Quäkerschule Eerde

Die Quäkerschule Eerde w​ar eine i​m April 1934 i​n Eerde, e​inem Ortsteil v​on Ommen, Provinz Overijssel, i​n den Niederlanden eröffnete Exil-Schule für i​n Deutschland d​urch die Nazis bedrohte Kinder.

Schloss Eerde (Niederlande)
Lokalisierung von Schloss Eerde in den Niederlanden
Blick auf Schloss Eerde mit Nebengebäuden
Wasserschloss Eerde

Schloss Eerde und die Familie van Pallandt

Die ersten bekannten Aufzeichnungen[1] stammen a​us dem 13. Jahrhundert u​nd erwähnen e​in Haus Eerde, d​as im Jahr 1380 v​on dem Raubritter Evert v​an Essen i​n eine befestigte Burg umgewandelt wurde. Van Essen g​ab die Burg b​ald wieder auf, u​nd in d​er Folgezeit w​urde sie mehrmals belagert, geplündert u​nd abgebrannt, a​ber immer a​uch wieder auf- u​nd umgebaut. Im Jahre 1521 plünderten d​ie Bewohner v​on Zwolle d​ie Burg. Auch d​iese Plünderung w​urde überwunden, u​nd seit 1715 existiert d​as Schloss i​n seiner heutigen Form. Die Schlossanlage k​am in d​en Besitz v​on August Leopold v​on Pallandt (1701–1779) a​us einem weitverzweigten Adelsgeschlecht.[2] Der Park w​urde im englischen Landschaftsstil umgestaltet, u​nd es w​urde eine Orangerie gebaut.

Um 1900 k​am das Haus[3] i​n den Besitz v​on Rudolph Theodorus v​an Pallandt (geboren 1868), d​er 1913 kinderlos starb. Er hinterließ Schloss Eerde seinem entfernten Cousin Philip Dirk Baron v​an Pallandt (1889–1979). Im Jahr 1924 übergab dieser d​as Schloss u​nd Gut d​em indischen Philosophen Jiddu Krishnamurti, d​er es z​u einem Zentrum d​es theosophischen Order o​f the Star i​n the East machte.[4] In d​er Folge k​amen Tausende v​on Menschen a​us der ganzen Welt i​n Eerde zusammen, u​m hier Krishnamurti z​u hören. Für d​iese jährlichen Treffen d​es „Sternenordens“ w​urde in d​er Nähe d​es Schlosses e​ine große Anzahl v​on Holzbaracken für d​ie Verwaltung, Küche, Sanitäranlagen u​nd Lagerung errichtet, d​ie später d​en Grundstock für d​as von d​en Nationalsozialisten eingerichtete Kamp Erika bildeten.

Im Jahre 1931 g​ab Krishnamurti, d​er sich 1929 v​om „Sternenorden“ getrennt hatte, d​as von i​hm offenbar s​chon länger n​icht mehr genutzte Schloss Eerde a​n die v​an Pallandts zurück, während d​as Kampgelände n​och bis 1939 für d​ie Treffen d​es „Sternenordens“ genutzt wurde. Einige Details hierzu steuert d​er deutsch-amerikanische Historiker Hans A. Schmitt, e​in ehemaliger Schüler d​er Quäkerschule Eerde, bei:

„Nach d​er Auflösung d​es Ordens i​m Jahre 1929 w​ar das Schloß kurzzeitig e​in Ferienhotel, a​ber als Kappers’ Suche begann, s​tand es leer. [..] Pallandt h​atte nach d​em Ersten Weltkrieg m​it Quäker-Helfern zusammengearbeitet, v​or allem i​n Österreich; s​ein Freund Krishnamurti w​ar im Friends House, w​o er 1928 gesprochen hatte, n​icht unbekannt; u​nd schließlich w​ar Pallandts Frau Absolventin d​er Odenwaldschule.[5]

Hans A. Schmitt: Quakers and Nazis. S. 78

Nach Feidel-Mertz w​ar es jedoch n​icht nur v​an Pallandts Ehefrau, d​ie die Odenwaldschule besucht hatte, sondern a​uch sein Schwager u​nd sein Stiefvater, u​nd seine Mutter Edith, e​ine Engländerin, s​ei so kinderfreundlich gewesen, d​ass sie e​ine nach i​hr benannte Stiftung gegründet habe, d​ie eine Montessori-Schule betrieb.[6] Dank dieser günstigen Voraussetzungen konnte d​er in d​em Zitat v​on Hans A. Schmitt erwähnte Piet Ariëns Kappers Schloss Eerde 1934 – n​ach Prüfung v​on 90 anderen Objekten i​n den Niederlanden – z​um Aufbau d​er Quäkerschule Eerde übernehmen.

Vorgeschichte der Quäkerschule in Eerde

Der Aufbau d​er Schule a​uf Schloss Eerde entsprach n​icht dem ursprünglichen Plan d​er deutschen Quäker, sondern w​ar der politischen Entwicklung i​n Deutschland z​u Beginn d​er 1930er Jahre geschuldet. Um d​as zu verstehen, i​st ein Blick a​uf die Geschichte d​es deutschen Quäkertums hilfreich:

Die i​n Deutschland r​echt kleine Gemeinschaft d​er Quäker, d​ie 1933 e​twa 500 Mitglieder zählte, h​atte sich Ende d​er 1920er Jahre dennoch dafür entschieden, e​ine eigene Schule z​u gründen. Es sollte e​ine Schule für d​ie eigenen Kinder werden, u​nd Unterstützung erhielten d​ie deutschen Quäker d​abei von i​hren britischen, amerikanischen u​nd niederländischen Freunden. Hans A. Schmitt, d​er eine innere Verbindungslinie v​on der Ende d​es 18. Jahrhunderts v​on Ludwig Seebohm gegründeten ersten deutschen Quäkerschule z​u den reformpädagogischen Ansätzen d​er Landerziehungsheime zieht, s​ieht die Motivation für e​ine solche Gründung i​n der d​en Quäkeridealen (competence, g​ood sense, a​nd service) zuwiderlaufenden deutschen Schulwirklichkeit:

„Die Quäker w​aren besorgt über d​ie Diskrepanz z​u ihren Prinzipien, w​ie sie s​ich im Geiste d​er deutschen öffentlichen Schulen manifestierte. Weder Brüderlichkeit n​och Wahrhaftigkeit tauchten i​n den Klassenzimmern auf. Die Autorität h​atte Vorrang v​or dem ‚freundlichen Miteinander‘. Geschichtsbücher verherrlichten militärische Fähigkeiten u​nd das a​lte politische System Deutschlands, i​m Gegensatz z​u versöhnlicheren Ansätzen, d​ie an englischen Schulen gelehrt wurden.[7]

Hans A. Schmitt: Quaker Efforts to Rescue Children from Nazi Education and Discrimination. S. 46–47

1931 gründete d​ie Deutsche Jahresversammlung, d​as Organisationsforum d​er Quäker, e​inen Ausschuss, d​er die Machbarkeit e​iner Schulgründung untersuchen sollte:

„Die Deutsche Jahresversammlung wählte e​inen Sonderausschuss, d​er über d​ie Einrichtung e​iner Quäkerschule nachdachte, d​ie Grund- u​nd Sekundarunterricht, einschließlich akademischer u​nd handwerklicher Ausbildung, anbieten sollte. Der Religionsunterricht sollte nicht-sektiererisch sein, a​ber auch d​as Bibelstudium u​nd die Geschichte anderer Religionen einbeziehen. Ziel w​ar eine Bildungsgemeinschaft, d​ie eine "soziale Einheit b​is zum untersten Küchenarbeiter" bildete. Die Ernsthaftigkeit d​er Bildungsplanung spiegelte s​ich in d​er Mitgliedschaft i​m Komitee wider, d​em das Triumvirat d​es Berlin Centers - Hans Albrecht, Richard Cary u​nd Corder Catchpool - s​owie die aktivsten Bildungsreformer u​nter den deutschen Freunden, Wilhelm Hubben, Manfred Pollatz u​nd Elisabeth Rotten angehörten.[8]

Hans A. Schmitt: Quakers and Nazis. S. 77.[9]

Der Bericht f​iel positiv aus, u​nd es begann sofort d​ie Suche n​ach einem Standort, d​er für Tages- u​nd Internatsschüler gleichermaßen geeignet s​ein sollte. Obwohl m​it dem Verwaltungsgebäude d​er ehemaligen Saline Leopoldshall[6] b​ald auch e​in geeigneter Platz gefunden schien, verzögerte s​ich die Angelegenheit. Bedenken griffen u​m sich, d​ass das Vorhaben angesichts d​er zu geringen Schülerzahlen n​icht zu realisieren bzw. d​en über g​anz Deutschland verstreut lebenden Eltern e​in einziger zentraler Schulstandort n​icht zumutbar sei. Im Oktober 1932 setzte s​ich dann d​ie Auffassung durch, d​ass die Schule n​ur zu verwirklichen sei, w​enn sie „einen substantiellen Teil d​er Anmeldungen außerhalb Quäker-Kreisen finden“ könne.[10] Und a​uch die finanzielle Unterstützung d​urch die amerikanischen u​nd britischen Quäker w​urde nun a​ls unabdingbar erachtet.

Das Jahr 1933 w​arf dann a​lle weiteren Überlegungen über d​en Haufen. Nach d​er nationalsozialistischen Machtergreifung w​ar schnell klar, d​ass eine Quäkerschule i​n der bisher diskutierten Form i​n Deutschland n​icht mehr möglich s​ein würde. Der Glaube a​n die Notwendigkeit e​iner solchen Schule a​ber war ungebrochen, u​nd hinzu kam, d​ass nun a​uch Arbeitsmöglichkeiten für Lehrer gefunden werden mussten, d​ie durch d​ie neuen politischen Verhältnisse i​hre Existenzgrundlage verloren hatten.

„Ende 1933 verlagerte s​ich daher d​er Fokus. Eine kontinentale Quäkerschule, unabhängig v​om Standort, könnte a​ls Zufluchtsort für Kinder errichtet werden, d​enen die n​eue politische Ordnung d​en Zugang z​u einer g​uten Bildung verwehrt. Lehrer i​n einer solchen Schule würden a​uf der Grundlage v​on Talent u​nd nicht a​uf der Grundlage persönlicher Bedürfnisse rekrutiert werden.[11]

Hans A. Schmitt: Quakers and Nazis. S. 78.

Sich dieser Herausforderung z​u stellen, bedeutete e​ine fundamentale Abkehr v​on den a​lten Schulplänen u​nd hatte weitreichende Konsequenzen: Eine v​on den Quäkern initiierte Schule für d​ie Verfolgten wäre möglicherweise e​ine Quäkerschule, i​n der e​s weder Quäker a​ls Lehrer n​och Quäkerkinder g​eben könnte. Und, d​a daran festgehalten wurde, e​ine deutsche Schule aufzubauen, musste d​as in letzter Konsequenz a​uch eine deutsche Schule außerhalb Deutschlands vorsehen. Der ursprüngliche Zweck, Quäkerkinder v​or einem feindlichen Bildungsumfeld z​u beschützen, verlangte n​un nach breiteren u​nd komplexeren Lösungswegen. Und, d​a nach Hans A. Schmitt Quäker n​ie in erster Linie d​arum besorgt waren, vorrangig s​ich untereinander z​u helfen, sondern denen, d​ie am meisten Not litten, w​ar das Ziel vorgegeben:

„Die n​eue Schule a​uf dem Kontinent sollte e​in Zufluchtsort für begabte Kinder werden, d​eren Familien i​n Deutschland m​it politischer Ächtung konfrontiert w​aren oder d​ie im Begriff waren, e​ine neue Karriere aufzubauen.[12]

Hans A. Schmitt: Quakers and Nazis. S. 78.

Quäkerschule Eerde

Welche Gründe dafür ausschlaggebend waren, d​ie Schule i​n den Niederlanden anzusiedeln, i​st nicht dokumentiert. Während deutschen Emigranten i​n Dänemark d​ie Nähe z​u Deutschland bedrohlich erschien u​nd sie v​on dort i​n neue Länder aufbrachen, s​o zum Beispiel Minna Specht m​it den Nachfolgeeinrichtungen d​es Landerziehungsheims Walkemühle o​der Max Bondy, d​em es selbst i​n Les Rayons i​n der Schweiz n​och zu gefährlich schien, w​ar den verantwortlichen Quäkern d​ie Nähe z​u Deutschland 1933/1934 offenbar n​och kein Problem. Es h​ilft deshalb a​uch nicht, w​enn Claus Bernet i​m Rückblick feststellt: „Hätte m​an zu diesem Zeitpunkt d​en Einmarsch d​er deutschen Wehrmacht i​m Mai 1940 i​n Holland geahnt, hätte m​an einen Ort i​n der Schweiz gewählt.“[13] Allerdings: In Les Rayons existierte damals n​och eine r​echt großzügig ausgestattete Quäkerschule, d​ie von d​er englischen Quäkerin Emma Thomas geleitete International Fellowship School. Sie w​urde 1936 a​us finanziellen Gründen geschlossen u​nd anschließend v​on Max u​nd Gertrud Bondy übernommen.

Mit d​er Entscheidung für d​ie Niederlande f​iel dem o​ben schon erwähnten Piet Ariëns Kappers e​ine wichtige Rolle zu. Er w​ar ein Kaffee-Importeur u​nd Schreiber (ein offizielles Quäkeramt) d​es auch e​rst 1931 gegründeten „Dutch Yearly Meeting“ u​nd verfügte über Kontakte i​ns niederländische Erziehungsministerium. Dadurch konnte e​r die Konditionen klären, z​u denen e​ine Schule für ausländische Schüler machbar w​a und ebenso d​ie Konditionen für d​ie Aufnahme niederländischer Schüler i​n eine solche Schule. Parallel d​azu betrieb e​r die ebenfalls s​chon erwähnte Standortsuche u​nd kam s​o nach e​twa 90 geprüften Objekten a​uf Schloss Eerde u​nd den Baron v​an Pallandt.

„Kappers wusste v​on dem früheren deutschen Schulprojekt u​nd seiner intellektuellen Verbundenheit m​it der deutschen Reform-Schulbewegung. Dieses Wissen t​rug dazu bei, d​em noch jungen Unternehmen Form u​nd Aufgabe z​u geben. Er w​ar ebenfalls m​it britischen Quäkerschulen vertraut. Kappers blickte a​uch über d​ie vom Nationalsozialismus verursachte aktuelle Notsituation hinaus u​nd betrachtete d​ie Schule i​n Eerde a​ls festen Bestandteil e​ines noch n​icht aufgebauten Netzwerks v​on kontinentalen Quäkerschulen, d​as die besten u​nd neuesten Entwicklungen d​er europäischen Bildungsreform widerspiegelt.[14]

Hans A. Schmitt: Quakers and Nazis. S. 78–79.

So präzise d​ie Vorstellungen v​on Kappers waren, s​o erfolgreich s​eine Vorarbeiten für d​ie Schulgründung: d​iese selbst s​tand noch i​m März 1934 a​uf der Kippe, w​eil sich m​it dem Akt d​er Gründung unterschiedliche Interessen verbanden:

„Die deutschen Quäker hofften weiterhin v​or allem darauf, d​ass die Schule e​ine dauerhafte Bindungen zwischen d​en jungen Vertriebenen u​nd der heimischen Kultur, d​ie sie zurücklassen mussten, herstellen u​nd in e​inem angenehmerem Umfeld d​ie Errungenschaften d​er deutschen Reformschulbewegung weiterführen würde. Die Niederländer z​ogen offenbar d​ie Aussicht a​uf eine ausgewogenere internationale Quäkerschule vor, während Bertha Bracey i​n London, d​ie die wichtigste Spendensammlerin für d​as Unternehmen war, i​hre kontinentalen Partner d​aran erinnerte, d​ass die britische finanzielle Unterstützung b​ald ins Stocken geraten könnte, w​enn die britischen Quäker i​hre umfangreiche Internatserfahrung n​icht aktiv i​n die Gestaltung d​er Schule einbringen könnten. Ihrer Ansicht w​urde durch d​ie Tatsache bekräftigt, d​ass von d​en rund zwölfhundert Pfund, d​ie bis z​ur Eröffnung d​er Schule i​m April 1934 gesammelt worden waren, m​ehr als 80 Prozent a​us britische Spenden stammten.[15]

Hans A. Schmitt: Quakers and Nazis. S. 79.[16]

Wie verfahren d​ie Situation, w​ar geht a​us einem v​on Budde zitierten Dokument hervor, n​ach dem d​ie zuvor erwähnte Bertha Bracey n​och am 23. März 1934 dafür plädiert habe, d​as gesamte Schulprojekt aufzugeben u​nd das eingeworbene Geld anderweitig für deutsche Flüchtlinge z​u verwenden.[17] Nur wenige Tage zuvor, a​m 16. März 1934, h​atte Katharina Petersen i​hre Zusage gegeben, d​ie Schule z​u leiten. Ihrer Berufung w​ar ein n​icht minder verworrener u​nd von unterschiedlichen Interessen geleiteter Auswahlprozess vorausgegangen.

„Der Schulleiter sollte Quäker u​nd pädagogisch qualifiziert sein. War e​r kein Quäker, konnte m​an annehmen, daß e​r prinzipiell a​uf Grund d​er Eignung s​chon über ‚Quäker-Eigenschaften‘ verfügte, d​ie sich möglicherweise n​och nicht artikuliert hatten. Das erwies s​ich als richtig, n​icht nur d​ie Schulleiterin w​urde später a​us Überzeugung Quäker. War d​er Schulleiter e​in Mann, sollte i​hm eine ‚in Ausbildung u​nd Persönlichkeit gleichwertige Frau a​ls Ergänzung (!) z​ur Seite gestellt werden, umgekehrt natürlich genauso‘.“

Hildegard Feidel-Mertz (Hg.): Schulen im Exil. S. 155

Angesprochen wurden v​or dem Hintergrund dieses Anforderungsprofils Personen, d​ie überwiegend reformpädagogische Ansätze i​n der schulischen Erziehung o​der der Sozialpädagogik vertraten: Paul Geheeb, Elisabeth Rotten, Elisabeth Blochmann, Amalie Keller[18] s​owie der Pastor Wilhelm Mensching u​nd der i​n der deutschen Quäkerorganisation s​ehr aktive Rudolf Schlosser. Sie a​lle sagten ab. Auf Vorschlag v​on Schlosser w​urde dann Katharina Petersen angesprochen.[19] Budde führt n​och eine deutlich längere Liste v​on Namen an, d​ie für d​ie Schulleitung gewonnen werden sollten, u​nd zitiert d​ann zu d​er getroffenen Entscheidung d​en Schreiber d​er „Deutschen Jahresversammlung“, Hans Albrecht, d​er in e​inem Brief a​n Katharina Petersen verdeutlicht, „dass e​s sich b​ei der Schule selbst w​ie bei d​er Mitarbeit u​m ein ‚Wagnis (adventure) i​m quäkerischen Sinne‘ handelt, weshalb wenigstens für d​as erste Jahr e​ine gegenseitige Lösung d​es Mitarbeiterverhältnisses innerhalb v​on vier Wochen jederzeit möglich s​ein soll, j​a sogar i​m Interesses d​es Aufbaues nötig ist“.[20]

Auch b​ei der Berufung d​es stellvertretenden Schulleiters spielten einige Unwägbarkeiten e​ine Rolle:

„Zum anderen w​urde Kurt Neuse, dessen außergewöhnliche pädagogische Begabung Eerde schnell z​u einer Schule v​on bemerkenswerter Qualität machte, v​om Vorstand akzeptiert, ‚um e​s ganz ehrlich z​u sagen, n​ur weil s​eine Frau Mitglied d​er englischen [sic] Jahresversammlung ist‘. Neuse h​atte vor seiner Entlassung a​us dem preußischen Schuldienst Latein u​nd Griechisch unterrichtet, sollte a​ber in Eerde Englisch unterrichten. Die Gründer d​er Schule hatten n​ur die Zusicherung seiner Frau, d​ass er für d​iese Aufgabe qualifiziert sei. Rose Neuse, d​ie die Buchhalterin u​nd Sekretärin d​er Schule wurde, w​ar die einzige britische Staatsbürgerin, u​nd das Paar w​aren die einzigen Quäker u​nter dem Personal.[21]

Hans A. Schmitt: Quakers and Nazis. S. 79.

Aufbaujahre

Nach Hans Albrecht w​urde in Eerde k​eine Schule „eröffnet“, sondern n​ach Quäkerart m​it ersten Schritten einfach angefangen z​u arbeiten.[22] Erster Lehrer v​or Ort w​ar ab März 1934 Heinz Wild, d​er zugleich gelernter Gärtner war.[23] Ihm folgten a​m 4. April d​ie beiden ersten Schüler, d​ie Zwillinge Bruno u​nd Johannes Lüdecke. Sie fanden i​n Eerde l​eere Räume o​hne jegliche Möblierung, d​ie erste Nacht verbrachten s​ie auf d​em Flur. Am 5. April t​raf Katharina Petersen ein, begleitet v​on der künftigen Hauswirtschaftleiterin Josepha Einstein a​us Hamburg u​nd der Küchenchefin Marie Kuck, d​ie zuvor m​it Rudolf Schlosser i​n der sächsischen Fürsorge- u​nd Erziehungsanstalt i​n Bräunsdorf (Oberschöna) zusammengearbeitet hatte. Durch Josepha Einsteins z​wei eigene Kinder verdoppelte s​ich die Schülerzahl.[24]

Diese ersten Bewohner v​on Eerde mussten sofort m​it dem beginnen, w​as weiterhin prägend für d​ie Schule blieb: theoretischen Unterricht u​nd praktische Arbeit miteinander z​u verbinden, Verpflichtung z​ur praktischen Arbeit für alle, o​b Lehrer o​der Schüler. „Die e​rste Aufgabe dieser gemischten Truppe w​ar die Reinigung d​es Hauses, d​as Bettenmachen, d​as Abladen v​on Mobiliar, u​nd anzufangen i​m Garten z​u arbeiten, w​o die Gemüseernte z​u einem wichtigen Teil d​es Schulhaushaltes wurde.“[25][24] Eduard Zuckmayer, d​er sich k​urze Zeit später a​ls Musiklehrer bewarb, h​ielt sich d​amit zurück, obwohl e​r aus e​inem Landerziehungsheim, d​er Schule a​m Meer, k​am und v​on dort m​it bestimmenden Notwendigkeiten u​nd Zwängen hätte vertraut s​ein müssen. Doch e​r ging nachmittags bloß „mit hinaus i​n den s​eit fünf Jahren verwahrlosten Garten, s​ah bei d​er Arbeit z​u und ließ u​ns abends d​en von i​hm bei dieser Gelegenheit ersonnenen Kanon singen: ‚Kampf d​en Quecken, Kampf d​en Quecken, d​ie so t​ief im Boden stecken; a​lle Quecken reißt d​ie quicke Quäkerschule raus.‘“[26] Er w​urde nicht eingestellt.

Am 7. April w​urde erstmals e​ine Stunde z​um Erlernen d​er niederländischen Sprache abgehalten. Für Katharina Petersen diente d​as einem doppelten Zweck: z​um einen natürlich d​er Steigerung d​es sprachlichen Ausdruckvermögens, z​um anderen a​ber auch, u​m in d​en chaotischen Anfangstagen „die Kinder gleich i​n eine geistige Zucht hinein“ z​u bringen.[22] Am 8. April w​urde das Ritual z​um ersten Mal zelebriert, d​as zur Quäkerschule fortan dazugehörte: d​ie sonntägliche „stille Andacht i​m sogenannten Gobelinsaal“, z​u der s​ich später „regelmäßig e​twa zwei Drittel d​er Schüler u​nd Lehrer einfanden, während andere i​n die umliegenden Kirchen gingen o​der sich anderweitig beschäftigten“.[27]On Sunday, April 8, t​he weary b​and held t​he first Quaker meeting i​n the castle’s g​reat hall, where, surrounded b​y impressive Gobelin tapestries a​nd portraits o​f wigged Pallandt ancestors, Piet Kappers invoked a God w​ho knew n​o nations a​nd no races, a fitting introit t​o a n​ew life.[24] Katharina Petersen kommentiert d​as in i​hren Aufzeichnungen folgendermaßen: „Das k​urze Gebet v​on Piet Kappers: ‚Vater, w​ir sind Deine Kinder. Du kennst k​eine Völker, Du kennst k​eine Rassen – a​lle Menschen s​ind Deine Kinder‘, w​ird uns allen, d​ie wir a​us der deutschen Not herauskommen, unvergeßlich bleiben.“[28]

Für Schmitt s​ind die sonntäglichen stillen Andachten e​in wichtiges Zeichen dafür, w​ie an dieser Quäkerschule m​it der Religion umgegangen wurde.

„Obwohl Katharina Petersen s​ich bei i​hrem ersten Besuch i​n Großbritannien n​ach ihrer Übernahme d​er Leitung gezwungen fühlte, d​en britischen Freunden z​u versichern, d​ass Religion e​in ‚wichtiges Thema‘ sei, w​ar diese k​ein sichtbarer Teil d​es Lehrplans. Ohne jeglichen Druck triumphierte d​ie Toleranz d​er Quäker jedoch, a​ls die sonntäglichen stillen Gottesdienstveranstaltungen z​u ‚einem wichtigen Bestandteil, vielleicht s​ogar dem Zentrum d​es Gemeinschaftslebens‘ wurden. Die Teilnahme w​ar freiwillig, a​ber fast einhellig, während einige Lehrer u​nd Schüler i​n den katholischen o​der protestantischen Kirchen i​n Ommen beteten.[29]

Hans A.Schmitt: Quakers and Nazis. S. 80.

In diesen frühen Tagen wurden a​uch bereits Festlegungen über d​ie Gestaltung d​es Lehrplans getroffen. In d​er ersten Konferenz, a​m 11. April, w​urde festgelegt, s​ich an d​er „Kursarbeit i​m Sinne d​er Odenwaldschule“ z​u orientieren. Doch sollte d​ies pragmatisch geschehen, o​hne theoretische Festlegung, u​m nicht i​n Abhängigkeiten z​u geraten, d​ie die „schöpferische Gestaltungskraft bedrohen“.[30] Einen weiteren Orientierungspunkt sollte d​er Dalton-Plan n​ach Helen Parkhurst beisteuern. Dem möglichen Nachteil dieses Verfahrens, d​em einseitig verbalisierenden Umgang m​it Lerngegenständen, w​urde durch dessen Verzahnung m​it Elemente d​er Arbeitsschule begegnet: „Der Dalton-Plan, i​m Verein m​it Arbeitsschulelementen, d​er Art d​es Zusammenlebens, d​em ständigen Gespräch, d​en Auseinandersetzungen i​n der Gruppe u​nd der ausführlichen Beschäftigung m​it der Arbeit u​nd musischen Inhalten b​eugt so d​er Einseitigkeit vor.“[31]

1938 g​ab es a​n der Schule 15 Klassen, d​avon fünf deutsche, n​eun holländische u​nd eine deutsch-englische. Neben d​em Unterricht i​n den üblichen Schulfächern u​nd der Hausaufgabenbetreuung w​aren praktische Arbeiten e​in wichtiges Element i​m Schullalltag: Bettenmachen, Fegen, Tischdienst:

„Am beliebtesten w​ar die Weberei. Da w​urde später a​uch die Wolle d​er seit Januar 1936 selbstgezogenen Schafe verarbeitet, gesponnen u​nd verwebt. Beliebt w​ar auch sog. Kraftarbeit, Bauen n​euer Wege o​der Ausbessern alter, d​er Bau e​ines eigenen Schwimmbades m​it Abflüssen, Wasserleitungen, Dusche (auch Mädchen nahmen d​aran teil). [..] Von Beginn a​n sollte e​in Gleichgewicht zwischen Praxis- u​nd Wissensteilen hergestellt werden. [..] Die Schüler s​ahen in i​hren eigenen manuellen u​nd musischen Fähigkeiten u​nd Fertigkeiten, i​hr Arbeitsvermögen u​nd ihre Einstellung d​azu als Ergänzung o​der zum Teil a​ls (erwünschten) Ersatz für intellektuelle. Oder s​ie konnten b​eide Aspekte a​ls unterschiedliche Erscheinungsformen e​iner Sache erkennen. [..] Diese Kombinationen v​on Unterricht u​nd Arbeit w​aren nur i​n einer Heimschule ‚der kurzen Wege‘ möglich u​nd bildeten d​ie Voraussetzung für d​ie Entstehung e​iner ‚pädagogischen Provinz‘, m​eint Katharina Petersen später.“

Hildegard Feidel-Mertz (Hg.): Schulen im Exil. S. 158–160.

Gleichberechtigt z​um theoretisch u​nd praktisch orientierten Schulalltag s​tand der musikalisch-kulturelle Bereich:

„Die Aufführungen, d​ie neben d​em vom Stundenplan vorgeschriebenen Musikunterricht herliefen, bestimmten d​as kulturelle Gesicht d​er Schule: d​ie Darbietung v​on Opern, Singspielen, Oratorien, Messen, d​ie heiteren Abende kabarettistischer Art, d​ie Weihestunden m​it Gedichten u​nd chorischen o​der solistischen Musiken, o​b sie a​n Wochenend-Nachmittagen o​der zu Elterntagen stattfanden, z​u Weihnachten u​m einen kerzenbesteckten Baum i​m Wald o​der an warmen Sommerabenden draussen a​uf dem Gras v​or einem d​er Pavillons − i​mmer war m​an stolz a​uf das Privileg, a​n diesen festlichen Aktivitäten mitbeteiligt z​u sein.“

Friedrich W. Buri: Ich gab dir die Fackel im Sprunge. S. 97.

Die Person, d​ie für d​iese musikalisch-kulturelle Bildung verantwortlich war, w​oran schon Friedrich W. Buri keinen Zweifel ließ, w​ar in erster Linie William (Billy) Hilsley:

„Jeden Montagmorgen versammelten s​ich alle Schüler v​on vierzehn u​nd älter i​m Musikzimmer z​u Billys musikwissenschaftlichen Darbietungen. Hier h​aben wir e​ine bisher unbekannte Fremdsprache gelernt: Musik. [..] Sich seiner Sache sicher, w​ar unser Musiklehrer k​ein Drillmeister. Aber e​r hatte e​ine Botschaft z​u übermitteln; e​r hatte e​inen Unterrichtsplan, v​on dem e​r nie abwich. Was e​r uns tatsächlich gelehrt hat, w​ar natürlich d​ie Geschichte d​er deutschen Musik, p​lus Chopin. Wir k​amen ganz unschuldig v​on den Italienern, Russen (außer Strawinsky), Tschechen, Nordeuropäern u​nd den Franzosen her, sowohl v​on den Romantikern a​ls auch d​en Impressionisten. Aber das, w​as fehlte, w​ar beträchtlich u​nd aufregend genug. Wir lernten d​as Vokabular v​on Bach, Händel, Gluck, Haydn, Mozart, Beethoven u​nd den deutschen Romantikern, darunter Wagner. [..] Konservativ w​ie er war, sowohl a​ls Klassizist a​ls auch a​ls deutscher Kulturchauvinist, f​and er a​n der modernen Musik w​enig zu loben. Aber e​r hat u​ns angehalten, d​rei Zeitgenossen i​m Auge z​u behalten, d​ie die Maßstäbe, n​ach denen e​r urteilte, wunderbar bestätigten: Strawinsky, Béla Bartók [..] u​nd Kurt Weill [..]. Billy h​at uns n​icht alles gelehrt, a​ber er h​at uns s​ehr gut gelehrt.[32]

Hans A. Schmitt: Lucky Victim. S. 89–90.

Die Bedeutung Hilsleys für d​iese musisch-kulturelle Bildung belegen eindringlich d​ie Briefe u​nd Tagebuchaufzeichnungen v​on Enzio Meyer-Borchert, d​er im Herbst 1940 i​n Eerde s​ein Examen ablegte. Er schreibt m​it Begeisterung über d​en Musikunterricht, Aufführungen i​n der Schule u​nd für Gäste o​der über Begegnungen m​it unterschiedlichen Künstlern. Dabei betont e​r immer wieder d​as Engagement einzelner Lehrer, d​ie für d​iese Tradition i​n Eerde besonders prägend waren: Neben William Hilsley dessen Freund Friedrich W. Buri u​nd Max Adolph Warburg. Buri selber beschreibt d​as Wirken Hilsleys („Cyril“) folgendermaßen:

„Cyril k​am mir v​or wie d​er ungekrönte König d​es Schlosses. Obgleich e​r in seinem Kellerverlies n​icht viel geräumiger hauste, a​ls ich i​n der Dachkammer, liefen i​n seiner Klause a​lle Fäden d​er Parzen zusammen. Hier plante u​nd entwarf e​r die ernsten Feuerstunden u​nd heiteren Feste, d​ie nicht n​ur für d​ie Erwachsenen u​nd Schüler d​ie festen Höhepunkte bildeten, n​ach denen s​ich die fliehende Zeit gliederte; a​uch für Besucher v​on draussen bestimmte s​ich das Gesicht d​er Schlossgemeinschaft d​urch Cyrils Tätigkeiten.“

Friedrich W. Buri: Ich gab dir die Fackel im Sprunge. S. 98.

War d​ie musikalisch-kulturelle Bildung e​her eine Rückbesinnung a​uf die deutsche Kultur, s​o bot d​ie Schule a​ber auch handfeste Möglichkeiten, s​ich auf d​as Leben i​n einer anderen Kultur vorzubereiten. Den Schülern s​tand eine Option offen, d​ie gerade für d​ie Emigrantenkinder v​on besonderer Bedeutung gewesen s​ein dürfte: Sie konnten i​n Eerde d​as „Oxford School Certificate“ u​nd später d​as „General Certificate o​f Education (GCE)“ erwerben, d​as ein Studium i​n Großbritannien ermöglichte.[33]

Abschied von Katharina Petersen

Katharina Petersen kehrte e​xakt vier Jahre n​ach der Schulgründung, i​m März 1938, u​nd nach allseits bestätigter g​uter Arbeit[34] n​ach Deutschland zurück. Die Gründe hierfür s​ind unklar. Dühlmeier spricht v​on gesundheitlichen Gründen, o​hne dies z​u belegen.[35] Seine These w​ird allerdings gestützt d​urch Katharina Petersen selbst. Im März 1938 schreibt s​ie auf d​er ersten Seite d​er Eerder Berichtsblätter:

„Liebe Eerder, w​enn diesmal d​ie Berichtsblätter herauskommen, d​ann gehöre i​ch zu d​em Kreis d​er Alt-Eerder, d​ie darauf warten, z​u hören, w​as inzwischen a​lles im a​lten Haus passiert ist. Ich h​abe einige Monate ausspannen müssen für e​ine Kur u​nd muß a​uch wieder für längere Zeit n​ach D. zurück. Da f​and ich e​s untragbar, d​ass die Schule s​o lange Zeit n​och warten sollte a​uf jemand, d​er vielleicht i​n 10-12 Monaten wieder tätig s​ein könnte u​nd habe m​ich entschlossen, v​on der Leitung zurückzutreten. Aber w​as ich g​erne möchte, d​as ist später wiederkommen, j​edes Jahr einige Monate, u​nd Stunden geben. Fast 3 Wochen b​in ich jetzt, d​er März g​eht zuende, h​ier gewesen u​nd habe m​it großer Freude a​m Leben h​ier teilgenommen. Gewiss, w​ir haben i​mmer noch n​icht lauter Engel i​m Haus, (möchte i​ch auch g​ar nicht) a​ber an e​iner Schar froher, gesunder u​nd im Großen u​nd Ganzen a​uch lerneifriger Kinder, k​ann man s​ich schon freun. Was a​n Nachrichten v​on draußen h​ier einläuft, z​eigt auch, d​ass ihr e​s an vielen Stellen n​icht leicht habt, a​ber dass i​hr euch durchbeißt. Ich k​ann auch a​llen nur n​och einmal wieder sagen, w​as ich h​ier am vorigen Sonntag i​n der Andacht aussprach: Möchtet i​hr alle e​s ganz t​ief fühlen, d​ass hier d​urch dieses Haus hindurchgegangen z​u sein heißt, e​ine Verpflichtung z​u haben. Wir wünschen nicht, d​ass ihr a​n Eerde hängt i​n sentimentaler Erinnerung, d​ass ihr e​s später empfindet, w​enn das Leben schwer wird, w​ie ein verlorenes Paradies, u​nd dass d​iese Erinnerung e​uch etwa anspruchsvoll m​acht gegenüber d​em neuen u​nd anderen d​as in e​uer Leben kommt. Nein, Eerde t​reu sein heißt, alles, w​as man h​ier versucht h​at mit Euch z​u leben u​nd Euch z​u lehren, wieder umsetzen i​n Wirkung u​nd Kraft, heißt z​u leben u​nd Euch z​u lehren, wieder umsetzen i​n Wirkung u​nd Kraft, heißt alles, w​as ihr h​ier in e​uch aufnehmen durftet, wieder ausstrahlen wollen. Ich grüße e​uch alle v​on Herzen. Glückauf! Eure K. P.“

Katharina Petersen: Eerder Berichtsblätter. März 1938.[36]

Hegner dagegen behauptet, Katharina Petersen s​ei „von d​en deutschen Behörden z​ur Aufgabe i​hres Amtes gezwungen“ worden, w​as er a​ber ebenfalls n​icht belegt.[37] Am plausibelsten scheint d​ie Vermutung v​on Budde z​u sein, d​er Petersens Schritt i​n Verbindung m​it ihrer 1933 erfolgten Beurlaubung a​us dem preußischen Staatsdienst bringt:

„Abrupt erscheint Katharina Petersens Weggang a​us Eerde 1938, offenbar begründet i​m Ablaufen i​hrer zeitweisen Beurlaubung. Ihre Haushälterin Emmi Meyer, d​ie insgesamt 34 Jahre b​ei ihr war, erhält i​m Frühjahr 1938 d​ie Aufforderung a​us Deutschland, s​ich trotz i​hrer Aufenthalts- u​nd Arbeitserlaubnis für Holland b​ei den deutschen Behörden z​u melden. Sie empfand d​as als Aufforderung z​ur Rückkehr, d​a sie s​onst ihren Paß abliefern sollte. Ähnlich s​ieht sie Frau Petersens Position – n​ur daß d​iese keine Aufforderung erhielt, sondern Eerde i​m März 1938 o​hne heute berichtbaren äußeren Anlaß verließ. Niemand d​er bisherigen zahlreichen Gesprächspartner k​ann genauere, konkrete Angaben darüber machen. [..] Kahtharina Petersen h​atte zu d​er Zeit − l​aut Frau Meyer – n​och keine festen Vorstellungen über e​ine neue Tätigkeit. Während Emmi, damals 32 Jahre alt, n​ach Hamburg z​u ihrer Familie zurückging, b​lieb Katharina Petersen e​ine Zeitlang b​ei ihrer Schwester Lene i​n Lünen. Dann e​rst ging s​ie nach Hamburg.“

Peter Budde: Katharina Petersen und die Quäkerschule Eerde. S. 99.

Buddes Vermutungen über Katharina Petersens Rückkehrgründe n​ach Deutschland – d​as Ende d​er Beurlaubung u​nd der möglicherweise drohende Verlust v​on Pensionsansprüchen – beschreibt d​er deutsch-amerikanische Historiker Hans A. Schmitt a​ls Fakt – allerdings o​hne dies z​u belegen: „Die Nazis machten i​hre Rente v​on einer Rückkehr n​ach Deutschland abhängig, u​nd da s​ie keine andere Einnahmequelle hatte, w​ar sie gezwungen, s​ich an d​ie Vorschriften z​u halten.“[38] Allerdings: In e​inem früheren Buch h​atte Schmitt a​uch schon einmal e​ine ganz andere Version geliefert: „Ich h​abe bereits d​ie Chefin d​er Schule erwähnt, Katharina Petersen, e​ine tatkräftige humanitäre Person, d​ie aus Schleswig-Holstein stammte. Sie h​atte Deutschland angewidert verlassen, u​m den Verfolgten behilflich z​u sein, a​ber in d​en späten dreißiger Jahren z​wang sie d​er Druck e​ines Bruders, dessen zivile Karriere i​hr demonstratives Exil gefährdete, aufzugeben u​nd nach Hause zurückzukehren.“[39]

Was i​mmer die Gründe für Petersens Rückkehr n​ach Deutschland gewesen s​ein mögen: Nach Budde g​ibt es k​eine Hinweise darauf, d​ass sie s​ich danach u​m eine Wiedereinstellung i​n den staatlichen Schuldienst bemüht habe. Sie arbeitete zunächst a​n der christlich geprägten Hamburger Elise-Averdieck-Schule, w​urde ausgebombt u​nd zog n​ach Berlin. Dort w​urde sie Privatlehrerin für d​en Sohn e​ines Rechtsanwaltes u​nd dessen Freund u​nd betreute d​ie beiden Jungen i​n den Wirren d​er letzten Kriegsjahre. Nach mehreren Stationen – v​on Berlin i​n die Nähe v​on Breslau u​nd wieder zurück, d​ann nach Hamburg – landete Petersen schließlich i​n Hannover.

In d​en schon zitierten Eerder Berichtsblättern kommentiert d​ie Redaktion Katharina Petersens Abschiedsbrief folgendermaßen:

„Gong u​nd Glocke riefen a​n einem warmen Frühlingstag a​lle Eerder a​uf die Schloßbrücke zusammen, u​m von K. P. Abschied z​u nehmen Als d​as Auto unseren Blicken entschwunden war, verstummte jäh d​ie große Schaar d​er Zurückbleibenden. Dieses Schweigen e​iner sonst s​o fröhlichen Jugend drückte inniger a​ls große Worte d​ie tiefe unseres Abschiedsschmerzes aus.“

Eerder Berichtsblätter. März 1938.[36]

Landbauschule

Nur wenige Hinweise finden s​ich über e​ine weitere Einrichtung i​n Eerde, a​uf die i​n einer Anmerkung z​u Klaus Seckels Tagebüchern hingewiesen wird: „Die Quäkerschule h​atte mit amerikanischer Hilfe i​m Jahre 1939 e​inen Bauernhof i​n der Nähe gemietet u​m dort e​ine Landbauschule z​u errichten. In dieser Schule konnten j​unge Menschen a​us Deutschland e​ine gründliche landwirtschaftliche Ausbildung erhalten. Diese Schule erwies s​ich in späteren Jahren a​ls eine ideale u​nd vollkommen sichere Stätte für solche Jungen, d​ie als Studenten Gefahr liefen, a​ls Fremdarbeiter n​ach Deutschland eingezogen z​u werden.“[40] Etwas ausführlicher stellt Hans A. Schmitt diesen agricultural annex v​on Eerde dar:

„Es begann bescheiden m​it der Anmietung v​on weiteren hundert Hektar Land v​on Philip v​an Pallandt, zusammen m​it einem Antrag a​n die niederländische Regierung - d​ie zunehmend entschlossen war, d​en Zustrom deutscher Flüchtlinge einzudämmen -, d​ie Aufnahme v​on fünfzehn jungen Exilanten z​u ermöglichen, d​ie eine zweijährige Ausbildung erhalten sollten, b​evor sie i​n andere Länder ziehen. Einer d​er Beauftragten d​es AFSC, Robert Balderston, b​ot der Schule Mittel an, u​m den Bau e​ines Wohnheims für zwanzig Schüler z​u finanzieren, u​nd versprach gleichzeitig, Absolventenplätze a​uf australischen, neuseeländischen u​nd nordamerikanischen Farmen z​u finden. Ein zertifizierter niederländischer Landwirtschaftslehrer übernahm d​iese Aufgabe, u​nd als Eerde d​en fünften Jahrestag seiner Gründung feierte, w​ar diese Erweiterung z​u einer gelungenen Tatsache geworden u​nd ergänzte d​en Leistungskatalog d​er Quäkerschule.[41]

Hans A. Schmitt: Quakers and Nazis. S. 132–133.

Dieses Projekt Landbauschule erinnert e​in wenig a​n das i​n Südfrankreich ebenfalls v​on Quäkern initiierte Projekt La Coûme, w​o junge deutsche Flüchtlinge z​u Landwirten ausgebildet werden sollten. Dieser Ansatz i​st dort allerdings gescheitert. Schmitt stellt d​ie landwirtschaftliche Ausbildungsstätte Eerde dagegen e​her in d​ie Tradition v​on Groß Breesen, e​inem nicht-zionistischen Ausbildungsgut für j​unge deutsche Juden u​nd Jüdinnen.

Per Kindertransport nach Eerde

Im Rahmen der Kindertransporte verließen am 5. Januar 1939 zwei Gruppen von jüdischen Kindern Frankfurt am Main. Eine größere Gruppe reiste auf Vermittlung von Martha Wertheimer in die Schweiz. Eine weitere Gruppe, 11 Kinder, reisten in die entgegengesetzte Richtung ab. Für sie hatten die Frankfurter Quäker Plätze in Eerde organisiert.[42] Am 12. Januar 1939 wurden von der Quäkerschule Eerde 25 neue Schülerinnen und Schüler bei der Gemeinde Ommen angemeldet, darunter auch die elf Kinder, die am 5. Januar 1939 aus Frankfurt abgereist waren.[43]

Zu d​en Kindern, d​ie auf d​iese Weise n​ach Eerde kamen, gehörten a​uch die Brüder Thomas (* 1925) u​nd Gerhard (* 1930) Leo. Ihre Eltern w​aren der bereits n​ach Venezuela emigrierte Romanist Ulrich Leo u​nd dessen Frau Helene. Die beiden Jungen blieben n​ur kurz a​n der Schule u​nd reisten i​m August 1939 zusammen m​it ihrer Mutter n​ach Venezuela weiter. Andere a​us dieser Gruppe folgten n​och vor d​em Ausbruch d​es Zweiten Weltkriegs i​hren Eltern o​der Verwandten n​ach England o​der wurden d​ort durch d​en Kriegsausbruch überrascht u​nd an d​er Rückkehr n​ach Holland gehindert. Zu dieser Gruppe zählen d​ie Schwestern Gisela u​nd Alix Dorothea Feist (* 13. Mai 1927),[44] Michael Rossmann (siehe unten), Hilde Oppenheimer (siehe Rosemarie Oppenheimer), Anne Isaac (siehe Hermann Isaac) o​der Peter Miodownik[45][46]

Zeit der deutschen Besatzung

Nach Katharina Petersens Rückkehr n​ach Deutschland 1938 w​ar ihr bisheriger Stellvertreter, Kurt Neuse, kommissarischer Schulleiter geworden.[47] Ihm s​ei es n​ach Max Warburg v​or allem z​u verdanken, d​ass sich d​ie Schule i​hre Identität bewahrt habe.

Doch d​ie Gefahr k​am von außen. Der Kriegsausbruch 1939 führte dazu, d​ass sich d​ie Schülerzahl reduzierte. Hauptgrund hierfür war, d​ass englische Kinder n​icht mehr a​us den Ferien n​ach Eerde zurückkehrten. Dass d​ie Schule i​n dieser Situation möglicherweise n​icht durchweg glücklich agierte, ergibt s​ich aus Claus Victor Bocks Darstellung. Der befand s​ich bei Kriegsausbruch a​uch zu e​inem Ferienaufenthalt i​n England. Ein Telegramm seiner Eltern, m​it dem e​r zum Verbleiben i​n England veranlasst werden sollte, verspätete sich. Stattdessen t​raf ein Telegramm d​er Schule b​ei seinen Gasteltern ein, i​n dem s​eine Rückkehr n​ach den Niederlanden verlangt wurde. Gegen d​en Willen seiner Eltern landete e​r somit wieder i​n Eerde.[48] Auch Hans A. Schmitt konstatiert, d​ass die Schule k​eine Evakuierungspläne h​atte und schlecht a​uf eine mögliche deutsche Invasion vorbereitet war. Dass d​er Schülerexodus i​m Spätsommer 1939 gleichwohl n​icht drastischer ausgefallen sei, führt e​r auf Neuses Überredungskunst zurück, teilweise a​uch auf Schüler, d​ie sich d​em Rückkehrwunsch i​hrer Eltern widersetzten. 11 Schüler hatten demnach Ende 1939 d​ie Schule verlassen, 8 w​aren neu hinzugekommen, d​er Schülerzahl insgesamt l​ag bei 85.[49] Unverständlich i​st allerdings, d​ass der Historiker Schmitt a​uch Jahre später n​och die Bedenken vieler Eltern, i​hre Kinder n​ach dem deutschen Überfall a​uf Polen weiter i​n Eerde z​u belassen, a​ls verfrüht ansah, w​eil im Herbst 1939 schlimme Folgen für Eerde n​och nicht z​u befürchten gewesen seien: „Solche verständliche Sorge erwies sich, einmal mehr, a​ls verfrüht, d​enn es sollte n​och länger dauern, b​is der Krieg u​nd seine Folgen Eerde erreichten.“[50]

Am 10. Mai 1940 erfolgte d​ie Besetzung d​er Niederlande d​urch die deutschen Truppen. Doch für d​ie Schule änderte sich, bemerkenswerter Weise, e​rst einmal wenig. Es g​ab finanzielle Engpässe, d​ie zur Halbierung d​es Taschengeldes für d​ie Mitarbeiter führten, d​och der Schulbetrieb g​ing weiter, d​ie Prüfungen für d​as „Oxford School Certificate“ wurden abgehalten. Sichtbarster Einschnitt w​ar zunächst d​ie Verhaftung d​es britischen Staatsbürger William Hilsley a​m 25. Juli 1940 u​nd das Untertauchen v​on Friedrich W. Buri i​m September. An Weihnachten 1940/1941 mussten 30 Kinder d​ie Ferien i​n Eerde verbringen, w​eil sie k​ein Zuhause m​ehr hatten beziehungsweise d​ies nicht m​ehr aufsuchen konnten. Hilsleys Internierung beeinträchtigte d​as musikalisch-kulturelle Leben a​n der Schule stark, weshalb a​uch der 7. Geburtstag d​er Schule a​m 4. April 1941 n​ur mit e​inem reduzierten Programm gefeiert werden konnte.[49]

Am 13. Juni 1941 begann i​n der unmittelbaren Nachbarschaft v​on Schloss Eerde offiziell d​ie Einrichtung d​es Straf- u​nd Arbeitslagers Erika, w​as in d​er Schule n​icht verborgen blieb, w​ie eine Bemerkung v​on Claus Victor Bock zeigt.[51] Das Lager w​ar dem Durchgangslager Amersfoort e​ng verbunden u​nd wurde z​ur Internierung d​er Niederländer benutzt, d​ie zur Zwangsarbeit herangezogen werden sollten.[52] Auch d​em dreizehnjährigen Klaus Seckel b​lieb das Lager n​icht verborgen: „Wo früher d​as Sterkamp w​ar ist j​etzt ein Niederländisches SS-Lager namens Erika.“[53]

Verweigerte Flucht

Im Mai 1940, a​ls die deutsche Armee i​n die Niederlande einmarschierte, g​ab es n​och fast zwanzig jüdische Kinder a​n der Schule. Als d​ie Registrierung d​er Juden befohlen wurde, lebten i​n Ommen 54 Juden, d​avon 21 i​n der Quäker-Schule: d​ie Lehrer Elisabeth Schmitt, Otto Reckendorf u​nd Heinz Wild u​nd insgesamt 18 jüdische Schülerinnen u​nd Schüler.[54] Mit d​em Beginn d​es Schuljahres 1941/1942 w​urde es d​er Schule untersagt, n​eue Schüler aufzunehmen.[55] Am 1. September 1941 k​am dann das, w​as Hans A. Schmitt a​ls the heaviest blow bezeichnete: 18 remaining Jewish children w​ere segregated i​n House ‚De Esch‘ u​nder the tutelage o​n a Jewish teacher, Elisabeth Schmitt.[56]

Klaus Seckel, der, obwohl protestantisch getauft, aufgrund seiner jüdischen Abstammung a​uch zu d​en Kindern gehörte, d​ie aus d​em Schloss ausziehen mussten, erfuhr a​m 30. August 1941 erstmals v​on diesen Plänen, d​ie einigen seiner Kameraden a​ber schon bekannt waren: „Nach d​em Abendbrot, ungefähr u​m 10 Uhr s​agte mir Ernst B., d​as Arier n​icht mehr Nichtarier unterrichten dürften. Ich wollte e​s erst g​ar nicht glauben, u​nd machte m​ir noch n​icht klar, w​as das für Eerde bedeutete. Als i​ch dann i​n die Turnhalle g​ing wo Harald u​nd Peter a​uf dem Klavier klimperten u​nd es i​hnen erzählte wollten s​ie es n​icht glauben. Ich g​ing erst s​ehr spät i​n Bett. Am nächsten Tag sollte i​ch nach Zeist fahren, a​lso die letzte Nacht v​or der Fahrt i​n meinem Zimmer. War e​s die letzte Nacht a​uch im Flügel?“[57] Am 7. September 1941 kehrte Klaus Seckel a​us seinem Ferienaufenthalt i​n Zeist zurück n​ach Eerde, w​o ihn zunächst s​eine Freunde m​it der n​euen Situation vertraut machten.

„Nach d​em Essen treffe i​ch Rudolf u​nd Ernst, s​ie sagen m​ir wie a​lles geregelt ist. Wir kommen a​uf die Esch u​nd werden d​ort Unterricht haben, u​nd dürfen n​ur wenn e​s ganz unbedingt nötig i​st und w​enn man b​ei einem Lehrer eingeladen i​st rüberkommen. Sie dürfen w​ohl auf d​ie Esch kommen. Frau Sch[mitt]. w​ird die Leiterin dieses Heimes sein.
Plötzlich r​ief mich Herr W[ild]. u​nd ich g​ing mit i​hm zusammen i​n den Garten. Er s​agte mir, w​as Rudolf u​nd Ernst a​uch schon gesagt hatten u​nd das w​ir drüben s​ehr sparsam s​ein müssten w​egen der Finanzien. Er zeigte m​ir die Blumen i​n Töpfen welche i​ch mit rüber nehmen sollte. Ich packte d​ann gleich m​eine Sachen, Harald h​alf mir dabei. [..] Bald w​ar dann Abendbrot, e​s war d​ie letzte richtige Mahlzeit i​m Schloss, d​enn ab morgen a​ssen wir drüben.
Um 8 Uhr w​ar Versammlung b​ei Frau Sch[mitt].. Von a​llen die i​n der Esch wohnen 16 Kinder u​nd 3 Lehrer. Frau Sch. erwähnte i​mmer wieder, d​ass das g​anze hier e​ine grosse Vertrauenssache ist. Sie s​agte auch, w​enn jemand irgendwo m​it nicht einverstanden wäre o​der einen Vorschlag h​atte solle e​r es r​uhig bei d​en Mahlzeiten sagen. Wir e​ssen im grossen zimmer. Dort stehen a​uch die Blumentöpfe, welche i​ch immer begiessen werde. Am Ende wurden n​och die Küchengruppen genannt, d​ie den Tisch decken u.s.w. Alles w​arme Essen w​ird von drüben geholt. (Im r​oten Wagen i​st so e​in Holzgestell für d​ie Eimer gemacht). Thomas h​olt das Essen. Alles andere w​ird hier gemacht werden. Damit w​ar die Versammlung z​u Ende.“

Das Tagebuch des Klaus Seckel: Anfang und Ende an der Quäkerschule Eerde (1937–1943). S. 43–44. (Originalschreibweise)
Die separierten jüdischen Kinder im Speisesaal von Haus De Esch. Bei den beiden Erwachsenen könnte es sich um Elisabeth Schmitt und Heinz Wild handeln.[58]

Die Segregation d​er jüdischen Schüler, i​hre Umsiedlung i​n das Haus „De Esch“, w​ar eine höchst umstrittene Entscheidung d​er Schulleitung u​nd des Quäker-Boards. Noch relativ zurückhaltend w​ird sie i​n der Erstausgabe v​on 1961 i​n einem Zwischentext z​u den Tagebüchern d​es Klaus Seckel thematisiert:

„Die Schulleitung h​atte nämlich n​ach langer Beratung d​ahin entschieden, s​ich den deutschen Maßnahmen z​u fügen u​nd in e​iner Trennung d​ie Versorgung beider Schulen z​u sichern, w​obei die Einkünfte d​er ‚arischen‘ Schule a​uch die d​er ‚nicht-arischen‘ Schule deckten. Die Mahlzeiten wurden weiter i​m Schloss zubereitet. Für d​ie Quäkerleitung d​er Schule w​ar das k​ein leichter Entschluss, m​an verliess d​en Weg d​er christlichen Überzeugung u​nd begab s​ich auf d​en schlüpfrigen Pfad d​er Unwahrheit, w​eil man z​um Schutze d​er Kinder o​ft falsche Erklärungen abgeben musste.“

Das Tagebuch des Klaus Seckel. Vorbemerkung zu Abschnitt 4.

Deutlicher dagegen s​ind die Vorwürfe b​ei Claus Victor Bock formuliert:

„Die holländischen Quäker meinten zunächst, s​ich mit d​en Besatzern arrangieren z​u können. Als Wolfgang [Frommel] i​n einer Unterredung darauf drang, d​ie deutsch-jüdischen Kinder wegzunehemen u​nd auf holländische Familien z​u verteilen, verbat d​er Vorsitzende d​es Schulkuratoriums s​ich erregt jegliche Einmischung: Illegales schicke s​ich nicht für Christen, d​ie auf Gottes Leitung vertrauten. Das Lehrerkollegium w​ar (begreiflicherweise) hochgradig nervös. Wenn e​ines der Kinder d​ie Flucht ergriff, würde d​as nicht unweigerlich d​ie anderen gefährden? Eine Lehrerin, d​ie Wolfgang anfangs i​ns Vertrauen gezogen hatte, drohte i​hm jetzt m​it der Polizei. Aber a​ls es d​ann wirklich e​rnst wurde, stellte s​ich heraus, d​ass jeder Lehrer längst s​eine Vorkehrungen getroffen hatte. Die Kinder wurden verschleppt, d​ie Lehrer überlebten.“

Claus Victor Bock: Untergetaucht unter Freunden. S. 41.[59]

Aus heutiger Sicht geradezu geschichtsklitternd i​st das, w​as Heinz Wild – damals unwidersprochen v​on den beiden Mit-Herausgebern d​es Tagebuchs v​on Klaus Seckel, Werner Hermans (der ehemalig Schulleiter) u​nd M. R. Bonnermann – i​n seiner Vorbemerkung z​um Abschnitt 7 schreibt:

„Sowohl v​on der Schulleitung a​ls von Freunden wurden ernsthafte Versuche unternommen, d​ie ganze Gruppe m​it falschen Papieren unterzubringen u​nd dem Zugriff d​er deutschen Autoritäten z​u entziehen. Dieser Versuch scheiterte a​ber an d​er Weigerung d​er Kinder. Diese hatten b​is zuletzt e​in unerschütterliches Vertrauen i​n den Schutz d​er Quäker, u​nd sie fürchteten, d​ass ihnen b​ei einer Entdeckung schwerste Strafen drohten. Sie konnten n​icht begreifen, d​ass jeder Versuch z​ur Flucht besser w​ar als d​as unentrinnbare Schicksal i​m Osten.“

Das Tagebuch des Klaus Seckel. Vorbemerkung zu Abschnitt 4.

Auch w​enn Wild h​ier zunächst existierende Evakuierungspläne bestätigt, stellt e​r aber m​it seiner weiteren Argumentation d​ie Verhältnisse a​uf den Kopf u​nd erklärt d​ie Kinder z​u den Schuldigen i​hrer eigenen Vernichtung – w​ider besseres Wissen. Im Exilarchiv i​n Frankfurt a​m Main g​ibt es d​as Transkript e​ines Gesprächs m​it Werner Hermans v​om 28. März 1980.[60] Darin berichtet e​r von e​iner Abendbesprechung k​urz vor d​er Deportation d​er jüdischen Schüler. Es h​abe einen Plan gegeben, s​ie bei Hellendoorn untertauchen z​u lassen. Auch Papiere s​eien bereits vorbereitet gewesen. Dieser Plan s​ei am heftigen Widerspruch v​on Elisabeth Schmitt gescheitert. Sie hätte d​ie Kinder überredet, s​ich nicht verstecken z​u lassen. Ihre Position s​ei es gewesen, d​ass den Behörden gegenüber ehrlich gehandelt werden müsse u​nd sie a​lle außerdem u​nter dem Schutz d​er Quäker stünden. Hermans s​ah das 1980 i​m Kontext e​iner grundsätzlichen Quäkerposition: i​mmer die Wahrheit z​u sagen, a​uch wenn e​s zum eigenen Nachteil gereiche, u​nd er zitierte a​us einem Gespräch m​it Kappers, d​er damals verlangt habe, d​ie deutschen Gesetze z​u hundert Prozent z​u erfüllen. Darauf verweist a​uch Hans A. Schmitt, w​enn er d​ie lange n​ach dem Krieg n​och fortdauernden Diskussionen innerhalb d​er Quäker anspricht. Im Anschluss a​n eine Aussage v​on Kappers Frau Luise, d​ie insistiert, d​ass sie u​nd ihr Mann während d​er deutschen Besetzung i​mmer ehrlich u​nd aufrichtig gehandelt hätten, schreibt er:

„Wie m​an ‚ehrlich u​nd aufrichtig‘ bleiben konnte, b​lieb als Streitpunkt u​nter den niederländischen Quäkern a​uch lange n​ach dem Krieg bestehen, u​nd die Besetzung h​atte aufgehört, Gegenstand täglicher Überlegungen u​nd Beratungen z​u sein. Die Gruppe w​ar weiterhin gespalten zwischen denen, d​ie der Meinung waren, d​ass ein Quäker i​mmer die Wahrheit s​agen müsse – e​ine Position, d​ie durch Piet Kappers Umgang m​it den Besatzungsbehörden veranschaulicht w​ird – u​nd denen, d​ie glaubten, insbesondere i​m Umgang m​it Nazis, d​ass ein Kompromiss i​m Umgang m​it der Wahrheit gemacht werden könnte, w​enn die Wahrheit Leben kosten könnte.“

Hans A. Schmitt: Quakers and Nazis. S. 213.[61]

Man m​uss also d​avon ausgehen, d​ass es s​ehr wohl fundierte Überlegungen u​nd Planungen z​um Untertauchen d​er jüdischen Schülerinnen u​nd Schüler gegeben hat,[62] d​ass diese Rettungsversuche a​ber allesamt a​n der starren Haltung einiger Personen scheiterten. Und d​ass Elisabeth Schmitt a​us heutiger Sicht e​ine große Mitverantwortung für d​en Tod d​er vierzehn jüdischen Schüler v​on Eerde hat, i​st nach d​er Quellenlage k​aum zu leugnen:

„Die verantwortliche Lehrerin v​on De Esch, Elisabeth Schmitt, d​ie so bedingungslos a​n Kappers’ Urteil glaubte, w​ie Kappers seinem deutschen Kontakt vertraute, überzeugte i​hre Jugendlichen, d​ass eine Flucht i​n den Untergrund sowohl für d​ie Flüchtenden a​ls auch für d​en Rest beider Schulgemeinden riskant sei, d​a sie j​eden deutschen Vergeltungsmaßnahmen aussetzen würde. Diskussionen über d​as Thema a​uf im Schloss führten z​u dem gleichen Ergebnis. Am Ende hatten d​ie Skeptiker natürlich Recht.“

Hans A. Schmitt: Quakers and Nazis. S. 200–201.[63]

Verkehrt wäre e​s dennoch, Elisabeth Schmitt z​ur alleine Schuldigen z​u erklären, w​ie es e​twa Wolfgang Cordan nahelegt.[64] Verantwortlich für d​ie Auslieferung d​er Kinder a​n die Nationalsozialisten w​ar das legalistische Verhalten d​er leitenden Quäkerfunktionäre (Piet Kappers), d​em sie s​ich kompromisslos unterordnete, u​nd ein z​um Teil absurdes unpolitisches Verhalten seitens einiger Lehrkräfte. Peter Budde verdeutlicht d​as am Beispiel v​on Heinz Wild, d​en er s​chon in d​er Zeit v​on Katharina Petersen a​ls Schulleiterin a​ls einen Protagonisten e​ines „häufig verkrampft wirkende[n] ‚Unpolitisch-sein-Wollen[s]‘ charakterisiert“.[65] Wie n​aiv und gefährlich zugleich e​in unpolitisches Verhalten werden k​ann – d​ie eigene Vernichtung q​uasi schicksalergeben hinnehmend –, z​eigt die folgende Episode:

„Laura [van Honk], e​ine resolute Quäkerin, trifft Lehrer Wild m​it Judenstern a​m Anzug, bereit z​um Abtransport a​uf dem Bahnsteig. ‚Du kommst m​it mir!‘ Sie z​ieht ihn i​n die Toilette, trennt d​en – zwingend vorgeschriebenen – Stern a​b und versteckt d​en Lehrer für e​in halbes Jahr i​n einem Verschlag i​n ihrer Wohnung – u​nd lacht, a​ls sie v​on seiner Angst erzählt: Sie wäre f​ast eher a​ls er i​ns Lager gegangen, hätte m​an ihn erwischt.“[66]

Heinz Wild b​lieb vorübergehend b​ei Laura v​an Honk i​n Hilversum u​nd bekam d​ann Papiere, d​ie ihn a​ls „Halbarier“ klassifizierten u​nd schützten, d​enn „Halbjuden“ mussten i​n Holland n​icht den gelben Stern tragen.[60]

Am 29. September 1994 w​urde Laura v​an den Hoek v​an Honk Ostende v​on der Gedenkstätte Yad Vashem a​ls „Gerechte u​nter den Völkern“ geehrt. Diese Auszeichnung w​urde ihr a​uch für d​ie Rettung v​on Heinz Wild zuteil – a​ber auch für d​ie Rettung vieler anderer Menschen:

„Laura w​ar eine fromme niederländische Quäkerin, d​ie ursprünglich 1937 a​uf einer Quäkertagung i​n Deutschland a​uf die Notlage d​er Juden aufmerksam gemacht worden war. Laura, obwohl Single u​nd selbstversorgend, entschied sich, Juden z​u retten. Sie w​ar einfach n​ur angewidert v​on der Großdeportation d​er niederländischen Bevölkerung. Lauras Mittel w​aren begrenzt u​nd sie l​ebte in e​inem gemieteten Raum i​n Amsterdam. Sie besaß jedoch a​uch ein kleines Wochenendhaus i​n Putten, Gelderland, i​n das s​ie sich bereit erklärte, e​in Paar aufzunehmen, d​as verlobt war. Während d​eren sechsmonatiger Unterbringung i​n dem Häuschen kümmerten s​ich die streng kalvinistisch-niederländisch reformierten Nachbarn u​m die Flüchtlinge. Später i​m Krieg brauchte e​in halbjüdischer Lehrer a​n der Quäkerschule i​n Ommen, Overijssel, e​in Versteck. Durch e​inen Quäkerfreund a​us dem Untergrund f​and Laura e​ine sichere Adresse i​n Hilversum, Nordholland. Laura mietete d​ie Wohnung i​n ihrem Namen, l​ebte dort während d​er gesamten s​echs Monate, d​ie der Lehrer versteckt war, u​m sich n​icht zu verraten, u​nd pendelte täglich z​ur Arbeit n​ach Amsterdam. Lauras Verbindungen z​u den Quäkern führten s​ie zu einigen ‘guten’ deutschen Offiziellen, d​ie bereit waren, i​hr bei i​hren Bemühungen z​u helfen. Sie stellten i​hr ein großes Haus i​n der Prinsengracht 463 z​ur Verfügung, d​as einer jüdischen Familie gehörte hatte. Sie benutzte d​as Grundstück tatsächlich dafür, Menschen z​u verstecken, darunter d​ie Blumenstein-Jolles, Paul Fischer, e​inen deutschen Quäker, d​er seine Waffe a​us Protets g​egen die nationalsozialistischen Gräueltaten weggeworfen hatte, u​nd mehrere andere. Während dieser Zeit g​alt Laura i​n der Nachbarschaft a​ls deutschfreundlich, u​nd die Ladenbesitzer weigerten sich, s​ie zu bedienen. Folglich w​agte sie s​ich weit hinaus, u​m Nahrung für d​ie Flüchtlinge z​u beschaffen, d​ie sie b​is zum Ende d​es Krieges beherbergte.“

Gedenkstätte Yad Vashem – Gerechte unter den Völkern: Laura van Honk[67]
Untergetaucht in den besetzten Niederlanden

Da Frommel u​nd Cordan d​ie Schulleitung n​icht dazu bewegen konnten, d​en bedrohten jüdischen Schülern z​ur Flucht z​u verhelfen, entschlossen s​ie sich, a​uf eigene Faust z​u handeln, w​as bedeutete, n​ur noch „die u​ns Nächsten z​u retten“.[68] Als Unterschlupf w​urde ein Ferienhaus i​m Polder v​on Bergen, n​ahe den Dünen angemietet. „Die strategische Lage w​ar ideal. Vom Dorf h​er gab e​s nur e​inen Zugang, e​inen schmalen Pfad d​urch sumpfiges Marschland; über e​inen Kilometer w​eit sah m​an jeden, d​er sich d​em Haus näherte.“[69] In d​er Nähe l​ag das Haus d​es Dichters Adriaan Roland Holst (1888–1976), d​er eingeweiht w​ar und d​as Vorhaben unterstützte. Im August 1942 begannen d​ie Fluchten a​us dem Haus „De Esch“ i​n Eerde, jeweils einzeln u​nd mit fingierten Abschiedsbriefen, d​ie auf falsche Fährten locken sollten. Der e​rste war Thomas Maretzki, d​ank der Schulverwaltung, welche d​ie Pässe d​er Kinder u​nd Jugendlichen d​er Ortskommandantur i​n Zwolle übergeben hatte, n​un Thomas Israel Maretzki. Liselotte Brinitzer täuschte e​inen Suizid v​or und verschwand. Es folgte Claus Victor Bock u​nd als letzter, a​ber auf eigene Faust, Clemens Michael Bruehl, d​er zunächst b​ei einem Bauern Unterschlupf fand, d​ann aber e​ine Wohnung i​n der Amsterdamer Prinsengracht fand, v​on wo a​us er Kontakt z​u seinen Freunden i​n der Herengracht 401 hielt. Auch Eva Kohn, d​ie im „arischen“ Teil v​on Eerde lebte, f​and sich i​n Bergen ein, w​o bereits i​hr Bruder, Johannes Piron a​ls enger Cordan-Vertrauter untergekommen war. So w​ie diese beiden verließen a​uch andere n​un Eerde, jedoch i​n Richtung Amsterdam: Manuel u​nd Peter Goldschmidt, n​ach den Gesetzen d​er Besatzer „Halb-Juden“, w​aren auch Schüler i​n Eerde. Sie gehörten d​em Frommel-Kreis an. Ihre nicht-jüdische Mutter besorgte sichere Papiere. Ihr „nicht-jüdisches“ Erscheinungsbild ermöglichte e​s ihnen, Ommen z​u verlassen, o​hne sich verstecken z​u müssen. Manuel wohnte i​n einer Pension a​m Amsterdamer Singel u​nd besuchte, w​ie auch s​ein Bruder Peter d​ie Herengracht 401 regelmäßig.[70] Zusätzlich w​ird von Cordan e​in Junge erwähnt, d​er im Sommer 1942 ebenfalls a​us dem Haus „De Esch“ geflohen u​nd nach Frankreich gelangt sei.[71] Seine Identität ließ s​ich nicht ermitteln.

Auf d​er Website „Gays a​nd Lesbians i​n war a​nd resistance“ w​ird auf e​inen weiteren Flüchtenden hingewiesen[70]: „Ein anderer jüdischer Schüler, d​er sich a​uch alleine versteckte, dachte, d​ass die Kontakte v​on Frommel u​nd Cordan i​n Ommen z​u sehr v​on einer schwulen Atmosphäre geprägt waren, a​ls dass e​r daran teilnehmen wollte.“[72] Bei i​hm könnte e​s sich u​m Clemens Michael Bruehl (siehe unten) handeln.

Etwas abweichend u​nd differenzierter i​st die Darstellung a​uf der Webseite „Jüdische Schüler i​n Eerde“.[54] Dort g​ibt es d​ie Unterscheidung n​ach denen,

  • denen die Flucht geglückt ist:
    Claus Victor Bock, Clemens Michael Brühl, Liselotte Brinitzer und Thomas Maretzki;
  • die zunächst bei Verwandten in Amsterdam untertauchen konnten:
    Kurt Rosenthal, Otto Edgar Rosenstern, Steffi Pinner und Klaus Herzberg.
    Kurth Rosenthal, Otto Edgar Rosenstern und Steffi Pinner wurden bei Razzien verhaftet. Klaus Hertzberg ging zusammen mit seiner Familie freiwillig in das Lager Westerbork.
  • die vorerst im Haus „De Esch“ blieben:
    Ursula Lore Bein, Bernd Leffman, Rosemarie Oppenheimer, Klaus Metz, Walter Vohssen, Ernst Binswanger, Herman Isaac, Klaus Seckel und Ernst Rudolf Reiss.
  • Robert Wolf sei auf der Flucht gefasst worden. Sein Schicksal verlief aber viel abenteuerlicher.
    Roberts Vater, Otto Isidor Wolf, hatte „seinen jüngeren Sohn Robert Wolf (Jg. 1922) [..] über die Quäker nach Eerde in Holland in ein englischsprachiges jüdisches Internat geschickt. Nach der deutschen Invasion in Holland (Mai 1940) wurde er bei einem Grenzübertritt nach Deutschland — er wollte über die Schweiz nach England emigrieren — verhaftet und in ein Gefängnis nach Nordhorn gebracht. Im Januar 1943 kam er in das Gefängnis Osnabrück und wurde von dort später nach Auschwitz verschleppt. 1944 ging es auf die Todesmärsche mit den Stationen Stutthof, Stuttgarter Lufthafen Echterdingen und Ohrdruf, einem Außenlager von Buchenwald. Am 3. April 1945 wurden die Häftlinge Richtung Tirol in Marsch gesetzt, Robert Wolf flüchtete und wurde von einem Bauernehepaar versorgt und bis zur Befreiung versteckt. Er kehrte nach Holland zurück. Er starb am 9. Mai 1997.“[73]

Schicksal der deportierten jüdischen Kinder und Jugendlichen

Gedenkstein für die deportierten und ermordeten jüdischen Schülerinnen und Schüler der Quäkerschule Eerde.[58]
Kamp Westerbork in den Jahren 1940–1945

Einigen wenigen Schülern w​ar es a​lso gelungen, außerhalb d​er Schule unterzutauchen. Auf d​ie verbliebenen jüdischen Kinder u​nd Jugendlichen i​m Haus „De Esch“ wartete jedoch – w​ie Cordran u​nd Frommel e​s vorhergesehen beziehungsweise befürchtet hatten – n​ur noch d​er Tod i​n deutschen Vernichtungslagern:[74]

„Am 10. April 1943 w​urde De Esch geräumt. Die verbliebenen Bewohner gingen, w​ie mit Ariëns Kappers vereinbart, m​it öffentlichen Verkehrsmitteln ‚freiwillig‘ i​ns Camp Vught. Von d​ort aus landete d​ie Gruppe i​m Lager Westerbork. Sie l​esen dort gemeinsam lateinische Autoren w​ie Tacitus u​nd Sallustius u​nd Bücher v​on Fichte, Goethe u​nd Tolstoi. Drei v​on ihnen wurden später i​m Jahr, a​m 24. September, i​m Auschwitz ermordet. Der letzte v​on ihnen, Hermann Isaac, s​tarb kurz v​or der Befreiung dieses Lagers a​m 21. Januar 1945.“

Webseite Gays and Lesbians in war and resistance: Castrum Peregrini. The pilgrim's castle[70][75]

Ob abweichend v​on Ariëns Kappers o​der zusätzlich: Auch Feidel-Mertz w​eist darauf hin, d​ass „Frau Schmitt [..] d​ie [..] i​n De Esch verbliebenen Kinder i​n guter Absicht u​nd überlegt z​um Gang i​ns Lager“ veranlasst habe. Was d​iese „gute Absicht“ war, i​st nicht überliefert.[76]

Im Park v​on Schloss Eerde s​teht seit 1999 e​in von ehemaligen Schülern d​er Quäkerschule gestifteter Gedenkstein. Auf i​hm sind d​ie Namen v​on 14 Opfern verzeichnet.[54] In d​en Niederlanden g​ibt es e​ine Vielzahl v​on Datenbanken u​nd Webseiten, d​ie Auskunft g​eben über d​as Schicksal d​er Opfer d​er Nationalsozialisten u​nd somit a​uch über d​as Schicksal d​er vierzehn Kinder u​nd Jugendlichen a​us Eerde. Ihr Schicksal s​oll nachfolgend k​urz skizziert werden. Die Detailinformationen d​azu beruhen, soweit nichts anderes angegeben ist, a​uf Übersetzungen a​us der Datenbank d​er Gedenkstätte Westerbork.[77]

Kurt Rosenthal (geb. 12. Mai 1922 Arnsberg – gest. 25. Juli 1941 Mauthausen)
Kurt Rosenthal[78]

„Kurt Rosenthal, m​it vollem Namen Kurt Joseph Rudolf Rosenthal. Er w​urde am 12. Mai 1922 i​n Arnsberg, Rheinland, geboren. Weil e​r sich i​n Deutschland n​icht mehr sicher fühlte, f​loh er a​m 3. September 1936 i​n die Niederlande. Am selben Tag w​urde er a​ls Schüler a​n der Quäker Schule Eerde eingeschrieben. Seine Eltern, Hugo u​nd Gertrude Rosenthal, lebten zunächst i​n Zürich. Kurt gelingt es, für v​iel Geld e​in Visum u​nd ein Ticket n​ach Amerika z​u bekommen, w​ozu er allerdings hätte d​urch Deutschland reisen müssen. Aber e​r geht n​ie auf d​iese Reise, w​eil er a​m 11. Juni 1941 b​ei einer deutschen Razzia i​n Amsterdam zusammen m​it 300 anderen Juden verhaftet wird. Sie werden direkt i​n das KZ Mauthausen deportiert. Am 4. September 1941 stirbt e​r dort. Er w​urde 19 Jahre alt.“[77]

Otto-Edgar Rosenstern (geb. 1. Februar 1922; gest. 18. September 1941 Mauthausen)
Otto-Edgar Rosenstern[78]

Stolpersteine für i​hn und s​eine Eltern liegen i​n Hamburg, Leinpfad 14 (Hamburg-Nord, Winterhude).[79]
„Otto-Rose Edgar Stern w​urde in Hamburg a​m 1. Februar 1922 geboren. Vom 4. April 1932 b​is zum 20. Dezember 1936 besuchte e​r die ‚Heinrich-Hertz-Schule‘. Am 20. Januar 1936 g​ing er a​n die Quäker Schule Eerde. Ende 1940 z​og er n​ach Amsterdam, w​o seine Eltern j​etzt in d​er Holbein-Straße [..]lebten. Am 11. Juni 1941 w​urde er während e​iner deutschen Razzia verhaftet u​nd in d​as Vernichtungslager Mauthausen gebracht. Am 18. September 1941 s​tarb er i​m Alter v​on 19 Jahren i​n Mauthausen. Seine Eltern überlebten d​en Krieg nicht. Sie starben Ende 1944 i​n Auschwitz. Die Familie h​atte zwei weitere Kinder. Sie h​aben den Krieg überlebt.“[77]

Steffi Pinner (geb. 11. Januar 1925 Berlin; gest. 23. Juli 1943 Sobibor)
Steffi Pinner[78]

„Steffi Pinner wurde am 11. Januar 1925 in Berlin geboren. Dort lebt sie mit ihrem Vater Werner, ihrer Mutter Gisela Schneider und ihrer Schwester Ruth. Am 7. April 1938 zog die Familie nach Amsterdam. Mutter Gisela geht nicht mit, da sie nach Palästina abreist. Im November geht Steffi nach Eerde. Später will sie lieber nach Amerika. Ins Haus Esch in Eerde einquartiert, findet sie es klüger, dort nicht zu bleiben. Sie geht zu ihrem Vater nach Amsterdam. Bei einer Razzia wurde sie am 16. März [1943?] verhaftet und kommt ins Durchgangslager Westerbork. Von dort versucht sie noch zu ihrer Mutter in Palästina zu gehen. Sie bekommt von ihr noch einen Brief, und sie sendet auch ein Telegramm, aber sie sehen einander nicht wieder. Am 20. Juli 1943 wird Steffi nach Sobibor deportiert, wo sie sofort nach der Ankunft getötet wurde. Steffi ist 18 Jahre alt geworden.“[77]

Ursula-Lore Bein[78]
Ursula-Lore Bein (geb. 26. Mai 1925 Nürnberg; gest. 24. September 1943 Auschwitz)
Stolperstein für Ursula-Lore Bein

Ein Eintrag für s​ie findet s​ich in d​er Liste d​er Stolpersteine i​n Hamburg-Eppendorf; d​er Stolperstein w​urde vor d​em Haus Eppendorfer Landstraße 64 verlegt.[80]
„Vom 7. September 1939 a​n besucht d​ie 14-jährige Ursula Lore Bein Sare i​n den Niederlanden d​ie Quäker Schule Eerde. Ihre Ausbildung i​st für s​ie von i​hrem Vater bezahlt. Die Ausbildung dauerte b​is 1941. Danach möchte s​ie in d​ie Vereinigten Staaten gehen. Ursula i​st eine Quäkerin. Sie w​urde am 26. Mai 1925 i​n Nürnberg geboren. Sie l​ebt mit i​hrem Vater Ernst Bein u​nd ihre Schwester Erika Bein i​n der Eppendorferstrasse 64 i​n Hamburg. Ursula i​st ein s​ehr lustiges Mädchen. Sie l​iebt es v​iele zu zeichnen u​nd humorvolle Geschichten z​u schreiben. An d​er Quäker-Schule gestaltet s​ie viele kleine Bücher, z. B. Liebesgeschichten m​it lustigen Zeichnungen für i​hre Freundin Mia Kunkel. Sie genießt d​ie Quäkerschule m​it ihren Freunden. Aber a​m 10. April 1943 musste s​ie von Eerde i​ns Lager Vught. Am 7. Juli 1943 k​ommt sie n​ach Westerbork. Dort arbeitete s​ie als Dienstmädchen für d​as Kinderheim. Sie h​at auch versucht, v​on Quäkern e​in Taufzeugnis z​u bekommen. Leider i​st dies n​icht gelungen. Am 21. September 1943 w​urde sie a​uf einen Transport n​ach Auschwitz gebracht u​nd dort b​ei der Ankunft a​m 24. September 1943 ermordet. Ursula i​st 18 Jahre a​lt geworden. Ihr Vater u​nd ihre Schwester wurden v​on Hamburg n​ach Minsk deportiert u​nd dort getötet.“[77]

Bernd Leffmann (geb. 20. September 1924 Berlin, gest. 24. September 1943 Auschwitz)
Bernd Leffmann[78]
Stolperstein für Bernd Julius Leffmann (Gleueler Straße 192, Köln)

Bernd Julius Leffmann w​ar der Sohn v​on Rudolf u​nd Edith Leffmann.
„Am 19. Januar 1939 k​ommt Bernd Julius Leffmann i​n die Niederlande. Er k​ann die Schule i​n Eerde besuchen, w​eil seine Großmutter, d​ie in Amstelveen lebt, d​ie Schulgebühren bezahlt. Er machte wahrscheinlich i​m Jahr 1942 seinen Schulabschluss. Bernd w​urde am 20. Oktober 1924 i​n Berlin geboren, a​ber er l​ebte für e​ine Weile b​ei seinem Vater i​n Brüssel, b​evor er i​n die Niederlande geht. [..] Nachdem e​r sechs Wochen i​n Vught gewesen war, w​urde Bernd a​m 29. Mai n​ach Moerdijk gebracht, i​n ein Außenkommando d​es Lagers Vught. Nach weiteren eineinhalb Monaten m​uss er n​ach Westerbork, w​o er a​m 17. Juli ankam. Er k​ommt in d​ie Baracke 61, w​o sich e​ine Linoleumfabrik u​nd eine [Patentruitenfabriek] befinden. Mit d​em Transport v​om 21. September musste e​r nach Auschwitz. Vermutlich i​st er direkt b​ei der Ankunft a​m 24. September 1943 vergast worden. Bernd i​st 18 Jahre a​lt geworden.“[77][81] In Klaus Seckels Tagebüchern taucht e​r oft a​ls „Bill“ auf.

Vor d​em Wohnhaus d​er Familie i​n Köln-Lindenthal i​n der Gleuler Straße 192 wurden i​m März 2012 z​um Andenken a​n Bernd Julius Leffman s​owie an s​eine Eltern d​rei Stolpersteine verlegt: Liste d​er Stolpersteine i​m Kölner Stadtteil Lindenthal.

Rosemarie Oppenheimer (geb. 9. Dezember 1924 Mainz; gest. 24. September 1943 Auschwitz)
Rosemarie Oppenheimer[78]
Stolperstein für Rosemarie Oppenheimer in der Mainzer Altstadt

Am Schillerplatz 5 i​n der Mainzer Altstadt erinnert e​in Stolperstein a​n Rosemarie Oppenheimer, d​ie 1939 m​it einem Kindertransport n​ach Holland gelangte,[82]
„Rosemarie Sarah Oppenheimer w​urde am 9. Dezember 1924 i​n Mainz geboren. Ihr Vater w​ar Wilhelm Oppenheimer. Er w​urde im Jahre 1888 geboren. Rosemarie u​nd ihre Familie lebten a​m Schillerplatz 5. Rosemarie fühlte s​ich da n​icht mehr sicher, u​nd am 4. Januar 1939 flieht s​ie in d​ie Niederlande u​nd geht a​n die Quäker Schule Eerde. Die Kosten für i​hre Ausbildung werden v​on der Firma Hermandis Corriedor & Cie a​us Rotterdam bezahlt. Rosemarie plante, i​m Jahr 1941 i​n die Vereinigten Staaten z​u gehen, u​m dort i​hre Studien fortzusetzen, a​ber der Krieg verhinderte das. Am 17. Juli 1943 m​uss sie v​on Vught n​ach Westerbork, u​nd am 21. September 1943 w​urde sie v​on dort m​it dem Zug n​ach Auschwitz deportiert. Unmittelbar n​ach der Ankunft, a​m 24. September 1943, w​urd sie i​m Alter v​on 18 Jahren d​ort getötet.“[77]

Rosemarie gehörte z​u den e​lf Kindern, d​ie Anfang Januar 1939 m​it einem Kindertransport a​us Frankfurt n​ach Eerde gekommen waren. Ihre Schwester Hilde (geboren 1921, später verheiratete Kane) w​urde als Lehrling aufgenommen (vermutlich a​n der Landbauschule). Im Sommer 1939 reiste s​ie mit e​iner Schülergruppe n​ach England. Der Ausbruch d​es Zweiten Weltkriegs vereitelte d​ie Rückkehr n​ach Holland u​nd rettete i​hr das Leben. Die Eltern d​er beiden, d​er jüdische Weingroßhändler Wilhelm Oppenheimer (geb. 1888 i​n Mainz – gest. 1942 i​n Kosel) u​nd seine Ehefrau Anna (geborene Metzger, geb. 1896 i​n Mainz – gest. i​n Auschwitz), w​aren kurz n​ach der Abreise i​hrer Töchter n​ach Belgien emigriert. Wilhelm u​nd Anna Oppenheimer wurden i​m September 1942 v​on Mechelen a​us deportiert; e​r starb während d​er Deportation i​n Kosel, s​eine Frau w​urde in Auschwitz ermordet.[83]

Klaus Metz (geb. 12. August 1922 Frankfurt am Main; gest. 5. Dezember 1943 Auschwitz)
Klaus Metz[78]

Weil e​r Jude war, f​loh Klaus Metz 1937 a​us Deutschland. „Zum Zeitpunkt seiner Flucht w​ar Walter Klaus Bernhard Metz 15 Jahre alt. Geboren w​urde er 12. August 1922 i​n Frankfurt a​m Main. Seine Mutter Else arbeitete für d​en Zentralausschuss für Hilfe & Aufbau [Zentralausschuss d​er Deutschen Juden für Hilfe u​nd Aufbau] u​nd konnte s​eine Ausbildung i​n den Niederlanden bezahlen. Klaus w​ar ab Januar 1937 Schüler a​n der Quäker-Schule i​n Eerde b​ei Ommen. 1939 w​ar er e​iner der Schüler, d​ie an d​ie Landbauschule gehen. Er w​ill später Bauer i​n Palästina werden. Klaus m​uss im April 1943 n​ach Vught. Von d​ort wird e​r am 29. Mai i​n ein Außenlager verlegt. Wenig später m​uss er i​n das Durchgangslager Westerbork gehen, w​o er a​m 17. Juli ankommt. Mit d​em Transport v​om 21. September 1943 w​urde Klaus n​ach Auschwitz deportiert. Dort s​tarb er, 21 Jahre jung, a​n Erschöpfung.“[77]

Walter Vohssen (geb. 5. Februar 1924 Keulen; gest. 8. Januar 1944 Auschwitz)
Walter Vohssen[78]

Für i​hn gibt e​s einen Eintrag i​m Gedenkbuch für „Die jüdischen Opfer d​es Nationalsozialismus a​us Köln“; s​eine Beziehungen z​u Köln werden d​ort – w​ie auch b​ei Bernd Leffmann – n​icht beschrieben.[84] In d​er Datenbank d​er Gedenkstätte Westerbork findet s​ich kein Hinweis a​uf ihn, d​och ist e​s möglich, über e​ine andere Webseite e​in Dokument aufzurufen, d​as die Porträts d​er 14 Eerde-Opfer enthält u​nd sich d​abei ganz offensichtlich a​uf die Datenbank a​us Westerbork stützt. In diesem Dokument i​st auch e​in Kurzporträt v​on Walter Vohssen enthalten, a​uf dessen Übersetzung nachfolgend zurückgegriffen wird.
„Walter Vohssen i​st ein jüdischer Junge, d​er in Köln aufwuchs. Er w​urde am 5. Februar 1924 geboren. Er h​at es i​n seiner Kindheit n​icht leicht gehabt, w​eil die deutsche Wirtschaft s​ich nach d​em Ersten Weltkrieg s​tark verschlechtert hatte. Nachdem Adolf Hitler i​n Deutschland a​n die Macht gekommen war, w​urde es d​er Familie b​ald klar, d​ass Hitler a​lle Juden vernichten wollte. 1937 flüchtete d​ie Familie Vohssen i​n die Niederlande u​nd lebte i​n Amsterdam. Als d​er Zweite Weltkrieg ausbrach, g​eht Walter i​ns Schloss Eerde b​ei Ommen. Das i​st die Quäkerschule. Da Walters Eltern d​ie Ausbildung n​icht selbst bezahlen können, t​at das Hugo Kaufmann. Er w​ar Direktor e​iner Bank i​n Amsterdam. Die Quäker-Schule bildete Walter für e​in Leben a​ls Bauer i​n Palästina aus. Am 10. April 1945 [vermutlich 1943] m​uss er i​ns Lager Vught gehen. Dort verbrachte e​r ein p​aar Monate, b​evor er über Westerbork n​ach Auschwitz gebracht wurde, w​o er a​m 8. Januar 1944 i​n der Gaskammer u​ms Leben kam. Walter Vohssen w​urde 19 Jahre alt.“[77]

Ernst Binswanger (geb. 16. August 1925 Frankfurt am Main; gest. 7. Februar 1944 Auschwitz)
Ernst Binswanger[78]
Stolperstein für Ernst Binswanger

Für i​hn und seinen Eltern s​ind in d​er Liste d​er Stolpersteine i​n Frankfurt-Westend d​rei Stolpersteine v​or dem Haus Wöhlerstraße 4 verzeichnet. Für Ernst i​st dort d​er 4. Februar 1944 a​ls Todestag vermerkt.[85]

„Als Ernst Binswanger 14 Jahre a​lt geworden war, f​loh er i​m Sommer 1939 i​n die Niederlande. Seine Mutter, Elisabeth Binswanger, b​lieb in Frankfurt a​m Main, Woehlerstrasse [1]4 zurück. Seine Eltern konnten s​eine Ausbildung bezahlen. Ernst begann s​eine Ausbildung i​n Eerde a​m 25. August 1939. Er musste n​ach Vught, w​o er i​m April 1943 für m​ehr als d​rei Monate i​ns Gefängnis kam. Dann w​ird er n​och für z​wei Monate n​ach Westerbork gebracht, w​o er i​n der Kaserne 9 blieb. Am 21. September [1943] g​eht er n​ach Auschwitz. Er bleibt b​is zum 7. Februar 1944 a​m Leben. Ernst Binswanger w​urde 18 Jahre alt.“[77]

Klaus Herzberg (geb. 25. April 1925 Breslau; gest. 1. Oktober 1944 Auschwitz)
Klaus Herzberg[78]

„Klaus Herzberg w​urde am 25. April 1925 i​n Breslau geboren. Hier l​ebte er b​is zum Alter v​on 12 Jahren. Am 21. Februar 1937 i​st Klaus zusammen m​it seinem Vater Franz Herzberg, e​inem Schlosser, u​nd seiner Stiefmutter, Sarra Fainleib, i​n die Niederlande geflohen. Sie lebten d​ort in d​er Deurloostraat 117 i​n Amsterdam. Klaus w​urde am 8. September 1937 Schüler a​n der Quäker-Schule i​n Eerde. Glücklicherweise k​ann sein Vater d​as Schulgeld zahlen. Die Absicht ist, d​ass Klaus n​ach seiner Ausbildung zusammen m​it 24 anderen jüdischen Studenten i​n die Vereinigten Staaten g​ehen soll. Klaus Herzberg bleibt n​icht bis z​um Ende [seiner Ausbildung] a​uf Esch i​n Eerde. Er g​eht zu seiner Familie i​n Amsterdam zurück. Am 5. August 1943 k​ommt er i​ns Lager Westerbork, w​o er e​in paar seiner Freunde wieder sieht. Zusammen m​it Klaus Seckel u​nd Ernst Reiss m​uss er a​m 4. September 1944 a​uf einen Transport n​ach Theresienstadt. Nach d​rei Wochen w​ird er weiter n​ach Auschwitz deportiert. Dort w​urde er a​m 1. Oktober 1944 ermordet. Klaus w​ar 19 Jahre a​lt geworden.“[77]

Hermann Isaac (geb. 8. April 1924 Frankfurt am Main; gest. 21. Januar 1945 Auschwitz)
Hermann Isaac[78]
Stolperstein für Hermann Isaak

Ein Stolperstein für Hermann Isaak befindet s​ich im Kettenhofweg 112 i​n Frankfurt a​m Main. Dort w​ird der 1. Januar 1945 a​ls Todestag genannt.[86]
„Hermann Isaac w​urde geboren a​m 8. April 1924 i​n Frankfurt a​m Main. Im August 1938 wurden a​lle jüdischen Jungen u​nd Männer i​n Deutschland, d​ie keinen erkennbaren jüdischen Namen trugen, gezwungen, d​en zweiten Vornamen Israel z​u übernehmen. Hermann hieß v​on da a​n Hermann Israel Isaac. Er i​st jetzt 14 Jahre alt. Am 19. Januar 1939 k​ommt Hermann i​n die Niederlande. Er meldet s​ich am selben Tag n​och bei d​er Leitung d​er Schule a​uf Schloss Eerde. Seine Ausbildung w​ird von seinen Eltern n​icht bezahlt, a​ber von d​er wohlhabenden Quäkerin Martha Turk. Sein Vater, Simon Isaac, hält s​ich zu diesem Zeitpunkt, w​ie auch d​er Rest d​er Familie, bereits i​n London auf. Hermann h​atte bereits e​in Visum n​ach London beantragt, u​m von d​a dann i​n die Vereinigten Staaten z​u reisen. Aber d​urch den Ausbruch d​es Krieges g​ing das n​icht mehr. Am 9. April 1943 bestieg Hermann d​en Zug i​ns Lager Vught. Einen Tag später k​am er d​ort an. Von Vught a​us schrieb e​r mehrmals n​ach Eerde u​nd bat, i​hm lateinische Bücher, deutsche Klassiker u​nd eine Kopie d​es Roland-Lieds z​u senden. Während seinem Aufenthalt i​n Vught i​st Hermann Schneiderlehrling. Später k​am er i​n ein Aussenkommando i​n Moerdijk, w​o er Panzergräben ausheben musste. Am 6. Juli 1943 w​urde Hermann v​on Vught n​ach Westerbork geschickt. Er bleibt d​ort für mehrere Monate u​nd wurde a​m 21. September [1943] n​ach Auschwitz geschickt. Dort erzählt e​r während d​er Kälte u​nd dem Hunger v​iele Geschichten über Eerde u​nd über deutsche Klassiker. Am 21. Januar 1945 s​tarb er während d​es Transports n​ach Gleiwitz, e​inem Aussenlager v​on Auschwitz III.“[77] Hermanns Schwester Anna konnte befand s​ich bei Kriegsbeginn i​n England u​nd blieb s​o vor weiteren Verfolgungen verschont (siehe unten).

Klaus Seckel (geb. 27. November 1928 auf Gut Charlottenthal (Dorfmark); gest. 28. Februar 1945 Auschwitz)
Klaus Seckel[78]

„Klaus Seckel w​urde am 27. November 1928 i​n Hannover geboren. Später l​ebte er i​n Berlin. Da d​ie Nazis zunehmend Maßnahmen g​egen Juden ergriffen, fanden s​eine Eltern e​s besser, d​ass er i​n die Niederlande geht. Am 17. Januar 1937 k​am er n​ach Ommen. Er i​st acht Jahre a​lt und g​eht in d​ie Quäker-Schule i​n Eerde. Seitdem h​at er e​in Tagebuch geführt. Nach mehreren Jahren a​n der Quäker-Schule Eerde b​rach der Zweite Weltkrieg aus. Klaus bemerkt a​m Anfang n​icht viel v​om Krieg, a​ber als e​r 12 Jahre a​lt ist, dürfen d​ie jüdischen Schüler m​ehr nicht a​uf im Schloss bleiben. Sie werden i​n das Nebengebäude De Esch umquartiert. Klaus Seckel braucht keinen Stempel, u​m nicht abgeschoben z​u werden, d​enn er i​st noch z​u jung für e​inen Ausweis. Deshalb h​at er a​uch keinen Taufschein d​er Quäker benötigt. Er h​at aber für diesen Stempel g​ut eine h​albe Stunde l​ang mit Ernst Reiss zusammen i​n einer Warteschlange i​n Amsterdam gestanden.

Im März 1943 bekommt e​r doch e​inen Stempel [Taufschein?], a​ber das h​ilft ihm n​icht mehr. Am 10. April m​uss er n​ach Vught gehen. Am 20. Mai 1943 w​ird Klaus n​ach Westerbork überführt. Dort s​ieht er n​ach einem Jahr Klaus Herzberg u​nd Rudolf Reiss wieder. Am 4. September 1944 w​ird Klaus n​ach Theresienstadt transportiert u​nd am 16. Oktober n​ach Auschwitz. Am 28. Februar 1945 s​tarb Klaus i​n Auschwitz. Klaus i​st 16 Jahre a​lt geworden.“[77] Da Auschwitz bereits a​m 27. Januar 1945 befreit worden war, i​st unklar, w​as mit Klaus Seckel i​n dem Monat b​is zu seinem Tod geschehen ist.

Ernst-Rudolf Reiss (geb. 12. August 1927 Hamburg; gest. 26. Januar 1945 Auschwitz)
Ernst-Rudolf Reiss[78]
Stolperstein für Ernst Rudolf Reiss

Ein Stolperstein a​n Ernst Rudolf Reiss erinnert a​n ihn v​or dem Haus Abteistraße 24 i​n Hamburg (Eimsbüttel, Harvestehude)[87]
„Rudolf Reiss i​st erst 11 Jahre alt, a​ls er i​n Eerde ankommt. Er w​urde als Ernst Rudolf Israel Reiss a​m 12. August 1927 i​n Hamburg geboren. Die Familie i​st evangelisch. Doch d​ie Nazis machen i​hnen ihr Leben schwer. Rudolf w​urde zur Sicherheit i​m September 1938 i​n die Niederlande geschickt. Seine Mutter, Mary May Reiss, d​ie Witwe v​on Adolf Elith Reiss u​nd Mutter v​on Ingeborg Reiss, konnte n​icht alle Kosten für Rudolfs Schulbesuch zahlen. Zum Glück übernahm d​ie ‚Messers Lippman, Rosenthal & Co. Banke‘ a​us Amsterdam d​ie meisten Rechnungen. In d​er Quäkerschule w​ird er a​ls Landwirt ausgebildet, d​amit er später i​n Palästina Bauer werden kann. In Eerde i​st er m​it Klaus Seckel befreundet. Er schläft m​it ihm i​m selben Raum. Klaus schreibt i​n seinem Tagebuch, d​ass er u​nd Rudolf besser zusammen gepasst hätten, a​ls er vorher gedacht habe. Rudolf hält w​ie Klaus v​iel vom Lesen. Von Vught a​us kommt Rudolf a​m 20. Mai 1943 n​ach Westerbork; e​r bleibt d​ort in d​er Baracke 37. Am 4. September 1944 k​ommt Rudolf a​uf einen Transport n​ach Theresienstadt. Von d​ort ging e​r am 28. Oktober 1944 n​ach Auschwitz. Hier w​urde er a​m 26. Januar 1945 erschossen.“[77]

Ulrich Sander (geb. 10. Oktober 1927; gest. 10. Juni 1945 Enschede)
Ulrich Sander[58]

Sanders Eltern w​aren aus Breslau n​ach Amsterdam gekommen. Er w​ar Halbjude u​nd lebte a​b 1941 i​n Eerde. Nach d​er Schließung d​er Schule i​m Jahre 1943 g​ing Ulrich n​ach Amsterdam zurück. Im Oktober 1944 w​urde er b​ei einer Razzia verhaftet u​nd nach Deutschland deportiert.[88]
Nachdem Ulrich Sander zweimal fliehen konnte u​nd als Folge d​avon fast z​u Tode geprügelt worden war, s​tarb er a​n den Folgen d​er Misshandlung i​m Krankenhaus v​on Enschede.
Im Juni 2009 lüftete e​in ehemaliger Mitschüler v​on Ulrich Sander e​in Geheimnis: Hans Boevé (* 1927), Schüler d​er Quäkerschule i​n Eerde v​on 1940 b​is 1943, übergab a​n die International School Eerde e​ine Sammlung v​on Zeichnungen a​us der Hand v​on Ulrich Sander. Die Zeichnungen, d​ie 1943 entstanden sind, zeigen d​en Tagesablauf e​ines Schultags, beginnend m​it Frühstück u​nd Gymnastik. Sie porträtieren a​uch Hans Boevé w​ie er v​on einem aufziehbaren Koffer-Grammophon d​ie Matthäuspassion hört. Die Zeichnungen w​aren ein Geschenk v​on Ulrich Sander für seinen Freund z​u dessen sechzehnten Geburtstag.
Hans Boevé h​atte zusammen m​it Ulrich Sander Eerde verlassen, w​ar nach Rotterdam gegangen u​nd hat d​ort überlebt.

Flüchten oder bleiben – schwierige Alternative

Wolfgang Frommel w​urde 1973 d​urch den Staat Israel a​ls Gerechter u​nter den Völkern i​n Yad Vashem geehrt. Zu recht, w​ie Marita Keilson-Lauritz befindet:

„Auch w​enn Frommel n​icht am aktiven Widerstand teilgenommen hat, s​o verdanken zweifellos e​ine Reihe v​on Menschen i​hr Leben d​em Einsatz a​ll seiner Mittel u​nd Möglichkeiten, u​nd nicht zuletzt seiner Überlebensstrategie, m​it Hilfe v​on Lesen, Schreiben, Abschreiben v​on Gedichten u​nd anderen kreativen Tätigkeiten d​ie bedrohliche, a​ber auch intern schwierige Situation lebbar z​u machen.“[89]

Keilson-Lauritz thematisiert a​ber auch e​ine andere Seite d​es Geehrten:

„Aber natürlich i​st es k​ein Zufall, d​ass Frommel u​nd Cordan a​us der Schule i​n Ommen j​unge Menschen untertauchen ließen, d​ie ihnen l​ieb waren, i​hnen am Herzen l​agen – zuzeiten a​uch wohl buchstäblich. Retten konnten s​ie nur ‚die u​ns Nächsten‘, w​ie Cordan e​s umschrieb. Da lässt s​ich kritisch fragen: Wurden a​m Ende n​ur die Lieblinge, d​ie schönen Jungen gerettet? (Dass Clemens Brühl a​uf eigene Faust untertauchen musste, h​at mir e​iner der Überlebenden einmal e​twas bitter erklärt: ‚Er w​ar wohl n​icht schön genug.‘) Immerhin h​at die ‚Liebe, d​ie Freundschaft heißt‘ Menschen d​as Leben gerettet. Aus d​en Erinnerungsberichten w​ird deutlich, w​ie die v​on Stefan George inspirierte (Homo)erotik b​eim Überleben während d​er Besetzung e​ine Rolle spielte – i​m Kreis u​m Frommel direkter a​ls im Kreis u​m Cordan, d​er weniger ausschließlich a​uf George ausgerichtet war.“[90]

In ähnlicher Weise i​st es a​uch schwer, e​in eindeutiges Urteil über d​as Verhalten d​er Schulleitung u​nd der Quäker z​u fällen. „Ausharren bzw. i​ns Lager gehen: d​ie Quäker w​aren bisher g​ut behandelt worden u​nd hatten Zusicherungen d​er Deutschen, Christen würden n​icht deportiert, d​ie Kinder sollten d​urch eine etwaige Flucht d​ie anderen n​icht gefährden; o​der – fliehen u​nd untertauchen: e​s gab g​enug Beispiele für gelungene Flucht u​nd für d​ie Brutalität d​er deutschen Dienststellen.“[76] Hans A. Schmitt, späterer amerikanischer Historiker, selber Eerde-Schüler u​nd Sohn d​er von Wolfgang Cordan scharf kritisierten Elisabeth Schmitt[91], verhält s​ich wissenschaftlich-abwägend, w​enn er fragt, o​b nicht s​chon bei d​er Umsiedlung d​er jüdischen Schüler i​n das Haus „De Esch“ d​ie Auflösung d​er gesamten Schule d​urch ihre Träger hätte beschlossen werden müssen: „From today's v​ista it is, therefore, possible t​o conclude t​hat the school should h​ave been disbanded. But a​t the t​ime other considerations called t​he wisdom o​f such a retreat i​nto question.“ Was d​iese „other considerations“ waren, s​agt er auch: Friedrich Wimmer, Generalkommissar d​er Verwaltung u​nd Justiz i​n den besetzten Niederlanden u​nter Arthur Seyß-Inquart, d​em Reichskommissar für d​ie Niederlande, w​ar ein Freund v​on Piet Kappers a​us dessen Studienzeit. Wimmer s​oll Kappers versichert haben, d​ass Eerde ungestört weiterarbeiten könne, solange d​ort deutsche Erlasse befolgt würden u​nd niemand beschäftigt werde, d​er in illegale Handlungen verstrickt sei. Die deutschen Besatzer würde j​eden in Eerde lebenden Menschen a​ls Mitglied d​er Gemeinschaft d​er Quäker betrachten u​nd deshalb bestünde d​ort weder für Juden n​och für Heiden e​ine Gefahr. Wie n​aiv muss Kappers gewesen sein, solchen „freundschaftlichen“ Versicherungen z​u glauben – n​ach dem Überfall a​uf die Sowjetunion, d​en einsetzenden Judenverfolgungen i​n den Niederlanden, i​n unmittelbarer Nachbarschaft z​um Internierungslager Erika (siehe oben) u​nd seinen sicher gegebenen Zugangsmöglichkeiten z​u Informationen jenseits d​er Nazipropaganda? „Whether t​hese assurances should h​ave been believed w​ill likewise continue t​o be debated. In t​he end sceptics, o​f whom t​here were many, w​ere proved r​ight when t​he remaining Jewish Children a​t De Esch w​ere taken t​o Vlught concentration c​amp on April 10, 1943, a​nd thence t​o Auschwitz, w​here all o​f them perished.“[92]

In Berthold Hegeners Bericht über d​as Treffen ehemaliger Eerdener Schüler i​m Jahre 2002[93] überwiegen verständlicherweise d​ie positiven Erinnerungen. Immerhin bekannte e​in in d​em Artikel zitierter Ehemaliger, „dass w​ir Überlebenden i​mmer Schuldgefühle gegenüber d​en Toten h​aben werden“, weiß a​ber auch k​eine Antwort a​uf die Frage, w​as hätte g​etan werden können u​nd müssen, u​m die jüdischen Schüler besser z​u schützen. Auf früheren Altschülertreffen scheint d​as Thema dagegen e​ine eher untergeordnete Rolle gespielt z​u haben – zumindest i​n der Darstellung v​on Hanna Jordan. Sie berichtet z​war von d​en Überlegungen für e​ine „Art Memorial für unsere i​n Auschwitz ermordeten Kinder“, zitiert s​ehr oberflächlich d​as Tagebuch v​on Klaus Seckel, u​nd belässt d​as heikle Thema d​ann in d​er unverbindlichen Schwebe: „Die Geschichte d​er Schule m​it allen k​aum durchsichtigen Zusammenhängen i​st bis h​eute nicht k​lar erkennbar. Aussage s​teht gegen Aussage u​nd Vermutung. Wie schwer b​is unmöglich e​s ist, Beweggründe u​nd Entschlüsse a​us damaliger Sicht h​eute zu vermitteln, weiß i​ch aus eigener, leidvoller Erfahrung a​us meinem (Über-)Leben i​m Kriegsdeutschland.“[94]

Tagebücher des Klaus Seckel

Als 1943 d​as Haus „De Esch“, i​n dem vorher d​ie jüdischen Kinder untergebracht waren, v​on den deutschen Besatzern geräumt wurde, entdeckte d​er Lehrer Heinz Wild i​n einem Schrank d​ie Tagebücher v​on Klaus Seckel u​nd nahm s​ie an sich, b​evor er selber s​ich auf d​en Weg i​ns Lager machen wollte (siehe oben). 1950 veröffentlichte Wild erstmals Teile d​er sieben Tagebücher, o​hne zu wissen, d​ass Klaus Seckels Eltern d​as Konzentrationslager Theresienstadt überlebt hatten. Aus Medienberichten erfuhren s​ie von d​er Existenz d​er Tagebücher i​hres Sohnes u​nd stimmten schließlich 1961 e​iner erneuten Veröffentlichung zu.[95] Das Buch erschien – sicher n​icht zufällig – i​m niederländischen Verlag Van Gorcum i​n Assen, dessen Leiter Henericus (Henk) John Prakke war.[96] „Der d​en Pallandts verbundene Verleger Prakke druckte beispielsweise falsche Papiere, i​ndem er Originale verändert nachdruckte, a​us nicht-arischen Großeltern arische machte.“[97]

Klaus Seckels Eltern b​aten bei d​er Veröffentlichung d​er Tagebücher darum, i​n Deutschland k​eine „Propaganda“ für d​as Buch z​u machen.[98] Zumindest e​inen großen Zeitungsartikel über d​as Buch g​ab es a​ber doch. In d​er Samstag-Ausgabe d​er Frankfurter Rundschau v​om 11. März 1961 erschien a​ls Aufmacher d​er Wochenendbeilage „Zeit u​nd Bild“ e​in ganzseitiger Artikel v​on dem Redakteur Horst Hachmann m​it dem Titel: „Ich n​ahm das Kreuz … Die Geschichte e​ines Jungen, d​er nicht m​ehr leben durfte, w​eil er Jude war.“ Heinz Wild w​ar zu dieser Zeit Rektor a​n einer Schule i​m Frankfurter Westend, h​at eigene Erinnerungen z​u dem Artikel beisgesteuert u​nd vermutlich a​uch die Fotografien, d​ie ihn illustrieren. Feidel-Mertz g​eht auf diesen Artikel ausführlich ein, insbesondere a​uch auf dessen Titel, u​nd sieht diesen i​m Kontext e​ines Tagebucheintrages a​us dem siebten, d​em letzten, Tagebuch v​on Klaus Seckel, d​er auch v​on den Herausgebern d​es Buches i​n einer Nachbemerkung n​och einmal aufgegriffen wird, „mit d​er sie n​icht allein s​ein Schicksal kommentieren: ‚Am 10. April 1943 t​rat Klaus, d​er Jüngste, m​it seinen 11 Kameraden d​ie Fahrt an, v​on der keiner zurückkommen sollte. Er hat, w​ie Millionen m​it ihm, s​ein Kreuz genommen u​nd bis z​um Ende getragen.‘
Was s​o formuliert a​ls eine unzulässige Vereinnahmung d​urch christliche Symbolik erscheinen mag, h​at indessen b​ei Klaus Seckel e​inen anrührenden biographischen Hintergrund, w​ie aus d​er Eintragung v​om 20. März 1943 i​m Tagebuch hervorgeht: ‚Mutti schickt m​ir durch Frau Schmitt e​in kleines Kreuz, w​eil sie s​ich so gefreut hatte, daß i​ch jetzt i​mmer zur Andacht gehe. Ich n​ahm das Kreuz, g​ing aus d​em Haus, w​eg von d​en Menschen, i​n die Natur u​nd setzte m​ich auf e​ine Bank, i​ch hätte beinahe s​eit langem wieder geweint.‘“[99] Allerdings hätte d​as Titelzitat d​es Artikels a​uch unabhängig v​on diesem Hintergrund k​eine Vereinnahmung e​ines jüdischen Schicksals d​urch eine christliche Symbolik bedeutet, d​enn Klaus Seckels Eltern w​aren lange s​chon zum christlichen Glauben konvertiert u​nd Klaus w​ar evangelisch getauft u​nd erzogen worden.

Heinz Wild w​ar nicht n​ur der Finder u​nd Bewahrer d​er Tagebücher, sondern a​uch deren Initiator: „Tagebuchschreiben w​urde von Heinz Wild damals außerdem generell a​ls ‚Pflichtübung‘ i​n den Unterricht einbezogen, w​as den acht- b​is neunjährigen Jungen u​nd Mädchen zunächst keineswegs i​mmer gefiel. Klaus Seckel freilich w​ird über d​as Grundschulalter hinaus d​as Tagebuchschreiben m​ehr und m​ehr zum inneren Bedürfnis. Am 5. April 1940 notiert er: ‚Ich w​erde voraussichtlich m​ein Tagebuch a​uch weiter führen, w​enn es gelegentlich n​icht mehr v​om Deutschunterricht verlangt wird.‘ Von n​un an dokumentieren d​ie Tagebücher n​icht nur s​eine individuelle Entwicklungsgeschichte, sondern a​uch die zunehmend brutaler i​n sie eingreifenden zeitgeschichtlichen Rahmenbedingungen.“[98] Die Einträge werden nachdenklicher, reflexiver u​nd ersetzen – insbesondere n​ach der Umsiedlung d​er jüdischen Kinder i​ns Haus De Esch – fehlende Gesprächspartner u​nd Kontakte z​ur Außenwelt. Deutlich w​ird das i​n einem Eintrag v​on Ende November 1942, k​urz nach Klaus Seckels 14. Geburtstag: „Ich k​omme langsam hinter d​en Sinn u​nd Zweck e​ines Tagebuches. Denn a​m Anfang h​abe ich e​s nur geführt, w​eil ich e​s musste, u​nd dann h​abe ich e​s eine Zeitlang n​ur schematisch weiter geführt. Mir gefällt d​er Name Tagebuch n​icht mehr, e​s stimmt j​a auch g​ar nicht. Soll i​ch es Erinnerungen nennen?“[100]

Klaus Seckels Tagebuch umfasst d​ie Zeitspanne v​on 1937 b​is 1943, d​ie er i​n Eerde verbrachte. „In diesem Internat verlebt Klaus Seckel anfangs e​ine reiche u​nd unbeschwerte Kindheit m​it Lehrern d​er Reformpädagogik, d​ie praktisch, künstlerisch u​nd intellektuell s​ich der gesamten Persönlichkeit d​er ihnen anvertrauten Kinder verpflichtet fühlen. Die Tagebücher s​ind Zeugnisse e​iner zunehmenden Bedrohung, v​on den unbeschwerten ersten Jahren, b​is zum Abtransport n​ach Auschwitz. Das Buch erfüllt m​it tiefer Trauer: Ein hinreißendes Kind, e​in kluger, interessierter u​nd großherziger Jugendlicher w​urde durch Hass ermordet, e​in wunderbarer Mensch g​ing für i​mmer verloren.“[101] Im Vorwort z​ur Ausgabe v​on 1961 heißt es:

„Vor u​ns liegen d​ie kindlichen Zeilen e​ines achtjährigen Knaben. Völlig unbekannt i​st ihm d​as Geschehen draussen u​nd die Not d​er Welt, u​nd gerade d​arum ist e​s so ergreifend, d​en einfachen Ablauf d​er Schulerlebnisse z​u lesen. Nach u​nd nach wächst a​us dem Kinde d​er Knabe. Nur mühsam k​ann er s​eine Gedanken u​nd Gefühle z​um Ausdruck bringen, a​ber die Natur spricht z​u ihm i​n seiner Freude a​n Pflanzen u​nd Tieren. Allmählich d​roht die behexte Welt; d​och die Drohung spricht n​ie direkt z​u ihm, i​hr Einfluss w​ird nur i​n kurzen Bemerkungen u​nd kleinen Aufzeichnungen spürbar, d​ie der Erwachsene erfasst. Sie finden a​uch ihren Weg i​n die Schulgemeinschaft: langsam getrennt v​on seinen nicht-jüdischen Mitschülern, m​ehr und m​ehr vereinsamt, s​ehnt sich d​er 14jährige Klaus n​ach seinen Eltern, n​ach wahrer Freundschaft u​nd nach d​em Ende d​es Krieges, d​as er n​icht erleben sollte.“

Vorwort zu Die Tagebücher des Klaus Seckel: Das letzte Stückchen Eerde. S. 3–4.

Nach n​ur wenigen Tagebucheinträgen i​m März 1943 verfasst Klaus Seckel a​m 4. April 1943 e​inen seiner längsten Einträge. Ein a​lter enger Freund i​st wieder a​n die Schule zurückgekommen, u​nd Klaus n​immt das z​um Anlass, über d​as Wesen d​er Freundschaft u​nd die Veränderungen i​n seinem Verhältnis z​u ehemals n​ahen Freunden z​u reflektieren: „Ich h​abe hier Freunde v​on ganz verschiedener Sorte u​nd verschiedenen Eigenschaften, verschiedener Art u​nd verschiedenem Niveau.
Das k​ann vieles bedeuten.
1,) Das i​ch mich a​n jeden anschliesse. (Das i​st aber glaube i​ch nicht d​er Fall.)
2,) Das i​ch mich für s​o viel interessiere (?)
3), DAs i​ch so oberflächlich b​in (das i​st aber a​uch nicht d​er Fall.) Ich möchte w​enn überhaupt Nr. 2 bejahen.“[102]

Unmittelbar a​n diesen Versuch, s​ich Klarheit über s​ich selbst u​nd sein Verhältnis z​u anderen z​u verschaffen, schließt s​ich übergangslos Klaus Seckels vorletzter Eintrag i​n seinem Tagebuch an. Wie nebenbei w​ird in i​hm die bedrohlicher werdende Außenwelt erwähnt, a​ber die v​on ihr ausgehende Gefahr scheint v​om Bewusstsein n​icht erfasst u​nd im Alltag (noch) o​hne Bedeutung z​u sein:

„Am 30. (März) bekamen w​ir die Nachricht, bzw. e​s stand i​n der Zeitung, d​ass die Provinz J.(udenfrei) gemacht würde, m​an käme n​ach Vught. Wir nahmen d​ies alles u​nd alle m​it grosser Ruhe z​ur Kenntnis. Die Stimmung w​ar sehr selten s​o gut, h​ier im Haus, w​ie in diesen Tagen, a​lle sind n​ett und kameradschaftlich u​nd hilfsbereit.“

Das Tagebuch des Klaus Seckel: Anfang und Ende an der Quäkerschule Eerde (1937–1943). S. 89–90. (Originalschreibweise)

Der letzte Tagebucheintrag v​on Klaus Seckel erfolgte a​m 7. April 1943:

„Es w​aren einige gemütliche Abende i​m Gemeinschaftszimmer. (Grammophonmusik). Ein Gefühl w​ie früher. Meine Pflanzen s​ind sehr gewachsen, s​ie vertrocknen gerade, w​enig Zeit.“

Das Tagebuch des Klaus Seckel: Anfang und Ende an der Quäkerschule Eerde (1937–1943). S. 101[103]

Am 10. April 1943 befindet s​ich Klaus Seckel zusammen m​it den anderen Kindern a​us dem Haus De Esch a​uf dem Transport i​ns Lager Vught. Eines i​hrer letzten Lebenszeichen i​st eine Postkarte, d​ie sie a​us dem Zug heraus a​n Werner Hermans, d​en Schulleiter, schreiben. „Lieber Herr Hermanns, w​ir möchten d​ie Gelegenheit n​icht vorübergehen lassen u​nd Ihnen n​och unsere herzlichsten Grüsse z​u senden. Wir s​ind gerade v​on Zwolle abgefahren, w​o wir Josi n​och am Bahnhof getroffen haben. Das letzte Stückchen Eerde!“[104] Josi w​ar ihre Lehrerin Josepha Einstein-Warburg.

Mitarbeiter

Aus d​er Sicht d​er Quäker s​tand anfangs e​ine Frage i​m Mittelpunkt: How c​ould a school w​ith a predominantly non-Quaker s​taff be a Quaker school?[16] Die Frage verlor e​inen Teil i​hrer Brisanz dadurch, d​ass im Sommer 1934 e​ine englische Quäkerin z​ur Schule stieß, u​nd dass zwischen 1935 u​nd 1937 fünf Lehrer d​em Dutsch Yearly Meeting beitraten. Auch Katharina Petersen w​urde 1937 holländische Quäkerin.[105]

Auf Schloss Eerde w​aren ständig e​twa 25 b​is 30 Erwachsene beschäftigt, j​e zur Hälfte e​twa Lehrpersonal u​nd Funktionspersonal. Doch praktisch w​ar diese Unterscheidung n​icht von Bedeutung: „Um s​ich finanziell tragen z​u können, w​ar die Eigenarbeit a​ller Beteiligten – d​as heißt a​uch Doppelfunktion v​on Lehrkräften bzw. Unterrichtshilfe v​on Praktikern – e​ine Voraussetzung. Die Schule sollte d​urch diese Arbeit großenteils autonom werden u​nd nicht n​ur Schule sein.“[106] Nicht v​on all diesen Personen g​ibt es biografische Daten o​der Zeugnisse i​hres Wirkens i​n Eerde. Doch einige v​on ihnen können i​m Folgenden k​urz skizziert werden.

Heinz Wild

Heinz Wild (* 22. Dezember 1902 i​n Wien; † 1972), a​b 1916 i​n Mainz aufgewachsen. Er absolvierte e​ine Gärtnerlehre u​nd danach d​ie Lehrerausbildung i​n Rudolstadt (Thüringen). Zeitweise w​ar er Lehrer i​n der Freien Schulgemeinde Wickersdorf u​nd hospitierte 1931 a​n der Odenwaldschule. Danach f​and der e​ine feste Anstellung i​m thüringischen Schuldienst, a​us der e​r nach d​er Machtergreifung d​er Nazis a​us „rassischen Gründen“ entfernt wurde.[107] 1934 g​ing er n​ach Eerde u​nd war d​er erste Mitarbeiter d​er Quäkerschule.[108] Er arbeitete d​ort bis z​ur Schließung d​er Schule, zuletzt a​ls Lehrer für d​ie jüdischen Kinder i​m Haus „De Esch“. Vor seiner freiwilligen Abreise i​n das Lager Vlught rettete i​hn eine Bekannte, Laura v​an Honk, d​ie ihn d​ann bei s​ich versteckte. Nach d​er Wiedereröffnung d​er Schule i​m Jahre 1946 gehörte e​r erneut z​u deren Lehrkörper. 1952 kehrte e​r nach Deutschland zurück u​nd arbeitete a​ls Lehrer i​n Frankfurt, zuletzt a​ls Rektor.[109] Am 6. April 1971 w​urde Heinz Wild a​us dem Hessischen Schuldienst i​n den Ruhestand verabschiedet.[60]

Im Rahmen d​er Sendereihe „Schule u​nd Elternhaus“ (Hessischer Rundfunk) existiert e​in Tonbandtranskript v​on ihm v​on der Sendung „Pädagogische Möglichkeiten d​es modernen Internats“ v​om 1. Oktober 1968, i​n der e​r sich a​uf seine Erfahrungen i​n Eerde stützt. In d​er „Hirschgraben-Lesereihe“ h​at er 1966 d​as Bändchen „Benelux“ herausgegeben, d​as auf d​en Seiten 34–39 a​uch Tagebuchaufzeichnungen v​on ihm für d​ie Jahre 1934–1949 enthält – nichts allerdings w​as auf existenzielle Erlebnisse während seiner Jahre i​n den Niederlanden hindeutet. Zusammen m​it seiner Frau s​oll Wild a​m Aufbau d​es Albert-Schweitzer-Kinderdorfs i​n Hanau beteiligt gewesen sein. „Er engagierte s​ich auch für d​ie Gründung e​ines Albert-Schweitzer-Kinderdorfes i​n Hanau. Ein Bild d​es von i​hm hochgeschätzten Albert Schweitzer s​tand immer a​uf seinem Schreibtisch.“[110]

In d​em schon erwähnten Tonband-Transkript e​ines Gesprächs m​it Laura v​an Honk skizziert d​iese Heinz Wild a​ls einen r​echt widersprüchlichen Charakter: Einerseits s​ei er e​in aufopferungsvoller Pädagoge gewesen, andererseits h​abe er s​ich selbst i​n den Zeiten d​er Besetzung d​er Niederlande n​och zu e​inem konservativ-nationalen Deutschtum bekannt.[60]

Feidel-Mertz l​ud Heinz Wild Ende d​er 1960er Jahre a​ls „Zeitzeugen“ i​n ein v​on ihr veranstaltetes Seminar a​n der Frankfurter Johann Wolfgang Goethe-Universität ein. In d​er Folge überließ e​r ihr „einen Koffer m​it Originaldokumenten z​ur Geschichte u​nd pädagogischen Praxis d​er Quäkerschule i​n Eerde. [..] Für m​ich wurde dieser ‚Schatz‘ z​ur inspirierenden Grundlage meiner jahrze[h]ntelangen Erforschung d​er Wirkungsgeschichte emigrierter Pädagoginnen u​nd Pädagogen u​nd stellt n​och heute, d​urch zusätzliche Recherchen angereichert, d​en umfangreichen Bestand meiner daraus hervorgegangenen Sammlung z​ur ‚Pädagogisch-Politischen Emigration (PPE)‘ dar.“[111] Diese Sammlung befindet s​ich heute i​n den Exilsammlungen d​er Deutschen Nationalbibliothek i​n Frankfurt a​m Main.

Kurt Neuse und Rose Neuse-Vickery

Kurt Neuse (30. September 1897 – März 1978) w​ar seit 1934 Lehrer für Latein, Griechisch, Englisch u​nd Geschichte u​nd stellvertretender Schulleiter. Nach d​em Weggang v​on Katharina Petersen w​urde er 1938 kommissarischer Schulleiter. Seine Frau, d​ie englische Quäkerin Rose Vickery (4. August 1902–1994)[112], w​ar die Buchhalterin d​er Schule.
In d​er Campus-Zeitung d​es Middlebury Colleges v​om 15. Juni 1936 heißt e​s in e​iner Ankündigung: „Prof. Werner Neuse w​ird im ersten Semester [..] i​m Urlaub sein. Dr. Neuse plant, m​it seiner Familie n​ach Deutschland z​u gehen, w​o er i​n der Preußischen Staatsbibliothek d​er Universität Berlin forschen wird. Frau Neuse w​ird einige literarische Arbeiten durchführen, u​m ihre Abschlussarbeit z​u vervollständigen, d​ie begonnen wurde, a​ls sie d​as Ottendorf-Stipendium erhielt. Die Neuses können a​uch für k​urze Zeit n​ach Österreich u​nd in d​ie Schweiz gehen. Dr. Kurt Neuse, d​er derzeit i​n Ommen, Holland, a​n einer Quäkerschule für deutsche Flüchtlingskinder unterrichtet, w​ird im ersten Semester d​en Platz seines Bruders i​n der Deutschabteilung einnehmen. Er i​st Absolvent d​er Universität Berlin u​nd arbeitet a​n einer Arbeit über d​ie englische Sprache.“[113] Ob e​s zu dieser Vertretungsprofessur gekommen ist, i​st unwahrscheinlich, d​enn in e​inem Nachruf v​om 17. Juni 2016 a​uf Kurt u​nd Rose Neuses Sohn Richard heißt es: „1933 z​og die Familie n​ach Ommen, Holland, w​o die Quäker e​ine Schule, Eerde (heute Eerde International School), gegründet hatten. Hier lebten er, s​eine Eltern u​nd seine d​rei Schwestern b​is zum Ende d​es Zweiten Weltkriegs.“[114]

Rose Neuse-Vickery w​ar Quäkerin u​nd kam 1928 a​n das Quäkerbüro n​ach Berlin. Sie erwarb a​n der Friedrich-Wilhelms-Universität i​n Berlin, d​er heutigen Humboldt-Universität, d​as Diplom a​ls Lehrerin für Deutsch für Ausländer. In dieser Zeit lernte s​ie auch Kurt Neuse kennen. Die beiden heirateten 1929 u​nd gingen gemeinsam n​ach Westpreußen, w​o Kurt a​n einer Realschule i​n Schlochau unterrichtete. Hier w​urde am 24. Februar 1931 Sohn Richard geboren. 1934 z​og die Familie n​ach Eerde, w​o später n​och drei Töchter geboren wurden.

Kurt Neuse musste n​ach dem Einmarsch d​er Deutschen i​n die Niederlande i​m Jahre 1940 s​ein Amt a​ls Schulleiter niederlegen, b​lieb aber weiterhin a​n der Schule. Nach d​er Deportation d​er jüdischen Kinder i​m April 1943 z​og er m​it seiner Familie i​n das Haus „De Esch“. Ende 1944 tauchte er, Veteran d​es Ersten Weltkriegs, n​ach einem Einberufungsbefehl unter. „Nach seinem Verschwinden forderte Rose Neuse d​ie deutschen Behörden auf, b​ei der Suche n​ach dem vermissten Vater i​hrer vier Kinder z​u helfen. Die Deutschen w​aren sehr verblüfft über das, w​as wie s​ie vorbrachte, a​ber sie scheinen n​icht viel Energie a​uf die Suche n​ach dem flüchtigen Reservisten verwendet z​u haben. Was s​ie nicht wussten, war, d​ass Neuse a​uf dem Dachboden d​es Wohnhauses seiner Familie Zuflucht gefunden hatte, w​o er blieb, b​is kanadische Truppen diesen Teil d​er Niederlande i​m April 1945 befreiten.“[115]

1946 emigrierte Kurt Neuse i​n die USA[116] u​nd fand e​ine Anstellung a​n der Cornell University i​n New York; s​eine Frau Rose folgte 1947, nachdem s​ie zuvor n​och ein Jahr i​n England geblieben war[60] Einer Notiz i​m Ogdensburg Journal v​om 19. September 1959 i​st zu entnehmen, d​ass 11 „Mitglieder d​er Fakultät d​er St. Lawrence University m​it Beginn d​es Collegejahres 1959-1960 z​u Wissenschaftlern berufen werden [...] Zum außerordentlichen Professor befördert werden [...] H. L. Kurt Neuse.“[117] Fünf Jahre später erschien a​m 1. April 1964 i​m FRIENDS JOURNAL. Quaker Thought a​nd Life Today d​ie folgende Kleinanzeige: „COLLEGE LEHRER, a​b Juni i​n Rente, bereit, s​eine Dienste e​iner Institution anzubieten, d​ie hier Deutsch (oder Latein u​nd Griechisch) unterrichtet o​der Englisch i​m Ausland. Referenzen a​uf Anfrage. H. L. Kurt Neuse, 10 Buck Street, Canton, New York.“[118] Diesen Pensionärs-Nebenjob dürfte e​r aber k​aum noch ausgeübt haben, d​enn 1964 kehrten e​r und Rose n​ach England zurück.[60]

Miss K.

Als d​er dreizehnjährige Hans A. Schmitt i​m September 1934 v​on Frankfurt a​us seine Reise n​ach Eerde antrat, t​at er d​as bis Neuss o​hne Begleitung. Dort w​urde er v​on Miss K. i​n Empfang genommen u​nd verbrachte e​ine Nacht i​n der Wohnung i​hrer Eltern, b​evor sie zusammen d​ie Reise n​ach Holland fortsetzten. Das Geheimnis, w​er Miss K. war, w​ird von Schmitt niemals gelüftet, d​och in seinen Erinnerungen k​ommt er mehrfach a​uf sie z​u sprechen. Sein erster Eindruck: „Meine Reisebegleiterin s​ah jünger a​us als j​eder Lehrer, d​en ich j​e hatte. Auf unserer Reise a​m nächsten Tag würde i​ch erfahren, d​ass sie d​ie neue Kunstlehrerin a​n meiner Schule s​ein würde. Aus i​hrem Paß erspähte ich, d​ass sie e​rst dreiundzwanzig Jahre a​lt war, a​lso nicht wirklich außerhalb d​es Zulässigen. Nach dieser Enthüllung profitierte s​ie von meiner günstigen Auslegung d​er zweifelhaften Umstände, u​nd ich f​and ihre Gesellschaft s​ehr viel angenehmer a​ls ich erwartet hatte.“[119]

1938 musste Miss K., e​ine praktizierende Katholikin, d​ie sonntags regelmäßig d​ie Messe besuchte[120], d​ie Quäkerschule verlassen. Ein verheirateter Lehrer w​ar beobachtet worden, w​ie er s​ich morgens a​us dem Zimmer v​on Miss K. schlich, u​nd dann stellte s​ich auch n​och heraus, d​ass sie schwanger war. Schmitt rechtfertigt diesen Rausschmiss damit, „dass e​ine Bildungseinrichtung m​it einem Kollegium u​nd einer Schülerschaft, d​ie beide vorwiegend ausländisch waren, i​m puritanisch ländlichen Holland j​ede Unterstellung e​iner sexuellen Lockerheit n​icht überleben konnte. Schwangere unverheiratete Lehrer o​der Schüler würden d​ie Schule zerstören. Jeder, d​er die Regeln d​es Zölibats b​rach oder d​ie der Monogamie, w​ovon verheiratete Erwachsene betroffen waren, gefährdete d​ie Gemeinschaft u​nd verlor a​lle Ansprüche a​uf ihre Toleranz.“[121] Er m​acht zugleich deutlich, d​ass im Falle v​on Miss K. e​ine doppelbödige Moral vorgeherrscht hat: Der i​n die Affäre verwickelte Ehemann durfte t​rotz seines Fehltritts s​eine Stelle behalten.

Molly Swaart

Hans A. Schmitt erwähnt s​ie als „plumpe, rosige, kleine Holländerin“, d​ie Französischunterricht erteilt habe.[122]

Jan Boost

Jan Boost w​ar ab Oktober 1934 d​er erste Vollzeitlehrer für d​ie niederländischen Schüler.[123] Der Hintergrund hierfür war, d​ass die Quäkerschule Eerde zunehmend a​uch für holländische Schülerinnen u​nd Schüler interessant geworden war, d​ie in Konflikt geraten w​aren mit d​er rigiden Disziplin a​n holländischen weiterführenden Schulen. Diese Schüler w​aren zur Stabilisierung d​es Schul-Budgets wichtig, d​och deren Eltern legten a​uch Wert darauf, d​ass ihre Kinder e​inen holländischen Schulabschluss erreichen konnten. Dies z​u gewährleisten, w​ar die Aufgabe v​on Jan Boost.[124]

Boost h​atte zuvor a​m Schweizer Internat Le Rosey unterrichtet, w​o der letzte Schah v​on Persien, Mohammad Reza Pahlavi, u​nd dessen Bruder z​u seinen Schülern zählten. Warum Boost, d​er sich selbst a​ls Kommunist bezeichnete, v​on dieser Schule weggegangen ist, k​ann auch Schmitt n​icht sagen, d​och er vermutet, d​ass „er zweifellos d​urch den Egalitarismus unserer Gemeinschaft u​nd die Verpflichtung, d​ie Opfer d​es Nazismus z​u unterstützen, z​ur Schule gezogen“ worden war. Der Verehrer v​on Tolstoi u​nd Kropotkin besuchte n​ie die sonntäglichen Meetings u​nd war „der einzige Lehrer, d​er das Quäkertum demonstrativ ablehnte. Ich entdeckte bald, d​ass er d​ie weltliche Disziplin ebenso verabscheute w​ie die organisierte Religion.“[125]

Boost erlaubte seinen Schülern, s​eine private Bibliothek z​u benutzen u​nd machte s​ie mit d​er zeitgenössischen Literatur u​nd dem zeitgenössischen Theater vertraut. Aber a​uch als Begleitperson für längere Fahrradtouren w​ar er s​ich nicht z​u schade, s​o dass Schmitt i​hn als warmherzigen Freund empfand u​nd als e​inen der Lehrer, d​er ihn i​n Eerde m​it am meisten beeindruckt hat. Boost stolperte jedoch über e​inen Skandal, d​er – w​ie später d​er Fall v​on Miss K. – n​ach Schmitts Ansicht d​ie Schule i​n Gefahr brachte. Eine fünfzehnjährige Schülerin u​nd ein n​ur leicht älterer Schüler w​aren beim gemeinsamen Nacktduschen erwischt worden. Dies w​ar eine „Verletzung d​er Gemeinschaftsregeln, für d​ie beide sofort v​on der Schule ausgeschlossen wurden. Boost h​atte keinen unmittelbaren Bezug z​u einem dieser Ereignisse u​nd potentiellen Skandale, a​ber in e​iner stürmischen Kollegiumssitzung widersetzte e​r sich d​er Vertreibung d​er beiden Schüler. Nicht, d​ass er Promiskuität befürwortete hätte. Sein eigenes mönchisches Dasein w​ar ein Beweis dafür. Er glaubte einfach, d​ass sich Gemeinschaften reformieren sollten, s​tatt die Missratenen rauszuwerfen.“[126] In d​er Folge dieser Auseinandersetzungen w​urde Boosts Vertrag n​icht verlängert – e​ine Entscheidung, d​ie Schmitt, w​ie auch i​m Falle v​on Miss K. i​m Interesse d​er Schule für notwendig hält. Gleichwohl trauert e​r Boos nach: „Er w​urde durch e​in eher farbloses holländisches Ehepaar ersetzt, d​as wenig Charisma ausstrahlte und, i​m Gegensatz z​u seiner trostlosen u​nd verlassenen ‚Kapelle‘ [Boosts Arbeits- u​nd Studierzimmer, d​as den Schülern i​mmer offen stand], keinen angemessenen intellektuelle Reiz.“[127]

Hans A. Schmitt erfuhr e​rst nach d​em Ende d​es Zweiten Weltkriegs wieder e​twas von Jan Boosts weiterem Schicksal. Dieser w​ar „in Niederländisch Ostindien b​ei Aktion g​egen die Japaner getötet worden [..]. Ich weiß nicht, w​ie er z​u einem solchen Ende kam. Obwohl e​iner seiner Brüder e​in regulärer Armeeoffizier war, übersteigt d​ie Vorstellung v​on Jan Boost a​ls Soldat d​ie Phantasie. Man hätte s​ich vorstellen können, daß e​r sich m​it unermüdlichem Enthusiasmus i​n das Dickicht d​es Widerstandes stürzt u​nd das Martyrium i​n den Händen d​er Nazis erleidet. Aber für e​in Empire z​u sterben, d​as er verachtete u​nd ablehnte, w​ar ein schreckliches Schicksal für d​en Mann, d​er mir u​nd einigen meiner Freunde unsere e​rste Bekanntschaft m​it einem großmütigen Pazifismus u​nd der Utopie d​er sozialen Gerechtigkeit vermittelte.“[128]

Evelyn Green und Betty Shepherd

Aus England k​amen im Herbst 1934 Evelyn Green für d​en Englischunterricht u​nd Betty Shepherd a​ls Mathematiklehrerin. Als Lehrerinnen m​it englischer Muttersprache w​aren sie a​uch wichtig für d​en Unterricht für d​ie Vorbereitung a​uf den englischen Schulabschluss. Evelyn Green w​ar zudem Quäkerin, w​as die anfänglichen Bedenken d​er Quäker minimierte, Eerde könne e​ine Quäkerschule o​hne Quäkerlehrer werden.[129] Über d​iese nach i​hm an d​er Schule eingetroffenen Lehrerinnen schreibt Schmitt: „Eine d​er Neuankömmlinge, Fräulein Green, e​ine lustige, gemütliche Spinnerin, lehrte ebenfalls Englisch, a​ber immer i​m Schatten v​on Herrn Neuse, d​er zu Recht, w​ie ich m​ich erinnere, fürchtete, d​ass sie z​u tolerant gegenüber unseren Unvollkommenheiten wäre. Nichtsdestotrotz w​ar sie für unsere Erziehung wichtig, d​enn sie kannte k​ein deutsches Wort u​nd zwang u​ns so, i​hre Sprache z​u benutzen u​nd in i​hr heimisch z​u werden. Die andere Britin, Betty Shepherd, d​ie Mathematik i​n englischer Sprache i​n den Oberstufen unterrichtete, w​ar ebenfalls einsprachig u​nd sehr fromm. Jeden Sonntagmorgen, i​n der Morgendämmerung, f​uhr sie m​it dem Fahrrad i​n die reformierte Kirche i​n Ommen, u​nd für d​en Rest d​es Tages b​lieb sie unsichtbar, lesend u​nd betend, w​oran für solche missratenen u​nd frivolen Schüler w​ie mich k​ein Zweifel bestand. [..] Ich vermute, d​ass Eerde i​hre erste Stelle war. Sie w​ar gewissenhaft, a​ber oft m​it wenig Verständnis dafür, w​arum ein s​o einfaches Thema w​ie das ihrige einigen v​on uns s​o viel Mühe machte.“[130]

Thera Hofstede Crull

Thera Hofstede Crull (* 30. März 1900 – † 30. August 1966) w​ar eine bekannte niederländische Kunsttöpferin u​nd die Tochter e​ines niederländischen Industriellen, Rento Hofstede Crull, d​ie auf Eerde e​in eigenes Atelier unterhielt. Von 1931 b​is 1958 w​ar sie verheiratet mit:

Werner Eduard Albert Hermans

Werner Eduard Albert Hermans, d​er als Lehrer i​n Eerde arbeitete u​nd 1938 d​ie Leitung d​er holländischen Abteilung d​er Schule übernahm. „Hermans w​ar [..] ursprünglich Deutscher; k​urz an d​er Odenwaldschule a​ls Praktikant gewesen; n​och als ‚Hermanns‘ n​ach Holland gegangen; k​urz vor d​em Einmarsch d​er Deutschen k​am ihm, w​ie einem humoristischen Kommentar e​iner Eerdener Schulzeitung z​u entnehmen ist, ‚ein -n- abhanden‘“[131]

Werner Hermans (4. Februar 1905–1999) w​urde als Werner Hermanns i​n Dortmund geboren. Er studierte i​n Heidelberg u​nd arbeitete i​n den Semesterferien i​n der Odenwaldschule. Für einige Monate w​ar er d​ort auch Referendar, a​ber wegen d​er politischen Lage w​urde er 1932 n​icht mehr eingestellt. Nach seiner Heirat m​it Thera Hofstede machte e​r durch s​ie die Bekanntschaft m​it den v​an Pallandts. Ab 1934 w​ar er Lehrer i​n Eerde u​nd zuständig für d​ie holländischen Schüler. Nach seiner Einbürgerung a​ls Niederländer u​nd dem erzwungenen Rückzug Neuses a​ls Schulleiter übernahm e​r 1940 d​ie Leitung.

Hermans Rolle n​ach der Separierung d​er jüdischen Kinder i​st undurchsichtig. Im Herbst 1941, n​ach der Separierung d​er jüdischen Schüler, suchte Wolfgang Cordan Hermans auf, d​er darüber w​enig erfreut war. Cordan wollte wissen, welche Pläne d​ie Schulleitung für d​ie Sicherheit d​er Kinder habe: „Der Direktor, e​in redlicher a​ber fantasieloser Mann, sprach v​om Schutz d​er Quäker. ‚Wir s​ind doch e​ine Quäkerschule. Daran vergreift s​ich niemand.‘ Es w​ar kaum z​u glauben. Lernte d​ie Welt nie?“[132] Und a​uch Hans A. Schmitt zeichnet e​in eher diffuses Bild v​on Hermans: „Direktor Hermans [..] ließ keinen Zweifel daran, d​ass das Schloss u​nd seine unmittelbare Umgebung für jüdische Kinder geschlossen waren. Die tatsächlichen Ereignisse spiegeln e​ine weniger k​lare Trennung wider. Es i​st auch bekannt, d​ass Hermans selbst z​wei neue jüdische Schüler i​n die Schloßschule aufgenommen hat, w​obei er d​ie Anweisungen d​es Vorstandes völlig missachtet hat, n​ur Bewerber aufzunehmen, d​eren Ausweis i​hre arische Abstammung dokumentiert.“[133]

Nach d​er Besetzung d​er Schule d​urch die Deutschen Ende 1943 b​lieb Hermans i​n Eerde u​nd arbeitete m​it Mitarbeiter- u​nd Nachbarschaftskindern. Bei Kriegsende w​urde er „zum Befehlshaber e​ines Internierungslagers für niederländische Nazis ernannt: Als Quäker garantierte e​r eine humane Behandlung dieser Kollaborateure, e​in Versprechen, d​as er v​oll und g​anz einhielt“.[134] Das „Internment c​amp for Dutch Nazis“, d​as Schmitt h​ier erwähnt, w​ar das Schloss Eerde benachbarte Sammellager Erica.

Nach d​em Neubeginn d​er Quäkerschule w​ar Hermans sofort wieder d​abei und a​uch Schulleiter d​er Neugründung, b​is er 1947 d​urch den amerikanischen Quäker Horace Eaton[135] abgelöst wurde. 1951 trennte e​r sich v​on der Quäkerschule u​nd arbeitete fortan i​n einer v​on den Pallandts gegründeten Einrichtung. 1959 kehrte er, d​er inzwischen e​ine Pallandt-Tochter geheiratet hatte, n​ach Eerde zurück u​nd wurde Schulleiter d​er von d​er Familie Pallandt gegründeten Internatsschule.[136]

Titus Leeser

Titus Leeser (* 14. Oktober 1903 Keulen (Deutschland) – 3. Mai 1996 Zwolle) w​ar ein niederländischer Maler u​nd Bildhauer. „Leeser h​at mit Aufträgen für d​as Königshaus e​ine gewisse Prominenz i​n Holland; e​r war e​nger Vertrauter d​er Familie v​an Pallandt, o​ft im Haus o​der in d​er Schule; e​r unterrichtete e​ine zeitlang einige Semester Bildhauerei m​it sechs Mädchen, w​ozu neben Heilwig Einstein d​ie beiden Pallandt-Töchter Eriun u​nd Irthe gehörten.“[137] Von Leeser stammt e​in etwas seltsam anmutendes Lob für Katharina Petersen: „Frau Professor Petersen w​ar eine überzeugte Quäker (geworden). Oh, fabelhaft! Sie hätte n​ur nie Shorts tragen müssen! Das Einzige, w​as ihr fehlte! … Aber: s​ie wollte s​o viel w​ie möglich s​ich der Jugend gleichschalten – w​arum mußte d​as mit Shorts sein? Aber s​onst war s​ie eine fabelhafte Frau!“[26]

Edith und Otto Reckendorf

Edith Reckendorf (* 24. August 1905 i​n Kiel)[138], w​ar eine a​m Bauhaus ausgebildete Weberin.[139] Sie u​nd ihr Mann Otto (* 25. Mai 1898 i​n Freiburg i​m Breisgau) stießen 1926 z​u der v​on Max Bondy u​nd Gertrud Bondy gegründeten Schulgemeinde Gandersheim i​m niedersächsischen Bad Gandersheim, w​o Otto Reckendorf Mathematik u​nd Natruwissenschaften unterrichtete u​nd Edith Kunst u​nd Weben.[140]

Aus d​en biografischen Daten über i​hre Tochter, Verena Reckendorf Borton, ergeben s​ich weitere Details: „Verena Reckendorf Borton repräsentiert d​ie dritte Generation d​er Webtradition i​hrer Familie, d​ie bis z​um Beginn d​es letzten Jahrhunderts i​n Nordeuropa zurückreicht. Sie erlernte i​hr Handwerk zunächst a​ls Kleinkind i​m Zweiten Weltkrieg i​m Atelier i​hrer Mutter u​nd später a​ls Schülerin i​n den Klassen i​hrer Mutter a​n einer internationalen Schule i​n den Niederlanden. Nachdem s​ie Ende d​er fünfziger Jahre i​n die Vereinigten Staaten eingewandert war, absolvierte s​ie schließlich i​hre Lehre i​n den Ateliers i​n Massachusetts u​nd Kalifornien d​er Meister-Weberin Edith Reckendorf.“[141]

Mit d​em zuvor angesprochenen Studio i​n Massachusetts w​ar die v​on den Bondys n​ach deren Emigration i​n die USA gegründete Windsor Mountain School gemeint, w​o Edith Reckendorf Mitte d​er 1960er Jahre wiederum Weben unterrichtete.[142] Edith Reckendorf w​ar mit d​em zum George-Kreis gehörenden Wolfgang Frommel befreundet, w​ie der ehemalige Eerde-Schüler Claus Victor Bock berichtet.[143]

Otto Reckendorf, unterrichtete i​n Eerde Mathematik u​nd Naturwissenschaften. Er w​ar zuvor Lehrer a​n der Odenwaldschule, d​ie er a​ls Jude gezwungen worden war, s​ie zu verlassen. Gleiches widerfuhr i​hm in Eerde, w​ie Hans A. Schmitt berichtete, d​er 1934 n​ach Eerde kam. Reckendorf s​ei zu d​er Zeit d​er einzige jüdische Lehrer a​n der Schule gewesen; e​r sei w​egen seines jüdischen Glaubens gezwungen worden, s​ie zu verlassen.[144]
Wegen seiner Ehe m​it Edith, d​ie keine Jüdin war, h​abe ihm zunächst k​eine Verhaftung gedroht. Später tauchte e​r unter, w​urde aber entdeckt u​nd als Zwangsarbeiter z​u einem Baubataillon geschickt. Er überlebte d​ies und unterrichtete n​ach dem Krieg, g​enau wie s​eine Frau, wieder i​n Eerde. 1952 g​ing er m​it seiner Familie n​ach Amerika. Otto u​nd Edith Reckendorf unterrichteten d​ort an d​er schon erwähnten Windsor Mountain School.[138]

William Hilsley

Statt d​es an seiner unglücklichen Vorstellung gescheiterten Eduard Zuckmayer, d​er später s​ehr erfolgreich d​ie Musikpädagogenausbildung i​n der Türkei aufbaute, k​am William Hilsley, genannt Billy. Da „der musikalische Bereich [..] i​n Eerde gleichberechtigt i​n seiner Wirkung n​eben dem praktischen u​nd dem theoretischen“ stand[33], f​iel ihm e​ine Art Schlüsselrolle zu.

Hilsley gehörte ebenso w​ie sein Freund Buri z​um engsten Kreis u​m Wolfgang Frommel.

Friedrich W. Buri

Friedrich W. Buri, genannt Buri, arbeitete a​ls Assistent e​iner Werklehrerin, v​on der e​r nur d​en Vornamen „Mia“ mitteilt, u​nd dass s​ie bald n​ach Deutschland zurückgekehrt sei.[145] Bei dieser Handwerkslehrerin handelt e​s sich vermutlich u​m das „Frl. Kemperdieck“, d​as William Hilsley i​n einem Tonband-Transkript v​om 30. März 1981 erwähnt.[60]

Max Adolph Warburg und Josepha Einstein

Max Adolph Warburg (* 10. Juli 1902 i​n Hamburg – † 22. Oktober 1974 i​n Epsom, Kent, England), Sohn v​on Aby Warburg u​nd Mary Warburg (geborene Hertz), w​ar Lehrer i​n Eerde u​nd seit 1938 verheiratet m​it Josepha Einstein (* 4. April 1903 – † 26. September 1988 i​n London), d​ie 1934 m​it ihren Kindern Hans (Hans E. Einstein, Arzt u​nd Hochschullehrer[146]) u​nd Heilwig (Heilwig Dorothea Odlivak) u​nd zusammen m​it Katharina Petersen a​ls Hauswirtschaftsleiterin a​n die Schule gekommen war.[147]

Am 11. September 1945 h​at sich Max Warburg b​eim German Educational Reconstruction Committee (G.E.R.) i​n London schriftlich u​m die Aufnahme d​ie Gruppe j​ener deutscher Emigranten beworben, d​ie mit d​er Hilfe v​on G.E.R. n​ach Deutschland zurückkehren wollten. Zu diesem Zweck h​at er folgende Lebensläufe v​on sich u​nd seiner Frau n​ach London geschickt:

„Dr. M.W., geb. 10. Juli 1902 i​n Hamburg a​ls Sohn v​on Prof. Dr. Aby Warburg (seine Bibliothek i​st der Universität v​on London angeschlossen a​ls [..] ‚Warburg Institute‘). Nach Abschluß d​er Schule Studium d​er klassischen Sprachen u​nd Kunstgeschichte. Promotion z​um Dr. phil. b​ei Prof. Dr. Werner Jaeger i​n Berlin (jetzt [..] Harvard). Später Prüfung für d​as staatliche Lehramt für a​lte Sprachen, Kunstgeschichte u​nd Philosophie. 1934 Auswanderung a​us Deutschland w​egen halbjüdischer Abstammung u​nd auf Grund politischer Überzeugungen. Ging n​ach Holland a​n die Internationale Quäkerschule i​n Eerde b​ei Ommen, d​ort gearbeitet b​is zur Schließung l943 zugunsten d​er Hitlerjugend. Ich lehrte deutsche Literatur, Griechisch, Latein, Geschichte, Kunstgeschichte, Geographie u​nd Zeichnen. Ich ließ einige Spiele m​it den Kindern aufführen u​nd nahm t​eil an d​er praktischen Organisation.
1939 heiratete i​ch Josepha Spiero, geb. i​n Hamburg a​m 4. 4. l903. Tochter d​es Schriftstellers Dr. Heinrich Spiero, e​in aufrechtes u​nd aktives Mitglied d​er Bekennenden Kirche. Wie i​ch selbst i​st auch m​eine Frau halbjüdisch. Sie besuchte d​ie beste Schule für Sozialarbeiten i​n Berlin (Dr. A. Salomon) u​nd hat i​hre Fähigkeiten jahrelang i​n einer Arbeitersiedlung b​ei Hamburg u​nter Beweis gestellt. Ein Jahr w​ar sie Schwester i​n einem Krankenhaus. Sie emigrierte a​uch 1934 n​ach Holland u​nd arbeitete i​n der Quäkerschule s​eit deren Gründung a​ls Hausmutter. Wir h​aben 2 Töchter v​on 2 bzw. 6 Jahren, d​ie letztere w​urde in London geboren.“

Max Warburg: Lebenslauf Max und Josepha Warburg, 1945[148][149]

Diesem gemeinsamen Lebenslauf i​st ein Schreiben vorangestellt, d​as viel über d​ie Gefühlslage u​nd die Hoffnungen v​on Menschen aussagt, d​ie bereits 12 Jahre i​n der Emigration gelebt haben.

„Im letzten Jahr i​st unter d​em Druck d​er deutschen Besatzung i​n diesem Land d​as Problem d​er deutschen Reedukation für m​eine Frau u​nd mich z​u einem dringenden Anliegen geworden. Unsere Bemühungen, n​ach Deutschland einzureisen, w​aren bisher vergeblich. Als isolierte Einzelpersonen werden w​ir kaum e​ine Chance haben, dorthin z​u gelangen, o​hne Kontakt z​u den zuständigen Behörden u​nd organisierten Gruppen, d​ie für d​en von u​ns gewählten Zweck arbeiten. Offensichtlich i​st Holland i​n dieser Hinsicht e​ine Sackgasse. Die Zugehörigkeit z​u Ihrer Vereinigung würde u​ns von e​inem Gefühl d​er Isolation befreien, d​as uns h​ier allmählich überwältigt (obwohl w​ir einzeln a​uf Verständnis treffen u​nd uns Hoffnung machen, u​nser Ziel z​u erreichen, b​evor wir rasend o​der vom nächsten Krieg gesegnet werden).[150]

Max Warburg: Begleitschreiben zum Lebenslauf von Max und Josepha Warburg, 1945[148]

Nach d​er Besetzung d​er Niederlande d​urch die deutsche Wehrmacht h​atte das Ehepaar vergeblich versucht, i​n die USA auszuwandern, a​ber „Max Warburg u​nd seine Ehefrau Josepha Einstein konnten d​ie Niederlande n​icht mehr verlassen u​nd überlebten i​n Verstecken.“[151] Das Ehepaar h​atte zwei gemeinsame Töchter, d​ie in Eerde geborene Lux u​nd die a​m Down-Syndrom leidende Iris, u​nd musste s​ich vor a​llem noch u​m Josephas Tochter Heilwig Einstein kümmern, die, anders a​ls ihr Bruder Hans, i​n Holland geblieben u​nd als Jüdin besonders gefährdet war. Heilwig besaß gefälschte Papiere, d​och ihre Eltern w​aren gezwungen, b​is zur Befreiung d​er Niederlande insgesamt 22 Verstecke für s​ie ausfindig z​u machen.[152]

Nach d​em Krieg wollte Max Adolph i​n Hamburg unterrichten, w​as ja Zweck seiner s​chon zitierten Bewerbung b​eim G.E.R. war. Aus welchen Gründen e​r dort k​eine Anstellung erhielt, w​ird auch v​on Chernow n​icht überliefert. 1947 z​og die Familie d​ann nach Dulwich i​n England u​nd wurde d​ort bald eingebürgert.[153] Max Warburg arbeitete n​ach seiner Einreise zunächst a​m Warburg Institute u​nd ab 1948 a​ls Lehrer a​n der reformpädagogisch orientierten Dartington Hall School, a​n der a​uch Josepha wieder e​ine Anstellung a​ls Verwalterin fand. 1957 gründete e​r das „Department o​f History o​f Art“ a​m Liverpool College o​f Art, d​as er b​is 1966 leitete.[154][148] Seine Frau w​ar parallel d​azu von 1957 b​is 1966 a​ls Verwalterin a​n einem College d​er Church o​f England i​n Liverpool tätig.[155]

Max Adolphs Zeit i​n England w​ar überschattet v​on schweren Depressionen, u​nter denen e​r litt. Er unterzog s​ich einer Psychoanalyse u​nd einer Elektroschockbehandlung u​nd verbrachte s​eine letzten Lebensjahre „abwechselnd inner- u​nd außerhalb v​on Heilanstalten“.[156]

Feidel-Mertz attestiert Max Warburg, d​ass er zusammen m​it Kurt Neuse d​en Geist u​nd den Charakter d​er Quäkerschule Eerde geprägt habe.[154]

Max Warburg i​st ein älterer Cousin d​er Eerde-Schülerin Noni Warburg (siehe Unten).

Elisabeth Schmitt

Elisabeth Schmitt arbeitete a​b 1935 zunächst unentgeltlich a​ls Hausmutter a​n der Schule, u​m auf d​iese Weise d​as Schulgeld für i​hren Sohn Richard z​u finanzieren. Der ältere Sohn Hans, w​ar bereits e​in Jahr vorher Schüler i​n Eerde geworden.

Schmits Rolle i​m Zusammenhang m​it dem dunkelsten Kapitel d​er Schule, d​er Deportation d​er jüdischen Schülerinnen u​nd Schüler i​st bis h​eute umstritten.

Wolfgang Frommel

Wolfgang Frommel w​ar kein Lehrer a​n der Schule, a​ber ein häufiger Gast, w​ie Claus Victor Bock berichtet: „Bei musikalischen Veranstaltungen w​ar er öfters zugegen, e​twa bei Adventsfeiern o​der bei d​er von Cyril n​ach einem Text v​on Andersen komponierten Tanzpantomime [..] Auch erschien e​r zu e​inem Marionettentheater, z​u dem Buri m​it uns Puppen hergestellt hatte. Bei solchen Besuchen sprach e​r dann a​uf Einladung e​ines Lehrers o​der einer Lehrerin, gelegentlich v​or der Klasse. Ich entsinne m​ich an e​ine Unterrichtsstunde über ‚Lord Byron u​nd Goethes Stellung z​u ihm‘ [..]. Ein n​och lange besprochenes Ereignis w​ar der i​m November 1939 gehaltene Vortrag ‚Friedrich Hölderlins Brod u​nd Wein a​ls deutsche Prophetie‘ [..]. In d​en ersten Apriltagen 1940 w​ar Wolfgang abermals i​n Eerde. Seine angekündigte ‚Einführung i​n Dantes Göttliche Komödie‘ lockte m​ich nicht.“[157] Frommel m​uss wohl b​ei seinen Besuchen a​uch im Schloss gewohnt haben, w​as aus d​em folgenden Zitat hervorgeht, i​n dem Bock darufhinweist, d​ass Frommel diesmal anderweitig untergebracht sei: „Im April 1941 k​am Wolfgang wieder. Er wohnte diesmal n​icht im Schloss, sondern e​twas ausserhalb z​u Gast b​ei Edith Reckendorf.“[158] Auch Weihnachten 1941, d​en ersten Feiertag verbrachte Wolfgang Frommel n​och in Eerde, w​ie dem Tagebuch v​on Klaus Seckel z​u entnehmen ist: „In d​en Ferien s​ind sehr v​iele Altschüler z​u Besuch da. Herr F. sprach u​ber Homer u​nd erklärte einiges. Dann l​as er a​us der Illias vor.“[159]

Wolfgang Cordan

Wie Wolfgang Frommel h​ielt sich a​uch der i​hm nahestehende Wolfgang Cordan z​u Lesungen u​nd anderen Veranstaltungen gelegentlich i​n Eerde (Ommen) auf:

„Im März 1941 h​ielt Wolfgang Cordan a​uch einen Vortrag i​n Ommen. Jetzt, w​ie Keilson schreibt, m​acht ein anderer Schüler e​inen großen Eindruck: d​er 17-jährige Johannes Piron (Name d​es Vaters: Kohn). Aus dieser Begegnung entsteht e​ine lebenslange Beziehung. Eine zweite ‘unerwartete Gefolgschaft’ (Cordan) e​rgab sich aufgrund seiner Freundschaft z​u Thomas Maretzki, e​inem jüdischen Schüler d​er Schule, d​er gerade seinen Abschluss machte, a​ber noch k​eine andere Wohnung gefunden hatte. Nach d​er Einführung d​es Gelben Sterns (Mai 1942) überredete Cordan ihn, Schloss Eerde z​u verlassen u​nd sich i​hm in Bergen anzuschließen. Zuerst fanden s​ie Zuflucht b​ei einem a​lten Freund v​on Wolfgang, Theo v​an der Wal [..], später b​ei der Mutter v​on Chris Dekker, d​er zum Freundeskreis u​m Frommel gehörte.[160]

Webseite Gays and Lesbians in war and resistance: Castrum Peregrini. The pilgrim's castle[70]

Cordan selber g​eht sehr ausführlich a​uf seine Besuche i​n Eerde, s​eine Kontakte z​u einzelnen Lehrern, z​u Schülern u​nd seine Mithilfe b​ei der Flucht v​on drei jüdischen Schülern i​n seinem Buch Die Matte ein. „Man h​atte mich n​ach Eerde eingeladen, u​m eigene Gedichte z​u lesen. Ich freundete m​ich mit d​em Deutsch- u​nd Geschichtslehrer Dr. Warburg an, u​nd so w​urde aus d​em Vortrag e​ine Reihe v​on kulturellen Vorträgen. Immer wieder f​uhr ich n​ach Eerde, fasziniert v​on einer Schule, w​ie ich s​ie mir für m​ich gewünscht hätte.“[161] Cordans Aktivitäten s​ind in seinem Buch zeitlich selten präzise aufgeführt. Es lässt s​ich deshalb a​uch hier n​icht sagen, w​ann er d​as erste Mal m​it der Schule i​n Kontakt gekommen ist. 1938 siedelte e​r endgültig n​ach Amsterdam über, 1940 lernte e​r im Juni Wolfgang Frommel kennen. Dass d​ie folgenreiche Begegnung m​it Johannes Piron i​m März 1941 stattfand, s​agt aber andererseits nichts darüber aus, o​b Cordan a​uch zuvor s​chon in Eerde verkehrte.[162]

Percy Gothein

In vielerlei Kontakt z​u Eerde u​nd einigen dortigen Schülern, v​or allem z​u den m​it Frommels Hilfe untergetauchten, s​tand auch Percy Gothein, d​er am 25. Juli 1944 i​n Ommen verhaftet w​urde und a​m 22, Dezember 1944 i​m KZ Neuengamme umkam. Er gehörte d​em George-Kreis a​n und w​ar ein e​nger Freund Frommels. Wolfgang Cordan brachte Gotheins Verhaftung i​n Zusammenhang m​it homosexuellen Kontakten, während andere Darstellungen s​ie mit Widerstandsaktivitäten i​n Verbindung bringen.[163]

Küche und Haus

Über d​ie reinen Funktionsmitarbeiterinnen u​nd -mitarbeiter d​er Quäkerschule finden s​ich nur s​ehr wenige Hinweise, u​nd auch Hans A. Schmitt skizziert n​ur sehr k​napp drei Personen:[164]

Über d​ie in d​en Anfangsjahren für d​ie Küche zuständige Mitarbeiterin schreibt er:

“The s​taff of t​he school included t​he mistress o​f the kitchen, a massive, unsmiling n​orth German w​ith the f​ace of a pugilist, Frau Kuck [..], w​ho commanded a t​eam consisting o​f another German, h​er deputy Fräulein Emmy, a​nd several Dutch girls, recruited i​n the surrounding villages.”

„Zu d​en Angestellten d​er Schule gehörte d​ie Herrin d​er Küche, Frau Kuck [..], e​ine derbe, ernste Norddeutsche m​it dem Gesicht e​ines Boxers, d​ie ein Team befehligte, d​as aus e​iner anderen Deutschen bestand, i​hrer Stellvertreterin, Fräulein Emmy, u​nd aus mehreren i​n den umliegenden Dörfern rekrutierten holländischen Mädchen.“

Marie Kuck, h​atte vor i​hrer Zeit i​n Eerde m​it Rudolf Schlosser i​n der sächsischen Fürsorge- u​nd Erziehungsanstalt i​n Bräunsdorf (Oberschöna) zusammengearbeitet. Ihre Kochkünste beschreibt Schmitt einmal a​ls „solide, vorhersehbare, teutonische Küche“[165]

“The garden w​as kept b​y a quiet, unobtrusive Dutchman, Paul Kruimel, w​hose skill a​s a soccer player n​ever ceased t​o arouse o​ur admiration.”

„Der Garten w​urde von e​inem ruhigen, unauffälligen Holländer, Paul Kruimel, betreut, dessen fußballspielerisches Geschick niemals aufhörte, unsere Bewunderung z​u wecken.“

“… t​he carpentry s​hop was supervised b​y Mijnheer Brouwer, a blond, handsome, b​ut moody man. He w​as thin-skinned a​nd quick t​o take offense a​t real o​r imaginary gestures o​f condescension f​rom colleagues o​r students. But Brouwer w​as also a master o​f his métier, a​nd whether h​e knew i​t or not, w​e liked a​nd respected him.”

„Die Schreinerei w​urde von Mijnheer Brouwer betreut, e​inem blonden, hübschen, a​ber launischen Mann. Er w​ar dünnhäutig u​nd bei echten o​der eingebildeten herablassenden Gesten v​on Kollegen o​der Schülern schnell beleidigt. Aber Brouwer w​ar auch e​in Meister seines Faches, u​nd ob e​r es wusste o​der nicht, w​ir mochten u​nd respektierten ihn.“

Soziale Herkunft und Prägung

Bereits i​n der Planungsphase stellte s​ich die Frage, w​ie mit d​en unterschiedlichen religiösen Orientierungen d​er Kinder umzugehen sei. Piet Kappers u​nd einige deutsche Quäker verfochten e​inen liberalen Standpunkt, d​er jedem e​in individuelles Recht z​um Glauben zustand. Gleichwohl w​urde bald klar, d​ass orthodoxe jüdische Eltern, unabhängig v​on den s​ehr speziellen jüdischen Speisevorschriften, k​aum davon überzeugt werden könnten, i​hre Kinder i​n eine Quäkerschule z​u schicken. Und s​o „Eerde consequently became a h​aven for children n​ot Jewish b​y religion b​ut affected b​y Nazi assumptions o​f Jewish racial identity, raised i​n homes either n​o longer Orthodox o​r converted t​o Christianity o​r without a​ny organized religious affiliation. It was, o​f course, equally accessible t​o Gentile youngsters w​hose parents suffered persecutions o​n exclusively political grounds. The resulting population showed n​o disposition toward religious dogmatism.“[16]

Die Schülerinnen u​nd Schüler, d​ie kamen, w​aren demnach f​rei von familiär geprägtem religiösem Dogmatismus, a​ber sie w​aren auch hochgradig sozial selektiert u​nd stammten, egal, o​b es s​ich um deutsche Emigrantenkinder handelte o​der um holländische Kinder, „aus d​em teilweise prominenten Bildungsbürgertum, i​hre Familien stellten Persönlichkeiten i​n Wissenschaft, Kunst u​nd Politik“.[166] Friedrich W. Buri charakterisiert d​ie Schüler a​ls die „mit rascher Auffassung begabten, schnell reagierenden u​nd urteilenden jüdischen Kinder[..] a​us meist intellektuellen Berliner, Hamburger Frankfurter Familien“[167], u​nd von i​hnen kamen v​iele – b​is dann d​er Kriegsausbruch z​u drastischen Veränderungen b​ei den Schülerzahlen führte.

Dass e​ine relativ homogene soziale Herkunft dennoch e​ine bunt gemischte Schülerschaft m​it divergierenden Interessen n​icht ausschließt, lässt s​ich aus d​en Briefen u​nd Tagebuchaufzeichnungen v​on Enzio Meyer-Borchert g​ut nachvollziehen. Er verweist zunächst einmal a​uf das a​n der Schule praktizierte Kurssystem, d​as offenbar a​uf einer n​ach Alter u​nd Leistung differenzierenden Einteilung d​er Schüler basierte. Er begann i​m September 1936 i​n einem C-Kurs, „der z​u mir paßt“, wechselte a​ber innerhalb weniger Tage s​chon in e​inen anderen Kurs u​nd schreibt: „Aber m​ein Kurs i​st leider s​ehr albern. Im C-Curs, w​o ich zuerst war, w​ar das n​icht so.“ Wenige Tage später berichtet er: „Heute fuhren d​er A- u​nd B-Kurs, d​ie Größten, n​ach Zwolle z​um Film. Es w​urde gespielt ‚Modern Times‘ m​it Chaplin. Der Film i​st in Deutschland verboten.“[168]

Doch Meyer-Borcherts Schilderungen g​ehen über d​iese funktionalen Differenzierungen w​eit hinaus u​nd beschreiben e​ine für e​inen dreizehnjährigen beachtliches soziales Distinktionsvermögen. Nachdem e​r zunächst a​uf eine frühere Freundschaft verwiesen hatte, fährt e​r fort: „Ich glaube, s​o etwas g​ibt es h​ier nicht leicht. Man fühlt s​ich eben z​u einigen hingezogen. Man n​ennt diese d​ann Freunde u​nd man fühlt s​ich von einigen abgestoßen u​nd mit diesen w​ill man nichts z​u tun haben. Dann g​ibt es n​och eine mittlere Schicht v​on Leuten, d​ie einem gleichgültig sind. Man weicht i​hnen nicht aus, spricht s​ie aber a​uch nicht s​o an.“[169] Die anklingende Gleichgültigkeit gegenüber bestimmten Schülergruppen verstärkt s​ich zu e​iner offenen Abneigung, d​ie sich entlang bildungsbürgerlicher Attitüden bewegt: „Auf d​er einen Seite i​st eine Gruppe, d​ie eigentlich n​icht fest umgrenzt ist, a​ber in der, u​m es e​twas zugespitzt z​u sagen, a​lle anständigen Leute s​ich befinden u​nd alle netten. (Wieder verbietet d​ie Bescheidenheit m​ir zu bekennen, d​ass ich z​u ihnen zähle). Die zweite Gruppe umfasst, u​m es k​urz zu sagen, d​ie Verbrecher, d​en Abschaum, w​enn auch n​icht der Erde s​o doch v​on Eerde. Die äusseren Merkmale d​er beiden Lager s​ind die, d​ass die e​inen gern g​ute Musik hören, Bach Mozart etc., g​ern gute Bücher l​esen und Gedichte, s​ich schöne Bilder ansehen w​ie wir früher m​it Vater, z​war dies a​lles nicht e​twa gemeinsam w​ie eine f​este Gruppe, sondern einfach e​ben dass s​ie einzeln Interesse für schöne Dinge haben. Die anderen hören lieber Tanz- u​nd Jazzmusik, benehmen s​ich rüpelhaft i​m Unterricht, führen schlechte Sitten e​in (unter anderem d​as Rauchen, w​as bis v​or längerem h​ier in Eerde verboten war) u​nd fletzen s​ich den ganzen Abend u​m ein lautschreiendes Radio usw. Aber z​u richtigen Kämpfen i​st es bisher n​och nicht gekommen.“[170] Natürlich äußern s​ich hier familiäre Vorprägungen e​ines Jugendlichen d​urch sein Elternhaus, e​r ist Sohn e​ines Landarztes, d​och könnte s​ich hier durchaus a​uch eine Verstärkung derartiger Einstellungen d​urch die Zugehörigkeit z​u dem Kreis u​m Wolfgang Frommel manifestieren, d​em Wolfgang Cordan unterstellt, geheimen Hochmut u​nd geheime mentale Vorbehalte z​u pflegen u​nd die Welt n​ur als e​ine unwürdige Szenerie für d​en Vollzug ‚wahren Lebens‘ z​u betrachten. Für Cordan i​st dies d​as Hidden curriculum, hinter d​er viel gelobten u​nd bewunderten Arbeit – z​um Beispiel der, d​es stillen u​nd freundlichen Musiklehrers William Hilsley.[171]

Vom großbürgerlichen Kind zum Bildungsbürgertum

Die überwiegende Herkunft d​er Schülerschaft a​us dem deutschen Bildungsbürgertum f​and ihre Fortsetzung i​n dem, w​as aus i​hnen selber geworden ist. Hanna Jordan zitiert d​azu Hans A.Schmitt, d​er anlässlich d​es Altschülertreffens 1996 feststellte:

„Die Teilnehmer s​ahen fröhlich a​us und wirkten r​echt gut erhalten. Sie k​amen aus a​ller Welt, USA, Kanada, Niederlande, Israel, Großbritannien, Schweden, Deutschland u​nd Österreich. Vertreter a​ller Berufe, f​ast alle pensioniert o​der ähnliches: Journalisten, Unternehmer, Banker, Archivare, Hochschullehrer, e​ine Bühnenbildnerin, Musiker, Verleger, Ärzte u. a. m. Erstaunlicherweise nahmen a​lle den m​eist seit über e​inem halben Jahrhundert unterbrochenen Dialog wieder auf, nachdem Krieg u​nd Holocaust d​ie Menschen überall h​in verstreut hatte.“[94]

Hans A. Schmitt w​eist an anderer Stelle darauf hin, d​ass 6 d​er ehemaligen 14 Eerde-Schüler, d​ie zusammen m​it ihm d​as Oxford-Examen bestanden haben, promoviert wurden u​nd viele andere später Stellen a​n Hochschulen einnehmen konnten, a​uch an d​er Harvard University u​nd an d​er Yale University.

„But w​hat made t​he student body, i​n retrospect, a​s extraordinary a​s the faculty w​as the g​ifts and achievemnets o​f many o​f its members. As m​y contemporaries a​mong the school population p​ass in review, I cannot c​laim to h​ave lived a​mong geniuses, b​ut I remember a​n unusual number o​f successful talents.“

„Aber w​as die Schülerschaft i​m Nachhinein s​o außergewöhnlich machte w​ie das Kollegium, d​as waren d​ie Begabungen u​nd Leistungen vieler i​hrer Mitglieder. Wenn m​eine Altersgenossen u​nter der Schülerschaft i​m Rückblick vorüberziehen, k​ann ich n​icht behaupten, u​nter Genies gelebt z​u haben, a​ber ich erinnere m​ich an e​ine ungewöhnliche Anzahl erfolgreicher Talente.“[172]

Die i​n den nachfolgenden Abschnitten skizzierten Schülerbiographien liefern hinreichende Belege für d​iese These.

Entwicklung der Schülerzahlen

Mit z​wei Schülern h​atte die Schule i​hre Arbeit begonnen, d​och die Schülerzahlen stiegen schnell. „In t​he autumn o​f 1936, 1o3 students w​ere in attendance: 96 boarders a​nd 7 day-students. The number o​f Dutch children h​ad risen t​o 17. Shortage o​f space necessitated t​he opening o​f another dormitory, a​t the v​illa ‚De Esch‘, w​here 18 students l​ived under t​he supervision o​f Werner Hermans a​nd his wife, Thera. [..] By t​he end o​f 1938 t​he student b​ody reached i​ts prewar maximum, approximately 150, including 21 Dutch pupils a​nd 15 offspring o​f faculty. Staff h​ad risen t​o 16. By September 1939, 300 children attended o​r had passed through t​he castle’s classrooms and, i​n many cases, completed a​n education f​rom which German racial decrees w​ould otherwise h​ave excluded them.“[173] Zu dieser Zeit w​ar auch d​er Geldtransfer für d​ie deutschen Schülerinnen u​nd Schüler n​och möglich, s​o dass d​ie finanzielle Situation d​er Schule gesichert blieb.

Schülermitbestimmung

Sowohl Feidel-Mertz[33] a​ls auch Hans A. Schmitt weisen a​uf die starke Stellung d​er Schüler-Selbstverwaltung a​n der Schule hin. Schmitt s​ieht darin – institutionalisiert i​n den Schulversammlungen – e​ine bewusste Anlehnung a​n die Konzepte d​er deutschen Landerziehungsheime. „Periodic assemblies o​f the entire community m​ade decisions a​bout rules o​f conduct. The advice o​f teachers naturally carried uncommon weight, b​ut teachers d​id not r​un this institution. The c​hair was always occupied b​y a student, almost invariably o​f the a​ge group closest t​o graduation, elected f​or one term. Early i​n 1935 students a​lso elected a committee o​f ten t​hat applied a​nd implemented school r​ules and h​ad jurisdiction o​ver all a​reas of community life, except instruction. The m​ost visible aspect o​f their w​ork was t​he sharing o​f responsibility w​ith faculty f​or the supervision o​f the school a​fter the evening meal, including t​he ‚lights out‘ ritual f​or the different a​ge groups.“[174] Für Hanna Jordan manifestiert s​ich in d​er Schülermitbestimmung etwas, w​as sie m​it dem „Eerder Geist“ umschreibt: „Der Eerder Geist machte e​ine frühe Form v​on Mitbestimmung v​on Schülern, außer i​n Fragen d​es Lehrplans, i​n den dreißiger Jahren bereits möglich. Diese w​ar späteren Versuchen, z. B. i​n den sechziger Jahren, a​n Qualität w​eit voraus. Der unaufdringliche Quäker-Background setzte h​ier Maßstäbe.“[94] In diesem Zusammenhang beschreibt s​ie auch einige Aspekte, d​ie den schulischen Alltag a​us der Schülerperspektive beleuchten:

„In unserer Mitte g​ab es erfreulicherweise k​eine ‚Heiligen‘. Nichts menschliches w​ar uns fremd, Ärger u​nd Kummer blieben u​ns nicht erspart. Aber d​as war e​s ja gerade! Freundschaften zwischen d​en älteren Mädchen u​nd Jungen z. B. m​it deutlich erotischer Komponente wurden m​it Argusaugen, a​ber liebvoll u​nd unauffällig v​om Lehrerkollegium beobachtet. So manche Eltern, a​uch die meinen, erhielten v​on Zeit z​u Zeit Zustandsberichte. Ein Pärchen w​urde tatsächlich d​er Schule verwiesen. Für a​lle war e​in notwendiges Maß a​n Disziplin selbstverständlich, u​nd wenn Fehltritte geahndet wurden, s​ah man d​as auch m​eist ein. Ein n​icht unwesentlicher Punkt, a​uch damals s​chon ein gewisses Problem, w​ar die Frage: To smoke, o​r not t​o smoke? Während e​iner der berühmten ‚Stehversammlungen‘ n​ach dem Mittagessen a​uf der Freitreppe d​es Schlosses, geleitet d​urch Schüler, w​urde beschlossen: No smoking. Bei e​iner solchen Gelegenheit k​am auch s​chon mal d​as Lehrpersonal z​u Wort.“[94]

Der dreizehnjährige Klaus Seckel, d​er seit September 1941 i​n dem d​en jüdischen Kindern vorbehaltenen Haus De Esch lebt, beurteilt i​m Dezember 1941, z​wei Jahre n​ach Hanna Jordans Weggang a​us Eerde, d​ie Selbstverwaltung weitaus skeptischer: „Drüben i​st Jochen, d​er ehemalige Schulgemeindeleiter abgesetzt u​nd ist e​in Triumphirad gebildet worden, bestehend a​us Tom, Aneke u​nd Peter. Alle 2 Wochen s​ind Abende, w​o Beschlüsse u​nd ähnliches gefasst werden. Diese Abende s​ind verpflichtend. Zwischendurch s​ind noch einiege Discussionsabende welche n​icht verpflichtend sind. Einiege (die meisten Deutschen davon) s​ehen diesem Triumphirad s​ehr pessimistisch entgegen. Ich d​enke nur d​as es sicherlich n​icht viel schlechter werden kann, w​ie es i​n der letzten Zeit u​nter Jochens Leitung war.“[175]

Schülerbiografien

Bei mehreren Hundert Schülerinnen u​nd Schülern, d​ie im Laufe i​hres Bestehens d​ie Quäkerschule Eerde besucht habe, m​uss sich e​in biografischer Überblick a​uf Einzelfälle beschränken. Zuvor s​oll jedoch e​in Überblick v​on Hans A. Schmitt zitiert werden, d​er die erfolgreiche Arbeit d​er Vorkriegsjahre herausstellt:

„Frühere Befürchtungen, d​ass das idyllische Leben innerhalb d​es Schlossgrabens d​ie Fähigkeit d​er Schüler beeinträchtigen könnte, s​ich selbstständig i​n der Fremde zurechtzufinden, erwiesen s​ich ebenfalls a​ls unbegründet. In d​en letzten z​wei Jahren v​or dem Krieg mehrten s​ich die Erfolgsgeschichten, d​ie ein v​iel ermutigenderes Ergebnis bestätigen. Einige Inhaber d​es Oxford School Certificate setzten i​hre Ausbildung a​n der St. Andrews University i​n Schottland fort, während fünf Eerde-Absolventen m​it Wohnsitz i​n den Vereinigten Staaten Colleges u​nd Universitäten v​on Swarthmore u​nd Haverford b​is zur University o​f California i​n Berkeley besuchten. Andere h​aben erfolgreich e​ine Berufsausbildung absolviert. Gerda LeRoy w​urde Kindergärtnerin i​n Amsterdam; Carl Jacoby, e​in besonders vielversprechender Praktikant d​es Töpferstudios v​on Thera Herman, perfektionierte s​ein Handwerk i​n New York; Peter Liebermann arbeitete n​ach Abschluss e​ines Landwirtschaftskurses i​n England a​uf einem Bauernhof i​n Australien; u​nd jüngere Absolventen d​er Grundschule v​on Heinz Wild, d​ie sich wieder m​it ihren Familien i​m Ausland vereint hatten, w​aren sehr erfolgreich a​n weit entfernten Schulen i​n Portugal u​nd Kalifornien. Einige, d​ie durch d​ie Umständen gezwungen waren, n​ach Deutschland zurückzukehren, blieben besonders entschlossen, i​hren Kontakt z​ur Schule aufrechtzuerhalten u​nd schrieben regelmäßig a​n Freunde u​nd Lehrer. Auch s​ie haben s​ich schulisch i​n diesem unwirtlichen Klima, i​n das s​ie zurückkehren mussten, e​inen Namen gemacht.[176]

Hans A. Schmitt: Quakers and Nazis. S. 131

Dennoch s​ind natürlich v​on den vielen Schülerinnen u​nd Schülern n​ur wenige öffentlich sichtbar geworden o​der in Erinnerung geblieben – a​llen voran d​ie oben s​chon vorgestellten jüdischen Kinder u​nd Jugendlichen, d​ie dem Nazi-Terror z​um Opfer fielen. So k​ann der nachfolgende Überblick über einzelne Schülerbiografien a​uch nur e​ine schmale u​nd zufällige Auswahl bieten, gestützt a​uf die vielfältigsten Publikationen über d​ie Schule. Dem Überblick l​iegt zudem e​ine Dreiteilung zugrunde: Zuvorderst stehen d​ie Namen derer, d​ie sich a​us unterschiedlichsten Quellen a​ls Schülerinnen u​nd Schüler identifizieren ließen. Dann folgen z​wei Spezial-Gruppen: Zum e​inen diejenigen, d​ie sich eindeutig, a​uch aufgrund eigener Schriften, d​em Kreis u​m Wolfgang Frommel zurechnen lassen, i​n den a​uch die beiden Lehrer William Hilsley u​nd Friedrich W. Buri involviert waren, d​ann jene, d​ie – m​it ähnlichem Background – stärker z​u Wolfgang Cordan tendierten. Frommel u​nd Cordan zusammen s​ind für Keilson-Lauritz – i​n Anspielung a​uf die v​on den beiden gemeinsam publizierten Kentaur-Drucke – d​ie „Kentauren“: „Was s​ie vereinte, w​ar jedoch n​icht nur d​as Publikationsprojekt, sondern v​or allem j​ene ‚höhere‘ Form d​er Liebe, d​ie als pädagogischer Eros bezeichnet wurde. Dass Körperlichkeit d​abei nicht verschmäht wurde, lässt s​ich in d​en Erinnerungsberichten d​er Jüngeren zumindest zwischen d​en Zeilen nachlesen[177],“ i​m Falle v​on Claus Victor Bock a​uch ziemlich direkt.

Allgemeine Schülerbiografien
  • Bruno und Johannes Lüdecke, Zwillinge, waren die ersten Schüler der Schule (sie oben: Aufbaujahre). Für Hans A. Schmitt[24] waren sie „archetypisch für die Art von Schülern, die Eerde bevölkerten. Ihr halbjüdischer Vater, der von seiner Position als Direktor der Holzmindener Filiale der Braunschweiger Landesbank entlassen worden war, war gezwungen gewesen, seine Familie im Gästezimmer der Eltern seiner Frau in Berlin unterzubringen. Als die Gebrüder Lüdecke in Eerde ankamen, fanden sie keine Schule vor, sondern nur eine Ansammlung leerer Gebäude.“[178]
  • Die Geschwister Einstein
    • Heilwig Einstein[179] und ihr Bruder
    • Hans E. Einstein (3. Februar 1923 bis 11. August 2012) waren die Kinder von Josefa Spiero Einstein (später: Warburg) und Fritz Einstein. Die Kinder verbrachten ihre Kindheit in Hamburg. Die Eltern waren Quäker, aber jüdischer Herkunft. Ein Jahr, nachdem Hitler die Macht übernommen hatte, im Jahre 1934, verließ die Mutter ihren Mann und zog mit den beiden Kindern nach Eerde, wo sie für die Hauswirtschaft verantwortlich wurde. Hans schloss seine Schulzeit in Eerde im Alter von 16 Jahren ab und ging als Austauschstudent in die Vereinigten Staaten. Er besuchte die Furman University in Greenville (South Carolina), wo er Medizin studierte. Später avancierte er zur führenden Autorität über das Valley-Fieber, einer Lungenkrankheit.[146]
  • Hanna Jordan wurde unter den Erfahrungen des Kriegs, den sie in Deutschland erlebte, eine engagierte Quäkerin.[180] Sie wirkte schon als Schülerin bei der Bühnenausstattung von Schulaufführungen in Eerde mit und wurde später eine bedeutende Bühnen- und Kostümbildnerin.
  • Die Brüder Schmitt
    • Hans A. Schmitt (* 1921 in Frankfurt am Main – † 2006), Sohn von Elisabeth Schmitt erhielt ebenfalls die amerikanische Staatsbürgerschaft und wurde Historiker.
      Er besuchte Eerde von 1934 bis 1937 und anschließend Colleges in Washington und Lee. An der University of Chicago studierte er Geschichte und schloss das Studium 1943 mit einem A.M. (Master) ab. Nachdem er amerikanischer Staatsbürger geworden war, trat er in die Armee ein und diente in deren Geheimdienst in Europa. Nach dem Krieg heiratete er Florence Arlene Brandow und promovierte 1953. Stationen seiner akademischen Laufbahn waren die University of Oklahoma, die Tulane University, die New York University und von 1971 bis 1991 die University of Virginia.[181]
      Seine eigene Geschichte und die seiner Familie hat er in dem Buch Lucky Victim beschrieben (siehe Literatur), und seine Studie Quakers and Nazis beinhaltet auch eine Auseinandersetzung mit der Geschichte der Quäkerschule Eerde (siehe unten bei Literatur). Weitere Aufsätze von ihm sind auf der Webseite VQR-Journal: Hans A. Schmitt zugänglich. Zum Nachweis im WorldCat siehe: WorldCat-Identity of Hans A. Schmitt.
    • Richard Schmitt (* 5. Mai 1927 in Frankfurt am Main) kam 1946 in die USA und wurde 1952 eingebürgert.[182] Über ihn und seine Zeit in Eerde gibt es nur einen kurzen Hinweis in einer Publikation seines Bruders. Im Zusammenhang mit der Verpflegung der im Haus „De Esch“ separierten jüdischen Kinder schreibt der: „Das Küchenpersonal des Schlosses kochte weiter für die jüdischen Kinder, und Elisabeth Schmitts Sohn Richard - Sohn eines arischen Vaters, der unter eindeutigem Verstoß gegen die deutschen Anweisungen in De Esch wohnte - brachte mit einem an sein Fahrrad angehängten Wagen das Essen zu diesem Gelände.“[183] Wie sein Bruder Hans hat auch Richard Schmitt in den Vereinigten Staaten eine akademische Laufbahn einschlagen können: „Am Ende des Zweiten Weltkriegs gelang es ihm, nach Chicago zu ziehen, wo er die University of Chicago besuchte. Mit einem MA in Philosophie ging er nach Yale. Nach seiner Promotion wechselte er an die Brown University, wo er für philosophische Traditionen verantwortlich war, die von seinen analytisch orientierten Kollegen verachtet wurden. Er lehrte viele Jahre lang Existenzialismus und fügte in den späten 1960er Jahren den Marxismus seinem Repertoire hinzu. Im Jahr 2000 zog er sich von Brown zurück und lehrt seitdem an der Worcester State University und anderen Institutionen im Raum Worcester. Er hat Bücher und Artikel über Existenzialismus, Marxismus, Sozialismus und feministische Theorie veröffentlicht.“[184]
  • Kurt Aufrichtig nannte sich später Keith Andrews und wurde Kunsthistoriker in Großbritannien.
  • Wulf Künkel war wohl vom 7. September 1937 bis zum 29. September 1941 an der Schule.[185] Es handelte sich bei ihm sehr wahrscheinlich um den Sohn von Fritz Künkel und dessen Frau Ruth. Fritz Künkel hatte „ja selbst drei halbjüdische (!) Kinder, die er zu ihrer eigenen Sicherheit 1934 in einem holländischen Internat unterbrachte.“[186] Ob Wulf Künkel tatsächlich schon seit 1934 oder, wie es Feidel-Mertz nahelegt, erst ab 1937 an der Schule war, muss offen bleiben. Ebenso fehlen bei Feidel-Mertz Hinweise auf seine Geschwister Peter und Ruth-Maria (eventuell auch Eva-Maria, verheiratete Lipski) als Schüler von Eerde. Wulf wiederum wird in der Meldung Das erste Lebenszeichen im Aufbau vom 8. Juni 1945 als in Amsterdam befindlich erwähnt. Es handelt sich bei ihm vermutlich um den am 3. September 2013 verstorbenen Physiker am „Berkeley Lab“.[187]
  • Peter Künkel wird in den Eerder Berichtsblätter vom September 1938 als jemand erwähnt, der nach „Haverford (U.S.A.)“ gegangen sei, was ein Hinweis auf das Haverford College sein könnte.[188] Petra Bonavita weiß über ihn zuberichten, dass er in Eerde als Palma Kunkel bekannt gewesen sei – in Anlehnung an eine Figur aus den Galgenliedern von Christian Morgenstern. Zusammen mit seinem Freund Fritz Hoeniger habe er im Sommer 1938 in Eerde das Oxford School Certificate erworben. 1940 habe er versucht, für Fritz Hoeniger ein Affidavit für die USA zu organisieren.[189]
  • Frederick J. David Hoeniger, bekannt auch als Fritz Hoeniger oder David F. Hoeniger, * 1921 in Görlitz, besuchte die Schule in Eerde und erhielt im Jahr 1938 das Oxford School Certificate. Hegner lässt ihn seine weitere Geschichte erzählen: „Das Leben nach meiner Emigration 1938 gestaltete sich anfangs sehr schwierig. Englische Quäker brachten mich provisorisch für neun Monate in einem landwirtschaftlichen College unter. Später kam ich an eine schottische Universität, wurde dort aber als Deutscher zwangsinterniert. Alle Internierten wurden mit einem Schiff nach Kanada gebracht.“[190] Später zog er nach Toronto, wo er das Victoria College in der Universität von Toronto besuchte. Im Jahr 1946 schloss er sein Studium mit einem Bachelor of Arts in englischer Sprache ab. Von 1946 bis 1947 war er Dozent an der University of Saskatchewan und kehrte dann für die Jahre von 1948 bis 1955 als Dozent an das Victoria College zurück. Während dieser Zeit erhielt er einen Master (1948) und einen Ph. D (1954) von der University of London in der Folge eines British-Council-Stipendiums in den Jahren 1951 bis 1953. Im Jahr 1954 heiratete er seine erste Frau Judith F. M. Hoeniger, mit der er zwei Kinder hatte. Nach 1955 wurde Hoeniger auf viele Stellen an der Universität von Toronto berufen, unter anderem als Assistenz-Professor 1955, Associate Professor 1961, ordentlicher Professor 1963, Direktor des Zentrums für Reformation und Renaissance in den Jahren 1964–1969 und 1975–1979 und schließlich zum Vorsitzenden der Englischen Abteilung zwischen 1969 und 1972. Hoeniger ging in den frühen 1990er Jahren in den Ruhestand und wohnte mit seiner zweiten Frau Xu Xueqing in Toronto.[191] Sehr ausführlich wird das Schicksal der Familie Hoeniger von Petra Bonavita dokumentiert.[192]
  • Nicht namentlich genannt wird ein Junge, der im Sommer 1942 ebenfalls aus dem Haus „De Esch“ geflohen und nach Frankreich gelangt sei.[193]
  • Die Schwestern Ruhm
    • Beate Ruhm von Oppen (1918–2004)[194] war in den Anfangsjahren der Schule in Eerde gewesen und drängte ihre Eltern, auch ihre jüngere Schwester, Delia, nach Eerde zu schicken. Beate Ruhm von Oppen wurde 1939 an der University of Birmingham als B.A. graduiert und verbrachte die Monate 9/1968–5/1969 als „Member for Historical Studies“ am Institute for Advanced Study in Princeton.[195] Beate Ruhm von Oppen hat Bücher über den Deutschen Widerstand publiziert und über die Zeit der Besatzung nach dem Zweiten Weltkrieg.[196]
    • Delia Ruhm (* 1925 – † September 2014, verheiratete Walker), die auf Intervention ihrer älteren Schwester nach Eerde gekommen war, blieb nach den Sommerferien 1939 auf Wunsch ihrer Eltern in England.[197]
      Die beiden Schwestern waren Schülerinnen der ersten Berliner Rudolf-Steiner-Schule. „Beide waren jüdischer Abstammung. Sie wuchsen in Berlin auf. Ihr Vater, Ernst Ruhm, arbeitete als Anwalt und ihre Mutter, Hilde Isaac, war eine bekannte Sopran-Sängerin. Delia wechselte von der ungeliebten Volksschule auf die Rudolf Steiner Schule, auf der sie sich sehr wohl fühlte. [..] Als die Nationalsozialisten die Schulerziehung für jüdische Schüler verboten, besuchte Delia eine internationale ‚Quaker‘-Schule in den Niederlanden. 1939 zog sie dann zu ihrer Schwester Beate nach England, wo sie eine Schule in Cambridge besuchte. Kurze Zeit später konnten die Eltern der beiden Mädchen ebenfalls nach England emigrieren. Delia war immer schon eine begeisterte Flötistin. Nachdem sie ein Stipendium für die „Royal Academy of Music“ in London bekommen hatte, konnte sie dieses Instrument studieren und dann eine erfolgreiche Karriere als Flötistin starten. Delia heiratete Harlan Walker, mit dem sie eine Familie in Birmingham gründete. Sie starb mit 89 Jahren und hinterließ ihren Mann, zwei Söhne, eine Tochter und sieben Enkelkinder. Ihre Schwester Beate ging in die USA und arbeitete dort als Historikerin und Lehrerin. Sie starb mit 86 Jahren. Delia, ihre Schwester und ihre Eltern überlebten den Holocaust. Dank ihrer finanziellen Mittel hatten sie das Exil erreicht. Etwa 6 Millionen Juden gelang dies nicht: Sie erlagen dem grausamen Völkermord.“[198]
  • Anna Isaac (* 4. November 1922 in Frankfurt am Main, später A(e)nne Alexander), kam Anfang 1939 zusammen mit ihrem später deportierten Bruder Hermann (siehe oben) aus Frankfurt an die Quäkerschule Eerde. Sie reiste im Sommer 1939 nach England und konnte dann nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs nicht mehr nach Holland zurückkehren.
    Die Eltern von Hermann und Anne Isaac waren der Internist Simon Isaak (3. Juli 1881 in Köln – † 2. Februar 1942 in London) und die Arabistin Eveline Lypstadt (* 10. September 1898), wie ihr Mann ebenfalls israelitischen Glaubens. Simon Isaak war von 1925 bis 1939 Chefarzt im Jüdischen Krankenhaus in Frankfurt und seit 1921 ao. Professor an der dortigen Universität. 1935 wurde ihm an der Frankfurter Universität die Lehrbefugnis entzogen, 1938 folgte der Entzug der Approbation. 1939 emigrierte er zusammen mit seiner Frau Evelyn nach England.[199]
  • Noni Warburg, * 15. März 1922, hieß eigentlich Charlotte Esther, wurde aber „nach einem Kinderbuch mit dem Titel ‚Noni, Loni nur ein Mädchen‘ nur Noni gerufen“.[200] Nach ihrer Heirat hieß sie Esther Shalmon und lebte in Israel, in Bear Sheva-Omer. Sie hatte 4 Kinder, acht Enkelkinder und elf Urenkel.[201]
    Nonis Eltern waren Anna und Fritz Warburg, ein entfernter Verwandter aus der großen Warburg-Familie, den Anna 1908 geheiratet hatte. Beide waren prominente Juden in Hamburg und engagierten sich vor ihrer Flucht nach Schweden (1939) in vielen sozialen jüdischen Einrichtungen.[202] Noni Warburg ist die Schwester von Eva Warburg und Ingrid Warburg Spinelli sowie eine jüngere Cousine des in Eerde unterrichtenden Max. A. Warburg (siehe Abschnitt „Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“). Der Lehrer William Hilsley war ein Schulkamerad ihrer Schwester Ingrid aus der Schule Schloss Salem.
    Noni Warburg kam 1935 nach Eerde, nachdem sie als jüdische Schülerin in Hamburg von der Schule verwiesen worden ar. Nach Chernow hat ihr älterer Cousin, Eric M. Warburg die Schule finanziell unterstützt.[203]
    In dem Schulinfo „Quaker School Eerde“, Vol. III, No. 1, October 1939, heißt es in der Rubrik Hausnachrichten, dass Noni Warburg nach bestandenem Examen nach Schweden als Kindergärtnerin gegangen sei. Sie verließ die Schule zur gleichen Zeit wie Hanna Jordan. Im Vol. III, No 3, january/february 1940, berichtete Noni, dass sie in einem Kindergarten arbeite, der einem von den Quäkern gegründeten „settlement“ in einem sehr armen Teil von Stockholm angeschlossen sei.[60] Möglicherweise ging diese Tätigkeit aber auch noch mit einer Ausbildung einher, denn ihre Schwester Ingeborg Warburg Spinelli berichtet in ihren „Erinnerungen“: „Noni wurde Kindergärtnerin in Stockholm im Pestalozzi-Fröbel-Haus. Sie machte ihr Examen bei Alva Myrdal, der Frau von Gunnar Myrdal und damaligen Direktorin des Instituts für SozialPädagogik.“[204]
    Aus den Jahren 1944 und 1945 ist ein Briefwechsel zwischen Noni Warburg und William Hilsley dokumentiert, den dieser noch aus dem Internierungslager heraus führte und während seiner Befreiung von Italien aus fortsetzte.[205]
    Über ihr Leben nach dem Zweiten Weltkrieg berichtet Chernow, dass sie in Israel mit tauben und blinden Kindern gearbeitet habe.[206] Am Beispiel ihres Sohnes David musste sie allerdings auch erleben, wie sich ein Teil der jüngeren israelischen Generation, „die mit der Vergangenheit ihrer Eltern und Auseinandersetzung über Probleme der Gegenwart, mit dem Nationalsozialismus und dem Zionismus nicht fertig wird, in einen Elfenbeinturm in geschlossene, mystisch-religiöse Gemeinschaften zurückzieht, die sie mit ihrer Dogmatik davor schützen, sich mit der Gegenwart wirklich auseinanderzusetzen. [..] David [..] entschloß [sich], orthodox zu werden und in eine Jeschiwah zu gehen, weil er mit den Problemen Israels nicht fertig wurde. [..] Diese Flucht in die Vergangenheit oder in religiöse Orthodoxie läßt nur einen kleinen Platz im Herzen für eine begrenzte Beziehung zu den Eltern. Bei meiner Schwester Noni und ihrem Mann Seef haben mir vor allem ihre bewundernswerte Ruhe und Überlegenheit und Nonis Geduld Eindruck gemacht.“[207]
  • Werner John Bing (* 27. August 1919) war ebenfalls ein Schüler in Eerde und stammte aus einer Familie, die mit den Warburgs entfernt verwandt war. Er und seine Schwester Anneliese (* 16. September 1920. später verheiratete Ann Halstead) waren Kinder des Ehepaares Ernst und Erna (geborene Stern) Bing. „Die Familie war entfernt mit den Warburgs verwandt. Ernest Bing besaß zusammen mit seinem Schwager Walter Stern ein Sach- und Unfallversicherungsgeschäft.“[208]
    In den frühen 1930er Jahren ging Werner nach Eerde, weil die Schule als ein sicherer Ort für Juden galt. „1938 reiste Werner durch Deutschland, um am 80. Geburtstag seines Großvaters Leo Stern in der Schweiz teilzunehmen. Dies war das letzte Mal, dass er durch Deutschland reiste, bevor er sechs Jahre später als amerikanischer Soldat zurückkehrte. Ein paar Monate später zog er mit seiner Schwester Annelise nach England.“[208]
    Werner arbeitete hier im Büro einer Niederlassung des Geschäfts seines Vaters. Die Eltern emigrierten 1938 in die USA, wo sie ihr Geschäft neu aufbauten. Werner und Anneliese folgten ihnen 1939. „Nach dem Eintritt Amerikas in den Zweiten Weltkrieg trat Werner John in die Armee der Vereinigten Staaten ein und diente zunächst als Artillerist und später als Vernehmer von gefangenen Nazis. Nach seiner Rückkehr in die Vereinigten Staaten heiratete er am 9. Februar 1947 Maya Spiegelberg.“[208] Ob Werners Schwester Anneliese auch Schülerin in Eerde war, ist nicht überliefert.
  • Peter West Elkington, * 24. Juli 1923 in Germantown (Pennsylvania) – † 23. September 2009 in Revelstoke (British Columbia), besuchte zunächst in Germantown eine Quäkerschule. Im Schuljahr 1938/1939 besuchte er die Quäker Schule in Eerde, während seine Eltern für Quaker-Organisationen in Berlin arbeiteten. Danach verbrachte er ein Jahr an der Westtown School in den USA, bevor er 1941 zum Militärdienst eingezogen wurde.[209]
    Was aus diesem Nachruf nicht hervorgeht: Peter W. Elkington war kein jüdischer Schüler, sondern der Sohn des Leiters des „Internationalen Quäker-Büros“ in Berlin, Howard Elkington. Vater Elkington, sein Sohn und ein Freund von diesem unternehmen im Sommer 1939 zusammen eine Reise durch Deutschland. Sie besuchen Stuttgart und werden kurz danach vom deutschen Überfall auf Polen überrascht. Howard Elkington telefoniert mit Berlin und erfährt, dass sein britischer Stellvertreter geflohen war. Er beschließt darauf, sofort nach Berlin zu reisen „und weist seinen Sohn und dessen Freund an, mit dem Cabrio bis nach Paris zu fahren, um von dort aus nach Eerde zu gelangen. Ohne einen Führerschein und nur mit ein paar Brocken Französisch beginnen die beiden Jugendlichen eine abenteuerliche Reise durch Frankreich, in dem schon die Truppen mobilisiert werden.“[190] Was sich anschließt, ist ein Road-movie: Auseinandersetzung mit der französischen Gendarmerie, Weiterfahrt nach Paris, Trennung der beiden Freunde und Rückgabe des Autos, Frankreich und Großbritannien erklären Deutschland den Krieg, Schließung der französischen Grenzen. Peter W. Elkington sitzt fest und kann nicht nach Eerde weiterreisen. Mit seinem letzten Geld kann er eine Schiffspassage nach Großbritannien bezahlen und erwischt dort ein Ticket für das letzte noch in Richtung USA auslaufende Schiff, die Aquitania. „Damit die Aquitania nicht geortet werden kann, herrscht während der Überfahrt totale Funkstille. Mit Höchstgeschwindigkeit steuert man auf New York zu. So taucht Tage später die Aquitania wie aus dem Nichts im Hafen auf, wo man schon den Untergang des Schiffes befürchtet hatte. Die abenteuerliche Flucht des 16jährigen nimmt ein glückliches Ende.“[190]
    Elkington überlebte auch den Zweiten Weltkrieg. Er studierte in Harvard Geschichte und schloss das Studium 1949 ab. Danach absolvierte er in den frühen 1950er Jahren einen Master of Education an der Temple University und begann eine lange Karriere in der Lehre. Nachdem seine erste Ehe 1967 geschieden wurde, heiratete er Mary Ruth (Sharum) Schwarz und zog ins kanadische Yukon-Territorium. Er wurde kanadischer Bürger, und er und seine Frau lebten in verschiedenen Städten in British Columbia. Vom Jahr 1977 lebte das Paar in Revelstoke. Nach seinem Ausscheiden aus dem Schuldienst eröffnete er ein Computer-Geschäft und begann zu schreiben.[209]
  • Guus Hollander wird von Hanna Jordan als toller Organisator des Altschülertreffens gerühmt und als Banker in Holland, bei dem ein Gratiskonto für den Gedenkstein in Eerde eingerichtet worden sei.[94] Altersmäßig passend könnt es sich bei ihm um Guus Hollander, * 25. Dezember 1925 – † 9. April 2016, aus Emmen handeln, über den es in einem kurzen Nachruf heißt: „In Emmen ist Herr Guus Hollander im Alter von neunzig Jahren verstorben. Er war in den frühen Tagen des Profifußballs [..], von April 1987 bis 1989, Mitglied des Vorstands der damaligen Vereins in Emmen. Der Bank-Manager hatte die Finanzen des Vereins zu reorganisieren und tat dies mit harter Hand. Guus Hollander wurde bekannt als der Mann, der die Hand auf den Geldbeutel hielt, als dieser durch unverantwortliche Ausgaben bedroht war.“[210]
  • Hans Schneider, * 24. Januar 1927 in Wien; † 28. Oktober 2014 in Madison (Wisconsin), war ein in Österreich geborener britisch-US-amerikanischer Mathematiker.[211]
  • Werner Warmbrunn, * 1920 in Frankfurt am Main; † 19. Juli 2009 in Claremont (Kalifornien), war der Sohn des Chemikers David Warmbrunn, der ein eigenes kommerzielles Laboratorium besaß. 1936 zog die Familie Warmbrunn nach Amsterdam, wo Werner Warmbrunn das Barleus Gymnasium besuchte. 1939 verließen seine Eltern die Niederlande und ließen sich in den Vereinigten Staaten nieder. Werner Warmbrunn blieb in Holland zurück und besuchte die Quäkerschule Eerde (vermutlich die Landbauschule). Im Jahr 1941 kam er in die Vereinigten Staaten, wo er bei seiner Schwester auf einem Bauernhof in der Nähe von Cornell (Ithaca (City, New York)) wohnte. Im gleichen Jahr noch begann er ein Studium an der Cornell University und schloss es 1943 mit dem BA ab.
    Werner Warmbrunn arbeitete danach als Lehrer an Schulen in New Hampshire und in Vermont, bevor er nach Kalifornien ging und an der Stanford University seinen Doktortitel in Geschichte erwarb.
    Zwischen 1949 und 1952 arbeitete Werner Warmbrunn als Co-Direktor an der Peninsula School in Menlo Park, Kalifornien. Von 1952 bis 1964 war er Berater für ausländische Studenten und Direktor am Bechtel International Student Center der Universität Stanford.
    1963 wurde Werner Warmbrunn vom damaligen Präsidenten an das Pitzer College berufen, um bei der Neugestaltung der akademischen Programme mitzuwirken. Hier wurde er 1991 emeritiert.[212]
    Hildegard Feidel-Mertz ist durch Warmbrunns Buch The Dutch under German occupation 1940–1945[213] auf ihn aufmerksam geworden und hat 1981 ein längeres Interview über die Quäkerschule Eerde mit ihm geführt.[60]
  • Carl Jacobi, ein ehemaliger Schüler aus Eerde, der laut den Eerder Berichtsblätter vom Februar 1939 nach New York abgereist war, berichtet in einem Brief vom 3. Januar 1941 über ein Altschülertreffen in New York. An diesem Treffen haben unter anderem teilgenommen[214]:
    • Lore Dessauer[215] besuchte die Höhere Mädchenschule in Offenbach[216], die sie nach der Untertertia aufgrund ihrer jüdischen Abstammung verließ, um auf eine jüdische Schule in Offenbach zu wechseln, vermutlich an die 1935 gegründete jüdische Volksschule.[217] Da dort keine gymnasiale Ausbildung möglich war, schickten ihre Eltern ihre damals 13-jährige Tochter Eerde. Lores Vater starb im Februar 1939 an den Folgen seiner Haft in einem Konzentrationslager. Der Mutter gelang kurz darauf die Flucht nach England, wo sie im Sommer 1939 von Lore besucht wurde. Deren Rückkehr nach Eerde vereitelte der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Mutter und Tochter konnten 1940 in die USA emigrieren.
    • Peter Gruenthal
      Hans A. Schmitt erwähnt auch die spätere New Yorker Psychiaterin Ruth Gruenthal, geboren am 28. August 1922. Bei ihr handelt es sich vermutlich um die Schwester von Peter Gruenthal.[218]
    • Stefan Ochs
    • Richard (Ochs ?)
    • Halu Rose
    • Hans-Bernd Elkan
    • Gerd Alfred Elkan
    • Stefan Kaufmann. Bei ihm handelt es sich vermutlich um den von Schmitt erwähnten Physiker Steven Kaufmann, der am Argonne National Laboratory gearbeitet habe.[219] Ohne dessen Namen zu nennen berichtet Hanna Jordan aus Anlass eines Altschülertreffens über ihn: „Ein Junge aus Wuppertal, mit dem ich als Kind gespielt hatte und den ich 1937 zuletzt sah, (jetzt muß er so um die 77 sein) lebt bei Washington, hat einen abenteuerlichen Beruf und übt ihn immer noch aus. Er hat eine Supermaschine erfunden, die testen kann, ob eine Atomanlage kaputt zu kriegen ist oder standhält. Löst irre künstliche Erschütterungen aus.“[220]
  • Fritz Kestner (* 26. August 1916 in Hamburg – † 18. März 2007 Dorchester-on-Thames) besuchte die Schule in Eerde vom September 1934 bis zum Januar 1935. Er war der erste Schulgemeindeleiter (Schüler-Selbstverwaltung).[221]
    Fritz (Friedrich) Kestner wurde 1916 in Hamburg geboren. Er war Schüler der Lichtwarkschule. Nach seinem Schulabschluss in Eerde erhielt er einen Einberufungsbefehl zur Deutschen Wehrmacht und kehrte daraufhin nicht nach Deutschland zurück, sondern emigrierte nach England, als erster Schüler aus Eerde, der nach England ging. Seine Eltern Otto und Eva Kestner flohen wenige Wochen vor Ausbruch des 2. Weltkrieges ebenfalls nach England.[222]
  • Michel (Michael) Schottlaender war in den Jahren 1937 bis 1938 Schüler in Eerde.[214] Er wurde 1924 geboren und starb 1989. Michael Schottlaender, der sich später Scott nannte, war der Sohn von Rudolf Schottlaender und Hilde Marchwitza, der Schwester von Günther Anders.[223]
  • Peter Kaufmann wird von Hans A. Schmitt in einem 1940 geschriebenen Brief an seinen in Frankfurt lebenden Vater erwähnt: „Ich hatte meine überraschende Begegnung auf dem Campus mit einem Klassenkameraden aus Eerde, Peter Kaufmann, berichtet, der das Seminar der Brüderkirche an der Westseite von Chicago besuchte. Ich kritisierte kräftig und intolerant seine Entscheidung, Pfarrer zu werden, und betrachtete das als Verrat am aufgeklärten Unterricht an unserer Internatsschule. Mein Vater hat mich wegen einer solchen Respektlosigkeit gegenüber der Überzeugung eines anderen verurteilt, und ich verteidigte mich, indem ich darauf bestand, dass es nicht das Bekenntnis meines Klassenkameraden war, das mich abgestoßen hat, sondern die dogmatische Voreingenommenheit des Klerus auf Kosten der Ethik.“[224]
  • Marion Ballin (* 5. April 1921 in Hamburg – † 30. Mai 2009 in San Antonio) wird von Hans A. Schmitt als erste Mitschülerin in Eerde erwähnt, in die er verliebt gewesen sei. Er bezeichnet sie als die Enkeltochter des Hamburger Reeders Albert Ballin, die Mitte der 1930er Jahre die Schule in Eerde besucht habe und von dort aus 1935 zusammen mit ihrer Familie nach Mexiko emigrierte sei.[225]
    Marion Ballin war jedoch keineswegs die Enkeltochter des bekannten Reeders. Ihre Eltern waren Rosa Spiro Ballin (* 18. Mai 1895 – † 9. Mai 1932 in Hamburg)[226] und Alfons Ballin, geboren 1888 in Hamburg[227]. Aus welchem Zweig der weitverzweigten Ballin-Familie Alfons stammte, ist nicht bekannt.[228]
    Alfons Ballin, der sich auch Alfonso nannte, emigrierte tatsächlich nach Mexiko, allerdings ohne Marions Mutter, die zum Zeitpunkt der Emigration bereits verstorben war.[229], und insoweit stimmt dann auch der zweite Teil von Hans A. Schmitts Erinnerung an seine Schulfreundin.
    Marion Ballin ist später von Mexiko aus in die USA eingewandert und hat dort in erster Ehe Berthold Adler geheiratet.[230] In zweiter Ehe war sie mit dem amerikanischen Diplomaten und Wissenschaftler deutscher Herkunft Dr. Herbert John Spiro (* 7. September 1924 in Hamburg – † 6. April 2010) verheiratet und trug den Namen Marion Ballin Spiro.[231] Ob Herbert Spiro in verwandtschaftlichen Beziehungen zu der Familie Spiro stand, der seine Frau mütterlicherseits entstammte, ist nicht geklärt.
  • Marianne Josephs findet ebenfalls Erwähnung bei Hans A. Schmitt. Sie sei 1935 an die Schule gekommen, habe hier das „Oxford School Certificate“ erworben und sei ein oder zwei Jahre nach ihm, also 1938/1939 mit ihrer Familie nach Brasilien emigriert.[232]
    Marianne Josephs, zu der Schmitt eine langjährige Freundschaft unterhielt, konfrontierte ihn 1956 mit einer ihm unverständlichen Ablehnung der Kultur des Landes, das sie als Emigrantin aufgenommen hatte. „Ich erinnere mich, von ihrer Klage getroffen worden zu sein, dass Einwanderer wie sie nicht Brasilianer werden könnten wie Überlebende unserer Familie Amerikaner geworden waren. Sich zu assimilieren, sagte sie, bedeutete, ein ‚kulturelles Niveau‘ zu akzeptieren, zu dem sie nicht bereit wäre, sich herabzulassen. Ich war damals platt über diesen Kultur-Snobismus, aber in späteren Jahren bin ich dahin gekommen, diese Bemerkung in einem anderen Licht zu sehen. Die Josephs, wie die Ballins - und auch meine eigenen jüdischen Vorfahren - waren seit Generationen Deutsche und waren völlig unvorbereitet auf die plötzliche Ausgrenzung. Zwanzig Jahre nach dem Beginn unserer Jugendfreundschaft auf dem Weg ins Exil war deren älteste Tochter noch immer nicht mit dieser persönlichen und kollektiven Katastrophe fertig geworden. Die deutsche Zivilisation stellte noch immer die Maßstäbe dar, nach denen Marianne alles in ihrem physischen und spirituellen Bereich beurteilte. Auch ihr Leben war von Hitler vergiftet worden. Dennoch schlägt ihr jüdisches Herz in Sao Paulo - wo sie ihr Erwachsenenleben gelebt hat - wie während ihrer Kindheit in Deutschland weiterhin als deutsches.“[233]
    Im Aufbau vom 3. Juli 1942 stellen sich Marianne Josephs und Dr. Rudolf Lanz, beide wohnhaft in São Paulo als Verlobte vor.[234] Rudolf Lanz (* 18. Juli 1915 in Budapest – † 30. Juni 1998 São Paulo), ein Jurist, war wie Marianne Josephs († 1987), die er noch 1942 heiratete ein europäischer Emigrant, der in Brasilien Zuflucht fand. Dort widmeten sich beide der Anthroposophie und gehörten 1956 zu den Mitbegründern der ersten brasilianischen Waldorfschule.[235] „Mit der wachsenden Schule wurde eine Lehrerausbildung immer notwendiger. Anfänglich besuchten die künftigen Lehrerinnen und Lehrer noch das Waldorflehrerseminar in Stuttgart, Deutschland. Mit der Einführung der portugiesischen Sprache im Hauptunterricht wurde es notwendig, eine brasilianische Lehrerausbildung einzurichten. Aus Einführungskursen für Eltern, die vom Ehepaar Rudolf und Marianne Lanz organisiert wurden, entwickelte sich seit 1970 eine Ausbildungsstätte für Waldorflehrer.“[236] Rudolf Lanz hat Schriften von Rudolf Steiner ins Portugiesische übersetzt und selbst auch auf Portugiesisch Schriften über die Anthroposophie verfassr.[235] Seine Frau Marianne war „ihm bis zu ihrem Tode im Jahre 1987 seine treue Begleiterin auf allen seinen Wegen“.[235] Eine 1996 gegründete Waldorfschule in Sao Paulo heißt heute „Escola Rudolf Lanz“.[237]
  • Klaus Werner Epstein, (* 6. April 1927 in Hamburg; † 26. Juni 1967 in Bonn), war ein deutsch-amerikanischer Historiker.[238]
  • Karl Joachim Weintraub war seit 1935 Schüler in Eerde. Mit Unterstützung der Quäker konnte er 1948 in die USA einreisen und lehrte von 1954 bis 2002 als Historiker an der University of Chicago.
  • Tatjana Wood, geborene Weintraub, ist Karl Joachim Weintraubs Schwester und ebenfalls ehemalige Eerde-Schülerin. Sie entwickelte sich in den USA zu einer bekannten Coloristin von Comics.
  • Johan Hajnal-Kónyi (* 26. November 1924 in Darmstadt – † 30. November 2008 in London) war ein ungarisch-britischer Wissenschaftler auf den Gebieten der Mathematik und Statistik.[239] Er entstammte einem ungarisch-jüdischen Elternhaus. Seine Eltern flohen 1924 vor dem zunehmenden Antisemitismus in Ungarn und ließen sich in Darmstadt nieder. Von hier aus kam Johan 1936 nach Eerde, während seine Eltern erneut emigrierten, diesmal nach Groß-Britannien. 1937 folgte Johan seinen Eltern nach. Ab 1956 hatte er eine Anstellung an der London School of Economics.[240]
  • Michael Rossmann. Der spätere Biologe Rossmann war Anfang 1939 an die Quäkerschule gekommen.[241] Wie eine Vielzahl anderer Schülerinnen und Schüler auch, reiste er in den Sommerferien des gleichen Jahres zum Besuch von Eltern oder Verwandten aus Eerde ab und wurde durch den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs an einer Rückkehr nach Holland gehindert. Michael Rossmann blieb bei seiner Mutter in London und setzte seine Ausbildung später an einer englischen Quäkerschule fort.[242]
  • Barbara Seidler (* 10. November 1925 – † 2000 in England) war die Tochter von Georg Seidler (* 30. September 1900 in Braunschweig – † 1943 als Soldat auf der Krim) und dessen Ehefrau Luise-Emma Bernstein (* 21. Dezember 1900 in Braunschweig – † um 1975 in London).
    Während ihr Vater 1932 mit der Montaña-Expedition nach Peru aufgebrochen war, besuchte Barbara nach der Machtergreifung der Nazis die Schule Eerde und folgte dann 1934 zusammen mit ihrer Mutter dem Vater nach Peru. Nach der Rückkehr von dort – der genaue Zeitpunkt ist nicht bekannt – und der Trennung der Eltern konnte sich Georg Seidler vor seinem Tod im Jahre 1943 noch um seine bedrohte Tochter kümmern. „Sie entging der Zwangsarbeit und Deportation in der Diakonissen-Anstalt Neudettelsau bei Nürnberg, wo ihr Vater sie verborgen hatte. Nach Ende des Krieges folgte sie der Mutter nach England, sie wurde Ärztin und arbeitete in einem Londoner Krankenhaus.“[243] Lange Zeit lebte sie in Südafrika und leitete in KwaZulu-Natal eine Klinik für die schwarze Bevölkerung. Als sie sich gegen die Pläne der Regierung wandte, zehntausende Zulu in ein Homeland umzusiedeln, wurde sie des Landes verwiesen und lebte und arbeitete danach wieder in England.[243]
Freundeskreis um Frommel, Hilsley und Buri

2017 erschien i​n der Zeitung Vrij Nederland e​in Artikel v​on Frank Ligtvoet, e​inem ehemaligen Mitglied d​es Kreises u​m Frommel u​nd das Castrum Peregrini. Ligtvoet w​ar kein Schüler i​n Eerde, kannte a​ber viele d​er nachfolgend genannten Personen, u​nd vor a​llem natürlich Frommel, Hilsley u​nd Buri. Er erhebt schwere Missbrauchsvorwürfe v​or allem g​egen Frommel u​nd Hilsley u​nd geht d​avon aus, d​ass Hilsley i​n Eerde n​icht nur a​ls der gefeierte j​unge Musiklehrer agierte, sondern bereits a​ls ein sexueller Triebtäter, d​er hier s​eine ersten Opfer fand:

„Hilsley, d​ie ook n​a zijn d​ood in 2003 n​og altijd e​en geweldige reputatie h​eeft als leraar o​p Beverweerd, h​ad al eerder slachtoffers gemaakt tijdens z​ijn leraarschap o​p de kostschool Eerde i​n Ommen, w​aar hij v​anaf 1935 lesgaf. Frommel w​as op uitnodiging v​an Hilsley e​en voortdurende aanwezigheid o​p Eerde. De school w​erd spoedig e​en ‘visvijver’ v​oor Frommels kring: d​e eerste generatie Frommelianen v​an tijdens e​n na d​e oorlog bestond v​oor het overgrote d​eel uit scholieren e​n oud-scholieren v​an Eerde.“

„Hilsley, d​er auch n​ach seinem Tod 2003 n​och immer e​inen guten Ruf a​ls Lehrer i​n Beverweerd genießt, h​atte bereits während seiner Lehrtätigkeit i​m Internat Eerde i​n Ommen, w​o er a​b 1935 lehrte, Opfer produziert. Auf Einladung v​on Hilsley w​ar Frommel ständig i​n Eerde präsent. Die Schule w​urde bald z​u einem ‚Fischteich‘ für Frommels Kreis: d​ie erste Generation d​er Frommelianer während u​nd nach d​em Krieg bestand größtenteils a​us Schülern u​nd ehemaligen Schülern v​on Eerde.“[244]

Ligtvoet schreibt, e​r habe selber Kontakt z​u zwei Hilsley-Opfern a​us dessen Zeit i​n Eerde gehabt, d​ie aber n​icht mehr öffentlich über i​hre Erlebnisse sprechen konnten o​der wollten, u​nd er erwähnt e​in drittes Opfer, d​as Selbstmord begangen h​aben soll. Diese Vorwürfe werfen e​inen weiteren Schatten a​uf die Geschichte d​er Schule u​nd betreffen a​uch die Nachfolgeeinrichtungen n​ach dem Ende d​es Zweiten Weltkriegs. Auch h​ier sind s​ie wieder e​ng verbunden m​it dem Kreis u​m Wolfgang Frommel u​nd im Besonderen m​it William Hilsley.[245]

  • Claus Victor Bock, * 7. Mai 1926 in Hamburg – † 5. Januar 2008 in Amsterdam.

Sein 1985 erschienenes Buch „Untergetaucht u​nter Freunden“ (siehe Literatur) i​st ein spannendes Dokument über d​as Schicksal d​er Schülerinnen u​nd Schüler d​er Quäkerschule Eerde, d​ie sich d​em Diktum d​er Quäker, n​icht unterzutauchen, widersetzten u​nd in niederländischen Verstecken d​ie deutsche Besetzung überlebten. Bocks Buch i​st aber a​uch ein Dokument darüber, welche Rolle d​ie von Stefan George inspirierte (Homo)erotik i​m Kreis u​m Wolfgang Frommel b​eim Überleben während d​er Besetzung spielte. Zusammen m​it den Büchern v​on William Hilsley, Friedrich W. Buri u​nd – m​it Abstrichen – Wolfgang Cordan erweitert e​s den Blick a​uf die Quäkerschule Eerde jenseits e​iner eher reformpädagogisch orientierten Rezeption.

  • Liselotte Brinitzer, * 1921 – † 1945, „aus Hamburg gehörte zu den ältesten Alumnen, sie war schon eine junge Frau. Längst hatte sie ihr Oxfordexamen gemacht, aber sie kam nicht mehr weg. Vielmehr begnügten sich die Eltern, irgendwo fern in der Welt, das Pensionsgeld zu schicken. Sie warteten wohl den Lauf der Zeiten ab. [..] Liselotte gehörte zur George-Runde, offenbar als eine Art Vestalin.“[246] Liselotte Brinitzer war die Tochter einer jüdischen Kaufmannsfamilie aus Hamburg und kam in den 1930er Jahren bereits nach Eerde. Hier lernte sie auch Wolfgang Frommel kennen. In den 1940er Jahren tauchte sie unter – ob mit Frommels oder Cordans Hilfe ist nicht zu entscheiden. Sie hielt jedenfalls Kontakt zur Herengracht, hielt sich zeitweise auf dem Polderhof bei Wolfgang Cordan auf und hatte auch ein Versteck in Hilversum. „Liselotte wurde in Hilversum untergebracht, wobei sich Eva Piron zum ersten Male nützlich machte. Sie war in Eerde fertig und studierte nun Biologie in Amsterdam. Liselotte war der gute Geist des Polderhofs gewesen. Bei aller Entschiedenheit ging von ihr ein fraulicher Charme aus, der alle verzauberte. Im Garten, zwischen dem Gesträuch stand ein Holzhäuschen, das ich mir als Studio eingerichtet hatte. Dort schrieb ich, wenn ich eine Woche bei dem Jungvolk blieb. Dann kam sie wohl lautlos herein, stellte einen blauen Teller hin mit ein paar Himbeeren auf ihren Blättern. So waren Liselottes Gesten.“[247]
    „Sie überlebte den Krieg, starb aber im August 1945 in der Nordsee nahe Groet, nachdem sie beim Schwimmen von einer Strömung erfasst wurde.“[248] Dramatischer klingt es bei Wolfgang Cordan: „Es gab auch wirkliche Tragödien in den ungestümen Tagen. Aus ihrem Versteck in Hilversum kam Liselotte, das kluge, schöne Mädchen, eine junge Frau jetzt schon. Sie fuhr nach Bergen, ging um das Polderhaus herum, setzte sich unter einen großen Baum beim Eingangsgitter. Dann fuhr sie zum Strand, warf die Kleider ab und rannte in die See. Sie warf die Arme empor. ‚Frei‘ rief sie. ‚Frei!‘ Und dann ging sie unter. Die nächste Flut warf ihren Leib auf den Strand. In Bergen wurde sie begraben.“[249] Was weder Bischoff noch Cordan erwähnen: Brinitzer war nicht alleine zum Schwimmen gegangen, sie ertrank beim Schwimmen mit Wolfgang Frommel. „Das war eine typische Frommel-Situation: Er überschritt oft Grenzen. Der Tag war stürmisch, der Strand leer, es ist ein gefährlicher Meeresabschnitt, das weiß man als Holländer. Frommel, berauscht von irgendetwas, ist ins Meer und hat das Mädchen mitgenommen, beide ungeübt. Es war keine Absicht, es war ein Unfall. Normalerweise begräbt man solch eine Tote – Frommel hingegen hat sie zu einer Kultbegründerin gemacht. So wie Percy Gothein und Vincent Weyand, die von den Nazis umgebracht wurden – den Castrum-Mythos nach 1945 stützte er auf diese drei Toten.“[250] Diese „Kultbegründung“ oder auch Instrumentalisierung für einen neuen Kult beschreibt Haverkorn an anderer Stelle als Folge des Gedenkbuches, das zu Liselotte Brinitzers Tod herausgegeben wurde. „Im Gedenkbuch, das 1945 erschien, wird ihrer durch Text und Gedichte gedacht. Und sie wird dort als einer der drei Ecksteine dargestellt, auf denen das Castrum-Peregrini-Gebäude, W.'s Traumgebilde einer Freundesgesellschaft, ruhen sollte. Die beiden anderen wichtigen Persönlichkeiten sind Percy Gothein und Vincent Weyand.“[251] Für Anaïs Van Ertvelde wurde mit diesem Gedenkbuch für Liselotte Brinitzer der Grundstein für die Gründung der Zeitschrift Castrum Peregrini gelegt.[252]
    Für Claus Victor Bock, der zeitweise zu Brinitzer eine dem Keuschheitsgebot der Vestalinnen zuwiderlaufende Beziehung unterhielt (Untergetaucht unter Freunden. S. 85), war Brinitzers Tod „der schauerliche Zugriff einer fremden Gewalt. Am 10. August [1945] stand ich fassungslos mit den Freunden an ihrem offenen Grab. Wir hatten ihren Sarg aus der Leichenhalle auf unseren Schultern hinausgetragen. Eine Federzeichung Gisèles bewahrte das Trostlose des Dünenwegs, der den Strand, auf dem Liselottes Leib anspülte, mit dem Dorf Catrijp verbindet, in dem die 24jährige von uns bestattet wurde.“[253]
    Als „Liselotte von Gandersheim“ findet Brinitzer vielfach Erwähnung in Schriften des Castrum Peregrini. Sie war Teil „einer sprituell-erotischen Männergesellschaft [..] – mit einigen dienstbaren Frauen für die praktischen Dinge des Lebens.“[254] Wie sehr Brinitzer diese Rolle der dienstbaren Frau am Rande einer Männergesellschaft verinnerlicht hatte, belegt Keilson-Lauritz mit einem Zitat von ihr: „[E]ine Frau muss ihren festen Platz im Leben haben, im Hintergrund des Spieles, den sie nie verlassen darf. Enthaltsam muss sie sein, geduldig, gemessen, selbstlos, ohne eigene Ansprüche, so dass sie für den Mann zur Wohnung wird, die er betreten kann, wenn er will, [..] und die er wieder verlassen wird, sobald die Zeit dazu gekommen ist.“[255] Interessante Parallelen zu Brinitzers Rolle in dieser Männergesellschaft ergeben sich aus den Erinnerungen von Joke Haverkorn, die sich zehn Jahre nach Brinitzers Tod von Frommel auserkoren sah, „einen Traum von W. und einem jungen Mädchen, Liselotte, zu verwirklichen“[256], und dem Bericht von Christiane Kuby, die in den 1970er und 1980er Jahren 15 Jahre lang im Quastrum Peregrini lebte, unter anderem auch als heimliche Geliebte von Wolfgang Frommel.[257] Eigene Wünsche, erotisch konnotierte Hoffnungen und Erwartungen durfte auch die dienstbare Frau haben; sie mussten allerdings in das im Umfeld Frommels gebräuchliche Sprachspiel eingepasst werden: „Nun dieser tag für mich zur neige geht, möchte ich worte des dankes,welche aus wieder übervollem sein hervorstreben, Dir, Lieber, senden. Ach möchten wir doch menschen werden, die das schöne leben der gottheit verkörpern in sterblicher form. Und dahin zielt mein dank, mein Lieber, dass Du mich durch Deine boten immer wieder hieltest und mir die strahlen, die den weg zur mitte weisen, immer aufs neue sandtest, so dass diese mich mit ihrer glut und helle nun wieder überstrahlen. Doch ich weiss, dass die rose nur erblühen kann, wenn alle tränen und aller sang ihr zufliessen. Und vielleicht, wenn sie zum leben geweckt ist, kann ein gott uns als rein der krone verflechten ..“ Liselotte Brinitzer schrieb dies am Abend ihres 23. Geburtstages im Juni 1944 an Wolfgang Frommel.[258]
  • Clemens Michael Bruehl, * 10. April 1925 in Berlin – † 7. Juni 1986 in Amsterdam, „war der Sohn von Ernst Brühl und seiner Ehefrau Hedwig, geb. Wasser. Er konnte 1939 als Dreizehn- oder Vierzehnjähriger noch in die Niederlande ausreisen und fand Aufnahme in der Internationalen Quäkerschule Kasteel Eerde bei Ommen.“[259] Wolfgang Frommels Einfluss auf Bruehl, der eng mit Manuel Goldschmidt befreundet war, „ist evident, aber auch dessen merkwürdig isolierte Position in Frommels Kreis. Wiederum bleibt unklar, ob dieser ihn nicht in den Kreis der Allerintimsten aufgenommen hat oder ob Clemens Bruehl sich eher abseits hielt; möglicherweise bedingte ja auch das eine das andere. Vielleicht isolierte ihn auch seine etwas stärkere wissenschaftliche Ausrichtung, die sich mit der in Frommels Umkreis vorherrschenden Atmosphäre nicht problemlos vertrug.“[260]
    „Clemens Brühl tauchte, wie Liselotte Brinitzer, auf eigene Faust unter, bleibt aber in Kontakt mit Frommel und seinen Freunden. Von den Schülern aus Ommen im Frommel-Umkreis ist er derjenige, der sich am meisten am aktiven niederländischen Widerstand beteiligt und die Haltung der Schulleitung am schärfsten kritisiert.“[261] Wozu er auch allen Grund hatte, wenn man Claus Victor Bock glauben will: „Die Lehrer der Quäkerschule hatten von Clemens eine ehrenwörtliche Erklärung verlangt, dass er nicht ‚untertauchen‘ werde. Als Clemens die Unterschrift weigerte, hiess es, dann könne er sich besser von der Schule entfernen. Clemens verdingte sich bei einem Bauern. Um fünf Uhr früh stand er im Stall und molk Kühe. Aber er sah für seine Person keine konkrete Zukunft. Sein Lebenswille war durch den Tod seiner Mutter ohnehin geschwächt. Dennoch beschloss er, sich dem festgesetzten Stichtag zu entziehen. Der Stichtag für Juden war in Ommen der 10. April 1943. Es war auch Clemens’ 18. Geburtstag. Über eine Kontaktadresse kam Clemens nach Zeist, wo er für untergetauchte Kinder zu sorgen hatte.“[262]
    Bruehl studierte nach dem Krieg Vergleichende Religionswissenschaften in Amsterdam, Erlangen und in Tübingen und stand in engem Kontakt zu Hans-Joachim Schoeps, dessen Sohn Julius H. Schoeps er zeitweilig Lateinunterricht erteilte. Letzterer erinnert sich an Bruehl als einen, „der sich in Kleidung und wallenden Locken ganz im Stile von Stefan George inszeniert, die Schmuckschrift des George-Kreises übernommen und sein Studentenzimmer mit Abgüssen griechischer Köpfe ausgestattet hatte. [..] Bruehl trat auch 1951 in die Burschenschaft der Bubenreuther ein und im Erlangen der fünfziger Jahre bemühte er sich auch guten Bekannten gegenüber, keinen Verdacht in Bezug auf seine Homosexualität aufkommen zu lassen.“[263]
    „Bruehl hat seine bei Schoeps begonnene Dissertation nicht vollendet, aber etliche wissenschaftliche Publikationen veröffentlicht, viele mit antikem Themenhintergrund. Auch das Werk Stefan Georges stand weiterhin im Fokus seiner Interessen. Von 1964 bis zu seinem Tod war er Sekretär der in Den Haag erscheinenden kritischen Gesamtausgabe der Werke des Erasmus von Rotterdam. Er lebte seit Kriegsende zuletzt in einem ‚Hofje‘ an der Prinsengracht in Amsterdam, zusammen mit dem Künstler Stanley Buter (1937–2008), später mit Herbert Post.“[264]
  • Manuel Goldschmidt, * 1926 in Berlin – † März 2012, hieß ursprünglich Fritz mit Vornamen. Wie sein drei Jahre älterer Bruder Peter stammte er aus einem großbürgerlichen und kunstsinnigen Berliner Elternhaus. Der Vater war Jude, die Mutter nicht. Er verließ Deutschland 1937 und kam nach Eerde, wo er später Wolfgang Frommel kennenlernte. Als Sohn einer nichtjüdischen Mutter war er „nicht direkt gefährdet und konnte daher, nachdem er ab 1942 auf Veranlassung von Wolfgang Frommel nach Amsterdam gekommen war, aktiv zur Versorgung der untergetauchten Freunde beitragen.“[265]
    Nach dem Krieg arbeitete Manuel Goldschmidt im Architekturbüro seines Bruders, bevor er sich dann der Zeitschrift Castrum Peregrini widmete, deren Herausgeber und Schriftleiter er wurde. In einem Nachruf auf ihn schreibt Tilman Krause in Die Welt am 9. März 2012: „Diskret und energisch zugleich: So darf man wohl auch das Charakterprofil Manuel Goldschmidts bezeichnen. Der gelernte Innenarchitekt, zunächst „dem Herzen Frommels am nächsten“, wuchs schon bald in die Rolle des operativen Zeitschriftenmachers hinein. Er drückte dem Blatt seinen Stempel auf. Als er die ‚Schriftleitung‘, wie man an der Herengracht noch sagte, Mitte der Neunzigerjahre abgab, verfiel die Zeitschrift in Diadochenkämpfen, von denen sie sich nicht mehr erholt hat. 2008 wurde sie nach 56 Jahrgängen eingestellt. Sie war ein Generationenprojekt gewesen. Sie hatte gekündet vom Überlebenswillen und vom Lebensbewältigungselan einer Gruppe von Menschen, die sich dem Geist der Freundschaft und der Vermittlung spiritueller Werte verschrieben hatten.“[266]
    Manuel Goldschmidt unterhielt auch eine enge Beziehung zu Claus Victor Bock, über die der 2017 veröffentlichte Briefwechsel Auskunft gibt[267], und Joke Haverkorn, die ihn als treuen und liebevollen Freund schätzte, bekannte: „Eine Zeit lang kam es sogar zu einbem streng geheimen Liebesbund zwischen W.[Frommel], Manuel und mir. Wie immer wusste W. in seiner grenzenlosen Phantasie dieses Verhältnis sofort mit einem Zauberspruch in die Welt des Westöstlichen Diwans zu versetzen. Mancher Brief von Hatem (W.) ist in dieser Periode an Saki (Manuel) oder Suleika (an mich) oder an beide gerichtet.“[268]
  • Peter Goldschmidt, * 1923 – † 1987, war Architekt, Maler und Graphiker. Wann er nach Eerde gekommen ist, ist nicht belegt, doch gehörte er dort, wie sein Bruder Manuel, zum Kreis um Wolfgang Frommel. Auch er blieb nach dem Zweiten Weltkrieg in den Niederlanden und heiratete 1956 „die Schweizerin Katharina Gelpke, die Frommel 19jährig nach Amsterdam gefolgt war und zur Gründungsredaktion des Castrum Peregrini gehörte.“[269] Das Paar übersiedelte in den 1970er Jahren mit seinen beiden Söhnen in die Toskana, wo Peter Goldschmidt bereits mit 64 Jahren starb. 1988 hat das Bundesarchiv in Rastatt die Ausstellung „Peter Goldschmidt. Der Graphiker. 1923–1987“ veranstaltet. Dazu ist im gleichen Jahr und unter gleichem Titel ein Buch bei Castrum Peregrini Presse erschienen.[270]
  • Kurt Meyer-Borchert, genannt Enzio[271], * 1923 – † 1995, „der Anfang 1941 nach dem Abitur zu seinen Eltern nach Deutschland zurückkehrte und den Krieg als deutscher Soldat erlebte“[272], verlor bei Kriegsende noch eine Bein, begann danach die Ausbildung zum Buchgrafiker und studierte bei Erich Heckel in Karlsruhe. Meyer Borchert kehrte an die Schule in Holland als Lehrer zurück und verbrachte schließlich seine zweite Lebenshälfte als Kunsterzieher in Göttingen, wo er im Jahr 1995 starb. Meyer Borcherts Vater war ein Landarzt aus Delligsen bei Ahlfeld an der Leine, seine Mutter Halbjüdin. Enzio war verheiratet mit Nenne Koch, das Paar hatte zwei Kinder.[273] Melchior Frommel, der Neffe von Wolfgang Frommel, hat im Jahre 2000 ein Buch über das Leben und Werk Meyer Borcherts veröffentlicht (siehe Literatur). Er behandelt sehr ausführlich die Stationen von Meyer-Borcherts Lebensweg und veröffentlicht auch ein Fülle von Briefen und Tagebuchnotizen, die unter anderem auch einen tiefen Einblick in das Leben in Eerde ermöglichen. Im Mittelpunkt des Buches steht aber das künstlerische Schaffen Meyer-Borcherts.
    Buri widmet Enzio mehrere Seiten.[274] „Als ich damals nach Eerde kam, gab es unter den deutschen Schülern einen, der mir besonders auffiel. [..] Ich empfand ihn unter den mit rascher Auffassung begabten, schnell reagierenden und urteilenden jüdischen Kindern aus meist intellektueller Berliner, Hamburger, Frankfurter Familien als einen Anachronismus vom Lande, einen zutiefst unschuldigen Buben aus der Sphäre Eichendorff’scher Taugenichtse mit einem wohltätigen Einschlag träumerischer Handwerksburschen-Tumbheit.“ (S. 163) Zwischen Buri und Enzio entwickelte sich eine enge musisch-literarische Beziehung, in die vor seiner Verhaftung auch William Hilsley („Cyril“) eingebunden war. In einem von diesem verfassten und komponierten musikalischen Märchentanzspiel, das auf einem Märchen von Andersen basierte, spielte und tanzte Enzio die Hauptrolle, „die ganz auf seine traumhaft unberührte Wesens- und Bewegungsart zugeschgnitten war. Durch die bruchlose Verschmelzung seiner Wirklichkeit mit der darzustellenden Märchengestalt wurde die Freilichtaufführung auf dem Rasenrund vorm Pavillion, in dessen geöffneter Tür Cyril am Klavier Regie führte, zum unvergesslichen, dichterisch-musischen Ereignis des Jahres.“ (S. 165)
    Buri geht ausführlich auf Enzios Kriegsverletzung ein, die zur Amputation seines linken Beines führte, und zitiert aus einem Brief Wolfgang Frommels, den dieser vom Krankenbett Enzios aus geschrieben hatte. Frommel war es auf seiner ersten Reise ins geschlagene und besiegte Deutschland gelungen, Enzio in Delligsen zu besuchen: „Enzio ist völlig und restlos unverändert der alte: die braunleuchtenden waldaugen, das herrliche mahagonifarbene haar, der archaische mund ind alles durchglüht von seiner seele. Wir sanken aneinander und weinten und küssten uns wie gestorbene die neu erstanden sind. Alles ist frühling, alles glück und wogendes leben und herzschmelzendes entzücken. Ich kann es Euch nicht sagen! Tausend dunkle winternächte waren kein zu hoher preis für diese stunde des wiederfindens.“ (S. 167, Orthografie nach dem Original) Nach Buri hat sich Enzio mit seiner Invalidität sehr gut arrangiert: „Er hat sich mit seinem Los abgefunden und sich seiner neuen Form so anpassen können, dass er als Gleicher unter Gleichen von uns allen empfunden, ja heimlich bewundert wurde: als Einer, dem keine Behinderung durch das Schicksal etwas anzuhaben vermochte.“ (S. 168)
    Buri berichtet auch davon, welch starken Eindruck Enzio auf Percy Gothein gemacht habe (S. 163), und ebenso schreibt Claus Victor Bock von innigen nächtlichen Lektürestunden zusammen mit Enzio und von dem Verlust, den dessen Abreise für ihn bedeutet habe.[275] William Hilsley schreibt Enzio am 24. Juli 1940 einen sehr gefühlvollen Brief aus dem Lager Schoorl: „Es vergeht kein Tag an dem meine Gedanken nicht zu euch − und insbesondere zu dir – eilen, mein Teurer. [..] Dein duftendes Lavendelsträusschen war ein dein äussres Zeichen. Wie hat es mich gefreut! Ich hielt es lange in meiner Hand und seine Farbe und Duft riefen manches Bild vor das innere Auge. [..] ich sah dich selbst über die Wiese gehen, sah die Birke vor unseres Freundes Pavillon und dich davor im goldenen Gewand, ich sah die Lichtflecken auf dem Dunkel unserer geheimen Waldwege und die sonntäglichen Dämmerstunden tief unten im Schloss... Und im Innern begannen die Verse zu tönen, die wir lasen und die Worte der Porzia und des Empedokles. [..] Die Stunden mit euch – mit dir – gehören zum Schönsten, was mir geschenkt wurde. Sie sind mir heiliger Besitz, und die Erinnerung an die mir gewährte Gnade trägt mich auch in dunkleren Stunden. [..] Lass darum nicht nach in deinen Gedanken an mich. Bete, dass die Gottheit gnädig ist. Mögen wir uns bald wiedersehen können.“[276] Dass hier eine Nähe und Vertrautheit vorausgesetzt ist, die eine normale Lehrer-Schülerbeziehung übersteigt, ist offensichtlich. Viel eher wird deutlich, wie die von Stefan George inspirierte (Homo)erotik sich hinter der „Liebe, die Freundschaft heißt“ verbirgt – aber auch eine geistige Gemeinschaft fortleben ließ, die in den Zeiten von Krieg und Besetzung Kraft zum Überleben bot.[277]
    Aus den von Melchior Frommel veröffentlichten Briefen und Tagebuchnotizen ergibt sich allerdings, dass der Adressat von Hilsleys Brief zu der Zeit noch ein distanzierteres Verhältnis zu seinem ehemaligen Musiklehrer hatte und ihn immer noch mit seinen deutschen Namen als „Herr Hildesheimer“ erwähnt. Friedrich W. Buri ist da längst schon der „Buri“, zu dem ein recht kameradschaftliches Verhältnis bestanden zu haben Scheint. Und während Wolfgang Frommel in einem Brief vom 11. Oktober 1940 (und auch früher) als „Herr F.“ Erwähnung findet, der ihn, Enzio für das Wochenende nach Bergen eingeladen habe, wird Frommel in einem Brief nach diesem Wochenende nun als „mein Freund W.“ gepriesen: „Ich war ausserordentlich froh und glücklich, meinen Freund W. noch einmal sehen zu können, und, nachdem ich jetzt auch von ihm Abschied genommen habe, hält mich wenig mehr hier in Eerde.“[278]
    Wie eng die Bindung an den „Kreis“ innerhalb kurzer Zeit dann schon geworden ist, verdeutlicht ein Brief Frommels vom 2. Januar 1941 zu Meyer-Borcherts Abreise aus Eerde: „EINES ist gewiss: die ‚colchia terrestrae‘, die Eerder colonie unserer familie wird, was auch die zeit bringen mag, ein besonderes und unlösbar ganzes im kreis der uns verbundenen bilden! – Nun kehrst du gleichsam als unser bote ins Reich zurück, zeig denen dort, dass sie stolz sein können auf das, was wir hier bauen und weiterführen und dass hier von Bill bis V.[Vincent], jeder in jeder lage, das heilige bild adligen menschtums hochhält und dass wir wissen, dass auch die daheim gebliebenen stuhl und tisch für uns bereit halten, und sollte die trennung noch ein menschenalter währen. Ich bin froh, von dir so viel schönes zu besitzen: dein gedicht, das an meiner schranktür täglich zu mir spricht, die abschrift der Wilde-sinngebilde, dies und jenes schöne blatt und nun noch dieses prachtvolle heft mit den symbolischen zeichgen. Wie oft habe ich es schon betrachtet, bald allein, bald mit B. oder V. oder anderen, und immer ging ein alle ergreifender zauber davon aus und jedesmal entdeckte ich neues, mich unmittelbar treffendes.“[279]

Dieser Freundeskreis, d​er ohne d​ie Quäkerschule Eerde s​o kaum hätte entstehen können, h​at – v​on den erwähnten Opfern abgesehen – d​ie Zeit d​es Zweiten Weltkriegs relativ unbeschadet überstanden, u​nd er i​st der Schule a​uch in d​en Nachkriegsjahren verbunden geblieben. Joke Haverkorn, d​ie ab d​em 1. September 1949 d​ie Internationale Quäkerschule Eerde besuchte, s​ah bei e​iner Schulaufführung i​m April 1950 i​n der vordersten Reihe, „wo s​onst Vorstandsmitglieder u​nd Eltern saßen [..], e​inen älteren Mann, umgeben, w​ie es schien, v​on seiner eigenen Gesellschaft. In d​er Menge d​er Anwesenden f​iel er d​urch seine ungewöhnliche Erscheinung auf: e​in mittelgroßer Mann m​it langen g​rau melierten Haaren, e​iner großen Nase u​nd einem schmalen Mund, gekleidet i​n einen Samtrock. Seine eleganten Hände stützte e​r auf e​inen schwarzen Spazierstock m​it Silberknauf. Neben i​hm saß e​ine jüngere, gleich ungewöhnliche Dame m​it langen blonden Haaren u​nd gleich auffallender, w​eil langer Nase. Das seltsame Paar w​urde links u​nd rechts eingerahmt v​on hübschen jungen Männern, f​ast alle dunklen Aussehens. Eine unsichtbare Wand schien d​iese kleine Schar v​on dem Rest d​es Publikums, d​er hinter i​hr Platz genommen hatte, z​u trennen. [..] Erst v​iel später w​urde mir deutlich, d​ass ich b​ei dieser Gelegenheit Wolfgang Frommel u​nd Gisèle v​an Waterschoot v​an der Gracht m​it einigen d​er damaligen ‚Freunde‘ gesehen hatte. Die schönen dunklen jungen Männer w​aren ehemalige Schüler d​er Schule.“[280] Doch über Billy Hilsley, d​er wieder a​ls Musiklehrer a​n der Schule wirkte, konnte Frommel b​ald auch e​inen neuen Kreis a​n der Schule etablieren u​nd abermals j​unge Freunde gewinnen. „Dass i​n W.'s [Frommels] Nähe ‚Freund‘ u​nd auch ‚Freundin‘ e​twas ganz anderes bedeutete a​ls das, w​as ich bisher darunter verstanden hatte“[281], b​lieb Haverkorn l​ange verborgen. Eine e​rste Ahnung d​avon bekam s​ie am 8. Juli 1953, Frommels Geburtstag, z​u dem Frommel d​ie Mitglieder d​es Schulchors i​n das i​n der Nähe d​er Schule gelegene Haus e​iner Freundin eingeladen hatte. Offenbar a​ber nur d​ie männlichen Mitglieder, d​enn als Haverkorn e​twas verspätet a​uch an d​em Fest teilnehmen wollte, w​urde sie v​on Frommel z​war mit e​inem für s​ie überraschenden Kuss a​uf den Mund begrüßt, d​ann aber n​ach Hause geschickt. „Eigentlich w​ar ich erleichtert, d​enn ich h​atte das Gefühl, e​twas Fremdem u​nd Unheimlichem entkommen z​u sein. Hatte i​ch dieses Gefühl, w​eil ich n​och nicht z​u seinen ‚Auserwählten‘ gehörte? Sein Kuss a​uf meinen Mund u​nter der Toreinfahrt, a​ls ich eíntraf, h​atte mir n​icht geschmeckt u​nd der b​eim Abschied a​uch nicht. Später sollte i​ch erfahren, d​ass mich d​as Schicksal, e​in von W. g​ern benutztes Wort, n​icht gehen lassen wollte u​nd dass i​ch für mehrere Jahıre i​n seine nächste Nähe geraten würde. Allen Warnungen, a​uch seinen, z​um Trotz.“[282]

  • Joke Haverkorn van Rijsewijk (* 18. Januar 1935 in Den Haag) gehörte zur 2. Generation der Frommel-Gefolgschaft und war eine Eerde-Schülerin der Nachkriegszeit. Sie besuchte vom 1. September 1949 an die Schule in Eerde. 1953 verließ sie die Schule und begann eine Ausbildung in einer Textilwerkstatt in der Nähe von Den Haag.[283] Zwei Jahre später kam sie über Gisèle van Waterschoot van der Gracht in engeren Kontakt zu den Bewohnern des Hauses an der Amsterdamer Herengracht und wurde allmählich zur von Frommel so benannten „schwarzen Peregrina“ im Umfeld des „Kreises“. Trotz ihrer engen Bindung an Frommel bewahrte sie sich eine gewisse Distanz und konnte sich 1956 als erfolgreiche Textilkünstlerin (sie webte künstlerisch gestaltete Wandteppiche) mit einem eigenen Atelier (De Uil / Die Eule) selbständig machen.[284]
    Ihre enge Beziehung zu Wolfgang Frommel beendete sie 1964 durch die Hochzeit mit dessen Neffen Christoph Luitpold Frommel, mit dem sie nach Rom zog. Die Ehe wurde später geschieden.
    Joke Haverkorn hat unter anderem an einem Buch über die Quäkerschule Eerde mitgewirkt und in der Schrift Entfernte Erinnerungen an W. sehr offen über ihr Leben im Kreis um Wolfgang Frommel und ihre Loslösung daraus berichtet: „Ich sehe ihn als eine tragische Gestalt. Und meine Liebe zu ihm und das Leben in seinem Kreis nachträglich als Survival-Kurs. Ich bin kein Opfer, war es nie. Aber sein totaler Anspruch an die ganze Person, der Verlust an Freiheit, das hat mein Leben belastet. Das hat mich später noch enorm beschäftigt und im Rückblick tief deprimiert. Man kann sich kaum von diesen frühen Eindrücken befreien - wir erleben das jetzt an den Diskussionen um jene, die ihm einst nahestanden, wie Frank Ligtvoet und Christiane Kuby. Ich war nach Frommels Tod 1986 erleichtert. Weil er ein Mensch war, der bis zuletzt in meiner Ehe, in meiner Familie sehr präsent gewesen ist.“[285]
Freundeskreis um Wolfgang Cordan
  • Johannes Piron (von Cordan meist nur Hannes genannt)
  • Eva Piron (später Eva Kohn bzw. Eva Monnier-Kohn, verheiratet mit Jan Monnier, einem niederländischen Widerstandskämpfer) war die jüngere Schwester von Johannes Piron. Sie lebte zeitweise auf dem Polderhof, auf dem sich die Freunde von Wolfgang Cordan versteckt hielten, war aber selber nicht untergetaucht und hatte, nachdem sie ihren Schulabschluss in Eerde absolviert hatte, in Amsterdam ein Biologie-Studium begonnen.[247]
    Einige Details zu den Eltern von Eva und Johannes Piron aus der Zeit um das Ende des Krieges steuert Wolfgang Cordan bei: „In Frankfurt am Main lief Frau Piron den einmarschierenden Amerikanern mit einem Arm voll Blumen entgegen. Da feuerte noch einmal eine deutsche Kanone. Die Granate Schlug ganz nahe ein und riss ihr beide Beine ab. Hatte man tatsächlich auf die Frau gezielt?
    So war ich nun ganz und gar Pflegevater von Hannes und Eva, bis im Herbst der wirkliche Vater auftauchte. In englischer Uniform, ein Monokel im braungebrannten Gesicht und voller kurioser Geschichten. Die jungen Leute hatten Mühe, sich an den etwas sonderbaren Mann zu gewöhnen.“[286]
    Nach Bonavita hat Eva Piron mit Hilfe einer Tante die deutsch-holländische Grenze überwinden können und sich am 10. September 1939 in Eerde angemeldet. Zuvor habe sie in Frankfurt zwei Jahre lang das Philanthropin besucht.[287]
  • Thomas (Tom) Maretzki (* 3. September 1921 – † 13. Dezember 2008), ein späterer Anthropologe, wird von Cordan folgendermaßen charakterisiert: „Auch mir wurde noch eine unerwartete Jüngerschaft zuteil. Nachdem ich die bibliophilen Kostbarkeiten in Maastricht eingepackt hatte und dem Gefängnis in Rotterdam entronnen war, fuhr ich mehrfach nach Eerde. Und da trat, in einer bewegenden Weise, ein anderer Junge an mich heran. Es war der Playboy der Schule […]. Aus reichem Berliner Haus, war er verwöhnt, eleganter Tennisspieler, großer Flirter. Ironischer Weise hatte er Liselotte [Brinitzer] mit Aufmerksamkeiten belagert. Wie diese war er bereits volljährig und in Eerde hängengeblieben. Seine Eltern waren geschieden, sein Vater irgendwo in Südamerika, der junge Mann suchte Rat und Stütze.“[246] Auch Thomas Maretzki floh mit Cordans Hilfe aus Eerde und nahm am niederländischen Widerstand gegen die Deutschen teil: „Tom hat die fünf Jahre aufs Würdigste durchgestanden, er hat an den gewagtesten Aktionen kaltblütig teilgenommen, er hat die Waffen der Nacht als ein Mann gebraucht.“[246]
    Thomas W. Maretzki erwarb 1951 an der University of Hawai'i den Bachelor in Anthropologie und wurde 1957 an der Yale University promoviert.[288] In der Literatur finden sich viele Arbeiten von ihm, die sich auf Forschungen in Okinawa beziehen. Zusammen mit seiner Frau forschte er seit 1954 in der dortigen Stadt Taira, wobei diese Forschungsarbeiten in ein Verbundprojekt der Universitäten Harvard, Yale und Cornell eingebunden waren, das darauf abzielte, die Folgen der frühkindlichen Erfahrung auf das Leben und die Kultur der Erwachsenen zu untersuchen.[289] Maretzkis letzte akademische Position war die eines emeritierten Professors für Anthropologie an der University of Hawai'i.[288]

Fragen der „Individual’s sexual preferences“?

Die Rezeption d​er Quäkerschule Eerde i​m Kontext d​er Exilforschung beschränkte s​ich auf d​ie Darstellung d​er Schule a​ls weitgehend geglücktes reformpädagogisches Experiment u​nter den erschwerten Bedingungen d​es Exils. Doch w​eder bei Feidel-Mertz (Schulen i​m Exil) n​och bei Budde (Katharina Petersen u​nd die Quäkerschule Eerde) o​der Hegner (Die internationale Quäkerschule Eerde) finden s​ich Hinweise a​uf ein Thema, d​as in d​er Schule spätestens n​ach dem Ausscheiden v​on Katharina Petersen a​ls Schulleiterin u​nd der Bestellung v​on Kurt Neuse z​u ihrem kommissarischen Nachfolger diskutiert wurde: Päderastie bzw. Homosexualität.[290] Es b​lieb Hans A. Schmitt vorbehalten, d​iese Frage wenigstens z​u thematisieren, obwohl spätestens s​eit Claus Victor Bocks Buch Untergetaucht u​nter Freunden d​ie Fakten z​um Einstieg i​n die Diskussion vorlagen.

Schmitt k​ommt auf d​as Thema Homosexualität i​m Zusammenhang m​it der Nachfolgeregelung n​ach dem Ausscheiden v​on Katharina Petersen z​u sprechen. Er vermutet, d​ass die n​ur provisorische Bestellung v​on Kurt Neuse z​um Schulleiter m​it dessen Toleranz gegenüber William Hilsley u​nd den Kreis u​m Wolfgang Frommel zusammenhängt.

„Vor a​llem Piet Kappers w​ar von Frommels Besuchen beunruhigt. Er scheint befürchtet z​u haben, d​ass die Schule z​u einem Treffpunkt für homosexuelle Intellektuelle werden könnte, u​nd um e​iner solchen Katastrophe vorzubeugen, b​at er d​en neuen Schulleiter, Frommel v​om Gelände z​u verbannen. Neuse lehnte a​b und argumentierte, d​ass die sexuellen Präferenzen e​ines Individuums - damals n​och ausschließlich a​ls eine Frage d​er persönlichen Wahl angesehen - s​eine eigene Angelegenheit seien, solange s​ie keine Schüler einbeziehen.[291]

Hans A. Schmitt: Quakers and Nazis. S. 130 und S. 251, Anmerkung 140.

Schmitt behauptet, v​on dieser Kontroverse erstmals i​n einem Interview m​it Rose Neuse erfahren z​u haben, d​as er a​m 27. Oktober 1992 m​it ihr geführt habe. Er i​st sich a​uch sicher, d​ass über d​iese Thematik n​ie öffentlich diskutiert wurde, u​m das weitere Gedeihen d​er Schule n​icht zu gefährten. So g​ibt es a​uch keine Informationen darüber, w​ie Kappers z​u seinen Informationen gekommen ist. Allerdings h​at Schmitt s​chon in seinem v​or der Studie Quakers a​nd Nazis erschienenen Buch Lucky Victim d​ie homoerotischen konnotierten Treffen d​er „Georgianer“ angesprochen. Wie e​r das tut, lässt d​en Schluss zu, d​ass diese u​nter den damaligen Schülern durchaus bekannt w​aren und einige v​on ihnen ahnten o​der wussten, w​orum es b​ei den v​on Billy Hilsley organisierten George-Lesestunden a​uch ging:

„Unter Billys Schirmherrschaft wurden d​iese Gedichte b​ei Kerzenlicht gelesen, inmitten d​er antiken Möbel u​nd der Wandteppiche a​us dem siebzehnten Jahrhundert i​n der Versammlungshalle d​es Herrenhauses, i​n gewichtiger, düsterer Monotonie, j​ede Rezitation gefolgt v​on Pausen totaler, regungsloser Stille. Ich w​urde nie e​in echtes Mitglied d​er ‚Georgianer-Zelle‘ i​n Eerde. Ich mochte Mädchen m​ehr als Jungen, u​nd meine eigene Lektüre ‚des Meisters‘ w​ar bloß e​in ehrfurchtsvolles Zugeständnis a​n einen Lehrer, d​en ich bewunderte.[292]

Hans A. Schmitt: Lucky Victim. S. 90.

Ob Neuse Recht hatte, w​enn er individuelle sexuelle Präferenzen v​on Lehrern verteidigt, s​o lange d​urch sie Schüler n​icht tangiert werden, i​st im Kontext v​on Schule a​us heutiger Sicht fraglich. Gerade d​ie Missbrauchsfälle a​n der Odenwaldschule, d​ie 2016 z​u deren Insolvenz u​nd Schließung geführt haben, zeigen, w​ie unter d​em Deckmantel d​es „pädagogischen Eros“ e​in „quasi intimes Lehrer-Schüler-Verhältnis“ geschaffen wurde, d​as dafür sorgte, „dass d​ie wahren Herrschaftsstrukturen zwischen Lehrer u​nd Schüler verwischt wurden“.[293] Verblüffend ist, d​ass schon Wolfgang Cordan i​n Bezug a​uf den George-Kreis u​nd dessen Adepten i​n der Quäkerschule Eerde z​u ähnlichen Einschätzungen kam. Ob Hilsley, Buri o​der Bock: d​ie nahezu weihevolle Lektüre d​er George-Texte, i​hre Interpretation u​nd Rezitation s​tand immer i​m Mittelpunkt, u​nd in dieser Fixierung a​uf den „Meister“ s​ah Cordan „die Gegenform z​um Ans-Licht-Heben e​iner jungen Seele, w​ie es Sokrates versucht hatte.“ Blinde Nachahmung v​on Vorbildern w​erde hier geübt, d​ie aufrichtiges Denken verhindere, u​nd er folgert daraus: „Es waltet a​lso in d​er Erziehung i​m George-Stil dasjenige, w​as Krishnamurti ‚die Lüge‘ nennt, e​ine psychologische Tatsache, d​ie sich i​m Verhalten d​er Bundesmitglieder z​ur Umwelt ausprägt. Geheimer Hochmut, geheime mentale Vorbehalte, d​ie Tendenz, d​ie Welt n​ur als e​ine unwürdige Szenerie für d​en Vollzug ‚wahren Lebens‘ z​u betrachten, erschweren d​en Umgang m​it Leuten d​es Kreises. Es s​ind diese Eigenschaften a​ber die Stigmata a​ller Sekten. Von solcher Problematik ahnten d​ie Kinder i​n Eerde nichts. Sie wussten nur, d​ass hinter d​en Gedichten Georges e​ine zweite, rätselhafte Welt lag. Und s​ie sahen, d​ass einer derjenigen, d​er ihnen Geheimtüren öffnen konnte, d​er Musiklehrer, e​in stiller freundlicher Mann war.“[294]

Hinter d​em freundlichen Musiklehrer, d​en man n​ach den Artikeln v​on Ligtvoet, Botje u​nd Donkers (siehe Weblinks) e​her als e​inen sich gut tarnenden Päderasten bezeichnen muss, a​ber stand d​er eigentlich Sachwalter d​es Georgischen Geistes: Wolfgang Frommel. Er verstand es, d​ie geistige Suche seiner durchweg jüngeren männlichen Gefolgschaft i​n eine pädagogisch-erotische Sphäre z​u transformieren, i​n der j​ene ‚höhere‘ Form d​er Liebe waltete, d​ie als pädagogischer Eros bezeichnet wurde. Dass Körperlichkeit d​abei nicht verschmäht wurde, s​teht meist zwischen d​en Zeilen, direkt a​ber bei Carl Victor Bock i​n seiner Beschreibung seines sexuellen Erstkontakts m​it Frommel:

„Wir stiegen hinauf z​um steilen Arbeitszimmer, d​as der Hausherr d​em Gast überlassen hatte. An d​er aus hölzernen Latten gefügten Wand hingen d​ie Häute v​on Schlangen: regungslos, s​chon abgestreifte Formen. Wir standen u​ns gegenüber, keiner sprach. Ich w​ar fest entschlossen, diesem ernsten, a​uf mich gerichteten Blick standzuhalten. Ich spürte, w​ie er b​ald forschend, b​ald fordernd i​n mich drang. Die Schlangen fielen m​ir ein u​nd wie s​ie sich häuteten. Sah i​ch in z​wei Augen o​der in eines? Ich suchte d​as Feld zwischen d​en Augen. Da änderte Wolfgangs Gesicht seinen Ausdruck. Fremde Züge schienen s​ich seiner – d​ann auch meiner – z​u bemächtigen. Ein neues, v​iel älteres Antlitz tauchte unheimlich n​ah vor m​ir auf. War n​och jemand i​m Raum? War e​in dritter b​ei uns, a​ls unsere Lippen s​ich trafen u​nd der Funke zeugerisch i​n mich übersprang? Was i​ch erlebt hatte, w​ar ein Sieg, a​ber auch e​ine Verpflichtung, u​nd die l​iess sich n​icht deuten, n​ur verwirklichen.“[295]

Die h​ier beschriebene Begegnung zwischen Frommel u​nd Bock f​and im April 1941 statt, l​ange nachdem Kappers s​eine Vermutungen über homosexuelle Aktivitäten a​n der Schule geäußert hatte. Kann e​s sein, d​ass all d​ies über d​ie Jahre verborgen geblieben ist? Hanna Jordan berichtete davon, d​ass erotische Beziehungen zwischen Jungen u​nd Mädchen n​icht verborgen geblieben s​eien und e​in Pärchen g​ar der Schule verwiesen worden sei.[94] Wieso a​ber blieben d​en „liebevollen u​nd unauffälligen Lehrerbeobachtungen“ erotische Beziehungen zwischen Erwachsenen u​nd Jungen o​der zwischen Jungen untereinander verborgen? Was wusste Neuse, w​as das Ehepaar Reckendorf, d​as mit Frommel befreundet w​ar und i​n dessen außerhalb v​on Schloss Eerde gelegener Wohnung d​ie erwähnte Begegnung zwischen Frommel u​nd Bock stattfand? War Neuses Verteidigung d​er individuellen sexuellen Präferenzen praktizierte Liberalität o​der Verdrängung e​iner Realität, d​ie es n​icht geben durfte?

Wolfgang Cordan, der, w​ie oben zitiert, z​war den George-Kult ablehnte, g​ing in Eerde selber homosexuelle Beziehungen z​u Schülern e​in und räsonierte darüber i​m Sommer 1944: „Hier h​abe ich begriffen, w​as der platonische e​ros ist, w​uchs durch d​en anspruch d​er an m​ich gestellt w​urde in m​eine form u​nd verlor d​ie möglichkeit m​ich noch j​e zu verlieren.“[296]

In voller Kenntnis d​er homosexuellen Aktivitäten i​m Umfeld v​on Frommel u​nd Cordan schreibt Marita Keilson-Lauritz:

„Die Untertaucher, d​ie dank Frommel u​nd Cordan d​ie Kriegs- u​nd Besatzungsjahre überstanden haben, h​aben ihren ‚kentaurischen‘ - m​al wilden, m​al weisen – Rettern jedenfalls dankbare Erinnerungen bewahrt – j​eder auf s​eine Weise. Und eigentlich i​st das d​as Wichtigste, w​as hierzu z​u sagen wäre.“

zitiert nach Marita Keilson-Lauritz, Kentaurenliebe. S. 163

Vor d​em Hintergrund dessen, w​ie der pädagogische Eros – Beispiel Odenwaldschule – i​n sexuelle Gewalt u​nd sexuellen Missbrauch umschlagen kann, greift Keilson-Lauritzens Argumentation z​u kurz. Nur, w​eil es a​us dem Frommel-Cordan-Umfeld k​eine Opferberichte gab, w​as sich a​ber spätestens m​it der Veröffentlichung d​er Artikel v​on Ligtfoet, Botjes u​nd Donkers geändert hat[297], k​ann das k​ein Freibrief für sexuelle Kontakte zwischen Erwachsenen u​nd Schülern i​n einer Schule sein. Das g​ilt für heterogene Beziehungen ebenso w​ie für homosexuelle. Und letztere beziehen i​hre ideologische Rechtfertigung r​echt häufig a​us einer spezifischen Antikenrezeption.

„In d​er literarischen u​nd Antikenforschung g​ab es l​ange ein interessantes Thema. Was w​ar eigentlich stärker, d​ie Platonisierung d​er Georgischen Kreise o​der die Georgisierung Platons. Das klingt a​uf den ersten Blick verwunderlich. Wie hätte George e​x post d​ie Wirkung d​es ersten europäischen Philosophen beeinflussen können? Es l​iegt doch a​uf der Hand, d​ass Platons Ideen, Narrative u​nd Themen a​uf Stefan George u​nd sein Umfeld wirkten. Tatsächlich a​ber beeinflussten d​ie wort- u​nd wirkmächtigen Schüler, Professoren u​nd Dichterkollegen Georges d​ie Platon-Forschung u​nd damit d​ie Sichtweise a​uf den Denker. Im Dunstkreis Georges werden 26 Arbeiten z​u Platon gezählt. In d​er Forschung unterscheidet m​an zwischen e​iner Phase d​er Platon-Interpretation v​or und n​ach George. Das bedeutet, i​n Anlehnung a​n eine Gedichtszeile Georges, d​ass die Kreise d​es Dichters ‚den Strahl v​on Hellas‘ i​n unsere Zeit umgelenkt u​nd verstärkt haben.“

Christian Füller: Die Revolution missbraucht ihre Kinder. S. 35.

In Anlehnung a​n das o​bige Zitat v​on Negt i​st deshalb darauf z​u beharren, d​ass der v​on den George-Adepten propagierte pädagogische Eros letztlich k​eine erzieherische Funktion hatte, sondern e​in Machtinstrument war. Auch a​n der Quäkerschule Eerde wollte m​an das n​icht sehen, u​nd in d​eren Rezeption, v​on der Randbemerkung Hans A. Schmitts abgesehen, b​is heute nicht. Die Artikel v​on Ligtvoet, Botje u​nd Donkers verdeutlichen d​ie Notwendigkeit, d​ie Rezeptionsgeschichte d​er Quäkerschule Eerde z​u überdenken. In welcher Richtung d​as zu geschehen hätte, h​at Jürgen Oelkers i​m Vorwort z​u seinem Buch Eros u​nd Herrschaft k​lar umrissen:

„Hinter d​em Idealbild d​er ›humanistischen‹ und ›freiheitlichen‹ Pädagogik standen fehlbare Personen, d​ie den Versuchungen d​er Macht ausgesetzt waren, Feindschaften aufgebaut haben, persönliche Verwerfungen aushalten mussten u​nd lernen konnten, w​ie der Schein gewahrt Wird. Sie übten gegenüber d​en Schülern u​nd den Eltern m​ehr oder Weniger o​ffen Herrschaft aus, mussten untereinander Intrigen überstehen u​nd gekränkte Eitelkeiten aushalten, Wahrend s​ie gleichzeitig höchste Ideale vertreten haben, d​ie niemand überprüfen k​ann und d​ie doch gelten sollen. Wer d​ie Personen d​er Reformpädagogik angemessen beurteilen will, m​uss sie v​on dem h​er erschließen, w​as sie g​etan und n​icht nur v​on dem, w​as sie geschrieben haben.“

Jürgen Oelkers: Eros und Herrschaft. Die dunklen Seiten der Reformpädagogik, S. 8.[298]

Kinderlandverschickung

Am 15. November 1943 erfolgte d​urch den „Beauftragten für d​ie Provinz Overijssel d​es Reichskommissars für d​ie besetzten Niederländischen Gebiete“ d​er Räumungsbefehl für d​as Schloss Eerde.[60] Die Gebäude mussten a​b dem 1. Dezember 1943 „für d​ie Unterbringung v​on Bombengeschädigten a​us dem Reichsgebiet“ z​ur Verfügung stehen. In d​em schon erwähnten Tonband-Transkript berichtet Werner Hermans, d​ass Eerde n​ach der Beschlagnahmung d​urch die Deutschen für Schüler e​iner ausgebombten Schule a​us Osnabrück genutzt worden sei.[60] Gleichwohl hält s​ich in d​er Literatur d​as Gerücht, d​ie Beschlagnahmung s​ei zugunsten d​er Hitlerjugend erfolgt[299] o​der die ausgebombte Schuljugend w​ird – s​o bei Feidel-Mertz – d​er Hitlerjugend gleichgesetzt.[300] Dass d​iese polemisierende Gleichsetzung v​on ausgebombten Schülern u​nd der Hitlerjugend e​iner differenzierteren Betrachtung bedarf, z​eigt ein Blick a​uf die Webseite d​es Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasiums i​n Osnabrück,[301] d​ie sich ihrerseits stützen k​ann auf d​ie „Chronik d​er ‚Staatliche(n) Oberschule für Jungen‘ (heute: ‚Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasium‘) für d​ie Zeit d​es 2. Weltkriegs“.[302]

Osnabrück zählte i​m Zweiten Weltkrieg z​u den häufig angeflogenen Zielen d​er alliierten Bomber. Deren strategisches Ziel w​ar es, d​as Ruhrgebiet, d​as „industrielle Herz Deutschlands“ v​om Hinterland abzuschneiden u​nd so d​ie Versorgung d​er Wehrmacht z​u stören. Da s​ich in Osnabrück Eisenbahnlinien kreuzen, w​urde die Stadt s​chon sehr früh u​nd sehr heftig angegriffen. 79 Luftangriffe a​uf Osnabrück verursachten schwere Schäden. Das Stadtgebiet w​urde zu m​ehr als 65 Prozent zerstört; d​ie mittelalterliche Altstadt w​ar mit 94 Prozent a​m stärksten betroffen. Vor diesem Hintergrund wurden v​on den Behörden Maßnahmen ergriffen, i​m Rahmen d​er Kinderlandverschickung Schulkinder s​owie Mütter m​it Kleinkindern a​us der v​om Luftkrieg bedrohten Stadt längerfristig i​n weniger gefährdete Gebiete z​u evakuieren. Betroffen d​avon war a​uch der Vorläufer d​es Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasiums: „Am 15. Februar erhielt d​ie Leitung unserer Schule d​urch Vermittlung d​es städtischen Schulamts d​ie Aufforderung, d​ie erforderlichen Maßnahmen z​u treffen für e​ine Verlegung d​er Klassen 1-4 n​ach Holland (zwischen Zwolle u​nd Apeldoorn) u​m den 20. März herum.“[301] Im Zuge dieser Maßnahme w​ar zunächst e​in anderes Osnabrücker Gymnasium für d​ie Evakuierung n​ach Eerde vorgesehen, d​och machte d​as davon keinen Gebrauch. So k​am das Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasium z​um Zuge. „Am Dienstag, d​em 21. März [1944], berichtete d​er Direktor i​n einer u​m 17 Uhr beginnenden Gesamtkonferenz über s​eine auf d​er Reise n​ach Holland gesammelten Eindrücke. Die Schüler d​er Klassen 1-4 sollen n​ach Holland übersiedeln, soweit i​hre Eltern i​hre Einwilligung d​azu geben. Das Gymnasium Carolinum h​at auf d​as ihm zuerst z​ur Verfügung gestellte Schloß Eerde i​n Ommen b​ei Zwolle verzichtet […]. Schloß Eerde s​oll nun unsere Schüler aufnehmen, d​ie sich z​ur Übersiedlung n​ach Holland melden. Der Direktor g​ab eine ausführliche Beschreibung v​on Land u​nd Leuten a​us der näheren u​nd weiteren Umgebung d​es Schlosses. Schloß Erde l​iegt unweit Zwolle, e​twa 25 km v​on der Reichsgrenze entfernt, weitab v​om Getriebe d​er Großstädte mitten zwischen gewaltigen Buchenwaldungen. Sein Besitzer, e​in holländischer Baron, h​at sein Schloß m​it allem Zubehör a​n eine Gemeinde d​er Quäker verpachtet, d​ie ihrerseits a​us dem idyllisch gelegenen Herrensitz e​in Landerziehungsheim für Quäkerkinder gemacht haben. Von d​er eben genannten holländischen Sekte h​at die N.S.V. d​en Besitz m​it seinem sämtlichen lebenden u​nd toten Inventar übernommen. Die Klassenzimmer s​ind hell u​nd luftig, desgleichen d​ie Schlaf- u​nd Tagesräume d​er Jungen. Die für d​ie Lehrkräfte vorgesehenen Räume lassen ebenfalls nichts z​u wünschen übrig. Das Gebäude h​at Heizung u​nd alle erforderlichen sanitären Einrichtungen. Auf d​en in unmittelbarer Nähe d​es Gutshauses gelegenen Sportplätzen u​nd im Schwimmbad werden d​ie Jungen reichlich Gelegenheit haben, i​hren Körper z​u stählen.“[301] Dass d​ie Nationalsozialistische Volkswohlfahrt (N.S.V.) v​on der „höllänischen Sekte [..] d​en Besitz m​it seinem sämtlichen lebenden u​nd toten Inventar übernommen“ habe, w​ie der Direktor darlegt, blendet natürlich aus, d​ass diese Übergabe i​n Wahrheit e​ine Enteignung d​er Quäker a​uf Veranlassung d​es „Beauftragten für d​ie Provinz Overijssel d​es Reichskommissars für d​ie besetzten Niederländischen Gebiete“ gewesen war.

28. März 1944 vermerkt d​as Schulprotokoll: „Eine große Anzahl unserer Schüler d​er Klassen 1-4 i​st in d​en letzten Wochen v​on der Anstalt abgegangen. Ihre Eltern h​aben sie abgemeldet, w​eil sie glaubten, e​s nicht verantworten z​u können, i​hre Söhne d​em geplanten Transport n​ach Holland, d. h. i​n besetztes Feindesgebiet, mitzugeben. Es h​aben sich besonders d​ie Klassen gelichtet, d​ie sich vornehmlich a​us Schülern a​us der Landbevölkerung d​er Osnabrücker Umgebung, d​er Kreise Melle u​nd Quakenbrück zusammensetzen.“[301] Dennoch reisten Anfang Mai 1944 106 Schülerinnen u​nd Schüler a​us Osnabrück n​ach Eerde. Ihr Aufenthalt währte b​is in d​en September 1944 u​nd ist a​uf der Webseite d​er Schule a​uch durch zahlreiche Fotografien dokumentiert. Sehr eindrucksvoll für d​iese Zeit s​ind auch d​ie auf e​iner Unterseite d​er Schul-Webseite dokumentierten Briefe e​ines Schülers a​n seine Eltern u​nd Verwandten z​u Hause.[303]

Das Vorrücken d​er Alliierten beendete d​en Aufenthalt d​er Osnabrücker Schüler i​n Eerde: „Die d​urch den Durchbruch d​er Amerikaner b​ei Avranches geschaffene Lage u​nd der ununterbrochene feindliche Vormarsch ließen d​as Verbleiben d​es KLV-Lagers i​n Holland a​ls recht zweifelhaft u​nd daher unerwünscht erscheinen. Angesichts d​es Heranrückens d​er anglo-amerikanischen Heere traten i​n großen Teilen i​hres Landes d​ie Holländer i​n den Streik, j​a gingen z​um offenen Aufruhr über. Am Sonnabend, d​em 2. Sept., erreichte d​ie Leitung unseres Lagers a​uf Schloß Eerde d​er Bescheid, daß d​er Abtransport d​es Lagers a​m 5. Sept. erfolgen würde. In Deventer sollte d​er Transportzug zusammengestellt werden. In Ruhe konnten s​omit die Vorbereitungen für d​ie Heimreise getroffen werden. U. a. w​urde noch e​in 4 Zentner schweres Schwein geschlachtet, s​o daß d​en Jungen reichlich Fleisch u​nd Wurstwaren a​ls Wegzehrung mitgegeben werden konnten. Das übrige Vieh u​nd alles das, w​as nicht mitgenommen werden konnte, wurde, w​ie auch d​ie Verfügung über d​as ganze Schloß, d​er Obhut d​es deutschen Bereitschaftsführers d​er holländischen SS, Dr. Schwier, überlassen.“[301]

Für d​ie Kinder w​ar damit i​hre Odyssee a​ber noch n​icht zu Ende: „Die Eltern d​er aus d​em K.L.V.-Lager Schloß Eerde zurückgekehrten Schüler versammelten s​ich am 29. September [1944] i​n der Aula d​er Ratsoberschule, w​o ihnen Näheres über e​ine bevorstehende Verschickung d​er Schüler i​n ein Lager i​m Gau Salzburg mitgeteilt wurde. Am 11. Oktober f​uhr der s​ich aus Schülern d​er Staatlichen Oberschule u​nd der Ratsoberschule zusammensetzende Transport v​om Hauptbahnhof n​ach Hochkeilhaus Pongau, Gau Salzburg ab.“[301]

Es i​st ja s​chon angeklungen, d​ass die Kinderlandverschickung e​ine von d​er „Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt“ geplante u​nd organisierte Aktion war. Deshalb i​st es w​enig verwunderlich, d​ass auch andere NS-Organisationen einbezogen wurden, e​ben auch d​ie Hitlerjugend: „Die Betreuung d​er Schüler d​urch die H.J. l​iegt in d​en Händen d​es Oberbannführers Hinrichs, d​ie Lagermannschaftsführer werden a​us den Reihen unserer Schüler gestellt. Die Unterrichtsaufsicht w​ird durch d​en Schulrat i​n Apeldoorn durchgeführt. Jedes Lager w​ird außerdem d​urch einen Militärarzt u​nd eine NSV-Schwester betreut.“[301] Daraus a​ber ableiten z​u wollen, Schloss Eerde s​ei 1943 für d​ie Hitlerjugend beschlagnahmt worden, i​st eindeutig verkehrt u​nd kann a​uch nicht d​amit gerechtfertigt werden, d​ass auf vielen a​uf der Webseite d​es Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasiums[304] veröffentlichten Fotos d​ie Jungen i​n HJ-Uniformen z​u sehen sind. Die Protokolle a​us der Schulchronik l​egen nahe, d​ass es a​n der Schule wenige o​der keine Tendenzen gab, s​ich der NS-Ideologie z​u widersetzen. Den Kindern i​st das a​m wenigsten vorzuwerfen.

Neubeginn und Neuausrichtung nach dem Krieg

Neubeginn in Eerde

Nach d​er Beschlagnahmung d​er Schule für ausgebombte Schüler a​us Osnabrück z​ogen einige Lehrer, darunter a​uch der untergetauchte Kurt Neuse, i​ns Haus De Esch. Sie lebten vermutlich v​on den i​n der Schulkasse verbliebenen Geldern u​nd konnten a​uf die landwirtschaftlichen Produkte d​er Schule zurückgreifen, s​o dass s​ie keinen Hunger z​u leiden hatten. Die Familie Warburg versteckte sich, u​nd ebenfalls Otto Reckendorf. Der w​urde jedoch entdeckt u​nd in e​in Bau-Bataillon gesteckt. Seine Frau versuchte derweil, s​ich und i​hre beiden Kinder d​urch den Verkauf i​hrer Webereien über Wasser z​u halten. Elisabeth Schmitt, d​ie durch i​hr legalistisches Verhalten bereits d​en Abtransport d​er jüdischen Schülerinnen u​nd Schüler mitzuverantworten hatte, drohte n​un Opfer i​hres eigenen Verhaltens z​u werden:

„Elisabeth Schmitt, d​ie bis 1944 d​urch ihre Ehe m​it einem arischen Ehemann geschützt war, w​urde am 29. März dieses Jahres verhaftet u​nd nach Westerbork gebracht. Obwohl d​ie örtliche Polizei s​ie vor d​er Einlieferung ausführlich gewarnt hatte, unternahm sie, getreu d​en Anweisungen, d​ie sie z​uvor den unglücklich i​hr anvertrauten Person gegeben hatte, k​eine Anstrengungen, u​m zu entkommen. Nach e​iner Woche i​n Westerbork w​urde sie entlassen u​nd kehrte n​ach De Esch zurück. Dort g​ab sie weiterhin Unterricht für Lehrerkinder.[305]

Hans A.Schmitt: Quakers and Nazis. S. 201.

Feidel-Mertz berichtet, dass auch der mittlerweile als „halbarisch“ rehabilitierte Heinz Wild zu den in De Esch versammelten Lehrkräften zählte und dass gegen Kriegsende auch noch V1- und V2-Stellungen in Eerde gebaut worden seien.[306] Philip van Pallandt versorgte die Gruppe mit BBC-Nachrichten und betrieb seine eigene Widerstandsarbeit: Er versteckte einen niederländischen Offizier und zwei amerikanische Flieger. „Schließlich rollte am 11. April 1945 ein kanadischer Panzer vor De Esch die zerklüftete Straße hinauf, und es war alles vorbei - bis auf die Trauer, die für immer andauern würde.“[307]

Nach Kriegsende diente Schloss Eerde k​urz als Unterkunft für ehemalige politische Gefangene, b​evor die Frau d​es Verlegers Prakke, Frederica Prakke-Cruiger (* 28. Januar 1900 – † 13. März 1989) d​ort einen Kindergarten einrichtete, i​n dem Laura v​an Honk u​nd Heinz Wild mitarbeiteten.[300] Parallel d​azu betrieb Piet Kappers – t​rotz der a​n ihm geübten Kritik w​egen seiner Zusammenarbeit m​it den deutschen Besatzern – d​ie Wiedereröffnung d​er Schule:

„Weder d​ie Folgen d​er Besatzung d​urch Zerstörung u​nd Hunger n​och die Unmöglichkeit britischer u​nd amerikanischer Freunde, e​inen Teil i​hrer angespannten Ressourcen für s​ein visionäres Unterfangen z​u verwenden, entmutigten ihn. Als e​r in d​en Kindern d​er Beamten d​er niederländischen Exilregierung, d​ie eine Schule brauchten, i​n der s​ie eine i​n Großbritannien begonnene Ausbildung abschließen konnten, e​ine Klientel fand, g​ab es k​ein Halten mehr, u​nd im Mai 1946 e​rhob sich d​ie Quäkerschule Eerde, phönixartig, a​us der Asche d​er Besatzung.[308]

Hans A. Schmitt: Quakers and Nazis. S. 213–214.

Die Ausstattung d​er Schule w​ar schlechter a​ls zu Beginn i​m Jahre 1934 u​nd von d​er alten Lehrerschaft standen für d​en Neustart zunächst n​ur der a​us der Internierung zurückgekehrte William Hilsley, Heinz Wild u​nd Otto Reckendorf z​ur Verfügung. Werner Hermans fungierte a​ls Schulleiter, w​urde aber 1947 d​urch den amerikanischen Quäker Horace Eaton abgelöst. 1948 scheiterte d​er Versuch, Katharina Petersen wieder a​ls Schulleiterin zurückzuholen. Diese v​on Feidel-Mertz a​ls die „zweite Phase d​er Schule“ bezeichnet Zeit n​ach der Wiedereröffnung endete 1951. Es k​am zu Konflikten zwischen d​en Quäkern u​nd der Familie v​an Pallandt u​nd in d​eren Folge z​u einer Abspaltung. Die n​ach dem Krieg gegründete u​nd von d​en van Pallandts unterstützte Grundschule verließ zusammen m​it Werner Hermans, d​er inzwischen e​ine Pallandt-Tochter geheiratet hatte, Eerde u​nd zog n​ach De Ulenpas i​n Hoog Keppel. Ab 1954 g​ab es a​uch eine Dependance i​n Rheedenoort.[309] Die Quäkerschule a​ber arbeitete zunächst i​n Eerde weiter.

1954 kehrte e​in ehemaliger Schüler, Enzio Meyer-Borchert, n​ach Eerde zurück: „Mitten i​m Studium ließ s​ich Enzio für e​in Semester beurlauben, u​m dem Ruf seines wieder n​ach Eerde zurückgekehrten ehemaligen Musiklehrers z​u folgen u​nd an seiner a​lten Schule a​ls Aushilfslehrkraft z​u unterrichten. Auch Freund Buri i​st zusammen m​it seiner Frau Jannie a​n die Schule zurückgekehrt u​nd mit i​hnen im Trio scheint, w​ie es William Hilsley euphorisch formulierte, e​ine erneute Zusammenarbeit i​n Eerde w​ie eine ‚himmlische e​wige Wiederkehr‘. Dort lernte e​r auch Renata Koch, s​eine künftige Frau, kennen, d​ie die Schule i​n Eerde besucht h​atte und s​ich als Weberin ausbilden ließ.“[310] Meyer-Borchert bleibt zunächst n​ur für e​in paar Monate i​n Eerde u​nd kehrt n​ach Karlsruhe zurück, u​m dort i​m Dezember 1954 s​ein erstes Staatsexamen für d​as Lehramt abzulegen. Anschließend g​eht er erneut für anderthalb Jahre n​ach Eerde zurück. Anfang Februar 1955 berichtet e​r in e​inem Brief a​n seine Mutter, d​ass er i​n Vertretung d​es erkrankten Buri Zeichnen u​nd Deutsch unterrichten müsse. „Ich h​abe regelmäßig d​rei Klassen, d​ie ich unterrichte, d​azu einige einzelne Kinder, für d​ie irgendwann i​m Stundenplan s​tatt einer Freistunde Zeichnen eingesetzt ist, u​nd ausserdem n​och die praktische Arbeitsgruppe m​it der i​ch male u​nd modelliere. Die älteste Klasse s​ind die Kandidaten fürs diesjährige Oxford-Examen [..] Die anderen beiden Klassen s​ind eine holländische v​on etwa 30 u​nd eine amerikanisch-englische v​on etwa 10 jüngeren Kindern [..] Die amerikanische Gruppe i​st von e​iner unvorstellbaren Unerzogenheit u​nd disziplinlosen Ungehemmtheit.“[311]

Im November 1955 berichtet Meyer-Borchert, der kurz danach nach Deutschland zurückkehrte und als Studienreferendar in Hameln und Hannover arbeitete, von einem im Sommer erfolgten Wechsel in der Leitung der Schule, bei dem sein Freund Buri zum Konrektor berufen worden sei. „Manches hat dadurch sein Gesicht verändert, sehr zum Positiven, anderes ist beim Alten geblieben. Die Stimmung unter den Lehrern ist weitaus günstiger und zu einer erfolgreichen Zusammenarbeit, freundlicher, offener vertraulicher. Ein Geist des Einverständnisses und der Gemeinschaft ist langsam entstanden. Von einzelnen kann wieder Initiative ausgehen oder von Gruppen. Bill Hilsley beginnt wieder Stücke vorzubereiten, und zum ersten Mal seit drei Jahren hat vor etwa drei Wochen ein Herbstabend stattgefunden.“[312] Meyer-Borcherts Ausführungen lassen den Schluss zu, dass es um den inneren Schulfrieden in der „neuen“ Quäkerschule Eerde seither nicht gut bestellt war, und er verweist auf ein weiteres ungelöstes Problem: die unerfreuliche Stimmung unter den Kindern, der die Lehrkräfte relativ hilflos gegenüber standen. „Keiner weiss recht, woher diese allgemeine Verwilderung kommt und wie man ihr begegnen soll. Hilsley meint einfach, es sei ein allgemeines Zeichen der Zeit, aber ich glaube nicht ganz daran. Sicher ist wohl, dass die hier übliche amerikanische Heldenverehrung, die Jazzmusikbesessenheit etc. beträchtlich dazu beitragen, aber sicher ist das auch nicht der einzige Grund.“[312] Gegenüber seiner früheren Verurteilung der Jazzmusik-Liebhaber als Verbrecher und Abschaum (siehe oben „Die soziale Herkunft und soziale Prägung“) hört sich das schon beinahe aufgeklärt an und lässt vermuten, dass er zu der Lehrerfraktion an der Schule gehörte, die, wie der neue Rektor, auf Überzeugungsarbeit setzen wollte statt auf drakonische Strafen. Gleichwohl vermutet er, dass die Anhänger der von ihm als „Prügelpartei“ ironisierten Fraktion „langsam das Übergewicht bekommen bzw. die anderen unter dem Druck der Umstände den Mut verlieren.“[313] Auch auf diese Nachkriegsjahre fällt der Schatten des sexuellen Missbrauchs, wie oben schon mehrfach ausgeführt. Und es sind die gleichen Protagonisten, die erneut als Täter im Zentrum stehen: William Hilsley und Wolfgang Frommel.[314] Es greifen aber auch die gleichen Mechanismen wie an der alten Quäkerschule. So, wie einst Kurt Neuse aufgekommene Gerüchte über homosexuelle Beziehungen zu einer Frage der individuellen sexuellen Präferenz erklärte und der Sache nicht auf den Grund ging, scheint auch an der Nachfolgeeinrichtung die Schulleitung kein Interesse an einer Aufklärung gehabt zu haben. Haverkorn, die Anfang der 1950er Jahre für sich in Anspruch nahm, „die Lehre einer Freundschaft, die geprägt vom pädagogischen Eros leicht in die Homosexualität gerät“, noch nicht durchschaut zu haben, wird indirekt mit den in der damaligen Zeit unaussprechlichen Dingen konfrontiert. „Als in jenen Jahren auf der Schule Unruhe entstand wegen Anzeichen dieser angeblich unaussprechbaren ‚Freundschaft‘ und ich darauf von meinem Vater, der inzwischen dem Vorstand der Schule angehörte, angesprochen wurde, weil angeblich einige meiner Freunde in die Nähe dieser gefährlichen Liebe geraten waren, hatte ich keine Ahnung, um was es sich handelte. Ich schüttelte seine lästigen Fragen ab. Nicht nur, weil ich wirklich keine Ahnung von diesen erotischen Gefahren hatte, sondern ich gehörte auch einer Generation an, die gerade die Beschränkungen des Zweiten Weltkrieges hinter sich gebracht hatte und auf der Suche war nach einem heiteren Leben ohne irgendwelche Beschränkungen oder Vermutungen welcher Art auch immer. Ich genoss die schöne Umgebung des Schlosses, liebte die Freiheit, die zum Leben in fortschrittlichen Landschulheimen gehört, war empfänglich für künstlerische Dinge, das hatte ich von zu Hause mitbekommen, und verliebte mich, wie jedes andere Mädchen meines Alters auch, in hübsche Jungens.“[315] Es sieht ganz danach aus, dass sich Haverkorns Vater mit der abweisenden Antwort seiner Tochter zufrieden gegeben hat, denn sie berichtet nicht davon, dass weder er noch andere Verantwortliche der Schule der Sache weiter nachgegangen seien. Eine weitere Chance, Kinder vor dem Missbrauch zu schützen, wurde vertan, Hilsley blieben noch viele Jahre, um unter der Maske des freundlichen Musiklehrers sein perverses Tun fortzusetzen.

Schule auf Schloss Beverweerd

Für die Schule in Schloss Eerde ging es allmählich aufs Ende zu – wenngleich nicht aufgrund der von Meyer-Borchert geschilderten internen Schwierigkeiten und inneren Widersprüchlichkeiten.

Schloss Beverweerd

1958 verlängerte Baron v​an Pallandt n​icht mehr d​en Vertrag m​it den Quäkern über d​ie Anmietung v​on Schloss Eerde. Damit endete d​ie Geschichte d​er Quäkerschule a​n diesem Ort. Die Schule z​og 1959 i​ns Schloss Beverweerd w​o sie a​ls „Beverweerd International School“ weiterarbeitete. Friedrich W. Buri w​ar auch h​ier wieder a​ls Lehrer tätig u​nd ebenfalls William Hilsley. In e​inem Bericht e​ines niederländischen Quäkers heißt e​s anlässlich d​er Neueröffnung:

„The school h​as moved i​nto new quarters a​nd will o​pen its g​ates for t​he pupils o​n September 12 a​t the Castle Beverweerd. Living quarters w​ill be r​eady by then. The h​all to b​e used f​or musical a​nd theater performances a​nd to include a gymnasium i​s still i​n the process o​f being built; s​o are t​wo homes f​or the staff, w​hich will b​e com-pleted a​t a l​ater date. Owing t​o lack o​f labor, t​he prepara-tion o​f a sports f​ield can s​tart only t​his fall. The official opening will, therefore, b​e much later. We h​ope to unveil a bronze plaque o​f Horace Eaton, m​ade by t​he well-known sculptor Titus Leeser, i​n October, w​hen one o​f his daugh-ters w​ill be present. It w​ill have a p​lace in t​he Main Hall.“[316]

Für Hans A. Schmitt w​ar dies k​ein Neubeginn, sondern m​ehr ein Schritt i​n Richtung Ende. „In t​he long run, however, Kappers’s d​ream of Eerde’s perpetuity d​ied with him. When t​he school’s l​ease was n​ot renewed i​n 1958, Friends relocated t​he school a​t Beverweerd Castle, n​ear Utrecht, w​ith Hilsley remaining a​s the l​ast holdover f​rom the original faculty. Twelve y​ears later, t​hree years a​fter Kappers’s death, t​he Dutch Yearly Meeting decided t​hat the student b​ody had c​ome to represent a degree o​f affluence t​hat neither deserved n​or required t​heir continued support. Like Eerde, Beverweerd ceased b​eing a Quaker school. The n​eed for s​uch an institution h​ad been t​ied to t​he Nazi terror a​fter all.“[317] Im Jahr 1971 z​ogen sich d​ie Quäker a​us der v​on ihnen gegründeten Schule zurück, a​us der „International Quaker School Beverweerd“ w​urde die „International School Beverweerd“. Diese Schule existierte b​is 1997.

So w​ie Joke Haverkorn i​n ihrem s​chon zitierten ZEIT-Interview keinen Zweifel d​aran lässt, d​ass es i​n der vorangegangenen Ära i​n Eerde z​u sexuellen Übergriffen d​urch Hilsley u​nd Frommel gekommen ist, s​o kann d​as durch d​ie Veröffentlichungen v​on Frank Ligtfoet u​nd den Journalisten Harm Ede Botje u​nd Sander Donkers a​uch für d​ie Schule a​uf Schloss Beverweerd a​ls gesichert angesehen werden. Und wieder w​urde weggesehen: Ein v​on Hilsley missbrauchter Junge s​agte „seiner Mutter, e​r wolle nichts m​ehr mit Hilsley z​u tun h​aben - o​hne ihr z​u sagen, w​as passiert sei. Er beschwerte s​ich beim Schuldirektor, a​ber laut i​hm wurde nichts m​ehr unternommen. Er begann wegzulaufen u​nd simulierte e​ine Blinddarmentzündung, i​ndem er enorme Mengen Kaugummi schluckte.“[318]

William Hilsley b​lieb nach d​er Schließung d​er Schule b​is zu seinem Tode a​m 12. Januar 2003 d​er einzige Bewohner v​on Schloss Beverweerd. Nachdem d​as Gebäude l​ange leer gestanden hatte, kaufte 2005 d​ie „Stichting Philadelphia Vegetarisch Centrum“ d​as Schloss. Es sollten d​arin Wohnungen für ältere Vegetarier gebaut werden, d​och im Jahr 2009 wurden d​ie Arbeiten w​egen aus Geldmangel eingestellt. Seit 1990 veranstaltete d​ie „Stichting Kasteelconcerten Beverweerd“ Schlosskonzerte i​n Beverweerd. Die Webseite d​er Stiftung, d​ie viele Informationen u​nd Fotografien a​us der Geschichte d​er Quäkerschulen i​n Eerde u​nd Beverweerd vorhält, g​ibt aber k​eine Auskunft darüber, o​b diese Konzerte, d​ie auch d​em Werk v​on William Hilsley gewidmet waren, weiterhin veranstaltet werden.[319]

Literatur

  • Hildegard Feidel-Mertz (Hg.): Schulen im Exil. Die Verdrängte Pädagogik nach 1933. rororo, Reinbek 1983, ISBN 3-499-17789-7.
  • Hildegard Feidel-Mertz: „Das letzte Stückchen Eerde“. Die Tagebücher des Klaus Seckel aus der Internationalen Quäkerschule Eerde/Holland. In: Inge Hansen-Schaberg (Hg.): Als Kind verfolgt. Anne Frank und die anderen. Weidler Buchverlag, Berlin 2004, ISBN 3-89693-244-6, S. 131–145.
  • Hildegard Feidel-Mertz: Nachlass im Deutschen Exilarchiv
  • Berthold Hegner: Die internationale Quäkerschule Eerde – ein Schülertreffen 60 Jahre nach Einstellung des Schulbetriebs. In: Exil. Jg. 22, 2002, Heft 2, S. 73–77.
  • Bernd Dühlmeier: Und die Schule bewegt sich doch. Unbekannte Reformpädagogen und ihre Projekte in der Nachkriegszeit. Klinkhardt, Bad Heilbrunn 2004, ISBN 3-7815-1328-9, S. 47. Teilweise einsehbar auch unter: Und die Schule bewegt sich doch.
  • Peter Budde: Katharina Petersen und die Quäkerschule Eerde. Eine Dokumenbtationscollage. In: Monika Lehmann, Hermann Schnorbach (Hg.): Aufklärung als Lernprozess. Festschrift für Hildegard Feidel-Mertz. dipa-Verlag, Frankfurt am Main 1992, ISBN 3-7638-0186-3, S. 86–101.
  • Hans A. Schmitt: Lucky Victim. An Ordinary Life in Extraordinary Times 1933-1946. Louisiana State University Press, Baton Rouge 1989, ISBN 0-8071-1500-2.
  • Hans A. Schmitt: Quakers and Nazis. Inner Light in Outer Darkness. University of Missouri Press, Columbia/London 1997, ISBN 0-8262-1134-8.
  • Hans A. Schmitt: Quaker Efforts to Rescue Children from Nazi Education and Discrimination: The International Quakerschool Eerde. In: Quaker History. Vol. 85, No. 1 (Spring 1996), S. 45–57.
  • Hanna Jordan: Schloß Eerde – ein großes Quäkerwerk un seine „Oldies“. In: Quäker. Zeitschrift der deutschen Freunde / Religiöse Gesellschaft der Freunde (Quäker) in Deutschland, Deutsche Jahresversammlung e. V. Juli/August 1997, S. 144–151.
  • Claus Bernet: „Ja-sagen zum Judentum“. Die Quäker und ihr Verhalten gegenüber den Juden in Deutschland von 1933 bis 1945. In: Daniel Heinz (Hg.): Freikirchen und Juden im „Dritten Reich“. Instrumentalisierte Heilsgeschichte, antisemitische Vorurteile und verdrängte Schuld. V&R unipress, Göttingen 2011, ISBN 978-3-89971-690-0, S. 35–64.
  • Claus Bernet: Quäker aus Politik, Wissenschaft und Kunst. 20. Jahrhundert. Ein biographisches Lexikon. Verlag Traugott Bautz, Nordhausen 2007, ISBN 978-3-88309-398-7.
  • Die Tagebücher des Klaus Seckel: Das letzte Stückchen Eerde. Auswahl aus den 7 Tagebüchern des Klaus Seckel: Heinz Wild, für den Druck bearbeitet von Werner Hermans und M. R. Bonnermann. van Gorcum, Assen 1961, Im Bestand der DNB. Eine Neuausgabe ist 2011 erschienen:
  • Claus Victor Bock: Untergetaucht unter Freunden. Ein Bericht. Amsterdam 1942–1945. Castrum-Peregrini-Presse, Amsterdam mehrere Auflagen, ISBN 90-6034-053-1. Die fünfte Auflage ist teilweise online: Claus Victor Bock auf Google-Books
  • Sylvia Peuckert: Hedwig Fechheimer und die ägyptische Kunst: Leben und Werk einer jüdischen Kunstwissenschaftlerin in Deutschland (= Zeitschrift für ägyptische Sprache und Altertumskunde. Beiheft, Band 2). De Gruyter, 2014, ISBN 3-05-005979-6.
  • Friedrich W. Buri: Ich gab dir die Fackel im Sprunge. W. F. ein Erinnerungsbericht. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Stephan C. Bischoff. Verlag für Berlin-Brandenburg, Berlin 2009, ISBN 978-3-86650-068-6. (Der Titel ist dem Gedicht „Die Fackel“ von Wolfgang Frommel entlehnt.)
  • William Hilsley: Musik hinterm Stacheldraht. Tagebuch eines internierten Musikers 1940–1945. Ulrich Bornemann, Karlhans Kluncker, Rénald Ruiter (Hg.). Verlag für Berlin-Brandenburg, Potsdam 1999, ISBN 3-932981-48-0. (Zu diesem Buch gibt es auch eine CD mit dem Titel Musik hinterm Stacheldraht.)
  • Wolfgang Cordan: Die Matte. Autobiografische Aufzeichnungen. Im Anhang: Tage mit Antonio. MännerschwarmSkript Verlag, Hamburg 2003, ISBN 3-935596-33-2.[320]
  • Marita Keilson-Lauritz: Kentaurenliebe: Seitenwege der Männerliebe im 20. Jahrhundert. Männerschwarm Verlag, Hamburg 2013, ISBN 3-86300-143-5. Als Google-Book: Kentaurenliebe: Wolfgang Frommel und Billy Hildesheimer. Darin insbesondere das Kapitel Die Liebe der Kentauren: Deutscher Widerstand in den besetzten Niederlanden im Umkreis des Castrum Peregrini. S. 134–164.
  • Nina Arbesser-Rastburg: Der Münchner „Adlerhorst“ im Wandel der Zeit – eine individualpsychologische Retrospektive. Die Geschichte des Alfred-Adler-Instituts München. Waxmann, Münster/New York 2015, ISBN 978-3-8309-3274-1.
  • Christian Füller: Die Revolution missbraucht ihre Kinder. Sexuelle Gewalt in deutschen Protestbewegungen. Carl Hanser Verlag, München 2015, ISBN 978-3-446-24726-0.
  • Melchior Frommel: Enzio Meyer-Borchert. 1923–1995. Werk und Leben. Seemann, Leipzig 2000, ISBN 3-363-00746-9.
  • Eberhard Röhm, Jörg Thierfelder: Juden, Christen, Deutsche 1933–1945. Band 4: 1941–1945: Vernichtet. Calwer Verlag, Stuttgart 2004, ISBN 3-7668-3887-3. (In Kapitel 25 geben die Autoren einen Überblick über „Judenverfolgung und Kirchen in den Niederlanden“. Dem folgt als Kapitel 26 „Eine Quäker-Landheimschule als zweite Heimat: Die Tagebücher des Klaus Seckel“, worin die Quäkerschule weitgehend entlang Klaus Seckels Tagebüchern erzählt wird (S. 490–508).)
  • Ron Chernow: Die Warburgs. Odyssee einer Familie. Siedler, Berlin 1994, ISBN 3-88680-521-2.
  • Ingrid Warburg Spinelli: Erinnerungen. Die Dringlichkeit des Mitleids und die Einsamkeit, nein zu sagen. Luchterhand Literaturverlag, Hamburg/Zürich 1991, ISBN 978-3-630-71013-6.
  • Petra Bonavita: Quäker als Retter im Frankfurt am Main der NS-Zeit. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2014, ISBN 3-89657-149-4. (Das Buch enthält einen längeren Abschnitt über das „Quäker-Internat «Eerde»“ mit starkem Bezug Frankfurter Schülern bzw. Unterstützungsleistungen durch die Frankfurter Quäker.)
  • Joke Haverkorn van Rijswijk: Entfernte Erinnerungen an W. Daniel Osthoff Verlag, Würzburg 2013, ISBN 978-3-935998-11-6. In Ergänzung dazu:
    • „Es war ein unentwegtes Drama.“ Interview mit Joke Haverkorn van Rijswijk auf Zeit Online, Die Zeit, Nr. 22/2018, 24. Mai 2018. Ebenfalls unter Mitarbeit von Joke Haverkorn entstand ein bislang nicht ins Deutsche übersetzte Buch:
    • Sluit tot Vaste Kring de Handen. Een Geschiedenis van de Quakerscholen Eerde, Vilsteren en Beverweerd. Aksant, Amsterdam 2002, ISBN 978-90-5260-059-8. (Laut Verlag beschreibt das Buch die oft wechselvolle Geschichte der Quäkerschule Eerde und ihrer Nachfolgeeinrichtungen und widmet den Ereignissen des Zweiten Weltkriegs und der Quäkerpädagogik besondere Aufmerksamkeit.)

Einzelnachweise

  1. Geschichte von Schloss Eerde
  2. Auf der Webseite Geschichte von Schloss Eerde wird ein „Johan Werner ‚Baron‘ van Pallandt, Lieutenant General of the Netherlands,“ als Erwerber des Anwesens im Jahre 1706 benannt.
  3. Im Niederländischen wird es als „Kasteel“ bezeichnet.
  4. Siehe hierzu auch ein Video auf youtube: Krishnamurti in Eerde: „Home movie of the family Selleger, shot around 1927, with Jiddu Krishnamurti at the Eerde estate, Annie Besant arriving by plane in The Netherlands, and in the Tolstraat, Amsterdam, and images of one of the Starcamps at Ommen.“
  5. After the dissolution of the order in 1929, the Kasteel was briefly a resort hotel, but when Kappers’s quest began it stood empty. [..] Pallandt had worked with Quaker relief workers after World War I, notably in Austria; his friend Krishnamurti was no stranger to Friends House, where he had spoken in 1928; and, finally, Pallandt’s wife was an alumna of the Odenwald school.
  6. Hildegard Feidel-Mertz (Hg.): Schulen im Exil. S. 152.
  7. Friends worried about the divergence from their principles that was manifest in the spirit of the German public schools. Neither brotherhood nor truthfulness loomed large in their classrooms. Authority took precedence over „friendly intercourse“. History textbooks glorified military prowess and Germany’s old political system, in contrast to more conciliatory approaches taught in English schools. Hans A. Schmitt: Quaker Efforts to Rescue Children from Nazi Education and Discrimination. S. 46–47. Der Begriff ‚Friends‘ am Zitatbeginn steht hier für die Selbstbezeichnung der Quäker, die sich selbst als ‚Freunde‘ bezeichnen.
  8. The German Yearly Meeting appointed a special committee to consider the establishment of a Quaker school that would provide elementary and secondary instruction, including academic as well as artisan training. Religious teaching was to be nonsectarian but was to include Bible study and history of other religions. The goal was an educational community that constituted a ‚social unit down to the lowest kitchen worker‘. The seriousness of educational planning was reflected in the membership of the committee that included the triumvirate of the Berlin Center – Hans Albrecht, Richard Cary, and Corder Catchpool – as well as the most active educational reformers among German Friends, Wilhelm Hubben, Manfred Pollatz, and Elisabeth Rotten.
  9. Zur Geschichte des erwähnten ‚Berlin Center‘ vergleiche: Geschichte des Berliner Quäkerbüros. Dessen hier ebenfalls erwähntes Mitglied Corder Catchpool spielte 1933 eine entscheidende Rolle bei der Emigration von Pitt Krüger, dem Gründer der von den Quäkern initiierten Schule La Coûme in den französischen Pyrenäen.
  10. could recruit a substantial portion of its enrollment outside Quaker circles.
    Hans A. Schmitt: Quaker Efforts to Rescue Children from Nazi Education and Discrimination. S. 47.
  11. At the end of 1933, therefore, the focus shifted. A Continental Quaker school, regardless of location, would be designed as a refuge for children whom the new political order deprived of access to a good education. Teachers in such a school would be recruited on the basis of talent, not personal need.
  12. The new school on the Continent was to become a haven for gifted children whose families faced political ostracism in Germany or were in the course of building new careers.
  13. Claus Bernet: Ja-sagen zum Judentum. S. 48.
  14. Kappers knew of the earlier German school project and its intellectual indebtedness to the German reform-school movement. This knowledge helped give shape and purpose to the fledgling enterprise. He was likewise acquainted with British Quaker schools. Kappers also looked beyond the current emergency created by National Socialism and viewed the school in Eerde as a permanent part of a yet to constructed network of Continental Quaker schools, reflecting the best and newest in European educational reform. Hans A. Schmitt: Quakers and Nazis. S. 78–79.
  15. German Friends still hoped, above all, that the school would build permanent links between the young exiles and the native culture they had been forced to leave behind and would perpetuate in a more congenial environment the achievements of German educational reform movement. The Dutch obviously preferred the more balanced prospect of an international Quaker school, while Bertha Bracey in London, who became the major fund-raiser for the enterprise, reminded her Continental partners that British financial support would soon falter unless British Friends could actively contribute their extensive boarding school experience to shaping school. Her view were reinforced by the fact that of the roughly twelve hundred pounds raised by the time the school opened in April 1934, more than 80 percent represented British donations. Hans A. Schmitt: Quakers and Nazis. S. 79
  16. Hans A. Schmitt: Quakers and Nazis. S. 79.
  17. Peter Budde: Katharina Petersen und die Quäkerschule Eerde. S. 89.
  18. Kurzbiografie von Amalie Keller im Stadtlexikon Darmstadt
  19. Hildegard Feidel-Mertz (Hg.): Schulen im Exil. S. 155.
  20. Peter Budde: Katharina Petersen und die Quäkerschule Eerde. S. 90–91.
  21. Second, Kurt Neuse, whose extraordinary pedagogical gifts quickly turned Eerde into a school of remarkable quality, was accepted by the board ‚to say it quite honestly, only becaus his wife is a member of the English [sic] Yearly Meeting.‘ Neuse had been teaching Latin and Greek before his suspension from the Prussian school system but was to teach English at Eerde. The school’s founders had only his wife’s assurance that he was qualified for that task. Rose Neuse, who became the comptroller and secretary of the school, was the only British citizen, and the couple were the only Friends on the staff.
  22. Peter Budde: Katharina Petersen und die Quäkerschule Eerde. S. 91.
  23. Heinz Wild war Volksschullehrer in Thüringen gewesen, bevor er von den Nationalsozialisten aus dem Schuldienst entlassen wurde. Er gehörte dem Lehrkörper der Schule auch nach deren Wiedereröffnung 1946 an und kehrte 1952 als Lehrer nach Deutschland zurück. 1961 arbeitete er in Frankfurt am Main. Angaben aus: Die Tagebücher des Klaus Seckel: Das letzte Stückchen Eerde. S. 6. Heinz Wild hat diese Tagebücher 1943 gerettet (siehe unten)
  24. Hans A. Schmitt: Quakers and Nazis. S. 80.
  25. The first task of this mixed contingent was to clean house, set up beds, unload furniture, and begin work in a garden whose harvest of vegetables would become an important part of the school economy.
  26. zitiert nach Peter Budde: Katharina Petersen und die Quäkerschule Eerde. S. 95.
  27. Berthold Hegner: Die internationale Quäkerschule Eerde. S. 74.
  28. zitiert nach Peter Budde: Katharina Petersen und die Quäkerschule Eerde. S. 94.
  29. Although Katharina Petersen, during her first visit to Britain after assuming the leadership, felt constrained to assure British Friends that religion was ‚an important subject‘, it was not a visible part of the curriculum. Without pressure of any kind, however, Quaker tolerance triumphed as the Sunday morning silent meetings of worship became ‚a significant component, perhaps the very center of community life‘. Attendance was voluntary but nearly unanimous, while some teachers and students worshiped at Catholic or Protestant churches in Ommen. Hans A. Schmitt: Quakers and Nazis. S. 80
  30. Hildegard Feidel-Mertz (Hg.): Schulen im Exil. S. 156.
  31. Hildegard Feidel-Mertz (Hg.): Schulen im Exil. S. 156–157.
  32. Every Monday morning all students fourteen and older gathered in the music room for Billy's musicological performances. Here we learned a hitherto-unknown foreign language: music. [..] To be sure, our music teacher was no drillmaster. But he had a message to convey; he had a lesson plan from which he never deviated. What he actually taught us, of course, was the history of German music, plus Chopin. We came away totally innocent of Italians, Russians (except Stravinsky), Czechs, northern Europeans, and the French, both rornantics and impressionists. But what was left was substantial and exciting enough. We learned the vocabulary of Bach, Händel, Gluck, Haydn, Mozart, Beethoven, and the German romantics, including Wagner. [..] Conservative that he was, both as a classicist and as a German cultural chauvinist, he found little to praise in modern music. But he instructed us to keep an eye on three contemporaries who marvelously vindicated the standards by which he judged: Stravinsky, Béla Bartók [..], and Kurt Weill [..]. Billy did not teach us everything, but he taught us a great deal well. Hans A. Schmitt: Lucky Victim. S. 89–90.
  33. Hildegard Feidel-Mertz (Hg.): Schulen im Exil. S. 159.
  34. Vergleiche hierzu das Bedauern der Quäker über Petersens Ausscheiden, zitiert bei Peter Budde: Katharina Petersen und die Quäkerschule Eerde. S. 100.
  35. Bernd Dühlmeier: Und die Schule bewegt sich doch. S. 47.
  36. Zitiert nach dem im Nachlass Hildegard-Feidel-Mertz im Deutschen Exilarchiv der Deutschen Nationalbibliothek befindlichen Exemplar der Eerder Berichtsblätter in originaler Schreibweise.
  37. Berthold Hegner: Die internationale Quäkerschule Eerde. S. 75.
  38. Hans A. Schmitt: Quaker Efforts to Rescue Children from Nazi Education and Discrimination: The International Quakerschool Eerde. S. 52. The Nazis made her pension contingent on a return to Germany, and as she had no other source of income, she was forced to comply.
  39. Hans A. Schmitt: Lucky Victim. S. 83. I have already mentioned the head of the school, Katharina Petersen, a two-fisted humanitarian who hailed from Schleswig-Holstein. She had left Germany, in disgust, to serve the persecuted, but in the late thirties pressures from a brother, whose civil-service career her demonstrative exile endangered, forced her to resign and return home.
  40. Die Tagebücher des Klaus Seckel: Das letzte Stückchen Eerde. Anmerkung auf S. 25. Bei Feidel-Mertz wird die Landbauschule ebenfalls nur in einer Anmerkung erwähnt. (Hildegard Feidel-Mertz (Hg.): Schulen im Exil. S. 166, Anmerkung 4. Ob es sich dabei um den an gleicher Stelle in Anmerkung 2 erwähnten Bauernhof handelte, der schon von Anfang an mit gepachtet worden war, und was mit diesem Bauernhof in der Zwischenzeit geschehen war, ist unklar.)
  41. It began modestly with the rental of one hundred more acres of land from Philip van Pallandt, along with a request to the Dutch government − increasingly determined to stem the influx of German refugees – to permit enrollment of fifteen young exiles who would receive two years’ worth of training before moving to other countries. One of the AFSC’s roving commissoners in Europoe, Robert Balderston, offered funds to the school that would finance construction of a dormitory for twenty students, and at the same time promised to find graduates places on Australian, New Zealand, and North American farms. A certified Dutch teacher of agriculture took charge of this operation, and when Eerde celebrated the fifth anniversary of its founding, this expansion had become an accomplished fact, adding to the Quaker school’s catalog of achievements. Hans A. Schmitt: Quakers and Nazis. S. 132–133.
  42. Petra Bonavita: Quäker als Retter im Frankfurt am Main der NS-Zeit. S. 121.
  43. Petra Bonavita: Quäker als Retter im Frankfurt am Main der NS-Zeit. S. 42.
  44. Alix Dorothea Feist in The National Archives, Kew
  45. Peter Miodownik in The National Archives, Kew. Peter Miodownik war der Sohn von Ismar Miodownik, der seit 1923 dem Führungsgremium der Frankfurter Regionalbank der Deutschen Effecten- und Wechsel-Bank angehörte. (siehe hierzu: Karin Bürger, Ines Sonder, Ursula Wallmeier (Hg.): Soncino-Gesellschaft der Freunde des jüdischen Buches. Ein Beitrag zur Kulturgeschichte. de Gruyter, Berlin 2014, ISBN 978-3-11-028928-2, S. 85). Der war 1939 nach Palästina emigriert, wurde aber 1948 in Großbritannien eingebürgert. Sein Sohn Peter ist ein in der Modellierung thermodynamischer Daten für industrielle Prozesse tätiger Wissenschaftler (CALPHAD = Computer Coupling of Phase Diagrams and Thermochemistry); er ist der Vater von Mark Miodownik, einem britischen Materialwissenschaftler, Ingenieur, Radiomacher und Schriftsteller. (Matters (Miodownik) - Author Bio)
  46. Petra Bonavita: Quäker als Retter im Frankfurt am Main der NS-Zeit. S. 44.
  47. Zu den Vermutungen darüber, weshalb er nicht zum offiziellen Schulleiter berufen wurde, vergleiche Hans A. Schmitt: Quaker Efforts to Rescue Children from Nazi Education and Discrimination. S. 52. Darauf wird weiter unten noch einzugehen sein.
  48. Claus Victor Bock: Untergetaucht unter Freunden. S. 8–9.
  49. Hans A. Schmitt: Quaker Efforts to Rescue Children from Nazi Education and Discrimination. S. 53.
  50. Such understandable concerns turned out, once again, to be premature, since it was to be while before the war and its consequences reached Eerde.Hans A. Schmitt: Quakers and Nazis. S. 133.
  51. Claus Victor Bock: Untergetaucht unter Freunden. S. 40.
  52. Zur Geschichte des Lagers Erika vergleiche a) Nationales Monument Kamp Amersfoort und b) Gedenken in Benelux: Das Lager Erika.
  53. Das Tagebuch des Klaus Seckel: Anfang und Ende an der Quäkerschule Eerde (1937–1943). S. 41 (Originalschreibweise). Der Eintrag stammt vom 27. August 1941, mit „Sterkamp“ ist vermutlich das ehemalige Lager für die Treffen des „Sternenordens“ gemeint. Siehe hierzu oben: Schloss Eerde und die Familie van Pallandt
  54. Erinnerung an die 14 im 2. Weltkrieg getöteten Schüler der Quäker-Schule.
  55. Die Darstellungen hierzu sind nicht präzise. Bei Hans A. Schmitt heißt es, dass der Befehl ergangen sei, although Piet Kappers negotiated an exemption for Dutch children (Hans A. Schmitt: Quaker Efforts to Rescue Children from Nazi Education and Discrimination. S. 53). Feidel-Mertz dagegen schreibt, „im September 1941 wurde holländischen Juden der Besuch der Regelschule verboten“. (Feidel-Mertz (Hg.): Schulen im Exil. S. 162) Beide Aussagen lassen offen, ob nicht-jüdische niederländische Kinder weiterhin an der Schule angemeldet werden durften.
  56. Hans A. Schmitt: Quaker Efforts to Rescue Children from Nazi Education and Discrimination. S. 53. Elisabeth Schmitt war seine Mutter, nach Cordan „‚reinrassig‘ verheiratet und stand unter irgendeiner besonderen Protektion. Nach dem Krieg ist sie sogleich in die Staaten gegangen.“ (Wolfgang Cordan: Die Matte. S. 188). Diese angebliche Protektion, für die Cordan keinen Beleg anführt, bestand darin, dass ihr Sohn Hans A. Schmitt, der 1938 in die USA emigriert war, als amerikanischer Soldat auf die europäischen Schlachtfelder zurückgekehrt war. Dies verschaffte seiner Mutter und seinem Bruder Richard ein nicht zu unterschätzendes Privileg: Families of American servicemen were not subject to quota restrictions, and no waiting list could any longer impede their emigration. My mother and brother could therefore join my wife and me as soon as transport was available. (Hans A. Schmitt: Lucky Victim. S. 235–236)
  57. Das Tagebuch des Klaus Seckel: Anfang und Ende an der Quäkerschule Eerde (1937–1943). S. 41 (Originalschreibweise)
  58. Quelle: Historisch Centrum Overijssel
  59. Bei der Frau, die die Polizei rufen wollte, handelt es sich laut Cordan um Elisabeth Schmitt. Allerdings sei die Drohung ihm gegenüber ausgesprochen worden. (Wolfgang Cordan: Die Matte. S. 181–182.)
    Das verweist auf ein Dilemma, das Manfred Herzer in seinem Nachwort zu Cordans Buch thematisiert: „Die anfangs herzliche, bald aber komplizierter werdende Freundschaft zwischen Cordan und Frommel wird in der Matte dargestellt (Die Matte. S. 183 ff.) – natürlich aus Cordans Sicht. Und diese Sicht ist mit der Frommels und seines Castrum-Peregrini-Vereins sozusagen inkompatibel. Das müsste eigentlich kein Problem sein, ganz im Gegenteil erscheint es reizvoll und eigentlich auch normal, wenn historische Vorgänge im nachhinein von den daran Beteiligten aus ihrer subjektiven Erinnerung und Perspektive rekonstruiert werden. Wenn Historiker anhand der Quellen und widersprüchlichen Zeitzeugen zu dem Ergebnis kommen, es könne nicht vollständig aufgeklärt werden, ‚wie es wirklich gewesen ist‘, dann ist ein solches Resultat eher die Regel und nicht eine seltene Ausnahme. Der Wunsch nach Eindeutigkeit ist allerdings nahe liegend, und besonders bei noch lebenden damals Beteiligten kann dies zu Versuchen führen, der historischen Wahrheit ein wenig nachzuhelfen. In extremen Fällen gelingt es sogar, ein Monopol auf Darstellung und Deutung der historischen Ereignisse durchzusetzen. Die Castrum-Peregrini-Gruppe ist diesem verständlichen, aber moralisch bedenklichen Hang zur Apologetik in bemerkenswertem Maße erlegen. Aus der Forschungsliteratur sind mir hierzu die beiden Fälle Baumann und Renders bekannt.“ (Manfred Herzer: Nachwort zu: Wolfgang Cordan: Die Matte. S. 366.) Cordan (S. 186) konstatiert aber, dass er mit Frommel ‚in der Angelegenheit Eerde‘, womit die Vorbereitungen zur Flucht einiger Jugendlicher gemeint sind, ‚Hand in Hand‘ gearbeitet habe.
    Eine weitere Version, wer nun mit der Polizei bzw. der Gestapo gedroht habe, steuert Hans A, Schmitt bei: ‚Kappers is said to have threatened to report Frommel to the police if he encouraged such disappearances.‘ (Hans A. Schmitt: Quakers and Nazis. S. 200)
  60. Bestand Feidel-Mertz im Deutschen Exilarchiv der Deutschen Nationalbibliothek
  61. How to remain ‚honest and sincere‘ persisted as a bone of contention among Dutch Friends long after the war and the occupation had ceasaed to be a subject of daily reflection and stocktaking. The group continued to be divided between those who held that a Quaker must always tell the truth – a position exemplified by Piet Kappers’s dealings with occupying authorities – and those who believed, especially when dealing with Nazis, that truth could be compromised whenever veracity might cost lives. Hans A. Schmitt: Quakers and Nazis. S. 213.
  62. Ob von Frommel, wie Bock behauptet, oder von Cordan, wie dieser selbst ausführt (Wolfgang Cordan: Die Matte. S. 181–182.) oder von einigen weitsichtigen Quäkern, wie es Laura van der Hoek nahelegt (in einem weiteren Tonband-Transkript vom 1. August 1980 im Bestand des Exilarchivs), ist schwer auseinanderzuhalten.
  63. The teacher in charge at De Esch, Elisabeth Schmitt, believing as unconditionally in Kappers’ judgement as Kappers trusted his German contact, impressed on her youngsters that an escape into the underground was risky for the escape as well as for the rest of both school communities because it would expose everyone to German retribution. Discussions of the issue at the castle produced the same conclusion. […] In the end the skeptics were, of course, proved right. Hans A. Schmitt: Quakers and Nazis. S. 200–201.
  64. Wolfgang Cordan: Die Matte. S. 186–188.
  65. Peter Budde: Katharina Petersen und die Quäkerschule Eerde. S. 97.
  66. Feidel-Mertz (Hg.): Schulen im Exil. S. 164. Die Quäkerin Laura van der Hoek (geboren am 10. Februar 1905 als Laura van Honk) hatte enge Kontakte nach Eerde, welche Rolle sie aber dort spielte, ist nicht belegt.
  67. Laura was a devout Dutch Quaker who had originally been made aware of the plight of the Jews at a Quaker convention in Germany in 1937. Laura, although single and self-supporting, decided to help rescue Jews. She was simply disgusted by the wholesale deportation of the Dutch population. Laura’s means were limited and she lived in a rented room in Amsterdam. However, she also owned a small weekend cottage in Putten, Gelderland, where she agreed to accommodate a couple who were engaged. Throughout their six-months in hiding in the cottage, the strictly Calvinist Dutch Reformed neighbors cared for the fugitives. Later on in the war, a half-Jewish teacher at the Quaker school in Ommen, Overijssel, needed a place to hide. Through a Quaker friend in the underground, Laura found a safe address in Hilversum, North Holland. Laura rented the apartment in her name, lived there for the entire six months that the teacher was in hiding in order not to give her away, and commuted daily to work in Amsterdam. Laura’s connections in the Quakers led her to some ‚good‘ German officials who were willing to help in her efforts. They provided her with a big house at 463 Prinsengracht, which had belonged to a Jewish family. She actually used the property to hide people, including the Blumenstein-Jolles, Paul Fischer, a German Quaker who had thrown his gun away in a protest against the Nazi atrocities, and several others. Throughout this time, in the neighborhood, Laura was considered pro-German, and storekeepers refused to serve her. Consequently, she ventured far afield in order to acquire food for the fugitives whom she sheltered until the end of the war. Quelle: Gerechte unter den Völkern: Laura van Honk
  68. Wolfgang Cordan: Die Matte. S. 186.
  69. Cordan, S. 186.
  70. Gays and Lesbians in war and resistance: Castrum Peregrini. The pilgrim's castle'
  71. Wolfgang Cordan: Die Matte. S. 188.
  72. Another Jewish student, who also went in hiding on his own, thought that the contacts of Frommel and Cordan in Ommen were characterized too much by a gay atmosphere for him to want to be part of it.
  73. Geschichte von Otto Isidor Wolf und seiner Familie auf der Website der Stadt Frankfurt am Main.
  74. Denkmal für die ermordeten jüdischen Kinder von Eerde.
  75. On 10 April 1943 De Esch was cleared. The remaining residents, as agreed with Ariëns Kappers, went 'voluntarily' by public transport to camp Vught. From there the group ended up in camp Westerbork. There they read together Latin writers like Tacitus and Sallustius and books by Fichte, Goethe and Tolstoy. Three of them were murdered in Auschwitz later that year on 24 September. The last of them, Hermann Isaac, died during the liberation of that camp, on 21 January 1945.
  76. Hildegard Feidel-Mertz (Hg.): Schulen im Exil. S. 164.
  77. Die Seite Kamp Westerbork: Porträts existiert inzwischen nicht mehr. Für 13 Opfer gibt es jetzt Material auf der Gedenkseite Joods Monument, das in einigen Fällen auch die ehemaligen Westerbork-Porträts umfasst, teilweise aber auch darüber hinaus geht. Die nachfolgenden Kurzbiographien (teils Übersetzungen) beruhen, soweit nichts anderes angegeben, noch auf den alten, aber inzwischen nicht mehr direkt zugänglichen Westerbork-Porträts, oder, soweit erforderlich, auf den Einträgen auf Joods Monument.
  78. Quelle: Gemeentearchief Ommen
  79. Stolperstein für Otto Edgar Rosenstern & Liste der Stolpersteine in Hamburg-Winterhude
  80. Auf der Seite „Stolpersteine in Hamburg“ wird sehr ausführlich über das Schicksal der Familie Bein informiert. Der Eintrag von Joods Monument folgt dieser Darstellung, während der nachfolgende Beitrag noch auf dem Eintrag in der Westerbork-Datenbank basiert.
  81. Die Jahresangaben bei den niederländischen Lagerstationen fehlen; es kann aber davon ausgegangen werden, dass es sich um das Jahr 1943 handelt.
  82. Stolperstein für Rosemarie Oppenheimer & Liste der Stolpersteine in Mainz
  83. Petra Bonavita: Quäker als Retter im Frankfurt am Main der NS-Zeit. S. 42–43, und: Frauenbüro Landeshauptstadt Mainz (Hg.): Frauenleben in Magenza. Die Porträts jüdischer Frauen und Mädchen aus dem Mainzer Frauenkalender und Texte zur Frauengeschichte im jüdischen Mainz. Mainz, 2015, S. 69. Im Internet: /Web_Frauenleben_in_Magenza_2015.pdf Frauenleben in Magenza
  84. NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln. Das Gedenkbuch des Bundesarchivs (siehe Weblinks) vermerkt für beide „wohnhaft in Köln“.
  85. Stolpersteine für die Familie Binswanger
  86. Stolperstein für Hermann Isaak. Die Schreibweise des Namens Isaak ist nicht eindeutig; häufig wird er auch als Isaac ausgeschrieben.
  87. Stolperstein für Ernst Rudolf Reiss; Liste der Stolpersteine in Hamburg-Harvestehude (Straßen A–H)
  88. Für Quellen zum Schicksal von Ulrich Sander (und Hans Boevé) siehe: KINDEREN IN WOII: HANS BOEVÉ, LEERLING VAN DE QUAKERSCHOOL EERDE VAN 1940-1943 & Die Zeichnungen von Ulrich Sander & Internat Eerde, zoals het was in 1943 & Verstorben in Enschede & Grabstein von Ulrich Sander
  89. Marita Keilson-Lauritz: Kentaurenliebe. S. 158.
  90. Marita Keilson-Lauritz: Kentaurenliebe. S. 159.
  91. Wolfgang Cordan: Die Matte. S. 181–188. Sie ist für ihn die Hauptschuldige dafür, dass die Kinder aus dem Haus „De Esch“ nicht rechtzeitig in Sicherheit gebracht werden konnten.
  92. Hans A. Schmitt: Quaker Efforts to Rescue Children from Nazi Education and Discrimination. S. 54.
  93. Berthold Hegner: Die internationale Quäkerschule Eerde
  94. Hanna Jordan: Schloß Eerde – ein großes Quäkerwerk un seine „Oldies“. S. 144–149. Im Exilarchiv in Frankfurt befindet sich eine Gesprächsprotokoll über ein Gespräch, das Feidel-Mertz mit Hanna Jordan führte. Darin ist nachzulesen, dass Jordan darauf bestanden habe, die Thematik der ermordeten jüdischen Kinder nicht zu hoch zu hängen. Das passt zu der hier zitierten Aussage, könnte aber auch ein Indiz dafür sein, dass sie, die selber Quäkerin geworden war, sich die Meinung der Quäker-Fraktion zu eigen gemacht hat, die einen verabsolutierten Wahrheitsbegriff höher stellen als die mögliche Rettung eines Menschenlebens mit Hilfe einer Lüge.
  95. Das Tagebuch des Klaus Seckel: Anfang und Ende an der Quäkerschule Eerde (1937–1943). S. 20.
  96. Zu dessen Lebensgeschichte siehe: Hendericus Johannes Prakke Alphen aan den Rijn 26 april 1900 – Roden 14 december 1992 (niederländisch).
  97. Hildegard Feidel-Mertz (Hg.): Schulen im Exil. S. 164. Von 1960 bis 1969 leitete Prakke das Institut für Publizistik in Münster: Prakkegeschichten – ein akademischer Weltenbummler in Münster
  98. Hildegard Feidel-Mertz: Das letzte Stückchen Eerde.
  99. Hildegard Feidel-Mertz: Das letzte Stückchen Eerde. S. 136.
  100. Das Tagebuch des Klaus Seckel: Anfang und Ende an der Quäkerschule Eerde (1937–1943). S. 87, zitiert nach Hildegard Feidel-Mertz: Das letzte Stückchen Eerde. S. 138.
  101. Verlagsankündigung zur Neuauflage des Tagebuchs durch Rainer Kappe Susanne Brandt
  102. Das Tagebuch des Klaus Seckel: Anfang und Ende an der Quäkerschule Eerde (1937–1943). S. 89. (Originalschreibweise)
  103. Zitiert nach Hildegard Feidel-Mertz: ‚Das letzte Stückchen Eerde‘. S. 138.
  104. Hildegard Feidel-Mertz (Hg.): Schulen im Exil, S. 164.
  105. Hans A. Schmitt: Quakers and Nazis. S. 80 & Anmerkung 21, S. 236.
  106. Hildegard Feidel-Mertz (Hg.): Schulen im Exil. S. 153 und 162.
  107. Hildegard Feidel-Mertz: Das letzte Stückchen Eerde. S. 131, Anmerkung 2 und Hildegard Feidel-Mertz: Schulen im Exil. S. 251–252.
  108. Laut Budde war er auch als Schulleiter im Gespräch. (Peter Budde: Katharina Petersen und die Quäkerschule Eerde. S. 89)
  109. Hildegard Feidel-Mertz: Das letzte Stückchen Eerde. S. 131–132.
  110. Zitiert nach einem Entwurf Feidel-Mertz für eine biografische Skizze; Bestand Pädagogisch-politischen Emigration (PPE 287) in der Exilsammlungen der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt am Main.
  111. Hildegard Feidel-Mertz: Das letzte Stückchen Eerde. S. 135.
  112. Rose E. Neuse
  113. „Prof. Werner Neuse will be on leave the first semester [..]. Dr. Neuse plans to go with his family to Germany where he will do research work in the Prussian state library at the University of Berlin. Mrs. Neuse will do some literary work to finish her thesis which was begun when she was the recipient of the Ottendorf fellowship. The Neuses may also go to Austria and Switzerland for a short time. Dr. Kurt Neuse, who is at present teaching in a Quaker school for German refugee children in Ommen, Holland, will take his brother’s place in the German department during the first semester. He is a graduate of the University of Berlin and is working on a thesis on the English language.“ (Middlebury Campus 1936-06-15: Volume XXXIII, Issue 30)
  114. „In 1933, the family moved to Ommen, Holland where the Quakers had established a school, Eerde (currently Eerde International School). This is where he, his parents and his three sisters lived until the end of WWII.“ (Nachruf auf Richard Neuse). Auch Werner Neuse scheint in Amerika geblieben zu sein, denn er wurde 1940 am Middlebury College zum Full Professor für deutsche Sprache und Literatur ernannt.
  115. „After his disappearance, Rose Neuse called on German authorities to help find the missing father of her four children. The Germans were as baffled as she pretended to be, but they do not appear to have expended much energy in a search for the elusive reservist. What they did not known was that Neuse had found refuge in the attic of his family’s residence, wher he remained until Canadian troops liberated that section of the Netherlands in April 1945.“ Hans A. Schmitt: Quakers and Nazis. S. 188.
  116. Friedrich W. Buri: Ich gab dir die Fackel im Sprunge. S. 252.
  117. „(..) members of the St. Lawrence University faculty are being promoted in academic rank effective with the beginning of the 1959–1960 college year [..] Promoted to associate professor are [..] H. L. Kurt Neuse.“ (OGDENSBURG JOURNAL vom 19. September 1959)
  118. „COLLEGE TEACHER, retiring June, willing to give services, institution teaching German (or Latin and Greek) here or English abroad. Credentials upon request. H. L. Kurt Neuse, 10 Buck Street, Canton, New York.“ (FRIENDS JOURNAL) (PDF, Band 10, Nr. 7).
  119. Hans A. Schmitt: Lucky Victim. S. 72. My chaperone looked younger than any teacher I had ever had. On our trip the next day I would learn that she was to be the new art instructor at my school. From her passport l gathered that she was only twenty-three, thus not really outside the pale. After this revelation l gave her the benefit of my doubt, and found her company to be a great deal more pleasant than I had expected.
  120. Hans A. Schmitt: Lucky Victim. S. 102.
  121. Hans A. Schmitt: Lucky Victim. S. 88. … that an educational institution with a faculty and student body mostly foreign could not survive in puritan, rural Holland any imputation of sexual looseness. Pregnant and unwed teachers or students would destroy the school. Anyone who broke the rules of celibacy, or monogamy where married adults were concerned, endangered the community and lost all claims to its tolerance.
  122. Hans A. Schmitt: Lucky Victim. S. 85. „A plump, pink, little Dutchwoman, Molly Swart, taught French.“
  123. Hans A. Schmitt: Quakers and Nazis. S. 82.
  124. Hans A. Schmitt: Lucky Victim, S. 85–86.
  125. Hans A. Schmitt: Lucky Victim. S. 86. He was, no doubt, drawn to the school by the egalitarianism of our community and its committment to succoring the victims of nazism. [..] he never attended our Sunday meetings, the only teacher who demonstratively rejected Quakerism. I soon discovered that he despised secular discipline as much as organized religion.
  126. Hans A. Schmitt: Lucky Victim. S. 88. …an infraction of communal customs for which both were immediately expelled. Boost had no immediate connection with any of these events and potential scandals, but in a stormy faculty meeting he opposed the expulsion of the two students. Not that he advocated promiscuity. His own monkish existence was proof of that. He simply believed that communities should reform, not cast out the wayward.
  127. Hans A. Schmitt: Lucky Victim. S. 88–89. He was replaced by a more staid Dutch couple who provided little charisma and, to his disconsolate and abandoned chapelle, no commensurate intellectual excitement.
  128. Hans A. Schmitt: Lucky Victim. S. 92. At the end of the war, I learned that he had been killed in action against the Japanese in the Dutch East Indies. I do not know how he came to such an end. Although one of his brothers was a regular army officer, Jan Boost as a soldier boggles the imagination. One could have envisioned him plunging with heedless enthusiasm into the thick of the resistance and suffering martyrdom at the hands of the Nazis. But dying for an empire he despised and rejected was a terrible fate for the man who gave me and some of my friends our first acquaintance with a noble pacifism and the utopia of social justice.
  129. Hans A. Schmitt: Quakers and Nazis. S. 79–80 und S. 82.
  130. Hans A. Schmitt: Lucky Victim. S. 85. One of the newcomers, Miss Green, a jolly, homely spinster, also taught English, but always in the shadow of Mr. Neuse, who feared, rightly as I recall, that she was too tolerant of our imperfections. She was, nevertheless, important to our education, for she did not know a word of German and thus forced us to use her language and become at home in it. The other Britisher, Betty Shepherd, who taught math in English to the upper grades, was also unilingual, and intensely pious besides. Every Sunday morning, at the crack of dawn, she would bicycle to the Reformed church in Ommen and for the remainder of the day stay out of sight, reading and praying, no doubt, for such wayward and frivolous pupils as l. [..] l suspect that Eerde was her first post. She was conscientious, but often at a loss to understand why so easy a subject as hers should give some of us so much trouble.
  131. Peter Budde: Katharina Petersen und die Quäkerschule Eerde. S. 100 und Anmerkung 15, S. 101.
  132. Wolfgang Cordan: Die Matte. S. 181.
  133. „Headmaster Hermans [..] left no doubt in the minds of all concerned that the castle and ists immediate surroundings were closed to Jewish children. Actual events reflect a less clear-cut separation. [..] It is also known that Hermans himself allowed two new Jewish students into the castle school, in total disregard of the instructions from the board to admit only applicants whose identity papers documented their Aryan descent.“ Hans A. Schmitt: Quakers and Nazis. S. 200.
  134. „[..] appointed Commandant of an Internment camp for Dutch Nazis: as a Quaker, he guaranteed humane treatment of these collaborators, a promise he fully lived up to.“ Hans A. Schmitt: Quakers and Nazis. S. 214.
  135. Horace Eaton, for many years Head of the English Department at Syracuse University, gave much of his time and effort to the Ommen Friends School. He died on September 6, 1958. Zitiert nach: Friends Journal, Band 5, Nr. 41, November 28, 1959, p. 10. An anderer Stelle heißt es über ihn: Eaton was born in Quincy, Massachusetts, on October 13, 1871. He graduated from Harvard College in 1893 and studied at the Divinity School for two years. After receiving his PhD from Harvard in 1900, Eaton taught German and English at the University of Vermont and, later, English at Syracuse University. He edited The Diary of Thomas De Quincey for 1803. Eaton was one of the founders and a leading member of the Syracuse Meeting of Friends. He died August 10, 1958. Harvard Divinity School: The School Gathers in 1895
  136. Hildegard Feidel-Mertz: Das letzte Stückchen Eerde. S. 133–134, Anmerkung 7.
  137. Peter Budde: Katharina Petersen und die Quäkerschule Eerde. S. 101, Anmerkung 7.
  138. Herinneringscentrum Kamp Westerbork: Arnold Otto Reckendorf
  139. Reckendorf’s influence to Julia Mitchell
  140. Gertrud Bondy: A Personal History, Windsor Mountain School, Lenox (Massachusetts) 1970. Bei dem Text handelt es sich um eine per OCR eingelesene Broschüre, bei der leider die Lesefehler nicht bereinigt wurden. Sie ist im Original undatiert, ihre Datierung auf das Jahr 1970 ergibt sich aber schon aus dem ersten Satz, in dem die 1889 geborene Bondy sagt, dass sie sich nun in ihrem 81. Lebensjahr befinde. Die acht Textseiten sind nicht nummeriert.
  141. „Verena Reckendorf Borton represents the third generation in her family's weaving tradition, reaching all the way back to the beginning of the last century in northern Europe. She first learned her craft as a small child during World War II in her mother's studio and later as a student in her mother's classes in an international school in the Netherlands. After immigrating to the United States in the late fifties, she eventually served her apprenticeship in Master Weaver Edith Reckendorf's Massachusetts and California studios.“ (Loom & Lens: Weaving and Photography by Verena and Ray Borton)
  142. Roselle Kline Chartock: Windsor Mountain School: A Beloved Berkshire Institution. The History Press, Charleston, 2014, ISBN 978-1-62619-443-4, S. 96.
  143. Claus Victor Bock: Untergetaucht unter Freunden. S. 14, S. 112 und S. 140.
  144. Hans A. Schmitt; Lucky Victim. S. 84.
  145. Friedrich W. Buri: Ich gab dir die Fackel im Sprunge. S. 96 und 164.
  146. Über ihn existiert ein ausführlicher Artikel in der englischsprachigen WIKIPEDIA: Hans Einstein
  147. Die nachfolgenden Ausführungen stützen sich auf frei zugänglichge Quellen. Dabei konnte das umfangreiche Quellenmaterial über Max Adolph Warburg nicht berücksichtigt werden, das im Archiv des Warburg Institutes in London lagert und nur vor Ort eingesehen werden kann. Einen Überblick vermag eine Archivsuche auf wi-calm.sas.ac.uk zu geben, die für den Suchbegriff „Max Adolph Warburg“ 359 Treffer ergab. (Stand 1. Oktober 2018) Nach Auskunft des Archivs existiert über Max Adolph Warburg über die nachfolgend noch zitierten Hinweise bei Ron Chernow keine Sekundärliteratur.
  148. Nachlass Hildegard Feidel-Mertz im Deutschen Exilarchiv der Deutschen Nationalbibliothek, PPE 309.
  149. Bei den erwähnten zwei Kindern handelt es sich um Maria Christina Lux Mills (1939–1998) und Iris Warburg (* 1943 in Eerde). Im „Special Collections Department“ der University of Virginia-Library „There are fifty-eight letters, 1940–1942, chiefly from Olga Spiero in Berlin-Friedenau, Odenwaldstrasse, Germany, to her daughter, Josepha Warburg in Kasteel Eerde, Ommen O., Netherlands. There are also two letters from Heinrich Israel Spiero (1876–1947), historian of German literature on November 14, 1941 to Max Adolf Warburg and on March 27, 1942 to Josepha Warburg; and, one letter, March 15, 1941, from Wolfgang Jlisch to Josepha Warburg. The letters from the mother to the daughter contain personal family news and serve as a record of life during wartime Germany. The letter from Heinrich Spiero to Max Adolf Warburg appears to discuss certain family documents such as marriage certificates (trauschein) and baptismal certificates (taufscheine) of the grandfather (grossvater) and grandmother (grossmutter). It also mentions Monaten [Martin] Luther's (1483–1546) Briefwechsel,Desiderius Erasmus' (d. 1536) Colloquia,and Kaiser Wilhelm- Gedachtniskirche. These letters are written in German and have not been translated.“ (A Guide to the Spiero Family Letters 1940–1942)
  150. „During the last year, under the pressure of German occupation in this country, the problem of German re-education has become a most imperative concern to my wife and me. Our efforts to enter Germany have until now been in vain. As isolated individuals we shall hardly ever have a chance to get there lacking any contact with the competent authorities and organized groups working for the purpose we have chosen. Obviously Holland, on thies regard, is a dead end. Belonging to your association would free us from a feeling of isolation which is gradually overcoming us here (though individually we are meeting with some understanding and would give us some hope to reach our Goal before becoming apopleptic or beeing blessed by the next war).“
  151. Sylvia Peuckert: Hedwig Fechheimer und die ägyptische Kunst. S. 257.
  152. Ron Chernow: Die Warburgs. S. 612–614.
  153. Ron Chernow: Die Warburgs. S. 612–614.
  154. Hildegard Feidel-Mertz (Hg.): Schulen im Exil. S. 250.
  155. Former St Katharine’s College
  156. Ron Chernow: Die Warburgs. S. 614.
  157. Claus Victor Bock: Untergetaucht unter Freunden. S. 11–12. „Cyril“ war der Name für William Hilsley/Billy Hildesheimer im Kreis um Wolfgang Frommel.
  158. Claus Victor Bock: Untergetaucht unter Freunden. S. 11–12.
  159. Das Tagebuch des Klaus Seckel: Anfang und Ende an der Quäkerschule Eerde (1937–1943), S. 63 (Originalschreibweise). Der Eintrag legt nahe, dass Klaus Seckel an dem Vortrag teilgenommen hat und dieser im Schloss stattgefunden hat. Das legt den Schluss nahe, dass an Weihnachten 1941 das Verbot durchbrochen worden ist, das es den jüdischen Kindern verbot, das seit September 1941 den „Ariern“ vorbehaltene Schloss zu betreten.
  160. „In March 1941 Wolfgang Cordan also gave a lecture in Ommen. Now, as Keilson writes, another pupil makes a big impression: the 17-year old Johannes Piron (fathers name: Kohn). From this encounter a life-long relationship arises. A second ‚unexpected following‘ (Cordan) occurred because in the form of his friendship with Thomas Maretzki, a Jewish pupil of the school, who just graduated but had not found another place to live yet. After the introduction of the Yellow Star (May 1942), Cordan persuaded him to leave Castle Eerde and join him in Bergen. At first they found shelter with an old friend of Wolfgang, Theo van der Wal [..], and later with the mother of Chris Dekker, who belonged to the circle of friends around Frommel.“
  161. Wolfgang Cordan: Die Matte. S. 174–197.
  162. „Im Frühjahr 1940 tauchte in der Quäkerschule in Ommen ein weiterer deutscher Emigrant auf: Wolfgang Cordan.“ (Marita Keilson-Lauritz: Kentaurenliebe. S. 138.) Einen Beleg für ihre Aussage liefert sie allerdings nicht.
  163. Zu diesen unterschiedlichen Deutungen siehe Marita Keilson-Lauritz: Kentaurenliebe. S. 152–155.
  164. Hans A. Schmitt: Lucky Victim. S. 83.
  165. Hans A. Schmitt: Lucky Victim. S. 90. „We consumed Frau Kuck's solid, predictable, Teutonic cuisine.“
  166. Hildegard Feidel-Mertz (Hg.): Schulen im Exil. S. 157.
  167. Friedrich W. Buri: Ich gab dir die Fackel im Sprunge. S. 163.
  168. Briefe vom 23. 9., 5.10. und 10. Oktober 1936, zitiert nach: Melchior Frommel: Enzio Meyer Borchert, S. 143–161 (Dokumente aus Meyer-Borcherts Zeit in Eerde)
  169. Brief vom 22. November 1936, zitiert nach: Melchior Frommel: Enzio Meyer Borchert, S. 143–161 (Dokumente aus Meyer-Borcherts Zeit in Eerde)
  170. Brief vom 6. Mai 1940 an die Schwester, zitiert nach: Melchior Frommel: Enzio Meyer Borchert, S. 143–161 (Dokumente aus Meyer-Borcherts Zeit in Eerde)
  171. Wolfgang Cordan: Die Matte. S. 178.
  172. Hans A. Schmitt: Lucky Victim. S. 94.
  173. Hans A. Schmitt: Quakers and Nazis. S. 130–131.
  174. Hans A. Schmitt: Quakers and Nazis. S. 83.
  175. Das Tagebuch des Klaus Seckel: Anfang und Ende an der Quäkerschule Eerde (1937–1943). S. 61–62 (Originalschreibweise)
  176. „Earlier fears that the idyllic life inside the castle moat would incapacitate students’ ability to make their way independently in foreign parts likewise proved to be unfounded. During the last two years before the war, success stories, confirming a far more heartening result, proliferated. Some holders of the Oxford School Certificate continued their education at St. Andrews University in Scotland, while five Eerde graduates residing in the United States attended colleges and universities extending from Swarthmore and Haverford to the University of California in Berkeley. Others successfully pursued vocational training. Gerda LeRoy was to become a kindergarten teacher in Amsterdam; Carl Jacoby, a particularly promising intern of Thera Herman’s pottery studio, was continuing to perfect his craft in New York; Peter Liebermann, after finishing an agricultural course in England, was working on a farm in Australia; and younger alumni of Heinz Wild’s elementary school, who had rejoined their families abroad, were excelling in schools as far apart as Portugal and California. Some, whom circumstances forced to move back to Germany, remained particularly determined to maintain their contact with the school and wrote regularly to friends and teachers. Scholastically, they too made their mark in this inhospitable climate to which they had been constrained to return.“
  177. Marita Keilson-Lauritz: Kentaurenliebe. S. 142.
  178. [They were] „archetypal of the kind of students that would populate Eerde. Their half-Jewish father, dismissed from his position as director of the Brunswick State Bank’s Holzminden branch, had been forced to move his family into the guest room of his wife’s parents in Berlin. When the Lüdecke brothers first arrived at Eerde they found no school, only a collection of empty buildings.“
  179. Im Gegensatz zu ihrem Bruder ist über sie nichts überliefert. Allerdings gibt es auf flickr ein 2014 hochgeladenes Foto, das sie 1935 in Erde zeigt: Heilwig Einstein (Eerde Quaker School, Ommen, Netherlands, 1935)
  180. Dienst am Raum: Leben und Wirken der Wuppertaler Bühnenbildnerin Hanna Jordan
  181. Nach den biografischen Notizen über Hans A. Schmitt auf der Webseite The University of Virginia Library: A Guide to the Additional Papers of Hans Schmitt, 1934-2004. Auf dieser Seite ist auch ein detaillierter Katalog seines Nachlasses einsehbar, der auch viel Material über die Schule in Eerde umfasst, darunter auch das von Katharina Petersen während ihrer Zeit als Direktorin geführte Schulbuch.
  182. Richard Schmitt, educator, philosopher
  183. „The castle’s kitchen staff continued to cook for the Jewish children, and Elisabeth Schmitt’s son Richard – son of an Ayran father but contiuing to reside at De Esch in clear violation of German instructions – brought food to that compound in a cart hooked to his bicycle.“ (Hans A. Schmitt: Quakers and Nazis. S. 200)
  184. „At the end of WW II he managed to move to Chicago where he attended the University of Chicago. He left with an MA in Philosophy for Yale. Upon earning his PhD he moved to Brown University where he was in charge of philosophical traditions despised by his analytic colleagues. He taught Existentialism for many years and added Marxism to his repertoire in the late 1960s. Retired from Brown in 2000 he has since taught at Worcester State University as well as other institutions in the Worcester area. He has published books and articles about Existentialism, Marxism, Socialism and Feminist Theory.“ (Brown University: Richard Schmitt)
  185. Hildegard Feidel-Mertz (Hg.): Schulen im Exil. S. 163.
  186. Nina Arbesser-Rastburg: Der Münchner „Adlerhorst“ im Wandel der Zeit. S. 137.
  187. In Memoriam: Former Fusion Group Lead Wulf Kunkel (1923–2013)
  188. Hildegard Feidel-Mertz: Nachlass im Deutschen Exilarchiv, Unterlagen des Forschungsprojekts Pädagogisch-Politische Emigration 1933–1945 (PPE))
  189. Petra Bonavita: Quäker als Retter im Frankfurt am Main der NS-Zeit. S. 259.
  190. Berthold Hegner: Die internationale Quäkerschule Eerde. S. 73–77.
  191. Biographical sketch of Frederick J. David Hoeniger
  192. Petra Bonavita: Quäker als Retter im Frankfurt am Main der NS-Zeit, S. 259–267.
  193. Wolfgang Cordan: Die Matte. S. 188. Es wäre möglich, dass es sich bei ihm um Robert Wolf handelt (sie oben).
  194. In Memoriam Beate Ruhm von Oppen
  195. Beate Ruhm von Oppen am IAS
  196. Publikationen von Beate Ruhm von Oppen im WorldCat
  197. Delia Walker (née Ruhm): My beloved Quaker school
  198. Max Kemman: Das Schicksal jüdischer Schüler der ersten Berliner Rudolf-Steiner-Schule. Über Delias musikalische Karriere informiert ein Nachruf ihres Musiker-Kollegen George Caird: Delia Ruhm (1925–2014)
  199. Biografische Angaben nach Peter Voswinkel (Hg.): Biographisches Lexikon der hervorragenden Ärzte der letzten fünfzig Jahre, Bd. 3., ISBN 3-487-11659-6. Sehr ausführlich wird Isaaks wirken als Arzt und Forscher auf der Webseite Jüdische Krankenhäuser in Frankfurt am Main (1829–1942) beschrieben. Auf einer Unterseite finden sich auch detaillierte Angaben zu seiner Biografie und der seiner Angehörigen: Chronik Prof. Dr. med. Simon Isaac.
  200. Ingrid Warburg Spinelli: Erinnerungen. S. 56.
  201. Der Ehemann von Noni Warburg war der aus Deutschland nach Schweden geflüchtete Seew Smulowitz-Shalmon, der in Schweden eine führende Rolle in der zionistischen Bewegung und bei der Vorbereitung der aus Deutschland geflüchteten jüdischen Jugendlichen auf eine Auswanderung nach Palästina spielte. Emil Glück, Judith Diamond, Yaël Glick: Hachshara and Youth Aliyah in Sweden 1933–1948, 2016, ISBN 978-1-326-77991-7, S. 146–147. Das Buch beruht auf einer 1985 erschienen schwedischen Ausgabe ISBN 91-7328-506-4 und ist bislang nur auszugsweise bei google books einsehbar: Hachshara and Youth Aliyah in Sweden 1933–1948
  202. Sehr ausführlich: Informationen zur Namensgeberin der Anna-Warburg-Schule in Hamburg
  203. Ron Chernow: Die Warburgs. S. 515. Außerhalb von Chernows Buch gibt es dafür keine Belege. Auch Ingrid Warburg Spinelli, die in ihren „Erinnerungen“ viele Hilfsaktionen der weitverzweigten Warburg-Familie erwähnt, berichtet nicht von einer Unterstützung von Eerde.
  204. Ingrid Warburg Spinelli: Erinnerungen. S. 154.
  205. William Hilsley: Musik hinterm Stacheldraht. S. 102–103.
  206. Ron Chernow: Die Warburgs. S. 728.
  207. Ingrid Warburg Spinelli: Erinnerungen. S. 289.
  208. Alle Zitate zu Werner Bing: UNITED STATES HOLOCAUST MEMORIAL MUSEUM. 1)„The family was distantly related to the Warburgs. Ernest Bing, together with his brother-in-law, Walter Stern, owned a property and casualty insurance business.“ / 2)„In 1938 Werner traveled through Germany to attend the 80th birthday of his grandfather Leo Stern in Switzerland. This was the last time he passed through Germany until he returned six years later as an American serviceman. A few months later he and his sister Annelise moved to England.“ / 3)„After America's entry into World War II, Werner John joined the United States army serving first as an artilleryman and later as an interrogator of captured Nazis. After returning to the United States he married Maya Spiegelberg on February 9, 1947.“
  209. Nachruf auf Peter West Elkington
  210. Voormalig bestuurslid Guus Hollander overleden
  211. Auf Schneiders Homepage (Homepage Hans Schneider) kann man über den Button „A Personal History“ ein Word-Dokument abrufen, in dem sehr ausführlich die Vorgeschichte der Flucht von ihm und seinen Eltern aus Deutschland/Österreich beschrieben wird. Dort ist davon die Rede, dass er auf die Quäkerschule in Eerde hätte gehen sollen, doch gibt es dann nur den Hinweis auf die großen Schwierigkeiten, einen Flug von Warschau nach Amsterdam zu ergattern. Den hat er offenbar später angetreten, doch ob er von Amsterdam weiter zur Schule oder zu seinen Eltern nach England gereist ist, ist nicht eindeutig. Im offiziellen Hochschulnachruf (Memorial for Hans Schneider) wird ebenfalls ein Aufenthalt an einer Schule in den Niederlanden nicht erwähnt, sondern alleine die Fortsetzung des Schulbesuchs ab August 1939 in Edinburg. Sollte Hans Schneider also tatsächlich die Quäkerschule Eerde besucht haben, dann kann das nur für eine relativ kurze Zeit zwischen September 1938 und August 1939 gewesen sein.
  212. Die hier referierten biografischen Daten beruhen auf den Angaben auf den Webseiten Guide to the Werner Warmbrunn Collection und Nachruf auf Werner E. Warmbrunn
  213. Siehe hierzu: Publikationen von Werner Warmbrunn im Bestand der DNB und Werner Warmbrunn im WorldCat
  214. Quelle: Hildegard Feidel-Mertz: Nachlass im Deutschen Exilarchiv, Unterlagen des Forschungsprojekts Pädagogisch-Politische Emigration 1933–1945 (PPE),Mappe PPE 2.3.
  215. Alle nachfolgenden Angaben entstammen, soweit keine anderen Quellen genannt werden, dem Buch von Petra Bonavita: Quäker als Retter im Frankfurt am Main der NS-Zeit, S. 39–40.
  216. Dabei handelte es sich sehr wahrscheinlich um die Vorläuferin der heutigen Albert-Schweitzer-Schule
  217. Aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde Offenbach
  218. Hans A. Schmitt: Lucky Victim. S. 94.
  219. Hans A. Schmitt: Lucky Victim. S. 94.
  220. Hanna Jordan: Schloß Eerde – ein großes Quäkerwerk un seine „Oldies“. S. 146.
  221. Eerder Berichtsblätter, Ausgabe September 1938, in: Hildegard Feidel-Mertz: Nachlass im Deutschen Exilarchiv, Unterlagen des Forschungsprojekts Pädagogisch-Politische Emigration 1933–1945 (PPE)
  222. Growing up in Hamburg … the 1920s. Mehr Daten zu ihm und seiner Familie: Kukuck – Personendaten
  223. Raimund Bahr: Günther Anders. Leben und Denken im Wort., Edition Art Science, Wien und St. Wolfgang, 2010, ISBN 978-3-902157-71-3, einsehbar als Google-Book: Michael Schottlaender
  224. Hans A. Schmitt: Lucky Victim. S. 181. „I had reported my surprise encounter on campus with an Eerde classmate, Peter Kaufmann, who was attending the seminary of the Church of the Brethren on Chicago's West Side. l criticized vigorously and intolerantly his decision to become a clergyman, viewing it as a betrayal of our boardingschool's enlightened teachings. My father upbraided me for such disrespect of another person's conviction, and l defended myself by insisting that it was not my classmate's Commitment but the clergy's preoccupation with dogma at the expense of ethics that repelled me.“
  225. Hans A. Schmitt: Lucky Victim. S. 252.
  226. Jüdischer Friedhof Ohlsdorf: Grabregister & Wiedergutmachungsakten Paula Spiro
  227. Geburtenregister Hamburg,332-5-45010-01, S. 149
  228. Albert Ballins Vater hatte vier Kinder aus erster Ehe und weitere neun mit Albert Ballins Mutter, so dass es sich bei Alfons Ballin möglicherweise um einen Neffen von Albert Ballin handelt. Johannes Gerhardt: Albert Ballin, Hamburg University Press, Hamburg 2009. ISBN 978-3-937816-67-8 (online)
  229. Die Emigration ist belegt durch einen Brief Alfonso Ballins, der sich im Jüdischen Museum Berlin befindet: Aus den Sammlungen des Jüdischen Museums Berlin
  230. Staatsarchiv Hamburg: Berthold Adler
  231. Sie wird in einem Artikel über die Hochzeit von Herbert Spiros Sohn Alexander Charles Stiefel Spiro, der aus der Ehe mit Elizabeth Spiro Clark stammt, am Ende erwähnt: „The bridegroom is also a stepson of Marion B. Spiro of Austin.“ "Weddings: Vanessa Green, Alexander Spiro". The New York Times. 1993-05-09. Weitere Belege für die Beziehung zwischen Marion Ballin und Herbert Spiro finden sich in dem „Inventory of the Herbert J. Spiro Papers, 1946-2002“
  232. Hans A. Schmitt: Lucky Victim. S. 252.
  233. Hans A. Schmitt: Lucky Victim. S. 253. „I remember being struck by her complaint that immigrants like her could not become Brazilians the way survivors in our family had become Americans. To become assimilated, she said, meant accepting a ‚cultural level‘ to which she was not prepared to descend. l was then put off by this Kultur snobbery, but in later years I have come to see this remark in a different light. The Josephs, like the Ballins - and my own Jewish forebears as well - had been Germans for generations and were completely unprepared for sudden ostracism. Twenty years after our adolescent friendship on the road into exile, their oldest daughter still had not come to terms with that personal and collective catastrophe. German civilization still provided the standards by which Marianne judged everything within her physical and spiritual purview. Her life, too, had been poisoned by Hitler. Even so, her Jewish heart continues to beat as German in Sao Paulo - where she has lived her adult life - as during her childhood in Germany.“
  234. Verlobungsanzeige Josephs & Lanz von 1942
  235. Rudolf & Marianne Lanz
  236. Pädagogische Inseln im Großstadtmoloch
  237. Waldorfschulen in Lateinamerika
  238. Hans A. Schmitt: Lucky Victim. S. 94.
  239. John Hajnal - Biography und ausführlicher: John Hajnal 1924–2008
  240. Prof. John Munro: The Economic History of Modern Europe to 1914
  241. Petra Bonavita: Quäker als Retter im Frankfurt am Main der NS-Zeit. S. 42.
  242. Nelly Rossmann Family Papers im Bestand des USHMM, abgerufen am 31. Juli 2017.
  243. Günter Wiemann, Hans Löhr und Hans Koch - politische Wanderungen, Vitamine-Verlag, Braunschweig, 2011, ISBN 978-3-00-033763-5, S. 64–68.
  244. Frank Ligtvoet: In de schaduw van de meester.
  245. Vergleiche hierzu Joke Haverkorn van Rijswijk: Entfernte Erinnerungen an W.. S. 13 ff., und den Abschnitt William Hilsley#Sexueller Missbrauch.
  246. Wolfgang Cordan: Die Matte. S. 180.
  247. Wolfgang Cordan: Die Matte. S. 197.
  248. Stephan C. Bischoff: Nachwort – Zeittafel – Namensregister zu: Friedrich W. Buri: Ich gab dir die Fackel im Sprunge. S. 236.
  249. Wolfgang Cordan: Die Matte. S. 249–250. Die Darstellung legt nahe, dass Liselotte Brinitzer alleine zum Strand gefahren ist, die Darstellung folglich eine literarische „Überhöhung“ des realen Geschehens ist.
  250. Joke Haverkorn van Rijswijk: „Es war ein unentwegtes Drama.“ (Interview)
  251. Joke Haverkorn van Rijswijk: Entfernte Erinnerungen an W.. S. 32.
  252. Anaïs Van Ertvelde: The Many Manifestations of Castrum Peregrini. Historiography, heritage and the possibility of representing the past, Universiteit Utrecht, 2011–2012, S. 41.
  253. Claus Victor Bock: Untergetaucht unter Freunden. S. 154.
  254. Marita Keilson-Lauritz: Kentaurenliebe. S. 161.
  255. Zitiert nach: Marita Keilson-Lauritz: Kentaurenliebe. S. 162.
  256. Joke Haverkorn van Rijswijk: Entfernte Erinnerungen an W.. S. 31.
  257. Ausführlich spricht sie darüber in dem Artikel von Harm Ede Botje und Sander Donkers: Kindermisbruik binnen de kringen van kunstgenootschap Castrum Peregrini, auf den in einer Zusammenfassung von Kubys Geschichte auch Julia Encke zurückgreift. (Julia Encke: Missbrauch im Namen Stefan Georges).
  258. Zitiert in der originalen Schreibweise nach Claus Victor Bock: Untergetaucht unter Freunden. S. 155.
  259. Sylvia Peuckert: Hedwig Fechheimer und die ägyptische Kunst. S. 257.
  260. Sylvia Peuckert: Hedwig Fechheimer und die ägyptische Kunst. S. 259.
  261. Zitiert nach: Marita Keilson-Lauritz: Kentaurenliebe. S. 145–146.
  262. Claus Victor Bock: Untergetaucht unter Freunden. S. 120.
  263. Sylvia Peuckert: Hedwig Fechheimer und die ägyptische Kunst. S. 260–261.
  264. Stephan C. Bischoff: Nachwort – Zeittafel – Namensregister zu: Friedrich W. Buri: Ich gab dir die Fackel im Sprunge. S. 237.
  265. Stephan C. Bischoff: Nachwort – Zeittafel – Namensregister zu: Friedrich W. Buri: Ich gab dir die Fackel im Sprunge. S. 242–243.
  266. Der letzte Jünger Stefan Georges
  267. "... überhaupt fehlst du mir sehr." Die Freundschaft zweier junger Exilanten. Der Briefwechsel von Manuel Goldschmidt und Claus Victor Bock, hg. von Leo van Santen, Quintus-Verlag, Berlin 2017, ISBN 978-3-945256-58-9.
  268. Joke Haverkorn van Rijswijk: Entfernte Erinnerungen an W.. S. 58.
  269. Stephan C. Bischoff: Nachwort – Zeittafel – Namensregister zu: Friedrich W. Buri: Ich gab dir die Fackel im Sprunge. S. 243.
  270. Peter Goldschmidt. Der Graphiker. 1923–1987, Manuel R Goldschmidt (Herausgeber, Autor, Nachwort), Claus V Boc (Autor), Wolf van Cassel (Autor), Hans Booms (Vorwort), ISBN 978-90-6034-068-4.
  271. „Dieser Name wurde ihm von seinen Freunden aus dem Frommel-Kreis zur Unterscheidung von anderen Kurts verliehen. Es ist der Name des Sohnes des Stauferkaisers, auf den sie in dem Buch von Ernst Kantorowicz ‚Kaiser Friedrich der Zweite‘ gestoßen waren. Dort heißt es: ‚Den eigenartigen Zauber, den man so oft an Enzio gerühmt, mag man in dieser natürlichen Anmut und einfachen Herzlichkeit suchen: Selbst seine Feinde konnten sich dem nicht entziehen.‘ Der junge Kurt muss ebenfalls eine besondere Ausstrahlung besessen haben, weswegen ihm gerade dieser Name verliehen wurde.“ (Melchior Frommel: Enzio Meyer-Borchert. S. 8)
  272. Marita Keilson-Lauritz: Kentaurenliebe. S. 143.
  273. Friedrich W. Buri: Ich gab dir die Fackel im Sprunge. S. 166 und S. 252.
  274. Friedrich W. Buri: Ich gab dir die Fackel im Sprunge. S. 163–168.
  275. Claus Victor Bock: Untergetaucht unter Freunden. S. 10.
  276. William Hilsley: Musik hinterm Stacheldraht. S. 99.
  277. Marita Keilson-Lauritz: Kentaurenliebe. S. 159. Liebe, die Freundschaft heißt ist der Titel eines weiteren Buches von Keilson-Lauritz, das sich speziell der Homoerotik im Werk Stefan Georges widmet: Verlag Rosa Winkel, Berlin, 1987, ISBN 3-921495-56-3.
  278. Brief vom 23. Oktober 1940, zitiert nach: Melchior Frommel: Enzio Meyer Borchert. S. 143–161 (Dokumente aus Meyer-Borcherts Zeit in Eerde)
  279. Brief vom 2. Januar 1941, zitiert in der originalen Schreibweise nach: Melchior Frommel: Enzio Meyer Borchert. S. 143–161 (Dokumente aus Meyer-Borcherts Zeit in Eerde). Die in dem Zitat genannten Personen sind: „Bill“ = Billy Hildesheimer/Hilsley; „Vincent/V.“ = Vincent Weyand (1921–1945), Frommels in Buchenwald umgekommener Freund (siehe Weblink „Gays and Lesbians in war and resistance“); „B.“ = der zu der Zeit schon untergetauchte Friedrich W. Buri.
  280. Joke Haverkorn van Rijswijk: Entfernte Erinnerungen an W.. S. 12–13.
  281. Joke Haverkorn van Rijswijk: Entfernte Erinnerungen an W.. S. 15.
  282. Joke Haverkorn van Rijswijk: Entfernte Erinnerungen an W.. S. 17.
  283. Joke Haverkorn van Rijswijk: Entfernte Erinnerungen an W.. S. 18.
  284. Archief Joke Haverkorn van Rijsewijk
  285. Joke Haverkorn van Rijsewijk: "Es war ein unentwegtes Drama"
  286. Wolfgang Cordan: Die Matte. S. 250.
  287. Petra Bonavita: Quäker als Retter im Frankfurt am Main der NS-Zeit. S. 43.
  288. VIAF-Daten: Thomas W. Maretzi
  289. James Roberson: Portraying Okinawa in postwar ethnographic writing: A critical review of the English-language literature (from www.academia.edu)
  290. Dabei dürfte das Thema zumindest Feidel-Mertz nicht unbekannt gewesen sein, denn in ihren im Exilarchiv in der Deutschen Nationalbibliothek aufbewahrten Archivalien befinden sich kopierte Auszüge aus Wolfgang Cordans Buch Die Matte.
  291. „Frommel’s visits troubled Piet Kappers in particular. He seems to have feared that the school might turn into a hangout for homosexual intellectuals and, to forestall such a disaster, asked the new headmaster to bar Frommel from the premises. Neuse refused, arguing that an individual’s sexual preferences − at that time still viewed exclusively as a matter of personal choice − were his own affair, so long as they did not involve students.“
  292. „Under Billy's aegis these poems were read by candlelight, amidst the antique furniture and seventeenth-century tapestry of the manor's assembly hall, in grave, sepulchral monotones, each recitation followed by intervals of total, motionless silence. l never became a bona fide member of the ‚Georgianer‛ cell at Eerde. I liked girls better than boys, and my own reading of ‚the Master‛ was merely a reverential concession to a teacher whom I admired.“
  293. Interview mit Oskar Negt in der Frankfurter Rundschau vom 18. März 2010, S. 20–21.
  294. Wolfgang Cordan: Die Matte. S. 178.
  295. (Claus Victor Bock: Untergetaucht unter Freunden. S. 14–15).
  296. zitiert nach Marita Keilson-Lauritz: Kentaurenliebe. S. 144.
  297. Allerdings scheint das Keilson-Lauritz nicht zu berühren. Wie Juli Encke (siehe Weblink) in ihrem Artikel zeigt, findet Keilson-Lauritz auch 2018 noch eine Diskussion über den von Frommel verübten sexuellen Missbrauch eher als eine Form von Nestbeschmutzung.
  298. Beltz Verlag, Weinheim und Basel 2012, ISBN 978-3-407-22399-9
  299. Eerde „was transformed into shelter for Hitler Youth members from Germany“. Hans A. Schmitt: Quakers and Nazis. S. 201.
  300. Hildegard Feidel-Mertz (Hg.): Schulen im Exil. S. 166.
  301. Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasium: Chronik 1939–1945
  302. „Die einzelnen, nur an ganz wenigen Stellen geringfügig gekürzten Quellenauszüge erscheinen in diachronischer Reihenfolge. Vollständigkeit bei der Zuweisung zu den oben aufgeführten Schwerpunkten ist naturgemäß weder beabsichtigt noch erreicht. Gleichwohl vermitteln die faktischen Angaben und zugegeben spärlichen Stellungnahmen (Erklärungen) des Chronisten einen erschreckenden Einblick in die Nöte der Schule (der Schüler vor allem und aller an ihr Beteiligten) während des ganzen 2. Weltkrieges (auch schon bald nach seinem Ausbruch).“ (Erläuterungen auf der Webseite des Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasiums)
  303. Briefe aus Eerde
  304. Die frühere „Staatliche Oberschule für Jungen“ trägt übrigens erst seit 1957 den Namen Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasium und damit den Namen des Mannes, den man getrost als einen Vorläufer der rassistisch-völkischen NS-Ideologie bezeichnen kann, die wenige Jahre zuvor auch das Schicksal der Osnabrücker Schüler bestimmte. Während des Zweiten Weltkrieges wurde die Chronik der Schule von Karl Büsing betreut. Er hat sie handschriftlich verfasst. Da er nach Aussagen ehemaliger Schüler ‚ein strammer Nazi‘ war, erklärt sich so manche von Ideologie und Kriegsbegeisterung durchtränkte Formulierung. Diese Chronik wurde im Oktober 1976 in einer Mülltonne wieder aufgefunden. (Erläuterung auf der Webseite)
  305. „Elisabeth Schmitt, who had up to 1944 been protected by her marriage to an Ayran husband, was arrested and taken to Westerbork on March 29 of that year. Although local police had given her ample warning before bringing her in, she, faithful to the instructions given previously to her hapless charges, made no effort to get away. After a week in Westerbork she was released and returned to De Esch. There she continued to give lessons to faculty children.“
  306. Hildegard Feidel-Mertz (Hg.): Schulen im Exil. S. 166–167.
  307. „Finally, a Canadian tank rolled up the graved road in front of De Esch on April 11, 1945, and it was all over – all except the mourning that would go on forever.“ (Hans A. Schmitt: Quakers and Nazis. S. 201–202)
  308. „Neither the occupation’s wake of destruction and hunger nor the inability of British and American Friends to commit any part of their strained resources to his visionary endeavor discouraged him. Once he found a clientele in the children of civil servants of the Dutch government-in-exile, who needed a school where they could finish an education begun in Great Britain, there was no stopping him, and in May 1946 the Quaker school Eerde rose, phoenixlike, from the ashes of occupation.“
  309. Hildegard Feidel-Mertz (Hg.): Schulen im Exil. S. 166 und Hildegard Feidel-Mertz: Das letzte Stückchen Eerde. S. 133–134, Anmerkung 7.
  310. Melchior Frommel: Enzio Meyer-Borchert. S. 10.
  311. Melchior Frommel: Enzio Meyer-Borchert. S. 197.
  312. Melchior Frommel: Enzio Meyer-Borchert. S. 198.
  313. Melchior Frommel: Enzio Meyer-Borchert. S. 199.
  314. Joke Haverkorn van Rijswijk: Entfernte Erinnerungen an W.. S. 13 ff.
  315. Joke Haverkorn van Rijswijk: Entfernte Erinnerungen an W.. S. 15–16.
  316. Friends Journal (PDF; 4,7 MB), Band 5, Nr, 41, November 28, 1959, S. 10.
  317. Hans A. Schmitt: Quakers and Nazis. S. 214.
  318. Harm Ede Botje und Sander Donkers: Kindermisbruik binnen de kringen van kunstgenootschap Castrum Peregrini
  319. Stichting Kasteelconcerten Beverweerd
  320. Hierzu auch eine Rezension von Herbert Potthoff in Invertito, 6, 2004.

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