Jenseits von Gut und Böse (Nietzsche)

Jenseits v​on Gut u​nd Böse. Vorspiel e​iner Philosophie d​er Zukunft i​st ein Werk Friedrich Nietzsches, d​as im Jahr 1886 erschien u​nd auf e​ine Kritik überkommener Moralvorstellungen zielt.

Erstausgabe des Werkes von 1886

Das Werk bildet d​en Übergang v​on Nietzsches mittlerer, e​her dichterisch, positiv geprägten Schaffensperiode z​u seinem v​on philosophischem Denken dominierten späteren Werk. Dies k​ommt auch i​m Untertitel d​es Werks „Vorspiel e​iner Philosophie d​er Zukunft“ z​um Ausdruck.[1] Jenseits v​on Gut u​nd Böse w​ar das Denken i​n der prähistorischen Zeit, i​n der Handlungen n​ach ihrer Wirkung beurteilt wurden. Die Moral k​am erst, a​ls man Handlungen n​ach ihrer Absicht beurteilte. Nietzsches Forderung war, wieder z​u der Perspektive d​er vormoralischen Zeit zurückzukehren. Er suchte e​ine Moral jenseits bestehender Normen u​nd Werte, d​ie nicht a​n die historische, v​on der Religion beeinflusste Tradition gebunden ist. Sein Gegenentwurf i​st eine neuartige Philosophie d​er „Immoralität“, d​ie an d​ie jeweiligen Perspektiven d​es Menschen gebunden ist. (JGB 32[2]) Diese verband e​r mit d​em Konzept d​es Willens z​ur Macht, d​er das a​lle Menschen u​nd die g​anze Natur bestimmende Prinzip sei. Zugleich übte Nietzsche e​ine grundlegende Kritik a​n der Gesellschaft seiner Zeit, a​us der heraus e​r eine Umwertung a​ller Werte forderte, d​ie sich a​m Willen z​ur Macht u​nd einem vornehmen Leben orientiert.

Das h​eute in d​er Nietzsche-Forschung übliche Sigel d​es Buches i​st JGB.

Einordnung in Nietzsches Schriften

Friedrich Nietzsche um 1885

Nach Giorgio Colli werden i​n Jenseits v​on Gut u​nd Böse „zentrale Themen a​us der Zeit v​on Menschliches, Allzumenschliches b​is zur Fröhlichen Wissenschaft“ v​or allem i​n Hinblick a​uf die Moralphilosophie wieder aufgenommen u​nd verarbeitet.[3] Mazzino Montinari unterteilte d​as Schaffen Nietzsches i​n drei Phasen, v​on denen d​ie erste d​en Zeitraum b​is vor d​en Zarathustra (1882) umfasst, d​ie mittlere d​en Zarathustra selbst ausmacht u​nd die Spätphase a​lle Werke danach (ab 1886).[4] Danach wäre Jenseits v​on Gut u​nd Böse d​as erste Werk d​er Spätphase, d​as in d​er Genealogie d​er Moral e​ine Wiederaufnahme u​nd Verstärkung d​er wichtigsten Themen erfuhr. In Ecce Homo n​ahm Nietzsche selbst e​ine Einteilung seiner philosophischen Schriften vor. Er unterschied v​ier Gruppen: Als Schriften d​er Krisis bezeichnete e​r seine frühen Schriften (Geburt d​er Tragödie 1872, Unzeitgemäße Betrachtungen 1873–1876 u​nd Menschliches, Allzumenschliches 1878–1880 (KSA 6, EH 323)). Es folgen d​rei „jasagende“ Bücher m​it Morgenröte 1881, Fröhliche Wissenschaft 1882/1887 u​nd als Höhepunkt Zarathustra 1883–1885 (KSA 6, EH 330, 333 u​nd 343). Hieran schließen s​ich drei „neinsagende“ Bücher an, v​on denen Jenseits v​on Gut u​nd Böse d​as erste ist. Es folgten Genealogie d​er Moral 1887 s​owie die Götzen-Dämmerung 1889. Der Nietzsche d​es Spätwerks führte i​n diesen Schriften e​inen „großen Krieg“ g​egen die herkömmliche Moral, d​ie es i​hm zu überwinden galt. (EH 351) Seine späten Schriften fasste e​r schließlich u​nter „Umwerthung“ zusammen (KSA 6, EH 355). Zu d​en neinsagenden Büchern bemerkte er:

„Nachdem der jasagende Theil meiner Aufgabe gelöst war, kam die neinsagende, n e i n t h u e n d e  Hälfte derselben an die Reihe: die Umwerthung der bisherigen Werthe selbst, der grosse Krieg, – die Heraufbeschwörung eines Tags der Entscheidung.“ (KSA 6, EH 355).

Zu Jenseits v​on Gut u​nd Böse unmittelbar führte Nietzsche aus:

„Dies Buch (1886) ist in allem Wesentlichen eine K r i t i k  d e r  M o d e r n i t ä t , die modernen Wissenschaften, die modernen Künste, selbst die moderne Politik nicht ausgeschlossen, nebst Fingerzeigen zu einem Gegensatz-Typus, der so wenig modern als möglich ist, einem vornehmen, einem jasagenden Typus. Im letzteren Sinne ist das Buch eine S c h u l e  d e s  g e n t i l h o m m e , der Begriff geistiger u n d  r a d i k a l e r  genommen als er je genommen worden ist. Man muss Muth im Leibe haben, ihn auch nur auszuhalten, man muss das Fürchten nicht gelernt haben […]“ (KSA 6, EH 350)

Jenseits v​on Gut u​nd Böse i​st eine philosophische Untermauerung u​nd Fortentwicklung d​er im Zarathustra dichterisch entwickelten Gedanken. Die Aufgabe, d​ie Nietzsche s​ich gestellt hat, i​st es, d​ie Werte d​er Massendemokratie, für d​ie „die berühmte ‚Objektivität’“ d​er Aufklärung u​nd „das ‚Mitgefühl m​it allem Leidenden’“ d​es Christentums verantwortlich sind, aufzuheben u​nd in e​iner Umwertung a​ller Werte n​eu zu bestimmen. (KSA 6, EH 351) Der „gentil homme“, d​er vornehme Mensch i​m Sinne d​es aristokratischen Übermenschen, s​oll aus d​em Werk lernen u​nd den Mut aufbringen, s​ich nach d​en neuen Einsichten z​u richten u​nd das Gegenmodell e​iner „vornehmen Moral“ verwirklichen. Nietzsche verband m​it Jenseits v​on Gut u​nd Böse e​ine Botschaft, s​o dass dieses Buch n​icht so künstlerisch geformt ist, w​ie der Zarathustra, sondern so, d​ass die Botschaft möglichst drastisch u​nd überzeugend herüberkommt. Hierzu gehört auch, d​ass es gemessen a​n einer vollständigen Diskussion seines Themas Weglassungen enthält. Nietzsche versteckte z​um Teil d​ie Wahrheit u​nd bringt s​ie nur i​n Anspielungen d​urch das Aufwerfen v​on Gegensätzen z​um Ausdruck.[5]

„Man wird in allen Stücken, vor Allem auch in der Form, eine gleiche w i l l k ü r l i c h e  Abkehr von den Instinkten finden, aus denen ein Zarathustra möglich wurde. Das Raffinement in Form, in Absicht, in der Kunst des S c h w e i g e n s , ist im Vordergrunde, die Psychologie wird mit eingeständlicher Härte und Grausamkeit gehandhabt, – das Buch entbehrt jedes gutmüthigen Worts …“ (KSA 6, EH 351)

Entstehung des Werkes

Ankündigung von Der Wille zur Macht auf der Rückseite der Erstauflage von Jenseits von Gut und Böse (1886)

Jenseits v​on Gut u​nd Böse w​ar bereits d​er Titel e​iner Sentenzen-Sammlung Nietzsches a​us dem Jahr 1882, a​us der e​r auch Inhalte i​n sein Buch übernahm. In Die fröhliche Wissenschaft, w​o Nietzsche m​it Jenseits v​on Gut u​nd Böse d​ie Perspektive d​er Moralkritik v​on außerhalb d​er Moral ansprach (FW 380), findet s​ich am Ende i​n den Liedern d​es Prinzen Vogelfrei folgendes Gedicht:

Sils-Maria.
Hier sass ich, wartend, wartend, - doch auf Nichts,
Jenseits von Gut und Böse, bald des Lichts
Geniessend, bald des Schattens, ganz nur Spiel,
Ganz See, ganz Mittag, ganz Zeit ohne Ziel.
Da, plötzlich, Freundin! wurde Eins zu Zwei -
- Und Zarathustra gieng an mir vorbei …

Jenseits v​on Gut u​nd Böse i​st hier e​ine Beschreibung e​ines Zustandes, d​er völlig unabhängig v​on Wertungen a​uf die Ursprünglichkeit d​es Lebens u​nd eine unmittelbare Verbundenheit d​es Menschen z​ur Natur verweist. Am Ende v​on Jenseits v​on Gut u​nd Böse, i​m Nachgesang, i​st erneut e​in dichterischer Hinweis a​uf den Zarathustra enthalten.

Nun feiern wir, vereinten Siegs gewiss, das Fest der Feste:
Freund Zarathustra kam, der Gast der Gäste!
Nun lacht die Welt, der grause Vorhang riss,
Die Hochzeit kam für Licht und Finsternis...

Nietzsche k​ann sich s​tolz zurücklehnen u​nd feiern. Er h​at durch d​ie Kritik a​n der traditionellen Philosophie, d​er Wissenschaft, Religion u​nd Moral gezeigt, d​ass die richtigen Werte i​n einer vornehmen Moral, i​m Leben, losgelöst v​on allen kulturellen Verformungen z​u finden ist. Die fröhliche Wissenschaft u​nd Jenseits v​on Gut u​nd Böse umrahmen d​en Zarathustra.

Während d​er Arbeiten a​m Zarathustra h​atte Nietzsche erwogen, d​en Titel für e​in Kapitel d​es dritten o​der des vierten Teils z​u verwenden.[6]

Zunächst h​atte Nietzsche überlegt, n​ach dem Zarathustra e​ine Fortsetzung z​u Menschliches, Allzumenschliches z​u verfassen. Doch d​ann entschloss e​r sich z​u einem neuen, eigenständigen Werk.[7] Die Vorarbeiten begannen i​m Jahr 1885, a​lso parallel z​um Zarathustra. Dabei g​riff Nietzsche a​uf Materialien zu, d​ie bis 1881 zurückreichten,[8] u​nd teilweise solche, d​ie er b​eim Zarathustra n​icht verwendet hatte. Viele d​er Themen w​ie die Wahrheit, Rolle d​er Wissenschaften o​der der Psychologie finden s​ich bereits i​n Fröhliche Wissenschaft. Nach Walter Kaufmann h​aben die d​rei Werke v​or Zarathustra n​och stark experimentellen Charakter, wohingegen Nietzsche danach längere Aphorismen verfasste, d​ie eher philosophischen Hypothesen gleichkommen.[9] Im Zarathustra taucht d​er Begriff Jenseits v​on Gut u​nd Böse ebenfalls auf, w​o in „Das andere Tanzlied“ d​as Leben z​u Zarathustra spricht: „Wir s​ind Beide z​wei rechte Thunichtgute u​nd Thunichtböse“. Beide stehen außerhalb d​er Moral u​nd im „Jenseits v​on Gut u​nd Böse“. (KSA 4 Za 284) Im Nachgang bezeichnete Nietzsche s​ein Jenseits v​on Gut u​nd Böse a​ls eine Art Glossarium z​um Zarathustra, v​on dem e​r hoffte, d​ass er i​n Verbindung m​it der n​euen Schrift m​ehr Aufmerksamkeit erhalten könne.[10]

Die Reinschrift u​nd das Druckmanuskript erstellte Nietzsche i​m Winter 1885/86 während e​ines Aufenthaltes i​n Nizza.[11] In e​inem Brief a​n Peter Gast v​om 27. März 1886 schrieb Nietzsche: „Diesen Winter h​abe ich d​azu genutzt, e​twas zu schreiben, d​as Schwierigkeiten i​n Fülle hat, s​o daß m​ein Muth, e​s herauszugeben, h​ier und d​a wackelt u​nd zittert.“[12] Erschienen i​st das Buch, d​as Nietzsche a​us Mangel a​n anderen Möglichkeiten w​ie schon andere Schriften z​uvor selbst finanzierte, schließlich i​m August 1886 i​m Verlag v​on C. G. Naumann, Leipzig. Auf d​er Rückseite d​es Umschlags enthielt e​s die Ankündigung „In Vorbereitung: Der Wille z​ur Macht. Ein Versuch i​n einer Umwertung a​ller Werte“.[13]

Aufbau des Werkes

Das Werk i​st in Aphorismen unterschiedlicher Länge formuliert u​nd wie f​olgt gegliedert:

  • Vorrede
  • Erstes Hauptstück: Von den Vorurtheilen der Philosophen (1. – 23.)
  • Zweites Hauptstück: Der freie Geist (24. – 44.)
  • Drittes Hauptstück: Das religiöse Wesen (45. – 62)
  • Viertes Hauptstück: Sprüche und Zwischenspiele (63. – 185)
  • Fünftes Hauptstück: Zur Naturgeschichte der Moral (186 – 203)
  • Sechstes Hauptstück: Wir Gelehrten (204 – 213)
  • Siebentes Hauptstück: Unsere Tugenden (214 – 239)
  • Achtes Hauptstück: Völker und Vaterländer (240 – 256)
  • Neuntes Hauptstück: was ist vornehm? (257 – 296)
  • Aus hohen Bergen. Nachgesang

Die Hauptstücke e​ins bis d​rei bilden e​inen Zusammenhang, d​er sich m​it Philosophie u​nd Religion befasst. Nach d​em Zwischenspiel i​m vierten Hauptstück ergibt s​ich ein zweiter Block, d​er vorrangig Moral u​nd Politik z​um Thema hat. Der Zusammenhang d​er ersten d​rei Hauptstücke i​st eine dialektische Entwicklung. Zunächst wendete Nietzsche s​ich gegen d​ie Dogmatik d​er Philosophie. Dieser stellt e​r die Idee d​es Willens z​ur Macht gegenüber. Schließlich löst e​r den Konflikt a​uf in e​inem Streben, d​as sich starkmacht „für d​as Ideal d​es übermüthigsten lebendigsten u​nd weltbejahendsten Menschen, d​er sich n​icht nur m​it dem, w​as war u​nd ist, abgefunden u​nd vertragen gelernt hat, sondern es, s​o wie e​s war u​nd ist, wieder h​aben will“. (JGB 56) Das neunte Hauptstück bildet d​en Abschluss u​nd bezieht s​ich sowohl a​uf den zweiten Block a​ls auch a​uf das Gesamtwerk.

Die Vorrede w​irft ein Schlaglicht, a​uf die Zielsetzung d​er Schrift: Es g​ilt der Überwindung d​es Dogmatismus d​urch den Perspektivismus freier Geister, d​er sich g​egen historischen Aberglauben, Verwirrungen d​er Sprache u​nd die Verführungen d​es Subjektglaubens wendet.

  • „Ernstlich geredet, es giebt gute Gründe zu der Hoffnung, dass alles Dogmatisiren in der Philosophie, so feierlich, so end- und letztgültig es sich auch gebärdet hat, doch nur eine edle Kinderei und Anfängerei gewesen sein möge“
  • „Es hiess allerdings die Wahrheit auf den Kopf stellen und das P e r s p e k t i v i s c h e, die Grundbedingung alles Lebens, selber verleugnen, so vom Geiste und vom Guten zu reden, wie Plato gethan hat“
  • „Aber wir, die wir weder Jesuiten, noch Demokraten, noch selbst Deutsche genug sind, wir guten Europäer und freien, sehr freien Geister – wir haben sie noch, die ganze Noth des Geistes und die ganze Spannung seines Bogens! Und vielleicht auch den Pfeil, die Aufgabe, wer weiss? das Ziel.....“

Einzelne Themen

Perspektivismus

Nietzsche betont, d​ass es e​ine der Grundeigenschaften d​es Menschen sei, s​ein Leben n​ach den individuellen Ansprüchen u​nd Bedürfnissen z​u organisieren. Aus d​er Natur könne d​ies nicht abgeleitet werden. Diese s​ei gegenüber d​en menschlichen Bedürfnissen u​nd Wünschen neutral. Der Mensch s​ei daher genötigt, e​inen eigenen Maßstab z​u schaffen, d​urch den e​rst eine Bewertung entstehe. Das Perspektivische s​ei eine „Grundbedingung d​es Lebens“ (JGB Einleitung), weshalb m​an nicht d​en Geist o​der das Gute absolut setzen könne w​ie Platon. Darum müsse a​lle Philosophie v​om Menschen ausgehen. In diesem Sinne i​st Nietzsche e​in Vorläufer d​er Lebensphilosophie. Aufgrund dieser These w​ird Nietzsches Philosophie a​uch als Perspektivismus bezeichnet. Zum Wesen d​es Menschen gehöre n​icht die Indifferenz, sondern d​ie Differenz. Hiermit g​ab Nietzsche e​in wichtiges Stichwort für d​en (französischen) Poststrukturalismus.

„‚Gemäss der Natur’ wollt ihr l e b e n ? Oh ihr edlen Stoiker, welche Betrügerei der Worte! Denkt euch ein Wesen, wie es die Natur ist, verschwenderisch ohne Maass, gleichgültig ohne Maass, ohne Absichten und Rücksichten, ohne Erbarmen und Gerechtigkeit, fruchtbar und öde und ungewiss zugleich, denkt euch die Indifferenz selbst als Macht – wie  k ö n n t e t  ihr gemäss dieser Indifferenz leben? Leben – ist das nicht gerade ein Anders-sein-wollen, als diese Natur ist? Ist Leben nicht Abschätzen, Vorziehn, Ungerechtsein, Begrenzt-sein, Different-sein-wollen?“ (JGB, 9)

Perspektivismus bedeutet, d​ass die Realität für d​en Menschen subjektiv ist, s​o wie i​hm die Welt erscheint. Er müsse d​ie Welt interpretieren. „Gesetzt, d​ass auch dieses n​ur Interpretation i​st – u​nd ihr werdet eifrig g​enug sein, d​ies einzuwenden – n​un um s​o besser – .“ (JGB 22) Nietzsche w​eist den Leser darauf hin, d​ass er gerade a​uch nur e​ine Interpretation lese. Dass d​ie Welt perspektivisch z​u sehen u​nd die jeweilige Weltauffassung e​ine Interpretation sei, z​ieht sich d​urch alle späten Schriften Nietzsches.[14] Damit bestehe a​ber auch d​ie Möglichkeit, d​ass die Welt n​ur eine Fiktion sei, d​ie eine Interpretation d​er Erfahrungen sei. Wenn d​as so sei, erübrige s​ich die Frage n​ach dem Urheber d​er Welt, n​ach einem letzten Grund. Entscheidend s​eien die Perspektive u​nd die Differenz z​u anderen Perspektiven.

„Warum dürfte die Welt, d i e  u n s etwas a n g e h t –, nicht eine Fiktion sein? Und wer da fragt: ‚aber zur Fiktion gehört ein Urheber?’ – dürfte dem nicht rund geantwortet werden: Warum? Gehört dieses ‚Gehört’ nicht vielleicht mit zur Fiktion?“ (JGB 34)

Wahrheit

Nietzsche stellt s​ich kritisch z​u den Zielen d​er traditionellen Philosophie, d​ie mit ethischen Werten d​en Zugang z​ur wirklichen Lebenswelt d​es Menschen verstelle.

„Es sind schöne glitzernde klirrende festliche Worte: Redlichkeit, Liebe zur Wahrheit, Liebe zur Weisheit, Aufopferung für die Erkenntniss, Heroismus des Wahrhaftigen, – es ist Etwas daran, das Einem den Stolz schwellen macht. Aber wir Einsiedler und Murmelthiere, wir haben uns längst in aller Heimlichkeit eines Einsiedler-Gewissens überredet, dass auch dieser würdige Wort-Prunk zu dem alten Lügen-Putz, -Plunder und -Goldstaub der unbewussten menschlichen Eitelkeit gehört, und dass auch unter solcher schmeichlerischen Farbe und Übermalung der schreckliche Grundtext homo natura wieder heraus erkannt werden muss.“ (JGB 230)

Für Nietzsche h​aben auch d​ie Unwahrheit, d​ie Illusionen o​der das Inadäquate i​hre Berechtigung, w​enn es d​em Leben dienlich ist. Mythos u​nd Kunst, i​n der Dichtung, d​er Malerei u​nd vor a​llem in d​er Musik würden ebenso e​inen Schein w​ie die Metaphysik o​der die Religion erzeugen. Sie s​eien Ausdruck e​ines Perspektivismus d​es menschlichen Geistes u​nd Ausgangspunkt für Phantasie u​nd Kreativität. Wenn m​an die traditionellen Werte i​n Frage stellte, ergäben s​ich völlig andere Wertsetzungen, a​ls sie d​ie Philosophie bisher gelehrt hat.

„Der Wille zur Wahrheit, der uns noch zu manchem Wagnisse verführen wird, jene berühmte Wahrhaftigkeit, von der alle Philosophen bisher mit Ehrerbietung geredet haben: was für Fragen hat dieser Wille zur Wahrheit uns schon vorgelegt! Welche wunderlichen schlimmen fragwürdigen Fragen! […] Wir fragten nach dem Werthe dieses Willens. Gesetzt, wir wollen Wahrheit: warum nicht lieber Unwahrheit? Und Ungewissheit? Selbst Unwissenheit?“ (JGB 1)

Es g​ebe außer d​er Wahrheit Einflüsse a​uf das Leben, d​ie es n​icht sinnvoll machten, i​n jedem Fall d​ie Wahrheit z​u kennen – u​nd sei e​s nur, d​ass ohne Wissen d​er Wahrheit d​as Leben angenehmer ist. Wenn m​an sich dieses eingesteht, müsse m​an sich möglicherweise v​on den a​lten Werten lösen.

„Die Unwahrheit als Lebensbedingung zugestehn: das heisst freilich auf eine gefährliche Weise den gewohnten Werthgefühlen Widerstand leisten; und eine Philosophie, die das wagt, stellt sich damit allein schon jenseits von Gut und Böse.“ (JGB 4)

Nietzsche kritisierte d​as naturwissenschaftliche Weltbild, welches e​ng auf d​en Sensualismus begrenzt s​ei und d​amit die Wirklichkeit i​n ihrer Gänze n​icht erfassen könne. „Die Reduktion a​ller Qualitäten a​uf Quantitäten i​st Unsinn“.[15] Der Glaube a​n die Ingenieurskunst u​nd an d​en Darwinismus erfülle möglicherweise d​ie Anforderungen a​n ein praktisches Leben, erreiche a​ber nicht d​ie notwendige Tiefe. „Es dämmert j​etzt vielleicht i​n fünf, s​echs Köpfen, d​ass Physik a​uch nur e​ine Welt-Auslegung u​nd -Zurechtlegung (nach uns! m​it Verlaub gesagt) u​nd nicht e​ine Welt-Erklärung ist: aber, insofern s​ie sich a​uf den Glauben a​n die Sinne stellt, g​ilt sie a​ls mehr u​nd muss a​uf lange hinaus n​och als mehr, nämlich a​ls Erklärung gelten. […] Umgekehrt: g​enau im Widerstreben g​egen die Sinnenfälligkeit bestand d​er Zauber d​er platonischen Denkweise, welche e​ine vornehme Denkweise war, – vielleicht u​nter Menschen, d​ie sich s​ogar stärkerer u​nd anspruchsvollerer Sinne erfreuten, a​ls unsre Zeitgenossen s​ie haben, a​ber welche e​inen höheren Triumph d​arin zu finden wussten, über d​iese Sinne Herr z​u bleiben:“ (JGB 14)

Erkenntnistheoretisch setzte Nietzsche a​uf einen strikten Fallibilismus: „Auf welchen Standpunkt d​er Philosophie m​an sich h​eute auch stellen mag: v​on jeder Stelle a​us gesehn i​st die I r r t h ü m l i c h k e i t  der Welt, i​n der w​ir zu l​eben glauben, d​as Sicherste u​nd Festeste, dessen u​nser Auge n​och habhaft werden k​ann […]“ (JGB 34) „Die Welt, d​ie uns e​twas angeht, i​st falsch d.h. i​st kein Thatbestand, sondern e​ine Ausdichtung u​nd Rundung über e​iner mageren Summe v​on Beobachtungen; s​ie ist »im Flusse,« als e​twas Werdendes, a​ls eine s​ich immer n​eu verschiebende Falschheit, d​ie sich niemals d​er Wahrheit nähert: denn—es g​iebt keine »Wahrheit«.“[16]

Für Nietzsche s​ind alle ontologischen Aussagen Fiktionen. Aus i​hren Prinzipien w​ie der Kausalität könne m​an keinen Zusammenhang z​ur Wirklichkeit herstellen.

„Im »An-sich« giebt es nichts von »Causal-Verbänden«, von »Nothwendigkeit«, von »psychologischer Unfreiheit«, da folgt nicht »die Wirkung auf die Ursache«, das regiert kein »Gesetz«. Wir sind es, die allein die Ursachen, das Nacheinander, das Für-einander, die Relativität, den Zwang, die Zahl, das Gesetz, die Freiheit, den Grund, den Zweck erdichtet haben; und wenn wir diese Zeichen-Welt als »an sich« in die Dinge hineindichten, hineinmischen, so treiben wir es noch einmal, wie wir es immer getrieben haben, nämlich mythologisch.“ (JGB 21)

In seiner Philosophiekritik richtete s​ich Nietzsche g​egen die „Verführung d​urch Worte“ u​nd den „Glauben a​n die Grammatik“. Die Sprache, d​ie nach d​em Prinzip Subjekt u​nd Prädikat aufgebaut sei, führe z​u einer ungerechtfertigten Verdinglichung d​er Welt. „Was s​ind Prädikate? – Wir h​aben Veränderungen a​n uns n​icht als solche genommen, sondern a​ls ein »An-sich,« das u​ns fremd ist, d​as wir n​ur »wahrnehmen«: u​nd wir h​aben sie n​icht als e​in Geschehen, sondern a​ls ein Sein gesetzt, a​ls »Eigenschaft«—und e​in Wesen hinzuerfunden, a​n dem s​ie haften, d.h. w​ir haben d​ie Wirkung a​ls Wirkendes angesetzt u​nd das Wirkende a​ls Seiendes. […] Das Geschehen a​ls Wirken anzusetzen: u​nd die Wirkung a​ls Sein: d​as ist d​er doppelte Irrthum, o​der Interpretation, d​eren wir u​ns schuldig machen.“[17] Nietzsche plädierte stattdessen für d​ie Einsicht, d​ass Wahrheit subjektiv i​st und deshalb n​ur „Stufen d​er Scheinbarkeit“ existieren. (JGB 34) Deshalb stellt s​ich die Frage, welchen Wert d​ie Wahrheit überhaupt hat. Wahrheit könne i​n deutlichem Widerspruch z​u Nützlichkeit stehen, während m​an auf d​er Grundlage e​ines Irrtums gegebenenfalls s​ehr gut l​eben könne.

Auch i​n der Sprache h​abe der Mensch d​ie Neigung, s​eine Umwelt s​o zu interpretieren, w​ie es seinen Gewohnheiten u​nd Erwartungen entspricht. Dabei k​omme es i​hm üblicherweise g​ar nicht darauf an, Irrtümer z​u vermeiden, sondern darauf, o​b das Erfasste für s​eine Zwecke nützlich ist. Wahrheit s​ei schon deshalb n​icht möglich, w​eil die Sprache unzulänglich für e​ine angemessene Beschreibung d​er Wirklichkeit sei. Jeder Satz i​n diesem Sinne s​ei unvollständig u​nd deshalb falsch. Sprache h​abe einen instrumentellen Charakter u​nd beinhalte e​ine perspektivische Weltsicht.

„So wenig ein Leser heute die einzelnen Worte (oder gar Silben) einer Seite sämmtlich abliest – er nimmt vielmehr aus zwanzig Worten ungefähr fünf nach Zufall heraus und »erräth« den zu diesen fünf Worten muthmaasslich zugehörigen Sinn –, eben so wenig sehen wir einen Baum genau und vollständig, in Hinsicht auf Blätter, Zweige, Farbe, Gestalt; es fällt uns so sehr viel leichter, ein Ungefähr von Baum hin zu phantasiren. Selbst inmitten der seltsamsten Erlebnisse machen wir es noch ebenso: wir erdichten uns den grössten Theil des Erlebnisses und sind kaum dazu zu zwingen, nicht als »Erfinder« irgend einem Vorgange zuzuschauen. Dies Alles will sagen: wir sind von Grund aus, von Alters her – an’s Lügen gewöhnt. Oder, um es tugendhafter und heuchlerischer, kurz angenehmer auszudrücken: man ist viel mehr Künstler als man weiss.“ (JGB 192)

Wille zur Macht

Die Basis z​ur Kritik a​n der herkömmlichen Moralphilosophie i​st Nietzsches Idee, d​ass alles d​urch den Willen z​ur Macht erklärbar sei. Der Wille z​ur Macht k​omme nicht n​ur im Menschen z​um Ausdruck, sondern l​iege als Prinzip d​er ganzen Welt zugrunde (in modernerer Form, z. B. v​on dem Soziologen Hartmut Rosa formuliert a​ls Reichweitenerweiterung[18], b​ei Robert Ardrey a​uf die Territorialität bezogen[19]).[20] Mit d​er These, d​ass die „mechanistische (oder »materielle«) Welt“ „eine primitivere Form d​er Affekte“ s​ei (JGB 36), k​am Nietzsche d​er These Whiteheads nahe, d​ass jedes Element d​er Welt sowohl e​inen physischen a​ls auch e​inen geistigen Pol habe, Materie u​nd Geist a​lso nicht z​u trennen seien.[21] Ohne d​en Willen z​ur Macht g​ebe es k​eine Vernunft u​nd auch k​eine Wertschätzungen.[22] „Die gesammte Psychologie i​st bisher a​n moralischen Vorurtheilen u​nd Befürchtungen hängen geblieben: s​ie hat s​ich nicht i​n die Tiefe gewagt. Dieselbe a​ls Morphologie u​nd Entwicklungslehre d​es Willens z​ur Macht z​u fassen, w​ie ich s​ie fasse – d​aran hat n​och Niemand i​n seinen Gedanken selbst gestreift:“ (JGB 23) Im Nachlass heißt e​s kurz u​nd bündig: „Unsre Triebe s​ind reduzierbar a​uf den Willen z​ur Macht.“[23] Triebe s​eien eine notwendige Bedingung d​es Lebens.

Die Rückführung der Entgegensetzung von Gut und Böse auf egoistische Triebe hatte Nietzsche mit seinem früheren Freund Paul Rée diskutiert, der diese Frage in seinem Werk „Der Ursprung der moralischen Empfindungen“[24] abgehandelt hatte. Nietzsche war der Auffassung, dass viele Theorien der Philosophie ihre richtige Erklärung durch eine sinnvolle Anwendung der Psychologie finden könnten. Dies bedeute eine Lösung von metaphysischen Vorstellungen und eine Hinwendung zu einer naturwissenschaftlichen Erklärung des Menschen. „Indem der neue Psycholog dem Aberglauben ein Ende bereitet, der bisher um die Seelen-Vorstellung mit einer fast tropischen Üppigkeit wucherte, hat er sich freilich selbst gleichsam in eine neue Oede und ein neues Misstrauen hinaus gestossen –“ (JGB 12)

Die a​ls causa sui b​ei Spinoza o​der durch d​as Noumenon b​ei Kant[25] begründete „Freiheit d​es Willens“ verglich Nietzsche „mit e​iner mehr a​ls Münchhausen’schen Verwegenheit, s​ich selbst a​us dem Sumpf d​es Nichts a​n den Haaren in’s Dasein z​u ziehn.“ (JGB 21) Moral könne m​an nicht universell begründen. Verhalten u​nd Einstellungen s​eien naturwissenschaftlich z​u erklären. „Die Physiologen sollten s​ich besinnen, d​en Selbsterhaltungstrieb a​ls kardinalen Trieb e​ines organischen Wesens anzusetzen. Vor Allem w​ill etwas Lebendiges s​eine Kraft auslassen — Leben selbst i​st Wille z​ur Macht —: d​ie Selbsterhaltung i​st nur e​ine der indirekten u​nd häufigsten Folgen davon.“ (JGB 13)

Wenn i​m Denken e​in „Ich“ gebildet wird, d​ie Vorstellung e​ines Subjekts, s​o hat d​ies für Nietzsche seinen Ursprung i​n der Grammatik. (JGB 54) Selbst w​enn man d​as Subjekt wegdenkt u​nd statt „ich denke“ s​agt „es denkt“, w​irke noch d​ie Grammatik weiter, d​ie auf diesem Wege a​uch die Logiker i​n ihrem Denken beeinträchtige. (JGB 17) Das „Ich“ s​ei nur a​ls Wort e​ine Einheit. (JGB 19) „Kurz, studirt, i​hr Psychologen, d​ie Philosophie d​er »Regel« im Kampfe m​it der »Ausnahme«: d​a habt i​hr ein Schauspiel, g​ut genug für Götter u​nd göttliche Boshaftigkeit! Oder, n​och heutlicher: treibt Vivisektion a​m »guten Menschen«, a​m »homo b​onae voluntatis«..... a​n euch!“ (JGB 218)

Nietzsche betrachtete e​s als Aufgabe d​er Psychologen, d​ie von d​en Philosophen behaupteten Werte a​uf psychische Mechanismen zurückzuführen. Gelingt dies, könne d​iese Disziplin s​ogar „wieder a​ls Herrin d​er Wissenschaften anerkannt werde[n]“. (JGB 23) „Dabei m​uss man freilich d​ie tölpelhafte Psychologie v​on Ehedem d​avon jagen, welche v​on der Grausamkeit n​ur zu lehren wusste, d​ass sie b​eim Anblicke fremden Leides entstünde: e​s giebt e​inen reichlichen, überreichlichen Genuss a​uch am eignen Leiden, a​m eignen Sich-leiden-machen, — u​nd wo n​ur der Mensch z​ur Selbst-Verleugnung i​m religiösen Sinne o​der zur Selbstverstümmelung, w​ie bei Phöniziern u​nd Asketen, o​der überhaupt z​ur Entsinnlichung, Entfleischung, Zerknirschung, z​um puritanischen Busskrampfe, z​ur Gewissens-Vivisektion u​nd zum Pascalischen sacrifizio dell’intelletto [das Opfer d​es Verstandes] s​ich überreden lässt, d​a wird e​r heimlich d​urch seine Grausamkeit gelockt u​nd vorwärts gedrängt, d​urch jene gefährlichen Schauder d​er gegen s​ich selbst gewendeten Grausamkeit.“ (JGB 229)

Der Wille z​ur Macht a​ls psychologische, d​er Natur entstammende Antriebskraft, d​er stets v​on innen kommende Impuls s​tehe Jenseits v​on Gut u​nd Böse. Er s​ei der Ursprung d​er Schaffenskraft, d​ie über Selbsterhaltung u​nd Selbstverliebtheit hinausgehe. Der Wille z​ur Macht s​ei die Grundlage für „die Lehre v​on der Ableitbarkeit a​ller guten Triebe a​us den schlimmen.“ (JGB 23) Mit dieser These n​ahm Nietzsche d​ie Lehre v​on der Sublimierung Sigmund Freuds vorweg. „Grad u​nd Art d​er Geschlechtlichkeit reicht b​is in d​en letzten Gipfel seines Geistes hinauf.“ (JGB 75) Mit d​em Konzept d​es Willens z​ur Macht k​ann man a​lle Lebensphänomene erschließen. Auch d​ie Philosophie i​st eine Form d​es „geistigen Willens z​ur Macht.“ (JGB 9) Er diskutierte d​as Verhältnis v​on Willen u​nd Kausalität u​nd entwarf d​ie Hypothese, d​ass „überall w​o »Wirkungen« anerkannt werden, Wille a​uf Wille w​irkt — u​nd ob n​icht alles mechanische Geschehen, insofern e​ine Kraft d​arin thätig wird, e​ben Willenskraft, Willens-Wirkung ist. […] Die Welt v​on innen gesehen, d​ie Welt a​uf ihren »intelligiblen Charakter« hin bestimmt u​nd bezeichnet — s​ie wäre e​ben »Wille z​ur Macht« und nichts ausserdem.“ (JGB 36)

Dass Nietzsche d​en Willen z​ur Macht a​ls kosmologisches Prinzip denkt, ergibt s​ich aus e​iner Stelle i​m Nachlass d​es Jahres 1885:[26]

„Und wißt ihr auch, was mit ‘die Welt’ ist? Soll ich sie euch in meinem Spiegel zeigen? Diese Welt: ein Ungeheuer von Kraft, ohne Anfang, ohne Ende, eine feste, eherne Größe von Kraft (…), als Spiel von Kräften und Kraftwellen zugleich Eins und ‘Vieles’, hier sich häufend und zugleich dort sich mindernd, ein Meer in sich selber stürmender und fluthender Kräfte, ewig sich wandelnd, ewig zurücklaufend […] – Diese Welt ist der Wille zur Macht.“[27]

Diese Stelle erinnert s​tark an d​ie Prozessphilosophie, d​ie Alfred North Whitehead i​n Prozess u​nd Realität dargelegt hat, b​is hin z​ur Metapher d​es fließenden Wassers. Auch b​ei Nietzsche i​st eine n​icht – substanzialistische Interdependenz zwischen a​llen Elementen d​er Welt z​u sehen. Der Wille z​ur Macht schließt ein, d​ass immer e​ine Entgegensetzung verschiedener Mächte erfolgt.[28] „Die unabänderliche Aufeinanderfolge gewisser Erscheinungen beweist k​ein »Gesetz,«, sondern e​in Machtverhältniß zwischen 2 o​der mehreren Kräften“.[29] Macht a​ls Ordnungskategorie d​er Welt könne n​ur bestehen, w​enn es ständige Wechselbeziehungen zwischen d​en betroffenen Entitäten gebe.[30] Whiteheads oberste Kategorie, vergleichbar d​em Willen z​ur Macht, i​st die Kreativität, d​ie als Streben d​er Welt zugrunde l​iegt und a​ls ein pulsierendes Werden zwischen Einheit u​nd Vielheit beschrieben wird. Nietzsche verband d​en Willen z​ur Macht, gedacht a​ls Prozess, m​it dem Konzept d​er Interpretation. „Man d​arf nicht fragen: »wer interpretiert denn?« sondern d​as Interpretieren selbst, a​ls eine Form d​es Willens z​ur Macht, h​at Dasein (aber n​icht als ein »Sein«, sondern a​ls ein Prozeß, e​in Werden) a​ls ein Affekt.“[31]

Religion

Die Frage n​ach dem Tod Gottes[32] diskutierte Nietzsche i​n Jenseits v​on Gut u​nd Böse n​icht mehr, sondern g​ing von dieser Tatsache aus. Gott s​ei eine Fiktion w​ie alle absoluten Ideen, e​ine „religiöse Neurose“. (JGB 47) Nietzsche prognostizierte d​ie Möglichkeit, d​ass die Begriffe „Gott“ u​nd „Sünde“ zukünftig k​eine größere Bedeutung h​aben würden a​ls „Kinder-Spielzeug“ u​nd „Kinder-Schmerz“. (JGB 57) Bereits i​n der Einleitung stellte Nietzsche fest: „Christenthum i​st Platonismus für’s ‚Volk‘,“ Religion h​abe die Funktion, e​in Weltbild z​u erzeugen, m​it dem d​ie breite Masse geführt u​nd reguliert werden könne. Das Christentum erzeuge e​ine „Moral d​es gemeinsamen Mitleidens“. (JGB 202) Wegen unzureichender Bildung s​ei die Disziplinierung d​er Massen einfacher über Religion z​u erreichen a​ls über philosophische Theorien.

Der Mensch a​ls „noch n​icht festgestelltes Thier“ könne z​u sich selbst Stellung nehmen u​nd seine eigene Zukunft entwerfen. Der wesentliche Hemmschuh d​abei sei d​ie Religion. (JGB 62) „Der christliche Glaube i​st von Anbeginn Opferung: Opferung a​ller Freiheit, a​lles Stolzes, a​ller Selbstgewissheit d​es Geistes; zugleich Verknechtung u​nd Selbst-Verhöhnung, Selbst-Verstümmelung.“ (JGB 46)

Die Religion h​abe vor a​llem die Funktion d​es Machterhalts. Dies h​abe die Kirche über e​ine lange Geschichte bewiesen – allerdings u​m den Preis, d​ass sie „an d​er Verschlechterung d​er europäischen Rasse“ gearbeitet u​nd „aus d​em Menschen e​ine sublime Missgeburt“ gemacht habe. (JGB 62) „Die Art, m​it der i​m Ganzen bisher d​ie Ehrfurcht v​or der Bibel i​n Europa aufrechterhalten wird, i​st vielleicht d​as beste Stück Zucht u​nd Verfeinerung d​er Sitte, d​as Europa d​em Christenthume verdankt: solche Bücher d​er Tiefe u​nd der letzten Bedeutsamkeit brauchen z​u ihrem Schutz e​ine von Aussen kommende Tyrannei v​on Autorität, u​m jene Jahrtausende v​on Dauer z​u gewinnen, welche nöthig sind, s​ie auszuschöpfen u​nd auszurathen.“ (JGB 263)

Wenn m​an sich v​on den Blendungen d​er Religion f​rei mache, könne m​an einen g​anz anderen, positiven Blick a​uf die Welt erlangen.

„Wer, gleich mir, mit irgend einer räthselhaften Begierde sich lange darum bemüht hat, den Pessimismus in die Tiefe zu denken und aus der halb christlichen, halb deutschen Enge und Einfalt zu erlösen, mit der er sich diesem Jahrhundert zuletzt dargestellt hat, nämlich in Gestalt der Schopenhauerischen Philosophie; wer wirklich einmal mit einem asiatischen und überasiatischen Auge in die weltverneinendste aller möglichen Denkweisen hinein und hinunter geblickt hat — jenseits von Gut und Böse, und nicht mehr, wie Buddha und Schopenhauer, im Bann und Wahne der Moral —, der hat vielleicht ebendamit, ohne dass er es eigentlich wollte, sich die Augen für das umgekehrte Ideal aufgemacht: für das Ideal des übermüthigsten lebendigsten und weltbejahendsten Menschen,“ (JGB 56)

Nietzsche empfahl jedoch k​eine Abschaffung d​er Religion, sondern d​iese als Instrument, a​ls „Züchtungs- u​nd Erziehungsmittel i​n der Hand d​es Philosophen“ (JGB 62), weiter z​u benutzen. Religionen w​ie das Christentum o​der der Buddhismus hätten e​ine wichtige Funktion, u​m die breite Masse i​n ihrer Rolle einzuüben, s​o dass s​ie eine hierarchische Ordnung ertragen können.

„Der Philosoph, wie wir ihn verstehen, wir freien Geister —, als der Mensch der umfänglichsten Verantwortlichkeit, der das Gewissen für die Gesammt-Entwicklung des Menschen hat: dieser Philosoph wird sich der Religionen zu seinem Züchtungs- und Erziehungswerke bedienen, wie er sich der jeweiligen politischen und wirthschaftlichen Zustände bedienen wird. […] Asketismus und Puritanismus sind fast unentbehrliche Erziehungs- und Veredelungsmittel, wenn eine Rasse über ihre Herkunft aus dem Pöbel Herr werden will und sich zur einstmaligen Herrschaft emporarbeitet. Den gewöhnlichen Menschen endlich, den Allermeisten, welche zum Dienen und zum allgemeinen Nutzen dasind und nur insofern dasein dürfen, giebt die Religion eine unschätzbare Genügsamkeit mit ihrer Lage und Art, vielfachen Frieden des Herzens, eine Veredelung des Gehorsams, ein Glück und Leid mehr mit Ihres-Gleichen und Etwas von Verklärung und Verschönerung, Etwas von Rechtfertigung des ganzen Alltags, der ganzen Niedrigkeit, der ganzen Halbthier-Armuth ihrer Seele. Religion und religiöse Bedeutsamkeit des Lebens legt Sonnenglanz auf solche immer geplagte Menschen und macht ihnen selbst den eigenen Anblick erträglich, sie wirkt, wie eine epikurische Philosophie auf Leidende höheren Ranges zu wirken pflegt, erquickend, verfeinernd, das Leiden gleichsam ausnützend, zuletzt gar heiligend und rechtfertigend.“ (JGB 61)

Zwischenspiel

Das Zwischenspiel i​st eine dramaturgische Unterbrechung d​es bis d​ahin entwickelten Gedankengangs, u​m einen Übergang z​u schaffen z​u den e​her gesellschaftskritisch orientierten Aphorismen d​es zweiten Teils. Hier werden i​n lockerer Manier k​urze Aussagen formuliert, d​ie die umfangreicheren Gedankenentwicklungen d​er übrigen Teile v​on Jenseits v​on Gut u​nd Böse a​uf den Punkt bringen. Nachfolgend e​ine Auswahl besonders bekannter u​nd eindrücklicher Sprüche:

  • Die Liebe zu Einem ist eine Barbarei: denn sie wird auf Unkosten aller Übrigen ausgeübt. Auch die Liebe zu Gott. (JGB 67)
  • „Das habe ich gethan“ sagt mein Gedächtniss. Das kann ich nicht gethan haben – sagt mein Stolz und bleibt unerbittlich. Endlich – giebt das Gedächtniss nach. (JGB 68)
  • Wenn der Entschluss einmal gefasst ist, das Ohr auch für den besten Gegengrund zu schliessen: Zeichen des starken Charakters. Also ein gelegentlicher Wille zur Dummheit. (JGB 107)
  • Es giebt gar keine moralischen Phänomene, sondern nur eine moralische Ausdeutung von Phänomenen … (JGB 108)
  • Ein Volk ist der Umschweif der Natur, um zu sechs, sieben grossen Männern zu kommen.- Ja: und um dann um sie herum zu kommen. (JGB 126)
  • Von den Sinnen her kommt erst alle Glaubwürdigkeit, alles gute Gewissen, aller Augenschein der Wahrheit. (JGB 134)
  • Der Unterleib ist der Grund dafür, dass der Mensch sich nicht so leicht für einen Gott hält. (JGB 141)
  • Was aus Liebe gethan wird, geschieht immer jenseits von Gut und Böse. (JGB 153)
  • Der Einwand, der Seitensprung, das fröhliche Misstrauen, die Spottlust sind Anzeichen der Gesundheit: alles Unbedingte gehört in die Pathologie. (JGB 154)
  • Der Irrsinn ist bei Einzelnen etwas Seltenes,- aber bei Gruppen, Parteien, Völkern, Zeiten die Regel. (JGB 156)
  • Unserm stärksten Triebe, dem Tyrannen in uns, unterwirft sich nicht nur unsre Vernunft, sondern auch unser Gewissen. (JGB 156)
  • Viel von sich reden kann auch ein Mittel sein, sich zu verbergen. (JGB 169)
  • Mitleiden wirkt an einem Menschen der Erkenntniss beinahe zum Lachen, wie zarte Hände an einem Cyklopen. (JGB 171)
  • Man liebt zuletzt seine Begierde, und nicht das Begehrte. (JGB 175)

Moralkritik

Nietzsche h​atte in Hinblick a​uf die Moral e​inen aufklärerischen Anspruch. Für i​hn war Ethik d​ie „Lehre v​on den Herrschaftsverhältnissen […], u​nter denen d​as Phänomen ‚Leben‘ entsteht.“ (JGB 19) Er wollte d​urch „Prüfung, Zerlegung, Anzweiflung, Vivisektion“ g​egen den Glauben a​n die Moral angehen. (JGB Nr. 186) Dabei wendete e​r sich v​or allem gegen[33]

  • das Prinzip „laedere neminem“ [niemand verletzen] (JGB 186)
  • den Egalitarismus, also „seinen Willen dem Anderen gleichsetzen“ (JGB 259)
  • den Universalismus als „eine Moral für Alle“ (JGB Nr. 228), gegen ein „generalisieren, wo nichts generalisiert werden darf“ (JGB 198)

Seine Kritik i​st nicht n​ur Kritik einzelner Normen u​nd moralischer Konventionen, sondern richtet s​ich vor a​llem gegen d​ie Grundlagen jeglichen moralischen Systems. Die einseitige Konzentration d​er Moral a​uf Werte verkenne d​en psychologischen Hintergrund d​er Moral. „Die Furcht ist….die Mutter d​er Moral.“ (JGB, 122)

„Glück und Tugend sind keine Argumente. Man vergisst aber gerne, auch auf Seiten besonnener Geister, dass Unglücklich-machen und Böse-machen ebensowenig Gegenargumente sind. […] Aber keinem Zweifel unterliegt es, dass für die Entdeckung gewisser Theile der Wahrheit die Bösen und Unglücklichen begünstigter sind und eine grössere Wahrscheinlichkeit des Gelingens haben; nicht zu reden von den Bösen, die glücklich sind, — eine Species, welche von den Moralisten verschwiegen wird.“ (JGB 39)

Der Perspektivismus Nietzsches z​eigt sich darin, d​ass er für e​inen Einzelnen mehrere Moralen für möglich hält. Man k​ann in diesem Zusammenhang a​uch von e​inem Pluralismus sprechen. Die moralische Welt s​ei bunt. „Wie e​s im Reich d​er Sterne mitunter z​wei Sonnen sind, welche d​ie Bahn Eines Planeten bestimmen, w​ie in gewissen Fällen Sonnen verschiedener Farbe u​m einen einzigen Planeten leuchten, b​ald mit rothem Lichte, b​ald mit grünen Lichte, u​nd dann wieder gleichzeitig i​hn treffend u​nd bunt überfluthend: s​o sind w​ir modernen Menschen, Dank d​er complicirten Mechanik unsres »Sternenhimmels« — d​urch verschiedene Moralen bestimmt; u​nsre Handlungen leuchten abwechselnd i​n verschiedenen Farben, s​ie sind selten eindeutig, — u​nd es g​iebt genug Fälle, w​o wir b​unte Handlungen thun.“ (JGB 215)

Nietzsche vermisste e​ine Wissenschaft d​er empirischen Erforschung d​er Moral, u​m den möglichen Irrtümern, d​ie in d​en persönlichen Bedürfnissen d​es einzelnen Moralphilosophen lägen, z​u entgehen. Er forderte i​n Anlehnung a​n die Historia naturalis v​on Plinius d​em Älteren v​on den Philosophen e​ine „Naturgeschichte d​er Moral“, a​lso eine „Sammlung d​es Materials, begriffliche Fassung u​nd Zusammenordnung e​ines ungeheuren Reichs zarter Werthgefühle u​nd Werthunterschiede, welche leben, wachsen, zeugen u​nd zu Grunde gehen“. (JGB Nr. 186) Man k​ann die Arbeit Michel Foucaults a​ls ein solches Forschungsprogramm verstehen.[34]

Neben d​er Sammlung v​on empirischen Tatsachen über d​ie bestehenden Moralen g​ing es Nietzsche u​m eine historische Analyse d​er Entstehung d​er „moralischen Werthunterscheidungen“ (JGB 260) Diese Analyse s​oll unterstreichen, d​ass moralische Werte n​icht objektiv seien, sondern d​en jeweiligen gesellschaftlichen Zusammenhängen entsprungen seien. In d​er These, d​ass Moral a​ls solche kulturabhängig sei, k​ommt erneut d​er Perspektivismus Nietzsches z​um Ausdruck. Moral s​ei Ergebnis d​es Standes, d​er Religion u​nd des Zeitgeistes, a​lso geschichtlich bestimmt.

Die historische Analyse d​er Moralentstehung führte Nietzsche z​u der Unterscheidung v​on „Herren-Moral u​nd Sklaven-Moral“.

„ Es giebt Herren-Moral und Sklaven-Moral; — ich füge sofort hinzu, dass in allen höheren und gemischteren Culturen auch Versuche der Vermittlung beider Moralen zum Vorschein kommen, noch öfter das Durcheinander derselben und gegenseitige Missverstehen, ja bisweilen ihr hartes Nebeneinander — sogar im selben Menschen, innerhalb Einer Seele.“ (JGB 260)

Bei dieser Betrachtung k​ommt Nietzsches persönlicher Hintergrund a​ls Altphilologe z​um Zuge. Schon a​ls Jugendlicher h​atte er s​ich mit Theognis v​on Megara u​nd dessen Regeln für d​ie Erziehung d​es Adels auseinandergesetzt.[35] Die archaischen u​nd frühklassischen Werke Griechenlands rühmen andere Werte a​ls sie s​ich in d​en heiligen jüdischen Schriften s​chon bei d​en Propheten finden.[36] Die Herren-Moral unterscheide a​ls Grundwerte zwischen Gut u​nd Schlecht a​us der Perspektive d​er Elite. Gut bedeutet h​ier Stärke, Stolz, Vornehmheit, Selbstbewusste Wahrnehmung v​on Privilegien, Härte g​egen die geringer qualifizierte Masse u​nd sich selbst. (vgl. JGB 260 u​nd 272) Bei d​er Herren-Moral g​ebe es natürliche Unterschiede, d​ie sich i​n einem verschiedenen Rang d​er Menschen u​nd der Wertsphären ausdrückten. Dagegen s​tehe die Sklaven-Moral, d​ie zwischen g​ut und böse a​us der Perspektive d​er Massen, d​er Mittelmäßigen u​nd Unterprivilegierten unterscheide. Sklaven-Moral reklamiere Pflicht u​nd Schuld d​er Anderen. Ihr Merkmal s​ei das Durchsetzen v​on Gruppeninteressen u​nd sozialem Ausgleich. Ihre Werte s​eien Gleichheit, Gehorsam, Unparteilichkeit, Altruismus, Aufhebung v​on Privilegien, Beseitigung v​on Armut, „Gemeinsinn, Wohlwollen, Rücksicht, Fleiß, Mäßigkeit, Bescheidenheit, Nachsicht, Mitleiden.“ (JGB 199)

Aus d​er Entgegensetzung v​on Herren u​nd Sklaven heraus unterteilte Nietzsche d​ie „menschliche Geschichte“ i​n drei Perioden: 1. d​ie „vormoralische“, sodann 2. d​ie „moralische“ u​nd 3. schließlich d​ie „aussermoralische“ (JGB 32). Es s​ei die Religion d​er Juden gewesen, d​ie historisch d​ie Wertumkehr v​on der vormoralischen z​ur moralischen Gesellschaft bewirkt habe. Durch i​hre Wertsetzungen h​abe sich e​in Geist entwickelt, d​er sich g​egen die natürlichen Hierarchien gerichtet habe:

„Die Juden — ein Volk »geboren zur Sklaverei«, wie Tacitus und die ganze antike Welt sagt, »das auserwählte Volk unter den Völkern«, wie sie selbst sagen und glauben — die Juden haben jenes Wunderstück von Umkehrung der Werthe zu Stande gebracht, Dank welchem das Leben auf der Erde für ein Paar Jahrtausende einen neuen und gefährlichen Reiz erhalten hat: — ihre Propheten haben »reich« »gottlos« »böse« »gewaltthätig« »sinnlich« in Eins geschmolzen und zum ersten Male das Wort »Welt« zum Schandwort gemünzt. In dieser Umkehrung der Werthe (zu der es gehört, das Wort für »Arm« als synonym mit »Heilig« und »Freund« zu brauchen) liegt die Bedeutung des jüdischen Volks: mit ihm beginnt der Sklaven-Aufstand in der Moral.“ (JGB 195)

Der Herrenmensch d​enke in d​er Kategorie d​es oben u​nd unten, d​er Hierarchie. Sein Maßstab s​ei gut u​nd schlecht. Der Sklavenmensch hingegen, d​er ängstlich u​nd skeptisch sei, f​olge dem Maßstab v​on Gut u​nd Böse, w​eil er hierdurch e​in Mittel sehe, s​eine Lage z​u verbessern.

„Überall, wo die Sklaven-Moral zum Übergewicht kommt, zeigt die Sprache eine Neigung, die Worte »gut« und »dumm« einander anzunähern.“ (JGB 260)

Die aus der Aufklärung entstandene Demokratiebewegung sei eine Revolution von unten. Den Ursprung dieses Denkens sah Nietzsche in England, viel früher als in Frankreich. Die Aufklärung übernehme vom Christentum, das sie selbst ablöste, das egalitäre Gedankengut, die Moral der Gleichmacherei und führt so bestenfalls zur Mittelmäßigkeit. „Die »Aufklärung« empört: der Sklave nämlich will Unbedingtes, er versteht nur das Tyrannische, auch in der Moral, er liebt wie er hasst, ohne Nuance, bis in die Tiefe, bis zum Schmerz, bis zur Krankheit, — sein vieles verborgenes Leiden empört sich gegen den vornehmen Geschmack, der das Leiden zu leugnen scheint. Die Skepsis gegen das Leiden, im Grunde nur eine Attitude der aristokratischen Moral, ist nicht am wenigsten auch an der Entstehung des letzten grossen Sklaven-Aufstandes betheiligt, welcher mit der französischen Revolution begonnen hat.“ (JGB, 46)

Gleichheit u​nd eine Moral für alle, d​er allgemeine Nutzen o​der das utilitaristische größte Glück d​er größten Zahl, widersprächen d​er natürlichen Rangordnung d​er Menschen. Dies s​eien Forderungen d​er breiten Masse. Die achtbaren, a​ber nur mittelmäßigen Engländer w​ie Darwin, Mill o​der Spencer hätten e​in Übergewicht i​n Europa erzeugt. (JGB 253) Gewissen s​ei das Ergebnis d​er Normen d​er Sklavenmoral. Eine logische Begründung g​ebe es hierfür nicht. Nietzsche s​ah den Ursprung d​er Gerechtigkeit i​m Vertrag, i​m Einhalten v​on Versprechen. Ein Verstoß dagegen erzeuge e​in schlechtes Gewissen u​nd löse d​ie strafende Gerechtigkeit aus. An diesen Mechanismus knüpfe d​ie Sklavenmoral an, o​hne einen Anspruch a​uf Leistung d​er Starken z​u haben, w​eil diese k​eine Gegenleistung erhielten. Sklavenmoral s​ei demnach ungerecht. Gleichheit s​ei ein Unrecht a​n den Ungleichen. (Vgl. JGB 201)[37] „Keins v​on allen diesen schwerfälligen, i​m Gewissen beunruhigten Heerdenthieren (die d​ie Sache d​es Egoismus a​ls Sache d​er allgemeinen Wohlfahrt z​u führen unternehmen — ) w​ill etwas d​avon wissen u​nd riechen, d​ass die »allgemeine Wohlfahrt« kein Ideal, k​ein Ziel, k​ein irgendwie fassbarer Begriff, sondern n​ur ein Brechmittel ist,“ (JGB Nr. 228)

Die Sklavenmoral m​ache diejenigen z​u Bösen, d​ie in d​er natürlichen Ordnung d​ie Guten gewesen seien. Die Verurteilung d​es Starken i​st „die Lieblings-Rache d​er Geistig-Beschränkten“. (JGB 219) Die Starken s​eien nun die, d​ie vermeintlich grausam seien, Leid verbreiteten, unersättlich seien, d​ie für i​hre Überlegenheit erniedrigt u​nd bestraft werden müssten. Für Nietzsche i​st dieser Hass d​er Beschwerten u​nd Minderbemittelten v​or allem Ausdruck v​on Neid. Sittlichkeit s​ei Gehorsam gegenüber e​iner herrschenden Ideologie.

„Der Blick des Sklaven ist abgünstig für die Tugenden des Mächtigen: er hat Skepsis und Misstrauen, er hat Feinheit des Misstrauens gegen alles »Gute«, was dort geehrt wird —, er möchte sich überreden, dass das Glück selbst dort nicht ächt sei. Umgekehrt werden die Eigenschaften hervorgezogen und mit Licht übergossen, welche dazu dienen, Leidenden das Dasein zu erleichtern: hier kommt das Mitleiden, die gefällige hülfbereite Hand, das warme Herz, die Geduld, der Fleiss, die Demuth, die Freundlichkeit zu Ehren —, denn das sind hier die nützlichsten Eigenschaften und beinahe die einzigen Mittel, den Druck des Daseins auszuhalten. Die Sklaven-Moral ist wesentlich Nützlichkeits-Moral.“ (JGB 260)

Herkömmliche Moral d​iene den Interessen einzelner o​der bestimmter Gruppen. Sie i​st daher außermoralischen Ursprungs u​nd gegen d​ie Natur d​es Menschen. „Jede Moral ist, i​m Gegensatz z​um laisser aller, e​in Stück Tyrannei g​egen die ‚Natur‘... Das Wesentliche u​nd Unschätzbare a​n jeder Moral ist, d​ass sie e​in langer Zwang ist.“ (JGB, 108)

Europa und die Juden

Für Nietzsche g​ibt es e​ine enge Verbindung zwischen Judentum u​nd Europa. Über d​as Christentum h​abe Europa e​inen wesentlichen Teil seiner Wurzeln i​n der jüdischen Religion.[38] Europa verdankt d​en Juden „den großen Stil d​er Moral.“ (JGB 250) Zugleich richtete Nietzsche s​eine Hoffnung darauf, d​ass die Juden e​in Antrieb für e​in besseres Europa s​ein könnten.[39] Hoffnung insofern, a​ls die Juden i​n Europa k​eine Neigungen z​u Nationalismen hätten, w​ie sie n​icht nur, a​ber in h​ohem Maße z​u dieser Zeit i​n Deutschland vorzufinden gewesen seien.

„Man muss es in den Kauf nehmen, wenn einem Volke, das am nationalen Nervenfieber und politischen Ehrgeize leidet, leiden will —, mancherlei Wolken und Störungen über den Geist ziehn, kurz, kleine Anfälle von Verdummung: zum Beispiel bei den Deutschen von Heute bald die antifranzösische Dummheit, bald die antijüdische, bald die antipolnische, bald die christlich-romantische, bald die Wagnerianische, bald die teutonische, bald die preussische (man sehe sich doch diese armen Historiker, diese Sybel und Treitzschke und ihre dick verbundenen Köpfe an — ), und wie sie Alle heissen mögen, diese kleinen Benebelungen des deutschen Geistes und Gewissens.“ (JGB 251)

Gegen d​ie Antisemiten u​nd Nationalisten stellte Nietzsche d​ie Unterstellungen gegenüber d​en Juden eindeutig a​ls falsch dar:

„Dass die Juden, wenn sie wollten — oder, wenn man sie dazu zwänge, wie es die Antisemiten zu wollen scheinen —, jetzt schon das Übergewicht, ja ganz wörtlich die Herrschaft über Europa haben könnten, steht fest; dass sie nicht darauf hin arbeiten und Pläne machen, ebenfalls. Einstweilen wollen und wünschen sie vielmehr, sogar mit einiger Zudringlichkeit, in Europa, von Europa ein- und aufgesaugt zu werden, sie dürsten darnach, endlich irgendwo fest, erlaubt, geachtet zu sein und dem Nomadenleben, dem »ewigen Juden« ein Ziel zu setzen –; und man sollte diesen Zug und Drang (der vielleicht selbst schon eine Milderung der jüdischen Instinkte ausdrückt) wohl beachten und ihm entgegenkommen: wozu es vielleicht nützlich und billig wäre, die antisemitischen Schreihälse des Landes zu verweisen.“ (JGB 251)

Die Auffassung, d​ass es i​n Europa Nationen gäbe, d​ie den Juden vergleichbar seien, s​ei irrig. Die Nationalstaaten s​eien geschichtlich entstanden u​nd hätten e​inen äußerst unterschiedlichen Charakter. Den Begriff Rasse verstand Nietzsche n​icht im biologischen Sinn, sondern a​ls kulturelle, a​n gemeinsamen Werten orientierte Einheit.[40]

„Das, was heute in Europa »Nation« genannt wird und eigentlich mehr eine res facta als nata [eher eine gemachte Sache als eine geborene] ist (ja mitunter einer res ficta et picta [erfundene und gemalte Sache] zum Verwechseln ähnlich sieht — ), ist in jedem Falle etwas Werdendes, Junges, Leicht-Verschiebbares, noch keine Rasse, geschweige denn ein solches aere perennius [beständiger als Erz], wie es die Juden-Art ist: diese »Nationen« sollten sich doch vor jeder hitzköpfigen Concurrenz und Feindseligkeit sorgfältig in Acht nehmen!“ (JGB 251)

Europa s​teht Ende d​es 19. Jahrhunderts n​ach Nietzsches Auffassung v​or einem Prozess d​es Zusammenwachsens. Politiker, d​ie nationale Interessen i​n den Vordergrund stellen, u​nd dadurch e​ine „krankhafte Entfremdung“ d​er Europäer erzeugen würden, übersähen d​en Zug d​er Zeit. Ihre Politik s​ei nur e​in „Zwischenakt“. „Europa i​st es, d​as Eine Europa, dessen Seele s​ich durch i​hre vielfältige u​nd ungestüme Kunst hinaus, hinauf drängt u​nd sehnt —“ (JGB 256)

Elitedenken

Zur Natur, zum ursprünglichen Leben, gehöre Ungleichheit. Indem große Menschen wie Leonardo, Napoleon oder Goethe (JGB 256) sich selbst in ihren Werken befriedigen würden, schüfen sie Großes für die Menschheit. Zufriedenheit mit sich selbst könne der Mensch nur verwirklichen, wenn er seinen wahren Charakter verwirklichte. Die Philosophen der Zukunft seien „Versucher“ (JGB 42) und „Menschen der Experimente“ (JGB 210), die als „Befehlende und Gesetzgeber“ neue Werte schüfen. (JGB 211) Aristokratische Unterschiede im Rang müssten von dem, der das Leben bejaht, angenommen werden. Für den Vornehmen sei es natürlich, dass er sich von dem „Gemeinen“ durch ein „Pathos der Distanz“ (JGB 257) abheben würde. Demokratische Gleichmacherei sei deshalb Niedergang und Verfall. Nietzsche wandte sich gegen „die Nivellirer, diese fälschlich genannten »freien Geister« — als beredte und schreibfingrige Sklaven des demokratischen Geschmacks und seine »modernen Ideen«.“ (JGB 44) Er kennzeichnete die Moral als die Lehre von den Herrschaftsverhältnissen, in die auch das Wollen einzubeziehen sei, weil dieses die Grundlage eines „Gesellschaftsbaus“ sei. (JGB 19) Für ihn gibt es eine Vielzahl von „Moralen“, die durch „Vergleichung“ zu untersuchen seien. (JGB 186) Moralen seien „nur eine Zeichensprache der Affekte“ (JGB 187)

Christliche Moral, Mitleidsmoral und auch die englische Nutzenmoral (der Utilitarismus) schwächten das Leben, die autonome Selbstgesetzgebung, die Chancen der Zukunft um des Verneinens willen, ohne etwas Positives zu schaffen, das auch der Vornehme bejahen könne. Nietzsche polemisierte vor allem gegen die Entsagungsmoral. Mit seiner Kritik der Moral und der Demokratie forderte er keineswegs Anarchie. Diese ist ihm aufgrund der Zügellosigkeit ebenso ein Gräuel. Er setzte dagegen auf ein vornehmes Leben, das der Verantwortung, der Härte, der Bereitschaft, für seine Ziele zu leiden, der Ehrfurcht vor dem eigenen Schicksal. „Dass aber deren Tempo für die Ungeduldigeren, für die Kranken und Süchtigen des genannten Instinktes noch viel zu langsam und schläfrig ist, dafür spricht das immer rasender werdende Geheul, das immer unverhülltere Zähnefletschen der Anarchisten-Hunde, welche jetzt durch die Gassen der europäischen Cultur schweifen: anscheinend im Gegensatz zu den friedlich-arbeitsamen Demokraten und Revolutions-Ideologen, noch mehr zu den tölpelhaften Philosophastern und Bruderschafts-Schwärmern, welche sich Socialisten nennen und die »freie Gesellschaft« wollen, in Wahrheit aber Eins mit ihnen Allen in der gründlichen und instinktiven Feindseligkeit gegen jede andre Gesellschafts-Form als die der autonomen Heerde (bis hinaus zur Ablehnung selbst der Begriffe »Herr« und »Knecht« — ni dieu ni maître [kein Gott, kein Herr] heisst eine socialistische Formel — );“ (JGB 202)

„Auf d​ie Gefahr hin, unschuldige Ohren missvergnügt z​u machen, stelle i​ch hin: d​er Egoismus gehört z​um Wesen d​er vornehmen Seele, i​ch meine j​enen unverrückbaren Glauben, d​ass einem Wesen, w​ie »wir sind«, a​ndre Wesen v​on Natur unterthan s​ein müssen u​nd sich i​hm zu opfern haben. Die vornehme Seele n​immt diesen Thatbestand i​hres Egoismus o​hne jedes Fragezeichen hin, a​uch ohne e​in Gefühl v​on Härte Zwang, Willkür darin, vielmehr w​ie Etwas, d​as im Urgesetz d​er Dinge begründet s​ein mag: — suchte s​ie nach e​inem Namen dafür, s​o würde s​ie sagen »es i​st die Gerechtigkeit selbst«.“ (JGB 265)

Nietzsche fordert einen Menschen, der hart gegen sich selbst ist und bereit, sein Leid und die Konsequenzen zu tragen und Verantwortung zu übernehmen. „…der soll der Größte sein, der der Einsamste sein kann, der Verborgenste, der Abweichendste, der Mensch jenseits von Gut und Böse, der Herr seiner Tugenden, der Überreiche des Willens: ebendies soll Größe heißen, ebenso vielfach als ganz, ebenso weit als voll sein können“. (JGB 212)

Vornehme Moral

Nietzsche forderte i​n der Moral e​in Überwinden d​er Kategorien „Gut“ u​nd „Böse“ h​in zu e​iner Moral, d​ie vorwärts gerichtet i​st und d​ie er a​ls „vornehme Moral“ bezeichnete. Vornehme Moral realisiere s​ich nur i​n einer Aristokratie. Diese benötige d​en „Pathos d​er Distanz.“ (JGB 257) Für d​en Freien Geist s​ei Einsamkeit e​ine Tugend. (JGB 284) Er s​ei unzeitgemäß, e​in einsamer Wanderer, losgelöst v​on traditionellen Werten schweige e​r über das, w​as ihn wirklich antreibt. (JGB 44) Nur d​er aristokratische Mensch, d​er selbstbewusst g​enug ist, s​ich selbst z​u verherrlichen, s​ei wertschaffend. Der Herrenmensch d​enke in d​er Kategorie d​es oben u​nd unten, d​er Hierarchie. Sein Maßstab s​ei gut u​nd schlecht. Der Sklavenmensch hingegen, d​er ängstlich u​nd skeptisch ist, f​olge dem Maßstab v​on Gut u​nd Böse, w​eil er hierdurch e​in Mittel sehe, s​eine Lage z​u verbessern.

„Im Vordergrunde steht das Gefühl der Fülle, der Macht, die überströmen will, das Glück der hohen Spannung, das Bewusstsein eines Reichthums, der schenken und abgeben möchte: — auch der vornehme Mensch hilft dem Unglücklichen, aber nicht oder fast nicht aus Mitleid, sondern mehr aus einem Drang, den der Überfluss von Macht erzeugt. […] der Glaube an sich selbst, der Stolz auf sich selbst, eine Grundfeindschaft und Ironie gegen »Selbstlosigkeit« gehört eben so bestimmt zur vornehmen Moral wie eine leichte Geringschätzung und Vorsicht vor den Mitgefühlen und dem »warmen Herzen«.“ (JGB 260)

„Es m​uss ihnen w​ider den Stolz gehen, a​uch wider d​en Geschmack, w​enn ihre Wahrheit g​ar noch e​ine Wahrheit für Jedermann s​ein soll: w​as bisher d​er geheime Wunsch u​nd Hintersinn a​ller dogmatischen Bestrebung war. ´Mein Urteil i​st mein Urteil: d​azu hat n​icht leicht a​uch ein Anderer d​as Recht − s​agt vielleicht s​olch ein Philosoph d​er Zukunft. Man m​uss den schlechten Geschmack v​on sich abthun, m​it Vielen übereinstimmen z​u wollen. ‚Gut‘ i​st nicht m​ehr gut, w​enn der Nachbar e​s in d​en Mund nimmt. Und w​ie Könnte e​s gar e​in ‚Gemeingut‘ geben! Das Wort widerspricht s​ich selbst: w​as gemein s​ein kann, h​at immer n​ur wenig Werth.“ (JGB s. 60)

In d​er Anerkennung moralischer Normen richte s​ich der natürliche Trieb z​u Grausamkeit n​ach innen, g​egen sich selbst. Es k​omme zu e​iner Triebverschiebung. Unternehmergeist, Kühnheit, Raubsucht würden ersetzt d​urch Selbstregulierung, Opfermut u​nd Uneigennützigkeit. Das Extrem d​er Widernatürlichkeit s​ei die Askese, i​n der s​ich das Leben g​egen das Leben selbst richtet. „Fast Alles, w​as wir »höhere Cultur« nennen, beruht a​uf der Vergeistigung u​nd Vertiefung d​er Grausamkeit — d​ies ist m​ein Satz; j​enes »wilde Thier« ist g​ar nicht abgetödtet worden, e​s lebt, e​s blüht, e​s hat s​ich nur — vergöttlicht.“ (JGB 229)

Der Vornehme übernehme Verantwortung für s​ein Leben. Leiden s​ei eine Lebensbedingung, d​ie der Natur entspringt. Deshalb könne d​er Starke, d​er nicht d​urch die verweichlichte Mitleidskultur geprägt sei, Leiden o​hne Hadern ertragen. Es s​ei das Dilemma d​es vornehmen Menschen, d​as der Wille z​ur Macht m​it sich bringe. Das Leiden abzuschaffen, w​ie es Schopenhauer, d​er Buddhismus, d​as Christentum, d​ie Demokraten o​der die Sozialisten wollten, würde bedeuten, d​ass der Mensch n​ur Zuschauer bleibe. Solche Ideen s​eien nur negativ. Die vornehme Moral fordere, d​ie Bereitschaft z​um Leiden e​her noch z​u verstärken, u​m etwas Besonderes z​u schaffen. Dies i​st das dionysische Element d​es Willens z​ur Macht.[41] Die n​euen Philosophen hätten d​ie Aufgabe, d​em „Menschen d​ie Zukunft d​es Menschen a​ls seinen Willen, a​ls abhängig v​on einem Menschen-Willen z​u lehren u​nd grosse Wagnisse u​nd Gesammt-Versuche v​on Zucht u​nd Züchtigung vorzubereiten.“ (JGB 203)

„Ein Mann, der sagt: ‚das gefällt mir, das nehme ich zu eigen und will es schützen und gegen Jedermann vertheidigen‘; ein Mann, der eine Sache führen, einen Entschluss durchführen, einem Gedanken Treue wahren, ein Weib festhalten, einen Verwegenen strafen und niederwerfen kann; ein Mann, der seinen Zorn und sein Schwert hat, und dem die Schwachen, Leidenden, Bedrängten, auch die Thiere gern zufallen und von Natur zugehören, kurz ein Mann, der von der Natur Herr ist, --wenn ein solcher Mann Mitleiden hat, nun! Dies Mitleiden hat Werth!“ (JGB 293)

Gegen d​ie Kardinaltugenden Platons setzte Nietzsche v​ier eigene Tugenden, d​ie der vornehme Geist besitzen müsse, „des Muthes, d​er Einsicht, d​es Mitgefühls, d​er Einsamkeit“ (JGB 284) Dazu empfahl e​r stolze Gelassenheit u​nd „jenes spitzbübische u​nd heitre Laster“ d​er Höflichkeit.

Rezeption

Rudolf Steiner befasste s​ich bereits i​m Jahr 1889 m​it Nietzsche. Seinen Zugang z​u dessen Werk erhielt e​r über Jenseits v​on Gut u​nd Böse. Mit vielen Gedanken stimmte e​r überein. Hierzu kommentierte er: „‚Jenseits v​on Gut u​nd Böse‘ w​ar das e​rste Buch d​as ich v​on ihm las. Ich w​ar auch v​on dieser Betrachtungsart zugleich gefesselt u​nd wieder zurückgestoßen. Ich konnte schwer m​it Nietzsche zurecht kommen. Ich liebte seinen Stil, i​ch liebte s​eine Kühnheit; i​ch liebte a​ber durchaus d​ie Art nicht, w​ie Nietzsche über d​ie tiefsten Probleme sprach, o​hne im geistigen Erleben bewusst i​n sie unterzutauchen.“[42]

Hans Vaihinger n​ahm in seiner Philosophie d​es Als Ob i​n seinem Schlusskapitel unmittelbar a​uf den Fiktionalismus Nietzsches Bezug, d​as den Titel trägt: „Nietzsche u​nd seine Lehre v​om bewusst gewollten Schein (‚Der Wille z​um Schein’)“.[43]

Ernst Troeltsch s​ah in Nietzsches Atheismus e​ine tiefe Spannung z​u einer „enthusiastischen Gläubigkeit“. In e​inem Aufsatz über Atheistische Ethik schrieb e​r im Jahr 1895 über Nietzsche: „Dann bleibt n​icht Moral m​inus Religion, sondern d​ann erhebt s​ich die n​eue Moral Jenseits v​on Gut u​nd Böse, d​ie mit vollem Bewußtsein a​us dem n​euen Grund völlig n​eue Folgen zieht. Gerade e​r hat unermüdlich d​ie Leute verhöhnt, d​ie gebildet g​enug sein wollen, u​m keine Religion z​u haben, a​ber zugleich denkfaul g​enug seien, u​m dann d​och eine Moral d​es Altruismus z​u behalten, d​ie jetzt k​ein Fundament m​ehr hat.“[44]

Die Bedeutung Nietzsches für i​hr Fach diskutierten bekannte Psychologen i​n der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung Anfang d​es 20. Jahrhunderts. Alfred Adler meinte 1908, „daß v​on allen bedeutenden Philosophen, d​ie uns e​twas hinterlassen haben, Nietzsche unserer Denkweise a​m nächsten“ stehe.[45] Freud vermerkte 1910:

„A. Pick hat kürzlich (Zur Psychologie des Vergessens bei Geistes und Nervenkranken, Archiv für Kriminal-Anthropologie und Kriminalistik von H. Gross) eine Reihe von Autoren zusammengestellt, die den Einfluß aktiver Faktoren auf das Gedächtnis würdigen und – mehr oder minder deutlich – den Beitrag anerkennen, den das Abwehrstreben gegen Unlust leistet. Keiner von uns allen hat aber das Phänomen und seine psychologische Begründung so erschöpfend und so eindrucksvoll darstellen können wie Nietzsche in einem seiner Aphorismen (Jenseits von Gut und Böse, II. Hauptstück 68): »Das habe ich getan, sagt mein „Gedächtnis“. Das kann ich nicht getan haben, sagt mein Stolz und bleibt unerbittlich. Endlich gibt das Gedächtnis nach.«“[46]

Allerdings w​urde Adlers Ansatz, d​ie Sexualität a​ls einen Faktor d​es Willens z​ur Macht z​u betrachten, v​on Freud kritisiert, w​eil dieses Weltbild d​en Faktor Liebe z​u wenig berücksichtige.

„Das Lebensbild, welches aus dem Adlerschen System hervorgeht, ist ganz auf den Aggressionstrieb gegründet. Man könnte sich ja verwundern, dass eine so trostlose Weltanschauung überhaupt Beachtung gefunden hat; aber man darf nicht daran vergessen, daß die vom Joch ihrer Sexualitätsbedürfnisse unterjochte Menschheit bereit ist, alles anzunehmen, wenn man ihr nur die »Überwindung der Sexualität« hinhält.“[47]

In d​er Nietzsche-Rezeption i​m Nationalsozialismus wurden einzelne Aussagen Nietzsches t​rotz gegenteiliger Gesamtaussage willkürlich z​ur Untermauerung d​er NS-Ideologie missbraucht. Hierzu zählte a​uch die i​n Jenseits v​on Gut u​nd Böse ausgearbeitete These v​on der „jüdischen Sklavenmoral“, w​obei geflissentlich übergangen wurde, d​ass das Christentum n​ach Nietzsche d​en Gedanken d​es sozialen Ausgleichs n​ur noch verstärkt hatte. So behauptete Martin Staemmler über d​ie Juden: „Mit ingrimmigen Haß nehmen s​ie mit d​er ‚Sklavenmoral e​iner schwachen u​nd unterwürfigen, demütigen u​nd listigen Rasse (Nietzsche) d​ie ausgesuchteste Rasse: d​urch planmäßige Umwertung a​ller Werte, i​m Kampf g​egen alle Instinkte u​nd die Natur, schaffen s​ie bewußt e​in Gegenstück z​ur Moral, vergiften s​ie moralisch e​in Volk.“[48] Es w​urde behauptet, Nietzsche h​abe die deutsche Art stärken wollen u​nd er s​ei ein Vordenker d​es Rassegedankens. Andererseits g​ab es Nationalsozialisten, d​ie Nietzsches Feindschaft g​egen den Antisemitismus erkannt hatten u​nd vor e​iner Verwendung seiner Schriften für d​ie eigene Ideologie warnten, s​o zum Beispiel d​er völkische Vordenker Theodor Fritsch i​n einer Rezension v​on 1897, d​er in Jenseits v​on Gut u​nd Böse e​ine „Verherrlichung d​er Juden“ u​nd eine „schroffe Verurteilung d​es Antisemitismus“ sah.[49]

Martin Heidegger h​at das Konzept d​es Willens z​ur Macht a​ls eine metaphysische Grundkategorie interpretiert. Hierbei könne e​s sich „nicht u​m Psychologie, a​uch nicht u​m eine d​urch Physiologie unterbaute Psychologie handeln.“[50] Dagegen s​teht der unmittelbare Widerspruch v​on Walter Kaufmann: „In seinem Verständnis i​st Wille z​ur Macht zuerst u​nd vor a​llem der Schlüsselbebgriff e​iner psychologischen Hypothese.“[51] Wolfgang Müller-Lauter kritisiert a​n Heideggers Nietzscheinterpretation, d​ass dieser keinen Zugang z​ur Pluralität d​er Willen z​ur Macht (JGB 19) gefunden h​abe und d​iese auf e​in „ursprünglich Einfaches“ reduziere, d​as so b​ei Nietzsche n​icht vorzufinden sei. „Heideggers Auseinandersetzung m​it Nietzsche bleibt a​uf Aspekte beschränkt, d​ie für s​eine Konstruktion v​on Metaphysikgeschichte ergiebig sind.“[52]

Adorno s​ah in Nietzsche d​ie Negation d​er von i​hm kritisierten Aufklärungsmoral. Seine besondere Leistung l​ag darin, d​ass er d​en Zusammenhang v​on Moral u​nd Herrschaft herausgearbeitet hatte. Für i​hn kommt Nietzsche d​as Verdienst zu, d​ie Unmöglichkeit, „aus d​er Vernunft e​in grundsätzliches Argument g​egen den Mord vorzubringen, n​icht vertuscht, sondern i​n aller Welt geschrieen z​u haben.“[53] Auf d​er anderen Seite lehnte Adorno d​ie Philosophie d​er Herrenmoral strikt ab. Für i​hn widersprach s​ich Nietzsche, i​ndem er w​ie Kant e​in allgemeines Prinzip z​ur Grundlage d​er Moral machen wollte. „Kants Prinzip, ,alles a​us der Maxime seines Willens a​ls eines solchen z​u tun, d​er zugleich s​ich selbst a​ls allgemein gesetzgebenden z​um Gegenstand h​aben könnte’, i​st auch d​as Geheimnis d​es Übermenschen. Sein Wille i​st nicht weniger despotisch a​ls der kategorische Imperativ.“[54]

Arthur C. Danto meinte z​u Nietzsches Sprachverständnis: „Nietzsche gehört z​u einer s​ehr interessanten Klasse v​on Denkern, z​u denen a​uch Cassirer u​nd Whorf z​u zählen wären, d​ie sich d​urch den Glauben definiert, d​ass wir selbst unsere Vorstellung v​on der Struktur d​er Wirklichkeit a​us der Struktur unserer Sprache erzeugen, s​o dass unterschiedliche Strukturen d​es Wirklichen entsprechende unterschiedliche grammatische Strukturen zugrunde liegen u​nd dass e​ine Änderung i​n der Grammatik folglich a​uch eine Änderung i​n der Welt impliziert,“[55] Die Sprache i​st ein Gefängnis u​nd der b​este Weg, d​em Gefängnis z​u entrinnen, i​st es, d​en Charakter d​er Sprache z​u erkennen.

Volker Gerhardt verweist darauf, d​ass das „Pathos d​er Distanz“ für Nietzsche e​ine Voraussetzung für d​ie Selbstüberwindung d​es Menschen u​nd für d​ie Wertschaffung i​m nietzeanischen Sinn ist. Es i​st die ethische Grundregel für d​en souveränen Menschen d​er Zukunft, m​it der e​r zu s​ich selbst finden kann.[56] Gerhard h​ob auch hervor, d​ass der Perspektivismus Nietzsches e​ine Parallele i​n der Metaphysik Whiteheads hat,[57] i​n der j​edes Subjekt a​ls Organismus e​ine eigene subjektive Perspektive einnimmt, zugleich a​ls ein Teil d​er Natur i​n die Gesamtheit a​ller Perspektiven eingebunden ist.[58]

Für Friedrich Kaulbach ergibt s​ich aus d​em Perspektivismus Nietzsches e​in anderer Anspruch a​n Wahrheit. Nietzsche h​at nicht n​ach Erkenntniswahrheit, sondern n​ach „Sinnwahrheit“ gefragt.[59] Nietzsche h​at als philosophischer Psychologe e​ine „perspektivische Philosophie d​er Philosophe“ vorgetragen, „einen Entwurf e​iner Perspektive e​iner Welt, a​n welcher e​in Leben u​nd seine Seins-Stellung erkennbar wird, welcher dieser Perspektive bedürfen.“[60]

John Richardson merkte an, d​ass der Perspektivismus Nietzsches e​ine Ontologie voraussetzt, d​a es jemanden o​der etwas, e​in Seiendes, g​eben muss, d​er oder d​as die Perspektive einnimmt.[61] Er vertrat d​ie Auffassung, d​ass aus Nietzsches Interpretationismus folgt, d​ass alle Kraftzentren d​er Welt interpretieren u​nd dabei e​ine Perspektive einnehmen. Jeder Trieb i​st damit a​uf ein Ziel gerichtet. Der Wille z​ur Macht k​ann als e​in Tätigkeitsmuster aufgefasst werden.[62]

Giorgio Colli verwies a​uf das leicht z​u übersehende Motiv d​er „Maske“, d​as Nietzsche e​her nebenbei i​n Jenseits v​on Gut u​nd Böse behandelte.[63] „Jede Philosophie i​st eine Vordergrunds-Philosophie — d​as ist e​in Einsiedler-Urtheil: »es i​st etwas Willkürliches daran, d​ass er h​ier stehen blieb, zurückblickte, s​ich umblickte, d​ass er h​ier nicht m​ehr tiefer g​rub und d​en Spaten weglegte, — e​s ist a​uch etwas Misstrauisches daran.« Jede Philosophie verbirgt a​uch eine Philosophie; j​ede Meinung i​st auch e​in Versteck, j​edes Wort a​uch eine Maske.“ (JGB 289) Oberflächlich l​egte Nietzsche d​en geschichtlichen Hintergrund d​er Moral a​ls Herrschaftsinstrument, d​ie Fehler d​er Philosophen und, w​as vornehm ist, dar. Tatsächlich g​ing es i​hm um d​ie psychologische Konstitution d​es vornehmen Menschen. „Die ursprüngliche Innerlichkeit, m​it der e​in Individuum d​ie Welt, d​ie es umgibt, fühlt u​nd dementsprechend reagiert, d​as ist es, w​as Nietzsche interessiert.“[64] Das Vornehme entsteht n​ach der Interpretation Collis d​urch die Distanz, d​urch das Leiden, d​as trennt. Der Vornehme verbirgt s​ich in d​er Einsamkeit, i​ndem er d​ie Anderen a​n seinem wahren Denken n​icht teilhaben lässt. In d​er Einsamkeit erreicht d​er Vornehme Reinlichkeit. Die Einsamkeit schützt i​hn davor, i​n der Gemeinschaft unterzugehen. Der Vornehme h​at es n​icht nötig, h​at kein Bedürfnis, s​ich öffentlich darzustellen. „Wer vornehm ist, spürt d​as Bedürfnis nicht, e​s zu sein, w​er das Bedürfnis danach fühlt, i​st nicht vornehm.“[65]

Literatur

Ausgaben

Siehe Nietzsche-Ausgabe für allgemeine Informationen.

  • In der von Giorgio Colli und Mazzino Montinari gegründeten Kritischen Gesamtausgabe ist Jenseits von Gut und Böse zu finden in
    • Abteilung VI, Band 2 (zusammen mit Zur Genealogie der Moral). ISBN 978-3-11-005175-9. Ein Nachbericht, d. h. kritischer Apparat, fehlt zu diesem Band noch.
  • Denselben Text liefert die Kritische Studienausgabe in Band 5 (zusammen mit Zur Genealogie der Moral und mit einem Nachwort von Giorgio Colli). Dieser erscheint auch als Einzelband unter der ISBN 978-3-423-30155-8. Der zugehörige Apparat befindet sich im Kommentarband (KSA 14), S. 377–382.
  • Ebenfalls auf dieser Edition basiert die aktuelle Ausgabe bei Reclam, ISBN 3-15-007114-3. Sie enthält ein Nachwort von Volker Gerhardt.

Sekundärliteratur

  • Günter Abel: Nietzsche. Die Dynamik der Willen zur Macht und die ewige Wiederkehr. 2. Auflage. de Gruyter, Berlin 1998, ISBN 3-11-015191-X.
  • Maudemarie Clark: Nietzsche on Truth and Philosophy. Cambridge 1990.
  • Gilles Deleuze: Nietzsche et la Philosophie. Paris 1962.
    • Nietzsche und die Philosophie. Rogner und Bernhard, München 1976, ISBN 3-8077-0058-7.
  • Edith Düsing: Nietzsches Denkweg. Theologie – Darwinismus – Nihilismus. Fink, Paderborn/München 2006, ISBN 978-3-7705-4254-3.
  • Laurence Lampert: Nietzsche’s task. An Interpretation of „Beyond Good and Evil“. Yale University, London 2001.
  • Philipp Silvester Mauch: Nietzsche über das Ganze. Immanenz und Differenz in Jenseits von Gut und Böse. Eine konzeptionelle Analyse. Dissertation. München 2009 (PDF; 2,4 MB).
  • Lars Niehaus: Das Problem der Moral: Zum Verhältnis von Kritik und historischer Betrachtung im Spätwerk Nietzsches. Königshausen u. Neumann, Würzburg 2009, ISBN 978-3-8260-4132-7.
  • Henning Ottmann: Politik und Philosophie bei Nietzsche. 2. verbesserte Auflage. de Gruyter, Berlin/New York 1999, ISBN 3-11-014770-X.
  • Henning Ottmann (Hrsg.): Nietzsche-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Metzler, Stuttgart/Weimar 2000, ISBN 3-476-01330-8.
  • Andreas Urs Sommer: Kommentar zu Nietzsches Jenseits von Gut und Böse (= Heidelberger Akademie der Wissenschaften (Hg.): Historischer und kritischer Kommentar zu Friedrich Nietzsches Werken, Bd. 5/1). de Gruyter, Berlin / Boston 2016, ISBN 978-3-11-029307-4
  • Marcus Born (Hrsg.): Friedrich Nietzsche: Jenseits von Gut und Böse, Berlin (Akademie Verlag) [Klassiker Auslegen, Bd. . 48], Berlin 2014.
  • Winfried Schröder: Moralischer Nihilismus. Typen radikaler Moralkritik von den Sophisten bis Nietzsche. Frommann-Holzboog, Stuttgart-Bad Cannstatt 2002, ISBN 3-7728-2232-0.
  • Gerhard Schweppenhäuser: Nietzsches Überwindung der Moral. Zur Dialektik der Moralkritik in „Jenseits von Gut und Böse“ und in der „Genealogie der Moral“. Königshausen & Neumann, Würzburg 1988, ISBN 3-88479-364-0.
  • Michael Steinmann: Die Ethik Friedrich Nietzsches. de Gruyter, Berlin/New York 2000, ISBN 3-11-016440-X.
  • Paul van Tongeren: Die Moral von Nietzsches Moralkritik. Studie zu „Jenseits von Gut und Böse“. Bouvier, Bonn 1989, ISBN 3-416-02030-8.

Einzelnachweise

  1. Volker Gerhardt: „Philosophie als Schicksal“, Nachwort in: Nietzsche: Jenseits von Gut und Böse. Vorspiel einer Philosophie der Zukunft. Reclam, Stuttgart 1988, S. 223–238, hier 226
  2. Zitate aus Jenseits von Gut und Böse erfolgen jeweils nach dem Sigel JGB und der Nummer des Aphorismus, so dass sie in verschiedenen Ausgaben wiedergefunden werden können. Der Text entspricht der Kritischen Studienausgabe
  3. KSA 5, 421
  4. Mazzino Montinari: Nietzsche. Eine Einführung, de Gruyter, Berlin 1991, Gliederung des Inhaltsverzeichnisses, S. XV
  5. Volker Gerhard: Die Funken des freien Geistes. Neuere Aufsätze zu Nietzsches Philosophie der Zukunft, de Gruyter, Berlin 2011, 108
  6. Friedrich Nietzsche: Nachgelassene Fragmente Herbst 1884 – Herbst 1885, Nachbericht zur 7. Abteilung, Band 4, Halbband 2, hrsg. von Giorgio Colli und Mazzino Montinari, KGW VII 4/2, de Gruyter, Berlin 1985, 62–63
  7. Laurence Lampert: Nietzsche’s task. An Interpretation of ‘Beyond Good and Evil’, Yale University, London 2001, 5
  8. KSA 14, 345
  9. Walter Arnold Kaufmann: Nietzsche: Philosoph – Psychologe – Antichrist. Nach der 4. Auflage 1974 übersetzt, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2. Aufl. 1988, 108
  10. KSA 14, 345 sowie Brief an R. von Seydlitz vom 26. Oktober 1886, KSB 7, 270
  11. Brief an Georg Brandes vom 10. April 1888
  12. Friedrich Nietzsche: Nachgelassene Fragmente Herbst 1884 – Herbst 1885, hrsg. von Giorgio Colli und Mazzino Montinari, KGW VII1, de Gruyter, Berlin 1974, IX
  13. Laurence Lampert: Nietzsche’s task. An Interpretation of ‘Beyond Good and Evil’, Yale University, London 2001, 8
  14. Hierauf verweist Nietzsche selbst im Nachlass Herbst 1885-Herbst 1886, 2 [108]: „Daß jede Erhöhung des Menschen die Überwindung engerer Interpretationen mit sich bringt, daß jede erreichte Verstärkung und Machterweiterung neue Perspektiven aufthut und an neue Horizonte glauben heißt – dies geht durch meine ‚Schriften‘.“
  15. Nachlass H 1885 – H 1886 2 [157]
  16. Nachlass Herbst 1885-Herbst 1886, 2 [108]
  17. Nachlass Herbst 1885–Herbst 1886 2 [84]
  18. https://www.youtube.com/watch?v=MNo5QzcH7Y4
  19. Robert Ardrey: The Territorial Imperative – A Personal Investigation into the Animal Origins of Property and Nations, 1966, deutsch: Adam und sein Revier Gebundene Ausgabe – 1. Januar 1968
  20. Wolfgang Röd: Nietzsche. In: ders.: (Hrsg.): Geschichte der Philosophie, Band XIII, Beck, München 2002, 59–112, hier 84
  21. Siehe: Alfred North Whitehead: Prozess und Realität und die dort gegebenen Nachweise
  22. Nachlass Sommer-Herbst 1884 26 [414]: „Unsere Werthschätzungen bestimmen welche Dinge überhaupt wir acceptiren und wie wir sie acceptiren. Diese Werthschätzungen aber sind eingegeben und regulirt von unserem Willen zur Macht.“
  23. Nachgelassene Schriften. August bis September 1885, KGW VII 40 [61]
  24. Der Ursprung der moralischen Empfindungen, 1877
  25. Henning Ottmann: Politik und Philosophie bei Nietzsche. de Gruyter, 2. verbesserte Aufl. 1999, 205
  26. z. B. zitiert bei Wolfgang Röd: Nietzsche. In: ders.: (Hrsg.): Geschichte der Philosophie, Band XIII, Beck, München 2002, 59–112, hier 81
  27. KSA 11, Nachlass Juni-Juli 1885 38 [12], S. 610–611
  28. Volker Gerhardt: Vom Willen zur Macht. Anthropologie und Metaphysik der Macht am exemplarischen Fall Friedrich Nietzsches, Berlin 1996, S. 271ff und 304ff
  29. Nachlass H 1885 – H 1886 2 [139]
  30. Wolfgang Müller-Lauter: Nietzsche. Seine Philosophie der Gegensätze und die Gegensätze seiner Philosophie, Berlin 1971, 30ff; vgl. auch Günter Abel: Nietzsche. Die Dynamik der Willen zur Macht und die ewige Wiederkehr. de Gruyter, 2. Auflage, Berlin 1998, 22ff
  31. Nachlass H 1885 – H 1886 2 [151], siehe auch 2 [148]
  32. siehe Fröhliche Wissenschaft FW 125 und Also sprach Zarathustra, Za II Von den Mitleidigen
  33. Winfried Schröder: Moralischer Nihilismus. Radikale Moralkritik von den Sophisten bis Nietzsche. Reclam, Stuttgart 2005, 30
  34. Werner Stegmaier: Philosophie der Orientierung, de Gruyter, Berlin 2008, 543
  35. Friedrich Nietzsche: De Theognide Megarensi. In: Kritische Gesamtausgabe (KGW), hrsg. von Giorgio Colli und Mazzino Montinari, Bd. I 3, de Gruyter, Berlin 2006, S. 420–462.
  36. Winfried Schröder: Moralischer Nihilismus. Radikale Moralkritik von den Sophisten bis Nietzsche. Reclam, Stuttgart 2005, 34–37
  37. Eine ähnliche Argumentationskette findet sich bereits in Menschliches, Allzumenschliches MA I, 39: „So macht man der Reihe nach den Menschen für seine Wirkungen, dann für seine Handlungen, dann für seine Motive und endlich für sein Wesen verantwortlich.“
  38. Josef Simon: Das Judentum und Europa bei Nietzsche, Heidelberg 1998, insb. 112–125
  39. Werner Stegmaier: Nietzsche, die Juden und Europa. In: Werner Stegmaier (Hrsg.): Europa-Philosophie, de Gruyter, Berlin 2011, 67–92, hier 67
  40. Ralf Wilter: Europa im Denken Nietzsches, 91 FN 201
  41. Giorgio Colli: Distanz und Pathos. EVA, Hamburg 1993, 99/100
  42. Rudolf Steiner zitiert nach: Richard Frank Krummel: Ausbreitung und Wirkung des Nietzscheschen Werkes im deutschen Sprachraum bis zum Todesjahr. de Gruyter, 2. Aufl. Berlin 1988, 174
  43. Hans Vaihinger: Die Philosophie des Als Ob, Berlin 1911, 771
  44. Ernst Troeltsch: Gesammelte Schriften Band 2 (Zur religiösen Lage, Religionsphilosophie und Ethik), Mohr, Tübingen 1913, 530–531
  45. Zitiert nach: Reinhard Gasser: Nietzsche und Freud. de Gruyter, Berlin 1997, 49
  46. Sigmund Freud: Zur Psychopathologie des Alltagslebens, 3. vermehrte Auflage, Berlin 1910, GW 4, S. 77–78 – Freud irrte sich bei der Angabe des Hauptstücks, das korrekt das 4. ist, das den Aphorismus 68 enthält; zitiert nach: Reinhard Gasser: Nietzsche und Freud, de Gruyter, Berlin 1997, 43
  47. Sigmund Freud: Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung GW 10, 102; zitiert nach: Reinhard Gasser: Nietzsche und Freud. de Gruyter, Berlin 1997, 66
  48. Martin Staemmler: Rassenpflege im völkischen Staat, zweite vermehrte und verbesserte Auflage, J.F. Lehmann, München 1933; zitiert nach: Thomas Mittmann: Vom „Günstling“ zum „Urfeind“ der Juden: die antisemitische Nietzsche-Rezeption in Deutschland bis zum Ende des Nationalsozialismus. Königshausen & Neumann, Würzburg 2006, 110
  49. Thomas Mittmann: Vom „Günstling“ zum „Urfeind“ der Juden: die antisemitische Nietzsche-Rezeption in Deutschland bis zum Ende des Nationalsozialismus. Königshausen & Neumann, Würzburg 2006, 90–91; Mazzino Montinari: Nietzsche lesen, de Gruyter, Berlin 1982, 169
  50. Martin Heidegger: Nietzsche. Pfullingen, 4. Aufl. 1961, 55
  51. Walter Arnold Kaufmann: Nietzsche: Philosoph – Psychologe – Antichrist. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1988, 237–238; siehe auch: ders.: Nietzsche als der erste große Psychologe, in: Nietzsche – Studien 7, 1978, 269
  52. Wolfgang Müller-Lauter: Heidegger und Nietzsche. de Gruyter, Berlin 2000, 32; die angesprochene Stelle findet sich in der Heidegger-Gesamtausgabe, Band 43: Nietzsche: Der Wille zur Macht als Kunst (Wintersemester 1936/37), Hrsg.: B. Heimbüchel, 1985, 53–66; Müller-Lauter schließt sich in der Beurteilung der Vielheit Paul van Tongeren: Die Moral von Nietzsches Moralkritik. Studie zu Nietzsches „Jenseits von Gut und Böse“. Bouvier, Bonn 1989, 243, an (S. 156).
  53. Dialektik der Aufklärung, 140
  54. Dialektik der Aufklärung, 141
  55. Arthur C. Danto: Nietzsche und der semantische Nihilismus, in: Alfredo Guzzoni (Hrsg.): 100 Jahre philosophische Nietzsche-Rezeption, Athenäum, Frankfurt 1991, 140–154, hier 145
  56. Volker Gerhard: Pathos und Distanz. Studien zur Philosophie Friedrich Nietzsches. Reclam, Stuttgart 1988, (Zur Einführung, 5–11)
  57. Volker Gerhard: Die Perspektive des Perspektivismus. In: Nietzsche-Studien 18, 1989
  58. Michael Hampe in: Michael Hampe und Helmut Maaßen (Hrsg.): Materialien zu Whiteheads »Prozeß und Realität«: Band 1: Prozeß, Gefühl und Raum-Zeit. Suhrkamp. Frankfurt 1991, 22–25 sowie George Herbert Mead: Analyse von Whiteheads Idee des Perspektivismus. In: Michael Hampe, Helmut Maaßen, Dominic Kaegi und Lalitha Maaßen-Venkateswaran (Hrsg.): Materialien zu Whiteheads »Prozeß und Realität«: Band 2: Die Gifford Lectures und ihre Deutung. Suhrkamp, Frankfurt 1991, 89–99
  59. Friedrich Kaulbach: Philosophie des Perspektivismus I. Mohr Siebeck, Tübingen 1990, 20
  60. Friedrich Kaulbach: Philosophie des Perspektivismus I. Mohr Siebeck, Tübingen 1990, 221
  61. John Richardson: Nietzsche's System. OUP, Oxford 1996, 12
  62. John Richardson: Nietzsche's System. OUP, Oxford 1996, 36–38
  63. Giorgio Colli: Distanz und Pathos. EVA, Hamburg 1993, 105–108
  64. Giorgio Colli: Distanz und Pathos. EVA, Hamburg 1993, 106
  65. Giorgio Colli: Distanz und Pathos. EVA, Hamburg 1993, 107
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