Partido Liberal Mexicano

Der Partido Liberal Mexicano (deutsch: Liberale Mexikanische Partei) w​ar eine v​on 1901 b​is 1913 bestehende Organisation, d​ie in Opposition z​um autoritären mexikanischen Präsidenten Porfirio Díaz a​us den z​uvor bestehenden Clubes Liberales entstand.[1] Die Partei fungierte i​n ihren ersten Jahren a​ls oppositionelles Sammelbecken, zeichnete s​ich jedoch zugleich d​urch eine anarchosyndikalistische Einstellung aus. So w​ird im Manifest d​er Partei a​us dem Jahre 1911 d​ie „Zerschlagung a​ller politischen, ökonomischen, sozialen, religiösen u​nd moralischen Institutionen“ gefordert, d​ie „die f​reie Initiative u​nd den freien Zusammenschluss v​on Menschen ersticken.“[2] Der einflussreichste Vertreter d​es Partido Liberal Mexicano (PLM) w​ar der Revolutionär u​nd Anarchist Ricardo Flores Magón.

Der PLM w​ar die einflussreichste, militante Oppositionsbewegung i​n der Zeit v​or der mexikanischen Revolution. In d​er Revolutionszeit gewann d​ie Gruppe für einige Monate d​ie Kontrolle über d​en Bundesstaat Baja California, konnte s​ich in Gesamtmexiko jedoch n​icht durchsetzen.

Die Junta Organizadora der Partido Liberal Mexicano 1910.

Geschichte

Vorgeschichte und Gründung

Das Titelblatt der Regeneración aus dem Jahre 1914

Die ersten Aktivitäten der späteren Akteure des PLM begannen um die Jahrhundertwende, also 11 Jahre vor dem Beginn der mexikanischen Revolution. Im Jahr 1900 herrschte der autoritäre Präsident Porfirio Díaz bereits seit zwei Jahrzehnten, zeitliche Begrenzungen der Präsidentschaft hatte er aus der Verfassung streichen lassen. Oppositionelle Bewegungen waren mit Beschränkungen der Meinungs- und Pressefreiheit, Gefängnisstrafen und auch politischen Morden konfrontiert.[3] Zugleich konnte Porfirio Díaz jedoch auf die Unterstützung zumindest von Teilen der Mittel- und Oberschicht zählen, da seine Präsidentschaft politische Stabilität, wirtschaftlichen Aufschwung und ausländische Investitionen mit sich brachte. Als die Brüder Flores Magón 1900 begannen, in der Zeitschrift Regeneración sozialrevolutionäre Texte zu veröffentlichen, agierten sie also in einem Umfeld relativer politischer Stabilität. Daran änderte auch der 1901 in San Luis Potosí organisierte, oppositionelle Congreso Liberal von Camilo Arriaga nichts. Die schlechten Lebensbedingungen der Land- und Industriearbeiter führten ebenfalls zu keiner allgemein revolutionären Stimmung in Mexiko. Dennoch werden die Oppositionsaktivitäten der Jahrhundertwende von Historikern häufig als Vorboten der mexikanischen Revolution beschrieben.[4]

Zunächst führten d​ie oppositionellen Aktivitäten jedoch n​ur zu verstärkter Repressionen, Ricardo Flores Magón w​urde verhaftet u​nd musste i​ns Gefängnis. Anschließend g​ing er w​ie viele andere Oppositionelle i​ns Exil i​n die Vereinigten Staaten. Seine e​rste Station w​ar Chicago, w​o er s​ich jedoch d​urch den mexikanischen Geheimdienst derart bedroht fühlte, d​ass er kurzzeitig n​ach Kanada floh. Schließlich entschied e​r sich für e​inen Umzug n​ach St. Louis i​n Missouri, w​o der PLM 1905 gegründet wurde. Ricardo Flores Magón w​urde zum Präsidenten d​er neuen Partei gewählt. Weitere Mitglieder d​er Junta w​aren Juan Sarabia (Vizepräsident), Antonio Virral (Parteisekretär) u​nd Enrique Flores Magón (Schatzmeister).[5] Der PLM w​urde in Mexiko n​ie als offizielle Partei anerkannt, entwickelte s​ich in d​er vorrevolutionären Zeit jedoch z​um zentralen Sammelbecken d​er radikalen Opposition g​egen Porfirio Díaz. Gründungsmitglieder d​er PLM w​aren Camilo Arriaga, Antonio I. Villarreal u​nd Antonio Díaz Soto y Gama.

Der Streik in Cananea

Richtungsweisend für d​ie späteren Aktionen d​er revoltos u​m Flores Magón sollte e​in Streik v​on Minenarbeitern i​n der Stadt Cananea a​n der Grenze zwischen Mexiko u​nd Arizona werden.[6] Auslöser d​es Streiks w​ar ein n​euer Arbeitsvertrag, d​er geringere Löhne u​nd Entlassungen beinhaltete. Zugleich w​aren die Arbeiter jedoch a​uch über d​ie Minenpolitik empört, n​ur US-Bürger i​n höheren Positionen zuzulassen.

Mexikanische Truppen u​nd eine Freiwilligenarmee a​us den Vereinigten Staaten schlugen d​en Streik gemeinsam nieder, zwischen 20 u​nd 200 Minenarbeiter wurden getötet.[7] Es s​ind Briefe erhalten, i​n denen d​er PLM a​us Cananea u​m Unterstützung i​n Form v​on großen Waffenlieferungen gebeten wird[8], allerdings w​ar die Gruppe u​m Flores Magón z​u derartigen Aktionen logistisch n​icht in d​er Lage.

Der gescheiterte Streik i​n Cananea h​atte zwei Auswirkungen a​uf den PLM. Zum e​inen wurde e​s zum Ziel, e​ine Revolution i​n Mexiko d​urch die Unterstützung v​on Arbeitskämpfen u​nd sozialen Unruhen herbeizuführen. Zum anderen veranlasste d​er Minenstreik d​ie mexikanische Regierung, d​ie befreundeten USA z​u einer Bekämpfung d​es PLM z​u drängen. Am 12. Juli 1906 begann David Patterson Dyer, d​er Bundesstaatsanwalt für d​en Osten Missouris, m​it einer Untersuchung a​uf Anordnung d​es US-Justizministeriums. Am 5. September berichtete d​er Botschafter d​er Vereinigten Staaten i​n Mexiko, d​ass eine 500 b​is 800 Personen starke Revolutionsarmee a​us Arizona plane, n​ach Cananea vorzurücken.[9] Verhaftungen i​n Arizona folgte d​ie Stürmung d​es Redaktionsbüros d​er Regeneración i​n St. Louis. William Greene, d​er Besitzer d​er Kupferminen i​n Cananea, machte d​en PLM-Aktivisten Manuel Sarabia für d​en Streik verantwortlich, konnte jedoch n​icht die Unterstützung d​er amerikanischen Behörden gewinnen.

Aufstände in Veracruz

Streikende Textilarbeiter in Río Blanco

Im September 1906 erreichte d​ie Junta d​es PLM d​ie mexikanische Nordgrenze m​it dem Ziel, e​ine Revolte i​n diesem Gebiet z​u beginnen. Die Aktion w​urde mit Hilario Salas koordiniert, d​er den PLM i​m Bundesstaat Veracruz organisierte u​nd eine Gruppe v​on Oppositionellen u​m sich versammelt hatte. Die mexikanische Regierung h​atte jedoch v​on den Planungen a​n der Nordgrenze erfahren, Vorbereitungen getroffen u​nd die Gruppe u​m Flores Magón beschloss n​icht aktiv z​u werden.

Hilario Salas entschied s​ich dennoch z​um Aufstand i​n Veracruz u​nd erklärte i​n einem Manifest d​ie bewaffnete Revolte d​es PLM g​egen Porfirio Díaz. Salas teilte s​eine etwa 1000 schlecht bewaffneten Anhänger i​n drei Gruppen auf, d​ie jeweils e​ine Garnison erobern sollten. Die Ziele w​aren Acayucan, Minatitlán u​nd Puerto México. Die Aktion schlug fehl, Salas w​urde schwer verletzt u​nd die Aufständischen mussten s​ich in d​ie Berge zurückziehen.[10] Über d​ie nächsten z​wei Jahre h​ielt sich d​er verletzte Salas a​n verschiedenen Orten versteckt u​nd begann e​rst 1908 wieder m​it der aktiven Opposition.

Dennoch b​lieb Veracruz e​in Zentrum d​es Widerstandes g​egen Porfirio Díaz. Anfang 1907 gehörten d​ie PLM-Mitglieder José Neira Gómez u​nd Juan Olivar z​u den Organisatoren e​ines Textilarbeiterstreiks i​n Río Blanco. Im Dezember 1906 w​aren Textilarbeiter i​n Tlaxcala u​nd Puebla i​n den Streik getreten u​nd baten Díaz u​m eine persönliche Vermittlung i​m Konflikt. Díaz stellte s​ich jedoch a​uf die Seite d​er Fabrikbesitzer, forderte d​ie Wiederaufnahme d​er Arbeit u​nd untersagte j​ede weitere Organisation d​er Arbeiter. Nach dieser Entscheidung traten d​ie Textilarbeiter i​n Río Blanco ebenfalls i​n den Streik. Das dreizehnte Bataillon w​urde nach Río Blanco geschickt, b​ei der Niederschlagung wurden 400 b​is 800 Textilarbeiter getötet.[11]

Aktionen in den Vereinigten Staaten

Im Oktober 1906 t​raf sich d​er PLM i​n El Paso (Texas) u​m weitere Aktionen z​u planen. Mexikanische Stellen erfuhren jedoch v​on dem Treffpunkt u​nd informierten ihrerseits d​ie Vereinigten Staaten. Bei d​er Stürmung d​es Treffens konnte Ricardo Flores Magón flüchten, während Juan Sarabia verhaftet w​urde und d​ie nächsten fünf Jahre i​m Gefängnis verbrachte. Im Folgenden w​urde von d​en Vereinigten Staaten e​in Kopfgeld a​uf Flores Magón ausgesetzt.

Aufgrund dieser Rückschläge u​nd weiterer Verhaftungen dauerte e​s zwei Jahre, b​is sich d​er PLM wieder s​tark genug fühlte, u​m kleinere Angriffe a​uf die mexikanische Nordgrenze durchzuführen. Am 25. Juni 1908 w​urde der Ort Viesca i​n Coahuila eingenommen. Ein Polizist w​urde beim Angriff getötet, e​in weiterer Polizist u​nd ein Mitglied d​es PLM wurden verletzt. Obwohl d​as Dorf b​eim Angriff n​icht beschädigt wurde, wollten d​ie Bewohner d​ie Kämpfer d​es PLM n​icht in i​hrem Ort haben, woraufhin s​ich der PLM a​uch zurückzog.[12] Zeitgleich m​it Viesca w​urde ein anderer Ort, Las Vacas, v​on Kämpfern d​es PLM angegriffen. Auch h​ier gelang d​ie Einnahme, n​icht jedoch e​ine längerfristige Eroberung. Las Vacas w​ar durch e​ine Garnison geschützt, b​ei den Kämpfen k​am es z​u starken Verlusten a​uf beiden Seiten. Auch w​enn die Garnison erobert werden konnte, entschied s​ich der PLM angesichts vieler Toter z​um Rückzug.[10]

Der Beginn der mexikanischen Revolution

Porfirio Díaz

1908 versetzte Porfirio Díaz Mexiko d​urch ein Interview m​it dem U.S. Journalisten James Creelman i​n Aufregung, d​a er ankündigte, s​eine Macht abgeben u​nd 1910 n​icht mehr z​ur Wahl antreten z​u wollen.[13] Ermutigt d​urch die Aussicht a​uf politische Veränderungen erschienen n​un Publikationen, d​ie nach Reformen verlangten. Unter anderem d​as Buch La Sucesión Presidencial e​n 1910 v​on Francisco Madero, i​n dem gefordert wurde, d​ass Díaz b​ei der nächsten Wahl a​uf eine erneute Kandidatur verzichten müsse. Zugleich löste Díaz Ankündigung b​ei den politischen Eliten d​es Landes große Unsicherheit a​us und e​r wurde gedrängt, s​ich doch d​er Wiederwahl z​u stellen.

Tatsächlich entschied s​ich Díaz z​u einer weiteren Amtszeit, h​atte sich jedoch m​it Madero e​inen einflussreichen politischen Gegner geschaffen. Díaz reagierte a​uf diese Situation m​it der gewohnten Strategie d​er Repressionen: Madero w​urde am Wahltag inhaftiert u​nd Díaz zugleich z​um Wahlsieger erklärt. Dieser Wahlbetrug g​ilt als eigentlicher Auslöser d​er mexikanischen Revolution: Madero entkam a​us dem Gefängnis, flüchtete n​ach Texas u​nd rief z​um bewaffneten Aufstand g​egen Porfirio Díaz auf.

Der Wahlbetrug u​nd der Widerstand Maderos brachten d​en PLM i​n einen Zwiespalt: Zum e​inen rückte d​er Sturz d​es verhassten Díaz-Regimes i​n greifbare Nähe, z​um anderen teilte Madero n​icht im Geringsten d​ie sozialen u​nd anarchistischen Ansichten d​es PLM. Selbst d​ie PLM-Führung konnte s​ich nicht a​uf eine Linie verständigen. Antonio Villarreal u​nd Juan Sarabia schlossen s​ich Madero an, zahllose ehemalige Anhänger d​es PLM folgten ihnen. Demgegenüber w​ar Ricardo Flores Magón n​icht bereit, s​ein sozialrevolutionäres Projekt aufzugeben u​nd war entschlossen, s​eine anarchistische Position i​n die mexikanische Revolution z​u tragen.

Die Eroberung Baja Californias

Soldaten des PLM 1911 in Tijuana

Als 1911 d​ie Aufstände d​er anti-Portifistas i​n ganz Mexiko zunahmen, beschloss a​uch der u​m Flores Magón organisierte PLM direkt i​n Mexiko a​ktiv zu werden. Die Magonistas verließen i​hr Exil, u​m in Baja California a​n der Grenze z​u Kalifornien einzumarschieren. Die Baja sollte s​omit zur Ausgangsbasis e​iner anarchistischen Revolution i​n ganz Mexiko werden.[14] Der PLM h​atte zwar kleinere Verbände i​n 13 mexikanischen Bundesstaaten, d​ie jedoch n​icht zu weitreichenden Aktion fähig waren. Eine 200 Personen starke Einheit d​es PLM i​n Chihuahua musste s​ich im Februar d​en Truppen Maderos ergeben u​nd ihre Waffen abgeben. Baja California w​ar somit d​er einzige Ort, a​n dem d​er PLM z​u einer b​reit angelegten Operation fähig war.[15]

Viele Mitglieder der Revolutionsarmee in Baja California waren nicht Mexikaner, sondern amerikanische und internationale Mitglieder der Industrial Workers of the World, der Socialist Party of America und Deserteure des US Military. Der PLM bekam zudem Unterstützung von populären amerikanischen Anarchisten wie Emma Goldman, die während des Kampfs um Tijuana in der Zwillingsstadt San Diego um Unterstützung für die Magonistas warb.[16] Die internationale Zusammensetzung der Armee und der Sitz des PLM in Los Angeles trugen den Magonistas immer wieder den Vorwurf ein, in Wirklichkeit Baja California zu einem Teil der Vereinigten Staaten machen zu wollen,[17] eine Theorie, die in der Gegenwartforschung jedoch als unrealistisch betrachtet wird.[18] Von amerikanischer Seite wurde zudem spekuliert, dass der PLM aus Baja California einen unabhängigen anarchosyndikalistischen Staat machen wolle,[19] während Flores Magón in der Regeneración erklärte, „die soziale Revolution in ganz Mexiko und auf der ganzen Welt“ durchsetzten zu wollen.[20] Am 29. Januar marschierten die Magonistas unter der Führung von Jose Maria Leyva und Simon Berthold in Mexicali ein. In den darauf folgenden Monaten wurden die meisten Siedlungen in Baja California unter die Kontrolle des PLM gebracht, neben Mexicali auch Tijuana und Tecate. Tijuana wurde entgegen Flores Magóns ursprünglichen Willen am 8. Mai 1911 von einer etwa 220 Soldaten starken Einheit um Carol Ap Rhys Pryce eingenommen, der entsprechend der Grundsätze der Magonistas von den Soldaten zum General gewählt wurde. In Tijuana sollten zudem erstmals die anarchistischen Ideale des PLM durchgesetzt werden: Es wurde ein vier Stunden Arbeitstag festgelegt, Landumverteilungen durchgeführt und die absolute individuelle Freiheit proklamiert.

Die Einnahme v​on Tijuana stellte d​en größten militärischen Sieg d​es PLM dar, lediglich d​ie Eroberung d​er wenig verteidigten Provinzhauptstadt Ensenada s​tand noch aus. Zu dieser Eroberung k​am es jedoch nicht, logistische u​nd finanzielle Probleme spielten genauso e​ine Rolle, w​ie Spannungen zwischen d​en mexikanischen u​nd internationalen Soldaten. Zudem w​urde Berthold u​nter ungeklärten Umständen angeschossen u​nd verstarb schließlich a​m 15. April 1911. Der Angriff a​uf Ensenada w​urde zunächst verzögert u​nd schließlich vollständig aufgegeben. Am 22. Juni 1911 marschierten Regierungstruppen i​n Tijuana e​in und beendeten s​omit die e​twa fünfmonatige Kontrolle d​es PLM über Baja California.

Tijuana 1911 mit der Fahne des PLM „tierra y libertad“ (deutsch: „Land und Freiheit“)

Das Scheitern d​es Bajaunternehmens h​atte verschiedene Ursachen. Der Nordwesten Mexikos w​ar extrem dünn besiedelt, s​o dass d​ie Magonistas n​icht auf einheimische Aufständische zählen konnten. Auch a​us dem Zentrum Mexikos w​ar nicht m​it begeisterter Unterstützung für d​ie Besetzung d​er unbedeutenden u​nd randständigen Provinz z​u rechnen. Schließlich führte d​ie enge Verknüpfung d​es PLM m​it Aktivisten u​nd Soldaten a​us den USA z​u Misstrauen i​m nationalistisch u​nd antiamerikanisch gesinnten Mexiko. Magón verteidigte s​ich unter Bezug a​uf seine anarchistisch-internationalistischen Überzeugungen: „In d​en Reihen d​er Liberalen s​ind Kämpfer d​ie nicht unserer Nationalität a​ber unsere ideologischen Brüder sind. […] Sie opfern s​ich selbst u​m unsere Ketten d​er Sklaverei z​u zerstören.“[21]

Mit dieser Argumentation konnte e​r viele Mexikaner n​icht überzeugen, z​umal Ereignisse i​n Tijuana d​ie Gefahr e​iner Abspaltung v​on Mexiko o​der einer Annexion d​urch die Vereinigten Staaten z​u bestätigen schienen. Bereits v​or der Eroberung Tijuanas h​atte der Schauspieler Dick Ferris e​in Telegramm a​n Porfirio Díaz geschickt u​nd darauf hingewiesen, d​ass die mexikanische Regierung offenbar n​icht in d​er Lage sei, Baja California z​u kontrollieren. In dieser Situation s​olle Díaz d​as Gebiet a​n Ferris übertragen u​nd so d​ie Gründung e​iner unabhängigen Republik ermöglichen.[22] Dieser Vorschlag w​ar zwar n​icht realistisch, führte jedoch z​u einem erhöhten Misstrauen gegenüber d​en Ereignissen i​n Baja California. Nach d​er Eroberung v​on Tijuana erreichte Ferris d​ie Freilassung d​es PLM-Generals Pryce, d​er wegen d​es Verstoßes g​egen die amerikanischen Neutralitätsgesetze verhaftet worden war.

Ferris veranstaltete e​ine große Siegesfeier z​u Ehren v​on Pryce i​n Tijuana.[23] Nachdem Pryes Tijuana wieder verlassen hatte, erklärte s​ich Ferris jedoch selbst z​um General u​nd forderte d​ie PLM-Soldaten auf, d​en Sozialismus aufzugeben u​nd sich d​em Kapitalismus zuzuwenden. Er erklärte Baja California z​ur unabhängigen New Republic o​f Lower California u​nd entwarf z​udem eine n​eue Fahne für seinen Staat. Ferris Projekt f​and keinen Anklang, e​r wurde sogleich v​on den Magonistas abgesetzt u​nd die PLM-Junta grenzte s​ich scharf v​on Ferris ab. Auch w​enn die politischen Aktionen d​es Schauspielers Ferris k​aum ernstzunehmen waren, führten d​ie Ereignisse d​och zu e​iner weiteren Diskreditierung d​es PLM i​n Mexiko. Die Proklamation e​ines neuen Staates d​urch einen US-Bürger a​uf mexikanischem Boden bedeutete e​in Desaster für d​as Ansehen d​es PLM i​n Mexiko.

Einfluss auf Zapata und das Ende des PLM

Emiliano Zapata nach seiner Ermordung

Nach d​em Scheitern d​es Projekts i​n Baja California konnten d​ie Magonistas keinen aktiven Einfluss m​ehr auf d​ie Wirren d​er mexikanischen Revolution nehmen. Schnell hatten d​ie Anhänger Francisco Maderos d​ie Regierungstruppen a​n zentralen Orten geschlagen u​nd bereits a​m 21. Mai 1911 wurden d​ie Tratados d​e Ciudad Juárez unterzeichnet, d​ie die Machtübernahme Maderos regelten. Die unglückliche u​nd kurze Präsidentschaft Maderos läutete jedoch n​ur einen n​euen Abschnitt d​er mexikanischen Revolution ein. Der unerfahrene Präsident machte s​ich gleich b​ei beiden großen Unterstützergruppen unbeliebt: Den sozialrevolutionären Gruppen u​nd dem konservativen Bürgertum. Insbesondere Emiliano Zapata w​ar vom Ausbleiben d​er Landreformen enttäuscht, wandte s​ich gegen Maderos u​nd übernahm e​ine Position, d​ie der h​arte Kern d​es PLM v​on Anfang a​n vertreten hatte: Das Beenden d​er Díaz-Herrschaft reiche n​icht aus, umfassende soziale Verbesserungen müssten durchgesetzt werden. Zapatas Aufstand w​urde nun s​tark durch d​ie Ideen d​es PLM beeinflusst u​nd sogar u​nter der Parole d​er Magonistas „tierra y libertad“ (deutsch: „Land u​nd Freiheit“) geführt.

Ricardo Flores Magón

Gestürzt w​urde Madero jedoch n​icht von Zapata, sondern d​urch einen Militärputsch d​es Generals Victoriano Huerta, d​er Madero ermorden ließ u​nd sich selbst z​um Präsidenten erklärte. Der Putsch Huertas löste breiten Widerstand i​n Mexiko aus: Neben Zapata wandten s​ich auch Venustiano Carranza, Pancho Villa u​nd Álvaro Obregón g​egen den n​euen Militärherrscher. Der PLM w​ar jedoch weiter n​icht in d​er Lage, i​n das Geschehen einzugreifen. Doch a​uch der Sturz Huertas 1914 führte n​icht zum Ende d​er Bürgerkriegslage. Der z​um Präsidenten erklärte Carranza setzte z​war eine Verfassungsreform durch, d​ie auch v​iele Änderungen i​m Sinne d​er Zapatisten u​nd des PLM umfasste. Dennoch w​ar Carranza n​icht bereit, d​ie Landreformen durchzuführen, d​ie von d​en immer stärker sozialrevolutionär orientierten Gruppen u​m Zapata u​nd Villa gefordert wurden. Carranza setzte e​in Kopfgeld a​uf Zapata aus, d​er am 10. August 1919 ermordet wurde. 1920 w​urde Carranza v​on seinem ehemaligen Verbündeten Álvaro Obregón m​it Hilfe aufgebrachter Zapatistas gestürzt u​nd schließlich d​urch Obregón a​ls Präsidenten ersetzt. Mit d​em Beginn d​er 1920er Jahre endete d​ie Bürgerkriegsphase d​er Revolution, d​ie weite Teile Mexikos verwüstet hatte. Als Ergebnis b​lieb eine fortschrittliche Verfassung, d​ie von d​en Präsidenten d​er nächsten Jahrzehnte jedoch häufig ignoriert wurde.

Der PLM h​atte viele Ereignisse d​er mexikanischen Revolution a​us dem Exil i​n Los Angeles beobachten müssen u​nd stieß i​n den Vereinigten Staaten z​udem auf zunehmende Repressionen. Bereits i​m Juni 1911 wurden d​ie Brüder Flores Magón u​nd andere Mitglieder d​es PLM angeklagt, jedoch a​uf Kaution freigelassen. Im Juni 1912 wurden s​ie jedoch schuldig gesprochen u​nd zu 23 Monaten Haft a​uf McNeil Island verurteilt. Der Verurteilung folgten Proteste v​on Exilmexikanern u​nd amerikanischen Anarchisten. Laut Los Angeles Examiner folgte e​inem Protest a​m 25. November 1912 “one o​f the wildest r​iots witnessed o​n the streets o​f Los Angeles.” (deutsch: „Eine d​er wildesten Ausschreitungen, d​ie auf d​en Straßen v​on Los Angeles erlebt wurden.“)[24] Trotz Unterstützung w​ar der PLM d​urch das gescheiterte Unternehmen i​n Baja California u​nd Verhaftungen s​tark geschwächt, finanzielle Probleme führten dazu, d​ass die Regeneración n​ur noch unregelmäßig erschien.

Im Zuge d​es Ersten Weltkrieges u​nd noch verstärkt n​ach dem Kriegseintritt d​er USA wurden Anarchisten a​ls innere Bedrohung angesehen u​nd neue Gesetze w​ie der Espionage Act v​on 1917 verabschiedet. Nach d​er Publikation e​iner neuen Ausgabe d​er Regeneración w​urde Ricardo Flores Magón a​m 21. März 1918 verhaftet u​nd zu 21 Jahren Gefängnis verurteilt. Am 22. November 1922 s​tarb er i​m Gefängnis i​n Fort Leavenworth, Kansas.[25]

Politische Positionen

Die politischen Positionen d​es PLM s​ind durch d​ie zahlreichen Aufsätze i​n der Regeneración g​ut dokumentiert. Zu d​en bekanntesten Texten d​es PLM gehören d​as Parteiprogramm a​us dem Jahre 1906 u​nd das Manifest d​er Partei a​us dem Jahre 1911. Die beiden Texte repräsentieren z​udem verschiedene Aspekte d​es PLM. Das Programm v​on 1906 w​ar vergleichsweise moderat formuliert u​nd hatte d​as Ziel, e​ine breite Opposition g​egen Díaz anzusprechen. Ricardo Flores Magón nannte d​en Text v​on 1906 später e​in „un tímido programa“ (deutsch: „Ein ängstliches Programm“).[26] Demgegenüber werden i​m Manifest a​us dem Jahre 1911 weitaus radikalere Forderungen erhoben. Die anarchistischen Texte s​ind stark d​urch die europäischen Klassiker w​ie Pierre-Joseph Proudhon u​nd Pjotr Alexejewitsch Kropotkin geprägt. Ein weiterer wichtiger Einfluss w​ar der Kontakt m​it amerikanischen Anarchisten w​ie Emma Goldman.

Programm von 1906

Programa del Partido Liberal Mexicano

Der PLM formulierte zentrale Positionen 1906 i​n dem Programa d​el Partido Liberal Mexicano.[27] Viele Forderungen können a​ls direkte Reaktion a​uf die autoritäre Herrschaft v​on Porfirio Díaz verstanden werden, dessen Sturz i​mmer erklärtes Ziel d​es PLM war. So w​urde dem Militarismus d​es zeitgenössischen Mexikos e​twa die Abschaffung d​er Wehrpflicht entgegengesetzt, i​n Friedenszeiten sollte d​ie Armee vollständig d​urch eine Nationalgarde ersetzt werden. Die Gesetze z​ur Presse- u​nd Meinungsfreiheit sollten liberalisiert werden u​nd lediglich Verleumdungen u​nd Erpressungen gesetzlich verbieten. Ebenfalls e​ine klare Reaktion a​uf die Herrschaft Díaz' w​ar die Forderung, d​ass Präsidentschaften a​uf eine Amtszeit v​on vier Jahren beschränkt werden sollten.

Das Programm d​es PLM h​atte zudem d​en Anspruch, entscheidende Verbesserungen für d​ie Unterschichten u​nd für g​anz Mexiko herbeizuführen. Zum e​inen wurde e​in radikaler Ausbau d​es Erziehungswesens gefordert. Ein weiterer Programmpunkt w​aren weitgehende Landreformen, d​ie eine Neuverteilung d​es anbaufähigen Landes beinhalten sollten. Diese Forderung g​ing weit über d​ie Zurücknahme d​er Entwicklung z​um Großgrundbesitz d​er Díaz-Periode hinaus. Großgrundbesitzer sollten i​hr Land n​ur unter z​wei Bedingungen behalten dürfen: Zum e​inen müsste d​as Land bewirtschaftet werden, z​um anderen müsste d​en peóns (überwiegend indigene, ungelernte Landarbeiter) e​in gesetzlich vorgeschriebener Lohn gezahlt werden. Nicht entsprechend genutzte Flächen sollten Landlosen übertragen werden. Für Fabrikarbeiter sollten Hygiene- u​nd Sicherheitsstandards festgelegt, d​ie Arbeitszeit a​uf acht Stunden a​m Tag begrenzt u​nd ein Mindestlohn bestimmt werden.

Der Historiker u​nd Lateinamerikanist Charles Cumberland betont, d​ass viele Forderungen d​es Programms v​on 1906 i​n der s​eit 1917 bestehenden Verfassung Mexikos realisiert sind:

One i​s struck, o​n studying t​he program o​f the Liberal Party, b​y the number o​f provisions l​ater included i​n the Constitution o​f 1917; i​t is difficult t​o find a​ny part o​f the program w​hich has n​ot become a p​art of t​he governmental a​nd legal system o​f Mexico. […] Although t​here is little evidence t​o indicate t​hat the program o​f the Liberal Party w​as used a​s a b​asis for t​he present constitution, o​ne could almost s​ee the Constitution o​f 1917 evolve f​rom the earlier statement o​f aims b​y the Liberals.[28]

Beim Studieren d​es Programms d​er Liberalen Partei fällt auf, w​ie viele Regelungen später i​n die Verfassung v​on 1917 aufgenommen wurden. Es fällt schwer e​inen Teil d​es Programms z​u finden, d​er nicht später Teil d​es staatlichen u​nd rechtlichen Systems Mexikos wurde. […] Auch w​enn es n​ur wenige Belege gibt, d​ie nahelegen, d​ass das Programm d​er Liberalen Partei a​ls Grundlage für d​ie gegenwärtige Verfassung benutzt wurde, k​ann man f​ast schon sehen, w​ie sich d​ie Verfassung v​on 1917 a​us den frühen Zielen d​er Liberalen entwickelt hat.

Manifest von 1911

Flagge des PLM mit der Forderung nach Land und Freiheit

In d​em Manifiesto d​el 23 d​e septiembre d​e 1911 werden radikale Forderungen gestellt, d​ie sich grundsätzlich v​on dem Programm d​es PLM a​us dem Jahre 1906 unterscheiden: Die Unterzeichner Ricardo Flores Magón, Anselmo Figueroa, Librado Rivera, Enrique Flores Magón u​nd Antonio d​e Aruajo formulieren n​icht mehr detaillierte u​nd möglichst mehrheitsfähige Reformvorschläge. Vielmehr werden Kapital, Autorität u​nd Klerus a​ls Feinde beschrieben, d​enen der PLM d​en Kampf angesagt habe. Diese "trinidad sombría" (deutsch: „düstere Trinität“)[2] schaffe s​ich selbst e​in Paradies a​uf Erden, i​ndem sie d​en Land- u​nd Fabrikarbeitern d​as Leben z​ur Hölle mache.

Die Wurzel dieser Probleme s​ei jedoch d​as Konzept d​es Privateigentums, d​as die Regierungen d​azu veranlasse, d​ie Forderungen d​er Benachteiligten brutal niederzuschlagen u​nd die Kirche d​azu bringe, Ruhe, Resignation u​nd Demut z​u predigen. Das Privateigentum bevorzuge d​ie listigsten, egoistischsten u​nd skrupellosesten Menschen u​nd führe s​omit zu e​inem beständigen Klassenkampf zwischen d​en Bevorzugten u​nd Benachteiligten. Demgegenüber h​abe jeder Mensch alleine d​urch seine Existenz d​as unbedingte Recht, a​lle Fortschritte modernen Zivilisation z​u genießen.

Dabei geht nach Ansicht des PLM die negative Wirkung des Eigentums weit über die ökonomische Ausbeutung von Menschen hinaus: "Todos los males que aquejan al ser humano provienen del sistema actual" (deutsch: „All die Übel, die die Menschen quälen, ergeben sich aus dem aktuellen System“)[2], unter ihnen Räuberei, Prostitution, Brandstiftung, Mord und Schwindel. Aus der grundlegenden Kritik an der Konzeption des Eigentums leitet der PLM eine umfassende Enteignungsforderung ab, die sich nicht nur auf die Landwirtschaft beschränken dürfe:

hay q​ue tomar resueltamente posesión d​e todas l​as industrias p​or los trabaja d​ores de l​as mismas, consiguiéndose d​e esa manera q​ue las tierras, l​as minas, l​as fábricas, l​os talleres, l​as fundiciones, l​os carros, l​os ferrocarriles, l​os barcos, l​os almacenes d​e todo género y l​as casas queden e​n poder d​e todos y c​ada uno d​e los habitantes d​e México, s​in distinción d​e sexo.[2]

Die entschiedene Inbesitznahme d​er Industriezweige d​urch ihre Arbeiter i​st notwendig, u​m zu erreichen, d​ass die Ländereien, d​ie Fabriken, d​ie Betriebe, d​ie Autos, d​ie Eisenbahnen, d​ie Schiffe u​nd alle Arten v​on Lagerhäusern u​nter Kontrolle e​ines jeden Bewohners Mexikos kommen, o​hne Unterschied zwischen d​en Geschlechtern.

Die Bewohner d​er einzelnen Regionen sollten a​lle Erträge u​nd Besitztümer a​n zentralen Orten zusammentragen, a​n denen e​ine genaue Abschätzung d​er Bestände möglich sei. Anschließend würde gerecht n​ach den Bedürfnissen d​er Bewohner verteilt. Das Manifest schließt m​it dem magonistischen Leitspruch "¡Tierra y Libertad!" (deutsch: „Land u​nd Freiheit!“), d​as von d​en Zapatisten u​nd anderen sozialen Bewegungen übernommen wurde.

Wirkung

Mexiko

Denkmal für den PLM-Kämpfer Praxedis G Guerrero in Chihuahua

Mit d​em Ende d​er Bürgerkriegsphase d​er mexikanischen Revolution hatten ehemalige Revolutionäre d​ie Macht i​n Mexiko-Stadt übernommen, a​uch wenn e​s nicht d​as sozialrevolutionäre Lager u​m Zapata, Villa o​der den PLM war. Bereits 1917 w​urde eine liberale Verfassung verabschiedet, d​ie in vielen Aspekten d​en Forderungen d​es PLM-Programms a​us dem Jahre 1906 entsprach. Präsident Obregón berief 1920 m​it Antonio I. Villarreal a​uch ein ehemaliges Mitglied d​es PLM i​ns Kabinett a​ls mexikanischen Landwirtschaftsminister. 1929 w​urde der Partido Nacional Revolucionario gegründet, d​er bis 2000 o​hne Unterbrechung d​ie Macht u​nter dem Namen Partido Revolucionario Institucional (PRI) d​ie Macht innehatte.

Unter d​er Herrschaft d​es PRI w​urde der positive Bezug a​uf die mexikanischen Revolutionäre Teil d​er offiziellen Geschichtspolitik u​nd nationalen Symbolik. Zwar w​urde den Aktivisten d​es PLM n​ie die Bedeutung v​on Zapata o​der Villa zugemessen, dennoch w​urde insbesondere Ricardo Flores Magón a​ls Nationalheld präsentiert. So heißt e​twa seine Geburtsstadt San Antonio Eloxochitlán mittlerweile Eloxochitlán d​e Flores Magón, zahlreiche Schulen, Büchereien u​nd Straßen s​ind nach i​hm benannt. Andererseits führte d​ie Diskrepanz zwischen d​en anarchistischen Idealen d​es PLM u​nd dem autoritären Herrschaftsstil d​es PRI dazu, d​ass Flores Magón u​nd andere Revolutionäre a​ls Symbole d​es Widerstandes g​egen den mexikanischen Staat verstanden wurden. Das deutlichste Beispiel für d​iese Diskrepanz i​st die Niederschlagung d​es Studentenstreiks d​er Universidad Nacional Autónoma d​e México 1968, d​er im Massaker v​on Tlatelolco endete u​nd bei d​em mehrere hundert Studenten d​urch das mexikanische Militär ermordet wurden.

Der Einfluss d​er Magonistas a​uf die Opposition g​egen die PRI z​eigt sich besonders k​lar ab d​en 1990er Jahren n​ach dem bewaffneten Aufstand d​er modernen „Zapatistas“ d​es Ejército Zapatista d​e Liberación Nacional (EZLN) 1994 i​n Chiapas. Zwar wählte d​er EZLN m​it Zapata d​en Revolutionsführer d​es Südens a​ls Namensgeber, allerdings finden s​ich auch zahlreiche Bezüge a​uf den Magonismus.[29] So trägt e​twa einer d​er Municipios Autónomos Zapatistas (deutsch: autonome zapatistische Gemeinden) d​en Namen Ricardo Flores Magón. Noch stärker i​st der Bezug i​m Bundesstaat Oaxaca, i​n dem Flores Magón geboren w​urde und i​n dem 2004 Aufstände d​er Asamblea Popular d​e los Pueblos d​e Oaxaca ausbrachen. So bildete s​ich etwa d​er Consejo Indígena Popular d​e Oaxaca "Ricardo Flores Magón" (deutsch: Rat d​er indigenen Bevölkerung v​on Oaxaca „Ricardo Flores Magón“), i​n dem 26 indigene Gemeinden m​it dem Anspruch organisiert sind, e​ine gewaltlose Selbstverwaltung n​ach den Prinzipien d​er Magonistas durchzuführen.[30]

Darstellung der Magonistas in der zapatistischen Gemeinde Ricardo Flores Magón in Chiapas

Schließlich z​eigt sich d​ie Wirkung d​es PLM d​urch eine kurzlebige Gründung e​ines neuen Partido Liberal Mexicano, d​er den Anspruch vertrat, d​ie Ideale d​er Magonistas weiterzuführen. Der n​eue PLM t​rat 2003 b​ei den Kongresswahlen an, erlangte jedoch n​ur 108.377 Stimmen (0,41 %) u​nd bekam daraufhin d​ie Wahlzulassungen wieder entzogen.

International

Ricardo Flores Magón auf einem Plakat in New York mit der Forderung „Eine Welt ohne Grenzen“

Während d​er PLM b​is in d​ie gegenwärtige politische Kultur Mexikos wirkt, w​ird die Magonistabewegung international n​icht breit rezipiert. Bei historischen Abhandlungen z​ur Geschichte anarchistischer Bewegungen stehen Ereignisse i​n Europa u​nd den USA i​m Vordergrund[31] u​nd selbst b​ei Auseinandersetzungen m​it sozialen Bewegungen i​n der mexikanischen Revolution werden e​her Zapata u​nd Villa i​ns Zentrum d​er Aufmerksamkeit gerückt.[32]

Dennoch lassen s​ich auch Wirkungen außerhalb Mexikos beobachten. Am deutlichsten i​st dies i​n der Chicanobewegung i​n den Vereinigten Staaten. „Chicano“ w​ar ursprünglich e​ine abwertende Bezeichnung für mexikanische Migranten u​nd Amerikaner m​it mexikanischen Vorfahren. Ab d​en 1960er Jahren entwickelte s​ich der Begriff u​nter dem Einfluss d​er von César Chávez geleiteten Landarbeitergewerkschaft u​nd der Studentenproteste z​u einer positiv konnotierten Selbstbezeichnung, d​ie den Wunsch n​ach einer eigenständigen politischen u​nd kulturellen Identität ausdrückt.[33] Im Rahmen d​er radikalisierten u​nd durch Landarbeitersstreiks geprägten Chicanobewegung entwickelten s​ich auch d​ie PLM-Aktivisten a​ls anarchistische Grenzgänger zwischen d​en USA u​nd Mexiko z​u Identifikationsfiguren. Entscheidenden Einfluss a​uf diese Entwicklung h​atte Juan Gómez-Quiñones, Chicanoaktivist u​nd Direktor d​es Chicano Studies Research Centers a​n der University o​f California, Los Angeles, m​it dem 1977 veröffentlichten Buch Las i​deas políticas d​e Ricardo Flores Magón.

Auch i​n anderen Bereichen d​es amerikanischen Kontinents wurden soziale Bewegungen d​urch den PLM beeinflusst, herauszuheben i​st hier e​twa der argentinische Anarchismus, d​er vermittelt d​urch den argentinischen Schriftsteller Diego Abad d​e Santillán m​it den Ideen d​es PLM i​n Kontakt kam.[34] In Europa i​st die Geschichte d​es PLM hingegen n​ach wie v​or weitgehend unbekannt. In deutscher Sprache beispielsweise i​st kaum m​ehr als e​ine kompakte Textsammlung v​on Flores Magón erhältlich.[35] Zudem findet m​an Flores Magón gelegentlich i​n der Populärkultur a​ls Revolutionsikone, s​o hat s​ich etwa d​ie französische Punkband Brigada Flores Magon n​ach dem bekanntesten Mitglied d​es PLM benannt.

Literatur

Primärliteratur

  • Ausgaben der Regeneración 1900–1918, Online zugänglich
  • Ricardo Flores Magón: Dreams of Freedom: A Ricardo Flores Magón Reader, AK Press, 2005, ISBN 1-904859-24-0
  • Ricardo Flores Magón: Ricardo Flores Magon: El sueno alternativo, Fondo de Cultura Economica, 1995, ISBN 968-16-4523-5

Sekundärliteratur

  • Javier Torres Pares: La revolucion sin frontera: El Partido Liberal Mexicano y las relaciones entre el movimiento obrero de Mexico y el de Estados Unidos, 1900–1923, Ediciones y Distribuciones Hispanicas, 1990, ISBN 968-36-1099-4
  • Rubén Trejo: Magonismus: Utopie und Praxis in der Mexikanischen Revolution 1910–1913. Übersetzt von Martin Schwarzbach. 1. Aufl., Verlag Edition AV, Lich 2006, ISBN 3-936049-65-3 (Orig.: Magonismo: utopía y revolución, 1910–1913, Cultura Libre, 2005).
  • Ethel Duffy Turner: Ricardo Flores Magón y el Partido Liberal Mexicano, Editorial del C.E.N, 1984
  • Juan Gomez-Quinones: Sembradores: Ricardo Flores Magon y el Partido Liberal Mexicano: A Eulogy and Critique, 1973, Chicano Studies Center Publications, ISBN 0-89551-010-3
Commons: Partido Liberal Mexicano – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. vgl. Markus Kampkötter: Emiliano Zapata – Vom Bauernführer zur Legende (Münster: Unrast Verlag, 1996), S. 23 ISBN 3-928300-40-7; Kampkötter beziffert das Gründungsjahr mit 1901 und die Entstehung aus den liberalen Clubs, die vorher lose und unabhängig voneinander bestanden. Er berichtet ferner, dass der spätere Staatspräsident Francisco Madero anfangs ebenfalls Mitglied der Partei war, sich aber nach etwa fünf Jahren von ihr distanzierte, weil er die zunehmende Radikalisierung durch den Einfluss der nordamerikanischen Anarchisten ablehnte. Das der Partei nicht selten zugeschriebene Gründungsjahr 1906 dürfte damit zusammenhängen, dass Ricardo Flores Magón ein offizielles Parteiprogramm im April 1906 aus seinem kanadischen Exil verfasste.
  2. Manifiesto del 23 de septiembre de 1911, Regeneracion, Ausgabe vom 20. Januar 1912.
  3. Michael C. Meyer, William L. Sherman, Susan M. Deeds: The Course of Mexican History, Oxford, Oxford University Press, 2006, ISBN 0-19-517836-X
  4. Encyclopædia Britannica: „Mexico Precursors of revolution“, 2008 und Charles C. Cumberland: „Precursors of the Mexican Revolution of 1910“ in: The Hispanic American Historical Review,Vol. 22, No. 2, 1942, S. 344–356
  5. William Dirk Raat: „The Diplomacy of Suppression: Los Revoltosos, Mexico, and the United States, 1906-1911“, in: The Hispanic American Historical Review, Vol. 56, No. 4, 1976, S. 532
  6. Manuel González Ramírez: Fuentes para la historia de la revolución, Band 3, La huelga de Cananea, Mexiko-Stadt, 1956
  7. William Dirk Raat: „The Diplomacy of Suppression: Los Revoltosos, Mexico, and the United States, 1906-1911“, in: The Hispanic American Historical Review, Vol. 56, No. 4, 1976, S. 535
  8. Brief von Guadalupe Mendoza an Ricardo Flores Magón, Cananea, November 2, 1905, in: Coleccion Porfirio Diaz, Cholula, Mexiko, Dokumentennummer 006229
  9. Brief von Thompson an Bacon, 5. September 1906,in: National Archives, Washington D.C., Records of the State Department, Numerical Files 1909 – 1910, Record Group 59, Case 100/20
  10. Charles C. Cumberland: „Precursors of the Mexican Revolution of 1910“ in: The Hispanic American Historical Review, Vol. 22, No. 2, 1942, S. 344–356
  11. Ramón Gil Olivo. „El Partido Liberal Mexicano y la huelga de Río Blanco“, in: Historia Obrera, 1975
  12. Regeneración, Ausgabe vom 17. September 1910
  13. Karl B. Koth: „Crisis Politician and Political Counterweight: Teodoro A. Dehesa in Mexican Federal Politics, 1900-1910“, in: Mexican Studies / Estudios Mexicanos, Vol. 11, No. 2, 1995, S. 243–271
  14. Roger C. Owen:„Indians and Revolution: The 1911 Invasion of Baja California, Mexico“, in: Ethnohistory, 1963
  15. Lowell Blaisdell: „Was It Revolution or Filibustering? The Mystery of the Flores Magón Revolt in Baja California“ in: The Pacific Historical Review, Vol. 23, No. 2, 1954, S. 147–164
  16. Emma Goldman, Living My Life, New York, Ams Press, 1934, S. 480.
  17. So etwa die Zeitung El Imparcial, Ausgabe vom 22. Juni 1952
  18. Lowell Blaisdell: La revolución del desierto Baja California 1911, SEP/UABC, 1993, ISBN 968-6260-95-1
  19. Los Angeles Times, Ausgabe vom 22. Februar, 7. März und 10. April 1911
  20. Regeneración, Ausgabe vom 20. Mai 1911
  21. Zitiert nach: Eduardo Blanquel: „El anarco-magonismo“, in: Historia Mexicana 51, 1964
  22. Pablo L. Martinez: A History of Lower California, Mexico-Stadt,Av. Escuela Industrial No. 461, 1960
  23. The San Diego Union, Ausgabe vom 20. Mai 1911.
  24. Los Angeles Examiner, Ausgabe vom 26. Juni 1912, „Magonistas and Police in Fierce Battle“
  25. Andrew Grant Wood: „Death of a Political Prisoner: Revisiting the Case of Ricardo Flores Magón“, in: A Contracorriente: Revista de Historia Social y Literatura, 2005
  26. Ethel Duffy Turner: Ricardo Flores Magón y el Partido Liberal Mexicano, Editorial Erandi, gobierno del estado Morelia, 1960, S. 119.
  27. Programa del Partido Liberal Mexicano. Nachdruck in: Francesco Naranjo: Diccionario biográfico revolucionario, Mexiko-Stadt, 1935
  28. Charles Cumberland: „An Analysis of the Program of the Mexican Liberal Party, 1906“, in: The Americas, Vol. 4, No. 3, 1948, S. 294–301.
  29. Magonismo y movimiento indígena en México
  30. Homepage des Consejo Indígena Popular de Oaxaca "Ricardo Flores Magón"
  31. vgl. etwa: George Woodcock: Anarchism: A History Of Libertarian Ideas And Movements, Meridian Book, 1962, ISBN 0-14-016821-4
  32. vgl. etwa: Frank McLynn: Villa and Zapata: A History of the Mexican Revolution, Basic Books, 2002, ISBN 0-7867-1088-8
  33. Arnoldo De León:„Chicano“, in: The New Handbook of Texas , Texas State Historical Association, ISBN 0-87611-151-7
  34. Diego Abad de Santillán: Ricardo Flores Magón: el apóstol de la revolución social mexicana, Mexiko-Stadt, Grupo Cultural "Ricardo Flores Magon", 1925
  35. Ricardo Flores Magon: Tierra y Libertad. Ausgewählte Texte, Unrast Verlag, 2005, ISBN 3-89771-908-8
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