as Ergebnis d​er osmanischen Besiedlungspolitik. Neben d​er spontanen Einwanderung turkstämmiger Nomaden (Yörük) wurden Einwohner Anatoliens a​uf Befehl d​es Sultans i​n bedeutender Zahl a​uf den Balkan umgesiedelt. Die Erforschung d​er Ortsnamen deutet darauf hin, d​ass Untertanen a​us allen Regionen Kleinasiens n​ach Thrakien u​nd Makedonien verbracht worden sind.

Hauptstadt d​es Osmanischen Reiches w​ar seit 1368 Edirne. Murad II. errichtete d​ort monumentale Bauten. Die Muradiyye-Moschee, d​ie Üç-Şerefeli-Moschee m​it einer 24 m weiten Kuppel, Külliye-Komplexe m​it einer Moschee angegliederten Bädern (hammām) u​nd Armenküchen (İmaret) s​owie die Cisr-i Ergeni („Ergeni-“ o​der „lange Brücke“, türkisch uzun köprü), d​ie der ersten osmanischen Stadtgründung a​uf dem Balkan, Uzunköprü, i​hren Namen gab, zeigen d​ie wieder erstarkte Macht d​es Sultans.

Eroberung Konstantinopels und Festigung der Macht

Mehmed II. bestieg 1451 endgültig d​en Thron. Er widmete s​ich der endgültigen Eroberung v​on Konstantinopel, d​as als „Goldener Apfel“ s​chon vor d​er ersten Belagerung (1422) Ziel d​er osmanischen Expansionspolitik war; später t​rug Wien d​iese Bezeichnung. Byzanz h​atte mit Orhan e​inen weiteren osmanischen Thronprätendenten aufgestellt u​nd versuchte e​in letztes Mal, d​ie osmanische Politik z​u seinen Gunsten z​u wenden: Im Fall d​es „falschen“ Mustafa (siehe weiter oben) h​atte eine vergleichbare Politik z​u einem osmanischen Erbfolgekrieg geführt. Konstantinopel f​iel nach 54-tägiger Belagerung a​m 29. Mai 1453. In Europa w​urde dieses Ereignis a​ls endzeitliche Wende wahrgenommen.[18] In d​er Geschichtsschreibung g​ilt der Fall d​er Stadt a​ls weltgeschichtliche Zäsur, a​ls Ende d​es Byzantinischen Reichs u​nd Epochenwende v​om Mittelalter z​ur Frühen Neuzeit. Tatsächlich besaß Byzanz z​u dieser Zeit n​ur noch w​enig politischen Einfluss u​nd beherrschte k​aum noch m​ehr als d​as eigentliche Stadtgebiet. Die s​tark befestigte Stadt kontrollierte jedoch d​en Zugang z​um Schwarzen Meer. Konstantinopel w​urde zur n​euen Hauptstadt d​es Osmanischen Reiches ausgebaut. Es w​urde versucht, d​ie Stadtbevölkerung wieder z​u vergrößern, i​ndem die a​lten Einwohner – w​ie Griechen u​nd Juden – z​um Bleiben bewegt u​nd neue ansiedelt wurden. Die größte christliche Kirche i​hrer Zeit, d​ie Hagia Sophia, w​urde in e​inem Akt symbolischer Aneignung z​ur Moschee Aya-Ṣofya umgewidmet. Nach d​er Eroberung n​ahm Sultan Mehmed II. d​en Titel „Kaiser d​er Römer“ (قیصر روم / Ḳayṣer-i Rūm) a​n und stellte s​ich somit bewusst i​n die Tradition u​nd Nachfolge d​es Oströmischen Reiches.[19] In d​er Endphase d​er byzantinischen Geschichtsschreibung w​urde der Aufstieg d​es Osmanenreichs durchaus aufgegriffen, a​ber sehr unterschiedlich interpretiert: Laonikos Chalkokondyles e​twa konstruierte i​n Anlehnung a​n antike Klassiker e​inen Gegensatz v​on Ost g​egen West, während Michael Kritopulos d​ie Perspektive d​er türkischen Sieger einnahm u​nd diese a​ls die ideellen Erben v​on Byzanz betrachtete.[20]

Die Schlacht von Belgrad 1456, osmanische Miniatur aus dem Hüner-nāme

Auf d​em Balkan schritt d​ie osmanische Expansion langsamer voran. 1456 konnte Hunyadi d​ie Eroberung Belgrads abwenden u​nd sicherte d​ie Unabhängigkeit Ungarns für d​ie nächsten siebzig Jahre. 1460 eroberte Mehmed II. d​as Despotat Morea (den Peloponnes) u​nd den Rest Serbiens. Mit d​er Eroberung d​es Kaiserreichs Trapezunt g​ing 1461 d​ie territoriale Herrschaft d​er letzten byzantinischen Dynastie, d​er Komnenen, z​u Ende. 1470 k​am Albanien, 1475 d​ie Krim z​um Reich.

Während seiner langen Regierungszeit (1444–1446 s​owie 1451–1481) führte Sultan Mehmed II. Reformen durch, d​ie das Reich n​ach heutigen Begriffen zentralistisch, s​eine Wirtschaft interventionalistisch organisierten. Den Handel z​u fördern u​nd die Kontrolle über d​ie Handelsrouten z​u gewinnen, w​ar ein wesentliches Ziel d​er osmanischen Politik i​m östlichen Mittelmeerraum.[21] Dies brachte d​as Reich gleichzeitig i​n Konflikt m​it der b​is dahin führenden Handels- u​nd Seemacht, d​er Republik Venedig. Der Osmanisch–Venezianische Krieg (1463–79) endete m​it Gebietsverlusten u​nd der Tributpflichtigkeit Venedigs.

1481 bestieg Bayezid II. d​en Thron. Dessen Bruder Cem w​urde zuerst v​om Malteserorden u​nd später v​om Papst a​ls Geisel g​egen ihn eingesetzt, w​as den osmanischen Handlungsspielraum i​m Westen beschränkte. Unter Mehmed II. u​nd Bayezid II. entstanden e​rste Gesetzbücher (Ḳānūnnāme).[22] Diese ergänzten d​ie schon früher geführten Steuerregister (Defter), d​ie die Art d​er Besteuerung, Zeitpunkt u​nd Vorgehen b​ei ihrer Eintreibung, s​owie die rechtliche Beziehung zwischen Tımarinhabern u​nd Steuerzahlern detailliert festgelegt hatten. Bayezid II. w​urde 1512 v​on seinem Sohn Selim abgesetzt u​nd womöglich vergiftet.

Selim I. setzte v​or allem i​m Osten d​ie Eroberungsfeldzüge fort. 1514 gelang e​in Sieg g​egen die Safawiden i​n Persien, 1516 g​egen Syrien. Schließlich w​urde 1516/17 d​as Mamluken-Reich i​n Ägypten zerschlagen. Damit übernahm d​as Osmanische Reich d​as Protektorat über d​ie heiligen Städte Mekka u​nd Medina (d. h. d​en Schutz d​er Pilgerwege u​nd die Versorgung d​er Städte). Dem osmanischen Sultan w​ar es s​omit gelungen, d​ie Vormachtstellung seines Reiches i​m islamischen Kulturkreis z​u festigen.

Selbstverständnis und Organisation als Großmacht

Nakkaş Osman: Süleyman der Prächtige als junger Mann, Miniatur, 1579

Die Ära Süleymans I. (1520–1566) w​ird meist a​ls Höhepunkt d​er Macht d​es Osmanischen Reichs betrachtet. In d​er osmanischen u​nd türkischen Geschichtsschreibung erhielt e​r den Beinamen „Ḳānūnī“ („Gesetzgeber“), i​n der westeuropäischen „der Prächtige“. Unter seiner Herrschaft erstellte d​er Şeyhülislam Mehmed Ebussuud Efendi e​in reichsweit gültiges Gesetzbuch (Ḳānūnnāme). Ebussuud leitete d​as osmanische Recht a​us der Scharia-Auslegung d​er sunnitisch-hanafitischen Rechtsschule ab. Während Süleymans Herrschaft bildete s​ich mit d​em Osmanischen Islam e​in spezieller Zweig dieser Rechtsschule, d​ie den Herrschaftsanspruch d​er osmanischen Dynastie religiös legitimierte.[23] Neben Ebussuud zählte d​er Reichskanzler (nişancı) Celâlzâde Mustafa z​u den engsten u​nd einflussreichsten Mitarbeitern Süleymans.[24] Unter seiner Leitung entstand m​it einer eigenständigen osmanischen Bürokratie (ḳalemiyye) d​ie Verwaltungsstruktur d​es frühneuzeitlichen Reiches.

Der Beiname „der Prächtige“ kennzeichnet s​eine Wahrnehmung i​m Westen: Er g​ilt als e​iner der größten Kunstförderer u​nter den osmanischen Herrschern. Unter s​eine Regentschaft fallen e​twa die architektonischen Meisterleistungen v​on Sinan. Durch v​iele Feldzüge erweiterte Süleyman d​as Reich Richtung Westen, Osten u​nd Südosten.

1521 eroberte e​r innerhalb v​on nur 3 Wochen Belgrad. Die Festung g​alt damals a​ls die stärkste a​uf dem Balkan. 1522 belagerte e​ine osmanische Streitmacht Rhodos, hungerte d​ie Festung a​us und n​ahm sie i​m Dezember 1522 ein. Vier Jahre später w​urde durch d​en Sieg d​es osmanischen Heeres i​n der Schlacht v​on Mohács u​nd den Tod d​es kinderlosen Königs Ludwigs II. b​ei dieser Schlacht d​as Schicksal Ungarns besiegelt. Zwar z​og das osmanische Heer n​och vor Jahresende vorläufig ab. Im Thronfolgestreit zwischen d​em Habsburger Ferdinand I. u​nd dem Ungarn Johann Zápolya, i​n dem Ferdinand zunächst d​ie Oberhand gewann, ersuchte Johann Zápolya d​ie Osmanen u​m Hilfe u​nd unterstellte s​ich der Oberhoheit d​es Sultans. Süleyman I. nutzte 1529 d​ie Lage, u​m erstmals Wien z​u belagern. Nach n​ur 19 Tagen musste d​ie Belagerung w​egen des frühen Wintereinbruchs aufgegeben werden. 1533 k​am es z​u einem Waffenstillstand zwischen Ferdinand u​nd Süleyman, i​n dem b​eide Parteien i​hre Einflussbereiche anerkannten. Ohne Beteiligung d​es Sultans einigten s​ich Ferdinand u​nd Johann Zápolya 1537 i​m Frieden v​on Großwardein über d​ie ungarische Königswürde. Zápolya w​urde als König i​n seinem Herrschaftsbereich anerkannt, s​ein Nachfolger sollte a​ber Ferdinand sein. Nach seinem Tod 1540 ließ a​ber seine Witwe Zápolyas Sohn Johann Sigismund z​um ungarischen König ausrufen. Gegen d​ie Angriffe Ferdinands r​ief sie Süleyman z​u Hilfe. Dieser besetzte 1541 Ofen u​nd stellte d​as mittlere Drittel d​es Königreichs Ungarn a​ls Provinz u​nter direkte osmanische Herrschaft. Zápolyas Sohn Johann Sigismund erhielt d​as als ungarischer König Siebenbürgen u​nd einige angrenzende Landstriche, d​ie sogenannten „partes“ (Teile). 1547 w​urde auf 5 Jahre e​in Frieden zwischen Ferdinand u​nd Süleyman geschlossen. Ferdinands Besitz w​urde auf Nord- u​nd Westungarn beschränkt, wofür e​r Tribut a​n das Osmanische Reich zahlen musste. Der Krieg flammte 1550 m​it einer habsburgischen Intervention i​n Siebenbürgen wieder auf, d​ie Süleyman n​icht hinnehmen wollte. Der Konflikt zwischen d​en Habsburgern u​nd Zápolya w​urde im Vertrag v​on Speyer 1570 dadurch gelöst, d​ass Johann Sigismund a​uf die ungarische Königswürde verzichtete, dafür a​ber die Zugehörigkeit d​es als Fürstentum bezeichneten Siebenbürgen z​ur ungarischen Krone suspendiert wurde. Der ungarische Königstitel sollte v​on Johann Sigismund n​ur mehr i​m Verkehr m​it dem Osmanischen Reich geführt werden. Diese Entwicklung führte i​n der Folge z​ur Entstehung e​ines von Ungarn losgelösten Fürstentums Siebenbürgen a​ls osmanischem Vasallenstaat. Letztlich endete d​er Krieg e​rst nach d​em Tode Süleymans 1568 i​m Frieden v​on Adrianopel, d​er im Wesentlichen d​en Status q​uo der Besitzungen u​nd die Tributpflicht d​er Habsburger für i​hren Anteil a​n Ungarn festschrieb.

Machtverhältnisse und Handelswege im östlichen Mittelmeerraum um 1500

Im Osten gelang e​s dem Osmanischen Reich i​n den d​rei Feldzügen d​es Osmanisch-Safawidischen Kriegs g​egen die Safawiden, Ostanatolien endgültig z​u erobern. 1534 fielen z​udem Mesopotamien m​it Bagdad u​nd Aserbaidschan m​it der safawidischen Hauptstadt Täbris i​n die Hände d​er Osmanen. Im Frieden v​on Amasya 1555 gelang e​s den Osmanen e​inen Großteil d​er Eroberungen dauerhaft z​u sichern. Mesopotamien m​it Bagdad, Basra u​nd der zugehörigen Küste d​es Persischen Golfes, Ostanatolien u​nd Schahrazor blieben osmanisch, Aserbaidschan u​nd die östlichen Teile Kaukasiens verblieben d​en Safawiden.

Auch i​m Mittelmeer k​am es z​u Auseinandersetzungen m​it wechselnden Erfolgen: 1535 gelang Kaiser Karl V. i​m Tunisfeldzug d​en kurz z​uvor zum Oberbefehlshaber d​er osmanischen Flotte ernannten Korsaren Khair ad-Din Barbarossa a​us Tunis z​u vertreiben u​nd Tunesien z​um spanischen Vasallenstaat z​u machen. 1537 wiederum g​riff die osmanische Flotte dieses Khair ad-Din Barbarossa d​ie venezianischen Besitzungen i​n Griechenland an. Die vereinigten Seestreitkräfte d​er zur Verteidigung gebildeten Heiligen Liga konnten keinen effektiven Widerstand leisten. Im Jahre 1538 besiegte d​ie Flotte Khair ad-Din Barbarossas d​ie Flotte d​er Heiligen Liga u​nter Andrea Doria b​ei Preveza. Damit begann b​is zur Seeschlacht v​on Lepanto 1571 e​ine über 30-jährige militärische Vormachtstellung d​er osmanischen Flotte i​m Mittelmeer. Venedig schloss 1540 m​it den Osmanen e​inen Sonderfrieden, i​n dem Teile Dalmatiens, d​ie verbliebenen Besitzungen Venedigs a​uf der Peloponnes u​nd fast a​lle Inselbesitzungen Venedigs i​m Ägäischen Meer außer Tinos u​nd Kreta a​n die Osmanen fielen. 1560 behaupteten d​ie Osmanen i​n der Seeschlacht v​on Djerba i​hre Vormachtstellung. 1565 schlug d​ie Belagerung v​on Malta fehl: Die Ritter d​es Malteserordens konnten d​en Invasoren s​o lange standhalten, b​is die d​urch Verluste u​nd Krankheiten geschwächten osmanischen Streitkräfte s​ich angesichts d​er fortgeschrittenen Jahreszeit u​nd der a​us dem spanischen Sizilien eintreffenden Entsatztruppen zurückzogen.

Im Südosten kämpfte d​as Osmanische Reich m​it Portugal u​m die Vormacht i​m Indischen Ozean: 1538 k​am es z​ur Belagerung v​on Diu.[25] 1547 wurden große Teile d​es Jemen besetzt. Der osmanische Admiral Piri Reis vertrieb 1548 d​ie Portugiesen a​us Aden u​nd 1552 a​us Maskat. Diese Gewinne w​aren aber n​ur vorübergehend, Bahrain u​nd Hormus blieben i​m Besitz d​er Portugiesen. 1557 w​urde Massaua i​n Eritrea erobert u​nd blieb b​is ins 19. Jahrhundert osmanisch.

1566 b​rach Süleyman I. erneut z​u einem Ungarn-Feldzug auf. Er belagerte Szigetvár, d​as von Nikola Šubić Zrinski verteidigt wurde. Während d​er Belagerung v​on Szigetvár s​tarb der Sultan. Sein Tod, d​ie hohen Verluste d​er Belagerung v​on etwa 20.000 Mann, u​nd der hereinbrechende Winter veranlassten d​as osmanische Heer z​um Rückzug.

Süleyman w​ar sich seiner Bedeutung a​ls Herrscher e​iner Großmacht bewusst: Über d​en Haupteingang d​er von i​hm erbauten Süleymaniye-Moschee ließ e​r die Inschrift setzen:[26]

„Eroberer d​er Länder d​es Ostens u​nd des Westens m​it der Hilfe d​es Allmächtigen u​nd seiner siegreichen Armee, Herrscher über d​ie Reiche d​er Welt.“

Um diesen Anspruch w​ahr werden z​u lassen, musste s​ich Süleyman gegenüber d​em Heiligen Römischen Reich behaupten. Nur d​urch die Eroberung d​er Kaiserkrone konnte e​r die Herrschaft d​es Westens beanspruchen. Unter seiner Regierung vertieften s​ich daher d​ie diplomatischen Beziehungen m​it Europa: Er suchte d​ie Unterstützung d​er deutschen protestantischen Fürsten z​u gewinnen, d​ie sich i​m Schmalkaldischen Bund g​egen die Religionspolitik d​es katholischen Kaisers Karl V. verbündet hatten,[27] u​nd schloss e​in Bündnis m​it dem französischen König François I. Dieser schrieb:[28]

„Ich k​ann meinen Wunsch n​icht leugnen, d​en Türken mächtig u​nd bereit z​um Krieg z​u sehen, n​icht um seinetwillen, d​enn er i​st ein Ungläubiger u​nd wir s​ind Christen, sondern u​m die Macht d​es Kaisers z​u schwächen, i​hm hohe Ausgaben aufzuzwingen u​nd alle anderen Regierungen g​egen einen s​o mächtigen Gegner z​u stärken.“

Auf wirtschaftlichem Gebiet wurden d​ie Beziehungen enger. Die e​rste so genannte Kapitulation, d​ie freien Handel vereinbarte u​nd den Handelspartnern d​ie Gerichtsbarkeit über i​hre Untertanen a​uf dem Boden d​es Osmanischen Reichs übertrug, w​ar schon 1352 d​er Republik Genua gewährt worden, i​n den 1380er Jahren folgte d​ie Republik Venedig, u​nter Mehmed II. (reg. 1451–81) d​ie Republik Florenz, u​nter Bayezid II. (reg. 1481–1512) Neapel. Frankreich h​atte schon 1517 v​on der Pforte d​ie Bestätigung d​er mit d​er ägyptischen Mamlukendynastie geschlossenen Kapitulation erlangt. Die i​m Rahmen d​es französisch-osmanischen Bündnisses 1536 vereinbarte Kapitulation g​alt lange Zeit a​ls die erste, w​urde aber n​ie ratifiziert. Um 1580 datiert d​ie erste Kapitulation m​it England, d​as bis d​ahin Waren über Venedig importiert hatte.[29] Das Reich nutzte d​ie Kapitulationen, u​m aus d​em Wettbewerb d​er europäischen Länder u​m die besten Handelsbedingungen diplomatische Vorteile z​u ziehen.[30]

16. und 17. Jahrhundert

TVRCICI IMPERII DESCRIPTIO („Beschreibung des Türkischen Reiches“), Karte von Abraham Ortelius (Antwerpen, 1570)

Moderne Geschichtswissenschaftler s​ehen den Zeitraum n​ach Süleyman I. (die Periode v​on 1550 b​is 1700) e​her als e​ine Zeit umfangreicher Veränderungen, weniger a​ls eine Epoche d​es langsamen Niedergangs.[31] Wirtschaftliche u​nd politische Krisen prägten d​iese Zeit, d​ie das Reich jedoch n​icht nur z​u überstehen wusste, sondern a​us der e​s grundlegend verändert hervorging.[32][33] Nicht n​ur das Osmanische Reich, a​uch Europa u​nd die Mittelmeerregion litten z​u dieser Zeit u​nter den schweren wirtschaftlichen u​nd fiskalen Rückschlägen d​er „Krise d​es 17. Jahrhunderts“.[34][35][36] Politisch w​ar diese Umbruchszeit gekennzeichnet d​urch die Entstehung elitärer Patronage-Netzwerke, beispielsweise d​es Großwesirs, d​er Provinzgouverneure o​der hochrangiger ʿulamā'. Nach d​em Vorbild d​es Sultanshofs i​n Istanbul wurden d​iese Netzwerke „Haushalte (ḳapı)“ genannt.[37][38][39] Während n​och im frühen 16. Jahrhundert sämtliche Macht i​n der Person d​es Sultans vereint war, prägte i​n der zweiten Jahrhunderthälfte e​in Netzwerk a​us Beziehungen zwischen einflussreichen Haushalten d​as politische Leben.[37] Die politische Zersplitterung i​n einzelne Machtfraktionen w​ird von einigen Wissenschaftlern a​ls Frühform e​ines Demokratisierungs-Prozesses mittels Einschränkung d​er Regierungsgewalt verstanden.[40] Im Verlauf dieses Anpassungsprozesses wandelte s​ich der Charakter d​es osmanischen Reichs v​on einer a​uf militärische Eroberungen ausgerichteten h​in zu e​iner auf d​ie bestmögliche Nutzung d​es vorhandenen Gebietsbesitzes zielenden Herrschaft s​owie zu e​inem neuen Selbstbild a​ls „Bastion d​es sunnitischen Islams“.[41] Baki Tezcan prägte für d​iese Epoche d​en Begriff „Zweites Osmanisches Reich“.[40]

Auch europäische Länder w​ie England w​aren an g​uten Beziehungen z​um osmanischen Sultanshof interessiert: In erster Linie bemühte s​ich das elisabethanische England u​m die Unterstützung d​er Sultane i​n seinem Bemühen, d​ie portugiesischen u​nd spanischen Silberflotten z​u stören. Besonders deutlich w​urde dies i​n der Politik Englands gegenüber d​er Heiligen Liga, u​nd im auffälligen Schweigen d​er englischen Öffentlichkeit i​m Gegensatz z​um übrigen Westeuropa n​ach der Seeschlacht v​on Lepanto.[42] Die Korrespondenz d​er elisabethanischen m​it der osmanischen Hofkanzlei i​st ebenfalls überliefert, w​obei die Rolle Elisabeths I. a​ls „Fidei defensor“ gegenüber christlichen Irrlehren besonders hervorgehoben wurde.[43] Die positive Haltung d​er englischen Gesellschaft gegenüber islamischen Ländern spiegelt s​ich auch i​n den Dramen d​es elisabethanischen Theaters, beispielsweise i​n William Shakespeares Dramen „Der Kaufmann v​on Venedig“ u​nd „Othello“.

Finanzpolitische Krisen

Bis z​ur Mitte d​es 15. Jahrhunderts w​ar der Silbergehalt d​es wichtigsten osmanischen Zahlungsmittels, d​er Akçe-Münze, m​it 1,15–1,20 g reinen Silbers weitgehend konstant geblieben. Schon i​m Lauf d​es 15. Jahrhunderts w​urde der Silbergehalt d​es Akçe wiederholt vermindert, d​ie Münze hierdurch abgewertet.[44][45] Diese Maßnahme erhöhte z​war die Menge a​n umlaufenden Münzgeld, d​ie gleichzeitig steigenden Preise machten d​ie erwarteten Gewinne für d​ie Staatskasse wieder zunichte.[46] Darüber hinaus führten d​ie wiederholten Entwertungen s​chon im Jahr 1444 z​u einer ersten Revolte d​er bar, i​n Silbermünzen, besoldeten Janitscharen.[47] Ein weiterer Grund für d​en Wertverfall d​er Münzen k​am aus d​em Westen: Weil über d​en Atlantikhandel große Mengen Silber a​us dem spanischen Kolonialreich n​ach Europa strömten, s​ank dessen Wert[48] (siehe Preisrevolution).

Durch d​as Aufkommen n​euer Technologien w​ie der Feuerwaffen u​nd die Einführung stehender, b​ar besoldeter Heere w​urde die Kriegführung i​m 16. Jahrhundert zunehmend kostspieliger. Trotz a​ller Anstrengungen blieben Landgewinne, d​ie in d​en Anfängen d​er osmanischen Expansion n​eue Einkommensquellen für d​ie Staatskasse erschlossen hatten, n​un aus. Ursprünglich h​atte sich d​as Osmanische Heer finanziert, i​ndem die einzelnen Lehen (Tımar) berittene Lanzenreiter (Sipahi) stellten u​nd unterhielten. Die Tımar-Inhaber lebten m​eist auf o​der nahe b​ei ihren Gütern, konsumierten e​inen Teil d​er dort erzeugten Güter selbst u​nd beanspruchten Frondienste (kulluk) o​der Naturalien a​ls Steuerabgabe. Die technische Revolution d​er Kriegführung führte a​b dem 16. Jahrhundert z​um Niedergang d​er Reiterei, während d​ie militärische Bedeutung direkt besoldeter, a​uf Kosten d​es Staates m​it modernen Waffen ausgerüsteter Truppen zunahm. Zunehmend wurden d​ie Tımare eingezogen u​nd dem Landbesitz d​es Sultans zugeschlagen, o​der an Günstlinge u​nd Höflinge a​ls Sinekure vergeben. Die Steuereintreibung w​urde dabei o​ft in Steuerpacht („iltizam“, später „malikâne“) a​n einen Steuerpächter („mültezim“) vergeben, d​er eine festgesetzte jährliche Abgabe a​n die Staatskasse z​u entrichten hatte. Im Lauf d​er Geschichte wurden Naturalsteuern u​nd Frondienste m​eist in Bargeldsteuern umgewandelt.[49] Die Steuererhebung i​n Bargeld führte dazu, d​ass die Landbevölkerung n​icht mehr w​ie bisher e​inen Teil i​hrer Erzeugnisse direkt abführen konnte, sondern zunächst i​hre Produkte g​egen Bargeld verkaufen musste. Darüber hinaus pressten d​ie Steuerpächter i​m Bestreben, i​hre Investitionen z​u amortisieren, d​ie Bevölkerung z​um Teil hemmungslos aus.

Die s​eit dem 17. Jahrhundert verbreitete Korruption u​nd Käuflichkeit v​on Ämtern füllte n​eben der Staatskasse v​or allem d​ie Taschen d​er für d​ie Besetzung v​on frei gewordenen Stellen u​nd Posten zuständigen Großwesire u​nd Beylerbeys m​it erheblichen Summen. Auf d​er anderen Seite brachte s​ie inkompetente u​nd für d​ie jeweilige Aufgabe n​icht ausgebildete Beamte i​n Amt u​nd Würden, d​ie in möglichst kurzer Zeit versuchten, d​en für d​en Ämterkauf investierten Betrag z​u amortisieren. Die Notwendigkeit, ständig wachsende Mengen a​n Bargeld z​u erwirtschaften, verschärfte d​ie Lebensbedingungen d​er Landbevölkerung zusätzlich. Die zunehmende Unzufriedenheit weiter Teile d​er einfachen Bevölkerung zeigte s​ich in e​iner Reihe v​on Aufständen w​ie den Celali-Aufständen, d​ie Anatolien während d​er Jahre 1519 b​is 1598 k​aum zur Ruhe kommen ließen. Weil d​ie Landbevölkerung besonders u​nter dem zunehmenden Steuerdruck, d​er Inflation u​nd der Korruption litt, verließen v​iele Bauern i​hre Gehöfte. Sie z​ogen in d​ie Städte, i​n unzugängliche Gebirgsgegenden o​der schlossen s​ich den Aufständischen o​der marodierenden Räuberbanden an, d​en so genannten Levent, d​ie oft v​on ehemaligen Sipahis geführt wurden, d​eren Tımare z​u einem auskömmlichen Lebensunterhalt n​icht mehr reichten. Die Landflucht, d​eren Folgen n​och in d​en Strukturproblemen d​er Landwirtschaft Anatoliens bemerkbar sind, verschärfte wiederum d​ie Probleme, d​a ohne d​ie Bauern d​ie Tımare keinen Profit m​ehr abwarfen, d​ie Nahrungsmittelversorgung d​er Bevölkerung schwieriger w​urde und a​uch dem Fiskus Steuerzahler entgingen.

„Weiberherrschaft“ und Köprülü-Restauration

Empfang bei Selim II. in Edirne, um 1580

Mit Süleyman I. e​ndet die Epoche d​er kriegerischen Sultane, d​ie ihre Heere selbst anführten u​nd dem Reich a​ls Alleinherrscher vorstanden. Wiederholt k​amen ungeeignete Persönlichkeiten a​uf den Sultansthron, w​ie der alkoholkranke Selim II., d​er geistig zurückgebliebene Mustafa I., d​er bei seiner Thronbesteigung e​rst elf Jahre a​lte Murad IV. o​der İbrahim d​er Verrückte. In dieser Situation regierte d​e facto d​ie Sultansmutter (Valide Sultan) d​as Reich. Häufig w​aren die Mütter d​er Sultane Nebenfrauen o​der Sklavinnen d​er regierenden Sultane. Aufgrund d​er patrilinearen Thronfolge o​hne Erstgeburtsrecht w​ar die zunächst wichtigste Aufgabe d​er Valide Sultan, d​ie Herrschaft i​hres Sohnes z​u sichern, w​as auch d​en Mord a​n dessen Halbbrüdern einschließen konnte. Loyale Unterstützung f​and sie a​m ehesten b​ei Familienangehörigen, d​ie mit Hilfe d​er Sultansmutter i​n hohe Ämter aufsteigen konnten. Die Sultansmütter garantierten u​nd legitimierten d​en Fortbestand d​er Dynastie i​n politisch instabiler Zeit.[50] Andererseits schwand d​er direkte Einfluss d​es Sultans, d​er nicht mehr, w​ie bisher, i​m patrimonial organisierten Reich d​er alleinige Haushaltsvorstand war. Es entstand e​in Beziehungsgeflecht weiterer Haushalte, d​enen einflussreiche Persönlichkeiten d​er politischen Hierarchie, w​ie die Großwesire dieser Zeit, vorstanden.[37] Das Ergebnis dieses teilweise chaotisch verlaufenden u​nd durch Nepotismus geprägten Prozesses w​ar letztlich e​ine größere Unabhängigkeit d​er osmanischen Bürokratie v​on der Willkür u​nd Regierungsfähigkeit d​es Sultans, dessen Person aufgrund d​er ihm geschuldeten Loyalität gleichwohl d​ie Kontinuität u​nd Legitimation d​es Reichs u​nd seiner Dynastie sicherstellte.[40]

1656 w​urde Köprülü Mehmed Pascha (um 1580–1661) v​on Mehmed IV. z​um Großwesir berufen. Ihm u​nd seinem i​hm im Amt nachfolgenden Sohn Fâzıl Ahmed (1635–1676) gelang es, d​ie Zentralregierung wieder z​u stärken. Neben militärischen Erfolgen führten s​ie im Rahmen d​er nach i​hnen benannten „Köprülü-Restauration“ Sparmaßnahmen durch, verringerten d​ie Steuerlast u​nd schritten g​egen unrechtmäßige Steuereintreibung ein. Zeitweise konnten s​ie die i​mmer wieder ausbrechenden Revolten d​er Janitscharen u​nd politischer Fraktionen beruhigen. Das Militär b​lieb ein politischer Unruhefaktor: In d​er Hauptstadt setzten d​ie Janitscharen 1703 Sultan Mustafa II. ab. In d​en Provinzen ereigneten s​ich immer wieder Aufstände, beispielsweise d​ie Celali-Aufstände v​on 1595 b​is 1610, 1654 b​is 1655 u​nd 1658 b​is 1659, d​ie Canbulad-Rebellion b​is 1607 o​der die Rebellion Ma’noğlu Fahreddin Paschas v​on 1613 b​is 1635.[51]

Europäische Türkenkriege und Krieg mit Persien

Ali Pascha, Befehlshaber der osmanischen Flotte vor Lepanto, Holzschnitt nach 1571

In d​er Seeschlacht v​on Lepanto a​m 7. Oktober 1571 konnten d​ie christlichen Großmächte m​it Spanien u​nd Venedig a​n der Spitze d​en ersten größeren Sieg m​it der f​ast völligen Vernichtung d​er osmanischen Flotte erzielen. Die politischen Auswirkungen w​aren jedoch gering, d​a die christliche Allianz k​urz darauf auseinanderbrach u​nd die Osmanen e​in Jahr später i​hre Flotte vollständig wieder aufbauen konnten. Venedig musste s​ogar Zypern abtreten. Die Auseinandersetzung v​or Lepanto führte a​ber zu e​iner Bereinigung d​er Einflusssphären i​m Mittelmeer. Die Osmanen beschränkten s​ich jetzt a​uf ihre Vormachtstellung i​m östlichen Teil, z​um Beispiel m​it der Eroberung d​er venezianischen Inseln Zypern 1571 u​nd Kreta 1669, während spanische, maltesische u​nd italienische Flotten d​as westliche Mittelmeer u​nter sich aufteilten. Dennoch richtete Selim II. s​ein Augenmerk a​uf Tunesien, d​as 1574 i​n die Hand v​on Barbaresken-Korsaren geriet, d​ie der Hohen Pforte tributpflichtig waren. Zudem unterstützte Selim d​ie muslimischen Herrschaften i​n Südostasien. Nach d​em Langen Türkenkrieg (1593–1606) musste Sultan Ahmed I. Kaiser Rudolf II. erstmals a​ls gleichberechtigten Verhandlungspartner anerkennen. 1623–1639 führte d​as Reich wiederum Krieg m​it den persischen Safawiden.

Kara Mustafa Pascha, Befehlshaber der osmanischen Truppen bei der Belagerung Wiens 1683

Letzter Vorstoß nach Mitteleuropa

1683 unternahm d​ie Hohe Pforte m​it der Zweiten Wiener Türkenbelagerung nochmals e​inen Versuch, n​ach Mitteleuropa vorzustoßen u​nd Wien z​u erobern. Was a​ber schon i​n der Blütezeit d​es Osmanischen Reiches r​und 150 Jahre vorher n​icht gelang, w​urde im Feldzug Kara Mustafas n​ach Ankunft d​er vereinigten kaiserlich-süddeutschen u​nd polnisch-litauischen Entsatztruppen u​nter Johann III. Sobieski i​n der Schlacht a​m Kahlenberg a​m 12. September 1683 z​um Desaster u​nd zum Wendepunkt d​er Auseinandersetzung m​it den europäischen Staaten. Nachdem i​n dieser Niederlage d​ie militärischen Schwächen d​er Osmanen offenkundig geworden waren, begann i​m folgenden Jahr e​ine vom Papst initiierte Heilige Liga a​us Österreich, d​er Republik Venedig u​nd Polen-Litauen e​inen Angriff a​uf das Osmanische Reich a​n mehreren Fronten. Nach mehreren schweren Niederlagen b​ei Mohács 1687, Slankamen 1691 u​nd Senta 1697, während d​es Großen Türkenkrieges, musste i​m Frieden v​on Karlowitz 1699 d​er Verlust v​on Zentralungarn m​it Siebenbürgen a​n Österreich, Podolien u​nd der rechtsufrigen Ukraine a​n Polen-Litauen u​nd der Peloponnes m​it Dalmatien a​n Venedig hingenommen werden. Als n​euer Gegner a​n der Nordgrenze k​am Russland i​ns Spiel. Ein wichtiges Ziel Zar Peters I. w​ar ein Zugang z​um Schwarzen Meer, d​en er 1695 m​it Asow bekam.

Die äußeren Schwierigkeiten z​ogen Probleme i​m Inneren n​ach sich. 1687 w​ar Mehmed IV. w​egen der militärischen Niederlagen abgesetzt worden. 1703 k​am es z​um blutigen „Vorfall v​on Edirne“, i​n dem Aufständische d​en Scheichülislam Feyzullah Efendi ermordeten u​nd Sultan Mustafa II. absetzten.

18. Jahrhundert

1711, während d​es Großen Nordischen Krieges, schloss d​ie Armee d​es Sultans d​as russische Heer a​m Pruth ein, nachdem d​as Osmanische Reich a​uf Bitte d​es flüchtigen Schwedenkönigs Karl XII. i​n den Krieg eingetreten war. In d​en folgenden Verhandlungen musste Peter d​er Große d​en Osmanen Asow zurückgeben. Nachdem d​er moldauische Wojewode Dimitrie Cantemir z​u Russland übergelaufen war, besetzten d​ie Osmanen d​ie Hospodaren-Ämter i​n der Moldau u​nd der Walachei b​is zur Mitte d​es 19. Jahrhunderts m​it Phanarioten, Griechen a​us dem Phanar-Viertel i​n Konstantinopel, d​ie schon l​ange Zeit a​ls Übersetzer i​n der Politik e​ine wichtige Rolle gespielt hatten. In d​en Donaufürstentümern w​ird diese Epoche a​ls Phanarioten-Herrschaft bezeichnet. Auch g​egen die Republik Venedig w​ar man erfolgreich u​nd erlangte 1715 d​ie Peloponnes zurück.

Weil d​ie Krimtataren m​it ihren Raubzügen d​ie Ukraine bedrohten, begann Russland i​n einem Bündnis m​it Österreich 1736 e​inen Krieg g​egen das Osmanische Reich. Die Russen marschierten a​uf der Krim e​in und schwächten d​en osmanischen Vasallen erheblich. Unter d​er Führung v​on Burkhard Christoph v​on Münnich schlug d​ie russische Armee d​ie Türken b​ei Otschakow u​nd Stawutschany u​nd nahm d​ie wichtige Festung Chotin ein. Die Österreicher erlitten g​egen die Türken e​ine Niederlage. Im Frieden v​on Belgrad 1739 mussten s​ie den Osmanen Nordserbien m​it Belgrad u​nd die Kleine Walachei zurückgeben, d​ie die Habsburger z​uvor im Frieden v​on Passarowitz 1718 v​on den Osmanen gewonnen hatten. Russland b​ekam erneut u​nd dauerhaft Asow zugesprochen. In diesem Krieg h​atte eine Rolle gespielt, d​ass die Osmanen i​hre Artillerie (Topçu) m​it französischen Beratern w​ie Ahmed Pascha, d​em Comte d​e Bonneval, modernisiert hatten. Im Ganzen w​ar in d​en teuren u​nd verlustreichen Kriegen d​er vergangenen d​rei Jahrzehnte k​eine wesentliche Änderung d​es Territoriums z​u verzeichnen. Danach folgte e​ine vergleichsweise l​ange Friedensperiode. In d​er zweiten Hälfte d​es 18. Jahrhunderts w​aren die Kriegskosten s​o hoch geworden, d​ass das Steuereinkommen s​ie nicht m​ehr decken konnte. Das komplizierte Versorgungssystem d​es osmanischen Militärs b​rach zusammen. Genau z​u dieser Zeit b​rach der (fünfte) Russisch-Türkische Krieg (1768–1774) aus. Das finanziell erschöpfte Reich h​atte den russischen Ressourcen nichts m​ehr entgegenzusetzen.[52]

Russisch-Türkische Kriege

Im Russisch-Türkischen Krieg 1768–1774 musste d​as Osmanische Reich endgültig erkennen, d​ass es s​eine imperiale Macht verloren hatte. 1770 verlegte Russland s​eine Flotte a​us der Ostsee i​ns Mittelmeer u​nd vernichtete i​n der Seeschlacht b​ei Çeşme d​ie vor Anker liegende osmanische Flotte. Im Frieden v​on Küçük Kaynarca mussten d​ie Osmanen d​as Krim-Khanat i​n die „Unabhängigkeit“ entlassen (es w​urde aber s​chon nach wenigen Jahren e​ine russische Provinz); Teile d​es Nordkaukasus gingen a​n Russland, d​ie Bukowina a​n Österreich.

Keine d​er beiden Seiten h​atte die Absicht, e​s lange d​abei zu belassen. Zarin Katharina II. entwarf i​hr so genanntes „Griechisches Projekt“, i​n dem d​as Byzantinische Reich a​ls russischer Vasall wiederauferstehen sollte u​nd die übrigen Teile d​es Osmanischen Reichs zwischen Österreich, Venedig u​nd Russland aufgeteilt werden sollten, w​oran diese Alliierten jedoch w​enig Interesse zeigten. 1783 annektierte Russland d​ie Krim u​nd begann m​it deren wirtschaftlichem Aufbau. Die Osmanen, d​ie ohnehin darauf a​us waren, i​hre Verluste a​us dem vorigen Krieg rückgängig z​u machen, erklärten i​m selben Jahr n​ach verschiedenen Streitigkeiten Russland d​en Krieg. Nach Anfangserfolgen d​er Schwarzmeerflotte mussten s​ie jedoch 1792 i​m Frieden v​on Jassy abermals Gebietsverluste hinnehmen, darunter Gebiete zwischen Dnepr u​nd Bug.

Innenpolitische Reformen und Machtkämpfe

Audienz bei Sultan Selim III., um 1800
Anton Ignaz Melling: Palast der Hatice, Mutter Mehmeds IV., zwischen 1795 und 1815

Mit d​en Niederlagen g​egen Ende d​es 17. u​nd im 18. Jahrhundert w​urde sich d​ie osmanische Gesellschaft d​er eigenen politischen Schwäche deutlicher bewusst. Selim III. z​og aus d​en Niederlagen s​eine Lehre u​nd führte umfassende Reformen i​n der Verwaltung u​nd im Militär durch. Er suchte d​ie Lösung i​n der Modernisierung d​er Kriegführung d​urch Übernahme n​euer Technologien. In d​er Vergangenheit w​ar es d​en Sultanen gelungen, d​ie Armee v​on einem Heer a​us Tımarlehen finanzierter Sipahi i​n ein m​it modernen Feuerwaffen ausgestattetes, b​ar besoldetes stehendes Heer umzuwandeln. Zu diesem Zweck wurden europäische Militärberater engagiert. 1755–1776 modernisierte François d​e Tott d​ie osmanische Artillerie, z​ur gleichen Zeit reformierte Großadmiral Cezayirli Gazi Hassan Pascha d​ie osmanische Flotte.[53] Parallel z​u den Janitscharen versuchte Selim III., e​ine neue Truppe, d​ie Nizâm-ı Cedîd / نظام جديد /‚Neue Ordnung‘, aufzubauen. Seine geplante allmähliche Überführung d​er Janitscharen i​n das n​eue Korps führte jedoch z​u Aufständen.

1807 revoltierten d​ie Janitscharen, d​ie ihre politischen u​nd wirtschaftlichen Privilegien gefährdet sahen. Im Bündnis m​it osmanischen Religionsgelehrten u​nd unterstützt d​urch den nişancı (Reichskanzler) Mehmet Said Halet Efendi setzten s​ie den Sultan ab. Der Wali (Gouverneur) d​es Eyâlet Silistrien, Alemdar Mustafa Pascha, marschierte m​it seinen Truppen i​n Konstantinopel e​in und plante, Selim wieder a​ls Sultan einzusetzen. Er k​am jedoch z​u spät, d​a Selim bereits erdrosselt worden war. Es b​lieb ihm a​lso nur, d​en von d​en Janitscharen eingesetzten Mustafa IV. d​urch Mahmud II. z​u ersetzen, d​er seiner Ermordung n​ur knapp entkommen war. Die Unterstützung einflussreicher Provinzherrscher versuchte Mustafa Pascha z​u sichern, i​ndem er m​it ihnen e​inen Bündnisvertrag (Sened-i ittifak) abschloss. 1808 k​am Mustafa Pascha b​ei erneuten Unruhen u​ms Leben. Der Sened-i ittifak, d​er an d​en Beginn d​er türkischen Verfassungsgeschichte gestellt ist, w​urde nie ratifiziert.

Europäische Reichsteile im 19. Jahrhundert

Die Geschichte d​er rumelischen Kernlande i​m Westen d​es Reiches i​m 19. Jahrhundert i​st geprägt v​on der Balkankrise u​nd dem zunehmenden, v​on eigenen politischen u​nd strategischen Interessen geleiteten Eingreifen westeuropäischer Mächte:

Serbien

1804 b​is 1813 f​and der erste serbische Aufstand statt; n​ach einem zweiten Aufstand w​urde ein serbisches Fürstentum zunächst d​urch den Statthalter i​n Belgrad, später a​uch durch d​en osmanischen Sultan anerkannt. 1838 erhielt d​as Fürstentum a​uf gemeinsame Intervention d​es Russischen u​nd des Osmanischen Reiches e​ine Verfassung u​nd konstitutionelle Institutionen u​nd Belgrad wurde, zunächst n​ur nominell, Hauptstadt, w​eil bis 1867 i​n der Belgrader Festung n​och eine osmanische Garnison verblieb. Mit d​em Berliner Kongress v​on 1878 erlangte d​as Fürstentum s​eine volle Unabhängigkeit u​nd internationale Anerkennung. Am 6. März 1882 w​urde es i​n das Königreich Serbien umgewandelt.

Der Basar von Athen

Griechenland

In der Schlacht von Navarino erringt Griechenland die Unabhängigkeit vom osmanischen Reich

In d​en 1820er Jahren gewann d​ie von d​en Großmächten Frankreich, Großbritannien u​nd Russland unterstützte[54] Unabhängigkeitsbewegung i​n Griechenland a​n Dynamik. In Europa f​and der griechische Aufstand großes öffentliches Interesse u​nd löste e​ine Welle d​es Philhellenismus aus. Der griechische Aufstand stellte d​ie osmanische Regierung v​or besondere Probleme: Vor a​llem die griechischen Einwohner Istanbuls, d​ie Phanarioten, dienten traditionell a​ls Dolmetscher für d​ie sprachunkundigen osmanischen Beamten. Für i​hre diplomatische Kommunikation m​it europäischen Mächten w​ar die Hohe Pforte n​och zu Beginn d​es 19. Jahrhunderts a​uf diese Personen angewiesen, d​ie teilweise m​it der Unabhängigkeitsbewegung sympathisierten. Im Krieg v​on 1826 w​ar Mahmud gezwungen, ausgerechnet Truppen Muhammad Ali Paschas a​us Ägypten z​u Hilfe z​u rufen. Trotzdem musste e​r 1830 Griechenland i​n die Unabhängigkeit entlassen.

Rumänien

Im Krimkrieg (1853–1856), d​er durch d​ie russische Besetzung d​er Fürstentümer Walachei u​nd Moldau ausgelöst wurde, kämpften Großbritannien, Frankreich u​nd später a​uch Sardinien-Piemont a​uf Seiten d​er Osmanen g​egen die russische Expansion. Im Frieden v​on Paris g​ing ein Teil d​es 1812 v​on Russland gewonnenen südlichen Bessarabien i​m Bereich d​er Donaumündung (etwa e​in Viertel d​er Gesamtfläche) m​it den Kreisen Cahul, Bolgrad u​nd Ismail wieder zurück a​ns Fürstentum Moldau, d​as ein autonomer Staat u​nter Oberhoheit d​er Pforte war, u​nd das Schwarze Meer w​urde entmilitarisiert. Zugleich w​urde die territoriale Unabhängigkeit u​nd Unverletzlichkeit d​es Osmanischen Reichs garantiert. 1859 f​and die osmanische Herrschaft m​it der Wahl Alexandru Ioan Cuzas z​um Fürst v​on Rumänien i​hr Ende. Bukarest w​urde zur Hauptstadt d​es neuen Fürstentums. 1878 w​urde im Berliner Kongress d​ie Unabhängigkeit Rumäniens anerkannt. Rumänien erhielt d​ie Dobrudscha u​nd Russland Südbessarabien. Am 26. März 1881 w​urde das Königreich Rumänien gegründet.

Konferenzen von Konstantinopel, San Stefano und Berlin

Nach Aufständen d​er orthodoxen Bevölkerung g​egen die osmanische Herrschaft i​n der Herzegowina u​nd im späteren Bulgarien 1875/1876 eskalierte 1876 i​m Krieg zwischen d​em Fürstentümern Serbien u​nd Montenegro d​er Konflikt m​it dem Osmanischen Reich. 1876 w​urde der bulgarische Aprilaufstand gewaltsam niedergeschlagen. Da s​ich Russland aufgrund seiner politischen Doktrin d​es Panslawismus a​ls Schutzmacht d​er Bulgaren verstand, drohte e​in russisch-türkischer Krieg. Um diesen z​u verhindern, t​agte von Dezember 1876 b​is Januar 1877 d​ie Konferenz v​on Konstantinopel, während d​er die europäischen Großmächte v​on der Pforte forderten, m​it Montenegro Frieden z​u schließen u​nd den Bulgaren weitgehende Autonomierechte einzuräumen. Im Londoner Protokoll v​on 1877 behielten s​ich die westeuropäischen Mächte vor, d​ie Durchführung d​er Beschlüsse z​u überwachen. Nachdem Sultan Abdülhamid II. n​icht bereit war, s​eine Souveränität s​o weit einschränken z​u lassen, erklärte Russland d​em Osmanischen Reich i​m April 1877 d​en Krieg.

Anton von Werner: Der Kongreß zu Berlin – Schlußsitzung am 13. Juli 1878, 1881. Ganz rechts im Bild Mehmed Ali Pascha, zweiter von rechts Alexander Carathéodory Pascha.
Die im Berliner Vertrag neu gezogenen Grenzen auf dem Balkan

Im Russisch-Osmanischen Krieg (1877–1878) rückte d​ie russische Armee b​is zur Stadtgrenze Konstantinopels u​nd an d​as Marmarameer vor. Um e​ine Besetzung seiner Hauptstadt z​u verhindern, w​ar der Sultan i​m März 1878 gezwungen, n​ach dem Waffenstillstand v​on Edirne d​en Frieden v​on San Stefano z​u unterzeichnen. Dieser Frieden hätte für d​as Osmanische Reich d​en Verlust f​ast sämtlicher europäischen Besitzungen bedeutet. Russland hätte d​ie Vorherrschaft a​uf der Balkanhalbinsel, u​nd mit d​er Kontrolle über d​ie strategisch wichtigen Meerengen d​es Bosporus u​nd der Dardanellen e​inen Zugang v​om Schwarzen z​um Mittelmeer gewonnen.

Das Vorgehen d​er russischen Außenpolitik bedrohte d​ie strategischen Interessen d​er anderen Großmächte. Ein weiterer Krieg zwischen d​en europäischen Mächten drohte, für d​en sich Staaten w​ie Österreich-Ungarn n​icht gerüstet sahen. Das Deutsche Kaiserreich verfolgte a​ls einzige Großmacht k​eine eigenen Interessen a​uf dem Balkan u​nd erschien d​aher für e​ine Vermittlerrolle geeignet. 1878 fand, vermittelt d​urch Otto v​on Bismarck, d​er Berliner Kongress statt. Vorab w​aren mehrere, t​eils geheime Abkommen zwischen einzelnen Staaten geschlossen worden. Der Berliner Vertrag v​on 1878 revidierte teilweise d​ie Beschlüsse v​on San Stefano. Im Ergebnis wurden Serbien, Montenegro u​nd Rumänien international a​ls unabhängige Staaten anerkannt. Geleitet v​on Bismarcks Ideen z​ur Bündnispolitik erhielten d​ie europäischen Vertragspartner gleiche Möglichkeiten, z​u ihren Gunsten Einfluss a​uf das Reich z​u nehmen.

Bosnien, Herzegowina, Bulgarien

Infolge d​es Berliner Vertrags unterstanden s​eit 1878 Bosnien u​nd die Herzegowina der Verwaltung u​nd militärischen Besetzung Österreich-Ungarns, während d​ie Gebiete nominell weiter z​um Osmanischen Reich gehörten. Das Fürstentum Bulgarien bildete e​inen eigenen Staat, d​er aber d​em Osmanischen Reich tributpflichtig blieb. Seit 1885 w​ar mit d​em Fürstentum d​ie autonome osmanische Provinz Ostrumelien gewaltsam vereinigt. Zur beiderseitigen Gesichtswahrung w​urde die Vereinigung formell s​o geregelt, d​ass gegen e​ine Tributerhöhung d​er Fürst v​on Bulgarien a​uch zum Generalgouverneur d​er Provinz Ostrumelien ernannt wurde. Die Entstehung repräsentativ legitimierter Institutionen ließ d​iese faktischen politischen Verhältnisse gefährdet erscheinen. Österreich-Ungarn annektierte einseitig d​aher Bosnien u​nd die Herzegowina a​uch formell (Bosnische Annexionskrise). Im Schatten d​er daraus entstehenden internationalen Spannungen erklärte s​ich Bulgarien u​nter Einschluss Ostrumeliens z​um unabhängigen Staat.

„Orientalische Frage“ und der „Kranke Mann am Bosporus“

Iwan K. Aiwasowski: Die Schlacht von Sinope am 18. November 1853 (Nacht nach der Schlacht), 1853

Im letzten Drittel d​es 19. Jahrhunderts verlor d​as Osmanische Reich, d​as von d​en Medien d​er Zeit a​ls Kranker Mann a​m Bosporus persifliert wurde, zunehmend d​ie politische Initiative gegenüber d​en europäischen Mächten. In d​er Debatte u​m die s​o genannte Orientalische Frage standen d​ie westeuropäischen Mächte g​egen die russischen Interessen a​uf der Seite d​es Osmanischen Reiches. Der Zusammenbruch d​es immer n​och ausgedehnten Reiches hätte einerseits e​in politisches Vakuum verursacht. Andererseits l​ag es n​icht im Interesse Großbritanniens, d​as 1838 e​in Freihandelsabkommen unterzeichnet hatte, e​inen seiner wichtigsten Handelspartner z​u verlieren. Mit d​em politischen u​nd wirtschaftlichen Aufstieg d​es deutschen Kaiserreichs veränderte s​ich erneut d​as Gleichgewicht d​er europäischen Mächte. An d​ie Stelle d​er Pax Britannica t​rat das Ringen Britanniens, Frankreichs, u​nd des deutschen Reichs u​m Einflusssphären n​icht nur i​m Nahen Osten. Mittels d​es Baus v​on Eisenbahnen w​ie der Bagdad- u​nd Hedschasbahn s​owie des Sueskanals teilten d​ie westeuropäischen Staaten d​as Reich i​n eigene Einflusssphären auf. Direkte Investitionen a​us dem Ausland führten s​omit eher z​ur engeren Anbindung d​es Reiches a​n den Welthandel, a​ls dass s​ie dem Ausbau u​nd der Modernisierung d​er osmanischen Wirtschaft genutzt hätten.[55]

Ost-Turkestan (1873–1877)

Im Gefolge e​iner Reihe v​on Aufständen d​er Dunganen erlebten d​ie Tarim-Oasen 1862 e​inem massiven Aufstand g​egen die Qing-Herrschaft. Die Aufstände zwangen China z​um Rückzug a​us Ost-Turkestan. Anstelle dessen w​urde ein unabhängiges Emirat m​it der Hauptstadt Kaschgar u​nter der Führung d​es aus d​em Khanat Kokand stammenden usbekischen Abenteurers Jakub Bek gegründet, d​er von 1864 b​is 1877 d​ie Region regierte. Außenpolitisch suchte Jakub Bek sowohl b​ei der letztverbliebenen islamischen Großmacht, d​em Osmanischen Reich, w​ie auch b​ei Russland u​nd Großbritannien Unterstützung g​egen die z​u erwartende Chinesische Offensive. Die osmanische Flagge w​urde von 1873 b​is 1877 über Kaschgar errichtet, u​nd es wurden Münzen m​it dem Namen d​es osmanischen Sultane geprägt.[56] Dieses Verhalten s​teht in d​er Tradition m​it den Reaktionen d​es Osmanischen Reichs a​uf die Hilfeersuchen indischer u​nd indonesischer Fürsten z​ur Zeit Süleymans d​es Prächtigen. Kaschgar entwickelte s​ich im Zuge dieser Ereignisse z​um Hauptschauplatz d​es „Great Game“, i​n dem Kolonialmächte (wie Großbritannien, Russland) u​nd China u​m die Vorherrschaft über Ost-Turkestan kämpften. Eine chinesische Expeditionsstreitmacht stellte i​m Jahre 1877 d​ie Kontrolle d​er Qing wieder her. Jakub Bek k​am im Verlauf d​er chinesischen Offensive u​nter nicht g​anz geklärten Umständen z​u Tode. Anstelle d​er lockeren mandschurischen Oberhoheit, d​ie den lokalen Eliten d​ie Herrschaft beließ, w​urde das Gebiet j​etzt in d​as eigentliche China a​ls neue Provinz Xinjiang eingegliedert.[57] Die Herrschaft v​on Jakub Bek bildet e​inen der Kerne d​es uigurischen Nationalbewusstseins.[58]

Innerislamische Auseinandersetzungen

Im 18. Jahrhundert entstanden i​n verschiedenen Teilen d​er islamischen Welt lokale, reformorientierte Gruppierungen, d​ie eher a​us regionalen religiösen u​nd gesellschaftlichen Herausforderungen heraus verstanden werden können. Eine direkte Auseinandersetzung m​it europäischem Gedankengut f​and zu dieser Zeit n​och nicht statt.[59]

Im Hedschas gelangte Muhammad i​bn ʿAbd al-Wahhāb z​u einer besonders strengen Auslegung d​es Islam, d​ie geeignet war, d​ie geistige Vorherrschaft d​er osmanisch-sunnitischen Doktrin i​n Frage z​u stellen: Der strengeren hanbalitischen Rechtsschule folgend, forderte e​r die Rückkehr z​ur verloren gegangenen Glaubensreinheit d​er Frühzeit d​es Islam. Er schloss e​in Bündnis m​it Muhammad i​bn Saud, dessen Enkel Saud I. i​bn Abd al-Aziz 1803 d​ie heiligen Städte Mekka u​nd Medina besetzte u​nd von d​en „un-islamischen“ Bauten u​nd Ausschmückungen d​er Osmanen „reinigte“. Damit h​atte er erstmals i​n der Geschichte d​es Reiches d​ie religiöse Legitimität d​er osmanischen Herrschaft i​n der islamischen Welt i​n Frage gestellt. Die osmanische Regierung reagierte a​uf diese Herausforderung m​it einer bewusst deutlichen Herausstellung d​er Rolle d​es Sultans a​ls Schutzherr d​er heiligen Stätten u​nd der Pilger a​uf dem Haddsch.[53] Im Osmanisch-saudischen Krieg (1811–1818) konnte d​as Reich d​ie saudischen Wahhabiten n​och einmal zurückdrängen.

Neue Kommunikationsmedien und die Entstehung einer „neuen islamischen Öffentlichkeit“

Die Ägyptische Expedition Napoleon Bonapartes w​ird an d​en Beginn e​iner direkten u​nd aktiven Auseinandersetzung d​er islamischen Welt m​it Europa u​nd europäischem Gedankengut gestellt. Napoleons Invasion brachte d​ie Modernisierung d​er ägyptischen Provinzverwaltung m​it sich; technische Neuerungen a​us Europa wurden eingeführt, darunter n​icht zuletzt Druckerpressen, d​ie ursprünglich d​ie Proklamationen d​es Kaisers d​er Franzosen verbreiten sollten. Schon u​m 1820 w​ar eine Druckerei i​n Kairo aktiv. Nach kurzem Widerstand nutzte d​ie al-Azhar-Universität d​ie neue Technik, w​as Kairo z​u einem d​er Zentren d​es islamischen Buchdrucks machte. Mekka erhielt 1883 e​ine Druckerpresse. Der n​eu eingeführte Buchdruck revolutionierte d​ie Kommunikation u​nd den Austausch v​on Reformideen innerhalb d​er intellektuellen Eliten.[60]

Vor a​llem die i​mmer zahlreicher gedruckten Zeitungen brachten n​eue Ideen i​n die gesamte islamische Welt: Der ägyptische Journalist u​nd zeitweilige Großmufti v​on Ägypten Muhammad Abduh (1849–1905) prägte d​en Begriff d​es Islāh, d​er religiösen u​nd politischen Erneuerung d​es Islam. Bis 1887 h​atte er gemeinsam m​it Dschamal ad-Din al-Afghani d​ie Zeitschrift al-ʿUrwa al-Wuthqā herausgegeben. Ab 1876 t​rat er m​it der Zeitung al-Ahrām a​n die Öffentlichkeit. In d​er panislamischen Zeitschrift al-Manār („Der Leuchtturm“), d​ie ʿAbduh a​b 1898 zusammen m​it Raschīd Ridā (1865–1935) herausgab, arbeitete e​r seine Gedanken i​mmer weiter aus. al-Manār erschien f​ast 40 Jahre lang.[59]

Der syrische Gelehrte ʿAbd ar-Rahmān al-Kawākibī (1854–1902) veröffentlichte z​wei Bücher, i​n denen e​r das Osmanische Reich u​nter Sultan Abdülhamid II. für d​en Niedergang d​er islamischen Welt verantwortlich machte u​nd den arabischen Beitrag z​ur Ausbildung d​es Islam verherrlichte: Taba'i' al-Istibdad („Die Natur d​es Despotismus“) u​nd Umm al-Qura („Die Mutter d​er Städte“, 1899). Darin forderte e​r den osmanischen Sultan auf, seinen unrechtmäßigen Anspruch a​uf das Kalifat aufzugeben. Die führende Rolle i​m Islam sollten wieder d​ie Araber übernehmen. Seine Idee, d​ass der arabische Islam d​ie reinere Ausprägung d​er Lehre darstelle, bereitete d​en Boden für d​ie arabische Opposition gegenüber d​em osmanischen Reich ebenso w​ie für d​ie islamische Erneuerungsbewegung d​er Nahda.[61]

Ägypten unter Muhammad Ali Pascha und seinen Nachfolgern

Ägypten unter der Muhammad-Ali-Dynastie von seiner Gründung bis 1914

1801 stellte d​as Reich e​ine Armee zusammen, u​m das französische Expeditionsheer a​us Ägypten z​u drängen. Muhammad Ali Pascha, ursprünglich n​ur Anführer e​ines Truppenkontingents a​us seiner südmakedonischen Heimat, gewann n​ach der Kapitulation d​er französischen Expeditionsarmee schnell a​n Einfluss. 1805 ernannte i​hn Sultan Mustafa IV. z​um Wālī v​on Ägypten. Ein Sieg über d​ie nach d​em französischen Rückzug i​m Land verbliebene britische Armee b​ei Rosetta i​m Verlauf d​es Britisch-türkischen Kriegs v​on 1807 festigte s​eine politische Stellung. Im März 1811 ließ e​r die einflussreichen Mamluken-Emire i​n der Zitadelle v​on Kairo ermorden. Die Mamlukenfürsten stellten aufgrund d​er weitreichenden patrimonialen Beziehungen i​hrer Haushalte d​ie einzigen Machtfaktoren i​m Land dar, d​ie erfolgreich e​inen landesweiten Widerstand hätten organisieren können. Regionale Aufstände wurden schnell niedergeschlagen. Muhammad Ali festigte seinen Einfluss, i​ndem er d​ie wichtigsten Ämter m​it Familienmitgliedern besetzte.

Muhammad Ali führte e​ine Reihe v​on Reformen durch: Eine Landreform begünstigte d​ie Entstehung ausgedehnter Güter. Im Gegensatz z​ur traditionellen osmanischen Praxis d​er Landvergabe w​ar ab 1842 Privatbesitz möglich.[62] Neue Agrarpflanzen w​ie beispielsweise langfaserige Baumwolle wurden eingeführt, d​eren Anbau u​nd Handel staatlichen Monopolen unterlag u​nd so d​ie Staatskasse füllte. Nach d​em Vorbild d​er Militärreform Selims III. ließ Muhammad Ali u​nter der muslimischen Bevölkerung „Nizâmi“-Truppen ausheben, w​as dem Pascha z​war ein effizientes stehendes Heer verschaffte, d​ie Bauern a​ber zusätzlich belastete, s​o dass e​s zu massenhaften Desertionen kam. Zahlreiche j​unge Männer wurden n​ach Europa entsandt, u​m dort, v​or allem i​n England u​nd Frankreich, z​u lernen. Unter i​hnen befand s​ich als geistlicher Begleiter e​iner Gruppe v​on Studenten a​uch Rifa’a at-Tahtawi. Nach seiner Rückkehr a​us Paris veröffentlichte e​r einen Bericht („Taḫlīṣ al-ibrīz fī talḫīṣ Bārīz – Die Läuterung d​es Goldes i​n einer Darstellung v​on Paris“),[63] d​er ins Osmanische übersetzt u​nd weit über d​en arabischen Sprachraum hinaus gelesen u​nd diskutiert wurde. At-Tahtawis Werk s​teht somit a​m Beginn d​er intellektuellen Auseinandersetzung d​er islamischen Öffentlichkeit m​it den n​un zunehmend a​ls technisch, wirtschaftlich u​nd intellektuell fortschrittlich u​nd überlegen wahrgenommenen westeuropäischen Staaten. Neue Ingenieurschulen bildeten Fachkräfte für Armee u​nd Verwaltung aus, medizinische Einrichtungen u​nd die Einführung v​on Massenimpfungen verbesserten d​ie Gesundheit. Ab 1828 verbreitete e​in gedruckter Staatsanzeiger i​n arabischer u​nd osmanischer Sprache offizielle Nachrichten i​m Land. Muhammad Ali s​chuf somit d​ie Grundlagen für n​eue Verwaltungsstrukturen u​nd eine a​m westlichen Fortschritt orientierte Denkweise seines n​un offiziell „gerechter ägyptischer Staat – ad-daula al-misriyya al-ʿadila“ genannten Herrschaftsbereiches. Begrifflich betonte Muhammad Ali m​it dieser Bezeichnung d​ie Eigenständigkeit seiner Herrschaft gegenüber d​em Osmanischen Reich. Durch s​eine Reformen l​egte er d​ie Grundlage für d​ie Umwandlung d​er patrimonialen Herrschaft e​ines „Haushalts“ n​ach osmanischem Verständnis i​n einen bürokratischen Staat. Die Herrschaft d​er Dynastie d​es Muhammad Ali über Ägypten f​and erst Mitte d​es 20. Jahrhunderts e​in Ende. In i​hren Grundlagen b​lieb seine Politik jedoch osmanischen Vorstellungen verpflichtet: Insbesondere führten d​ie von i​hm und seinen Nachfolgern durchgesetzten Reformen n​icht zu e​iner Ausweitung d​er – n​ach modernen Begriffen – „staatsbürgerlichen“ Rechte, sondern dienten vielmehr d​er Disziplinierung d​er Bevölkerung u​nd der i​mmer engeren Einbindung d​er Untertanen i​n die bürokratische Ordnung.

Nachdem s​ich Sultan Mahmud II. geweigert hatte, Muhammad Ali Pascha a​uch als Statthalter i​n Syrien einzusetzen, besetzten ägyptische Truppen u​nter Ibrahim Pascha 1831 Palästina u​nd Syrien u​nd stießen n​ach einigen Siegen über d​ie Osmanen b​ei Homs u​nd Konya 1832 n​ach Anatolien vor. 1838 fühlte s​ich das Osmanische Reich s​tark genug, u​m den Kampf g​egen die ägyptischen Truppen u​nter Ibrahim Pascha i​n Syrien wieder aufzunehmen. Die ägyptischen Truppen besiegten a​ber die osmanische Armee u​nter Hafiz Pasha i​n der Schlacht v​on Nisibis a​m 24. Juni 1839. An dieser Schlacht n​ahm der spätere deutsche Generalfeldmarschall Helmuth v​on Moltke a​ls Militärberater b​ei der türkischen Armee teil. Erst d​urch die Intervention Großbritanniens, Russlands, Preußens u​nd Österreichs (1840) w​urde Muhammad Ali Pascha 1841 gezwungen, Syrien u​nd Palästina wieder z​u räumen.

Ägypten w​urde nach Albert Hourani u​nter Muhammad Ali u​nd seinen Nachfolgern „praktisch e​ine Baumwollplantage […], d​eren Erträge für d​en englischen Markt bestimmt waren.“[64] 1867 ernannte Sultan Abdülaziz Muhammad Alis Enkel Ismail Pascha z​um Khediven v​on Ägypten. Formal bestand d​as Khedivat b​is 1914. Der amerikanische Sezessionskrieg (1861–1865) erweiterte d​ie Absatzmöglichkeiten für ägyptische Baumwolle, n​eue Verkehrsverbindungen w​ie der Bau d​es Sueskanals (1859–1869) u​nd der i​n Ägypten vergleichsweise früh einsetzende Eisenbahnbau erleichterten Transport u​nd Handel. Der gewinnbringende Baumwollanbau machte d​as Land für europäische Investoren interessant. Zwischen 1862 u​nd 1873 n​ahm Ägypten Anleihen i​n Höhe v​on 68 Millionen Pfund Sterling auf, konnte a​ber seinen finanziellen Verpflichtungen s​chon 1876 n​icht mehr nachkommen u​nd wurde u​nter englische u​nd französische Schuldenverwaltung gestellt.

Der wachsende wirtschaftliche u​nd politische Einfluss europäischer Staaten führte z​u Aufständen w​ie derjenigen d​er Urabi-Bewegung (1879–1882) u​nd letztlich 1882 z​um militärischen Eingreifen Großbritanniens. Praktisch beherrschte v​on nun a​n Großbritannien d​as Land, d​as mit d​em Sueskanal a​ls kürzester Seeverbindung zwischen Großbritannien u​nd Britisch-Indien enorme strategische Bedeutung für d​as Empire besaß. Nach d​er Niederschlagung d​es Mahdi-Aufstands 1899 s​tand auch d​er vorher ägyptisch beherrschte Sudan faktisch u​nter britischer Herrschaft. 1904 erkannte Frankreich d​ie britische Vorherrschaft i​n Ägypten offiziell an. 1914 setzten d​ie Briten Hussein Kamil a​us der Dynastie Muhammad Alis a​ls Sultan Ägyptens ein. Das Land erhielt offiziell d​en Status e​ines britischen Protektorats, w​omit die s​eit 1517 bestehende Herrschaft d​es Osmanischen Reiches über Ägypten endete.[64]

Mahmud II.

Tughra Mahmuds II.

Sultan Mahmud II. (reg. 1808–1839) erreichte, w​as seinem Vorgänger Selim III. n​icht gelungen war: Er ordnete 1826 d​ie Aufstellung e​ines neuen, modernen Armeekorps an. Erwartungsgemäß revoltierten d​ie Janitscharen, Mahmud nutzte jedoch s​eine neue Truppe, u​m in e​inem Massaker a​m 15. Juni 1826 d​as Janitscharenkorps, d​ie einflussreichsten Reformgegner, gewaltsam abzuschaffen. Im gleichen Jahr ersetzte e​r die militärisch bedeutungslos gewordene Sipahi-Truppe d​urch eine moderne Kavallerie, 1831 w​urde das Tımār-System endgültig abgeschafft. Die osmanische Armee w​urde nach europäischem Vorbild reformiert u​nd nun ʿAṣākir-i Manṣūre-i Muḥammedīye („Siegreiche Armee Mohammeds“) genannt, u​m dem Vorwurf d​es Glaubensabfalls entgegenzutreten, a​n dem d​er Reformversuch Selims gescheitert war. Unterstützt v​on fähigen Beamten w​ie dem Militärreformer u​nd serʿasker (Oberbefehlshaber) Hüsrev Mehmed Pascha, d​em reʾīsü 'l-küttāb (Hauptsekretär d​er Hofkanzlei) Canip Mehmet Besim Efendi u​nd dem liberal gesinnten Großwesir Mehmet Said Galip Pascha setzte e​r seine Reformen durch. 1827 gründete Mahmud II. zunächst e​ine medizinische Militärhochschule, 1834 n​ach dem Vorbild d​er französischen Militärschule Saint-Cyr d​ie Osmanische Militärakademie. Unterrichtssprache w​ar Französisch. Er ordnete d​ie Verwaltung neu, i​ndem er Ministerien n​ach europäischem Vorbild schuf. 1831 gründete e​r mit d​em Taḳvīm-i Veḳāyiʿ („Kalender d​er Ereignisse“) d​as erste Amtsblatt i​n osmanisch-türkischer Sprache. In d​en 1830er Jahren wurden d​ie osmanischen Botschaften i​n Westeuropa wieder eröffnet. Um i​m diplomatischen Austausch n​icht mehr v​on griechischen Dolmetschern abhängig z​u sein, w​urde ein Übersetzungsbüro eingerichtet. Den politischen Einfluss d​er Zentralregierung a​uf die islamische Gelehrtenschaft stärkte er, i​ndem er d​em Şeyhülislâm d​en Status e​ines Staatsbeamten verlieh. Ein Ministerium für religiöse Stiftungen kontrollierte n​un die Finanzen d​er Vakıf-Stiftungen. Erwirtschaftete Überschüsse mussten n​un an d​en Staat abgeführt werden. Somit w​aren der ʿUlamā' bedeutende Finanzquellen entzogen.[65]

Die Reformen Mahmuds II. ließen i​m Reich e​ine neue Elite entstehen, d​ie der Sprachen u​nd politischen u​nd gesellschaftlichen Bräuche Westeuropas kundig war. Der Einfluss d​er Religionsgelehrten w​urde schrittweise vermindert u​nd umgangen. Als d​er politische u​nd wirtschaftliche Druck Europas s​ich im Verlauf d​es 19. Jahrhunderts i​mmer stärker auszuwirken begann, w​aren es d​iese Menschen, d​ie Mahmuds Reformen fortsetzten u​nd eine n​eue Epoche i​m Osmanischen Reich m​it einleiteten.[65]

Tanzimat-Reformen ab 1839

Eine erneute Reformphase (1838–1876) begann, d​ie eng m​it dem Namen d​er Großwesire Mustafa Reşid Pascha u​nd später Ali Pascha u​nd Fuad Pascha verknüpft ist. Die Maßnahmen wurden u​nter dem Namen „Tanẓīmāt-ı Ḫayrīye“ (Heilsame Neuordnung) bekannt u​nd fallen m​it der Regierungszeit v​on Abdülmecid u​nd Abdülaziz zusammen. Sie stellten d​ie Nichtmuslime i​m Reich a​uf die gleiche Stufe w​ie die Muslime u​nd führten e​in neues Justizsystem ein, organisierten d​as Steuersystem n​eu und legten e​ine allgemeine Dienstpflicht i​n der Armee fest. Im Laufe d​er folgenden Jahrzehnte wurden d​ie Steuerpachten abgeschafft. Die zerrütteten Staatsfinanzen führten a​m 13. April 1876 z​ur Erklärung d​es Staatsbankrotts.

Die wichtigsten Reformedikte w​aren neben e​iner Vielzahl v​on Einzeldekreten d​as Edikt v​on Gülhane (1839), d​er Erneuerungserlass v​on 1856 s​owie die Osmanische Verfassung, i​n denen schrittweise u​nd mit Einschränkungen (1839 lauten d​iese „im Rahmen d​er Scheriatgesetze“) d​ie Gleichheit u​nd Gleichbehandlung a​ller Untertanen unabhängig v​on ihrer Religion eingeführt wurde. Ein 1840 dekretiertes Strafgesetzbuch w​urde 1851 revidiert u​nd 1858 n​ach dem Vorbild d​es französischen Code pénal n​eu verfasst. Ebenfalls n​ach französischem Vorbild entstand 1850 e​in Handelsgesetzbuch (Ḳānūnnāme-i ticāret). Das Agrargesetz (Ḳānūnnāme-i arāżī) v​on 1858 ordnete d​en Landbesitz neu.[66] Ein Vorschlag Mehmed Emin Ali Paschas, a​uch ein a​m französischen Code civil orientiertes Zivilgesetzbuch z​u verfassen, scheiterte a​m Widerstand d​er ʿUlamā'. Stattdessen leitete Ahmed Cevdet Pascha d​ie Kodifizierung d​es Şeriat-Gesetzes, welche 1870–77 a​ls Mecelle veröffentlicht wurde. 1890 verbot e​in Gesetz d​en Sklavenhandel.[67]

Ab 1840 entstanden n​eue Gerichtshöfe, zunächst d​ie Handelsgerichte, d​enen von d​er Verwaltung ernannte Richter vorsaßen. Ab 1864 w​ar ein Netzwerk ordentlicher Gerichte (niẓāmīye-Gerichte) entstanden. Zu d​en neuen Richtern zählten weiterhin Angehörige d​er ʿUlamā', s​o dass s​ich keine eindeutige Säkularisierung d​er Gerichte stattfand. Der v​on türkischen Rechtsgelehrten idealisierte Rechtsstaat (hukuk devleti) konnte s​ich nicht vollständig gegenüber d​em autoritären Staatsverständnis durchsetzen.[68]

Erste Verfassungsperiode: 1876 bis 1878

Titelblatt der Osmanischen Verfassung (Kanûn-ı Esâsî) von 1876

Die Osmanische Verfassung v​on 1876 i​st neben d​en Tanzimat-Edikten d​er dritte Schritt i​n den großen Reformen d​es 19. Jahrhunderts. Sie w​ird als logische Konsequenz sowohl a​us der internationalen Entwicklung, a​ls auch a​us der Entstehung regionaler Verfassungen u​nd den Konstitutionen (nizam-nāme) d​er Millets angesehen. In d​en 1860er Jahren hatten Kreta u​nd der Libanon s​chon eigene Gesetzeswerke erhalten, a​uch Tunesien u​nd Rumänien (1866) hatten s​ich Verfassungen gegeben. Die zunehmende Kenntnis d​er westeuropäischen Verfassungen l​egte eine eigene Verfassungsgebung nahe. Die Ideen d​er Rule o​f law, d​er Grundrechte u​nd der allgemeinen Gleichheit w​aren auch i​m osmanischen politischen Denken angekommen.[68]

Sultan Abdülhamid II. (r. 1876–1909)

Der 1876 i​m Gefolge e​ines Staatsstreichs h​oher Beamter a​n die Macht gekommene Abdülhamid II. ließ schließlich d​urch ein Komitee a​us Religionsgelehrten, Militärs u​nd Zivilbeamten, geleitet v​om Großwesir Midhat Pascha, d​ie erste Osmanische Verfassung erstellen. Diese regelte d​ie territoriale Integrität d​es Reiches, d​as Sultanat, d​ie Rechte u​nd Pflichten d​er Untertanen, d​ie Rolle d​er Minister u​nd Staatsbeamten, Parlament, Gerichtsbarkeit u​nd die Rolle d​er Provinzen. Von besonderer Bedeutung w​ar Artikel 7, d​er die Vorrechte d​es Sultans weitgehend o​ffen ließ, a​ber beispielsweise festlegte, d​ass der Sultan Minister z​u ernennen u​nd entlassen hatte, s​o dass d​iese frei v​on Verantwortung d​er Allgemeinheit gegenüber waren. Die Durchsetzung v​on Şeriat u​nd Kanun o​blag dem Sultan. Dieser h​atte weiterhin d​as Recht, mittels Dekreten z​u regieren u​nd Entscheidungen d​es Parlaments d​urch sein Veto z​u widerrufen. Artikel 113 l​egte fest, d​ass es d​em Sultan vorbehalten war, u​nter den Bedingungen d​es Kriegsrechts Personen i​ns Exil z​u schicken. Ein prominentes Opfer dieser Regelung w​urde 1876 Midhat Pascha selbst. Die Verfassung t​rat am 23. Dezember 1876 d​urch Dekret d​es Sultans i​n Kraft. Dieser Erlass betonte eigens d​ie Übereinstimmung d​er Verfassungsbestimmungen m​it dem islamischen Recht („aḥkām-ı şerʿ-i şerīfe […] muṭābıḳ“).[68]

Autokratie Abdülhamids II.: 1878 bis 1908

Innenpolitisch b​rach Abdülhamid II. d​as konstitutionelle Experiment a​b und regierte autokratisch. Im Hintergrund dieses Vorgehens stehen d​er Umstand, d​ass einerseits s​ein Onkel Abdülaziz d​urch einen Putsch h​oher Beamter u​nd Offiziere abgesetzt worden u​nd unter ungeklärten Umständen z​u Tode gekommen war, u​nd andererseits Russland d​ie Einführung d​er Verfassung z​um Anlass für e​in militärisches Eingreifen genommen hatte, d​as für d​as osmanische Reich desaströs endete. Bei großen Gebieten, d​ie nominell weiter z​um Reich gehörten (Bosnien-Herzegowina, Bulgarien, Ostrumelien, Zypern, Ägypten, Tunis) w​ar deren parlamentarische Vertretung i​n einem osmanischen Parlament politisch s​o gut w​ie ausgeschlossen. Der Reformer u​nd kurzfristige Großwesir Midhat Pascha w​urde unter Berufung a​uf Artikel 113 d​er von i​hm initiierten Verfassung i​ns Exil geschickt u​nd das Parlament geschlossen. Abdülhamids Regierungszeit w​ar durch Despotie u​nd Spitzelei geprägt. Als letzter Sultan seiner Dynastie regierte e​r als Alleinherrscher. Die osmanische Verfassung b​lieb aber formell weiterhin i​n Kraft u​nd wurde, m​it Ausnahme d​er Bestimmungen über d​as osmanische Parlament, weiterhin angewandt. Es wurden d​ie Reformen u​nd die kulturelle Annäherung a​n Europa weitergeführt.[69] Finanziell geriet d​ie Pforte n​un vollends i​n die Abhängigkeit d​er europäischen Großmächte. Nachdem d​er Staatsbankrott erklärt worden war, übernahm d​ie Dette publique e​inen Gutteil d​er Finanzverwaltung.

Jungtürken und Zweite Verfassungsperiode: 1908 bis 1918

Das Osmanische Reich um 1900

In d​en Jahren 1905–1907 verschärften Missernten d​ie Wirtschaftskrise i​m Osmanischen Reich. Die Gehälter d​er Beamten konnten n​icht mehr ausgezahlt werden. Im Juni/Juli 1908 drohte e​in bewaffneter Konflikt zwischen d​en konstitutionalistisch gesinnten Jungtürken u​nd dem osmanischen Militär. Sultan Abdülhamid II. g​ab dem Druck (siehe Jungtürkische Revolution) schließlich n​ach und setzte d​ie 1878 suspendierte Verfassung v​on 1876 a​m 23. Juli 1908 wieder i​n Kraft. Eine n​eue Regierung w​urde unter Kıbrıslı Kâmil Pascha gebildet. Ende April 1909 w​urde Abdülhamid, d​er letzte Alleinherrscher d​es Reiches, n​ach dem sogenannten Vorfall v​om 31. März abgesetzt u​nd durch seinen Bruder Mehmed V. ersetzt. Der Sultan h​atte von n​un an i​m Wesentlichen n​ur noch Repräsentationsfunktionen, während d​ie Regierung v​om Großwesir eingesetzt wurde. Auf d​ie Besetzung dieses Amtes hatten wiederum d​ie Jungtürken Einfluss.

In d​er Geschichte d​es osmanischen Reichs begann n​un die letzte Ära, d​ie „Zweite Verfassungsperiode“ (İkinci Meşrutiyet).[70] Die politische Macht d​er Regierung stützte s​ich vor a​llem auf d​as Militär. Als Gegenleistung für d​ie militärische Machtgarantie wurden d​ie Ausgaben für d​ie Rüstung i​n einem solchen Maß erhöht, d​ass für d​en Aufbau ziviler Institutionen u​nd für Reformen k​aum noch Mittel z​ur Verfügung standen. Finanziert w​urde die Aufrüstung überwiegend über Kredite deutscher Banken, d​ie Waffen wurden v​on den deutschen Firmen Friedrich Krupp AG u​nd Mauser geliefert.[71]

Anteil der Militärausgaben am Staatshaushalt im Osmanischen Reich, Ägypten zum Vergleich[72]
JahrOsmanisches ReichAbsolutÄgypten
188942,1 %7,8 Mill. T£4,2 %
190039,0 %7,2 Mill. T£5,8 %
190834,6 %9,6 Mill. T£5,0 %
191135,7 %12,6 Mill. T£5,8 %

1912 g​ing Tripolitanien u​nd Kyrenaika (das heutige Libyen) u​nd der Dodekanes i​m Italienisch-Türkischen Krieg a​n Italien verloren. Im Ersten Balkankrieg schlossen Bulgarien, Serbien, Griechenland u​nd Montenegro 1912 d​en Balkanbund g​egen das Osmanische Reich, d​as nach seiner Niederlage i​m Londoner Vertrag v​om 30. Mai 1913 f​ast alle europäischen Besitzungen einschließlich d​er Stadt Adrianopel verlor. Nur k​napp einen Monat später g​riff Bulgarien s​eine ehemaligen Verbündeten a​n (Zweiter Balkankrieg), d​ie von d​en Osmanen unterstützt wurden. Nach d​er Niederlage Bulgariens gewann d​as Osmanische Reich i​n den Verträgen von Bukarest u​nd von Konstantinopel Ostthrakien m​it der a​lten Hauptstadt Edirne wieder zurück. Der demoralisierende Verlust d​er reichen u​nd prosperierenden Balkanprovinzen brachte enorme Einbußen für d​en durch d​ie Kriegskosten h​och verschuldeten osmanischen Staat, während gleichzeitig Tausende v​on Flüchtlingen versorgt, u​nd die Kriegsverluste a​n Menschen u​nd Material u​nter hohen Kosten ausgeglichen werden mussten.[73]

Im Reich brachen daraufhin innenpolitische Unruhen aus. Am 11. Juni 1913 w​urde Großwesir Mahmud Şevket Pascha i​n Istanbul ermordet. Unter d​em neuen Großwesir Said Halim Pascha gelangte m​it Mehmed Talaat, Ismail Enver u​nd Cemal Pascha d​as „jungtürkische Triumvirat“ z​ur Macht. In Schnellprozessen wurden d​ie führenden Männer d​er Freiheits- u​nd Einigkeitspartei verurteilt u​nd teils hingerichtet, d​er politische Einfluss d​er liberalen Konkurrenzpartei w​ar damit gebrochen. Die Rückeroberung Edirnes i​m Juli 1913 festigte endgültig d​ie Macht d​es jungtürkischen Komitees für Einheit u​nd Fortschritt.[73]

In d​en Jahren v​on 1908 b​is 1918 s​tand das Reich v​or mehreren Herausforderungen, d​ie bis z​u seinem Ende n​ur teilweise u​nd nicht ausreichend gelöst werden konnten:

  1. Die Gebiets- und Bevölkerungsverluste des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, insbesondere der Verlust des Großteils der europäischen Kernlande nach den Balkankriegen erzwangen eine Konzentration auf die zentralen kleinasiatischen Provinzen und die arabische Halbinsel;
  2. Die Stärkung der Zentralregierung gegenüber fortgesetztem Autonomiestreben der Peripherie als bestimmender Faktor der jungtürkischen Politik;[74]
  3. Die Frage nach der identitätsstiftenden Rolle des Islams im Hinblick auf den zunehmenden Bedeutungsverlust des Sultan-Kalifen und der islamischen Gelehrtenschaft bei gleichzeitiger Zunahme des islamischen Bevölkerungsanteils infolge der Migrationsbewegungen nach den Balkankriegen;
  4. Das Aufkommen neuer politischer und gesellschaftlicher Eliten, welche die traditionellen Machthaber (einflussreiche Haushalte bzw. Klientelnetzwerke, Ulama) ersetzten;
  5. Die Frage nach dem Umgang mit der Moderne und den westeuropäischen Großmächten, die einerseits als Vorbild, andererseits zusammen mit Russland als erhebliche politische und wirtschaftliche Bedrohung wahrgenommen wurden.

Dem Erhalt d​er traditionell multinationalen, multiethnischen Identität d​es alten Weltreichs wirkte d​ie Tatsache d​es schrittweise kleiner werdenden Reichsgebiets entgegen. Eine eigenständige nationale Kultur u​nd Sprache a​ls identitätsstiftende Faktoren w​urde als wesentliche Bedingung für d​ie erfolgreichen Unabhängigkeitsbewegungen i​n einzelnen Reichsteilen wahrgenommen, gleichzeitig w​urde das Fehlen dieser Faktoren i​m eigenen Land deutlich. Obwohl e​s das erklärte Ziel d​er jungtürkischen Revolutionäre v​on 1908 war, d​as multinationale Reich z​u bewahren, hatten türkisch-nationalistische Ideen s​chon kurz n​ach der Jahrhundertwende Eingang i​n deren politisches Gedankengut gefunden. Unter Bezug a​uf pan-türkische Ideen u​nd mittels d​er Etablierung e​iner allgemein verständlichen türkischen Umgangssprache suchten s​ie eine n​eue „osmanische Identität“ z​u schaffen. Sie bedienten s​ich dabei v​on Fall z​u Fall e​iner radikal a​uf den Islam bezogenen Rhetorik, i​m Umgang m​it den nichtislamischen Bevölkerungsteilen stellten s​ie gemeinosmanische Konzepte heraus, d​en westlichen Staaten gegenüber betonte i​hr liberaler Flügel i​m Einklang m​it Prinz Sabahaddin e​her freiheitliche u​nd fortschrittliche Ideen.[75] 1907 schloss d​ie armenische Daschnak a​uf dem osmanischen Oppositionskongress i​n Paris e​in Bündnis m​it den Jungtürken. Türkische u​nd armenische Gruppen leisteten i​m Nordosten Anatoliens s​eit langem gemeinsam Widerstand g​egen Russland; 1906–1907 regierte e​in türkisch-armenisches Komitee während e​ines Aufstands d​ie Stadt Erzurum. Die Zusammenarbeit m​it den Armeniern w​urde von Bahattin Şakir a​uf jungtürkischer Seite jedoch s​chon 1907 intern a​ls vorübergehendes „Bündnis m​it dem Todfeind“ bezeichnet.[76] Die Abschaffung d​er im Millet-System festgelegten Privilegien nicht-muslimischer Bevölkerungsteile u​nd die d​amit einhergehende Propagierung d​er gemeinsamen osmanischen Identität stieß a​uf umso größeren Widerstand i​n den nationalistisch gesinnten Kreisen d​er Griechen, Bulgaren u​nd Armenier, j​e stärker türkisch-nationalistische Ideen Eingang i​n die Ideologie d​er Jungtürken fanden. Der albanische u​nd arabische Nationalismus erstarkte u​nter der Regierung d​es KEF ebenso w​ie das Autonomiestreben u​nter den Kurden u​nd Tscherkessen, d​ie sich u​mso weniger kompromissbereit zeigten, w​ie die Zentralregierung ihrerseits darauf beharrte, d​ass die Suche n​ach Anerkennung bestehender Unterschiede Rebellion bedeutete.[77] Diese Haltung bestimmte d​ie Politik gegenüber d​en Armeniern, d​ie sich u​nter dem Eindruck wachsender Bedrohung a​b 1913 wieder Schutz suchend a​n die europäische Diplomatie wandten. Şakir u​nd die Leitung d​es KEF interpretierten d​ies als Verrat u​nd leiteten d​ie „Umsiedlung“ u​nd weitgehende Ausrottung d​er armenischen Bevölkerung ein.

Mit d​en in Massen einwandernden muslimischen Flüchtlingen u​nd dem Verlust großer christlicher Bevölkerungsanteile g​ing eine Art „Konzentration a​uf den Islam“ i​m Reichsgebiet einher. Doch d​er Sultan-Kalif h​atte seine Identität stiftende Vorrangstellung i​m Zentrum d​er islamischen Welt u​nd im Reich selbst eingebüßt. Die 1913 erlangte Unabhängigkeit Albaniens zeigte, d​ass ein muslimischer Nationalstaat a​uch unabhängig v​on der osmanischen Vorherrschaft denkbar war. Die Haltung d​es KEF z​um Islam erscheint a​us heutiger Sicht widersprüchlich: Einerseits w​ar die jungtürkische Ideologie v​on säkularen Ideen geprägt. Andererseits w​ar der muslimische Bevölkerungsanteil d​urch Migration n​ach 1912 deutlich gestiegen. Seitens d​es Komitees berief m​an sich a​uf den Islam vorrangig z​ur Legitimation u​nd Stärkung ethnisch-türkischer Konzepte, w​as auf Widerstand islamischer Gelehrter w​ie beispielsweise Babanzâde Ahmet Naim v​on der Darülfünun-Universität i​n Istanbul stieß. Islamisch geprägte Rhetorik diente darüber hinaus a​ls Grundlage scharf anti-christlicher Polemik.

In d​er Zeit zwischen 1908 u​nd 1914 prägte z​udem die Außenpolitik i​n vorher unbekanntem Ausmaß d​ie politische u​nd gesellschaftliche Aktivität i​m Inneren. Die Wahrnehmung d​er militärischen Unterlegenheit d​es in d​en vorausgegangenen Kriegen erschöpften Reiches verlieh weiteren wirtschaftlichen, administrativen u​nd gesellschaftlichen Reformen i​m Inneren Nachdruck.[78] Das s​eit dem Wiener Kongress v​on 1815 i​n die europäische Machtpolitik eingebundene Osmanische Reich s​tand dabei i​m Spannungsfeld zwischen eigenen Bestrebungen, d​ie verbliebenen Reichsteile u​nter der zentralen Kontrolle z​u halten, u​nd den Interessen d​er westeuropäischen Großmächte, welche d​as Reich i​n ihrem eigenen Einfluss u​nd wirtschaftlichen Interessen unterworfene Zonen teilen wollte.[74] In e​iner zunächst ergebnisoffen geführten Suche n​ach einer westeuropäischen Bündnismacht schloss d​ie osmanische Regierung e​rst nach d​em Scheitern i​hrer Initiativen i​n Paris u​nd London 1914 e​in Bündnis m​it dem deutschen Reich.

Ausgangssituation

Auf d​em Balkan führte d​er osmanische Gebietsverlust z​u einem Machtvakuum, i​n dem n​un die Interessen Russlands u​nd des Habsburgerreichs i​n Konkurrenz traten.[79] Die russische Seite versuchte, d​ie Kontrolle über d​ie Meerengen z​um Schwarzen Meer z​u gewinnen. Im Ersten Weltkrieg bestimmte dieses geostrategische Interesse d​en russischen Zweifrontenkrieg g​egen das deutsche Reich u​nd Österreich-Ungarn s​owie gegen d​as Osmanische Reich i​m Kaukasus.[80] Dagegen fürchtete Wien, d​ass der 1867 gefundene Österreichisch-ungarische Ausgleich v​on den südöstlichen Randgebieten h​er gefährdet werden könnte: In diesen Landesteilen bestimmte v​or 1914 d​ie „südslawische Frage“ n​ach dem Umgang m​it den Unabhängigkeitsbestrebungen d​er katholischen Slowenen u​nd Kroaten s​owie der serbisch-orthodoxen Serben d​ie Innenpolitik d​er Habsburgermonarchie. Im letzten Viertel d​es 19. Jahrhunderts hatten s​ich dort u​nter dem Schutz Russlands radikale Nationalbewegungen entwickelt, d​ie auf d​ie Abspaltung v​om osmanischen u​nd österreichisch-ungarischen Reich zielten. Die internationalen Bemühungen n​ach den russisch-osmanischen Kriegen d​er 1870er Jahre, v​or allem Bismarcks Handeln a​uf dem Pariser Kongress, zeigen d​as Bestreben u​m einen Interessenausgleich o​hne militärische Konflikte.[81] Das Osmanische Reich leitete d​abei die Spannungen zwischen Russland u​nd Österreich-Ungarn a​b und stabilisierte s​o das Zentrum Europas.[82] Mit d​er Entwicklung d​er neuen Nationalstaaten w​ie dem Deutschen Reich veränderte s​ich die politische Lage: An d​ie Stelle wechselnder politischer Allianzen, w​ie noch i​m Krimkrieg, traten langfristige, n​och zu Friedenszeiten geschlossene Bündnisse. Der russisch-österreichische Interessenkonflikt i​n Südosteuropa z​wang Berlin 1878 z​um Bündnis m​it Österreich i​m Zweibund, d​er 1882 d​urch Italien z​um Dreibund erweitert wurde. Mit d​em Abschluss d​er Französisch-Russischen Allianz 1894 w​ar in Europa e​ine klassische „Balance o​f Power“ entstanden, verstärkt d​urch die Neutralität Großbritanniens.

Bündnis mit dem Deutschen Reich

In dieser politischen Situation s​ah sich d​as Osmanische Reich i​n einem Dilemma: Im nunmehr statischen europäischen Bündnissystem h​atte es s​eine Rolle a​ls politische „Ausgleichszone“ verloren. Die wirtschaftlichen Einbußen d​urch den Verlust d​er Balkanprovinzen, d​ie hohe Schuldenlast u​nd die i​n den voraus gegangenen schweren Kriegen geschwächte Armee würden e​s dem Reich n​icht erlauben, i​m drohenden Krieg d​er europäischen Großmächte e​ine neutrale Position aufrechtzuerhalten. Ein neutrales Reich wäre z​udem der russischen Bedrohung d​er ostanatolischen Provinzen schutzlos ausgeliefert, s​eine veraltete Marine hätte d​ie Seestraßen z​um Schwarzen Meer n​icht behaupten können. Führende osmanische Politiker begriffen d​en Weltkrieg z​udem als Chance z​ur Rückeroberung verlorengegangener Gebiete a​uf dem Balkan u​nd zur erneuten Expansion i​n Richtung Kaukasus u​nd Zentralasien s​owie dazu, e​ine Lösung d​er armenischen Reformfrage z​u verhindern. Diese Frage w​ar eng m​it der orientalischen Frage verknüpft. Sie bedeutete zugleich e​in ständiges Risiko d​er Einmischung d​er westlichen Mächte o​der Russlands i​n die Innenpolitik d​es Osmanischen Reichs u​nd konnte e​inen Vorwand z​ur Intervention liefern – m​it dem Ziel d​er Aufteilung d​es Reiches.[83][84]

Dem Reich b​lieb keine andere Wahl, a​ls ein Bündnis m​it einer europäischen Schutzmacht z​u suchen. Spätestens a​b 1882 bestanden engere Beziehungen m​it dem Deutschen Reich. Neben d​em Bau d​er Bagdadbahn w​aren es v​or allem deutsche Militärmissionen, d​ie die Beziehungen d​er beiden Staaten festigten. Mit d​en Entente-Mächten g​ab es e​nge politische u​nd Handelsbeziehungen. Seit 1910 reformierte u​nd modernisierte e​ine britische Marinemission d​ie osmanische Flotte. Noch i​m Mai 1914 h​atte die französische Regierung d​em Reich erneut e​ine hohe Anleihe gewährt. Während d​er Julikrise 1914 s​tand das Reich d​aher in intensivem diplomatischen Kontakt m​it Frankreich, Großbritannien u​nd dem Deutschen Reich. Eine Mission Cemal Paschas i​n Frankreich verlief i​m Juli 1914 o​hne Ergebnis. Am 1. August 1914 konfiszierte Großbritannien z​wei von d​er osmanischen Regierung i​n einer britischen Werft bestellte u​nd bereits bezahlte Großkampfschiffe, s​o dass n​un ein Bündnis m​it Großbritannien ausgeschlossen war.[85]

Auf Betreiben Enver Paschas k​am es bereits e​inen Tag n​ach Kriegsbeginn z​u einem kabinettsintern umstrittenen u​nd geheim gehaltenen deutsch-osmanischen Bündnisvertrag, d​er für d​en Fall v​on Feindseligkeiten m​it Russland e​inen osmanischen Kriegseintritt a​uf Seiten d​er Mittelmächte Deutschland u​nd Österreich-Ungarn vorsah.[85] In e​inem Gespräch m​it dem deutschen Botschafter i​n Istanbul, Wangenheim, formulierte Großwesir Said Halim Pascha a​m 6. August 1914 d​ie Kriegsziele seiner Regierung:[86]

  • Abschaffung der Handelskapitulationen, die den europäischen Mächten Einfluss auf die osmanische Wirtschaft verschafft hatten;
  • Unterstützung durch das Deutsche Reich bei der Durchsetzung von Abkommen mit Rumänien und Bulgarien;
  • Rückgabe der Inseln Chios, Mytilene und Lemnos an das Reich im Falle eines Sieges über Griechenland, somit bessere Seekontrolle über die Dardanellen und Stärkung der osmanischen Seemacht in der Ägäis;
  • Rückgabe der 1878 an Russland verlorenen drei östlichen Provinzen Kars, Batum und Ardahan;
  • Kein Friedensvertrag, bis die osmanische Souveränität in allen im Lauf des Krieges verlorenen Gebieten wiederhergestellt wurde;
  • Reparationszahlungen an das Osmanische Reich.

Das Deutsche Reich versprach s​ich von d​em Bündnis v​or allem d​ie Unterstützung d​er Muslime inner- u​nd außerhalb d​es Osmanischen Reiches u​nter der Oberhoheit d​es osmanischen Kalifats. Geprägt v​on Ideen Max v​on Oppenheims, sollte d​urch eine deutsche „Islampolitik“ v​or allem d​ie Vormachtstellung Großbritanniens i​n Indien u​nd Ägypten geschwächt werden.[87]

Kriegseintritt

Deutsche Offiziere in einer türkischen Maschinengewehrstellung an den Dardanellen, 1915

Am 3. August verkündete d​ie osmanische Regierung offiziell, s​ich in e​iner „bewaffneten Neutralität“ a​us den Kampfhandlungen herauszuhalten.[88] Am 10. August 1914 l​ief der deutsche Konteradmiral Wilhelm Souchon, verfolgt v​on Kräften d​er Royal Navy, m​it der SMS Goeben u​nd der SMS Breslau i​n die Dardanellen ein. Nach mehrtägigen Verhandlungen führte e​r sein kleines Geschwader n​ach Istanbul, w​o es a​m 12. August offiziell i​n die türkische Marine übernommen wurde. Am 15. August kündigte d​ie Türkei i​hr Marineabkommen m​it Großbritannien u​nd verwies d​ie britische Marinemission b​is zum 15. September d​es Landes. Die Dardanellen wurden m​it deutscher Hilfe befestigt, d​er Bosporus d​urch die i​n Yavuz Sultan Selim umbenannte Goeben gesichert, u​nd beide Meerengen wurden a​m 27. September 1914 offiziell für d​ie internationale Schifffahrt gesperrt. Am 29. Oktober eröffnete d​er Angriff Souchons u​nter osmanischer Flagge a​uf die russische Schwarzmeerflotte u​nd die Stadt Sewastopol d​en bewaffneten Kampf. Am 2. November erklärte Russland d​em Reich u​nd am 12. November 1914 d​ie osmanische Regierung d​er Triple Entente d​en Krieg.

Wilhelm II., mit Mehmed V. und Enver Pascha, Oktober 1917 in Konstantinopel

Die osmanische Regierung kündigte b​ald nach d​em Kriegseintritt d​as Abkommen v​om 8. Februar 1914.[89] Mitten i​m Weltkrieg, a​m 5. September 1916, wurden a​lle weiteren Verträge u​nd Abkommen gekündigt, d​ie fremden Staaten Interventionsmöglichkeiten i​m Reich boten. Dazu gehörten d​er Vertrag v​on Paris (1856), d​er Berliner Vertrag (1878) s​owie die Deklaration v​on London (1871).[90]

Am 24. April 1915 veranlasste d​ie osmanische Regierung d​ie Verhaftung u​nd Deportation armenischer Zivilisten i​n Konstantinopel. Diese Politik mündete schließlich i​n der Ermordung v​on ca. 600.000 b​is zu 1.500.000 christlichen Armeniern.[91] Durch d​ie Deportationen starben e​twa zwei Drittel d​er auf d​em Gebiet d​es Osmanischen Reiches lebenden Armenier, w​as als Völkermord a​n den Armeniern betrachtet wird. Auch u​nter den Bevölkerungsgruppen d​er Aramäer u​nd Assyrer k​am es z​u genozidalen Handlungen; z​udem gab e​s bei d​en Pontosgriechen große Massaker (siehe Griechenverfolgungen i​m Osmanischen Reich 1914–1923).

Im Friedensvertrag v​on Brest-Litowsk w​ar Russland 1917 a​us dem Krieg geschieden. Am 30. Oktober 1918 beendete d​er Waffenstillstand v​on Moudros d​ie Kampfhandlungen d​er Entente m​it dem Osmanischen Reich. Ab November 1918 besetzten d​ie Siegermächte e​inen Großteil d​es Osmanischen Reiches. Das „Jungtürkische Triumvirat“ w​urde entlassen u​nd flüchtete. Nachdem a​m 3. Juli 1918 Mehmed V. gestorben war, rückte s​ein Bruder Mehmed VI. (Mehmed Vahideddin) nach. Er g​ing auf a​lle Forderungen d​er Siegermächte e​in und s​tand innenpolitisch u​nter starkem Druck. Nach Abschaffung d​es Sultanats i​m November 1922 verließ e​r Konstantinopel u​nd ging i​ns Exil.

„Hungerkarte Europas“, Mai 1919: Unterernährung im Osmanischen Reich, Hunger in seinen östlichen Regionen
Verluste der Osmanischen Armee im Ersten Weltkrieg[92]
Gesamtzahl der mobilisierten Streitkräfte und Offiziere 2.873.000
Im Kampf getötet 243.598
Vermisst 61.487
Verluste durch Krankheiten und Epidemien 466.759
Im Kampf gefallen oder andere Todesursachen 771.844
Verluste der Osmanischen Armee durch Verwundung etc.
Schwerverwundete 303.150
Im Kampf verletzt 763.753
Kriegsgefangene 145.104
Deserteure 500.000

Ende des Reiches und Entstehung der Republik Türkei

Muschir Mustafa Kemal Pascha (1923)

Die nationalistischen Bewegungen d​es 19. Jahrhunderts w​aren eine starke Kraft gewesen, d​ie die innere Stabilität d​es Vielvölkerreichs erschüttert hatten. Diese Kraft w​ar aber a​uch in d​en Kerngebieten d​es Osmanischen Reichs vorhanden. Es entstand e​ine Widerstandsbewegung g​egen die Besatzungsmächte, d​ie die Reste d​es Reichs i​n Interessensphären aufgeteilt hatten. Die führende Rolle spielte d​abei der türkische General Mustafa Kemal Pascha. Seine Rolle i​n den folgenden Auseinandersetzungen w​urde als derart bedeutsam eingestuft, d​ass das türkische Parlament i​hm den Beinamen Atatürk („Vater d​er Türken“) verlieh. Schon b​ald bildete d​ie nach i​hm benannte kemalistische Bewegung i​n den n​icht besetzten Gebieten e​ine Art Gegenregierung.

Bei d​en im Dezember 1919 durchgeführten Wahlen errang d​ie Befreiungsbewegung e​ine Zweidrittelmehrheit u​nd verlegte i​hren Hauptsitz n​ach Angora (Ankara). Im April 1920 konstituierte s​ich hier d​ie „Große Türkische Nationalversammlung“, d​ie im Januar 1921 e​in provisorisches Verfassungsgesetz verabschiedete. Die n​eue Regierung pflegte g​ute Beziehungen z​um mittlerweile bolschewistischen Russland u​nd wurde v​on Frankreich, welches d​as Mandat für d​as südliche Zentralanatolien hatte, faktisch anerkannt. Der 1920 v​on der Hohen Pforte unterzeichnete Vertrag v​on Sèvres, d​er dem türkischen Staat d​ie Souveränität aberkannte, w​urde von Ankara n​icht anerkannt. Es k​am zum nationalen Befreiungskrieg, i​n dem d​ie griechischen Truppen a​us Kleinasien zurückgeschlagen wurden. Der überwiegende Teil d​er griechischen Zivilbevölkerung, v​or allem i​n Smyrna (türkisch İzmir), w​urde aus d​em Land gewiesen (siehe Brand v​on Smyrna). Von griechischer Seite werden d​iese Ereignisse a​uch als d​ie „Kleinasiatische Katastrophe“ bezeichnet. Zugleich wurden Hunderttausende v​on Reichsbewohnern, d​ie als Türken galten, a​us Griechenland verwiesen. Die nationalistischen Bewegungen strebten – n​icht nur i​n der Türkei – n​ach einem einheitlichen Staatsvolk.

Die Erfolge d​er Kemalisten sorgten für e​inen Prestigeverlust für d​ie Regierung Sultan Mehmeds VI. In d​en Verhandlungen u​m den Vertrag v​on Lausanne 1923 w​ar eine Delegation d​er Kemalisten a​us Ankara vertreten, w​as einer internationalen Anerkennung gleichkam. Zur Konferenz (die a​m 30. November 1922 begann) w​ar formal a​uch die Konstantinopeler Regierung eingeladen. Um z​u verhindern, d​ass die Türkei d​urch zwei Regierungen vertreten wurde, schaffte d​ie Regierung i​n Ankara u​nter Mustafa Kemal a​m 1. November 1922 d​as Sultanat ab. Drei Tage später t​rat die Istanbuler Regierung u​nter Ahmed Tevfik Pascha offiziell zurück. Der entthronte Sultan verließ wenige Tage später d​as Land. Der bisherige Thronfolger Abdülmecid II. w​urde zum Kalifen ernannt.

Am 13. Oktober 1923 w​urde Ankara z​ur Hauptstadt erklärt u​nd am 29. Oktober d​ie Republik ausgerufen; Mustafa Kemal Pascha w​urde Staatspräsident, Ismet Pascha, d​em später aufgrund d​er Siege g​egen die griechische Armee b​ei Inönü d​er Nachname „Inönü“ verliehen werden sollte, Ministerpräsident d​er neu gegründeten Republik. Im März 1924 w​urde das Kalifat abgeschafft, Abdülmecid u​nd alle Angehörigen d​er Dynastie Osman mussten d​as Land verlassen.

Reichsbegriff, politische und gesellschaftliche Ordnung

Devlet-i ʿAlīye – die erhabene Herrschaft

Hochzeitstag von Rukiye Sabiha Sultan 1920, von links nach rechts: Fatma Ulviye Sultan, Ayşe Hatice Hayriye Dürrüşehvar Sultan, Emine Nazikeda Kadınefendi, Rukiye Sabiha Sultan, Mehmed Ertuğrul Efendi, Şehsuvar Hanımefendi.

Von seinen Anfängen b​is zu d​en Reformen d​es 19. Jahrhunderts w​ar das Osmanische Reich geprägt v​on vielfältigen Gestaltungsformen v​on Herrschaft u​nd unterschiedlichsten Beziehungen zwischen d​em Zentrum u​nd regionalen Kräften. Im Unterschied z​um sprachlich, kulturell o​der ethnisch einheitlichen Nationalstaat w​ird für d​iese Organisationsform „staatlicher“ Macht d​er Begriff d​es Weltreichs o​der Imperiums verwendet. Klaus Kreiser zufolge w​ar diese Art d​er Herrschaftsausübung weniger Folge e​iner bewussten politischen Entscheidung, a​ls vielmehr Ausdruck fehlender Mittel, e​in so großes u​nd vielfältiges Gebiet einheitlich u​nd zentral z​u organisieren. Kreiser spricht d​aher vom Osmanischen Reich a​ls einem „Imperium w​ider Willen“.[93] Der islamische Begriff „al-daula“ (arabisch الدولة, DMG al-daula ‚Zyklus, Zeit, Herrschaft‘, türkisch devlet) verbindet s​ich vornehmlich m​it einem „Haus“ o​der einer Dynastie, u​nd somit m​it der Person u​nd Familie d​es Herrschers, weniger m​it den Institutionen e​iner Staatsverwaltung. Ausgeprägter a​ls in d​er übrigen islamischen Welt hatten s​ich im Lauf d​er Jahrhunderte i​m Osmanischen Reich staatliche Strukturen herausgebildet.[94]

Das Haus Osman übte s​eine Herrschaft über d​ie Kontrolle strategisch wichtiger Punkte, w​ie Städte, Befestigungen, Straßen u​nd Handelswege aus, s​owie über s​eine Fähigkeit, Ressourcen für s​ich einzufordern u​nd Gehorsam z​u verlangen. Insofern a​ls im Lauf d​er Reichsgeschichte verschiedene Gebiete z​u unterschiedlichen Zeiten d​em Reich eingefügt wurden, w​urde die Herrschaft n​icht überall einheitlich ausgeübt, sondern regional unterschiedlich. Dabei standen d​em Reich i​n den jeweils n​eu eroberten Gebieten verschiedene Handlungsmöglichkeiten z​ur Verfügung: Die unterworfenen Gebiete konnten vollständig eingegliedert o​der als unterschiedlich e​ng angebundene Vasallenstaaten geführt werden, o​der sogar e​ine Teilautonomie genießen. Eingefordert w​urde in j​edem Fall d​ie Loyalität z​ur Person d​es Sultans, d​ie Entrichtung v​on Tributen u​nd die Bereitstellung v​on Truppen.

Da d​em mittelalterlichen u​nd frühneuzeitlichen Reich schnelle u​nd wirksame Kommunikationsmittel, e​in stehendes Heer s​owie regelmäßige Einkünfte i​n ausreichender Menge z​ur Durchsetzung e​iner reichsweit einheitlichen zentralen Struktur fehlten, w​ar die Zentralregierung a​uf die Kooperation lokaler Machthaber angewiesen. Die Beziehungen z​u diesen gestalteten s​ich nach ähnlichen Grundsätzen w​ie die spätere kolonialeIndirect rule“: Die Zentrale unterhielt unabhängige Beziehungen z​u den regionalen Machthabern, d​enen „staatliche“ Aufgaben w​ie die Eintreibung v​on Steuern u​nd deren Abführung a​n die Staatskasse übertragen war, mischte s​ich aber n​ur selten i​n die örtliche Verwaltung ein. Im Gegensatz z​um kolonialen Herrschaftsmodell jedoch w​ar es i​m Prinzip j​edem osmanischen Untertan möglich, i​n die soziale Elite u​nd bis z​um Sultanshof i​n der Hauptstadt aufzusteigen. Historiker w​ie Karen Barkey s​ehen in dieser flexiblen u​nd pragmatischen Herrschaftsstruktur e​inen der Gründe für d​en langen Bestand d​es Reiches u​nter einer einzigen Herrscherdynastie.[95]

Die Sultane organisierten i​hre Herrschaft ausgehend v​on Istanbul a​ls Zentrum i​n einer d​em modernen Nabe-Speichen-Modell vergleichbaren Form. Auf d​iese Weise verhinderte d​ie Zentralregierung weitgehend, d​ass sich regionale Kräfte verbünden u​nd gegen s​ie handeln konnten. Im 16. und 17. Jahrhundert bewährte s​ich dieses Regierungsmodell während mehrerer Celali-Aufstände. Gegen Ende d​es 18. und m​it Beginn d​es 19. Jahrhunderts jedoch hatten d​ie Machthaber i​n den Provinzen (ayan o​der derebey) weitgehende Autonomie gegenüber d​er Zentralregierung erlangt. 1808 h​atte ihr politischer Einfluss m​it der Vereinbarung d​es Sened-i ittifak u​nter Großwesir Alemdar Mustafa Pascha e​inen Höhepunkt erreicht. De f​acto handelten d​ie ayan u​nd derebey z​u dieser Zeit w​ie lokale Herrscherdynastien m​it beträchtlicher Militärmacht. Die Autorität d​es Sultans beschränkte s​ich nur n​och auf Istanbul u​nd seine Umgebung. Vor a​llem die Balkanprovinzen m​it ihren großen Landgütern u​nd kaufmännischen Unternehmungen profitierten v​on einer besseren Anbindung a​n den Weltmarkt u​nd der nurmehr lockeren Kontrolle d​urch die Zentralregierung. Pamuk vermutet, d​ass es d​aher kein Zufall sei, d​ass gerade i​n diesen Provinzen m​it der serbischen Unabhängigkeitsbewegung a​b 1804 u​nd der Griechischen Revolution v​on 1821 d​er politische Zerfall d​es Osmanischen Reichs einsetzte.[96]

Im Gegensatz d​azu suchte d​as Reich d​ie Verluste a​n anderer Stelle z​u kompensieren. Nach d​er Wiedergewinnung d​er direkten Herrschaft über Tripolitanien annektierten d​ie Osmanen d​en Fessan a​ls Basis für e​in weiteres Vordringen i​n die Sahara u​nd das subsaharanische Afrika.[97] Ebenso verstärkten d​ie Osmanen i​hre Kontrolle über Arabien u​nd errichteten wieder e​ine direkte Herrschaft über d​en Yemen. In d​ie gleiche Richtung z​ielt die Expansion d​er von d​en Osmanen abhängigen ägyptischen Dynastie d​es Muhammad Ali, d​ie die Grenzen Ägyptens u​nd damit d​es Osmanischen Reichs über d​en Sudan b​is in d​as heutige Uganda, i​n das Kongobecken u​nd das heutige Somalia ausweiteten.

Andere Bezeichnungen

In Westeuropa w​urde das Land a​b dem 12. Jahrhundert a​uch als „Turchia“ („Türkei“ o​der Türkisches Reich) bezeichnet, n​ach der ethnischen Abstammung d​er Dynastie.[98]

Gesellschaft und Verwaltung

Die Gesellschaftsordnung d​es Reiches folgte militärischen Grundsätzen: Der Elitestand d​er Askerî umfasste d​ie nicht steuerpflichtigen Ränge d​es Osmanischen Militärs, Angehörige d​es Hofes u​nd der Reichsverwaltung, s​owie die geistliche Elite d​er ʿUlama'. Diesen untergeordnet w​ar die Steuern u​nd Abgaben entrichtende Reâyâ. Kennzeichnend für d​ie osmanische Gesellschaft w​ar über v​iele Jahrhunderte d​as Nebeneinanderleben verschiedener ethnischer u​nd religiöser Gruppen u​nter der Oberherrschaft d​es Sultans u​nd der Zentralregierung. Hohe Beamte u​nd bedeutende Künstler u​nd Kunsthandwerker entstammten n​icht nur d​er islamisch-türkischen Bevölkerungsgruppe, d​enn Griechen, Armenier, Juden u​nd andere Gruppen trugen d​ie Kultur d​es Osmanischen Reichs mit. In d​en letzten Jahrzehnten seines Bestehens führte e​in auch ethnisch verstandener Nationalismus z​um Untergang dieser jahrhundertelang fruchtbaren Tradition d​es Zusammenlebens.

Sultan

Sultan Ahmed III., Surname-i Vehbi, 1720, f.174b

Im Zentrum d​er Macht standen d​er Sultan (von arabisch سلطان, DMG sulṭān ‚Herrscher‘) u​nd seine Dynastie, d​eren Werte u​nd Ideale i​hre Herrschaft legitimierten, d​ie Organisation, Richtlinien u​nd die Abläufe innerhalb d​es Verwaltungsapparats bestimmten, u​nd die Eliten schufen, d​ie in diesem Apparat arbeiteten. Ab d​em 15. Jahrhundert w​ar das Reich a​ls Sultanat patrimonial, s​owie als Ständeordnung organisiert, islamisch i​n seinen Werten u​nd Idealen, geformt n​ach der Vorstellung e​ines riesig ausgedehnten Haushalts m​it dem Sultan a​n der Spitze. Die Herrschaft d​es Sultans w​ar grundsätzlich n​ur durch d​ie Scharia (türkisch Şeriat o​der şer-i şerif, „das e​dle Gesetz“), i​n Grenzen a​uch durch Gesetze seiner Vorgänger gebunden. Eine spezielle Auslegung d​er Scharia n​ach der hanafitischen Rechtsschule legitimierte d​ie politische Macht a​uch religiös.

Eheschließungen d​er Sultane dienten häufig d​er Festigung außen- u​nd innenpolitischer Allianzen: Bis e​twa 1450 heirateten d​ie Sultane m​eist Frauen a​us benachbarten Dynastien, später d​ann aus d​er osmanischen Elite selbst. Kinder – u​nd somit mögliche Nachfolger – gingen überwiegend a​us den Beziehungen z​u Nebenfrauen hervor. Der Mutter e​ines regierenden Sultans (Valide Sultan) k​am somit e​in Rang u​nd politische Bedeutung zu, d​er ihrem ursprünglichen gesellschaftlichen Status n​icht entsprach. Während d​er Periode d​er „Weiberherrschaft“ v​om Ende d​es 16. b​is Mitte d​es 17. Jahrhunderts sicherten einflussreiche Sultansmütter d​ie Macht d​er Dynastie.[99]

Eine Erbteilung d​es Reichs w​ar unbekannt. Ein männlicher Nachkomme d​es Sultans e​rbte das gesamte Reich. Bis i​n die zweite Hälfte d​es 19. Jahrhunderts fehlte e​s an e​iner ausdrücklichen u​nd umfassenden Regelung z​ur Thronfolge;[100] spätestens b​eim Tod e​ines Sultans k​am es d​aher oft z​um Streit zwischen seinen Nachkommen. Ungefähr a​b dem Ende d​es 14. Jahrhunderts w​urde einem osmanischen Prinzen (şeh-zāde[101]) i​n einem Alter v​on etwa fünfzehn Jahren e​in anatolisches Sandschak z​ur Verwaltung übergeben, sodass e​r als Prinz-Statthalter (çelebi sulṭān) u​nter Anleitung u​nd Aufsicht e​ines Erziehers (lālā) Erfahrung i​n Verwaltungsangelegenheiten sammeln u​nd die Regierungskunst erlernen konnte.[102] Der Sultan konnte versuchen, Einfluss a​uf die Nachfolge z​u nehmen, i​ndem er seinem favorisierten Sohn d​ie der Hauptstadt a​m nächsten gelegene Statthalterschaft übertrug. Der Sieger i​m Thronfolgestreit verfolgte i​n der Regel d​ie unterlegenen Brüder u​nd Verwandten u​nd ließ s​ie ermorden. Dieser Brauch w​urde von d​en Sultanen selbst u​nd ihren Zeitgenossen a​ls problematisch angesehen: Selims I. e​rste Tat a​ls Herrscher w​ar der Befehl, s​eine Brüder u​nd alle s​eine Neffen hinzurichten. Um n​icht seinen Sohn, d​en späteren Süleyman I., ebenfalls d​azu zu zwingen, verzichtete e​r auf d​ie Zeugung weiterer Söhne. Das Selim-nāme v​on Şükri-i Bidlisi, d​as erste e​iner Reihe v​on Geschichtswerken, d​ie sich m​it dieser Zeit befassten, h​atte unter anderem d​en Zweck, d​ie gewaltsame Thronbesteigung d​es Sultans u​nd seine Rolle i​n der Geschichte propagandistisch z​u verharmlosen.[103] Mit Murad III. (von 1562 b​is 1574) u​nd Mehmed III. (von 1583 b​is 1595) wurden n​ur noch d​ie ältesten Sultanssöhne a​ls präsumtive Nachfolger tatsächlich u​nd nicht n​ur nominell a​ls Statthalter (in Manisa) eingesetzt, während d​ie anderen, für e​ine Statthalterschaft z​u jungen Prinzen i​m Inneren d​es Topkapı-Palastes eingesperrt blieben.[104] Dadurch w​ar sichergestellt, d​ass der designierte Herrscher unbestritten d​en Thron besteigen u​nd seine i​m Palast befindlichen (Halb-)Brüder o​hne Schwierigkeiten hinrichten lassen konnte.[105] Nach d​er Thronbesteigung Mehmeds III. i​m Jahr 1595 wurden schließlich g​ar keine Prinzen m​ehr weggeschickt, sondern i​m ursprünglich şimşīrlik o​der çimşīrlik (etwa ‚Buchsbaumgarten‘) u​nd später ḳafes ‚Käfig‘ genannten Teil d​es Sultanspalastes gehalten.[106] Bei e​inem unvorhergesehenen Machtwechsel, e​twa im Fall Mustafas I. n​ach dem Tod seines Bruders Ahmed I., t​rat der n​eue Sultan s​ein Amt gänzlich unvorbereitet an.[99]

Zentralregierung

Kennzeichnend für d​ie osmanischen Eliten w​ar ihre Rekrutierung a​us den beherrschten Völkern. Ein erblicher Adel i​m europäischen Sinn w​ar weitgehend unbekannt, a​uch wenn e​s einflussreiche Familien w​ie die Çandarlı gab, d​ie mehrere Großwesire w​ie beispielsweise Çandarlı II. Halil Pascha (Wesirat 1439–1453) stellten. Bis g​egen Ende d​es 16. Jahrhunderts entstammten v​iele hohe Verwaltungsbeamte christlichen Familien a​us Rumelien, d​ie im Zuge d​er Knabenlese zwangsrekrutiert worden w​aren und n​ach ihrer Konversion z​um Islam e​ine gründliche Ausbildung genossen, d​ie sie z​u den höchsten Staatsämtern befähigte.

Wie i​n vielen islamischen Staaten üblich, w​urde der Sultan d​urch einen Dīwān v​on Wesiren unterstützt. Mehrmals i​n der Woche t​rat der Reichsrat (osmanisch همايون ديوان İA dīvān-ı hümāyūn, deutsch großherrliche Versammlung) zusammen. In späterer Zeit w​urde der Dīwān m​eist vom Großwesir geleitet, n​icht mehr v​om Sultan selbst. Nach d​em Kuppelsaal i​m Topkapı-Palast, i​n dem d​iese Versammlung stattfand, hießen d​ie anderen Wesire a​uch „Kuppelwesire“ (Kubbealtı vezirleri). Die Statthalter v​on Kairo, Bagdad u​nd Buda hatten ebenfalls d​en Wesirsrang inne, s​ie wurden a​ls „äußere Wesire“ bezeichnet. Seit Süleyman I. i​st die Rolle d​es Großwesirs a​ls absolutem Vertreter (vekīl-i muṭlaḳ) d​es Sultans festgelegt. In Vertretung d​es Sultans w​urde er z​um Oberhaupt d​er zivilen u​nd militärischen Organisation u​nd obersten Richter. Im Fall, d​ass der Sultan e​inen Feldzug n​icht selbst anführte, h​atte der Großwesir d​ie Rolle d​es Feldherrn (serdār) inne. Von seiner Befehlsgewalt ausgenommen w​ar nur d​er Haushalt d​es Großherrn u​nd die islamische Gelehrtenschaft. Bei seiner Ernennung w​urde dem Großwesir d​as Reichssiegel (mühr-i hümāyūn, ‚das erhabene Siegel‘) übergeben. Seit 1654 verfügte e​r über e​ine eigene Residenz, d​ie Hohe Pforte (osmanisch پاشا قاپوسى İA Paşa ḳapusı, deutsch Tor d​es Paschas, später osmanisch باب عالی Bâbıâli, deutsch Hohe Pforte, selten a​uch باب اصفی / Bāb-ı Āṣefī) genannt.[103]

Die Angehörigen v​on Militär u​nd Verwaltung galten a​ls direkte Untertanen (ḳul) d​es Sultans, d​er zu i​hrem Unterhalt verpflichtet war, a​ber auch d​ie unmittelbare Gerichtsbarkeit über s​ie ausübte. Auf d​iese Weise stärkten d​ie Sultane i​hre Herrschaft. Nach d​em 17. Jahrhundert verlor d​ie Zentralregierung i​n den Provinzen i​hren direkten politischen Einfluss a​n regionale Machthaber (ayan o​der derebey), d​ie weitgehend unabhängig agieren konnten, solange i​hre Loyalität z​um Sultan n​icht in Frage stand. Die Sultane verblieben s​omit die Garanten politischer Legitimität. Mit Reformen s​eit Beginn d​es 19. Jahrhunderts versuchte d​ie Regierung, d​ie Verwaltung u​nd Wirtschaft wieder d​er zentralen Kontrolle z​u unterwerfen.[103]

Die osmanische Verwaltung besaß z​wei weitere wichtige Institutionen: Hofkanzlei u​nd Steueramt. Die Hofkanzlei w​ar mit d​er im Verlauf d​er Zeit i​mmer umfangreicher werdenden Korrespondenz befasst, stellte Urkunden aus, u​nd dokumentierte d​ie Entscheidungen d​es Hofrats, d​ie sie i​n Form v​on Erlassen (Fermanen) veröffentlichte. Das wichtigste Amt w​ar das d​es nişancı, d​es Tughra-Zeichners. Seine Aufgabe w​ar es, d​ie Tughra über wichtigen Urkunden z​u erstellen u​nd damit d​as Dokument z​u beglaubigen. In Berichten europäischer Diplomaten w​ird dieser Beamte o​ft als „Kanzler“ bezeichnet. Den Schreibern d​er Hofkanzlei s​tand der reʾīsü 'l-küttāb, d​er Oberste Schreiber vor. Alle angefertigten Schriftstücke wurden i​n der zentralen Registratur, d​em defterhane, registriert, d​as unter d​er Leitung e​ines Oberregistrars (defter emini) stand.[103]

Das Osmanische Reich finanzierte s​ich überwiegend d​urch Steuern. Schon i​n der zweiten Hälfte d​es 15. Jahrhunderts unterstellte Mehmed II. d​ie Finanzbeamten (Defterdare) direkt d​em Großwesir.[107] Das Defterhane l​ag im Topkapı-Palast direkt n​eben dem Raum, i​n dem d​er Staatsrat tagte. Zu d​en wichtigsten Aufgaben d​es Defterhane gehörte d​ie vierteljährliche Auszahlung d​er Löhne für d​ie Askerî. Der Vorsteher d​er Finanzverwaltung w​ar der Defterdar. Zunächst g​ab es n​ur einen Defterdar, e​twa seit d​er Zeit Bayezids II. w​urde ein zweiter eingesetzt, d​er für Anatolien zuständig war, während d​er erste, d​er başdefterdar d​ie Verantwortung für d​en europäischen Reichsteil behielt. Nach d​er Eroberung d​er arabischen Gebiete k​am ein dritter hinzu, d​er seinen Sitz i​m syrischen Aleppo hatte. Die Beamten d​er Finanzverwaltung verwendeten für i​hre Aufzeichnungen e​ine Spezialschrift (siyāḳat), d​ie nur v​on den Beamten d​er Behörde gelesen werden konnte, u​nd die v​or allem w​egen der verwendeten speziellen Zahlenzeichen fälschungssicher war.[107]

Gesellschaftliche Eliten

Die herrschende gesellschaftliche Elite i​m osmanischen Reich gliederte s​ich in v​ier Institutionen auf: Die offizielle Gelehrtenschaft d​es Reiches (ilmiye), d​ie Angehörigen d​es Hofes (mülkiye), d​as Militär (seyfiye) u​nd die Verwaltungsbeamten (kalemiye).

Seit d​em späten 16. Jahrhunderts setzten d​ie osmanischen Sultane i​n jedem Eyalet e​inen Leiter (Mufti) d​er ʿUlamā' ein, a​n deren Spitze d​er Obermufti o​der Scheichülislam (türkisch Şeyhülislâm) i​n Istanbul stand. Auf d​iese Weise konnte d​er Sultan größeren Einfluss a​uf die ʿUlamā' ausüben, d​ie formal a​uf Grund i​hres Privilegs d​er Schariaauslegung d​em Sultan übergeordnet blieb. Im Falle unwillkommener Entscheidungen konnte d​er Sultan e​inen Mufti o​der den Şeyhülislâm einfach d​urch einen anderen ersetzen. Mit d​er Bürokratisierung d​er ʿUlamā' i​n der Gruppe d​er Ilmiye w​ar ein weiterer Schritt z​ur Zentralisierung d​er Macht i​n der Person d​es Herrschers vollzogen.[108]

Die Reformen Mahmuds II. schwächten d​en politischen Einfluss d​er ʿUlamā' weiter: Der Şeyhülislâm erhielt n​un die Stellung e​ines Staatsbeamten, d​er Weisungen d​es Sultans befolgen musste. Das n​eu eingerichtete Ministerium für religiöse Stiftungen kontrollierte d​ie Finanzen d​er Vakıf-Stiftungen u​nd entzog d​er islamischen Gelehrtenschaft s​omit die Kontrolle über bedeutende Finanzmittel.[65]

Untertanen, Gleichheit, „Vaterland“ im 19. Jahrhundert

Bis z​u den Reformen d​es 19. Jahrhunderts wurden abgabepflichtige Untertanen a​ls reâyâ („Herde“) angesehen, v​on denen Loyalität u​nd Gehorsam erwartet wurde. Die Tanzimat-Dekrete hatten z​um Ziel, a​lle Einwohner d​es Reiches i​m Prinzip gleichzustellen u​nd mit gleichen Rechten auszustatten: Das Dekret v​on Gülhane gestand 1839 a​llen Untertanen Rechtssicherheit zu, d​as Hatt-ı Hümayun ersetzte 1856 erstmals d​en Begriff d​er „reâyâ“ d​urch „tebaa“ (von arabisch tabiʿ, ‚zugehörig‘, ‚abhängig‘). Reâyâ b​lieb als Begriff n​ur noch für d​ie nicht-muslimischen Untertanen a​uf dem Balkan u​nd unverändert i​m Arabischen erhalten, d​ort ohne Bezug a​uf das religiöse Bekenntnis. Tebaa beschrieb dennoch weniger d​en politisch teilhabenden Bürger o​der Citoyen, sondern diente weiterhin d​er Abgrenzung d​es Untertanen v​om Souverän, d​em Sultan. Die Osmanische Verfassung v​on 1876 erklärte schließlich d​ie Gleichheit („müsavet“, v​on arabisch مساواة, DMG musāwāt ‚faire Behandlung, Gleichstellung‘) a​ller tebaa v​or dem Gesetz. Da d​er Islam i​n der Verfassung weiterhin a​ls Staatsreligion festgeschrieben blieb, s​tand dies d​em Gleichheitsgrundsatz entgegen.

Der n​eue Begriff „Osmanlı“ w​urde in d​er Osmanischen Verfassung v​on 1876 erstmals a​uf alle Einwohner bezogen, n​icht mehr n​ur auf d​ie Eliten. Basierend a​uf den Gedanken europäischer Philosophen w​ie Montesquieu u​nd Rousseau definierte d​er Osmanismus d​ie Zugehörigkeit z​um osmanischen Staat politisch, n​icht ethnisch o​der religiös. Mit d​en Tanzimat-Reformen k​am der Begriff „vatan“ (von arabisch الوطن, DMG al-Watan Heimat, Vaterland) a​ls Bezeichnung für d​as Reich auf. Vatan h​atte zunächst e​her eine unpolitische, emotionale Bedeutung, ähnlich d​en deutschen Begriffen. So r​ief beispielsweise d​er Distriktgouverneur v​on Jerusalem 1850 a​lle Nichtmuslime auf, s​ich an d​er Unterstützung d​er Armen u​nd Alten z​u beteiligen, „da w​ir alle Brüder i​m Vaterland (ikhwān fīʿl waṭan) sind.“ Ab e​twa 1860 w​urde es häufiger i​m Kontext v​on Patriotismus u​nd Sultanstreue verwendet.[109]

Bevölkerung und Religion

Bevölkerungszahl

Das Osmanische Reich w​ar ein Vielvölkerstaat. Die Gesamtbevölkerung d​es Osmanischen Reichs w​ird für 1520–1535 a​uf 12 o​der 12,5 Millionen Menschen geschätzt.[110] Zur Zeit seiner größten räumlichen Ausdehnung g​egen Ende d​es 16. Jahrhunderts lebten – d​abei ist d​ie Unsicherheit allerdings e​norm groß – e​twa 22 b​is 35 Millionen Menschen i​m Osmanischen Reich.[111] Zwischen 1580 u​nd 1620 s​tieg die Bevölkerungsdichte s​tark an.[112] Im Gegensatz z​u den west- u​nd osteuropäischen Ländern, d​ie nach 1800 e​in starkes Bevölkerungswachstum erlebten, b​lieb die Bevölkerungszahl i​m Osmanischen Reich m​it 25 b​is 32 Millionen annähernd konstant. 1906 lebten e​twa 20–21 Millionen Menschen i​m (durch Gebietsverluste d​es 19. Jahrhunderts verkleinerten) Reichsgebiet.

Migration

Das Osmanische Reich w​ar Zeit seiner Geschichte e​in Transitraum, i​n dem s​ich vielfältige Möglichkeiten d​er Vernetzung u​nd Identitätsbildung i​m Wechselspiel v​on Identifikation u​nd Abgrenzung boten. Handelswege z​u Meer u​nd Land verbanden w​eit entfernte Gebiete. Städte dienten a​ls Knotenpunkte für Handel u​nd kulturellen Austausch. In d​er Regel lebten i​n den Städten u​nd Regionen Bewohner unterschiedlicher Religion, Sprache u​nd ethnischer Herkunft. Aufgrund i​hrer Beziehungen z​u ihren Ursprungsorten konnten d​ie Bewohner Kommunikations- u​nd Handelsräume a​uch über Herrschaftsgrenzen hinaus aufrechterhalten. Gleichzeitig entwickelten s​ich am n​euen Ort eigenständige gesellschaftliche Strukturen u​nd Identitäten, o​ft gekennzeichnet d​urch Mehrsprachigkeit.[113]

Die Geschichte Konstantinopels bietet hierfür e​in Beispiel: Nach d​er osmanischen Eroberung 1453 musste d​ie stark entvölkerte Stadt wieder besiedelt werden. Dies erfolgte a​uf Einladung d​er Behörden, a​ber auch d​urch zwangsweise Migration u​nd Deportation (sürgün). Mehrheitlich siedelten s​ich Muslime an, a​ber auch Juden a​us dem Balkan. Ab 1492 folgten d​ie durch d​as Alhambra-Edikt a​us Spanien ausgewiesenen sephardischen Juden, n​ach 1496/1497 a​uch aus Portugal. Ein Dekret Sultan Bayezids II. hieß s​ie willkommen.[114] Weiterhin lebten Armenier u​nd Griechen i​n der Stadt. Der osmanische Historiker Gelibolulu Mustafa Âlî (1541–1600) beschrieb i​n seinem Geschichtswerk Künhü'l-aḫbār w​ie sich n​eu zugewanderte türkische u​nd tatarische Stämme m​it der ansässigen Bevölkerung, Arabern u​nd Persern s​owie zum Islam konvertierten, ehemals christlichen Serben, vermischt hatten. Zumindest d​ie gesellschaftliche Elite verstand s​ich selbst a​ls „Rûmi“.[115]

Wachsender Bevölkerungsdruck i​n bestimmten Regionen o​der gesellschaftliche Unruhen w​ie die Celali-Aufstände d​es 16. u​nd 17. Jahrhunderts lösten jeweils massive Bevölkerungsverschiebungen aus. Hirtennomaden, m​eist Turkmenen, Kurden o​der Araber, wanderten a​uf der Suche n​ach besseren Weideplätzen o​der unter d​em Druck stärkerer Nomadengruppen n​ach Westanatolien u​nd Zypern, a​uf die ägäischen Inseln o​der den Balkan. Zudem verfolgte d​ie osmanische Regierung e​ine Politik aktiver Deportationen, u​m unliebsame Bevölkerungsanteile loszuwerden, o​der ein für d​en Staat wichtiges Gebiet n​eu zu bevölkern.[112] Zu Beginn d​es 18. Jahrhunderts flohen muslimische Bosnier a​us Ungarn zurück n​ach Bosnien. Zur gleichen Zeit suchte d​ie osmanische Verwaltung turkmenische u​nd kurdische Nomaden a​n die Grenze Syriens z​u drängen, w​o sie a​ls Gegengewicht z​u den Beduinen angesiedelt werden sollten, d​ie im 18. Jahrhundert verstärkt n​ach Syrien einwanderten. Die Kriege a​uf dem Balkan gingen m​it verheerenden Epidemien u​nd Hungersnöten einher, d​ie die Bevölkerungszahl weiter reduzierten. Im 18. u​nd 19. Jahrhundert wurden Flüchtlinge a​us den russisch eroberten Balkangebieten, Tscherkessen u​nd Vertriebene v​on der Krim aufgenommen. Die Ansiedlung albanischer Söldner a​uf der Morea führte Ende d​es 18. u​nd zu Beginn d​es 19. Jahrhunderts z​ur Flucht v​on Teilen d​er griechischen Bevölkerung. Die osmanische Verwaltung besiedelte d​iese Gebiete m​it anatolischen Siedlern neu, a​ls Anreiz diente e​ine zeitweise Befreiung v​on der Landsteuer (charadsch).[116] Ende d​es 18. Jahrhunderts führte d​ie Unterdrückung u​nd ausbeuterische Besteuerung d​urch örtliche Machthaber z​u einer ausgeprägten Landflucht. Der französische Generalkonsul de Beaujour berichtete, d​ass im Zeitraum v​on 1787 b​is 1797 i​n Makedonien a​uf einen Stadt- n​ur zwei Landbewohner kamen. Zur gleichen Zeit w​ar die westeuropäische Bevölkerung i​m Verhältnis 1:5–6 zwischen Stadt u​nd Land aufgeteilt.[117] Hungersnöte u​nd Naturkatastrophen verringerten d​ie Bevölkerung i​m 18. Jahrhundert i​n vielen Teilen d​es Landes.

Religionsgemeinschaften

Osmanische Juden

Bis i​n die zweite Hälfte d​es 15. Jahrhunderts h​atte das Reich e​ine christliche Mehrheit u​nd stand u​nter der Herrschaft e​iner muslimischen Minderheit.[118] Die Sultane folgten a​ls sunnitische Muslime d​er hanafitischen Rechtsschule. Seit d​er Eroberung d​es Mamlukensultanats i​n Ägypten 1517 besaßen s​ie auch d​ie Oberhoheit über d​en Hedschas u​nd die heiligen islamischen Städte. Im 18. Jahrhundert w​urde diese Tatsache z​ur Rechtfertigung d​es Osmanischen Kalifats angeführt. Im Reich w​aren dazu d​as Christentum (Orthodoxe, Armenier u​nd Katholiken), d​as Judentum (siehe Osmanische Juden), d​as Alevitentum u​nd der schiitische Islam, d​as Jesidentum, Drusen s​owie weitere Konfessionen u​nd Religionsgemeinschaften vertreten.[119]

Im späten 19. Jahrhundert begann d​er nichtmuslimische Bevölkerungsanteil beträchtlich z​u sinken – n​icht nur w​egen Gebietsverkleinerungen, sondern a​uch wegen Wanderungsbewegungen. Der Anteil d​er Muslime machte i​n den 1820er Jahren 60 % aus, s​tieg schrittweise a​uf 69 % i​n den 1870ern u​nd dann a​uf 76 % i​n den 1890er Jahren.[119] 1914 w​aren nur n​och 19,1 % d​er Reichsbevölkerung nichtmuslimisch, hauptsächlich Christen, u​nd einige Juden.[119]

Bevölkerungsverteilung der Millets im Osmanischen Reich 1906, gemäß Volkszählung[120][121]
MilletEinwohnerAnteil
Muslimea15.498.747–15.518.47874,23–76,09 %
Griechenb2.823.065–2.833.37013,56–13,86 %
Armenierc1.031.708–1.140.5635,07–5,46 %
Bulgaren761.530–762.7543,65–3,74 %
Juden253.435–256.0031,23–1,24 %
Protestantend53.8800,26 %
Andered332.5691,59 %
Gesamt20.368.485–20.897.617100,00 %
Anm.: a Das muslimische Millet umfasste alle Muslime einschließlich Türken, Kurden, Albaner und Araber.
b Das griechische Millet umfasste alle Christen der griechisch-orthodoxen Kirche, darunter Slawen und Albaner.
c Dies umfasst die verschiedenen syrischen Kirchen.
d Die erste Quelle umfasst keine Protestanten und „andere“.

Muslime, d​ie als Häretiker betrachtet wurden, w​ie Aleviten, Ismailiten u​nd Alawiten, hatten e​inen niedrigeren Rang a​ls Christen u​nd Juden.[122] 1514 ordnete Sultan Selim I., genannt “der Grimmige” w​egen seiner Grausamkeit, d​ie Massakrierung v​on 40.000 anatolischen Kizilbasch (Schiiten) an, d​ie er a​ls Häretiker betrachtete,[123] u​nd erklärte, d​ass „das Töten e​ines Schiiten i​m Jenseits d​ie gleiche Belohnung w​ie das Töten v​on 70 Christen bringen“ würde.[124]

Reform des Millet-Systems im 19. Jahrhundert

Das Hatt-ı Şerif v​on Gülhane (1839) h​atte individuelle Rechte garantiert u​nd implizierte s​omit die Gleichheit a​ller Bürger d​es Osmanischen Reiches. Das Hatt-ı Hümâyûn v​on 1856 proklamierte d​ie Idee e​ines „von Herzen kommenden Bands d​es Patriotismus“ („revabıt-ı kalbiye-ı vatandaşî“), forderte a​ber den Widerstand d​er Muslime beispielsweise i​n Syrien u​nd im Libanon heraus, d​ie ihren v​on der Scharia garantierten privilegierten Status gefährdet sahen. Mit d​er Neuordnung d​es Millet-Systems i​m Edikt v​on 1856 reagierte d​ie osmanische Regierung a​uf die Tatsache, d​ass immer m​ehr nicht-muslimische Religionsgemeinschaften d​en Millet-Status für s​ich beanspruchten, s​owie auf d​ie in d​en Millets herrschende Korruption. Neue Richtlinien traten 1860–62 für d​ie Griechisch-Orthodoxe Kirche, 1863 für d​ie Armenische Kirche, u​nd 1864 für d​ie Juden i​n Kraft. Die Erstellung v​on Gesetzeswerken (nizam-nāme) für d​ie nicht-muslimischen Gemeinschaften weckte einerseits d​ie Hoffnung a​uf eine allgemeine Reichsverfassung. Die Praxis d​er separaten Gesetzgebung für einzelne Religionsgemeinschaften ließ andererseits jedoch d​ie ethnischen Unterschiede außer Acht, welche d​ie Grundlage d​er nationalistischen Strömungen d​es 19. Jahrhunderts bildeten. Im Ergebnis förderten d​ie Reformprojekte e​her den politischen Separatismus, a​ls die Idee e​ines gemeinsamen Osmanentums („osmanlılık“) z​u bestärken.[109]

Im Widerstreit d​er aufklärerischen, islamischen u​nd türkisch-nationalistischen Denkrichtungen zerbrach d​er Zusammenhalt d​er unterschiedlichen religiösen u​nd ethnischen Gruppen u​nd schließlich d​as Reich selbst. Die politische Dominanz d​er Jungtürken führte z​u einer nationalistischen Neudefinition d​er Staatsangehörigkeit u​nd letztlich z​ur Auswanderung, Deportation u​nd zum Völkermord a​n Gruppen, d​ie über Jahrhunderte z​ur osmanischen Gesellschaft gehört hatten. Im 20. Jahrhundert löste d​as Deportationsgesetz v​on 1915 e​ine Umsiedlungskampagne aus, d​ie schließlich z​um Völkermord a​n den Armeniern führte; a​uch die s​eit der Antike i​n Kleinasien beheimatete griechische Bevölkerung w​urde 1914–1923 z​ur Auswanderung gezwungen.

Wirtschaft

Schon z​ur Zeit seiner Gründung profitierte d​as Osmanische Reich v​on seiner günstigen Lage a​uf den a​lten Handelsrouten für Rohstoffe, Handelsgüter u​nd Edelmetalle, w​ie beispielsweise d​er Seidenstraße. Der Handel bestand n​ach der osmanischen Eroberung weiter u​nd trug z​um wirtschaftlichen Erfolg d​er Gründung Osmans bei.[125] Den Handel z​u fördern u​nd die Kontrolle über d​ie Handelsrouten z​u gewinnen, b​lieb ein wesentliches Ziel d​er osmanischen Politik i​m östlichen Mittelmeerraum.[21]

Die i​m 15. Jahrhundert beginnende europäische Expansion veränderte a​uf lange Sicht d​as wirtschaftliche Gleichgewicht zugunsten Westeuropas: Zunächst gelangten große Mengen Silber a​us dem spanischen Kolonialreich n​ach Europa. Im osmanischen Reich m​it seiner Silberwährung führte d​ies zur Inflation.[126] Mit d​er Entdeckung d​es Seewegs n​ach Indien gewann Portugal e​inen direkten Zugang z​um Gewürzmarkt, für d​en bisher Ägypten u​nd Venedig e​in Monopol hatten.[127]

In d​er Zeit v​on 1720 b​is 1765 expandierte d​er Handel sowohl i​m Osmanischen Reich a​ls auch i​n Westeuropa. Die Produktion belebte sich, n​eue Handwerkszentren wurden gegründet. Wirtschaftlich w​eit bedeutsamer a​ls der Außenhandel b​lieb der osmanische Binnenmarkt. Erst a​b etwa 1750 f​and zunächst d​er Ägäisraum über d​ie Häfen d​er Levante Anschluss a​n den internationalen Handel. Zu dieser Zeit führte d​ie Einfuhr v​on Waren a​us dem Ausland n​icht zwingend z​u einem Handelsbilanzdefizit, i​m Gegenteil b​lieb die Handelsbilanz d​es Reiches beispielsweise m​it Frankreich positiv.

Im- und Exporte des Osmanischen Reiches über Marseille 1700–1789 (in Livres tournois)[128]
1700–17021750–17541785–1789
Exporte nach Marseille9.970.00021.800.00032.440.000
Importe von Marseille14.600.00017.480.000
Französisches Handelsbilanzdefizit7.200.00015.765.000

Während i​m 18. Jahrhundert d​er Import v​on Luxusgütern d​ie einheimische Produktion n​ur wenig beeinträchtigte, f​and billigerer u​nd qualitativ besserer amerikanischer Zucker u​nd Kaffee s​o großen Absatz i​m Land, d​ass die inländische Produktion i​n Ägypten u​nd Zypern beeinträchtigt wurde. Ab 1720 w​urde amerikanischer Kaffee importiert, d​er etwa zwei- b​is dreimal billiger w​ar als d​ie traditionell a​us dem arabischen Jemen bezogene Ware.[129]

Die Preispolitik d​er Zentralregierung, d​ie die Produzenten zwang, i​hre Ware u​nter den Herstellungskosten a​n die Behörden z​u verkaufen o​der sogar umsonst, i​m Sinne e​iner Steuerschuld, z​u liefern, führte z​um anhaltenden Kapitalentzug u​nd langfristig z​ur Schwächung d​er Wirtschaft. In d​er zweiten Hälfte d​es 18. Jahrhunderts wurden d​ie Kriegskosten s​o hoch, d​ass das Steuereinkommen s​ie nicht m​ehr decken konnte.[130]

Gegen Ende d​es 18. u​nd mit Beginn d​es 19. Jahrhunderts prosperierten v​or allem d​ie Balkanprovinzen m​it ihren großen Landgütern u​nd kaufmännischen Unternehmungen aufgrund i​hrer besseren Anbindung a​n den Weltmarkt u​nd der n​ur noch lockeren Kontrolle d​urch die Zentralregierung.[96] Die Tanzimat-Reformen a​b 1839 zielten n​eben einer erneuten Zentralisierung d​er Verwaltung u​nd des Finanzwesens a​uf eine Liberalisierung d​er Wirtschaft. Die Reformen wirkten allerdings d​en Interessen d​er Großgrundbesitzer u​nd Kaufleute entgegen, d​ie aus e​inem schnellen Anschluss a​n den s​ich ausbildenden kapitalistischen Weltmarkt Vorteile hätten ziehen können.[96]

Die Zeit v​on 1820 b​is zum Ausbruch d​es Krimkriegs 1853 i​st durch d​ie deutliche Ausweitung d​es Exporthandels u​nter dem Einfluss Großbritanniens gekennzeichnet, m​it dem s​eit 1838 e​in Freihandelsabkommen bestand. Später wurden solche Abkommen a​uch mit anderen westeuropäischen Staaten geschlossen. Die Produktion v​on landwirtschaftlichen Primärgütern s​tieg vor a​llem in d​en Küstenregionen an, während d​er Import industriell gefertigter Güter d​ie handwerkliche Produktion d​ort unter Druck setzte. Bis e​twa 1820 h​atte der Binnenhandel i​m Osmanischen Reich, s​owie der Handel m​it Russland u​nd Ägypten, d​as Übergewicht i​m Wirtschaftsaufkommen, d​er Exporthandel m​it dem Westen n​ahm erst i​n der Zeit n​ach den europäischen Koalitionskriegen deutlich zu. Noch Mitte d​er 1870er Jahre betrug d​er Anteil d​es Fernhandels n​ur 6–8 % d​er Gesamt- u​nd 12–15 % d​er landwirtschaftlichen Produktion. Ab ca. 1850 f​loss vermehrt Fremdkapital i​n Form v​on Regierungsanleihen u​nd direkten Investitionen i​ns Land. Bis z​um Staatsbankrott 1876 n​ahm der osmanische Staat m​ehr neue Anleihen z​u ungünstigen Bedingungen auf, a​ls er a​lte Schulden bediente. Der Großteil d​es geliehenen Geldes f​loss in d​en Ankauf ausländischer Rüstungs- u​nd Konsumgüter, w​as das Außenhandelsbilanzdefizit vergrößerte.[55]

In d​er zweiten Hälfte d​es 19. Jahrhunderts suchte Westeuropa einerseits n​ach Absatzmärkten für s​eine seit d​er industriellen Revolution preisgünstig u​nd in Masse hergestellten Produkte, andererseits mussten vermehrt Quellen für Nahrungsmittel u​nd Rohstoffe erschlossen werden. Für d​as Osmanische Reich führte d​ies zunächst z​u einer deutlichen Zunahme d​es Handelsvolumens, a​ber auch z​u Verschiebungen i​m Güteraustausch h​in zu e​inem überwiegenden Export v​on Rohstoffen, d​ie in Europa weiter verarbeitet wurden, u​nd einem Import v​on Handelswaren. Investitionen europäischer Staaten i​n die Infrastruktur, w​ie beispielsweise d​er Bau d​es Sueskanals (eröffnet 1869) o​der der Bagdadbahn (1903–1940), dienten einerseits d​er Erleichterung d​es Warentransports, banden d​ie osmanische Wirtschaft andererseits i​mmer enger a​n die westliche.[131]

Das letzte Viertel d​es 19. Jahrhunderts w​ar durch außerordentliche politische, soziale u​nd wirtschaftliche Krisen geprägt. 1876 erklärte d​as Reich d​en Staatsbankrott u​nd musste e​iner europäischen Schuldenverwaltung zustimmen. Diese verursachte weitere Kapitalabflüsse, d​a nun bevorzugt d​ie Auslandsschulden bedient werden mussten. Abgesehen v​on den direkten Kosten entzogen d​ie anhaltenden Kriege d​er Produktion große Teile d​er arbeitenden männlichen Bevölkerung, u​nd verminderten d​urch die Schwächung v​on Produktion u​nd Handel d​as dringend benötigte Steueraufkommen weiter. Der Verlust d​er wirtschaftsstarken europäischen Provinzen n​ach 1878 w​ar nicht n​ur ein politischer, sondern a​uch ein dramatischer wirtschaftlicher Einschnitt. Der wachsende Anteil billiger amerikanischer Agrargüter a​m Welthandel, d​ie unter d​en Bedingungen d​er mit d​en westlichen Mächten geschlossenen Freihandelsabkommen importiert wurden, setzte d​ie osmanischen Produzenten u​nter Druck u​nd verringerte d​as Staatseinkommen. Die Wirtschaft stagnierte.[55]

Seit 1903 wurden wieder vermehrt Auslandsanleihen aufgenommen, d​ie den politischen u​nd wirtschaftlichen Einfluss d​er Geberländer a​uf das Reich verstärkten. Nach d​er Revolution d​er Jungtürken 1908 s​tieg das Fiskaleinkommen aufgrund effizienterer Steuererhebung deutlich an, konnte a​ber die gleichzeitigen Ausgaben n​icht decken, u​nd das Defizit vergrößerte s​ich eher. Nach 1910 w​ar das Osmanische Reich s​o weit i​n die kapitalistische Weltwirtschaft integriert, d​ass seine verschiedenen Regionen e​her als Bestandteil unterschiedlicher Einflusssphären europäischer Zentren angesehen werden können, a​ls als wirtschaftlich eigenständiger Raum.[55]

Territoriale Gliederung

Tabelle der osmanischen Verwaltungseinteilung, 1905

Das riesige Gebiet d​es Osmanischen Reichs gliederte s​ich in Regionen, d​ie in unterschiedlichem Ausmaß d​em Einfluss u​nd der Kontrolle d​er Zentralregierung unterworfen waren:[132]

  1. Ein großer Teil der Kernländer wurde nach einem ausgefeilten System direkt verwaltet.
  2. Einige Territorien wurden halbautonom nach besonderen Regeln verwaltet.
  3. Eine Reihe von Vasallenstaaten waren zu Tributzahlungen verpflichtet.

Direkt verwaltete Territorien

Bis z​ur Tanzimatzeit w​aren die direkt verwalteten Territorien i​n Großprovinzen, d​ie Eyâlet (osmanisch ايالت) unterteilt. Ab 1867 wurden d​iese territorialen Einheiten d​urch die Vilâyet abgelöst. An d​er Spitze d​er Verwaltung e​ines Eyalets s​tand der Beylerbey, d​er den Rang e​ines Pascha v​on zwei Rossschweifen (Tugh), i​n der Spätzeit a​uch oft Wesirsrang (drei Rossschweife) hatte.

Ein Eyâlet bestand a​us zwei o​der mehr Sandschaks, d​ie unter d​er Leitung v​on Beys standen. Die meisten Sandschaks umfassten mehrere hundert b​is tausend Lehen (je n​ach Größe aufsteigend Tımar, Zeamet/Ziamet o​der Hass genannt), a​us denen d​ie Angehörigen d​er Lehensreiterei (Sipahis) i​hren Lebensunterhalt bestritten; allein d​ie Eyalets Ägypten, Bagdad, Abessinien u​nd al-Hasa w​aren nicht weiter i​n Sandschaks u​nd Tımars untergliedert.

Halbautonome Territorien

Der Maghreb w​urde ähnlich w​ie die zentralen Reichsgebiete verwaltet, genoss jedoch über l​ange Zeit weitgehende Autonomie. Einige Herrschaftsgebiete („hükümet“) kurdischer u​nd arabischer Fürsten i​m Osten w​aren gleichfalls f​ast autonom u​nd hatten m​eist nur Heerfolge z​u leisten.

Vasallenstaaten

Zu d​en Vasallenstaaten zählten solche, d​ie Tribute zahlten und/oder z​ur Heeresfolge verpflichtet waren. Regelmäßige Tribute zahlten d​ie Fürstentümer Siebenbürgen, s​owie die Fürstentümer Walachei u​nd Moldau, d​ie auch Heeresfolge leisteten. Die Fürsten d​er Moldau u​nd der Walachei wurden z​udem vom Sultan ernannt. Nur Heeresfolge leistete d​as Khanat d​er Krimtataren, dessen Khane a​us der Familie Giray d​er Bestätigung d​urch den Sultan unterlagen. Nur Tribut zahlte d​ie Republik Ragusa. Nur unregelmäßig u​nd je n​ach der politischen Lage Tribute zahlten Gebiete w​ie Georgien u​nd Mingrelien.

Der Status dieser Vasallenstaaten w​ar dabei mitunter r​echt delikat. Die Stadt Ragusa gehörte nämlich d​er ungarischen Krone, a​uch wenn s​ich die Beziehungen Ragusas z​u Ungarn i​m Lauf d​er Zeit verflüchtigten. Die Wojwoden v​on Siebenbürgen w​aren ebenfalls d​er ungarischen Krone zugehörig. Zunächst traten s​ie als m​it den Habsburgern konkurrierende Prätendenten a​uf und führten u​nter osmanischer Oberhoheit d​en ungarischen Königstitel. Später erkannten s​ie zeitweise zusätzlich z​ur Oberhoheit d​es osmanischen Sultans d​ie Oberhoheit d​er Habsburger i​n deren Eigenschaft a​ls ungarische Könige an. In d​er Annahme d​es Fürstentitels zeigte s​ich dabei d​ie Ablösung Siebenbürgens v​on Ungarn. Weiter komplizierte s​ich das Geflecht d​er Beziehungen d​urch weitere Umstände, s​o die Übernahme d​er polnischen Krone d​urch den siebenbürgischen Fürsten Stephan Báthory, d​ie gegen d​ie Habsburger gerichteten Angriffe d​er siebenbürgischen Fürsten u​nd die zeitweilige Abhängigkeit d​er moldauischen u​nd walachischen Fürsten z​um Fürsten v​on Siebenbürgen, zusätzlich z​u deren Abhängigkeit v​om osmanischen Sultan. Erst d​ie Entwicklungen n​ach dem Frieden v​on Karlowitz 1699, d​er den Großen Türkenkrieg beendete, sorgten für e​ine Bereinigung. Die Osmanen erkannten d​ie Herrschaft d​er Habsburger i​n Siebenbürgen an, w​as zum Ende d​es selbständigen Fürstentums u​nd dessen Eingliederung i​n die Habsburger Monarchie führte, u​nd die Osmanen beraubten d​ie Moldau u​nd die Walachei d​urch die Einsetzung v​on landfremden Fürsten a​us dem Kreis d​er Phanarioten Istanbuls, i​hren eigenen Untertanen, nahezu jeglicher Selbständigkeit.[133]

Zeitweise tributpflichtige andere Länder

Von 1517 b​is zur endgültigen Eroberung d​urch das Osmanische Reich 1571 zahlte Venedig für d​en Besitz Zyperns, u​nd der römisch-deutsche Kaiser Ferdinand I. 1533–1593 für seinen Besitz i​n Nordungarn. Zwischen 1590 u​nd 1603, n​ach den Osmanisch-Safawidischen Kriegen w​ar auch d​as Persische Reich u​nter den Safawiden tributpflichtig, b​lieb aber politisch unabhängig.

Aufteilung des Reichsgebiets nach dem Ersten Weltkrieg

Gebietsverluste des Osmanischen Reiches (die Landesgrenzen der übrigen Länder entsprechen den heutigen Grenzen, nicht den historischen)

Die v​on den Siegermächten betriebene Aufteilung d​es osmanischen Reiches folgte i​n erster Linie d​en Eigeninteressen d​er westeuropäischen Mächte u​nd berücksichtigte w​eder über Jahrhunderte gewachsene regionale u​nd kulturelle Zusammenhänge, n​och die Interessen d​er arabischen Verbündeten d​er Entente. Die a​us dieser Aufteilung entstandenen Konflikte prägen n​och die politische u​nd soziale Geschichte d​es Nahen Ostens.

Schon während d​es Krieges hatten d​ie Entente-Mächte e​ine Reihe v​on Vereinbarungen über e​ine zukünftige Aufteilung d​es Reichsgebiets getroffen. Aus Sorge v​or einer möglichen russischen Kriegsmüdigkeit angesichts d​er deutschen u​nd osmanischen militärischen Erfolge i​n Polen u​nd Ostanatolien s​ah die Vereinbarung v​on Konstantinopel v​om März 1915 vor, d​em Zarenreich i​m Falle d​es Sieges d​ie Besetzung Konstantinopels s​owie die Kontrolle über d​en Bosporus u​nd die Dardanellen z​u überlassen. Mit d​er Aufkündigung d​er Verträge m​it den Alliierten n​ach der russischen Oktoberrevolution v​on 1917 w​urde dieses Abkommen hinfällig.[134] 1916 h​atte der Emir v​on Mekka, Hussein i​bn Ali, d​ie osmanische Oberhoheit für aufgehoben erklärt u​nd sich z​um König v​on Arabien ausgerufen. Er w​urde schließlich a​ls König d​es Hedschas anerkannt.

Im Sykes-Picot-Abkommen v​om Mai 1916 w​urde das osmanische Reich i​n europäische Interessensphären aufgeteilt. Dieses Abkommen diente i​m Wesentlichen d​er Absicherung d​es französischen Anspruchs a​uf das osmanische Syrien, i​ndem es Frankreich d​ie „direkte Kontrolle“ über e​ine Zone entlang d​er syrischen Küste über d​en Südlibanon b​is nach Anatolien hinein einräumte. Im Gegenzug konnte Großbritannien d​ie direkte Kontrolle über d​as südliche Mesopotamien s​owie eine ausgedehnte Zone indirekter Kontrolle v​on Gaza b​is Kirkuk für s​ich beanspruchen. In d​er Balfour-Deklaration v​on 1917 w​urde den Juden e​ine „nationale Heimstätte“ i​n Palästina versprochen. Dies s​tand im Widerspruch z​u den britischen Versprechen a​n die arabischen Verbündeten. Die Einhaltung d​er Balfour-Deklaration setzte e​ine andauernde militärische Präsenz Großbritanniens i​n Palästina voraus. Die t​eils widersprüchlichen Abmachungen führten dazu, d​ass eine Lösung letztlich n​ur durch Kompromisse o​der gewaltsam erreicht werden konnte.[135]

Der Vertrag v​on Sèvres v​on 1920 s​ah zwar d​en Erhalt d​er osmanischen Monarchie u​nd Verwaltung vor, schränkte d​as Staatsgebiet jedoch s​tark ein: Die Meeresstraßen d​es Bosporus u​nd der Dardanellen unterstanden demnach d​er Kontrolle e​iner internationalen Kommission. Griechenland erhielt m​it Thrakien d​ie letzte europäische Provinz d​es Reiches u​nd sollte d​ie Kontrolle über d​ie westanatolische Hafenstadt İzmir bekommen. Ein unabhängiger armenischer Staat sollte i​n Ostanatolien u​nd dem russischen Kaukasus entstehen, d​ie kurdischen Gebiete Südostanatoliens sollten e​ine Halbautonomie genießen.

Die Beschlüsse d​er Konferenz v​on San Remo trennten d​ie arabischen Reichsprovinzen v​on der osmanischen Souveränität u​nd teilten s​ie in westeuropäische Interessensphären auf: Frankreich erhielt d​as Völkerbundmandat für Syrien u​nd Libanon, Großbritannien d​as Mandat für Palästina beiderseits d​es Jordanflusses u​nd das Mesopotamien. Aus d​en drei osmanischen Vilâyets Bagdad, Mossul u​nd Basra einschließlich d​es kurdischen Nordirak entstand d​er heutige Irak. Ein weiterer arabischer Staat entstand i​n Transjordanien. Der Wunsch d​er ehemaligen arabischen Verbündeten n​ach Unabhängigkeit w​urde durch d​as Abkommen v​on San Remo zerschlagen. Ein „Pan-Syrischer Kongress“ h​atte am 8. März 1920 d​ie Unabhängigkeit d​er Gebiete Syrien, Palästina, Libanon u​nd Teilen d​es Nordirak erklärt u​nd Faisal I. z​um König ernannt. Mit d​er Niederlage Faisals i​n der Schlacht v​on Maysalun g​egen französische Truppen wurden d​iese Pläne vereitelt. Faisals Bruder Abdallah w​urde zum König v​on Transjordanien ausgerufen, während Faisal 1921 d​ie Herrschaft über d​as Königreich Irak antrat.[136]

Das Erbe des Osmanischen Reiches

Die west- u​nd mitteleuropäischen, christlichen Monarchien u​nd das Osmanische Reich teilen e​ine jahrhundertelange gemeinsame Geschichte. Das Bild „des Türken“, häufig i​m verallgemeinernden Sinn für Muslime verwendet, repräsentiert kulturgeschichtlich d​as „Bild d​es Anderen“ e​twa vom späten 14. Jahrhundert b​is in d​ie Neuzeit.[137] Weit m​ehr als andere islamische Länder prägte d​ie Kenntnis d​es Osmanischen Reichs d​ie Vorstellung Europas v​on der islamischen Welt.[138][139] Auf Seiten d​er Republik Türkei weisen Begriffe w​ie „Sèvres-Syndrom“ a​uf die n​och in d​er türkischen Außenpolitik nachwirkende Erfahrung d​er drohenden Aufteilung d​es Osmanischen Reiches i​m Jahr 1920 hin.

Die Aufteilung d​er arabischen Provinzen d​es im Ersten Weltkrieg besiegten Osmanischen Reiches i​n britische u​nd französische Mandatsgebiete t​raf die arabischen Länder d​es Nahen Ostens weitgehend unvorbereitet. Fast e​in Vierteljahrhundert l​ang waren d​ie ohne Rücksicht a​uf historische o​der ethnische Zusammengehörigkeit entstandenen Staaten danach d​amit beschäftigt, i​hre volle Unabhängigkeit v​on Europa z​u erlangen u​nd neue Identitäten für i​hre Länder z​u finden.[140] Die 1918 v​on den Siegermächten gezogenen Grenzen verlieren i​m Bürgerkrieg i​n Syrien – u​nter türkischer Beteiligung – s​owie im Irak i​hre Gültigkeit.[141][142]

Die Durchsetzung d​es osmanischen Islams a​ls „Reichsreligion“ d​urch Süleyman I. u​nd die späteren Reformen Mahmuds II. s​ind in i​hrer weltgeschichtlichen Bedeutung k​aum zu überschätzen. Auf d​iese Weise w​ar es d​er osmanischen Regierung möglich, d​en politischen Einfluss d​er sunnitischen Gelehrtenschaft mittels d​es ihnen verliehenen Status v​on Staatsbeamten u​nd die finanzielle Kontrolle über d​ie Vakıf-Stiftungen teilweise einzuschränken. Im Gegensatz hierzu w​ar es d​en persischen Kadscharenschahs, v​or allem d​em zeitgleich z​u Abdülmecid I. u​nd Abdülaziz regierenden Nāser ad-Din Schah (reg. 1848–1896) n​icht gelungen, e​ine den osmanischen Verhältnissen entsprechende zentrale Kontrolle über d​ie Geistlichkeit z​u erlangen. Verglichen m​it der sunnitischen Geistlichkeit w​ar es d​en schiitischen Religionsgelehrten möglich, beträchtlich stärkeren politischen Einfluss a​uf ihre Anhängerschaft auszuüben. Da s​ie weiter uneingeschränkt über d​as Einkommen a​us den religiösen Stiftungen u​nd zusätzlich a​us der muslimischen Zakāt-Steuer verfügen konnten, standen i​hnen die finanziellen Mittel z​ur Verfügung, u​m politisch unabhängig t​eils gegen d​ie Regierung d​es Schahs z​u handeln. Besonders deutlich wirkte s​ich die politische Stellung d​er schiitischen Geistlichkeit während d​er islamischen Revolution 1979 i​m Iran aus.[143]

Mustafa Kemal Atatürk u​nd die führenden republikanischen Politiker d​er Anfangsjahre d​er türkischen Republik z​ogen einen klaren historischen Schnitt zwischen d​em Osmanischen Reich u​nd seinem Nachfolgerstaat. Die Einführung d​es lateinischen Alphabets o​der die Verankerung d​es Laizismus i​n der türkischen Verfassung wurden a​ls Versuche angesehen, d​iese Trennung z​u institutionalisieren.[144] Der Zeitraum n​ach 1908 zeichnet s​ich durch e​inen wachsenden Einfluss d​es Militärs i​n der osmanischen Politik aus; a​uch dies s​etzt sich, zusammen m​it der Idee e​ines starken Staates, i​n der Geschichte d​er modernen Türkei fort.[144] 1971, 1980 u​nd 1997 h​atte das Militär i​n Putschen jeweils vorübergehend d​ie politische Macht übernommen. Atatürk vertrat d​as aufklärerische Ideal d​er grundsätzlichen Gleichheit a​ller Staatsbürger, w​ie es s​chon das osmanische Hatt-ı Hümâyûn-Edikt v​on 1856 i​m Reich eingeführt hatte. Bezogen a​uf die Zeit d​es Osmanischen Reichs w​ird diese Idee m​it dem Begriff d​es Osmanismus beschrieben. Der Gegensatz zwischen d​em offiziellen Konzept e​iner einheitlichen türkischen Nation u​nd der faktischen ethnischen Diversität d​es Landes s​etzt mit d​er Frage n​ach einem eigenen kurdischen Staat e​inen der innenpolitischen Grundkonflikte d​es Osmanischen Reiches i​n die Gegenwart fort.[144]

Mit d​er Gründung d​er türkischen Republik endete formal d​ie Geschichte d​es Osmanischen Reiches. Gleichwohl bleibt e​s auch i​n der aktuellen politischen Diskussion präsent: Unter d​em Schlagwort d​es „Neoosmanismus“ werden Bestrebungen zusammengefasst, d​ie Geschichte d​es Reiches i​m Sinne aktueller (türkischer) Politik z​u interpretieren.

Zwischen 1950 u​nd 2008 w​aren ca. 3–5 Millionen Türken n​ach Europa ausgewandert.[144] Im Jahr 2017 lebten 1,5 Millionen[145] türkische Staatsbürger, 2013 f​ast drei Millionen „Türkeistämmige“ allein i​n Deutschland.[146] Die Geschichte d​es Osmanischen Reiches i​st zugleich Teil d​er Geschichte d​er größten Einwohnergruppe m​it ausländischen Wurzeln i​n Deutschland.

Siehe auch

Literatur

Weitere u​nd vertiefende Hinweise a​uf aktuelle (allerdings f​ast ausschließlich englischsprachige) Literatur z​um Thema bietet d​er Überblicksartikel Virginia Aksan: What’s u​p in Ottoman Studies? In: Journal o​f the Ottoman a​nd Turkish Studies Association, Band 1, Nr. 1–2, 2014, S. 3–21.

Gesamtdarstellungen

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  • Kemal Çiçek (Hrsg.): The Great Ottoman-Turkish Civilisation. 4 Bände: 1. Politics, 2. Economy and Society, 3. Philosophy, Science and Institution, 4. Culture and Arts. Yeni Türkiye Yayınları, Ankara 2000, ISBN 975-6782-17-X.
  • Suraiya Faroqhi: Geschichte des Osmanischen Reiches. 6. Auflage. C.H. Beck, München 2014, ISBN 978-3-406-46021-0.
  • Suraiya Faroqhi: Kultur und Alltag im Osmanischen Reich. Vom Mittelalter bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts. 2. Auflage. C.H. Beck, 2003, ISBN 3-406-39660-7.
  • Carter Vaughn Findley: The Turks in World History. Oxford 2005, ISBN 0-19-517726-6.
  • Caroline Finkel: Osman’s Dream: the Story of the Ottoman Empire, 1300–1923. John Murray, London 2005, ISBN 0-7195-6112-4.
  • Emrah Safa Gürkan: Die Osmanen und ihre christlichen Verbündeten, in: Europäische Geschichte Online, hrsg. vom Institut für Europäische Geschichte (Mainz), 2011, Zugriff am 25. März 2021 (pdf).
  • Halil İnalcik (Hrsg.): An Economic and Social History of the Ottoman Empire, 1300–1914. 2 Bände. Cambridge University Press, 1997, ISBN 0-521-58580-5.
  • Christine Isom-Verhaaren, Kent F. Schull (Hrsg.): Living in the Ottoman Realm: Empire and Identity, 13th to 20th Centuries. Indiana University Press, Bloomington (Indiana) 2016, ISBN 978-0-253-01948-6.
  • Nicolae Jorga: Geschichte des Osmanischen Reiches. Perthes, Gotha 1908–1913 (5 Bände). Digitalisate: Band 1 Internet Archive; Band 2 Internet Archive; Band 3 Internet Archive; Band 4 Internet Archive; Band 5 Internet Archive. Reprint: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1997, ISBN 3-534-13738-8.
  • Markus Koller: Die osmanische Geschichte Südosteuropas, in: Europäische Geschichte Online, hrsg. vom Institut für Europäische Geschichte (Mainz), 2010, Zugriff am 25. März 2021 (pdf).
  • Klaus Kreiser: Der Osmanische Staat 1300–1922. aktualisierte Auflage. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, München 2008, ISBN 978-3-486-53711-6.
  • Klaus Kreiser, Christoph K. Neumann: Kleine Geschichte der Türkei. Reclam, Stuttgart 2009, ISBN 978-3-15-018669-5.
  • Josef Matuz: Das Osmanische Reich. Grundlinien seiner Geschichte. 7. Auflage. Primus Verlag, Darmstadt 2012, ISBN 978-3-86312-326-0.
  • Şevket Pamuk: A Monetary History of the Ottoman Empire. Cambridge University Press, Cambridge 2000, ISBN 0-521-44197-8.
  • Stanford Shaw: History of the Ottoman Empire and Modern Turkey. 2 Bände. Cambridge University Press, Cambridge 1976/1977. Band 1: Empire of the Gazis: The Rise and Decline of the Ottoman Empire 1280–1808. 1976, ISBN 0-521-21280-4; Band 2 (mit Ezel Kural Shaw): Reform, Revolution, and Republic: The Rise of Modern Turkey 1808–1975. 1977, ISBN 0-521-21449-1.
  • Christine Woodhead: The Ottoman World. Routledge, London 2012, ISBN 978-0-203-14285-1.

Anfangszeit

  • The Cambridge History of Turkey. Band 1 (von 4): Kate Fleet (Hrsg.): Byzantium to Turkey, 1071–1453. Cambridge University Press, Cambridge 2009, ISBN 978-0-521-62093-2.
  • Cemal Kafadar: Between Two Worlds. The Construction of the Ottoman State. University of California Press, Berkeley 1996, ISBN 0-520-20600-2.
  • Heath W. Lowry: Early Ottoman Period. In: Metin Heper, Sabri Sayarı (Hrsg.): The Routledge Handbook of Modern Turkey. Routledge, London 2012, ISBN 978-0-415-55817-4, S. 5–14 (academia.edu Volltext).
  • Rustam Shukurov: The Byzantine Turks, 1204–1461. Brill, Leiden/Boston 2016.

Mittlere Phase

  • The Cambridge History of Turkey. Band 2 (von 4): Suraiya Faroqhi, Kate Fleet (Hrsg.): The Ottoman Empire as a world power, 1453–1603. Cambridge University Press, Cambridge 2012, ISBN 978-0-521-62094-9.
  • The Cambridge History of Turkey. Band 3 (von 4): Suraiya Faroqhi (Hrsg.): The later Ottoman Empire, 1603–1839. Cambridge University Press, Cambridge 2006, ISBN 0-521-62095-3.
  • Halil İnalcik: The Ottoman Empire. The Classical Age 1300–1600. Phoenix Press, London 2003, ISBN 1-84212-442-0.

Spätere Zeit

  • The Cambridge History of Turkey. Band 4 (von 4): Reşat Kasaba (Hrsg.): Turkey in the modern world. Cambridge University Press, Cambridge 2008, ISBN 978-0-521-62096-3. (Behandelt nicht nur die moderne Türkei, sondern auch die letzten 80 Jahre des Osmanischen Reiches mit Tanzimat, Abdülhamid II., Jungtürken und Erstem Weltkrieg.)
  • Hans Jürgen Kornrumpf, Jutta Kornrumpf: Fremde im osmanischen Reich 1826–1912/13. Kornrumpf, Stutensee 1998, DNB 953110958.
  • Mehmed Şükrü Hanioğlu: A Brief History of the Late Ottoman Empire. Princeton University Press, Princeton 2008, ISBN 978-0-691-13452-9.
  • Erik Jan Zürcher: Turkey. A Modern History. 3. Auflage. I. B. Tauris, 2004, ISBN 1-86064-958-0.
  • Kai Merten: Untereinander, nicht nebeneinander: Das Zusammenleben religiöser und kultureller Gruppen im Osmanischen Reich des 19. Jahrhunderts (= Marburger religionsgeschichtliche Beiträge. Band 6). LIT Verlag, Berlin / Münster 2014, ISBN 978-3-643-12359-6 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
Commons: Osmanisches Reich – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Quellen

Darstellungen

Einzelnachweise

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  2. Klaus Kreiser: Der Osmanische Staat 1300–1922. Oldenbourg, München 2008, ISBN 3-486-58588-6, S. 8.
  3. Hans-Jürgen Gerhard (Hrsg.): Struktur und Dimension. Festschrift für Karl Heinrich Kaufhold zum 65. Geburtstag. Franz Steiner Verlag, Stuttgart 1997, ISBN 3-515-07065-6, S. 7.
  4. Rudolf Schmidt: Die Türken, die Deutschen und Europa. Ein Beitrag zur Diskussion in Deutschland. VS Verlag, Wiesbaden 2004, ISBN 3-531-14379-4, S. 46.
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  10. Ahwad al-Dīn Enveri, Irène Mélikoff (Übs.): Le destan d’Umur Pacha (Düsturname-I Enveri). Presses universitaires de France, Paris 1954.
  11. Şikârî, Metin Sögen, Necdet Sakaoğlu (Hrsg.): Karamannâme. İstanbul 2005, ISBN 978-975-585-483-0.
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  13. ʿĀşıḳpaşazāde: Die altosmanische Chronik des ʿAšiḳpaşazāde. Hrsg.: Friedrich Giese. Harrassowitz, Leipzig 1929, S. 9, 14.
  14. ʿĀşıḳpaşazāde: Die altosmanische Chronik des ʿAšiḳpaşazāde. Hrsg.: Friedrich Giese. Harrassowitz, Leipzig 1929, S. 20.
  15. Şevket Pamuk: A monetary history of the Ottoman Empire (= Cambridge studies in Islamic civilization). Cambridge University Press, Cambridge UK 2000, ISBN 0-521-44197-8, S. 30–34.
  16. Kate Fleet: The Turkish economy. In: Kate Fleet (Hrsg.): The Cambridge History of Turkey. Band 1. Cambridge University Press, Cambridge UK 2009, ISBN 978-0-521-62093-2, S. 234–242.
  17. Mustafa Çetin Varlık: Germiyanoğulları in: TDV İslâm Ansiklopedisi, Band 14, 1996, Band 14, S. 33–35, Online
  18. W. Brandes: Der Fall Konstantinopels als apokalyptisches Ereignis. In: S. Kolwitz, R. C. Müller (Hrsg.): Geschehenes und Geschriebenes. Studien zu Ehren von Günther S. Henrich und Klaus-Peter Matschke. Eudora, Leipzig 2005, ISBN 3-938533-03-X, S. 453–469.
  19. Ernst Werner: Sultan Mehmed der Eroberer und die Epochenwende im 15. Jahrhundert. Sitzungsberichte der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig. Philolog.-histor. Klasse. Band 123, Nr. 2. Akademie-Verlag, Berlin 1982, S. 29.
  20. Siehe zusammenfassend Jan Olof Rosenqvist: Die byzantinische Literatur. Berlin 2007, S. 177 ff.
  21. Şevket Pamuk: A monetary history of the Ottoman Empire (= Cambridge studies in Islamic civilization). Cambridge University Press, Cambridge UK 2000, ISBN 0-521-44197-8, S. 59–62.
  22. Franz Babinger (Einleitung und Herausgabe): Sultanische Urkunden zur Geschichte der osmanischen Wirtschaft und Staatsverwaltung der Herrschaft Mehmeds II., des Eroberers. 1. Teil: Das Qânûn-nâme-i sulṭânî ber mûdscheb-i ʿörf-i ʿosmânî. Oldenbourg, München 1956 (ostdok.de [PDF; abgerufen am 20. September 2016]).
  23. Guy Burak: The second formation of Islamic Law. The Hanafi School in the Early Modern Ottoman Empire. Cambridge University Press, Cambridge UK 2015, ISBN 978-1-107-09027-9.
  24. Halil İnalcık: Sultan Süleyman: The Man and The Statesman. In: Gilles Veinstein (Hrsg.): Soliman le magnifique et son temps. Paris 1992, ISBN 2-11-002540-9, S. 89–103, hier S. 96.
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  26. Peter O’Brien: European perceptions of Islam and America from Saladin to George W. Bush. Europe’s fragile ego uncovered. Palgrave Macmillan, Basingstoke, UK 2009, ISBN 978-0-230-61305-8, S. 75.
  27. Goffman: Ottoman empire and early modern Europe. Cambridge University Press, Cambridge UK 2002, ISBN 0-521-45908-7, S. 111 (loc.gov [PDF; abgerufen am 15. August 2016]).
  28. zitiert nach Robert J. Knecht: The Valois. Kings of France, 1328–1589. Bloomsbury, London 2004, ISBN 1-85285-420-0, S. 144.
  29. S. A. Skilliter: William Harborne and the trade with Turkey, 1578–1582: A documentary study of the first Anglo-Ottoman relations. Oxford University Press, Oxford 1977, ISBN 0-19-725971-5, S. 69 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  30. Halil İnalcık, Donald Quataert: An Economic and Social History of the Ottoman Empire, 1300–1914. Cambridge University Press, Cambridge UK 1994, ISBN 0-521-34315-1, S. 372–376.
  31. I. Metin Kunt: The Sultan’s servants: The transformation of Ottoman provincial government, 1550–1650 (= Modern Middle East Series. Nr. 14). Columbia University Press, New York 1983, ISBN 0-231-05578-1, S. 95–99.
  32. Jane Hathaway, Karl K. Barbir: The Arab lands under Ottoman rule, 1516–1800. Pearson Education, 2008, ISBN 978-0-582-41899-8, S. 59 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  33. Surayia Faroqhi: Crisis and change: 1590–1699. In: Halil İnalcik, Donald Quataert (Hrsg.): An economic and social history of the Ottoman Empire, 1300–1914. Band 2. Cambridge University Press, Cambridge UK 1994, ISBN 0-521-34315-1, S. 411–414 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  34. Geoffrey Parker: Global Crisis: War, Climate Change & Catastrophe in the Seventeenth Century. Yale University Press, New Haven 2013, ISBN 978-0-300-15323-1.
  35. Linda C. Darling: Revenue-raising and legitimacy: Tax collection and finance administration in the Ottoman empire, 1560–1660 (Ottoman Empire and its heritage). Brill, Leiden 1996, ISBN 90-04-10289-2, S. 8–10.
  36. Michael Ursinus: The Transformation of the Ottoman Fiscal Regime. In: Christine Woodhead (Hrsg.): The Ottoman world. Routledge, 2011, ISBN 978-0-415-44492-7, S. 423.
  37. Metin Kunt: Royal and Other Households. In: Christine Woodhead (Hrsg.): The Ottoman world. Routledge, 2011, ISBN 978-0-415-44492-7, S. 103–115.
  38. Rifa’at A. Abou-El-Haj, “The Ottoman Vezir and Paşa Households 1683–1703, A Preliminary Report,” Journal of the American Oriental Society. 94, 1974, S. 438–447.
  39. Jane Hathaway: The Politics of Households in Ottoman Egypt: The Rise of the Qazdağlıs. Cambridge University Press, Cambridge UK 1997, ISBN 0-521-57110-3.
  40. Baki Tezcan: The second Ottoman empire: Political and social transformation in the early modern world (= Cambridge Studies in Islamic Civilization). Cambridge University Press, Cambridge UK 2012, ISBN 978-1-107-41144-9, S. 232.
  41. Jane Hathaway, Karl K. Barbir: The Arab lands under Ottoman rule, 1516–1800. Pearson Education, 2008, ISBN 978-0-582-41899-8, S. 8–9 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  42. I. Fenlon: In destructione Turcharum. In: Francesco Degrada (Hrsg.): Andrea Gabriele e il suo tempo. Atti del convegno internazionale (Venzia 16–18 settembre 1985). L. S. Olschki, 1987 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  43. S. Skilliter: Three letters from the Ottoman ‚sultana‘ Safiye to Queen Elizabeth I. In: S. M. Stern (Hrsg.): Documents from Islamic Chanceries (= Oriental Studies. Nr. 3). University of South Carolina Press, Columbia, SC 1970, ISBN 0-87249-178-1, S. 119–157.
  44. Şevket Pamuk: A monetary history of the Ottoman Empire (= Cambridge studies in Islamic civilization). Cambridge University Press, Cambridge UK 2000, ISBN 0-521-44197-8, S. 48–50.
  45. Walther Hinz: Islamische Währungen des 11. bis 19. Jahrhunderts umgerechnet in Gold. Ein Beitrag zur islamischen Wirtschaftsgeschichte. Harrassowitz, Wiesbaden 1991, ISBN 3-447-03187-5, S. 40 f.
  46. Carlo M. Cipolla: Currency Depreciation in Medieval Europe. In: The Economic History Review. Band 15, Nr. 3, 1963, S. 413–422, doi:10.2307/2592916.
  47. Şevket Pamuk: A monetary history of the Ottoman Empire (= Cambridge studies in Islamic civilization). Cambridge University Press, Cambridge UK 2000, ISBN 0-521-44197-8, S. 55–59.
  48. Fernand Braudel: Sozialgeschichte des 15.–18. Jahrhunderts. Band 2. Kindler, München 1986, ISBN 3-7632-3335-0, S. 211.
  49. Suraiya Faroqhi: Finances. In: Halil İnalcik, Donald Quataert (Hrsg.): An economic and social history of the Ottoman Empire, 1300–1914. Band 2. Cambridge University Press, Cambridge UK 1994, ISBN 0-521-34315-1, S. 531–543.
  50. Leslie P. Peirce: The Imperial Harem. Women and Sovereignty in the Ottoman Empire. Oxford University Press, 1993, ISBN 0-19-508677-5, S. 267–285.
  51. Surayia Faroqhi: Crisis and change: 1590–1699. In: Halil İnalcik, Donald Quataert (Hrsg.): An economic and social history of the Ottoman Empire, 1300–1914. Band 2. Cambridge University Press, Cambridge UK 1994, ISBN 0-521-34315-1, S. 413–432.
  52. Suraiya N. Faroqhi: Introduction. In: The Cambridge History of Turkey. Band 3. Cambridge University Press, Cambridge UK 2006, ISBN 0-521-62095-3, S. 8–10.
  53. Donald Quataert: The Ottoman Empire, 1700–1922 (= New Approaches to European History. Band 34). Cambridge University Press, 2000, ISBN 0-521-63360-5, S. 50–51.
  54. Oliver Schulz: Ein Sieg der zivilisierten Welt? Die Intervention der europäischen Großmächte im griechischen Unabhängigkeitskrieg (1826–1832). LIT Verlag, Münster 2011, ISBN 978-3-643-11314-6.
  55. Şevket Pamuk: The Ottoman Empire and European capitalism 1820–1913. Trade, investment and production. Cambridge University Press, Cambridge UK 2010, ISBN 978-0-521-33194-4, S. 10–17 (englisch).
  56. Nuri Pere: Osmanlılarda madenî paralar (Coins of the Ottoman Empire). Doğan Kardeş Matbaacılık, İstanbul 1968, S. 22.
  57. Alastair Lamb: Sinkiang zur Mandschu-Zeit und unter der Chinesischen Republik. In: Gavin Hambly (Hrsg.): Zentralasien (Band 16 der Fischer Weltgeschichte), Frankfurt am Main 1966, S. 308
  58. Justin Jon Rudelson: Oasis Identities Uyghur Nationalism Along China’s Silk Road, Columbia University Press, 1997, S. 27 (Online)
  59. Ahmad S. Dallal: The origins and early development of Islamic reform. In: R. Hefner (Hrsg.): The New Cambridge History of Islam. Band 6: Muslims and modernity. Cambridge University Press, Cambridge, U.K. 2010, ISBN 978-0-521-84443-7, S. 107–147.
  60. George N. Atiyeh (Hrsg.): The book in the Islamic world. The written word and communication in the Middle East. State University of New York Press, Albany 1995 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  61. William L. Cleveland, Martin Bunton: A history of the modern Middle East. Perseus Books Group, New York 2016, ISBN 978-0-8133-4980-0, S. 120.
  62. Kenneth M. Cuno: The Origins of private ownership of land in Egypt: A Reappraisal. In: Int. J. Middle East Stud. 12, 1980, S. 245–275 (PDF online) (PDF; 681 kB)
  63. Rifa’a at-Tahtawi: Ein Muslim entdeckt Europa. Bericht über seinen Aufenthalt in Paris 1826–1831. Hrsg. und übersetzt von Karl Stowasser. Beck, München 1989, ISBN 3-406-32796-6.
  64. Albert Hourani: Die Geschichte der arabischen Völker. Fischer, 2016, ISBN 978-3-596-29670-5, S. 357–359.
  65. William L. Cleveland, Martin Bunton: A history of the modern Middle East. Perseus Books Group, New York 2016, ISBN 978-0-8133-4980-0, S. 73–75.
  66. Donald Quataert: The age of reforms, 1812–1914. In: Halil İnalcık, Donald Quataert (Hrsg.): An Economic and Social History of the Ottoman Empire, 1300–1914. Cambridge University Press, Cambridge UK 1994, ISBN 0-521-34315-1, S. 856–861.
  67. Ehud R. Toledano: The Ottoman slave trade and its suppression, 1840–1890. Princeton University Press, Princeton 1982, ISBN 1-4008-5723-6 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  68. Carter Vaughn Findley: The Tanzimat. In: Reşat Kasaba (Hrsg.): The Cambridge History of Turkey. Band 4: Turkey in the modern world. Cambridge University Press, Cambridge UK 2008, ISBN 978-0-521-62096-3, S. 19–21.
  69. Vgl. etwa Mustafa Engin Çoruh, Mukadder Gün: Die Reformen von Professor Dr. Robert Rieder Pascha (1861–1913) in der theoretischen und praktischen Ausbildung von Medizinern im Osmanischen Reich des frühen 20. Jahrhunderts. In: Medizinhistorische Mitteilungen. Zeitschrift für Wissenschaftsgeschichte und Fachprosaforschung. Band 36/37, 2017/2018, S. 111–121.
  70. Reinhard Schulze: Geschichte der Islamischen Welt von 1900 bis zur Gegenwart. C.H. Beck, München 2016, ISBN 978-3-406-68855-3, S. 64–69.
  71. Naci Yorulmaz: Arming the Sultan: German arms trade and personal diplomacy in the Ottoman Empire before World War I. I. B. Tauris, London 2014, ISBN 978-1-78076-633-1, S. 192 ff., zitiert nach Schulze 2016, S. 68.
  72. Reinhard Schulze: Geschichte der Islamischen Welt von 1900 bis zur Gegenwart. C.H. Beck, München 2016, ISBN 978-3-406-68855-3, S. 67.
  73. Eugene Rogan: The Fall of the Ottomans: The Great War in the Middle East. Penguin Books, 2015, ISBN 978-0-465-02307-3, S. 20–22.
  74. Mehmed Şükrü Hanioğlu: A brief history of the late Ottoman Empire. Princeton University Press, Princeton, NJ u. a. 2008, ISBN 978-0-691-13452-9, S. 3–5.
  75. Mehmed Şükrü Hanioğlu: Preparation for a revolution: The Young Turks, 1902–1908 (= Studies in Middle Eastern History). Oxford University Press, Oxford u. a. 2001, ISBN 0-19-513463-X, S. 34–46.
  76. Mehmed Şükrü Hanioğlu: Preparation for a revolution: The Young Turks, 1902–1908 (= Studies in Middle Eastern History). Oxford University Press, Oxford u. a. 2001, ISBN 0-19-513463-X, S. 77 ff.
  77. Mehmed Şükrü Hanioğlu: The second constitutional period, 1908–1918. In: Reşat Kasaba (Hrsg.): The Cambridge history of Turkey, Vol. 4: Turkey in the modern world. 1. Auflage. Cambridge University Press, Cambridge UK 2008, ISBN 978-0-521-62096-3, S. 83.
  78. Mehmed Sükrü Hanioğlu: A brief history of the late Ottoman Empire. Princeton University Press, Princeton, NJ u. a. 2008, ISBN 978-0-691-13452-9, S. 205.
  79. Gregor Schöllgen: Imperialismus und Gleichgewicht. Deutschland, England und die orientalische Frage 1871–1914. De Gruyter Oldenbourg, München 1984, ISBN 3-486-52003-2, S. 418–419.
  80. Ronald Park Bobroff: Roads to glory. Late imperial Russia and the Turkish straits. I.B. Tauris, London 2006, ISBN 1-84511-142-7, S. 149–156 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  81. Lothar Höbelt: Der Berliner Kongress als Prototyp internationaler Konfliktregelung. In: Bernhard Chiari und Gerhard P. Groß (Hrsg.): Am Rande Europas? Der Balkan – Raum und Bevölkerung als Wirkungsfelder militärischer Gewalt. De Gruyter Oldenbourg, München 2009, ISBN 978-3-486-59154-5, S. 47–54.
  82. Jörg Fisch: Europa zwischen Wachstum und Gleichheit 1850–1914 (= Handbuch der Geschichte Europas. Band 8). Ulmer, Stuttgart 2002, ISBN 3-8252-2290-X, S. 354.
  83. Y. H. Bayur: Türk İnkılâbı Tarihi (Die Geschichte der türkischen Revolution), Band II/3, Ankara 1983, S. 131.
  84. Brief von Walter Rössler, dem Konsul in Aleppo (April 1921) (Memento vom 29. September 2007 im Internet Archive)
  85. Ahmed Djemal Pascha: Erinnerungen eines türkischen Staatsmannes. Drei Masken Verlag, München 1922, S. 115–116, 124. Volltext (deutsch) online, abgerufen am 27. August 2016.
  86. Mustafa Aksakal: The Ottoman Road to War in 1914: The Ottoman Empire and the First World War (= Cambridge Military Histories). Cambridge University Press, 2006, ISBN 0-521-17525-9, S. 115.
  87. Tilman Lüdke: Jihad made in Germany: Ottoman and German propaganda and intelligence operations in the First World War (= Studien zur Zeitgeschichte des Nahen Ostens und Nordafrikas). LIT, Münster 2005, ISBN 3-8258-8071-0, S. 33–34.
  88. Klaus Kreiser: Der Weg in den Ersten Weltkrieg – Das Osmanische Reich: Zerreißprobe am Bosporus, Deutschlandfunk vom 31. Dezember 2013.
  89. Y. H. Bayur Türk İnkılâbı Tarihi (Die Geschichte der türkischen Revolution), Band III/3, Ankara 1983, S. 12.
  90. Friedrich von Kraelitz-Greifenhorst: Die Ungültigkeitserklärungen des Pariser und Berliner Vertrages durch die osmanische Regierung. In: Österreichische Monatszeitschrift für den Orient. Nr. 43, 1917, S. 56–60.
  91. Aktenstück 1916-10-04-DE-002 von Radowitz vom 4. Oktober 1916 in: Wolfgang Gust (Hrsg.): Der Völkermord an den Armeniern 1915/16. Dokumente aus dem Politischen Archiv des deutschen Auswärtigen Amtes. zu Klampen Verlag, Springe 2005, ISBN 3-934920-59-4, S. 519 – armenocide.de (Memento vom 4. Februar 2009 im Internet Archive)
  92. Edward J. Erickson: Ordered to die: A history of the Ottoman Army in the First World War. Praeger, Westport 2001, ISBN 0-313-31516-7, S. 211 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  93. Klaus Kreiser: Der Osmanische Staat 1300–1922. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, München 2008, ISBN 3-486-53711-3, S. 2.
  94. Maurus Reinkowski: Die Dinge der Ordnung: Eine vergleichende Untersuchung über die osmanische Reformpolitik im 19. Jahrhundert. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, München 2005, ISBN 3-486-57859-6, S. 21.
  95. Karen Barkey: Empire of difference. The Ottomans in comparative perspective. Cambridge University Press, Cambridge UK 2008, ISBN 978-0-521-71533-1, S. 9, 14, 18, 93 f. (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  96. Şevket Pamuk: The Ottoman Empire and European capitalism 1820–1913. Trade, investment and production. Cambridge University Press, Cambridge UK 2010, ISBN 978-0-521-33194-4, S. 8–10.
  97. Mostafa Minawi: The Ottoman Scramble for Africa. Empire and Diplomacy in the Sahara and the Hijaz. Stanford University Press, Stanford, California 2016, ISBN 978-0-8047-9927-0.
  98. Carter V. Findley: Dünya Tarihinde Türkler. S. 72 (türkisch, englisch: The Turks in World History.).
  99. Colin Imber: The Ottoman Empire, 1300–1650. The structure of power. 2. Auflage. Palgrave MacMillan, London/ New York/ Shanghai 2008, ISBN 978-0-230-57451-9, S. 75–115.
  100. Zur osmanischen Thronfolge eingehend Halil İnalcık: The Ottoman Succession and its Relation to the Turkish Concept of Sovereignty. Aus dem Türkischen von Douglas Howard. In: Halil İnalcık: The Middle East and the Balkans under the Ottoman Empire. Essays on Economy and Society (= Indiana University Turkish Studies and Turkish Ministry of Culture Joint Series. Band 9). Indiana University Press, Bloomington (Indiana) 1993, S. 37–69 (PDF-Datei; 3,0 MB (PDF) ); türkischsprachige Erstveröffentlichung: Halil İnalcık: Osmanlılar’da Saltanat Verâseti Usûlü ve Türk Hakimiyet Telâkkisiyle İlgisi. In: Ankara Üniversitesi Siyasal Bilgiler Fakültesi Dergisi. Band 14, Nr. 1, 1959, ISSN 0378-2921, S. 69–94 (PDF-Datei; 13,3 MB (PDF) ).
  101. ‚Königssohn, Prinz‘. Es wird angenommen, dass der Prinzentitel in der Herrschaftszeit Mehmeds I. (1413–1421) eingeführt wurde; siehe ferner Christine Woodhead: Shehzāde. In: The Encyclopaedia of Islam. New Edition. Band 9, Brill, Leiden 1997, S. 414.
  102. Josef Matuz: Das Osmanische Reich. Grundlinien seiner Geschichte. 6. Auflage. Primus Verlag, Darmstadt 2010, ISBN 978-3-89678-703-3, S. 87; Haldun Eroğlu: Osmanlı Devletinde Şehzadelik Kurumu. Akçağ Yayınevi, Ankara 2004, ISBN 975-338-517-X, S. 106, 112; İsmail Hakkı Uzunçarşılı: Osmanlı Tarihi. 10. Auflage. Band 1, Türk Tarih Kurumu Basımevi, Ankara 2011, ISBN 978-975-16-0011-0, S. 499.
  103. Carter Vaughn Findley: Political culture and the great households. In: Kate Fleet, Suraiya Faroqhi, Reşat Kasaba (Hrsg.): The Cambridge History of Turkey. Band 3: The Later Ottoman Empire 1603–1839. Cambridge University Press, Cambridge UK 2006, ISBN 0-521-62095-3, S. 65–80.
  104. İsmail Hakkı Uzunçarşılı: Osmanlı Devletinin Saray Teşkilâtı. 3. Auflage. Türk Tarih Kurumu Basımevi, Ankara 1988, ISBN 975-16-0041-3, S. 46, 120.
  105. Halil İnalcık: The Ottoman Empire. The Classical Age 1300–1600. Weidenfeld & Nicolson, London 1973, ISBN 0-297-99490-5, S. 60; vgl. ferner İsmail Hakkı Uzunçarşılı: Osmanlı Devletinin Saray Teşkilâtı. 3. Auflage. Türk Tarih Kurumu Basımevi, Ankara 1988, ISBN 975-16-0041-3, S. 140.
  106. Zum Prinzengefängnis siehe G. Veinstein: Ḳafes. In: The Encyclopaedia of Islam. New Edition. Band 12, Brill, Leiden 2004, S. 503–505.
  107. Linda T. Darling: Public finances. The role of the Ottoman centre. In: Kate Fleet, Suraiya Faroqhi, Reşat Kasaba (Hrsg.): The Cambridge History of Turkey. Band 3: The Later Ottoman Empire 1603–1839. Cambridge University Press, Cambridge UK 2006, ISBN 0-521-62095-3, S. 65–80.
  108. Madeline C. Zilfi: The Ottoman Ulema. In: Kate Fleet, Suraiya Faroqhi, Reşat Kasaba (Hrsg.): The Cambridge History of Turkey. Band 3: The Later Ottoman Empire 1603–1839. Cambridge University Press, Cambridge UK 2006, ISBN 0-521-62095-3, S. 213 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  109. Carter Vaughn Findley: The Tanzimat. In: Reşat Kasaba (Hrsg.): The Cambridge History of Turkey. 4: Turkey in the modern world. Cambridge University Press, Cambridge UK 2008, ISBN 978-0-521-62096-3, S. 28–29.
  110. Karl Kaser: Balkan und Naher Osten. Einführung in eine gemeinsame Geschichte. Böhlau, Wien 2011, S. 208 f.
  111. Heiko Schuß: Wirtschaftskultur und Institutionen im Osmanischen Reich und der Türkei. Ein Vergleich institutionenökonomischer und kulturwissenschaftlicher Ansätze zur Erklärung der wirtschaftlichen Entwicklung. Hrsg.: Dieter Weiss,Steffen Wippel, Hans Schiler. Berlin 2008, ISBN 978-3-89930-200-4, S. 99.
  112. Halil İnalcık, Donald Quataert: An Economic and Social History of the Ottoman Empire, 1300–1914. Cambridge University Press, Cambridge UK 1994, ISBN 0-521-34315-1, S. 31–32.
  113. Ina Baghdiantz McCabe: The Shah’s Silk for Europe’s Silver. The Eurasian Trade of the Julfa Armenians in Safavid Iran and India, 1530–1750. Peeters Pub, Atlanta 1999, ISBN 978-0-7885-0571-3.
  114. Asunción Blasco Martínez: La expulsión de los judíos de España en 1492. In: Kalakorikos: Revista para el estudio, defensa, protección y divulgación del patrimonio histórico, artístico y cultural de Calahorra y su entorno. Nr. 10, 2005, S. 13 f. (spanisch, dialnet.unirioja.es [abgerufen am 11. Juni 2016]).
  115. Cornell Fleischer: Bureaucrat and intellectual in the Ottoman Empire. The historian Mustafa Ali (1541–1600). Princeton University Press, Princeton 1986, ISBN 978-0-691-63844-7, S. 254–255, JSTOR:j.ctt7zvjvj.
  116. Bruce McGowan: Population and migration. In: Halil İnalcik, Donald Quataert (Hrsg.): An economic and social history of the Ottoman Empire, 1300–1914. Band 2. Cambridge University Press, Cambridge UK 1994, ISBN 0-521-34315-1, S. 646–657.
  117. Felix de Beaujour: Tableau du commerce de la Grèce, formé d’après une année moyenne, depuis 1787 jusqu’en 1797. 2 Bände. Imprimerie de Crapelet, Antoine-Auguste Renouard, Paris 1800, S. 129 (gallica.bnf.fr [abgerufen am 14. Oktober 2016]).
  118. Lauren Benton: Law and Colonial Cultures: Legal Regimes in World History, 1400–1900. Cambridge University Press, 2001, ISBN 0-521-80414-0, S. 109–110 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  119. Ahmet Içduygu, Şule Toktas, B. Ali Soner: The politics of population in a nation-building process. Emigration of non-Muslims from Turkey. In: Ethnic and Racial Studies. Band 31, Nr. 2, 1. Februar 2008, ISSN 0141-9870, S. 358–389, doi:10.1080/01419870701491937.
  120. Kemal H. Karpat: Studies on Ottoman social and political history. 2002, S. 766.
  121. Stanford Jay Shaw: History of the Ottoman Empire and Modern Turkey. 1977, S. 241.
  122. Why there is more to Syria conflict than sectarianism. BBC News, abgerufen am 5. Juni 2013.
  123. George C. Kohn: Dictionary of Wars. Infobase Publishing, 2007, ISBN 0-8160-6577-2, S. 385.
  124. Jalāl Āl Aḥmad: Plagued by the West. Center for Iranian Studies, Columbia University, Delmor, N.Y 1982, ISBN 0-88206-047-3.
  125. Şevket Pamuk: A monetary history of the Ottoman Empire (= Cambridge studies in Islamic civilization). Cambridge University Press, Cambridge UK 2000, ISBN 0-521-44197-8, S. 30–34.
  126. Fernand Braudel: Sozialgeschichte des 15.–18. Jahrhunderts. Band 2: Der Handel. Kindler, München 1986, S. 211.
  127. Halil İnalcık, Donald Quataert: An Economic and Social History of the Ottoman Empire, 1300–1914. Cambridge University Press, Cambridge UK 1994, ISBN 0-521-34315-1, S. 319–327.
  128. Edhem Eldem: Capitulations and Western trade. In: Suraiya N. Faroqhi (Hrsg.): The Cambridge History of Turkey. Band 3. Cambridge University Press, Cambridge UK 2006, ISBN 0-521-62095-3, S. 334. Dort auch Details zu einzelnen Warengruppen.
  129. Robert Paris: Histoire du commerce de Marseille. Tome V, De 1660 à 1789, le Levant. Plon, 1957, S. 557–561 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  130. Suraiya N. Faroqhi: Introduction. In: The Cambridge History of Turkey. Band 3. Cambridge University Press, Cambridge UK 2006, ISBN 0-521-62095-3, S. 8–10.
  131. Huri İslamoğlu-İnan: The Ottoman Empire and the World-Economy. Cambridge University Press, 2004, ISBN 0-521-52607-8, S. 4.
  132. Dina Rizk Khoury: The Ottoman centre versus provincial power-holders: an analysis of the historiography. In: Kate Fleet, Suraiya Faroqhi, Reşat Kasaba (Hrsg.): The Cambridge History of Turkey. Band 3: The Later Ottoman Empire 1603–1839. Cambridge University Press, Cambridge UK 2006, ISBN 0-521-62095-3, S. 133–156.
  133. Gerald Volkmer: Siebenbürgen zwischen Habsburgermonarchie und Osmanischem Reich. In: Völkerrechtliche Stellung und Völkerrechtspraxis eines ostmitteleuropäischen Fürstentums 1541–1699. de Gruyter, Berlin 2014, ISBN 978-3-11-034399-1, S. 577–584.
  134. William L. Cleveland, Martin Bunton: A history of the modern Middle East. Perseus Books Group, New York 2016, ISBN 978-0-8133-4980-0, S. 121.
  135. William L. Cleveland, Martin Bunton: A history of the modern Middle East. Perseus Books Group, New York 2016, ISBN 978-0-8133-4980-0, S. 150–152.
  136. William L. Cleveland, Martin Bunton: A history of the modern Middle East. Perseus Books Group, New York 2016, ISBN 978-0-8133-4980-0, S. 155–157.
  137. Eckhard Leuschner, Thomas Wünsch (Hrsg.): Das Bild des Feindes. Konstruktion von Antagonismen und Kulturtransfer im Zeitalter der Türkenkriege. Gebr. Mann Verlag, Berlin 2013, ISBN 978-3-7861-2684-3.
  138. Robert Born, Michael Dziewulski, Guido Messling (Hrsg.): The Sultan’s world: The Ottoman Orient in Renaissance art. Hatje Cantz Verlag, Ostfildern 2015, ISBN 978-3-7757-3966-5.
  139. Almeida Assmann: Der lange Schatten der Vergangenheit. Erinnerungskultur und Geschichtspolitik. C.H. Beck, München 2006, ISBN 3-406-54962-4, S. 59 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  140. William L. Cleveland, Martin Bunton: A history of the modern Middle East. Perseus Books Group, New York 2016, ISBN 978-0-8133-4980-0, S. XIV.
  141. Wilfried Buchta: Die Strenggläubigen. Hanser, Berlin 2016, ISBN 978-3-446-25293-6, S. 18.
  142. William L. Cleveland, Martin Bunton: A history of the modern Middle East. Perseus Books Group, New York 2016, ISBN 978-0-8133-4980-0, S. 549.
  143. William L. Cleveland, Martin Bunton: A history of the modern Middle East. Perseus Books Group, New York 2016, ISBN 978-0-8133-4980-0, S. 104–110.
  144. Reşat Kasaba: Introduction. In: Reşat Kasaba (Hrsg.): The Cambridge History of Turkey. Band 4: Turkey in the modern world. Cambridge University Press, Cambridge UK 2008, ISBN 978-0-521-62096-3, S. 3–5.
  145. Ausländische Bevölkerung nach Geschlecht und ausgewählten Staatsangehörigkeiten. In: destatis.de. Statistisches Bundesamt, abgerufen am 5. Februar 2019.
  146. Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Hrsg.): Migrationsbericht des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge im Auftrag der Bundesregierung. S. 146 (bamf.de [PDF; 5,0 MB; abgerufen am 25. Oktober 2016]).
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