Gustav von Boetticher

Gustav Ernst v​on Boetticher (* 19. Februarjul. / 2. März 1782greg. i​n Tuckum; † 20. Dezember 1847jul. / 1. Januar 1848greg. i​n Sankt Petersburg) w​ar ein russischer Generalleutnant deutschbaltischer Abstammung u​nd Ritter d​es Ordens Pour l​e Mérite.

Frühen Jahre und militärische Karriere

Er w​ar der fünfte Sohn d​es Instanzsekretärs Johann Christoph v​on Boetticher (1734–1807) u​nd seiner Frau Catharina Elisabeth, geborene Hannisch (1747–1821). Boetticher studierte 1801 b​is 1804 a​n der Universität Jena Rechtswissenschaft u​nd war d​ort Mitbegründer d​es Corps Curonia. Von 1804 b​is 1807 arbeitete e​r als Praktikant (Auskulant) b​eim Reichsjustizkollegium i​n Sankt Petersburg. Nachdem Napoleon 1806 e​rst Jena u​nd später a​uch Berlin eingenommen hatte, k​am es 1807 z​um Bartensteiner Vertrag, i​n dem s​ich Preußen u​nd Russland z​um gemeinsamen Kampf g​egen Frankreich verpflichteten. Gustav meldete s​ich daraufhin a​ls Fahnenjunker z​um Ingenieurkorps. Er folgte d​amit seinen älteren Brüdern Karl Christoph (1772–184?) u​nd Moritz Ernst (1777–1848), d​ie bereits a​ls Offiziere i​m Zweiten Koalitionskrieg g​egen Napoleon gekämpft hatten. Als Leutnant n​ahm er zunächst 1808/09 m​it dem 1. Pionier-Regiment a​n den Kämpfen i​m russisch-schwedischen Krieg u​m Finnland teil. Nach d​er Belagerung d​er Inselfestung Svartholm, d​er Eroberung v​on Helsinki a​m 2. März 1808 u​nd der Festung Sveaborg a​m 2. Mai 1808 w​urde er für besondere Tapferkeit m​it dem St. Annenorden IV. Klasse ausgezeichnet. 1810 w​urde Boetticher Adjutant d​es Generals d​er Kavallerie Herzog Alexander v​on Württemberg, d​em Onkel d​es russischen Zaren Alexander I. 1812 a​ls Stabskapitän z​um Taurischen Grenadier-Regiment versetzt, b​lieb er a​ber dennoch i​n der Vertrauensstellung b​eim Herzog. Mit i​hm zog e​r gegen Napoleon b​ei dessen Russlandfeldzug 1812. Bei d​er Schlacht u​m Witebsk v​om 25. b​is 27. Juli 1812 verwendete i​hn der Kommandierende General Ostermann-Tolstoi a​ls persönlichen Meldegänger u​nd während d​er Schlacht v​on Smolensk v​om 17. b​is 18. August versah e​r ähnlich gefährliche Dienste für d​en Oberbefehlshaber d​er russischen Armee Barclay d​e Tolly. Nach seinen Leistungen i​n den Schlachten v​on Wjasma a​m 29. August u​nd bei Borodino a​m 7. September erhielt Boetticher d​en Orden d​es Heiligen Wladimir IV. Klasse. Erfolgreich i​n der Schlacht b​ei Tarutino a​m 18. Oktober, erlitt Boetticher a​m 20. Oktober b​ei Plozk e​ine schwere Quetschung d​er linken Brustseite. Trotzdem kämpfte e​r unter d​em Kosakengeneral Graf Platow, d​em er zugeteilt worden war, i​n der Schlacht b​ei Malojaroslawez a​m 24. Oktober. Zwei Tage später f​iel Boetticher m​it 6000 Kosaken d​em Feind i​n den Rücken, zersprengte d​ie feindliche Kavallerie u​nd erbeutete 17 Geschütze, woraufhin e​r zum Kapitän befördert wurde. Erst b​ei der Verfolgung d​es Feindes n​ach Wilna b​rach er zusammen u​nd musste mehrere Monate i​ns Lazarett.

Belagerung von Danzig und Auszeichnung mit dem Orden Pour le Mérite

Im Januar 1813 kehrte Boetticher zum Taurischen Grenadier-Regiment zurück und zog mit diesem im April nach Danzig, wo sich die französischen Truppen festgesetzt hatten und nahm an dessen Belagerung teil. Dort traf er auf seinen älteren Bruder Moritz, der ihn als Major schon 1812 in seiner Stellung als Adjutant beim Herzog von Württemberg nachgefolgt war, in denselben Schlachten gegen Napoleon gekämpft hatte und nun bereits seit Januar 1813 mit dem Belagerungsheer vor Danzig lag. Beim Ausfall der Franzosen am 9. Juni 1813 waren beide Brüder den gesamten Tag in die blutigen Kämpfe verwickelt, die auf französischer Seite 210 Tote und 427 Verwundete zur Folge hatte. Eine genaue Beschreibung dieses Tages findet sich im Tagebuch über die Belagerung der Stadt Danzig im Jahre 1813.[1] Der Ausfall konnte unter großen Verlusten zurückgeworfen werden und die Brüder Moritz und Gustav von Boetticher erhielten für ihre besonderen Leistungen den russischen Goldenen Säbel für Tapferkeit und den preußischen Orden Pour le Mérite mit einem handschriftlichen Dankesbrief des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III. - Moritz am 17. Juni 1813 und Gustav am 13. September 1813.[2] Nach der Kapitulation Danzigs am 17. November 1813 wurde Gustav mit der Siegesnachricht zu Zar Alexander I. nach Basel gesendet, nachdem er zuvor schon den St. Annenorden II. Klasse mit Brillanten erhalten hatte. Sein Bruder Moritz reiste in gleicher Mission zur Mutter des Zaren Maria Fjodorowna nach Sankt Petersburg. Gustav wurde daraufhin vom Zaren zum Oberst befördert.

Weitere Kriegseinsätze und Abschied

1817 wurde Gustav Kommandeur des 14. Jägercorps und 1822 zum Generalmajor und Kommandeur der 2. Brigade der 3. Infanteriedivision befördert. 1826 wechselte er zunächst als Kommandeur zur 3. Brigade der 7. Infanteriedivision, um dann 1828 als Kommandeur der 2. Brigade der 18. Infanteriedivision im Korps des Herzogs Eugen von Württemberg in den russisch-türkischen Krieg zu ziehen. Boetticher leitete verschiedene Operationen bei der Belagerung der ostbulgarischen Festungen Warna und Schumla, die eine 40.000 Mann starke türkische Garnison beherbergte. Hier fungierte er als „Mentor und Schutzriegel gegen jugentliche Uebereilungen“ der jungen Herzöge Alexander (1804–1881) und Ernst Konstantin von Württemberg (1807–1868), den Cousins des russischen Zaren.[3] Herzog Eugen gedenkt in seinen Memoiren Boetticher mehrmals, insbesondere seines heldenhaften Eintretens zum Schutz der jungen Herzöge vor Schumla.[4] Durch Mangel und Krankheit war die russische Armee aber schließlich gezwungen, sich wieder zur Belagerungsarmee bei Silistra zurückziehen, jedoch konnte Warna am 10. Oktober 1828 eingenommen werden. Boetticher wurde für seine Verdienste mit dem Orden des Heiligen Wladimir III. Klasse und das Georgskreuz ausgezeichnet. Im Februar 1831 wurde er zum Inspekteur der Ingenieurschule für Wegekommunikation in Sankt Petersburg ernannt, erhielt den Sankt-Stanislaus-Orden I. Klasse und schied schließlich als 1839 als Generalleutnant aus dem Dienst. 1840 erhielt er den Titel eines russischen Geheimrats.

Er s​tarb am 1. Januar 1848 u​nd wurde a​uf dem Wolkowo-Friedhof i​n Sankt Petersburg beerdigt.

Familie und Freunde

Seit 1821 w​ar er m​it Johanna „Jenny“ v​on Rosenschild-Paulyn (1801–1880) verheiratet. Ihre Tochter Elisabeth (1822–1905) heiratete d​en Ingenieurgeneral u​nd Chef d​es russischen Bergkorps Alexander Peretz u​nd Tochter Leontine (1823–1893) d​en russischen Divisionskommandeur u​nd Generalleutnant Woldemar v​on Nabell. Sohn Adolf (1827–1849) s​tarb als Stabskapitän d​es Moskauer Garderegiments n​ur 22-jährig a​uf dem Marsch z​ur Niederschlagung d​er Ungarischen Revolution a​n einer Epidemie.

Gustav v​on Boetticher h​atte nach 1831 i​n Sankt Petersburg d​ie Bekanntschaft d​es russischen Nationaldichters Alexander Puschkin gemacht, d​er ebenfalls a​n den Türkenkriegen teilgenommen hatte. Dieser w​ar häufiger Gast i​m Hause Boettichers u​nd spielte m​it dessen Töchtern Karten.[5]

Literatur

  • Walter von Boetticher: Nachrichten über die Familie von Boetticher. Kurländische Linie. 1. Jahrgang, Monse, Bautzen 1891, S. 75–80.
  • Helmut von Boetticher: Nachrichten über die Familie von Boetticher. Kurländische Linie. 11. Folge, Langenhagen 1995, S. 53f.

Einzelnachweise

  1. Georg Wilhelm von Duering: Tagebuch über die Belagerung der Stadt Danzig im Jahre 1813. Verlag Enslin Berlin 1817, S. 55–58. Google-Books
  2. List of Members Inducted in 1813. (Nicht mehr online verfügbar.) pourlemerite.org, archiviert vom Original am 24. September 2015; abgerufen am 10. September 2014.  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.pourlemerite.org
  3. J. M. von Helldorff: Aus dem Leben des kaiserlich-russischen Generals der Infanterie Prinzen Eugen von Württemberg. Hempel 1862, S. 86. Google-Books
  4. Generalmajor von Helldorff (Hrsg.): Aus dem Leben des kaiserlich-russischen Generals der Infanterie Prinzen Eugen von Württemberg. Aus dessen eigenhändigen Auszeichnungen so wie aus dem schriftlichen Nachlass seiner Adjutanten. Hempel. Berlin 1862, S. 86, 88, 110.
  5. Helmut von Boetticher: Nachrichten über die Familie von Boetticher. Kurländische Linie. 11. Folge, Langenhagen 1995, S. 54.
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