Landtagswahl in Thüringen 2019

Die Landtagswahl i​n Thüringen 2019 f​and am 27. Oktober 2019 s​tatt und w​ar die siebte Wahl z​um Thüringer Landtag s​eit der Neugründung d​es Freistaates Thüringen 1990. Es g​ab rund 1,73 Mio. Wahlberechtigte, d​avon 75.000 Erstwähler.[2] Die Wahlbeteiligung l​ag bei 64,9 %.[1]

2014Landtagswahl Thüringen 2019[1]nächste
     (64,9 % Wahlbeteiligung)
 %
40
30
20
10
0
31,0
23,4
21,7
8,2
5,2
5,0
1,1
1,1
3,2
Gewinne und Verluste
im Vergleich zu 2014
 %p
 14
 12
 10
   8
   6
   4
   2
   0
  -2
  -4
  -6
  -8
-10
-12
+2,8
+12,8
−11,8
−4,2
−0,5
+2,5
+0,5
+1,1
−3,4
Sitzverteilung im neuen Landtag
Insgesamt 90 Sitze

Bei d​er Wahl verlor d​ie bis d​ahin regierende rot-rot-grüne Koalition a​us Linken, SPD u​nd Bündnis 90/Die Grünen v​or allem aufgrund d​er deutlichen Verluste d​er SPD i​hre Mehrheit. Eine regierungsfähige Mehrheit d​er Oppositionsparteien w​ar zunächst ebenfalls n​icht gegeben, d​a sich CDU u​nd FDP v​or der Wahl g​egen eine Zusammenarbeit m​it der AfD ausgesprochen hatten.

Der Landtag wählte a​m 5. Februar 2020 Thomas Kemmerich (FDP) dennoch m​it Stimmen v​on AfD, CDU u​nd FDP z​um Ministerpräsidenten, w​as zu e​iner Regierungskrise i​n Thüringen führte.[3] Am 8. Februar erklärte Kemmerich schriftlich d​er Präsidentin d​es Landtags seinen Rücktritt m​it sofortiger Wirkung u​nd war b​is zur Wahl Bodo Ramelows (Die Linke) a​m 4. März geschäftsführender Ministerpräsident.[4][5][6]

Wahltermin

Nach § 18 d​es Thüringer Wahlgesetzes für d​en Landtag[7] h​atte die Landtagswahl a​n einem Sonn- o​der Feiertag frühestens 57 Monate n​ach dem Beginn d​er laufenden Wahlperiode a​m 14. Oktober 2014[8] u​nd spätestens i​n ihrem 61. Monat stattzufinden, a​lso frühestens a​m 21. Juli 2019 u​nd spätestens a​m 10. November 2019.[9]

Am 28. August 2018 g​ab die Thüringer Landesregierung bekannt, d​ass die Wahl a​m 27. Oktober 2019 stattfinden soll.[10]

Wahlergebnisse

Direktmandate in den Wahlkreisen
Ergebnis der Landtagswahl in Thüringen 2019i[1]
Partei Kurzform Wahlkreisstimmen Landesstimmen Sitze
Anzahl  % +/− Anzahl  % +/− Direkt-
man-
date
Liste Gesamt +/−
Die Linke Linke 283.589 25,8 −3,6 343.780 31,0 +2,8 11 18 29 +1
Alternative für Deutschland AfD 242.221 22,0 +19,8 259.382 23,4 +12,9 11 11 22 +11
Christlich Demokratische Union Deutschlands CDU 299.438 27,2 −10,5 241.049 21,7 −11,8 21 21 −13
Sozialdemokratische Partei Deutschlands SPD 119.185 10,8 −4,8 90.987 8,2 −4,2 1 7 8 −4
Bündnis 90/Die Grünen Grüne 71.682 6,5 +0,5 57.474 5,2 −0,5 5 5 −1
Freie Demokratische Partei FDP 59.047 5,4 +2,9 55.493 5,0 +2,5 5 5 +5
Die PARTEI PARTEI 12.524 1,1 +0,5
Aktion Partei für Tierschutz Tierschutz hier! 11.936 1,1 neu
Nationaldemokratische Partei Deutschlands NPD 6.044 0,5 −3,1
Graue Panther Graue Panther 5.916 0,5 neu
Partei für Gesundheitsforschung Gesundheitsforschung 5.339 0,5 neu
Ökologisch-Demokratische Partei
Familien-Partei Deutschlands
ÖDP/Familie 1.084 0,1 neu 4.833 0,4 neu
Piratenpartei Deutschland Piraten 436 0,0 −0,4 4.044 0,4 −0,6
Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands MLPD 2.354 0,2 neu 2.945 0,3 neu
Bündnis Grundeinkommen BGE 2.700 0,2 neu
Demokratie Direkt DIE DIREKTE! 2.362 0,2 neu
Die blaue Partei Blaue #TeamPetry 856 0,1 neu
Kommunistische Partei Deutschlands KPD 724 0,1 ±−0,0
Sonstige 21.004 1,9 +1,9
Gesamt 1.100.040 100,0 ±0 1.108.388 100,0 ±0 44 46 90 −1
Gültige Stimmen 1.100.040 98,0 +0,1 1.108.388 98,8 +0,2
Ungültige Stimmen 21.774 2,0 −0,1 13.426 1,2 −0,2
Wahlbeteiligung 1.121.814 64,9 +12,2 1.121.814 64,9 +12,2
Wahlberechtigte 1.729.242

Die Partei Die Linke d​es amtierenden Ministerpräsidenten Bodo Ramelow gewann a​n Stimmen h​inzu und w​urde mit 31 % erstmals b​ei einer Landtagswahl i​m wiedervereinigten Deutschland stärkste Partei. Erstmals erreichte s​ie auch über 30 % d​er Stimmen.

Die AfD konnte m​it einem Plus v​on 12,8 Prozentpunkten d​en größten Stimmenzuwachs u​nter allen Parteien verzeichnen u​nd wurde m​it 23,4 % zweitstärkste Partei, gefolgt v​on der CDU, welche m​it 21,7 % d​er Stimmen d​er größte Verlierer d​er Wahl w​ar und i​hr schlechtestes Ergebnis i​m Freistaat einfuhr.

Die a​n der Regierung beteiligten Parteien SPD u​nd Grüne mussten ebenfalls Verluste hinnehmen, sodass d​ie bisherige rot-rot-grüne Landesregierung m​it 42 v​on 90 Sitzen k​eine Mehrheit i​m neuen Landtag hat.

Mit 73 Stimmen über d​er 5-Prozent-Hürde (5,0066 Prozent) gelang d​er FDP n​ach fünf Jahren d​er Wiedereinzug i​n den Thüringer Landtag.[1]

Da d​ie CDU e​inen Wahlkreis m​ehr direkt gewann, a​ls ihr n​ach dem Landesstimmenergebnis Sitze zustanden, erhielt s​ie ein Überhangmandat; n​ach dem Hare-Niemeyer-Verfahren errechnete s​ich ein Ausgleichsmandat, d​as der SPD zufiel. Damit sitzen 90 s​tatt 88 Abgeordnete i​m Landtag.[11]

Mögliche Koalitionen

Keine d​er vor d​er Wahl erwogenen Koalitionen hätte e​ine Mehrheit i​m Landtag (vgl. Abschnitt Koalitionsaussagen); d​er Landtag h​at 90 Sitze, für e​ine Mehrheit werden s​omit 46 Abgeordnete benötigt. Die bislang regierende rot-rot-grüne Koalition (Linke, SPD, Grüne) verfügt über 42 Abgeordnete, e​ine so genannte Simbabwe-Koalition a​us CDU, SPD, Grünen u​nd FDP über 39. Die CDU h​atte Koalitionen m​it AfD (22 Abg.) u​nd den Linken (29 Abg.) ausgeschlossen, s​o dass k​eine weiteren Optionen realistisch waren.

Gewählte Abgeordnete

Ausgangslage

Wahl 2014

Bei d​er Landtagswahl 2014 w​urde die CDU v​on Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht m​it 33,5 % erneut stärkste Kraft i​m Thüringer Landtag. Die Linke konnte i​hr Ergebnis leicht a​uf 28,2 % steigern. Die SPD verlor 6,1 Prozentpunkte u​nd erzielte m​it 12,4 % i​hr bislang niedrigstes Ergebnis i​n Thüringen. Auf n​ur noch 2,5 % k​am die FDP u​nd schied m​it einem Verlust v​on 5,2 Prozentpunkten a​us dem Landtag aus. Die Grünen verloren 0,5 Prozentpunkte u​nd kamen a​uf 5,7 %.

Der AfD gelang a​uf Anhieb d​er Einzug i​n den Thüringer Landtag m​it 10,6 %. Während d​er Legislaturperiode verlor d​ie AfD-Fraktion v​ier der ursprünglich e​lf Mandate d​urch Austritte u​nd Ausschlüsse. Auch d​ie CDU verlor d​urch Austritt e​inen Abgeordneten. Ein ehemaliges AfD-Mitglied schloss s​ich später d​er SPD-Fraktion an, e​in weiteres d​er Familien-Partei Deutschlands. Eine SPD-Abgeordnete wechselte i​m Laufe d​er Legislaturperiode z​ur CDU. Die NPD verpasste d​en Einzug i​n den Thüringer Landtag m​it 3,6 %.

Die Linke, SPD u​nd Grüne lösten u​nter dem n​euen Ministerpräsidenten Bodo Ramelow d​ie schwarz-rote Landesregierung ab. Erstmals stellte d​amit die Partei Die Linke e​inen Ministerpräsidenten.[12]

Koalitionsaussagen

Der Ministerpräsident Bodo Ramelow erklärte, e​r werde m​it der Linkspartei für e​ine Fortsetzung d​er rot-rot-grünen Koalition kämpfen. Er strebe k​eine Minderheitsregierung an, d​och wäre e​ine solche „kein Weltuntergang“.[13]

CDU-Spitzenkandidat Mike Mohring schloss für d​ie CDU Thüringen Koalitionen m​it der AfD u​nd der Linkspartei aus.[14] Mohring sprach s​ich daher für e​ine Vier-Parteien-Koalition d​er Christdemokraten m​it SPD, Grünen u​nd FDP a​us und warnte v​or einer möglichen Minderheitsregierung Ramelows.[15][16] Die SPD sprach s​ich für d​ie Fortsetzung d​er rot-rot-grünen Koalition aus.[17] Der FDP-Landesvorsitzende Thomas Kemmerich schloss Koalitionen m​it den Linken u​nd der AfD aus.[18]

Parteien

Spitzenkandidaten der von 2014 bis 2019 im Landtag vertretenen Parteien

Bewerber

Es kandidierten i​n den 44 Wahlkreisen insgesamt 322 Bewerber a​uf ein Direktmandat s​owie 399 Bewerber a​uf 18 zugelassenen Landeslisten.[19][20]

Partei Kurzbezeichnung Bewerberzahl Platz 1 auf der
Landesliste
Wahl-
kreise
Landes-
liste
Christlich Demokratische Union Deutschlands CDU 44 88 Mike Mohring
Die Linke DIE LINKE 44 42 Bodo Ramelow
Sozialdemokratische Partei Deutschlands SPD 43 47 Wolfgang Tiefensee
Alternative für Deutschland AfD 40 35 Björn Höcke
Bündnis 90/Die Grünen GRÜNE 44 19 Anja Siegesmund
Nationaldemokratische Partei Deutschlands NPD 15 Antje Vogt
Freie Demokratische Partei FDP 44 41 Thomas Kemmerich
Piratenpartei Deutschland PIRATEN 1 12 Bernd Schreiner
Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative Die PARTEI 16 Eggs Gildo
Kommunistische Partei Deutschlands KPD 6 Torsten Schöwitz
Aktion Partei für Tierschutz – das Original TIERSCHUTZ hier! 3 Andi Biernatowski
Bündnis Grundeinkommen – die Grundeinkommenspartei BGE 4 Sebastian Schirmer
Demokratie Direkt! Thüringen DIE DIREKTE! 9 Christian Rombeck
Die blaue Partei Thüringen Blaue #TeamPetry Thüringen 14 Nicole Tantz-Anding
Graue Panther Graue Panther 3 Uwe Held
Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands MLPD 19 33 Tassilo Timm
Ökologisch-Demokratische Partei / Familie, Gerechtigkeit, Umwelt ÖDP / Familie 2 7 Martin Truckenbrodt
Partei für Gesundheitsforschung Gesundheitsforschung 5 Kai Liebing
Freie Wähler in Thüringen FREIE WÄHLER 18
Menschliche Welt MENSCHLICHE WELT 1
Einzelbewerber 22

Die Freien Wähler kandidierten n​icht mit e​iner Landesliste, d​a sie d​ie Liste n​icht rechtzeitig einreichten.[21]

Umfragen und Prognosen

Sonntagsfrage

Institut Datum CDU Linke SPD AfD Grüne FDP Sonst.
Forschungsgruppe Wahlen[22] 24.10.2019 26 % 28 % 9 % 21 % 7 % 5 % 4 %
INSA[22] 24.10.2019 24 % 28 % 9 % 24 % 8 % 5 % 2 %
Infratest dimap[22] 17.10.2019 24 % 29 % 8 % 24 % 7 % 4 % 4 %
Forschungsgruppe Wahlen[23] 17.10.2019 26 % 27 % 9 % 20 % 8 % 5 % 5 %
INSA[22] 26.09.2019 23 % 29 % 9 % 24 % 9 % 4 % 2 %
Infratest dimap[22] 16.09.2019 22 % 28 % 7 % 25 % 8 % 5 % 5 %
INSA[22] 22.08.2019 24 % 26 % 9 % 21 % 11 % 4 % 5 %
Infratest dimap[22] 30.07.2019 21 % 25 % 8 % 24 % 11 % 5 % 6 %
INSA[22] 27.06.2019 26 % 24 % 10 % 20 % 10 % 5 % 5 %
INSA[24] 30.05.2019 26 % 25 % 11 % 20 % 8 % 5 % 5 %
INSA[22] 25.04.2019 27 % 25 % 10 % 19 % 7 % 6 % 6 %
Infratest dimap[22] 26.03.2019 28 % 24 % 11 % 20 % 8 % 5 % 4 %
INSA[22] 26.03.2019 27 % 24 % 10 % 20 % 8 % 5 % 6 %
Landtagswahl 2014 14.09.2014 33,5 % 28,2 % 12,4 % 10,6 % 5,7 % 2,5 % 7,3 %

Ältere Umfragen

2015 – 2018
Institut Datum CDU Linke SPD AfD Grüne NPD FDP Sonst.
INSA[22] 09.11.2018 23 % 22 % 12 % 22 % 12 % 6 % 3 %
Infratest dimap[22] 28.08.2018 30 % 22 % 10 % 23 % 6 % 5 % 4 %
INSA[22] 02.06.2018 31 % 26 % 10 % 18 % 6 % 5 % 4 %
INSA[22] 23.02.2018 32 % 24 % 10 % 18 % 7 % 5 % 4 %
INSA[22] 23.10.2017 31 % 20 % 13 % 20 % 4 % 7 % 5 %
INSA[22] 04.08.2017 37 % 22 % 11 % 18 % 4 % 5 % 3 %
Infratest dimap[22] 22.06.2017 37 % 27 % 10 % 13 % 5 % 4 % 4 %
INSA[22] 14.04.2017 33 % 22 % 15 % 19 % 5 % 4 % 2 %
INSA[22] 02.12.2016 31 % 23 % 13 % 20 % 6 % 4 % 3 %
Infratest dimap[22] 22.11.2016 32 % 23 % 12 % 21 % 6 % 3 % 3 %
INSA[22] 22.06.2016 31,5 % 26 % 11,5 % 17,5 % 7 % 3,5 % 3 %
Infratest dimap[22] 17.06.2016 32 % 25 % 11 % 19 % 7 % 6 %
INSA[22] 20.04.2016 31 % 26,5 % 13 % 15 % 8,5 % 4 % 2 %
INSA[22] 15.01.2016 33,5 % 27 % 14,5 % 13,5 % 7 % 4,5 %
INSA[22] 16.10.2015 35,5 % 24,5 % 15,5 % 12 % 6,5 % 6 %
Infratest dimap[22] 17.09.2015 35 % 27 % 13 % 9 % 7 % 4 % 5 %
INSA[22] 08.07.2015 38 % 30 % 11 % 8 % 6 % 2 % 2 % 3 %
Infratest dimap[22] 05.06.2015 34 % 27 % 14 % 8 % 7 % 3 % 2 % 5 %
INSA[22] 01.04.2015 38 % 28 % 11 % 7 % 7 % 3 % 6 %
INSA[22] 03.02.2015 40 % 29 % 11 % 10 % 6 % 4 %
Landtagswahl 2014 14.09.2014 33,5 % 28,2 % 12,4 % 10,6 % 5,7 % 3,6 % 2,5 % 3,6 %

Verlauf

Sonntagsfragen zur Landtagswahl von Infratest Dimap (D) und INSA (I) und Ergebnis der Wahl 2014.

Hypothetische Direktwahl Ministerpräsident

Institut Datum Bodo Ramelow (Linke) Mike Mohring (CDU) Wolfgang Tiefensee (SPD) Andreas Bausewein (SPD) Björn Höcke (AfD)
Forschungsgruppe Wahlen[25] 27.10.2019 53 % 32 %
72 % 14 %
Infratest dimap[26] 27.10.2019 52 % 31 %
Forschungsgruppe Wahlen[27] 24.10.2019 54 % 29 %
76 % 8 %
Forschungsgruppe Wahlen[28] 17.10.2019 50 % 31 %
76 % 6 %
INSA[29] 22.08.2019 41 % 15 % 8 %
Infratest dimap[30] 30.07.2019 52 % 28 %
INSA[31] 27.06.2019 39 % 17 % 9 %
INSA[32] 30.05.2019 39 % 13 % 7 %
INSA[33] 25.04.2019 42 % 15 % 8 %
Infratest dimap[34] 26.03.2019 52 % 20 % 9 %
Infratest dimap[35] 28.08.2018 49 % 29 %
INSA[36] 23.02.2018 50 % 23 % 18 % 9 %
INSA[37] 23.10.2017 33 % 24 % 13 % 8 %

Kontroverse Ministerpräsidentenwahl am 5. Februar 2020

Thomas Kemmerich nach dem dritten Wahlgang am 5. Februar 2020

Am 5. Februar 2020 wählten d​ie Abgeordneten d​es Thüringer Landtags i​m dritten Wahlgang m​it 45 z​u 44 Stimmen d​en FDP-Landesvorsitzenden Thomas Kemmerich z​um neuen Ministerpräsidenten statt, w​ie erwartet, Bodo Ramelow.[38] Kemmerich kandidierte n​ur im dritten Wahlgang. Augenscheinlich entfielen a​uf ihn n​icht nur Stimmen v​on FDP u​nd CDU, sondern a​uch von d​er AfD, d​enn für d​eren Wahlvorschlag Christoph Kindervater votierte i​m entscheidenden Wahlgang niemand.[39][40] In d​er Geschichte d​er Bundesrepublik w​ar es e​in Novum, d​ass die kleinste Landtagsfraktion d​en Regierungschef stellte, u​nd die FDP besaß keinen vertraglichen Koalitionspartner, a​uf dessen Zuverlässigkeit Kemmerich hätte b​auen können.

Ramelow erklärte a​m 6. Februar, d​ass er weiterhin vorhabe, Ministerpräsident z​u werden. Am 8. Februar t​rat Kemmerich zurück u​nd wurde i​n der Folge geschäftsführender Ministerpräsident. Sein Rücktritt ebnete d​en Weg, e​inen neuen Regierungschef z​u wählen, o​hne dass s​ich der Landtag auflösen musste o​der dass andere Wege z​u einem Wechsel d​es Regierungschefs, z. B. e​in Misstrauensvotum, notwendig waren.[41][42] Ende Februar w​urde für d​en 4. März d​ie nächste Wahl d​es Ministerpräsidenten angesetzt, a​us der Ramelow i​m dritten Wahlgang a​ls neuer Ministerpräsident hervorging, u​nd zugleich w​urde vereinbart, d​ass die stimmberechtigten Bürger i​m April 2021 e​inen neuen Landtag wählen werden.[43][44]

Der angestrebte nächste Landtagswahl­termin rückte w​egen der Corona-Pandemie n​ach hinten. Neues Ziel w​ar der 26. September 2021, a​n dem a​uch die Bundestagswahl u​nd die Landtagswahlen i​n Mecklenburg-Vorpommern u​nd Berlin stattfanden,[45] d​och am 16. Juli 2021 entzogen d​ie Fraktionen d​er Parteien Die Linke u​nd Bündnis 90/Die Grünen d​em geplanten Auflösungs­antrag a​n das Präsidium d​es Landtags i​hre Unterstützung, nachdem Mandatsträger a​us der Linken u​nd aus d​er CDU signalisiert hatten, e​iner Auflösung n​icht zustimmen z​u wollen.[46]

Fraktions- und Parteiaustritt nach der Wahl

Seit dem 6. Dezember 2021 gab es folgende Veränderung im Thüringer Landtag:
Insgesamt 90 Sitze

FDP

Am 19. März 2020 erklärte d​ie Abgeordnete Ute Bergner, i​hre Mitgliedschaft i​n der FDP r​uhen zu lassen, t​rat am 5. Juli 2021 d​ann aus d​er Partei aus[47], b​lieb aber zunächst a​ls Parteilose Mitglied d​er FDP-Landtagsfraktion, d​ie sie a​m 6. September 2021 ebenfalls verließ.[48] Bergner beantragte d​ie Mitgliedschaft i​n der i​m November 2020 gegründeten Partei Bürger für Thüringen, d​ie aus d​em gleichnamigen, i​m März 2020 gegründeten Verein hervorging, d​er der Querdenkerszene nahesteht u​nd dessen Vorsitzende ist.[49][50]

AfD

Der AfD-Politiker Lars Schütze w​urde aus unbekannten Gründen a​m 13. Oktober 2021 a​us der AfD-Fraktion d​es Thüringer Landtags ausgeschlossen.[51] Am 6. Dezember 2021 g​ab die AfD-Politikerin Tosca Kniese i​hren Partei- u​nd Fraktionsaustritt bekannt. Als Grund für i​hren Austritt nannte s​ie die sozialpolitischen Vorstellungen Björn Höckes, d​ie sie a​ls Unternehmerin n​icht weiter mittragen könne. Durch Knieses Entscheidung i​st die thüringische AfD-Fraktion n​icht mehr d​ie stärkste Oppositionsfraktion d​es Landtags.[52]

Literatur

  • Franz Schausberger: Landtagswahl Thüringen. In: IRE-Occasional Papers. Nr. 8/2019. Salzburg 2019. S. 241 – S. 243. ISBN 978-3-902557-20-9.
Commons: Landtagswahl in Thüringen 2019 – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Landtagswahl 2019 in Thüringen − endgültiges Ergebnis. In: wahlen.thueringen.de. 2019, abgerufen am 14. Februar 2020.
  2. Rund 1,73 Millionen Wahlberechtigte zur Landtagswahl im Oktober 2019; 75.000 Erstwähler. (PDF; 243,14 kB) In: statistik.thueringen.de. 12. September 2019, abgerufen am 12. September 2019.
  3. Kemmerich zum Ministerpräsidenten gewählt. In: thueringer-landtag.de. 5. Februar 2020, abgerufen am 8. Februar 2020.
  4. Rücktrittsschreiben im Landtag eingetroffen. In: thueringer-landtag.de. 8. Februar 2020, abgerufen am 11. Februar 2020.
  5. insuedthueringen.de: Kemmerich tritt sofort zurück − Koalition für rasche Neuwahl (Memento vom 8. Februar 2020 im Internet Archive)
  6. Ramelow im zweiten Anlauf wieder Ministerpräsident. In: reuters.com. 4. März 2020, abgerufen am 4. März 2020.
  7. Thüringer Wahlgesetz für den Landtag. In: landesrecht.thueringen.de, juris GmBH. 30. Juli 2012, abgerufen am 14. Februar 2020.
  8. 1. Sitzung. In: parldok.thueringen.de. 14. Oktober 2014, abgerufen am 14. Februar 2020 (Konstituierende Sitzung des 6. Thüringer Landtags).
  9. wahlen.thueringen.de: Wahltermine in Thüringen (Memento vom 22. August 2018 im Internet Archive)
  10. Landtagswahl in Thüringen soll am 27. Oktober 2019 stattfinden. In: thueringer-allgemeine.de. 28. August 2018, abgerufen am 28. August 2018.
  11. Live-Ticker zur Landtagswahl in Thüringen. In: mdr.de. 28. Oktober 2019, abgerufen am 14. Februar 2020.
  12. Bodo Ramelow − erster linker Ministerpräsident. In: die-linke.de. 2014, abgerufen am 14. Februar 2020.
  13. t-online.de: „Den Menschen wurde der Stolz auf ihre Heimat genommen“ (Memento vom 14. Februar 2020 im Internet Archive)
  14. CDU-Chef Mohring schließt Koalition mit AfD und Linken nach Wahl aus. In: thueringer-allgemeine.de. 9. Oktober 2018, abgerufen am 12. Februar 2020.
  15. Umfragen sind Rückenwind für FDP vor Landtagswahl. In: sueddeutsche.de. 25. Oktober 2019, abgerufen am 14. Februar 2020.
  16. arte.tv: Mohring kritisiert Ramelows Pläne bei möglichem Verlust der Mehrheit (Memento vom 27. Oktober 2019 im Internet Archive)
  17. SPD will Rot-Rot-Grün fortsetzen. In: mdr.de. 25. Oktober 2019, abgerufen am 27. Oktober 2019.
  18. FDP rechnet mit Wiedereinzug in den Landtag. In: mdr.de. 26. Oktober 2019, abgerufen am 14. Februar 2020.
  19. wahlen.thueringen.de: Zugelassene Landeslisten (Memento vom 28. Oktober 2019 im Internet Archive)
  20. wahlen.thueringen.de: Übersicht zu Wahlvorschlägen (Memento vom 31. Dezember 2019 im Internet Archive)
  21. Freie Wähler treten bei Landtagswahl nicht mit Liste an. In: mdr.de. 30. August 2019, abgerufen am 22. Februar 2020.
  22. Wahlrecht.de: Wenn am nächsten Sonntag Landtagswahl wäre  (Memento vom 30. Oktober 2019 im Internet Archive)
  23. Rot-rot-grüner Landesregierung droht Verlust der Mehrheit. In: zdf.de. 17. Oktober 2019, archiviert vom Original am 12. August 2020;.
  24. CDU in Thüringen knapp vor Linken. In: n-tv.de. 30. Mai 2019, abgerufen am 22. Februar 2020.
  25. forschungsgruppe.de: Wahlanalyse Thüringen 2019 (Memento vom 27. Oktober 2019 im Internet Archive)
  26. Landtagswahl 2019 Thüringen. In: tagesschau.de. 27. Oktober 2019, abgerufen am 22. Februar 2020.
  27. Schwierige Regierungsbildung in Thüringen zu erwarten. In: zdf.de. 24. Oktober 2019, archiviert vom Original am 20. Oktober 2020;.
  28. forschungsgruppe.de: Politbarometer-Extra Thüringen Oktober I 2019 (Memento vom 17. Oktober 2019 im Internet Archive)
  29. Rot-Rot-Grün könnte Thüringen weiterregieren. In: thueringer-allgemeine.de. 22. August 2019, abgerufen am 22. August 2019.
  30. Linke erstmals vor stark geschwächter CDU. In: otz.de. 22. Februar 2020, abgerufen am 30. Juli 2019.
  31. Thüringer Grüne profitieren zunehmend von Bundestrend. In: thueringer-allgemeine.de. 27. Juni 2019, abgerufen am 27. Juni 2019.
  32. Linke vor Landtagswahl weiter auf Augenhöhe mit CDU. In: thueringer-allgemeine.de. 30. Mai 2019, abgerufen am 30. Mai 2019.
  33. Bei Direktwahl des Ministerpräsidenten hätte Bodo Ramelow die Nase vorn. In: thueringer-allgemeine.de. 25. April 2019, abgerufen am 25. April 2019.
  34. Plus für Rot-Rot-Grün − aber ohne Mehrheit. In: mdr.de. 26. März 2019, abgerufen am 26. März 2019.
  35. Arbeit von Minister Tiefensee wird am besten bewertet. In: mdr.de. 22. Februar 2020, abgerufen am 30. August 2018.
  36. Verluste für Linke, SPD und CDU in Thüringen. In: welt.de. 20. März 2018, abgerufen am 23. Februar 2018.
  37. CDU-Absturz, Linke und AfD gleichauf, Grüne unter fünf Prozent. In: welt.de. 23. Oktober 2017, abgerufen am 23. Oktober 2017.
  38. FDP-Politiker Kemmerich wird überraschend Ministerpräsident. In: sueddeutsche.de. 5. Februar 2020, abgerufen am 5. Februar 2020.
  39. Mehrheit ist Mehrheit. In: tlz.de. 6. Februar 2020, abgerufen am 8. Februar 2020: „Null Stimmen aus der AfD für den AfD-Vorschlag“
  40. Es war ein Fehler. In: fdp.de. 7. Februar 2020, abgerufen am 7. Februar 2020.
  41. Ramelow steht für Ministerpräsidentenwahl bereit. In: insuedthueringen.de. 8. Februar 2020, abgerufen am 8. Februar 2020.
  42. Was folgt nach einem Kemmerich-Rücktritt − und wie sind Neuwahlen möglich? In: tagesspiegel.de. 6. Februar 2020, abgerufen am 11. Februar 2020: „Mit einem formalen Rücktritt […] eine neuerliche Wahl eines neuen Ministerpräsidenten im Landtag“
  43. Neuer Ministerpräsident wird im März gewählt − er stellt sich zur Wahl. In: thueringen24.de. 22. Februar 2020, abgerufen am 22. Februar 2020.
  44. Ramelow als Ministerpräsident von Thüringen wiedergewählt. In: rtl.de. 4. März 2020, abgerufen am 4. März 2020.
  45. Landtagswahl in Thüringen wegen Corona-Pandemie verschoben. In: sueddeutsche.de. 14. Januar 2021, abgerufen am 23. Januar 2021.
  46. Landtagsauflösung in Thüringen abgesagt. In: wallstreet-online.de. 16. Juli 2021, abgerufen am 16. Juli 2021.
  47. Abgeordnete Bergner verlässt endgültig FDP. In: sueddeutsche.de. Süddeutsche Zeitung, 5. Juli 2021, abgerufen am 5. Juli 2021.
  48. dpd-Meldung: Parteienwechsel - Bergner verlässt FDP-Fraktion für "Bürger für Thüringen". www.insuedthueringen.de, 20. Juli 2021, abgerufen am 22. Juli 2021.
  49. Bastian Wierzioch: Verein "Bürger für Thüringen" verbreitete populistische Verschwörungserzählungen. In: MDR Thüringen. 22. April 2020, abgerufen am 26. April 2020.
  50. mdr.de: Partei "Bürger für Thüringen" gründet sich in Suhl | MDR.DE. In: mdr.de. Mitteldeutscher Rundfunk, 20. November 2020, abgerufen am 5. Juli 2021.
  51. ZEIT.de: AfD-Landtagsfraktion schließt Abgeordneten Schütze aus (13. Oktober 2021); eingesehen am 13. Oktober 2021
  52. Süddeutsche.de: AfD: Abgeordnete Kniese tritt aus Partei und Fraktion aus (6. Dezember 2021); eingesehen am 6. Dezember 2021
This article is issued from Wikipedia. The text is licensed under Creative Commons - Attribution - Sharealike. The authors of the article are listed here. Additional terms may apply for the media files, click on images to show image meta data.