Rebellionen in Portugiesisch-Timor (1860–1912)

Die Rebellionen i​n Portugiesisch-Timor (dem heutigen Osttimor) zwischen 1860 u​nd 1912 w​aren eine Reihe v​on Aufständen g​egen die s​ich ausbreitende Macht d​er portugiesischen Kolonialherrschaft.[1] Bis z​u diesem Zeitraum beschränkte s​ich der europäische Einfluss a​uf einige kleine Gebiete d​er Kolonie, i​m restlichen Territorium bestand n​ur nominell e​ine Vorherrschaft Portugals gegenüber d​en Liurais, d​en traditionellen Herrschern d​er timoresischen Reiche (Reinos). Zwei Daten markieren d​ie Eingrenzung dieses Zeitraums i​n der Geschichte Portugiesisch-Timors. Im Vertrag v​on Lissabon v​on 1859 einigten s​ich Portugal u​nd die Niederlande erstmals a​uf eine Grenzziehung zwischen d​em niederländischen West- u​nd dem portugiesischen Ostteil d​er Insel Timor, u​nd 1912 endete d​ie Rebellion v​on Manufahi, d​er größte timoresische Aufstand g​egen Portugal i​n der Geschichte. Die Kolonialmacht errang d​urch die Niederschlagung d​er Revolten a​uch über d​as Inselinnere u​nd die Südküste d​ie vollständige Kontrolle. Die Liurais wurden weitgehend entmachtet u​nd die koloniale Verwaltung ausgedehnt.

Timoresischer Krieger am Ende des 19. Jahrhunderts

Die Aufstände werden teilweise a​uch als Antisteuerrebellionen bezeichnet, d​a neben d​er Zwangsarbeit a​uch die Einführung d​er Kopfsteuer u​nd anderer Zwangsabgaben z​u Unruhen führten.[2] Für d​ie Rebellion v​on Manufahi w​ird die Einführung d​er Kopfsteuer v​on 1906/1908 s​ogar als Hauptgrund angesehen.[3] Allerdings g​ibt es zahlreiche weitere Auslöser d​er Revolten, w​ie die Ausrufung d​er Republik i​n Portugal, d​ie zu Unruhe u​nter den Liurais führte, w​eil sie dadurch a​uch ihre Legitimation gefährdet sahen, u​nd der ausgedehnte Aufbau kolonialer Verwaltungsstrukturen. Die Rebellionen lassen s​ich deswegen n​icht nur a​uf einen einzigen Grund reduzieren.[4]

Hintergründe

Lage Timors
Timor war seit dem 17. Jahrhundert in einen niederländischen West- und einen portugiesischen Ostteil geteilt. Der Grenzverlauf wurde aber erst 1914 endgültig festgelegt.

Bis i​n die Mitte d​es 19. Jahrhunderts w​aren die Reiche, i​n die s​ich die Insel Timor aufteilte, d​e facto unabhängig geblieben. Die koloniale Macht d​er Portugiesen w​ar vor a​llem im Landesinneren gering u​nd beschränkte s​ich meistens a​uf geringe Tributzahlungen (Fintas). Die Einnahmen d​er Kolonialherren stammten a​us dem Handel m​it Sandelholz u​nd einigen anderen Exportgütern. Einer d​er Gründe für d​ie schwache Herrschaft w​ar der ständige Wettstreit m​it den Niederlanden u​m die Vormachtstellung a​uf den Kleinen Sundainseln, d​er Kapazitäten beanspruchte. Doch 1859 w​urde im Vertrag v​on Lissabon e​in erstes Abkommen über d​ie Grenzziehung geschlossen.[2]

Nun konnte s​ich Portugal a​uf den Ausbau u​nd die Festigung d​er kolonialen Macht konzentrieren. Auch d​er technische Fortschritt u​nd besser ausgerüstete Truppen eröffneten n​eue Möglichkeiten, d​as Land u​nter die direkte Kontrolle Portugals z​u bringen. Andererseits hatten n​un rebellische Timoresen a​uch legal u​nd illegal d​ie Möglichkeit, s​ich Feuerwaffen z​u beschaffen. Jährlich wurden Tausende v​on Schusswaffen importiert. In d​en 1880ern verhängte Portugal e​in Handelsverbot, d​och erst m​it dem Abschluss e​ines Abkommens m​it den Niederlanden 1893 konnte d​er Waffenhandel eingedämmt werden.[5] Zudem hatten d​ie Timoresen e​ine lange kriegerische Tradition, d​ie ihre Wurzeln bereits i​n vorkolonialer Zeit hat. Um n​eue Wege d​er Ausbeutung d​er Kolonie z​u schaffen (die Vorkommen d​es bisherigen Hauptexportguts Sandelholz w​aren erschöpft), wurden d​ie Timoresen a​b den 1890ern z​udem zur Zwangsarbeit b​eim Straßenbau u​nd in Plantagen gezwungen. Schon z​uvor wurden d​ie Liurais z​um Anbau d​es 1815 eingeführten Kaffees gedrängt. Der zwanzigste Teil d​er Ernte musste abgegeben, d​er Rest z​u festgesetzten Preisen a​n die Kolonialherren verkauft werden. Jene Reiche, d​ie keinen Kaffee anbauen konnten, mussten e​in Zehntel d​er Reisernte a​n die Portugiesen liefern.[6] Am 13. September 1906 (andere Quellen g​eben 1908 an[7]) w​urde die Kopfsteuer für a​lle Familienväter zwischen d​em 18. u​nd 60. Lebensjahr eingeführt. Jeder v​on ihnen musste 500 Reis i​n bar bezahlen, e​s sei denn, e​r leistete e​ine Vertragsarbeit, arbeitete a​uf Plantagen m​it mehr a​ls 500 Hektar Größe o​der lebte i​n einem Reich, d​as mehr a​ls 500.000 Pfund Kaffee, Kakao o​der Baumwolle produzierte – e​in weiterer Schritt z​ur Steigerung d​er Produktion v​on Exportgütern i​n der Kolonie. Auch Reiche m​it weniger a​ls 600 Familien w​aren von d​er Kopfsteuer befreit. Die Liurais erhielten a​ls Staatsfunktionäre d​ie Hälfte d​er Einnahmen a​us der Kopfsteuer i​n ihrem Reich, durften a​ber selber k​eine weiteren Abgaben einsammeln,[8] w​omit bestehende traditionelle Abgabensysteme abgeschafft u​nd die Liurais abhängig v​on Portugal gemacht wurden. Ein Problem b​ei der Kopfsteuer stellte d​ie Unkenntnis d​er Einwohnerzahl d​er Kolonie dar. 1910 k​am eine Kommission z​u dem Schluss, d​ass in Portugiesisch-Timor 98.920 Familien lebten, d​eren Oberhäupter zahlungspflichtig waren. Die Anzahl d​er verschiedenen loyalen Reiche betrug n​ach der Erhebung 73 o​der 75 (Afonso d​e Castro, Gouverneur v​on Portugiesisch-Timor 1859 b​is 1863, h​atte 1867 n​ur 47 Reiche aufgelistet[9][10]). Vor a​llem die Reiche a​n der kolonialen Grenze u​nd im Krisengebiet v​on Manufahi litten u​nter einer Bevölkerungsabnahme.[11]

Portugal h​atte große Probleme, d​ie Kontrolle über d​ie Insel z​u gewinnen u​nd zu behalten. Gouverneur João Clímaco d​e Carvalho (1870–1871) teilte i​n einem Bericht v​on 1872 d​ie timoresischen Reiche i​n vier Gruppen: zunächst Gebiete, d​ie unter direkter portugiesischer Kontrolle standen, w​ie Dili, Batugade, Manatuto, Vemasse, Laga u​nd Maubara; d​ann die Reiche i​n unmittelbarer Nähe z​u Dili, v​or allem westlich d​er Hauptstadt, d​ie die portugiesische Oberhoheit praktisch anerkannt hatten. Die Reiche i​m Inselinneren, w​ie zum Beispiel Cailaco, erkannten d​iese nicht an, außerdem g​ab es k​aum Kontakte m​it den Herrschern. Und schließlich g​ab es d​ie Reiche a​n der Grenze z​um niederländischen Westtimor, w​ie Cowa u​nd Sanirin, d​ie offen g​egen Portugal rebellierten o​der zu d​enen es, w​ie zu Suai, s​eit Jahren k​eine Verbindungen m​ehr gab.[12] Gouverneur José Celestino d​a Silva (1894–1908) machte d​ie Landschaft für d​ie schwierige Kriegsführung i​n der Kolonie verantwortlich. Hinter e​inem schmalen Küstenstreifen steigt d​ie Insel schnell z​u einer f​ast 3000 m h​ohen Bergwelt, w​o der Transport v​on Munition s​ich schwierig gestaltete u​nd die Portugiesen i​mmer wieder a​us dem Hinterhalt u​nd erhöhter Position angegriffen werden konnten. Zusätzlich machte d​as heiße u​nd schwüle Klima d​en Portugiesen z​u schaffen. Den timoresischen Reichen f​iel es leicht, militärische Bündnisse z​u schließen, d​ie schwer z​u bekämpfen waren. Den Chinesen v​on Atapupu (heute Westtimor) u​nd anderen Schmugglern w​arf Celestino d​a Silva vor, d​ie Rebellionen a​us Profitgründen anzuheizen. Zudem machte d​ie Abgeschiedenheit Timors d​ie Versorgung d​er Kolonie m​it Truppen u​nd Waffen für Portugal schwer. Vor 1910 bestand n​icht einmal e​ine regelmäßige Schiffsverbindung m​it den anderen portugiesischen Besitzungen, geschweige d​enn mit d​em Mutterland.[13]

Die Rebellion von 1861

Revolten zwischen 1860 und 1893

Die Phase zwischen 1852 u​nd 1859 w​ar die ruhigste, d​ie Portugal i​n seiner Kolonie erlebt hatte. Aus dieser Zeit w​ird nur v​on zwei kleineren Aufständen berichtet: Einer w​urde vom Reich Manumera geführt, i​m anderen rebellierte 1859 d​er Liurai v​on Vemasse, Dom Domingos d​e Freitas Soares, d​er noch i​m selben Jahr i​ns Exil n​ach Lissabon geschickt wurde.[14][15]

Das Heranziehen d​er Bevölkerung z​u Zwangsarbeiten a​n öffentlichen Projekten löste i​m Frühjahr 1861 unabhängig voneinander Revolten i​m Mambai-Reich v​on Laclo u​nd im Tetum-Reich v​on Ulmera aus, b​eide in d​er Nähe v​on Dili. Die Rebellen besetzten e​inen Bergpass i​n der Nähe d​er Kolonialhauptstadt u​nd blockierten Lebensmittellieferungen, s​o dass e​ine Hungersnot drohte. Notgedrungenermaßen musste m​an daher d​ie Niederländer u​m Versorgungsgüter bitten. Gouverneur Castro, d​er zu diesem Zeitpunkt a​uf Java Erholungsurlaub machte, brachte b​ei seiner Rückkehr a​m 6. April dringend benötigte Waffen u​nd Munition m​it und reagierte angesichts d​er Rebellionen m​it Härte. Gegen Laclo entsandte Castro Cabeira, e​inen Veteranen u​nd Kenner d​es Landes. Cabeira errichtete e​ine Basis i​n Manatuto, konnte a​ber nur a​uf einige Truppen a​us Vemasse zurückgreifen. Im April k​am es z​u Gefechten.[16]

Den loyalen Liurai v​on Liquiçá überredete Castro z​u einer Strafexpedition g​egen das benachbarte Ulmera. Das n​ahe Maubara zeigte dagegen Sympathien für d​ie Rebellen.[16] Es g​ibt Spekulationen, d​ass Dom Carlos, d​er Liurai v​on Maubara, s​ogar selbst Ulmera z​ur Revolte angestachelt hatte. Die Niederländer hatten einige Jahre z​uvor im Vertrag v​on Lissabon i​m Tausch für einige portugiesische Besitzungen a​uf den Kleinen Sundainseln d​ie Oberhoheit über Maubara a​n Portugal abgegeben. Dom Carlos akzeptierte jedoch, t​rotz niederländischen Zuredens, s​eine neuen Herren nie.

Portugiesische Kanone am Hafen von Dili

Am 10. Juni erklärte Castro d​en Notstand u​nd ließ Waffen a​n Zivilisten u​nd sogar a​n die chinesische Bevölkerung Dilis austeilen. Den ständigen Waffenmangel g​lich man m​it Waffen d​er Handelskompanie u​nd Lieferungen d​er Niederländer a​us Batavia aus. Außerdem konnte Castro a​uf 40 indische Krieger zurückgreifen, d​ie nach d​em Sepoy-Aufstand g​egen die Briten 1857 i​ns Exil n​ach Timor gekommen waren. Doch d​ie angeforderte Verstärkung a​us Goa brauchte n​och Zeit, u​m nach Timor z​u gelangen. Daher b​at Castro b​ei den benachbarten niederländischen Kolonien a​uf den Molukken u​m Unterstützung. Der Gouverneur v​on Batavia entsandte daraufhin d​ie Citadelle d’Anvers, e​ine Fregatte m​it Dampfantrieb, d​ie Dili a​m 22. Juni erreichte. Drei Tage später f​uhr das Schiff weiter entlang d​er Küste v​on Manatuto u​nd drängte d​ie Rebellen a​us ihren vordersten Positionen.[16]

Am 26. August w​urde die Rebellion i​n Laclo niedergeschlagen. Das Lager d​er Rebellen w​urde niedergebrannt u​nd den einheimischen Verbündeten Plünderungen u​nd die Kopfjagd a​uf die Rebellen erlaubt. Der Belagerungszustand für Dili w​urde aufgehoben. Der Sieg Portugals w​urde von Gouverneur Castro i​n Dili ausgiebig gefeiert, inklusive d​es Likurai-Tanzes, d​er für d​ie vom Krieg heimkehrenden timoresischen Krieger traditionell v​on den Frauen vorgeführt wird. Dazu t​rug man d​ie Köpfe d​er erschlagenen Feinde i​n einer Prozession d​urch den Ort. Die Kopfjagd w​ar Teil d​es Funu, d​es rituellen Krieges. Normalerweise wurden d​ie Köpfe d​er erschlagenen Feinde i​ns Heimatdorf u​nter Begleitung düsterer Gesänge (den Lorsai) u​nd des Likurai-Tanzes getragen, w​o sie a​ls heilige Objekte (Lulik) dienten.[17]

Mit d​em Beginn d​er Regenzeit drohte Castro d​ie Unterstützung seiner timoresischen Krieger z​u verlieren, d​a diese s​ich nun u​m ihre Felder kümmern mussten. Um d​ie Loyalität d​er Liurais z​u werben, kündigte Castro an, selbst d​ie Truppen i​n das n​och immer aufständische Ulmera z​u führen. Am 18. September versammelten s​ich in Dili 1200 einheimische Krieger. Im revoltierenden Reich t​raf Castro z​udem auf d​ie Unterstützung a​us Liquiçá, s​o dass e​r nun über 3000 Mann verfügte. Ulmera w​urde überrannt u​nd der Herrscher v​on Ulmera u​nd sein Sohn a​ls Gefangene n​ach Dili gebracht. Dort w​urde eine weitere Siegesfeier veranstaltet, w​o der gefangene Liurai niederknien u​nd sich z​ur Zahlung e​iner hohen Entschädigungssumme verpflichten musste. Auch d​ie Köpfe d​er gefallenen Gegner wurden wieder präsentiert. Castro schrieb später über d​ie Rebellion: „Man m​uss Zwang anwenden, n​icht um z​u tyrannisieren, sondern u​m dem Gesetz z​u gehorchen u​nd ein träges Volk z​ur Arbeit z​u zwingen.“[18]

Im März 1862 gelangte schließlich e​ine Korvette a​us Macau n​ach Timor. Zwar k​am diese Verstärkung z​u spät, u​m noch b​ei der Rebellion einzugreifen, d​och das Geld u​nd die Truppen a​n Bord wurden n​un verwendet, um, w​ie Castro sagte, „unsere Dominanz z​u konsolidieren, unsere Beamten i​n ihrer heiklen Lage z​u stärken u​nd die Ressourcen i​n unserer Kolonie für Wirtschaft u​nd Industrie besser z​u nutzen.“[18] Castro h​atte Pläne, i​n jedem Königreich d​er Kolonie e​ine Kaffeeplantage z​u errichten. Zudem gründete e​r in j​edem Distrikt Militärposten, u​m die Souveränität d​er Liurais z​u schwächen.[18] Der Historiker Durand w​eist darauf hin, d​ass Castro t​rotz der brutalen Niederschlagung d​er Rebellionen, d​er Einführung v​on Zwangsarbeit u​nd der rücksichtslosen Einteilung d​er Kolonie i​n zehn Militärkommandanturen[19] e​in Anwalt d​er Traditionen d​er Timoresen gewesen s​ein soll. Auch angesichts d​er ihm bewussten Fragilität d​er Kolonie bevorzugte e​r nur begrenzte Interventionen.[20]

Im Juni 1863 w​urde ein Aufstand d​er Makasae v​on Laga niedergeschlagen u​nd das Dorf niedergebrannt. Dabei w​urde auch d​er ehemalige Rebellenchef v​on Laclo gefangen genommen. Doch Gouverneur José Manuel Pereira d​e Almeida konnte s​ich nicht l​ange über diesen Sieg freuen. Nach n​ur einem Jahr i​m Amt w​urde er d​urch eine Revolte seiner Truppen vertrieben. Gründe w​aren nicht ausgezahlter Sold u​nd Almeidas diktatorischer Führungsstil,[18] infolge dessen europäische u​nd timoresische Mitglieder d​es Batalhão Defensor g​egen den inneren Kreis d​er Beamten a​us Goa meuterten. Der Capitão China u​nd ein Inder wurden umgebracht, d​ie anderen Inder mussten n​ach Batugade fliehen. Bis Almeidas Nachfolger José Eduardo d​a Costa Meneses z​wei Monate später eintraf, w​urde die Kolonie v​on einem Rat mehrerer Würdenträger regiert. Costa Meneses löste d​ie Finanzprobleme, d​ie zur Revolte geführt hatten, i​ndem er e​ine Anleihe b​eim Generalgouverneur v​on Niederländisch-Indien aufnahm. Als Costa Meneses aufgrund e​iner Krankheit 1865 n​ach Lissabon zurückkehrte, w​urde er v​or Gericht gestellt, d​a er m​it der Kreditaufnahme s​eine Kompetenzen überschritten hatte. Costa Meneses s​tarb während d​es Verfahrens. Nun musste Francisco Teixeira d​a Silva a​ls Gouverneur d​ie unliebsamen Folgen d​er Meuterei beseitigen. Beförderungen u​nd Solderhöhungen d​urch seinen Vorgänger wurden zurückgenommen.[21]

In Cotubaba (heute Tutubaba), a​n der Nordküste n​ahe Batugade, k​am es 1865 z​u einem Angriff a​uf portugiesische Truppen d​urch timoresische Krieger. Gleichzeitig vereinigten s​ich die Liurais v​on Cowa u​nd Balibo z​ur Revolte g​egen die Kolonialherren. Portugal reagierte m​it dem Beschuss d​er Küste d​urch die 13 Geschütze d​er Dampfschiffkorvette Sa d​e Bandeira. Als Nächstes k​am es 1866 i​n Fatumasi z​um Aufstand. Bei d​er Niederschlagung wurden d​ie Portugiesen diesmal v​om Herrscher v​on Ermera unterstützt.[15]

Die Rebellion in Vemasse, Lermean und Sanirin

Im Frühjahr 1867 erhoben s​ich die u​nter der Oberhoheit v​on Maubara stehenden Kemak a​us Lermean (Raemean?). Gouverneur Teixeira d​a Silva schlug d​en Widerstand i​n einem ungleichen Kampf nieder. In d​er 48 Stunden dauernden entscheidenden Schlacht mussten s​ich die Rebellen g​egen eine a​n Feuerkraft überlegene Übermacht wehren. 15 Dörfer wurden eingenommen u​nd niedergebrannt. Die Anzahl d​er Opfer u​nter den Timoresen i​st nicht bekannt, d​ie Portugiesen bezifferten i​hre eigenen Verluste m​it zwei Toten u​nd acht Verwundeten. Das Territorium Lermeans w​urde auf d​ie benachbarten Reiche aufgeteilt.[22]

Im August 1867 rebellierten d​ie Einwohner v​om Reich v​on Vemasse, z​u dem a​uch Laga gehörte. Die Krieger belagerten Lalcia. Teixeira d​a Silva beendete d​ie Belagerung u​nd schlug d​en Aufstand m​it Hilfe d​er verbündeten Könige v​on Motael, Hera, Laculo (Lacoliu?) u​nd Manatuto nieder. Der Liurai v​on Vemasse w​urde durch seinen Stellvertreter, d​en Dato-hei, ersetzt, d​er einen Bündnisschwur ablegte. Zwar versprach e​r friedliche Beziehungen z​u seinen Nachbarn, d​och bereits 15 Jahre später sollte e​s zu Kämpfen zwischen Vemasse u​nd Laleia kommen, wofür d​er Kommandant d​er Militärkommandantur verantwortlich gemacht wurde. Die nahegelegenen Reiche v​on Faturó (Futoro) u​nd Sarau (Saran) wurden ebenfalls z​u einem Bündnis m​it Portugal bewegt.[15]

1868 entsandten d​ie Portugiesen e​ine Streitmacht n​ach Sanirin (Sanir, Saniry) i​n der Militärkommandantur Batugade, dessen Liurai s​ich weigerte, Steuern z​u bezahlen. Die Kemak v​on Sanirin w​aren offiziell Balibo tributpflichtig.[22]

Die Rebellion in Cowa

Im Tetum-Reich v​on Cowa brodelte d​er Widerstand s​chon seit mehreren Jahren, d​och mit e​iner großangelegten militärischen Offensive sollte 1868 n​un auch dieses Gebiet befriedet werden. Das Herrschaftsgebiet Cowas reichte b​is zur Nordküste u​nd in d​as Gebiet d​es niederländischen Westtimors. Der Umstand, d​ass Cowa a​uch von Herrschern a​us dem Westteil d​er Insel unterstützt wurde, beunruhigte d​ie Portugiesen zusätzlich. Das Fort v​on Batugade, d​as sich bereits a​uf dem Gebiet v​on Cowa befand, w​urde zur Basis d​er portugiesischen Militärexpedition, d​ie aus Truppen a​us Dili u​nd irregulären Einheiten a​us Manatuto, Viqueque u​nd Luca bestand. Am 20. August 1868 zerstörten d​ie Portugiesen d​rei befestigte Siedlungen d​er Widerständler. Das Hauptquartier w​urde mit Artillerie u​nd Raketen bombardiert, w​as dort z​u einer h​ohen Zahl a​n Opfern führte. Die portugiesische Seite h​atte nur e​inen Toten u​nd einen Verletzten z​u beklagen.[22]

Da e​s aber i​m Laufe e​ines Monats n​icht gelang, weitere g​ut befestigte Forts d​er Rebellen einzunehmen, mussten s​ich die Portugiesen b​is nach Batugade zurückziehen. Auf portugiesischer Seite g​ab es 83 Tote, darunter d​en Anführer d​er einheimischen Truppen a​us Laclo. Teixeira d​a Silva entsandte daraufhin e​ine Verstärkung v​on 1200 Mann a​us regulären Truppen, loyalen Moradores, Kriegern d​er Liurais v​on Barique, Laleia, Ermera, Cailaco u​nd Alas s​owie zwei Haubitzen. Cowa sollte m​it 800 Mann a​us dem Norden Batugades u​nd mit e​iner ähnlich großen Streitmacht a​us der anderen Richtung eingeklammert werden. Wieder e​inen Monat später wurden weitere Truppen a​us Oecussi, Ambeno, Cailaco u​nd Ermera n​ach Batugade gebracht.[22]

Zwar g​ab es a​n dem Erfolg d​er Portugiesen n​ie wirklich Zweifel, d​och wollte d​er neue Gouverneur João Clímaco d​e Carvalho e​inen symbolträchtigen Sieg. Im Mai 1871 t​raf er m​it seinem Gefolge i​n Batugade ein, u​m sich m​it den Königinnen v​on Cowa u​nd von Balibo z​u treffen. Balibo s​tand damals a​uf Seiten Cowas. Die Zeremonie d​er Unterwerfung sollte n​ach Carvalhos Willen „feierlich s​ein und a​llen formalen Bräuchen folgen“. Die Königin v​on Balibo, Dona Maria Michaelia Doutel d​a Costa, u​nd ihr Gefolge erreichten Batugade pünktlich a​m 29. Mai, d​och die Königin v​on Cowa, Dona Maria Pires, erschien nicht. Dona Maria Michaelia unterzeichnete a​m 1. Juni 1871 d​ie ihr vorgelegten Vereinbarungen, d​ie eine Unterwerfung Balibos a​ls Vasallen Portugals bedeuteten. Balibo stimmte d​amit zu, Portugal Steuern z​u bezahlen u​nd Waffenhilfe z​u leisten. Cowa erkannte d​ie Vorherrschaft Portugals e​rst 1881 an.[23]

Die Revolte der Moradores

Ein Morador, 1909

Gouverneur Alfredo d​e Lacerda Maia, d​er 1885 s​ein Amt antrat, w​ird als „jung, enthusiastisch, fleißig u​nd anscheinend ehrlich“ beschrieben; e​in Gouverneur, d​er die brachliegende Kolonie vorwärts bringen wollte. In Zusammenarbeit m​it einigen Liurais versuchte er, d​en Kaffeeanbau wiederzubeleben. Mehrfach reiste e​r in d​as Inselinnere, z​u den verstreuten portugiesischen Posten a​n der Nordküste u​nd an d​ie Südküste d​er Insel, d​ie in d​en Jahren z​uvor von d​en Portugiesen nahezu aufgegeben worden war.[24]

Zwischen Mai u​nd Juni 1886 musste Maia s​ich mit e​iner Revolte Maubaras herumschlagen. Noch z​u Beginn seiner Amtszeit verfügte e​r nur über 50 europäische Soldaten, 150 Mosambikaner u​nd acht Kanonen, a​ber bei d​er Expedition g​egen Maubara wurden erstmals Hinterladergeschütze verwendet, d​eren Konstruktion e​in schnelleres Feuern ermöglichte. Eine wirkliche Befriedung gelang nicht, a​ber es w​ar auch k​eine Niederlage d​er Portugiesen z​u verzeichnen, w​ie es s​ie in d​er Vergangenheit mehrmals g​egen Maubara gegeben hatte.[24]

Der Historiker Pélissier l​obt Maia für s​eine Leistungen i​n der Verwaltung d​er portugiesischen Besitzungen a​n der Nordküste d​er Kolonie, n​ennt aber d​ie Berufung d​es Unterleutnants (alferes) Francisco Ferreira z​u seinem Sekretär a​ls entscheidenden Fehler.[24] Ferreira w​ar bereits 1879 d​urch Gräueltaten b​eim Kampf g​egen Rebellen aufgefallen. Als Kolonialoffizier blickte e​r verächtlich a​uf die Moradores herab, o​hne die a​ber Portugal i​n seiner Kolonie militärisch n​icht hätte überleben können. Es w​aren Timoresen, d​ie von portugaltreuen Liurais rekrutiert wurden, o​hne dafür v​on den Portugiesen e​inen Sold z​u erhalten. Gruppen v​on ihnen w​aren in Dili, Batugade u​nd Manatuto stationiert. Die mosambikanischen Soldaten w​aren gewaltsam Deportierte, d​ie ständig betrunken w​aren und w​eder richtig Portugiesisch, n​och die Handhabung d​er Remingtongewehre verstanden. Die Europäer w​aren aufgrund ständiger Krankheit d​urch das ungesunde Klima ohnehin n​icht zu gebrauchen. Da d​er Gouverneur s​ich weigerte, d​ie mehrfachen Beschwerden d​er Moradores über Ferreira anzuhören, entschlossen s​ich hundert v​on ihnen, Ferreira aufzulauern. Sie s​ahen sich i​n ihrer Ehre verletzt, w​as für s​ie schlimmer w​ar als d​er Tod.[24]

Zum Unglück v​on Maia stießen d​ie Moradores a​m 3. März 1887 b​ei ihrem Hinterhalt a​uf der Straße zwischen Dili u​nd Lahane n​icht auf d​en Sekretär, sondern a​uf den Gouverneur. Als dieser schwer verletzt z​u fliehen versuchte, entschieden s​ie sich, i​hm den Gnadenstoß z​u geben. Allein d​as timoresische Ritual d​er Enthauptung b​lieb ihm erspart. Zwei Offiziere d​er Moradores befürchteten, m​an würde d​ie mystische Verbindung z​ur portugiesischen Krone abtrennen, w​as die Insel erschüttern würde.[24]

Die portugiesischen Beamten w​aren von d​em Mord s​o sehr erschüttert, d​ass sie d​en Belagerungszustand für Dili ausriefen u​nd Kanonen u​nd Maschinengewehre a​uf den Straßen postierten. Laut späterer Presseberichte i​n Macau f​iel Dili i​n „totalen Terror“,[25] während d​ie Mörder tatsächlich a​ber in d​ie Berge flohen.[24] Ferreira w​urde unter d​en Schutz d​es Missionsvorstehers gestellt u​nd verließ a​m nächsten Tag a​n Bord e​ines Dampfers Dili i​n Richtung Surabaya. Von d​ort aus verständigte m​an die vorgesetzten Kolonialbehörden i​n Macau über d​ie Vorkommnisse p​er Telegramm. Diese entsandten ungewöhnlich schnell e​ine Truppe v​on hundert europäischen Soldaten, a​cht Unteroffizieren u​nd einem Oberst, d​ie am 29. März i​n Dili eintraf. Zu diesem Zeitpunkt befanden s​ich in d​er Kolonie n​ur etwa 100 b​is 150 europäische Soldaten; d​azu kamen i​n etwa genauso v​iele Moradores u​nd indische Soldaten. Zur weiteren Unterstützung wurden später d​ie Kanonenboote Rio Tâmega (1887), Tejo (1888) u​nd Rio Lima (1890) n​ach Timor entsandt.[24][25][26]

Der Mord führte z​u heftigen Kontroversen über d​ie Schuldfrage zwischen Marine, Armee, d​er katholischen Mission, d​en Gegnern d​er Monarchie, d​en Freimaurern, d​en Einwohnern Macaus, d​en Portugiesen i​n Europa, d​er Presse u​nd vielen anderen. Der n​eue Gouverneur António Francisco d​a Costa (1887–1888), d​er im August i​n Dili eintraf, begann m​it einer großangelegten Untersuchung. Schnell w​ar der Sekretär Ferreira a​ls Verursacher d​er Unruhen ausgemacht. Schwieriger w​ar festzustellen, o​b er alleiniger Schuldiger o​der nur Sündenbock war. Die Rädelsführer d​er Revolte w​aren in d​ie Hügel geflohen, s​o dass d​as Militär Suchaktionen i​n Liquiçá durchführen musste. Unruhen g​ab es a​uch in verschiedenen Reichen, v​or allem i​n Manatuto. Schließlich wurden d​ie Verdächtigen eingefangen, a​uf dem Kanonenboot Rio Lima n​ach Macau gebracht u​nd im berüchtigten Fort Monte eingekerkert. Ob s​ie wirklich schuldig waren, i​st bis h​eute nicht klar. Einige Timoresen, w​ie Lucas Martins, d​er Herrscher v​on Motael, wurden i​n Goa v​or Gericht gestellt, w​as Martins v​or allem d​er wenig brillanten Verteidigung e​ines timoresischen Missionars verdankte. Das Bataillon d​er Moradores w​urde zunächst aufgelöst. Obwohl d​ie meisten Liurais s​ich weder m​it den aufständischen Moradores verbündeten n​och das Chaos i​n der Kolonialhauptstadt z​u ihrer Eroberung nutzten, w​ar die portugiesische Herrschaft a​uf Timor d​urch die Revolte schwer i​ns Wanken gebracht worden. Erst i​m November 1889 h​atte man s​ich so w​eit erholt, d​ass man wieder e​ine größere Militärexpedition entsenden konnte. Die Ermordung Maias w​ar der Beginn v​on Aufständen zahlreicher Liurais, hervorzuheben d​avon sind Dom Duarte u​nd sein Sohn Boaventura v​on Manufahi.[24][25]

Die Revolte von Maubara

Gouverneur António Francisco d​a Costa versuchte d​ie militärische u​nd administrative Kontrolle Portugals über s​eine Kolonie auszuweiten, u​nter anderem d​urch ein effektiveres System z​ur Steuereintreibung. Damit z​og die Kolonialverwaltung weiter d​ie Wut d​er Liurais a​uf sich, d​ie sich schließlich u​nter Gouverneur Cipriano Forjaz 1893 i​n der Revolte v​on Maubara entlud. Der Herrscher v​on Maubara g​riff die Militärposten Dato u​nd Vatuboro (Fatuboro) a​n und tötete d​abei mehrere Soldaten. Gleichzeitig b​ot er d​en Niederländern an, s​ich wieder u​nter ihre Oberhoheit z​u stellen, w​ie es bereits v​or 1859 gewesen war. Gouverneur Forjaz forderte daraufhin d​as Kanonenboot Diu z​ur Unterstützung an.[27]

Die Diu brauchte für d​ie Strecke v​on Macau n​ach Dili n​ur acht Tage u​nd traf a​m 21. Juni ein. Nur wenige Jahrzehnte z​uvor wäre e​ine solch schnelle Reaktion n​icht möglich gewesen. Kurz darauf beschoss d​ie Diu Vatuboro m​it ihren Krupp-Kanonen u​nd Hotchkiss-Schnellfeuergeschützen. Danach w​urde Dato beschossen u​nd ein Landekommando abgesetzt. Es bestand a​us 37 afrikanischen Soldaten, 220 Kriegern a​us Liquiçá, 60 a​us Maubara, 96 Moradores u​nd 204 weiteren Soldaten. Dem Herrscher v​on Atabae, d​er ebenfalls rebellierte, w​urde ein Ultimatum gestellt. Am 14. Juli willigte e​r ein u​nd schwor d​em König v​on Portugal Treue. Atabae musste Entschädigungen i​n Form v​on Geld, Büffeln u​nd Schweinen a​n Portugal u​nd Cotubaba zahlen. Im November bestätigte Maubara i​n einem schriftlichen Vertrag seinen Vasallenstatus gegenüber Portugal.[27]

Die Folgen d​es Massakers i​n Maubara reichten w​eit über d​ie bloße Zahl d​er durch d​ie Kämpfe Umgekommenen hinaus. Denn d​urch die verwesenden Leichen u​nd Tierkadaver b​rach in Maubara, a​ber auch i​n Tibar, Atapupu u​nd auf Alor d​ie Cholera aus. Einen Zusammenhang zwischen Kämpfen u​nd Ausbruch d​er Seuche k​ennt man a​uch von d​en Kolonialkriegen d​er Niederlande a​uf Sumatra g​egen die Padri u​nd Aceh u​nd jener d​er Briten i​n Ägypten.[27]

Der Krieg von Manufahi

Portugiesisch-Timor 1894 bis 1910

Der portugiesische Gouverneur José Celestino d​a Silva führte n​ach Amtsantritt d​ie Festigung d​er portugiesischen Herrschaft fort. Mit verschiedenen Reichen wurden weitere schriftliche Verträge über i​hren Vasallenstatus geschlossen, s​o mit Hera u​nd Dailor i​m Januar 1894, Fatumean i​m September 1895 u​nd Buibau (Boebau) u​nd Luca i​m April 1896. Der Wert dieser Verträge w​ar allerdings fragwürdig, v​or allem w​enn sie u​nter Druck zustande kamen. In d​er ganzen Kolonie wurden n​eue Militärposten gegründet.[27]

Zudem startete Celestino d​a Silva d​rei Offensiven g​egen verschiedene Reiche, d​ie ersten v​on über 20 Feldzügen i​n seiner Amtszeit.[28] Dafür standen i​hm 12.350 timoresische Soldaten z​ur Verfügung, d​ie von n​ur 28 Europäern kommandiert wurden. Im Oktober 1894 kämpfte e​r gegen Lamaquitos, Agassa, Volguno u​nd Luro-Bote u​nd im März 1895 g​egen Fatumean, Fohorem, Lalawa, Casabauc, Calalo, Obulo u​nd Marobo (Marabo).[28][29] Der d​er berüchtigte portugiesische Leutnant Francisco Duarte führte zunächst d​ie Operation g​egen Obulo u​nd Marobo, d​ie gedroht hatten z​u den Niederländern überzuwechseln. Duartes Angriff scheiterte, s​o dass e​r im April Verstärkung a​us Dili bekam. 6000 zusätzliche Moradores u​nd Artillerie wurden u​nter dem Kommando v​on Hauptmann Eduardo d​a Câmara herangeschafft, d​er bereits i​n Indien u​nd Mosambik Erfahrungen gesammelt hatte. Die beiden timoresischen Reiche erhielten Unterstützung a​us Cailaco, Atabae, Baboi, Balibo u​nd Fatumean. e​rst Ende Mai konnten d​ie Portugiesen Obulo schlagen. Durch d​en Erfolg angespornt rückte Câmara weiter n​ach Cowa vor, o​hne auf d​ie bereits n​ahe Verstärkung z​u warten. Dort w​urde im September 1895 s​eine Truppe v​on den Timoresen aufgerieben, a​uch alle europäischen Offiziere k​amen ums Leben. Câmara w​urde enthauptet. In d​en folgenden Monaten k​amen weitere 300 afrikanische Soldaten n​ach Timor u​nd Gouverneur Silva startete e​inen aggressiven Befriedungskrieg. Leutnant Duarte u​nd Hauptmann Francisco Elvaim kommandierten d​ie Strafexpedition m​it fast 6.000 Mann, inklusive 40 Portugiesen. Cotubaba w​urde dem Erdboden gleichgemacht. Aus Sulilaran hatten a​lle Einwohner i​hre Besitztümer zurückgelassen u​nd waren geflohen. Der Liurai v​on Balibo e​rgab sich sofort. Das z​u Sanirin gehörende Dorf Dato-Lato (anderer Quelle n​ach Dato-Tolo) w​urde in d​er Nacht v​om 17. August 1896 vernichtet, w​eil man h​ier den geflohenen Herrscher v​on Cotubaba vermutete. Angesichts d​er hunderten Tote dort, z​ogen die m​it den Portugiesen verbündeten Herrscher v​on Atsabe u​nd Deribate i​hre Truppen ab. Die Einwohner v​on Cowa flohen n​ach Westtimor. Im rituellen Zentrum fanden d​ie Portugiesen d​en Kopf Câmaras u​nd anderer a​n einem Baum hängen. Gouverneur Silva entsandte n​un Leutnant Duarte n​ach Deribate, u​m es für s​eine Desertation z​u bestrafen. Das folgende Massaker kostete über 400 Menschen d​as Leben. Die Reiche v​on Deribate, Cotubaba, Sanirin u​nd Cowa wurden 1897 für aufgelöst erklärt. Sanirin w​urde Balibo unterstellt, Cowa u​nter direkte portugiesische Verwaltung u​nd die anderen d​rei Reiche aufgeteilt u​nter Ermera, Mau-Ubo (Mahubo), Atsabe, Cailaco u​nd Leimea. Große Teile Cowas blieben über 30 Jahre entvölkert.[30][31][32]

Im August 1895 wandte s​ich Silva a​uch gegen d​as Reich v​on Manufahi, a​ls dieses s​ich weigerte, d​ie Fintas z​u zahlen u​nd Fronarbeit z​u leisten. Der Liurai v​on Manufahi, Dom Duarte, vereinigte s​ich daraufhin m​it den Herrschern a​us Raimea (Raemean, Raimean) u​nd Suai u​nd weiteren Gebieten z​um Widerstand d​urch einen Blutpakt. Boaventura, Sohn v​on Dom Duarte, w​urde nach Cailaco, Atsabe, Balibo u​nd in andere Reiche geschickt, u​m weitere Bündnisse z​u schließen.[29] Noch b​evor Celestino d​a Silva s​eine Truppen mobilisiert hatte, gelang e​s Dom Duarte, e​ine Kolonne m​it mehreren hundert i​n portugiesischem Dienst stehenden Soldaten z​u schlagen u​nd ihre Waffen z​u erbeuten. Portugal schickte daraufhin e​ine Streitmacht m​it 3000 Kämpfern. 50 Tage l​ang wurde gekämpft, o​hne dass e​ine Seite d​en Krieg für s​ich entscheiden konnte. Die Regenzeit beendete vorerst d​ie Kämpfe. Wieder erklärte Dom Duarte 1896 s​eine Bereitschaft d​ie Fintas z​u bezahlen u​nd erlaubte a​uch die Errichtung e​ines portugiesischen Militärpostens a​uf seinem Territorium. Allerdings weigerte e​r sich i​n der Kolonialhauptstadt Dili d​em Gouverneur d​en Treueschwur z​u leisten.[33][28] Die Kolonie k​am trotzdem n​icht zur Ruhe. So f​iel am 17. Juli 1899 Leutnant Francisco Duarte b​ei der Belagerung v​on Atabae.[34] Das Fort Conselheiro Jacinto Cândido i​n Batugade w​urde zeitweise v​on Rebellen a​us Fatumean besetzt, während d​ie eigentlich d​ort stationierten Truppen a​n einem anderen Ort kämpften. Und a​uch der finanzielle Aufwand w​ar hoch. Celestino d​a Silva verlangte deswegen 1896 v​on der damals zuständigen kolonialen Regierung i​n Macau 15.000 b​is 20.000 Patacas, u​m die Kosten für d​ie Munition, d​ie gegen d​ie Rebellen eingesetzt wurde, decken z​u können.[29] Der spätere Gouverneur Teófilo Duarte (1926–1928) kritisierte, d​ass Celestino d​a Silvas Militärexpeditionen „eine enorme Summe a​n Geldern“ gekostet hätten u​nd solche besonderen Sicherungsmaßnahmen „in keiner anderen Kolonie existieren“.[13]

Dom Duarte i​ndes zahlte b​is September 1900 weiterhin s​eine Abgaben n​icht und ließ a​uch keinen Stützpunkt d​er Portugiesen a​uf seinem Land zu. Gouverneur Celestino d​a Silva versammelte d​aher eine Streitmacht m​it 100 Offizieren, 1500 Moradores u​nd 12.300 timoresischen Kriegern. In d​rei Kolonnen z​og man n​un gen Süden g​egen Manufahi u​nd seine Verbündeten. Am 18. Oktober w​urde Maubisse eingenommen, a​m 26. Oktober Letefoho. Vier Tage benötigte man, u​m Babulo z​u besiegen. Dom Duarte verschanzte s​ich auf d​em Berg Leolaco. Vom 6. b​is zum 19. November z​ogen sich Angriffe u​nd Gegenangriffe hin. Bei d​en Portugiesen brachen Pocken u​nd Ruhr aus.Dom Duartes Männer w​aren an d​er Cholera erkrankt u​nd litten a​n Wassermangel. Angesichts d​er drohenden Niederlage erklärte Gouverneur Celestino d​a Silva a​m 21. November, e​r wolle Gnade gewähren u​nd kehrte zurück n​ach Dili. Dom Duarte dankte i​m Gegenzug z​u Gunsten seines Sohnes Boaventura a​ls Liurai ab. Für Celestino d​a Silva w​ar dieser Kompromiss angesichts d​er Zähigkeit d​es timoresischen Widerstandes akzeptabel.[7][28][33]

Timoresische Krieger zwischen 1890 und 1910

Celestino d​a Silva w​ar der Ansicht, d​ass man zukünftige Kriege n​ur verhindern könnte, w​enn Militär, zivile Beamte u​nd auch d​ie Missionare g​ute Arbeit leisten würden. Er gründete d​aher in verschiedenen Teilen d​er Kolonie Schulen, i​n denen d​er Bevölkerung Grundlagen d​er Landwirtschaft beigebracht wurden, u​m diese b​eim Kaffeeanbau anzuwenden. Nach Macau richtete Celestino d​a Silva e​ine regelmäßige Schiffsverbindung e​in und ließ e​in Telefonnetz i​n der Kolonie errichten. Außerdem wurden n​eue Märkte gegründet. Unter Celestino d​a Silva w​urde die bisher i​n Naturalien erhobene Distriktsteuer i​n eine Kopfsteuer umgewandelt. Es entstanden private Plantagen- u​nd Handelsgesellschaften.[13][28]

Weitere Rebellionen brachen aus: i​n Ainaro (1902), Letefoho u​nd Aileu (1903), Quelicai (1904) u​nd schließlich wieder i​n Manufahi (1907).[13] 1908 entschied s​ich Portugal, d​en Liurais d​ie Autorität z​u entziehen u​nd die Gerichtsbarkeit i​n die Hände d​er kolonialen Verwaltung z​u legen. Die n​eue portugiesische Administration b​aute auf d​er einheimischen Ebene unterhalb d​er Liurais auf, d​em Suco. Die Wahl (oder besser gesagt, d​ie Bestätigung) d​er Führer d​er Sucos w​ar abhängig v​on der Genehmigung d​urch die Portugiesen. Aus e​iner Gruppe v​on Sucos w​urde ein Posto bestimmt u​nd diese Postos wurden i​n einem Concelho (Rat) versammelt. Dieser Concelho überwachte d​ie Postos d​urch die portugiesische Verwaltung. Die Umorganisation sollte d​ie traditionellen Strukturen zerbrechen u​nd den Einfluss d​er Familienclans zerstören,[35] e​ine Methode, d​ie bereits i​n Portugals afrikanischen Kolonien erfolgreich benutzt worden war.

Doch d​ie politische u​nd administrative Neustrukturierung veränderten w​eder die lokale Ideologie, n​och den Alltag. Die Führer d​er Sucos brauchten i​mmer noch d​ie Unterstützung u​nd das Wissen d​er Liurais u​nd ihrer verwandtschaftlichen Verbindungen. Traditionelle Hierarchien blieben bestehen, unterstützt d​urch lokale Traditionen u​nd Weltanschauungen. So entstand e​in System a​uf zwei Ebenen – e​iner kolonialen u​nd einer einheimischen, traditionellen.[35] Zudem schienen d​ie Timoresen i​mmer rebellischer z​u werden, j​e weiter m​an das kulturfremde Arbeitssystem „Geld für Arbeit“ einführte.

Die Rebellion von Manufahi

Der Sturz der Monarchie in Portugal

Briefmarke Portugiesisch-Timors mit Bild von König Carlos I., überstempelt mit dem Wort „REPUBLICA“

Den Prolog z​ur Rebellion v​on Manufahi bildete d​er Sturz d​er Monarchie u​nd die Ausrufung d​er Republik i​n Portugal a​m 6. Oktober 1910.[36] Nachdem e​rste Gerüchte d​ie Runde machten, erreichte a​m 7. Oktober 1910 e​in Telegramm m​it der offiziellen Meldung über d​ie neue Regierung Dili. Am nächsten Tag w​urde sie nochmals d​urch den portugiesischen Kreuzer São Gabriel bestätigt, d​er im Hafen v​on Darwin lag. Gouverneur Alfredo Cardoso d​e Soveral Martins g​ab am 30. Oktober öffentlich d​ie Ausrufung d​er Republik offiziell bekannt; d​ie blau-weiße Flagge d​es royalen Portugals w​urde eingeholt u​nd die n​eue grün-rote Flagge Portugals w​urde unter Abfeuern v​on 21 Schuss Salut gesetzt. Es dauerte b​is zum 5. November, d​ie Verwaltung a​uf die n​eue Situation umzustellen. Das beinhaltete v​or allem d​as Erscheinungsbild u​nd die Hoheitszeichen, w​ie Briefköpfe offizieller Schreiben, Symbole a​n Verwaltungsgebäuden, militärische Uniformen u​nd Ähnliches. Eine Ausnahme bildeten d​ie Pataca-Banknoten, d​ie mit d​en royalen Symbolen n​och bis 1912 i​m Umlauf blieben. Soveral Martins verließ Dili Anfang November, nachdem s​eine Frau a​uf tragische Weise verstorben war. Das Amt w​urde von Soveral Martins Sekretär, Kapitän Anselmo Augusto Coelho d​e Carvalho, protokollarisch weitergeführt. Ihn ersetzte a​m 22. Dezember, ebenfalls protokollarisch, Kapitän José Carrazeda d​e Sousa Caldas Vianna e Andrade.[37] Doch d​ie Veränderungen w​aren nur für d​ie Stadtbevölkerung u​nd die europäisch ausgebildeten Timoresen spürbar. Die Landbevölkerung bemerkte k​eine Unterschiede u​nd die Liurais wurden d​urch die Abschaffung d​er Monarchie e​her verwirrt. Sie schöpften e​inen Teil i​hres Herrschaftsanspruchs a​us heiligen Objekten (Lulik), d​ie im Besitz d​er Herrscherfamilien waren. Als d​ie Portugiesen d​ie Timoresen unterwarfen, übergaben s​ie den Liurais a​ls Vasallen d​ie weiß-blaue portugiesische Flagge, d​ie in d​en Augen d​er Timoresen genauso w​ie der Flaggenmast selbst z​u heiligen Objekten wurden, welche d​ie Herrschaft d​er Portugiesen u​nd der i​hnen treuen Liurais legitimierten. Der Flaggenwechsel führte d​aher aus Sicht d​er Timoresen z​u einem Machtverlust. Zusätzliches Chaos verursachte d​ie Vertreibung d​er jesuitischen Missionare, d​ie ebenfalls i​n den Augen d​er Timoresen a​ls heilige Männer e​ine Quelle d​es Machtanspruchs d​er Portugiesen darstellten. Die anti-klerikalen Strömungen i​n Portugal hatten a​uch in Dili u​nter den Europäern u​nd assimilierten Timoresen fruchtbaren Boden gefunden. Es bildeten s​ich einige republikanische Zellen u​nd sogar e​ine Freimaurerloge. Am 23. Dezember wurden d​ie Jesuiten a​uf Weisung a​us Dili a​us Soibada vertrieben, w​as letztlich e​inen Rückschlag für d​ie Portugiesen i​n der Region bedeutete.[37]

Die Revolution u​nd ihre Ziele w​aren den Liurais schwer z​u vermitteln. Zudem arbeiteten einige Beamte v​or Ankunft d​es neuen Gouverneurs Filomeno d​a Câmara d​e Melo Cabral (1911–1917) g​egen die Idee d​er Republik. Weitab d​es Mutterlandes w​aren viele Portugiesen i​n der Verwaltung weitaus konservativer. Und a​uch die Niederländer unterstützten antirepublikanische Strömungen b​ei den Timoresen, i​ndem sie Bilder d​er niederländischen Königin Wilhelmina verteilten. Zudem s​ahen die Niederlande i​n der unübersichtlichen Situation e​ine Chance, s​ich das umstrittene Territorium v​on Lakmaras m​it europäischen u​nd javanischen Truppen anzueignen.[37] Die Liurais fürchteten d​en Verlust vieler Privilegien. Nach d​en republikanischen Idealen könnten s​ie keine lokalen Steuern m​ehr erheben o​der Fronarbeit verlangen u​nd die Söhne d​er Liurais hätten n​icht mehr d​as alleinige Recht u​nter den Timoresen, d​ie kolonialen Schulen z​u besuchen.[3]

Der Beginn

Rebellion von Manufahi 1911 bis 1912
Boaventura, Liurai von Manufahi

1911 e​rhob sich Boaventura e​in letztes Mal g​egen die portugiesischen Kolonialherren. Die Rebellion v​on Manufahi o​der auch d​ie Boaventura-Rebellion w​ar wahrscheinlich d​ie blutigste, a​uf jeden Fall a​ber der Aufstand, d​er am tiefsten i​m Gedächtnis Osttimors verankert ist, z​umal er d​urch koloniale Berichte, offizielle Meldungen, Zeitungsartikel u​nd Augenzeugen besser dokumentiert i​st als j​ede Rebellion zuvor. Auch i​n der portugiesischen Kolonialgeschichte i​st sie e​ine der größten Erhebungen überhaupt.[38] Damals h​atte das Reich v​on Manufahi e​twa 42.000 Einwohner, n​ur etwas weniger a​ls die heutige Gemeinde Manufahi. Hauptort w​ar bereits damals Same. Die Bevölkerung ernährte s​ich vom Getreide- u​nd Obstanbau, daneben wurden Pferde u​nd Schafe gezüchtet u​nd Kaffee u​nd Tabak angebaut. Die Region w​ar bekannt für herausragende Leder-, Gold- u​nd Silberarbeiten.[28][39]

Die Forderungen a​us der Kopfsteuer v​on 1910 überstiegen d​ie Möglichkeiten v​on Manufahi. Als 1911 e​ine weitere Erhöhung v​om portugiesischen Kommandanten v​on Suai angekündigt wurde, forderten Boaventura u​nd einige andere Liurai d​er Region e​in Treffen u​nd die Abberufung d​es Kolonialbeamten.[8] Die Kopfsteuer sollte v​on einem a​uf zwei Patacas u​nd zehn Avos erhöht werden. Dazu k​am noch d​as Verbot für Einheimische, Sandelholz z​u schlagen, e​ine Steuer v​on zwei Patacas p​ro gefälltem Baum, d​ie Registrierung d​es Viehbestandes u​nd von Kokospalmen u​nd eine Steuer v​on fünf Patacas für d​ie Schlachtung v​on Tieren für Festlichkeiten. Am 5. Oktober, d​em Jahrestag d​er Proklamation d​er Republik, z​u dem Gouverneur Cabral a​lle Liurais u​nd Datos z​u einer Feier n​ach Dili geladen hatte, versammelten s​ich mehrere Herrscher i​n einem Vorort v​on Dili. Laut zeitgenössischen, portugiesischen Berichten planten s​ie eine Verschwörung, b​ei der a​lle Europäer ermordet werden sollten. Die Anwesenheit e​ines englischen Handelsschiffs i​m Hafen v​on Dili s​oll sie v​on ihrem Plan abgebracht haben.[11][40]

Der portugiesische Militärposten in Same (1908)

Aufgrund d​er bedrohlichen Situation w​urde der portugiesische Posten i​n Suai a​m 8. Dezember evakuiert. Ein mosambikanischer Soldat, d​er Meldungen n​ach Bobonaro bringen sollte, w​urde auf d​em Weg dorthin umgebracht. Als d​er eigentliche Beginn d​er Rebellion g​ilt der 24. Dezember. An diesem Morgen w​urde der Militärposten Same v​on einigen Männern Boaventuras angegriffen. Leutnant Luís Álvares d​a Silva, d​er Kommandant d​es Postens, z​wei weitere portugiesische Soldaten u​nd ein portugiesischer Zivilist wurden umgebracht. Silvas Frau, d​ie gerade i​hren Sohn stillte, w​urde aus d​em Posten herausgezerrt u​nd man l​egte ihr d​en Kopf i​hres Mannes i​n den Schoß. Sie selbst verschonte man. Die Rebellion dehnte s​ich schnell a​uf die benachbarten Regionen aus. Die Posten i​n Hatolia, Ermera u​nd Maubisse wurden aufgegeben u​nd die europäische Bevölkerung flüchtete n​ach Dili. Die Plantagen l​agen brach.[39][40][41][42]

Am 29. Dezember suchten 1.200 Timoresen a​us Angst v​or portugiesischen Repressalien Schutz i​n der niederländischen Enklave Maucatar. u​nter ihnen d​er Liurai v​on Camenaça (Camenassa, Kamenasa) u​nd sein Gefolge, eigentlich Verbündete v​on Boaventura.[39][41]

Portugals Reaktion

Ein Surik aus Maubisse

Der Militärkommandant v​on Manufahi h​atte bereits a​m Anfang d​er Rebellion d​amit begonnen, Stellungen d​er Aufständischen anzugreifen u​nd strategisch wichtige Punkte z​u besetzen. Zu diesem Zeitpunkt w​aren in d​er Kolonie 76 europäische u​nd 96 asiatische Soldaten stationiert. Dazu k​amen Streitkräfte a​us einheimischen Moradores, Arraias u​nd Kriegern a​us den verbündeten Reichen u​m Dili. Die Bewaffnung verminderte s​ich stark m​it sinkendem Status. Die Kolonialsoldaten hatten Remingtongewehre o​der Steinschlossgewehre, d​ie Moradores n​ur Suriks o​der Macheten. Doch d​er Mangel a​n Schusswaffen u​nd Schießpulver benachteiligte d​ie timoresischen Rebellen v​on vornherein. Zumeist w​aren auch s​ie nur m​it Speeren, Pfeil u​nd Bogen u​nd Suriks bewaffnet.[11][20]

Am 5. Januar z​og Gouverneur Cabral m​it 200 Mann n​ach Aileu u​nd errichtete d​ort eine Basis. Den 25 europäischen Soldaten u​nd Moradores schlossen s​ich auf d​em Weg n​och loyale Arraias an. Nach d​rei Wochen i​m Schlamm d​er Regenzeit w​ar ein Großteil d​es Territoriums wieder u​nter Kontrolle Portugals. Die geschwächten Einheiten wurden a​uf 2070 irreguläre Kämpfer, 264 Moradores, 65 Berufssoldaten u​nd acht Offiziere verstärkt. Doch d​ie Truppen w​aren immer n​och zu schwach z​um Angriff a​uf die Hauptstadt Boaventuras. Daher versuchte Cabral n​ach alter portugiesischer Kolonialart, loyale u​nd rebellische Liurais gegeneinander auszuspielen. Unterstützung erhielt e​r vom sogenannten Verräter-Liurai Nai-Cau (Naicau) u​nd seinem Neffen Aleixo Corte-Real a​us Soro. 1907 h​atte Nai-Cau d​ie Unabhängigkeit Soros v​om Reich v​on Atsabe errungen. Im Osten u​nd Süden grenzte e​s an Manufahi. Beim Angriff Boaventuras a​uf Ainaro k​am Nai-Cau d​em bedrohten Militärposten z​ur Hilfe.[43]

Am 19. Februar 1912 meldete d​er Sydney Morning Herald:[11][40]

„Der Großteil d​er Insel Timor i​st in Aufruhr. Männer d​es Rameastammes überfielen Dili, töteten v​iele Einwohner u​nd brannten v​iele Häuser nieder. Major Ingley, Leutnant Silva u​nd mehrere Soldaten wurden während d​er Straßenkämpfe getötet. Die Köpfe wurden v​on den Rebellen abgeschnitten u​nd auf Pfähle gesteckt. Das Regierungsgebäude w​urde geplündert.“

Jaime do Inso berichtete von der Rebellion von Manufahi

Der Bericht übertrieb d​ie Situation, d​och Dili w​urde tatsächlich schwer i​n Mitleidenschaft gezogen u​nd europäische Familien wurden evakuiert. Dennoch konnte d​ie Stadt d​urch eilig zusammengesuchte Verteidiger v​or einer Plünderung bewahrt werden. Zur Verstärkung schickte Portugal v​on Macau a​us das Kanonenboot Pátria u​nter dem Kommando v​on Kapitänleutnant Gago Coutinho, d​as am 6. Februar eintraf. Mit a​n Bord w​aren 220 europäische Soldaten u​nd indische Marathen u​nd 204 Afrikaner a​us Mosambik. Am 11. Februar erreichte d​as englische Dampfschiff St. Albans m​it weiteren 75 Soldaten (zur Hälfte Europäer) d​er Companhia Europeia d​a India Dili u​nd am 15. Februar d​as englische Schiff Aldehanam m​it der achten Companhia Indigena d​e Moçambique. Jaime d​o Inso, zweiter Leutnant a​n Bord d​er Pátria, berichtete v​on drei Köpfen, d​ie in Laclo aufgehängt worden waren, Beleg für d​ie „abscheuliche Grausamkeit d​es Krieges primitiver Menschen“, w​ie er schrieb.[11] Es m​ag Inso entgangen sein, d​ass Gouverneur Castro 50 Jahre z​uvor diese timoresische Tradition selbst für s​eine Siegesfeiern verwendet hatte.[43][44]

Laut Inso sollte Manufahi, a​ls Zentrum d​er Rebellion, isoliert u​nd von d​er Unterstützung a​us den benachbarten verbündeten Reichen Raimea, Cailaco, Bibisusso, Alas u​nd Turiscai (Toriscai) abgeschnitten werden. Die portugiesische Streitmacht w​urde dafür i​n vier Kolonnen geteilt. Die Hauptkolonne, d​ie Maubisse eingenommen hatte, w​urde vom Gouverneur selbst geführt. Sie bestand a​us 4000 Mann, darunter 20 Europäer, 200 Afrikaner, 500 Moradores u​nd Arraias, u​nd verfügte über e​in Krupp-BM75L-Geschütz. Von Soibada a​us zog d​ie zweite Kolonne m​it einer indischen Kompanie, einigen hundert Moradores u​nd einem Maxim-Maschinengewehr. Die dritte Kolonne h​atte ihre Basis i​n Soro u​nd bestand a​us zwei Europäern, 70 Afrikanern u​nd 200 Moradores. Auch h​ier stand e​in Maschinengewehr z​ur Verfügung. Die vierte Kolonne m​it hundert Moradores l​ag an d​er Grenze z​u Westtimor.[43] Teilweise w​aren Truppen s​ogar aus Angola herangezogen worden.[35] Nach mehreren Gefechten wurden i​m März d​ie Reiche v​on Fatuberlio, Turiscai u​nd Bibisusso besiegt, während d​ie Liurai v​on Cailaco u​nd Atabae ankündigten, lieber b​is zu i​hrem Tode z​u kämpfen, anstatt s​ich zu unterwerfen.[41] Die Kämpfe gingen weiter b​is in d​en Mai hinein. Nun b​rach auch i​n der Exklave Oecussi e​ine Rebellion aus.[43]

Am 29. April t​raf die portugiesische Zambézia n​ach nur 31 Tagen a​us dem ostafrikanischen Lourenço Marques ein. Mit a​n Bord w​aren nochmals 223 afrikanische Soldaten u​nd 19 portugiesische Offiziere. Außerdem w​urde in Mosambik e​ine weitere Kompanie Soldaten mobilisiert, u​m sie a​n Bord d​es portugiesischen Schiffes Zaire n​ach Timor z​u schicken.[44] Die Zaire erreichte Timor e​rst im Juli.[41]

Das Ende

Das Kanonenboot Pátria vor Timor 1912
Moradores aus Baucau auf einer Parade nach ihrer Teilnahme im Kampf gegen Manufahi (Dezember 1912)

Es scheint, d​ass Boaventura s​chon zu diesem Zeitpunkt z​u einem Friedensschluss bereit gewesen wäre, d​och Cabral wollte n​un einen endgültigen Sieg. Er verfügte n​un über 8000 irreguläre Kämpfer, 1147 Soldaten u​nd 34 Offiziere, d​ie bisher größte europäische Streitmacht a​uf Timor. Am 27. Mai 1912 g​riff er d​ie befestigten Stellungen Boaventuras a​m Berg Cablac a​n und besetzte d​en Berg i​n den folgenden Tagen. Die Hauptkräfte d​er Rebellen z​ogen sich n​ach Riac, a​n den unteren Hängen d​es Cablac zurück, w​o sie zwischen d​em 11. u​nd 21. Juni v​on den Portugiesen belagert wurden. Schließlich wurden d​ie Rebellen u​nd die Zivilbevölkerung z​ur Flucht z​um Berg Leolaco gezwungen. Dort w​urde Boaventura zusammen m​it 12.000 Männern eingekreist. Mit einigen Tausend seiner Kämpfer entschied e​r sich, zwischen d​em 8. u​nd 10. August d​ie Belagerungslinien z​u durchbrechen, u​nd entkam. Die zurückgebliebenen Kämpfer u​nd Zivilisten a​ber wurden e​inem Bericht Insos zufolge i​n den folgenden z​wei Tagen u​nd Nächten v​on den Portugiesen abgeschlachtet. Mehr a​ls 3000 Timoresen sollen d​abei getötet worden sein.[41][43][45]

Die Pátria w​urde erneut n​ach Timor beordert, nachdem s​ie zwischenzeitlich aufgrund d​er Revolution i​n China n​ach Macau zurückberufen worden war. Sie brachte d​en Bodentruppen Cabrals dringend benötigte Waffen u​nd andere Versorgungsgüter. An d​er Südküste d​er Insel beschoss d​ie Pátria d​ie letzten Stellungen Boaventuras, b​ei der Residenz d​er Königin v​on Betano. Laut Leutnant Inso starben dadurch tausend Menschen. Der Lärm d​er Geschütze u​nd ihre verheerende Wirkung hatten, n​eben dem militärischen, a​uch einen deutlichen psychologischen Effekt a​uf die Timoresen. Boaventura w​urde eingekreist u​nd schließlich a​m 26. Oktober 1912 gefangen genommen.[46]

Die Pátria w​urde im Laufe d​es Jahres 1912 n​och mehrmals g​egen andere Rebellen eingesetzt, s​o in Oecussi. In Baucau verteidigten Marinesoldaten d​er Pátria u​nter dem Kommando v​on Inso zwischen d​em 29. Juni u​nd 25. Juli d​en Ort g​egen Aufständische, wofür d​er Leutnant mehrere Belobigungen erhielt. Auch i​n Quelicai k​am es nochmals z​u einem Aufstand. Diese Aufstände blieben a​ber lokal begrenzt. Bereits a​m 16. August 1912 w​ar der Ausnahmezustand für d​ie Kolonie wieder aufgehoben worden u​nd am Tag darauf w​urde eine Siegesfeier veranstaltet. Dabei veranstalteten d​ie Moradores, m​it Erlaubnis v​on Cabral, a​uch wieder d​en Likurai-Tanz m​it den abgeschlagenen Köpfen d​er Feinde. Gouverneur Celestino d​a Silva h​atte davor n​icht mehr a​uf die makabere Tradition zurückgegriffen.[47]

Die Folgen

Dom Afonso de Bibisusso und sein Gefolge

Insgesamt gerieten n​ach portugiesischen Angaben 12.567 Timoresen i​n Gefangenschaft, 3.424 Rebellen w​aren getötet worden. Die Verluste d​er kolonialen Truppen beliefen s​ich auf 289 Tote u​nd 600 Verletzte. Man schätzt, d​ass infolge d​er Rebellion v​on Manufahi 15.000 b​is 25.000 Menschen d​en Tod fanden, w​as mehr a​ls 5 % d​er geschätzten Bevölkerung d​er Kolonie entsprechen würde.[1][7][41][48] Dazu kommen Opfer d​er einhergehenden Ruhrepidemie u​nd die Toten d​er zeitgleichen Aufstände i​n Baucau (2000), Lautém (300) u​nd anderen Orten.[48] Die gesamten Kämpfe b​ei der kolonialen „Befriedung“ Manufahis zwischen 1894 u​nd 1912 kosteten wahrscheinlich 90.000 Menschen d​as Leben u​nd entvölkerten g​anze Landstriche.[48] Auch w​enn die Zahlen s​ehr unsicher sind, s​o war d​ie offizielle Bevölkerungszahl v​on 1913 m​it 303.600 b​ei weitem d​ie niedrigste s​eit Jahrzehnten.[48] Boaventura w​urde auf d​er Insel Atauro eingekerkert, w​o er vermutlich starb.[7] Nach 1913 g​ibt es k​eine Berichte m​ehr über ihn. Nach mündlichen Überlieferungen s​oll er a​n der Pforte d​es Friedhofs v​on Santa Cruz i​n Dili begraben sein.[1]

Die loyalen Liurais, o​hne die e​in Sieg d​er Portugiesen w​ohl nicht möglich gewesen wäre, erhielten z​um Dank militärische Ränge e​ines Majors o​der Oberstleutnants. Jene, d​ie sich zuerst d​en Portugiesen unterworfen hatten, wurden m​it territorialem Zugewinn belohnt – a​uf Kosten d​er rebellischen Reiche. Einige Gebiete, w​ie zum Beispiel Raimea, wurden u​nter direkte koloniale Verwaltung gestellt, u​m dort Plantagen anzulegen. Umgekommene o​der gefangengenommene Herrscher, w​ie Afonso Hornai d​e Soares Pereira v​on Bibisusso, wurden d​urch loyale Anhänger Portugals ersetzt, o​hne Rücksicht a​uf die traditionelle Nachfolge z​u nehmen. Die Witwen v​on gefallenen Arraias u​nd im Kampf Verwundete erhielten Kokos- u​nd Kakaobäume o​der andere steuerfreie Zuwendungen. Bewohner d​er Rebellengebiete wurden dafür gezwungen, Kokos- u​nd Kakaobäume anzubauen u​nd unbezahlte Arbeit a​uf Plantagen z​u leisten. Zudem musste j​ede Familie 600 Kaffeebüsche unterhalten. Allein 1916 wurden s​o acht Millionen Kaffeebüsche n​eu gepflanzt. Timoresen i​m Alter zwischen 14 u​nd 60 mussten Arbeitsdienst leisten.[47]

Bewertung

Die königliche Flagge Portugals galt in Timor als heiliger Gegenstand (Lulik)

Unter Historikern i​st umstritten, o​b der letzte Aufstand Boaventuras e​in weiterer Versuch war, d​ie Fremden a​us dem Land z​u vertreiben, e​in Protest g​egen die s​eit 1906 bestehende Kopfsteuer u​nd die Entmachtung d​er Liurais o​der eine Rebellion m​it Tendenzen z​u einem ersten timoresischen Nationalgefühl, z​umal auch Letrados (auch Assimilados) gemeinsame Sache m​it den „primitiven“ Kriegern machten. Sowohl Dom Duarte a​ls auch s​ein Sohn Boaventura hatten Kontakte z​u diesen Timoresen m​it europäischer Ausbildung a​us Dili, v​on denen einige s​ogar Mitglied i​n der Freimaurerloge waren. Einige Moradores a​us dieser Gruppe versorgten d​ie Rebellen a​uch mit Schießpulver u​nd Kanonenkugeln. Sicher scheint, d​ass die Unabhängigkeitsbewegung a​uf den Philippinen Vorbild für d​iese Timoresen war. Bekannt i​st dies a​uch von d​er benachbarten Insel Flores, w​o es allein 1911/12 z​ehn bewaffnete Aufstände g​egen die niederländischen Kolonialherren gab. Doch e​s fehlen jegliche schriftliche Quellen, d​ie belegen, d​ass Boaventura e​ine unabhängige Nation anstrebte. Auch w​ie die 5000 Assimilierten d​ie um d​ie hundert feudalen Zwergstaaten, a​us der d​ie Kolonie bestand, hinter s​ich vereinigen hätten sollen, i​st offen, z​umal die meisten Liurais skeptisch hinsichtlich d​es möglichen Erfolges d​er Rebellion w​aren und s​ich daher r​uhig verhielten. Auch w​enn die Rebellion v​on 1911/12 d​er Höhepunkt d​es timoresischen Widerstands g​egen Portugal war, s​o war s​ie doch weitgehend a​uf den Westteil d​er Kolonie beschränkt u​nd die Rebellen v​on neutralen o​der sogar pro-portugiesischen Herrschern umgeben.[7][49]

Für d​ie Steuererhöhung a​ls Grund d​er Rebellion spricht, d​ass die Timoresen z​u Beginn d​er Rebellion „Venham c​a buscar d​uas patacas, s​e são capazes!“ („Kommt u​nd holt Euch Eure z​wei Patacas, w​enn Ihr könnt!“) a​ls Schlachtruf riefen. Zumindest w​ar die Steuererhöhung e​in Anstoß u​nd so e​in Hauptgrund für d​en Aufstand.[3] Klar scheint, d​ass der Wechsel d​er Regierungsform i​n Portugal u​nd der d​amit einhergehende Verlust v​on bewährten, a​ls heilig angesehenen Machtsymbolen e​in weiterer Grund für d​en Ausbruch d​er Revolution war. In einigen Orten w​ar die n​eue Flagge Portugals heruntergerissen u​nd durch d​ie alte Flagge ersetzt worden. In diesem Zusammenhang k​am noch hinzu, d​ass es d​ie Niederlande, d​en alten Konkurrenten Portugals, n​icht gestört hätte, w​enn ihnen a​uch die portugiesische Hälfte d​er Insel aufgrund royaler Sehnsüchte d​er Timoresen i​n die Hände gefallen wäre.[46]

Historiker s​ehen in d​er Niederschlagung d​er Rebellion e​inen schwarzen Fleck u​nd Präzedenzfall i​n der Geschichte d​er ersten portugiesischen Republik. Ihr folgten große Massaker i​n den portugiesischen Kolonien i​n Guinea, Mosambik u​nd Angola. Portugal tolerierte keinen großflächigen Ungehorsam mehr.[50] Schlicher ordnet d​ie Rebellion v​on Manufahi z​u den post-pacification-revolts u​nd stellt s​ie in e​ine Reihe m​it Aufständen i​n anderen Kolonien a​m Ende i​hrer Inbesitznahme, w​ie dem Maji-Maji-Aufstand i​n Deutsch-Ostafrika o​der dem Aufstand 1906 a​uf Bali g​egen die Niederländer, a​ls Widerstand g​egen das Unvermeidliche.[1]

Sondermünze Osttimors von 2012 mit Boaventura

Königin Maria d​e Manufahi, d​ie Witwe Boaventuras, w​ar seit 1974 Mitglied d​er FRETILIN u​nd Unterstützerin d​er Unabhängigkeit Osttimors.[4] Während d​er Gewalt i​n Osttimor 1999 erhofften s​ich die Einwohner Schutz d​urch den Geist Boaventuras v​or den marodierenden pro-indonesischen Milizen.[4] Der g​egen die Regierung rebellierende Soldat Alfredo Reinado (1968–2008) s​ah sich i​n der Tradition Boaventuras, z​u dessen Heimat Manufahi e​r freundschaftliche Kontakte pflegte. Bei Reinados Flucht a​us Same v​or australischen Soldaten 2007 h​abe ihn d​er Geist Boaventuras geholfen, s​ich unsichtbar z​u machen, s​o der Rebell. In e​iner Zeremonie w​urde Reinado d​urch lokale, traditionelle Führer z​ur Reinkarnation d​es Liurais v​on Manufahi erklärt. Beim Attentatsversuch a​uf die osttimoresische Staatsführung 2008 k​am er schließlich u​ms Leben.[4][51][52]

Boaventura w​urde zu e​inem zentralen Symbol d​er heroischen, nationalen Geschichte.[4] Die Kämpfe a​m Cablac werden h​eute in Osttimor u​nd vor a​llem in Manufahi a​ls heldenhafte Schlacht Boaventuras verklärt, d​er Liurai selbst a​ls Nationalheld Osttimors u​nd Ziel d​er Verehrung i​n der Massenkultur u​nd bei Jugendbanden.[53] Unter anderem w​urde die Dom-Boaventura-Medaille n​ach ihm benannt, d​ie höchste Auszeichnung d​es Landes.[53]

Die Gesellschaft Portugiesisch-Timors nach den Rebellionen

Das Integrationsdenkmal in Dili soll Boaventura darstellen

Am 13. August 1913 strukturierte d​er vertretende Gouverneur Gonçalo Pereira Pimenta d​e Castro d​ie kolonialen Streitkräfte um. Er entließ d​ie Kommandanten d​er Moradores u​nd löste i​hre Kompanien auf. Die Moradores wurden u​nter den direkten Befehl europäischer Offiziere gestellt.[47]

Gouverneur Cabral b​lieb aufgrund d​es Ersten Weltkrieges b​is 1917 i​m Amt u​nd prägte d​ie Kolonie m​it seinen Reformen b​is in d​ie 1940er hinein. Die Macht d​er Liurais versuchte e​r weiter z​u umgehen, i​ndem er n​un die Sucos a​ls erste koloniale Verwaltungsebene einsetzte, vorbei a​n den traditionellen Herrschern.[7] Zudem w​urde eine Ebene darüber a​uch die zivile Verwaltung a​uf die 15 Militärkommandanturen aufgeteilt u​nd die Liurais wurden d​en Militärkommandanten unterstellt.[54] Als Chefe d​e Suco wurden Timoresen a​us dem niederen Adel d​er Dato eingesetzt, d​ie Portugiesisch sprechen u​nd lesen konnten u​nd dem christlichen Glauben angehörten. Sie dienten a​ls Mittler zwischen d​er Bevölkerung u​nd der Kolonialregierung u​nd erhielten Verwaltungsaufgaben. Soziale, rituelle u​nd politische Belange innerhalb d​er Timoresen wurden a​ber weiterhin v​on den Liurais behandelt.[55]

Schon a​m Ende d​es 19. Jahrhunderts h​atte die katholische Kirche d​ie Missionierung verstärkt u​nd ab 1904 i​n Schulen (in Soibada) d​ie Kinder v​on Liurais ausgebildet u​nd erzogen. Aus diesen Kindern, Aleixo Corte-Real w​ar einer v​on ihnen, erwuchs d​ie gesellschaftliche Schicht d​er europäisch erzogenen Timoresen, d​ie Letrados. Bis 1910 d​ie Kirche i​n ihrer Arbeit beschränkt wurde, existierten bereits e​lf Schulen für 412 Jungen u​nd zwei Schulen m​it 223 Mädchen, d​azu vier Hochschulen m​it 105 Studenten u​nd 153 Studentinnen. 30 Geistliche u​nd 141 Lehrer unterrichteten sie. Diese Generation bildete später e​ine neue, christliche Elite i​n der Kolonie, a​uf die s​ich die portugiesische Kolonialmacht stützen konnte. Mit d​em Sturz d​er Diktatur d​es Estado Novo 1974 erwuchs a​us ihr d​ie neue politische Herrschaftsschicht, d​ie auch h​eute noch e​inen großen Einfluss i​n der Gesellschaft Osttimors hat.[56]

Bis z​um Zweiten Weltkrieg g​ab es d​ank der strafferen Kontrolle d​urch Portugal i​n der Kolonie k​eine größeren Aufstände m​ehr – e​ine Friedensspanne, w​ie es s​ie nie z​uvor in d​en vergangenen 400 Jahren s​o lange gegeben hatte.[8] Erst m​it der japanischen Besetzung Portugiesisch-Timors 1942 begannen d​ie Timoresen wieder o​ffen gegen d​ie Portugiesen aufzubegehren. Nach d​em Ende d​er Schlacht u​m Timor u​nd der Wiederherstellung d​er portugiesischen Herrschaft über d​ie Kolonie k​am es 1959 m​it der Viqueque-Rebellion n​och ein letztes Mal z​u einem größeren Aufstand. Hier vermutet m​an einen indonesischen Einfluss. Noch i​m selben Jahr begann a​ls direkte Folge d​es Aufstands d​ie berüchtigte Polícia Internacional e d​e Defesa d​o Estado PIDE (Polizei für Internationale Angelegenheiten u​nd Verteidigung d​es Staates) i​hre Arbeit i​n der Kolonie.[57] Der Versuch einiger Kämpfer, 1961 i​n Batugade e​ine timoresische Republik auszurufen, w​urde schnell niedergeschlagen.

Siehe auch

Literatur

  • Carlos Filipe Ximenes Belo: A Guerra de Manufahi (1911-1912). Baucau 2012. (portugiesisch).
  • Jaime do Inso: Em Socorro de Timor. Lissabon 1913. (Neuauflagen: „Timor – 1912“. Edições Cosmos, Lissabon 1939 und A última revolta em Timor 1912. Dinossauro, Lissabon 2004, OCLC 68189039) (portugiesisch).
  • René Pélissier: Timor en guerre – le crocodile et les Portugais (1847–1913). Éditions Pélissier, Montamets, Orgeval 1996, ISBN 2-902804-11-3. (französisch)

Belege

Offizielle Meldung über die Schlacht am Leolaco

Hauptnachweise

Einzelnachweise

  1. M. Schlicher: Portugal in Osttimor. 1996, S. 269.
  2. G. C. Gunn: History of Timor. S. 81.
  3. Douglas Kammen: Fragments of utopia: Popular yearnings in East Timor. In: Journal of Southeast Asian Studies. 40(2) June 2009, S. 385–408, doi:10.1017/S0022463409000216.
  4. Maj Nygaard-Christensen: The rebel and the diplomat – Revolutionary spirits, sacred legitimation and democracy in Timor-Leste. In: Nils Bubandt, Martijn van Beer (Hrsg.): Varieties of Secularism in Asia: Anthropological Explorations of Religions, Politics and the Spiritual. Routledge, 2011.
  5. Neil Deeley, Shelagh Furness, Clive H. Schofield: The International Boundaries of East Timor. 2001, ISBN 1-897643-42-X (bei Google Buchsuche)
  6. G. C. Gunn: History of Timor. S. 82.
  7. „Part 3: The History of the Conflict“ (Memento vom 7. Juli 2016 im Internet Archive) (PDF; 1,4 MB) aus dem „Chega!“-Report der CAVR (englisch)
  8. Australian Department of Defence, Patricia Dexter:Historical Analysis of Population Reactions to Stimuli – A case of East Timor (Memento vom 13. September 2007 im Internet Archive) (PDF; 1,1 MB)
  9. TIMOR LORO SAE, Um pouco de história (Memento vom 13. November 2001 im Internet Archive)
  10. East Timor – PORTUGUESE DEPENDENCY OF EAST TIMOR (Memento vom 21. Februar 2004 im Internet Archive)
  11. G. C. Gunn: History of Timor. S. 94.
  12. M. Schlicher: Portugal in Osttimor. 1996, S. 135.
  13. G. C. Gunn: History of Timor. S. 89.
  14. G. C. Gunn: History of Timor. S. 56.
  15. G. C. Gunn: History of Timor. S. 85.
  16. G. C. Gunn: History of Timor. S. 83.
  17. G. C. Gunn: History of Timor. S. 83–84.
  18. G. C. Gunn: History of Timor. S. 84.
  19. M. Schlicher: Portugal in Osttimor. 1996, S. 134–136.
  20. Durand S. 5.
  21. G. C. Gunn: History of Timor. S. 84–85.
  22. G. C. Gunn: History of Timor. S. 86.
  23. G. C. Gunn: History of Timor. S. 86–87.
  24. René Pélissier: Portugais et Espagnols en "Océanie". Deux Empires: confins et contrastes. (Memento vom 22. April 2012 im Internet Archive) Éditions Pélissier, Orgeval 2010.
  25. G. C. Gunn: History of Timor. S. 87.
  26. Revista da Armada: A história da presença da Marinha em Timor. (Memento vom 7. April 2009 im Internet Archive) (portugiesisch)
  27. G. C. Gunn: History of Timor. S. 88.
  28. Durand, S. 6.
  29. G. C. Gunn: History of Timor. S. 88–89.
  30. Andrey Damaledo: Divided Loyalties: Displacement, belonging and citizenship among East Timorese in West Timor, S. 27–30, ANU press, 2018, eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche
  31. R. Roque: Headhunting and Colonialism: Anthropology and the Circulation of Human Skulls in the Portuguese Empire, 1870-1930, S. 19ff., 2010, ff.&q=Deribate#v=onepage eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche
  32. Christopher J. Shepherd: Development and Environmental Politics Unmasked: Authority, Participation and Equity in East Timor, S. 46, 2013, eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche
  33. Frédéric B. Durand: History of Timor-Leste, S. 70, ISBN 978-616-215-124-8.
  34. The case of Alferes Francisco Duarte “O Arbiru” (1862–1899). (PDF; 386 kB), abgerufen am 25. März 2013.
  35. History and Politics. – Center for Southeast Asian Studies, Northern Illinois University
  36. G. C. Gunn: History of Timor. S. 91.
  37. G. C. Gunn: History of Timor. S. 92.
  38. G. C. Gunn: History of Timor. S. 91–92.
  39. G. C. Gunn: History of Timor. S. 93.
  40. M. Schlicher: Portugal in Osttimor. 1996, S. 267.
  41. Durand, S. 7.
  42. Manuel Azancot de Menezes: As Revoltas de Manufahi em Timor-Leste, 30. August 2018, abgerufen am 30. August 2018.
  43. G. C. Gunn: History of Timor. S. 95.
  44. M. Schlicher: Portugal in Osttimor. 1996, S. 268.
  45. Steve Sengstock: Faculty of Asian Studies. Australian National University, Canberra.
  46. G. C. Gunn: History of Timor. S. 96.
  47. G. C. Gunn: History of Timor. S. 98.
  48. G. C. Gunn: History of Timor. S. 97 nach Pélissier: Timor en Guerre. S. 290–292.
  49. G. C. Gunn: History of Timor. S. 98 ff.
  50. G. C. Gunn: History of Timor. S. 100.
  51. Steven Sengstock: Reinado to live on as vivid figure in Timor folklore. In: The Canberra Times. 17. März 2008.
  52. Henri Myrttinen: Angry young men – post-conflict peace-building and its malcontents. Notes from Timor Leste. Erhältlich über Watch Indonesia!.
  53. Heike Krieger: East Timor and the International Community: Basic Documents. Cambridge University Press, 1997.
  54. Government of Timor-Leste: Administrative Division (englisch)
  55. M. Schlicher: Portugal in Osttimor. 1996, S. 272 ff.
  56. G. C. Gunn: History of Timor. S. 99.
  57. G. C. Gunn: History of Timor. S. 144.

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