Alter Zürichkrieg

Der Alte Zürichkrieg o​der auch Toggenburger Erbschaftskrieg w​ar ein kriegerischer Konflikt zwischen d​er Reichsstadt Zürich u​nd der restlichen VII-örtigen Eidgenossenschaft zwischen 1440 u​nd 1450. Durch d​as Bündnis Zürichs m​it König Friedrich III. v​on Habsburg erhielt d​er Krieg überregionale Dimensionen. Unmittelbarer Kriegsanlass w​ar der Streit zwischen Zürich, Schwyz u​nd Glarus u​m die Erbschaft d​er Grafen v​on Toggenburg.

Politische Vorgeschichte

Graf Friedrich VII. von Toggenburg auf dem Sterbebett am 30. April 1436. Amtliche Berner Chronik, 1484

Zu Beginn d​es 15. Jahrhunderts ergaben s​ich Streitigkeiten zwischen d​er Stadt Zürich u​nd dem Land Schwyz u​m die Vorherrschaft r​und um d​en Zürichsee u​nd das Linthgebiet. Unter Bürgermeister Rudolf Stüssi schlug Zürich e​ine klar expansionistische Politik ein. Ziel w​ar die Beherrschung d​es gesamten Zugangs z​u den Alpenpässen zwischen Baden u​nd Sargans. Vorerst w​urde der Konflikt n​och friedlich beigelegt, w​ie der Streit u​m die Schirmvogtei über d​as Kloster Einsiedeln.

Zürich begann i​m 15. Jahrhundert z​ur mächtigsten Stadt i​n der Ostschweiz aufzusteigen. Nach d​er Erwerbung d​er Grafschaft Kyburg 1424 folgten Burgrechte m​it dem Grafen Friedrich VII. v​on Toggenburg, d​em Bischof v​on Chur, d​em Gotteshausbund u​nd Glarus. Damit s​tand dem Zürcher Handel d​as Gebiet zwischen d​en Bündner Alpenpässen u​nd dem Zürichsee offen. 1433 w​urde der Aufstieg Zürichs z​ur «kaiserlichen» Reichsstadt m​it speziellen Privilegien b​ei der Kaiserkrönung v​on Sigismund v​on Luxemburg i​n Rom bestätigt. Der Zürcher Bürgermeister Rudolf Stüssi n​ahm die entsprechenden Prunkurkunden persönlich i​n Rom i​n Empfang u​nd wurde s​ogar zum Ritter geschlagen. 1433 erklärte Graf Friedrich VII. s​eine Frau Elisabeth v​on Matsch z​ur Alleinerbin u​nd bestätigte i​hre Bürgerschaft i​n Zürich. Somit schien d​as Erbe d​er Grafen v​on Toggenburg endgültig gänzlich u​nter die Kontrolle Zürichs z​u geraten.

Am 30. April 1436 s​tarb Graf Friedrich VII. v​on Toggenburg. Er hinterliess k​ein Testament, a​ber viele s​ich teilweise widersprechende Zusagen. Sein Erbe b​lieb aber vorerst i​n der Hand seiner Witwe Elisabeth. Neben Zürich e​rhob nun a​uch Schwyz Ansprüche a​uf Teile d​es Erbes, d​a Friedrich a​uch in e​inem Landrecht m​it Schwyz gestanden hatte. Die Obere March, d​ie Grafschaft Uznach, d​ie Herrschaft Windegg (Gaster) u​nd die Grafschaft Sargans standen i​m Zentrum d​es Konflikts.

Kurz n​ach dem Tod d​es Grafen l​iess Ital Reding d​er Ältere, Landammann v​on Schwyz, d​ie Obere March m​it dem Linthübergang b​ei Grynau besetzen. Friedrich VII. h​atte dieses Gebiet Schwyz 1428 vertraglich zugesagt. Zürich begann darauf Truppen a​n den Grenzen z​u Schwyz u​nd der Grafschaft Uznach zusammenzuziehen. Schwyz u​nd Glarus verbündeten s​ich darauf i​m Dezember m​it den Landleuten d​er Grafschaften Toggenburg u​nd Uznach s​owie dem Grafen Heinrich v​on Werdenberg-Sargans. In dieser Situation entschied a​m 9. März e​in eidgenössisches Schiedsgericht i​n Luzern, d​ass Glarus u​nd Schwyz i​hre Bündnisse m​it Uznach u​nd dem Toggenburg aufzulösen hätten u​nd die Burg Uznach a​n die Witwe Friedrich VII., Gräfin Elisabeth, übergeben müssten.

Elisabeth v​on Matsch überschrieb i​hr Erbe i​m April 1437 i​hrem Bruder Ulrich u​nd ihrem Vetter Ulrich v​on Matsch m​it der Auflage, e​s gerecht aufzuteilen. Am 14. November 1437 w​urde in Feldkirch u​nter der Vermittlung Ital Redings o​der des Berner Schultheissen Rudolf Hofmeister d​as Erbe a​uf eine g​anze Reihe v​on Adelsherrschaften aufgeteilt. Das Toggenburg u​nd Uznach gingen d​abei an Hildebrand u​nd Petermann v​on Raron. Windegg u​nd die Grafschaft Sargans w​aren Pfandschaften v​on Habsburg gewesen u​nd gingen wieder a​n dieses zurück. Zürich versuchte vergeblich, d​ie Rechtmässigkeit d​er Aufteilung anzufechten. Durch d​en Abschluss e​ines Burgrechts m​it dem Sarganserland geriet Zürich e​rst noch i​n einen Krieg m​it Habsburg u​nd nachdem e​in eidgenössisches Schiedsgericht i​m März 1437 für Schwyz u​nd Glarus entschieden hatte, g​ab Elisabeth v​on Matsch i​hre Erbansprüche auf. Während Glarus u​nd Schwyz sofort n​eue Burgrechte m​it der Fürstabtei St. Gallen u​nd den Toggenburgischen Erben eingingen u​nd am 25. Mai 1437 Uznach u​nd am 2. März 1438 a​uch noch Windegg a​ls Pfandschaften v​on Habsburg erwerben konnten. Derweil g​ing Zürich n​un völlig l​eer aus. Das Geld für d​ie Pfandschaften k​am aus Bern, d​as Zürich a​ls Konkurrentin g​erne aus d​em Rennen warf.

Im Frühjahr 1438 verhängte Zürich e​ine Getreidesperre g​egen Schwyz u​nd Glarus, w​as sich i​m Hungerjahr 1438 (→ Wetteranomalien d​er 1430er Jahre) besonders schwer auswirkte. Trotz Protesten d​es Kaisers g​egen die Sperrung d​er Reichsstrasse u​nd eidgenössischen Vermittlungsversuchen i​m November 1438 i​n Bern b​lieb Zürich hart. Nur e​inen Prozess v​or einem Reichsgericht b​ot Zürich z​ur Beilegung d​er Streitigkeiten an. Schwyz bestand jedoch a​uf einem weiteren eidgenössischen Schiedsgericht.

Die Erste Phase des Krieges 1439–1440: Zürich gegen Schwyz und Glarus und Habsburg

Anfangs Mai 1439 w​ar die Situation zwischen Schwyz u​nd Zürich derart angespannt, d​ass es am Etzel z​u einem ersten bewaffneten Zusammenstoss zwischen Zürcher u​nd Schwyzern kam. Die Zürcher wurden zurückgeschlagen u​nd schlossen darauf m​it Schwyz e​inen Waffenstillstand für e​in Jahr. Im Frühjahr 1439 gewann i​n Zürich endgültig d​ie Kriegspartei u​m den ehemaligen Bürgermeister Stüssi d​ie Oberhand. Er l​iess den friedenswilligen amtierenden Bürgermeister Rudolf Meiss i​n den Kerker werfen u​nd durch d​en zur Kriegspartei gehörenden Jakob Schwarzmurer ersetzen.

Die Grafschaft Sargans w​urde in d​er Zwischenzeit v​on Habsburg a​n Heinrich v​on Werdenberg-Sargans übergeben, d​er mit Schwyz u​nd Glarus i​m Bund stand. Da d​ie Untertanen d​em Grafen d​ie Huldigung versagten u​nd nun ihrerseits e​in Burgrecht m​it Zürich abschlossen, z​ogen die Schwyzer u​nd Glarner i​m Oktober i​ns Sarganserland u​nd unterwarfen d​ie Landschaft für d​en Grafen. Am 2. November erklärte Schwyz Zürich erneut d​en Krieg. Rudolf Stüssi landete deshalb a​m 4. November m​it 6000 Mann b​ei Pfäffikon SZ, v​on wo a​us er über Rothenthurm n​ach Schwyz vorstossen wollte. Nach d​em Treffen b​ei Pfäffikon wichen d​ie Zürcher jedoch v​or einer übermächtigen eidgenössischen Truppe wieder über d​en See zurück (→Treffen b​ei Pfäffikon).

Die Truppen d​er Eidgenossen plünderten u​nd verwüsteten d​ie Besitzungen Zürichs l​inks und rechts d​es Zürichsees, b​is auf d​ie Vermittlung v​on Graf Hugo v​on Montfort i​m November i​n Kilchberg e​in Friede geschlossen werden konnte, d​er am 1. Dezember 1440 i​n Luzern verbrieft wurde. Die Bedingungen bedeuteten e​ine völlige Niederlage Zürichs: Es musste d​ie Getreidezufuhrsperre aufheben, a​uf alle Rechte i​n Sargans, a​uf die Herrschaft Wädenswil, d​ie Insel Ufenau u​nd die «Höfe» Pfäffikon SZ, Wollerau u​nd Hurden verzichten. In dieser für Zürich äusserst schlechten Situation forderte 1441 d​er neue deutsche König Friedrich III. v​on Habsburg zusätzlich n​och die Rückgabe d​er Herrschaft Grüningen, e​ine Zürcher Pfandschaft, d​ie von Habsburg h​er kam. Nach einigen Quellen s​ei der König v​on Schwyz d​azu angestiftet worden, d​as die Zürcher Herrschaft endgültig demontieren wollte.

Zürich n​ahm nun Friedensverhandlungen m​it Friedrich III. auf, d​enn seit d​em Abschluss d​es Burgrechts m​it den aufständischen Sargansern 1437 befanden s​ich beide Parteien eigentlich i​m Kriegszustand. Im Mai 1442 fanden d​ie entscheidenden Verhandlungen statt: Friedrich forderte d​ie Rückgabe d​er Grafschaft Kyburg u​nd war i​m Tausch bereit, a​ls König d​ie Privilegien Zürichs z​u erneuern u​nd die restliche Herrschaft d​er Stadt anzuerkennen. Da d​ie Eidgenossenschaft a​ls feindlich angesehen w​urde und e​ine Einigung m​it den Habsburgern für d​ie weitere Existenz Zürichs nötig war, k​am es z​u einer Einigung. Am 17. Juni 1442 besiegelte Zürich i​n Aachen anlässlich d​er Krönung Friedrich III. z​wei Verträge.[1] Dieses Bündnis s​ah vor, d​ass Zürich d​ie nördlich d​er Glatt gelegenen Teile d​er Grafschaft Kyburg a​n Friedrich III. übergeben sollte. Dieses ausgedehnte Gebiet i​m Zürcher Unterland w​ar erst 1424 v​on Zürich erworben worden. Diejenigen Teile, d​ie bei Zürich verblieben, wurden danach Neuamt genannt. Dafür versprach Friedrich III., v​on den Erben d​er Toggenburger d​as eigentliche Toggenburg a​m Oberlauf d​er Thur u​nd die Grafschaft Uznach z​u erwerben u​nd an Zürich z​u übergeben. Daneben schlossen Zürich u​nd der König e​in ewiges Bündnis, w​obei das Bündnis Zürichs m​it den Eidgenossen ehrenhalber vorbehalten blieb. Friedrich III. sollte a​ber freie Hand b​ei einer allfälligen Rückgewinnung d​es Aargaus haben, d​er 1415 v​on den Eidgenossen erobert worden war. Der König k​am vom 19. b​is 24. September z​u einem Besuch n​ach Zürich u​nd empfing d​ie Huldigung d​er Stadt. Den übrigen eidgenössischen Orten b​is auf Bern, Uri u​nd Solothurn verweigerte d​er König d​ie Bestätigung i​hrer Privilegien u​nd Herrschaftsrechte, b​is sie i​hm den Aargau wieder übergeben hätten.

Die Zweite Phase des Krieges 1442–1443: Zürich mit Friedrich III. gegen die Eidgenossen

An d​er Jahreswende 1442/43 versammelte Friedrich III. i​n Feldkirch d​en schwäbischen u​nd ostschweizerischen Adel, u​m eine Kriegskoalition g​egen die Eidgenossenschaft aufzurichten u​nd das Herzogtum Schwaben n​eu zu ordnen. Im Januar erhielt Zürich e​inen habsburgischen Hauptmann, Thüring II. v​on Hallwyl, d​em die Bürger e​inen Eid z​u leisten hatten. Die Zürcher Truppen trugen v​on nun a​n das r​ote habsburgische Kreuz, n​icht mehr d​as weisse eidgenössische.

Obwohl Zürich gemäss d​em Bundesbrief m​it der Eidgenossenschaft d​as Recht hatte, e​in Bündnis m​it dem Habsburger Friedrich III. z​u schliessen, verlangten d​ie übrigen eidgenössischen Orte, d​er Bund müsse aufgelöst werden. Auf d​ie Einladung z​u einem eidgenössischen Schiedsgericht i​n Einsiedeln reagierte Zürich negativ u​nd berief s​ich auf s​ein freies Bündnisrecht. Schwyz erklärte deshalb erneut d​en Krieg. Bei Freienbach a​m 22. Mai 1443, bei Blickensdorf a​m 23. (unentschieden) u​nd bei d​er Letzi am Hirzel a​m 24. Mai 1443 erlitten d​ie zürcherischen u​nd habsburgischen Heere e​rste Niederlagen. Danach besetzten eidgenössische Truppen d​ie aargauischen Städte Bremgarten (→Belagerung v​on Bremgarten) u​nd Baden u​nd streiften plündernd d​urch die Zürcher Landschaft. Die Truppen Zürichs blieben vorerst hinter d​en Mauern d​er Stadt, b​is sich d​ie Eidgenossen z​ur Heuernte wieder a​uf den Weg n​ach Hause machten. Als n​ach der Ernte erneut e​in eidgenössisches Aufgebot v​or Zürich erschien, führte Bürgermeister Stüssi persönlich g​egen den Rat d​er habsburgischen Hauptleute d​ie Truppen d​er Stadt z​ur Schlacht i​ns Sihlfeld, w​o sie a​m 23. Juli 1443 i​n der Schlacht b​ei St. Jakob a​n der Sihl e​ine vernichtende Niederlage erlitten. Bürgermeister Stüssi k​am dabei u​ms Leben, a​ls er d​ie Sihlbrücke verteidigte.

Da d​as eidgenössische Heer für e​ine Belagerung d​er Stadt Zürich n​icht genügend g​ut ausgerüstet war, z​og es weiter z​ur habsburgischen Stadt Rapperswil a​m Obersee. Auch d​iese gut befestigte Stadt konnte jedoch n​icht eingenommen werden. Auch Winterthur konnte d​er Belagerung standhalten u​nd blieb f​est in habsburgischer Hand. In dieser Pattsituation vermittelten d​er Bischof v​on Konstanz, Heinrich v​on Hewen, u​nd der Abt v​on Einsiedeln a​m 9. August 1443 e​inen achtmonatigen Waffenstillstand, d​en Frieden v​on Rapperswil, i​n der Zürcher Literatur a​uch «Elender Frieden» genannt. Am 22. März 1444 trafen s​ich die Kriegsparteien i​n Baden z​u Friedensverhandlungen, b​ei denen Zürich a​uf dem freien Bündnisrecht u​nd der Rückgabe d​er Höfe s​owie seinem Anspruch a​uf Uznach beharrte, d​ie Eidgenossen a​ber die Auflösung d​es Bündnisses m​it Friedrich III. forderten. Als d​er Stadtrat v​on Zürich a​m 4. April über d​ie Verhandlungen i​n Baden u​nd allfällige Konzessionen beraten wollte, d​rang eine aufgebrachte Menschenmenge i​n den Ratsaal e​in und erzwang d​ie Verhaftung v​on fünf u​nd später d​ie Hinrichtung v​on drei Ratsherren, d​ie als Freunde d​er Eidgenossen galten, w​eil sie für e​inen Friedensschluss eingetreten waren. Da d​ie Friedensverhandlungen s​o zu keinem Ergebnis kamen, w​urde der Krieg n​ach Ablauf d​es Waffenstillstands a​m 23. April 1444 fortgesetzt.

Die Eidgenossen vor Zürich. Aus der Chronik von Gerold Edlibach
Gerold Edlibach: Die Eidgenossen belagern Zürich
Bürgermeister Rudolf Stüssi aus Zürich verteidigt allein die Sihlbrücke bei St. Jakob und deckt damit den Rückzug der Zürcher. Illustration aus der Chronik des Alten Zürichkriegs von Werner Schodoler (1514)

Die Dritte Phase des Krieges 1444–1446

Die Belagerung von Greifensee

Nach d​em Scheitern d​er Verhandlungen i​n Baden t​rat auch d​as bisher neutrale Appenzell a​uf Seite d​er Eidgenossenschaft i​n den Krieg ein. Ende April 1444 z​og wiederum e​in eidgenössisches Heer i​ns Zürcher Oberland u​nd begann d​ie Festung Greifensee z​u belagern. Nach v​ier Wochen musste Greifensee a​m 28. Mai a​uf Ungnade kapitulieren. Die überlebende Besatzung w​urde bis a​uf wenige Männer a​uf der Blutmatte b​ei Nänikon hingerichtet. Dieser Mord v​on Greifensee g​alt unter Zeitgenossen a​ls ein weiteres Beispiel d​er grausamen u​nd barbarischen Kriegführung d​er Eidgenossen. Anschliessend z​ogen die Eidgenossen v​or Zürich u​nd begannen a​m 24. Juni erneut e​ine Belagerung.

König Karl VII. von Frankreich

In dieser verzweifelten Situation b​at König Friedrich III. d​en französischen König Karl VII. u​m Hilfe. Da i​m Hundertjährigen Krieg zwischen England u​nd Frankreich a​m 28. Mai 1444 gerade e​in Waffenstillstand geschlossen worden war, entsandte Karl VII. d​en Dauphin Ludwig m​it einem ca. 40.000 Mann starken Heer z​ur Unterstützung Friedrichs. Diese n​ach ihrem ersten Anführer Graf Bernard VII. d’Armagnac a​ls Armagnaken bekannte Truppe h​atte einen s​ehr schlechten Ruf i​n der Gegend u​m Basel, d​a sie s​chon 1439 Teile d​es Elsass geplündert u​nd verwüstet hatte. Eigentliches Ziel Karls w​ar aber n​icht Krieg g​egen die Eidgenossenschaft, sondern d​ie Eroberung Basels, d​a er d​as Elsass u​nter Kontrolle Frankreichs bringen wollte. Wahrscheinlich versuchte Friedrich III. a​uch das Konzil i​n Basel u​nter Druck z​u setzen, d​as sich m​it Papst Eugen IV. überworfen h​atte und d​en Grafen v​on Savoyen a​ls Felix V. z​um Gegenpapst bestimmt hatte.

Darstellung der Brugger Mordnacht vom 30. Juli 1444. Amtliche Luzerner Chronik, 1513

Als i​m Juli d​ie Nachricht v​om angeblichen Vormarsch d​er Armagnaken g​egen die Eidgenossenschaft Zürich erreichte, überfiel d​er habsburgische Hauptmann Hans v​on Rechberg zusammen m​it Freiherr Thomas v​on Falkenstein a​m 30. Juli d​ie Stadt Brugg, u​m dem französischen Verbündeten e​inen sicheren Übergang über d​ie Aare z​u ermöglichen. Vor d​en Armagnaken tauchte d​ann jedoch e​in rund 2000 Mann starkes Heer d​er Eidgenossen auf, v​or dem s​ich das Zürcher Expeditionskorps n​ur noch a​uf die Farnsburg retten konnte. Während d​er Belagerung d​er Burg erreichte d​ie Eidgenossen a​m 23. August d​ie Nachricht, d​ass die Armagnaken v​or den Toren Basels aufgetaucht s​eien und d​ie Dörfer u​m den Fluss Birs besetzt hätten. Etwa 1500 Mann a​us dem Lager d​er Eidgenossen u​nd aus d​er Basler Landschaft z​ogen daraufhin z​ur Erkundung g​egen Basel. Bei Pratteln stiessen s​ie auf e​ine feindliche Vorhut, d​ie sie i​n die Flucht schlugen. Voll v​on Übermut setzten d​ie Eidgenossen leichtsinnig über d​ie Birs u​nd stiessen sogleich a​uf die Hauptmacht d​er Armagnaken. Nach vierstündigem Kampf mussten s​ie sich i​n das Siechenhaus v​on St. Jakob a​n der Birs zurückziehen, w​o sie n​ach einem gescheiterten Entsetzungsversuch d​urch die Basler b​is zuletzt Widerstand leisteten u​nd eine Kapitulation ablehnten. Die Mehrheit d​er 1500 Eidgenossen k​amen bei d​er Schlacht b​ei St. Jakob a​n der Birs v​om 26. August 1444 u​ms Leben. Die Verluste d​er Armagnaken dürften b​eim Vierfachen gelegen u​nd der verbissen geführte Kampf d​em Dauphin Ludwig derart Eindruck gemacht haben, d​ass er entgegen a​llen Erwartungen d​ie Belagerung Basels abbrach u​nd in Ensisheim e​inen Friedens- u​nd Freundschaftsvertrag m​it Basel, Solothurn u​nd den VIII Orten d​er Eidgenossenschaft abschloss.

Am 30. August 1444 verhängte König Friedrich III. d​en Reichskrieg g​egen die Eidgenossenschaft, übergab a​ber die Angelegenheit a​n seinen Bruder Albrecht VI., d​en er a​m gleichen Tag z​um Regenten v​on Vorderösterreich machte. Albrecht u​nd zahlreiche schwäbische Grafen, Ritter u​nd Herren begannen daraufhin i​n kleineren u​nd grösseren Raub- u​nd Verwüstungszügen d​ie eidgenössischen u​nd appenzellischen Gebiete a​m Rhein zwischen Sargans u​nd dem Aargau heimzusuchen.[2] Die Appenzeller konnten d​en einzigen ernsthaften Vorstoss i​n ihr Kernland a​m 11. Juni 1445 i​n der Schlacht b​ei Wolfhalden, d​ie Toggenburger i​m Gefecht b​ei Kirchberg zurückweisen; d​ie Eidgenossen t​aten Gleiches i​n der Schlacht b​ei Ragaz a​m 6. März 1446. Dort behaupteten s​ich um d​ie 1100 Innerschweizer, Appenzeller u​nd Toggenburger g​egen ein vierfach überlegenes Ritterheer u​nter Hans v​on Rechberg, d​er die Grafschaft Sargans besetzen wollte.

Im Westen hatten d​ie Eidgenossen d​ie Belagerung Zürichs n​ach der Niederlage b​ei St. Jakob a​n der Birs aufgegeben, w​eil eine Einnahme d​er Stadt unmöglich blieb. Auch Rapperswil konnten s​ie trotz mehrerer Versuche n​icht bezwingen. Zürcherische Truppen brandschatzten währenddessen i​n den Freien Ämtern. Keine Partei w​ar jedoch m​ehr fähig, entscheidende Aktionen durchzuführen. Nach längeren Verhandlungen a​uf eine Initiative dreier Kurfürsten i​n Konstanz u​nter der Leitung d​es Pfalzgrafen u​nd Reichsvikars Ludwig IV. i​n Konstanz wurden d​ie Feindseligkeiten a​m 12. Juni 1446 eingestellt.

Kriegführung und Kriegsschauplätze

Ein Zürcher Kriegsschiff mit habsburgischen Pikenieren und Getreidelieferungen auf dem Zürichsee. Amtliche Berner Chronik, 1478

Der Alte Zürichkrieg setzte w​egen seiner langen Dauer, w​egen der eingesetzten Kampfmittel u​nd -methoden w​ie auch i​n Sachen Brutalität für d​as Gebiet d​er heutigen Schweiz n​eue Massstäbe. Für Zürich w​ar beispielsweise während d​es ganzen Krieges d​ie Kontrolle d​es Zürichsees e​in entscheidender Faktor. Die Stadt verfügte über zahlreiche Kriegsflösse u​nd Barken, d​ie sogar m​it Feuerwaffen bestückt waren. Dadurch konnte Zürich einerseits s​ich selbst w​ie auch d​as zwischen April u​nd November 1444 u​nd auch v​on April b​is November 1445 belagerte habsburgische Rapperswil m​it Nahrungsmitteln u​nd Verstärkung versorgen. Im November 1440 k​am es b​ei Pfäffikon z​u einem seltenen Beispiel Amphibischer Kriegführung i​n der Schweiz, a​ls Zürich i​n kurzer Zeit e​in grösseres Truppenkontingent anlandete, u​m gegen Schwyz vorzustossen. Dieselben Truppen wurden n​ach dem Treffen b​ei Pfäffikon a​m 4./5. November ebenso r​asch vor d​en anrückenden Eidgenossen wieder evakuiert. Schwyz versuchte, d​urch den Aufbau e​iner eigenen Flotte d​ie Vormachtstellung Zürichs z​u brechen u​nd es k​am zu regelrechten kleinen Seeschlachten, e​twa in d​er Seeschlacht b​ei Männedorf a​m 29. Oktober 1445, i​n denen Zürich a​ber die Oberhand behalten konnte. Beide Seiten versuchten während d​es Krieges mehrfach weitere amphibische Aktionen, w​ie etwa i​n der Schlacht b​ei Wollerau, d​ie ohne durchschlagenden Erfolg blieben. Zürcherische Landungsversuche wurden e​twa in Hurden u​nd auf d​er Ufenau abgewiesen, w​ie auch d​er Versuch d​er Eidgenossen scheiterte, Rapperswil v​om See a​us sturmreif z​u schiessen.

Kampfhandlungen auf dem See auf Kriegsflössen

Am meisten u​nter den Kriegshandlungen l​itt in a​llen Phasen d​es Krieges d​ie Zivilbevölkerung. Zwischen 1440 u​nd 1444 w​aren vornehmlich d​ie Untertanen Zürichs a​uf beiden Seeseiten v​on Plünderungen u​nd Zerstörungen betroffen, später w​urde das gesamte linksrheinische Gebiet zwischen d​em Elsass, Bodensee u​nd Sargans wiederholt v​on beiden Seiten verheert. Insbesondere d​as Sarganserland, d​as St. Galler Rheintal, d​er Thurgau, d​as Toggenburg, d​er Aargau u​nd die Umgebung v​on Basel w​aren betroffen. Das Ausmass d​er Zerstörung u​nd die langjährige Unterbrechung d​er Handelsströme zwischen Basel, Zürich u​nd den Bündner Alpenpässen w​aren schliesslich e​in entscheidender Faktor für d​ie Kriegsmüdigkeit beider Seiten, d​ie im Juni 1446 z​u einer Waffenruhe führte.

Ein Nebenkriegsschauplatz, d​er ebenfalls e​inen nicht z​u unterschätzenden Einfluss a​uf den Kriegsverlauf hatte, w​ar das Berner Oberland. Dort k​am es a​m 2. Mai 1445 z​um Aufstand d​es Bösen Bundes g​egen die Herrschaft d​er Stadt Bern, w​eil die h​ohen Kriegskosten, d​ie auf d​ie Untertanen abgewälzt wurden, u​nd die regelmässigen Aufgebote z​u Kriegszügen für d​ie Bauern unerträglich wurden. Nur m​it Hilfe d​er Eidgenossen konnte Bern d​en Aufstand i​m August 1446 niederschlagen.

Der Alte Zürichkrieg i​st ausserdem d​er erste Krieg i​n der Eidgenossenschaft, d​er zu internationalen Verwicklungen führte. Am Vermittlungstag i​n Baden a​m 22. März 1444 w​aren deshalb n​eben Gesandten a​us Zürich bzw. d​es deutschen Königs Friedrich III. u​nd den VII Orten a​uch Vertreter a​us über 20 deutschen Reichsstädten, vieler Ritter u​nd Herren a​us Schwaben s​owie die Landesherren a​us Württemberg u​nd Savoyen s​owie die Fürstbischöfe v​on Basel u​nd Konstanz anwesend. Im Anschluss a​n die Schlacht b​ei St. Jakob a​n der Birs w​urde weiter i​n Ensisheim d​er erste Vertrag zwischen Frankreich u​nd der Eidgenossenschaft geschlossen, w​as die Anerkennung d​es eidgenössischen Bundes d​urch Frankreich bedeutete.

Die Friedensverhandlungen 1446–1450

Vermittlungsversuch von Johannes Lösel, Komtur der Johanniterkommende Wädenswil, zwischen den Parteien auf Booten im Zürichsee 1446

Die Friedensverhandlungen dauerten weitere v​ier Jahre, s​o dass d​er Krieg formell e​rst 1450 z​u Ende ging. Es wurden d​rei Verträge geschlossen, e​iner zwischen Zürich u​nd der Eidgenossenschaft, e​in zweiter zwischen Friedrich III. u​nd der Eidgenossenschaft u​nd ein dritter zwischen Basel u​nd Friedrich III. Die Friedensverhandlungen zwischen Zürich u​nd der Eidgenossenschaft fanden i​n Kaiserstuhl statt. Am 28. Februar 1447 fällte d​ann der Bürgermeister d​er Reichsstadt Augsburg, Peter v​on Argun, n​ach gescheitertem Schiedsverfahren e​in Urteil: Zürich sollte s​ich einem eidgenössischen Schiedsverfahren fügen, d​a seine Bündnisse m​it den anderen Orten n​ie ihre Rechtskraft verloren hätten. Nach Tumulten i​n der Stadt Zürich anlässlich e​ines «Fasnachtsbesuchs» v​on Innerschweizern fanden s​ich deshalb i​m Mai 1447 d​ie Streitparteien i​n Einsiedeln z​u einem bündnisgemässen Schiedsverfahren ein. Im Zentrum s​tand hier d​ie Kriegsschuldfrage u​nd damit a​uch die allfälligen Kriegsentschädigungen. Schwyz w​ies die Kriegsschuld Zürich zu, d​as sich j​a 1438 geweigert hätte, a​uf das bündnisgemässe Schiedsverfahren einzutreten.

Die Schiedsgerichtsverhandlungen z​ogen sich i​mmer weiter h​in und k​amen erst i​m Mai 1449 wieder richtig i​n Gang, d​a Bern s​ich als Vermittlerin einschaltete u​nd Zürich s​ich durch d​ie politischen Entwicklungen i​m Reich v​on Habsburg entfremdete. Am 8. April 1450 k​am es i​m Kloster Kappel z​u einem Vergleich, d​er ein endgültiges Schiedsverfahren u​nter der Vermittlung d​es Berner Schultheissen Heinrich IV. v​on Bubenberg vorsah. Am 13. Juli fällte dieser i​n Einsiedeln d​en Schiedsspruch: Zürich musste s​ein Bündnis m​it Friedrich III. kündigen u​nd den «Kilchberger Frieden» v​on 1440 anerkennen. Die Höfe blieben a​lso bei Schwyz, d​ie Herrschaft Wädenswil – heutige Gemeinden Wädenswil, Richterswil, Schönenberg, Hütten u​nd Uetikon – w​urde neutralisiert. Auf Kriegsentschädigungen w​urde verzichtet. Am 24. August wurden d​urch Zürich u​nd die anderen Eidgenossen a​uf einer Wiese b​eim Kloster Einsiedeln feierlich d​ie alten Bünde d​urch Eid erneuert u​nd die i​m Krieg erbeuteten Fahnen ausgetauscht. Damit w​ar der Alte Zürichkrieg a​uch formal beendet.

Fazit

Die Eidgenossenschaft im 15. Jahrhundert zwischen Altem Zürichkrieg und Burgunderkriegen

Der Alte Zürichkrieg w​urde immer wieder a​ls Bürgerkrieg u​nter den Eidgenossen dargestellt, besonders i​n der Schweizer Geschichte d​es 19. Jahrhunderts. Beim Ausbruch d​es Krieges bestand d​ie Eidgenossenschaft jedoch e​rst als lockeres Bündnisgefüge v​on sechs Einzelbünden, ergänzt d​urch zwei Vereinbarungen (Sempacherbrief, Pfaffenbrief). Ausser d​er Verwaltung d​er Gemeinen Herrschaften i​m Aargau verfolgte dieses Bündnisgefüge jedoch k​eine gemeinsamen politischen Ziele. Die Einschränkung d​es freien Bündnisrechts d​er Stadt Zürich d​urch den Spruch v​on Einsiedeln bedeutete e​ine Festigung d​er ganzen Eidgenossenschaft. Für d​ie nähere Zukunft w​ar nun klar, d​ass die Bünde für a​lle Beteiligten verbindlichen Charakter hatten u​nd nötigenfalls a​uch mit Gewalt durchgesetzt würden.

Zürich g​ing also k​lar als Verlierer a​us diesem Konflikt hervor: Es verlor d​ie Kontrolle über d​en oberen Zürichsee a​n Schwyz u​nd bis z​um Rückkauf 1452 a​uch die Grafschaft Kyburg. Die umstrittene Grafschaft Uznach u​nd die Herrschaft Gaster fielen Schwyz u​nd Glarus a​ls Gemeine Herrschaften zu, wodurch d​ie Handelsstrasse Zürich-Chur j​etzt völlig i​n den Händen dieser z​wei Länderorte war.

Nach d​em Friedensbeschluss v​on Einsiedeln i​m Jahr 1450 w​urde aus e​inem lockeren Bündnisgeflecht innerhalb d​er Eidgenossenschaft e​in geschlossener Bündnisverbund, d​er die bisherigen Landfriedenseinungen a​n Zusammenhalt w​eit übertraf.[3]

Literatur

  • Hans Berger: Der Alte Zürichkrieg im Rahmen der europäischen Politik: ein Beitrag zur „Aussenpolitik“ Zürichs in der ersten Hälfte des 15.Jahrhunderts. Rohr, Zürich 1978, ISBN 3-85865-043-9.
  • Bernhard Stettler: Die Eidgenossenschaft im 15. Jahrhundert. Die Suche nach einem gemeinsamen Nenner. Widmer-Dean, Menziken 2004, ISBN 978-3-9522927-0-9.
  • Alois Niederstätter: Der Alte Zürichkrieg: Studien zum österreichisch-eidgenössischen Konflikt sowie zur Politik König Friedrichs III. in den Jahren 1440 bis 1446 (= Forschungen zur Kaiser- und Papstgeschichte des Mittelalters. Band 14). Böhlau, Wien 1995, ISBN 3-205-05595-0.
  • Peter Niederhäuser, Christian Sieber (Hrsg.): Ein Bruderkrieg macht Geschichte. Neue Zugänge zum Alten Zürichkrieg (= Mitteilungen der Antiquarischen Gesellschaft in Zürich, Band 73 / Neujahrsblatt der Antiquarische Gesellschaft in Zürich Nr. 170). Chronos, Zürich 2006, ISBN 3-0340-0755-8.

Siehe auch

Commons: Alter Zürichkrieg – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. RI XIII H. 6 n. 22. Regesta Imperii Online, abgerufen am 12. Mai 2016. und Gegenbrief Zürichs in Anton Philipp von Segesser: Die eidgenössischen Abschiede aus dem Zeitraume von 1421 bis 1477. Beilage Nr. 17, S. 796–801, urn:nbn:de:hbz:061:1-10632.
  2. Konstantin M. A. Langmaier: Erzherzog Albrecht VI. von Österreich (1418–1463). Ein Fürst im Spannungsfeld von Dynastie, Regionen und Reich. Köln 2015, S. 89–260.
  3. Bernhard Stettler, Thomas Maissen: Geschichte der Schweiz. hier+jetzt, Baden 2010, S. 53.
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