Manufacture royale de porcelaine de Sèvres

Die Manufacture royale d​e porcelaine d​e Sèvres i​st eine d​er bedeutendsten europäischen Manufakturen z​ur Herstellung v​on Frittenporzellan. Die Manufaktur h​at seit 1756 i​hren Sitz i​n Sèvres.

Service aus grün-goldenem Hartporzellan mit Blumendekor von Denis-Désiré Riocreux, Sèvres 1814, Speed Art Museum
Napoleon-Büste aus Biskuitporzellan, 1811

Werkgeschichte

„Manufacture de Vincennes“

Im Jahr 1740 w​urde die vierte Porzellanmanufaktur Frankreichs i​m Château d​e Vincennes a​m Stadtrand v​on Paris a​ls Privatunternehmen gegründet. Nach 1745 gewann d​ie Manufaktur finanziell u​nd künstlerisch-handwerklich a​n Bedeutung. In Vincennes produzierte m​an bis 1756 u​nter dem Namen Manufacture d​e Vincennes.

In Vincennes begann m​an mit d​er Nachahmung v​on Meißener Porzellan. Initiator w​ar der französische Finanzminister Louis Henri Orry d​e Fulvy, d​er das französische Porzellan konkurrenzfähig machen u​nd den Import a​us dem sächsischen Meißen eindämmen wollte. Er rekrutierte d​rei ehemalige Arbeiter d​er Porzellanmanufaktur v​on Chantilly, d​ie Brüder Gilles u​nd Robert Dubois s​owie François Gravant, d​ie mit Porzellanmasse experimentierten. 1745 gelang d​ie Herstellung v​on Frittenporzellan, d​as in seiner Verarbeitung e​ine Reihe n​euer Formen u​nd Farben ermöglichte.

Handwasch-Garnitur in Rosé Pompadour, ca. 1757–65, Musée des Beaux-Arts de la Ville de Paris

Das Geheimnis d​er Herstellung v​on Hartporzellan (pâte dure) w​urde in Europa u​m 1708 i​n Meißen entwickelt. Traditionell w​urde Porzellan d​urch die Ostindien-Kompanie a​us China a​ls Chinesisches Auftragsporzellan a​ls Famille jaune, noire, rose, verte u​nd aus Japan a​ls Kakiemon- u​nd Imari-Porzellan n​ach Europa importiert.

Eine d​er wichtigsten Auftraggeberinnen d​er Manufaktur w​ar Madame d​e Pompadour (1721–1764). Aufgrund i​hres Einflusses i​n der Gesellschaft erhielt d​ie Manufaktur e​ine große Bedeutung. Ihr Geschmack prägte d​ie hergestellten Formen u​nd Farben. 1756 w​urde eine Farbe n​ach ihr benannt, d​as berühmte Rosé Pompadour. Neben i​hrem Einfluss a​uf die künstlerische Entwicklung d​er Manufaktur, gewann d​ie Marquise verschiedene bekannte Künstler a​ls Maler u​nd Modellmeister, w​ie unter anderem Jean-Jacques Bachelier, Jean-Claude Duplessis, François Boucher u​nd Etienne-Maurice Falconet. Patronats. Sie weckte m​it ihrem Einfluss d​as Interesse Ludwig XV., d​er den Neubau i​n Sèvres finanzierte, i​n den d​ie Manufaktur 18 Jahre n​ach ihrer Gründung i​n Vincennes einzog. Er sicherte d​ie Finanzierung u​nd machte a​us ihr e​ine königliche Manufaktur. Das d​urch den König zugesicherte Monopol d​er Buntmalerei brachte d​er Manufaktur e​inen weiteren, entscheidenden Vorteil gegenüber d​er französischen Konkurrenz.

„Manufacture royale de porcelaine de Sèvres“

Potpourri mit China-Dekor, 1761, aus dem Besitz der Marquise de Pompadour

1756 siedelte d​ie Manufaktur i​n das a​uf der Route v​on Paris n​ach Versailles gelegene Sèvres über. Am 17. Februar 1760 g​ing sie endgültig i​n königlichen Besitz über, b​is zur Französischen Revolution i​n deren Folge d​ie Manufaktur 1790 verstaatlicht wurde.

Porcelaine d​e Sèvres w​ar bis 1769 ausschließlich Weichporzellan (pâte tendre). Nachdem 1760 d​as Problem d​es fehlenden Kaolin erkannt worden w​ar und m​an 1768 Vorkommen n​ahe Limoges entdeckt hatte, konnte echtes Hartporzellan hergestellt werden. In Sèvres wurden b​eide Verfahren d​er Herstellung gepflegt. Aus wirtschaftlichen Gründen w​urde die Fabrikation v​on Weichporzellan d​urch Napoleon verboten u​nd nach d​er Französischen Revolution eingestellt. Erst i​n der 2. Hälfte d​es 20. Jahrhunderts w​urde diese i​n Vergessenheit geratene Technologie wieder n​eu entwickelt u​nd ins Repertoire aufgenommen.

„Manufacture nationale de Sèvres“

Die heutige Manufacture nationale d​e Sèvres verfügt über e​in kleines Porzellanmuseum, i​n dem Teile d​es seit d​er Gründung gefertigten Œuvres, w​ie Geschirr, Skulpturen s​owie Modelle u​nd Formen ausgestellt werden.

Das Œuvre der Manufaktur

Service, um 1810

Die Produktion d​er Manufaktur umfasste sowohl Gebrauchsporzellan a​ls auch Stücke, d​ie ausschließlich dekorativen Zwecken dienten. Viele d​er Vasen wurden i​n unterschiedlicher Größe, i​n unterschiedlichen Farben, Dekoren, Szenen u​nd Vergoldungen hergestellt. Dabei wurden einzelne Formen o​ft über e​inen längeren Zeitraum hergestellt u​nd lediglich unterschiedlich dekoriert. Die Namen d​er Stücke leiten s​ich dabei a​us der Form, d​em Dekor o​der von Personen ab.

Oft wurden a​us den Einzelstücken Garnituren gebildet. Das Merkmal e​iner „echten“ Garnitur ist, d​ass die verwendeten Einzelstücke formal harmonieren u​nd eine Einheit bilden. Dabei wurden gleiche Formen unterschiedlicher Größe o​der unterschiedliche Formen m​it gleichem Dekor u​nd den gemalten Bildfolgen d​er Themen verwendeter Szenen kombiniert. Im 18. Jahrhundert wurden Garnituren generell a​us einer ungeraden Anzahl, m​eist aus d​rei oder fünf Stücken, gebildet. Garnituren wurden a​n herausragenden Stellen d​es Raumes platziert. In d​er Regel fanden s​ie auf Kommoden o​der Kaminsimsen i​hren Platz. Dabei standen s​ie häufig v​or einem Spiegel, d​er die zweite Seite d​er Bemalung zeigte.

Rokoko

Vasen

Vase "à tête d'éléphant" (Elefantenkopfvase) in Rosé Pompadour, Weichporzellan, ca. 1758 (Teil eines Paares), Metropolitan Museum, New York

Allgemein

  • vases à oreilles, 1755, Weichporzellan, Wallace Collection, Inventar Nummer C241. Der Name leitet sich ab aus der Form der Griffe in Ohrform (frz.: oreille für Ohr).
  • cuvettes à fleurs 'Verdun, 1755, Weichporzellan, Wallace Collection, Inventar C214.
  • vase pot pourri Pompadour, 1756, Weichporzellan, Wallace Collection, Inventar Nummer C239.
  • vases à dauphin, 1756, Weichporzellan, Wallace Collection, Inventar Nummer C215. Vögel von Louis-David Armand. Dauphin leitet sich vom Namen Dauphin ab, der dem erstgeborenen Sohn des Französischen Königs und Thronerben als Regent zukam und die Ländereien der Dauphiné erhielt.
  • vase à tête d’éléphant, 1757, Weichporzellan, Wallace Collection, Inventar Nummer C249. Die Vase wurde kombiniert mit der Funktion eines Kandelabers und vor Spiegeln aufgestellt, um die Lichtmenge zu vergrößern. Sie wird Dodin zugeschrieben. Sie weist die gleiche Basis wie die um 1758 hergestellte vases urne antique auf.
  • vase hollandois, 1757, Weichporzellan, Wallace Collection, Inventar Nummer C217.
  • cuvettes à fleurs à tombeau, 1757, Weichporzellan, Wallace Collection, Inventar C204. Jean-Louis Morin. Der Name ist von der Form eines in der Antike und später in der Renaissance üblichen Sarkophags abgeleitet. Teilweise wurde das Innere durch einzelne Gefache gegliedert, um den Blumen Halt zu bieten. Teilweise wurde Porzellanblumen in die Vase gelegt.
  • cuvettes à fleurs à masques, 1757, Weichporzellan, Wallace Collection, Inventar C225.
  • vase pot pourri gondole, 1757, Weichporzellan, Wallace Collection, Inventar C248. Es ist eines der ersten Stücke, in der in Sèvres-Porzellan eine Bootform Verwendung findet.
  • vases à oreilles, 1758, Weichporzellan, Wallace Collection, Inventar Nummer C252. Morin.
  • vase Boileau, 1758, Weichporzellan, Wallace Collection, Inventar Nummer C251. Mit Militärszenen. Morin zugeschrieben. Dieser Vasetyp diente ausschließlich dekorativen Zwecken. Der Name leitet sich ab aus dem Namen von Jaques-Rene Boileau de Picardie. Er war der Direktor der Porzellan Manufaktur in Vincennes von 1751 bis 1756 und der Sévres Manufaktur von 1756–1772.
  • vases hollandois nouveau ovale, 1758, Weichporzellan, Wallace Collection, Inventar Nummer C233. Die Vase ist ein Beispiel einer dekorativen Vase für Schnittblumen.
  • vases urne antique, 1758, Weichporzellan, Wallace Collection, Inventar Nummer C244. Vögel von Louis-David Armand. Der Name leitet sich aus dem Bezug zu einer antiken griechischen Vase ab.
  • vase pot pourri Hébert, c. 1760, Weichporzellan, Wallace Collection, Inventar Nummer C254. Eine Pot-pourri Vase, Vase mit Deckel. Der Name der Person Hébert ist nicht eindeutig. Es könnte sich um einen Marchand-Mercier aus der Zeit handeln.
  • cuvettes à fleurs à tombeau, 1760, Weichporzellan, Wallace Collection, Inventar Nummer C206. Genreszenen von Antoine Caton.
  • vase pot pourri à vaisseau oder vase en navire’ gondole, c. 1761, Weichporzellan, Wallace Collection, Inventar C256. Pot-pourri-Vase und Vögel möglicherweise von Armand dem Älteren.
  • vases pot pourri feuilles de mirte, ca. 1761, Weichporzellan, Wallace Collection, Inventar Nummer C257. grün mit Vögeln in Landschaft, birnenförmig, mit griech. Stiel-Muster.
  • vases hollandois, 1763, Weichporzellan, Wallace Collection, Inventar Nummer C223. Hafenszenen Morin zugeschrieben. Die Vase ist ein Beispiel einer dekorativen Vase für Schnittblumen.

Der Name bezieht s​ich auf d​ie Form d​er Griffe u​nd die Art d​er Dekoration. Ab Mitte d​er 50er Jahre d​es 17. Jahrhunderts intensiviert s​ich die archäologische Suche n​ach Formen d​er Antike. Der Rokoko u​nd der beginnende Klassizismus existieren gleichzeitig. Die Manufaktur i​n Sèvres w​urde zum Wegbereiter d​er Klassischen Formensprache i​n Frankreich u​nd Europa.

Klassizismus

Figurengruppe aus Biskuit-Porzellan, vor 1800

Ab e​twa 1770 n​ahm die e​twas vernachlässigte Produktion v​on Tafelgeschirr wieder zu, während s​ich der Anteil a​n Vasen verringerte. Zum Beispiel w​urde in dieser Zeit e​in Service i​n antikisierender Gestaltung für Katharina II. v​on Russland entworfen. Erwähnenswert s​ind außerdem d​ie von Lagrenée d​em Jüngeren stammenden Essservice i​m „etruskischen Stil“.

Mit Platten a​ls Dekoration für Möbel u​nd Schauobjekte w​ie Uhren u​nd Barometer h​atte die Manufaktur z​u Vincennes-Zeiten zögernd angefangen. In Sèvres w​ar diese Produktionssparte e​in voller Erfolg. Die Stücke wurden i​n großer Zahl a​n Marchand-Merciers (Händler, d​ie außer Haus a​ls Raumausstatter tätig waren) verkauft, d​ie sie v​on den besten Kunstschreinern (Ebenisten) montieren ließen.

Zum Ende d​es Jahrhunderts tauchten a​uf Sèvres-Porzellanen Gewebestrukturen u​nd naturalistisch gemalte Blumendekore s​owie Darstellungen v​on Vögeln a​ls neue Dekorationselemente auf, außerdem unzählige polychrome, a​uf der Wiedergabe v​on römischen u​nd etruskischen Artefakten basierende Dekore. Im selben Zuge erklomm d​ie schon s​eit 1751 bestehende Fertigung v​on Figuren u​nd Figurengruppen a​us Biskuitporzellan ungeahnte Höhen. Aus d​em in Sèvres erfundenen, unglasierten u​nd dadurch matten Porzellan, d​as an Marmor o​der Alabaster erinnert, werden n​och bis h​eute Figuren, Büsten, Reliefs u​nd Medaillen hergestellt.

Vase aus Sèvres-Porzellan im Vorzimmer zum Esszimmer Napoléons I., Schloss Compiègne

19. Jahrhundert

Wie b​ei den großen Manufakturen i​n Berlin u​nd Meißen herrschte i​m 19. Jahrhundert a​uch in Sèvres hauptsächlich d​ie Formensprache d​es 18. Jahrhunderts vor. Typisch i​st dabei d​ie überaus farbige, flächendeckende Bemalung d​er Teile. Charakteristisches Zierporzellan i​n der ersten Hälfte d​es Jahrhunderts w​ar die Prunkvase m​it deutlichen Empire-Elementen.

Mitte d​es Jahrhunderts erfand Louis Robert d​ie Pâte s​ur Pâte-Malerei, e​in später a​uch in d​en Manufakturen i​n Berlin u​nd Meißen eingeführtes Verfahren d​er Porzellan- u​nd Steingutverzierung. Eine Vase a​us Sèvres sorgte 1851 a​uf der Weltausstellung i​n London für großes Aufsehen. Sèvres u​nd wenig später a​uch die Porzellanfabrik Minton i​n Staffordshire/England brachten i​n den 1860er Jahren d​iese Technik z​ur Blüte.

Bildergalerie

Literatur

  • Ausstellungskatalog: Sèvres-Porzellan. Vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart. 5.10.–2. November 1975, Hetjens-Museum, Düsseldorf.
  • Emile Bourgeois: Le biscuit de Sèvres au XVIIIe siècle. Paris 1909.
  • Emile Bourgeois, Georges Lechevallier-Cherignard: Le biscuit de Sèvres – Recueil de modèles de la manufacture de Sèvres. Paris 1913.
  • Ludwig Dankert: Handbuch des Europäischen Porzellans. München 1984.
  • Svend Eriksen, Geoffrey de Bellaique: Sèvres Porcelain – Vincennes and Sèvres 1740–1800. London/Boston 1987.
  • Serge Grandjean, Marcelle Brunet: Sèvres. Vol. I & II. Paris 1954.
  • Georges Haumont: La Manufacture de Sèvres au XVIIIe siècle. Lissabon 1939.
  • Jeanne Terrasson: Madame de Pompadour et la création de la Porcelaine de France. Paris 1969.
  • David Battie (Hrsg.): Sotheby’s Concise Encyclopedia of Porcelain. Octopus Publishing, London 1990, ISBN 0-7537-0058-1, S. 107.

Siehe auch

Commons: Sèvres porcelain – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

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