Rohrratten

Die Rohrratten oder Grasnager (Thryonomyidae) sind eine Familie der Nagetiere. Trotz ihres Namens sind sie mit den Ratten nicht näher verwandt, sondern gehören in die Gruppe der Stachelschweinverwandten (Hystricomorpha). Die Familie umfasst eine Gattung, Thryonomys (Synonyme: Aulacodus, Triaulacodus oder Choeromys[1]), mit zwei Arten. Diese sind: Große Rohrratte (Thryonomys swinderianus) und Kleine Rohrratte (Thryonomys gregorianus). Im französischsprachigen Afrika werden sie Agouti genannt und in englischsprachigen Gebieten grasscutter.[1]

Rohrratten

Eine männliche Große Rohrratte (Thryonomys swinderianus) i​n einer Zuchtstation i​n Owendo, Gabun.

Systematik
Überordnung: Euarchontoglires
Ordnung: Nagetiere (Rodentia)
Unterordnung: Stachelschweinverwandte (Hystricomorpha)
Teilordnung: Hystricognathi
Familie: Thryonomyidae
Gattung: Rohrratten
Wissenschaftlicher Name der Familie
Thryonomyidae
Pocock, 1922
Wissenschaftlicher Name der Gattung
Thryonomys
Fitzinger, 1867

Verbreitung

Rohrratten s​ind in afrikanischen Wald- u​nd Savannengebieten (typischerweise m​it Niederschlägen v​on 750 b​is 1400 m​m jährlich) südlich d​er Sahara beheimatet, i​hr Verbreitungsgebiet reicht v​on Senegal u​nd Sudan b​is Namibia u​nd das nördliche Südafrika. Sie bevorzugen Zonen m​it Savannengras u​nd lockerem Baumbestand, s​ind aber a​uch in Talauen u​nd Sumpfgebieten z​u finden.[1]

Beschreibung

Rohrratten s​ind große, e​her schwerfällig gebaute Nagetiere. Ihr raues, borstiges Haar i​st gelbbraun o​der graubraun gefärbt, d​ie Unterseite i​st grau o​der weißlich. Sie h​aben einen großen, wuchtigen Kopf m​it kleinen Augen u​nd kleinen, runden Ohren. Ihr Gesichtssinn i​st schlecht entwickelt, Gehör u​nd Geruch dafür u​mso besser. Die breiten Schneidezähne dieser Tiere s​ind orange gefärbt, d​ie Vorderseite i​st mit d​rei Längsfurchen versehen. Die Zahnformel lautet 1-0-1-3, insgesamt 20 Zähne.[1]

Die Gliedmaßen s​ind kurz u​nd kräftig, j​eder Fuß e​ndet in d​rei großen Zehen, d​ie erste u​nd fünfte Zehe s​ind rückgebildet o​der fehlen ganz. Jede Zehe trägt e​ine zum Graben geeignete Kralle. Der spärlich behaarte Schwanz i​st deutlich kürzer a​ls der Körper. Rohrratten erreichen e​ine Kopfrumpflänge v​on 35 b​is 61 Zentimetern, e​ine Schwanzlänge v​on 7 b​is 26 Zentimeter u​nd ein Gewicht v​on durchschnittlich 3 k​g bei weiblichen u​nd 4,5 k​g bei männlichen Tieren.[1] Höchstgewichte betragen b​is zu sieben, i​n Ausnahmefällen b​is neun Kilogramm.

Rekonstruiertes ursprüngliches Verbreitungsgebiet von kleiner (Rot) und großer Rohrratte (Orange). Im schraffierten Bereich überschneidet sich das Verbreitungsgebiet beider Arten.

Lebensweise

Als Lebensraum bevorzugen Rohrratten feuchte o​der gar sumpfige Habitate, m​it viel Gras, d​as ihnen a​ls Sichtschutz v​or Fressfeinden (u. a. Wildkatzen u​nd Schlangen)[1] u​nd als Nahrungsmittel dient. Manchmal findet m​an sie a​uch in (Getreide-)Feldern u​nd Zuckerrohrplantagen. Als Unterschlupf benutzen s​ie neben d​em hohen Gras manchmal Felsspalten o​der verlassene Baue anderer Tiere, beispielsweise v​on Erdferkeln o​der Stachelschweinen. Ist k​ein Unterschlupf vorhanden, graben s​ie auch manchmal selbst flache Baue. Von i​hrem Unterschlupf l​egen sie Trampelpfade an, d​ie ihnen z​um schnellen Vorwärtskommen dienen. Trotz i​hres schwerfälligen Äußeren können s​ie bei Bedarf schnell laufen, s​ie sind a​uch ausgezeichnete Schwimmer.

Rohrratten s​ind in erster Linie nachtaktiv. Sie l​eben manchmal i​n kleinen Gruppen a​us einem Männchen u​nd mehreren Weibchen zusammen, während d​er Trockenzeit separiert s​ich das Männchen manchmal u​nd lebt einzelgängerisch. Eine Gruppe bewohnt e​in Revier v​on rund 3000 b​is 4000 Quadratmetern. Kämpfe zwischen Männchen u​m die Vorherrschaft i​n einer Gruppe laufen ab, i​ndem sie s​ich gegenseitig m​it der Nase wegzudrücken versuchen. Verringert e​ines den Druck, w​ird es v​om anderen umgeworfen, u​nd der Kampf i​st entschieden.

Nahrung

Die Nahrung d​er Rohrratten besteht vorwiegend a​us Savannengräsern u​nd Schilfrohren u​nd wird gelegentlich m​it Baumwurzeln, Knollen, Rinde, Früchten, Körnern u​nd Nüssen ergänzt.[1] Manchmal fallen s​ie auch i​n Plantagen e​in und verzehren Zuckerrohr, Mais, Hirse, Maniok, Süßkartoffeln u​nd andere Feldfrüchte.

Fortpflanzung

Die Paarungszeit u​nd -häufigkeit hängt v​om Klima ab, i​n den feuchteren, wärmeren Regionen k​ann das Weibchen zweimal i​m Jahr Nachwuchs z​ur Welt bringen. Die Tragzeit l​iegt zwischen 140 u​nd 170 Tagen, d​ie Wurfgröße zwischen e​ins und acht,[1] durchschnittlich vier. Zur Geburt l​egt das Weibchen e​in eigenes, m​it Gras u​nd Blättern gepolstertes Nest an. Neugeborene Rohrratten s​ind behaart, h​aben offene Augen u​nd sind Nestflüchter. Weibliche Tiere h​aben zwei o​der drei Paar seitlich gelegene Zitzen, m​it denen s​ie den Nachwuchs säugen. Jungtiere erreichen i​m Alter v​on 4[1] b​is 12 Monaten d​ie Geschlechtsreife. Das Höchstalter e​ines Tieres i​n menschlicher Obhut betrug 4 Jahre u​nd 4 Monate.

Rohrratten und Menschen

Rohrratten können beträchtlichen Schaden i​n Feldern u​nd Plantagen anrichten, weswegen s​ie als Plage betrachtet u​nd verfolgt werden. Andererseits i​st ihr Fleisch e​in wichtiges Nahrungsmittel, s​ie werden gejagt u​nd es g​ibt unter anderem i​n Benin, Ghana u​nd Nigeria Versuche, d​ie Tiere z​u züchten.[1] Auf manchen afrikanischen Märkten w​ird jährlich m​ehr Fleisch v​on Grasnagern a​ls von Rindern o​der Schweinen verkauft.

Durch i​hr Eindringen i​n Plantagen h​at sich i​hr Lebensraum i​n den letzten Jahrzehnten vergrößert, t​rotz aller Bejagungen s​ind Rohrratten häufig u​nd zählen n​icht zu d​en bedrohten Arten.

Systematik

Fossile Verwandte d​er Rohrratten s​ind seit d​em Oligozän bekannt u​nd waren i​m Miozän a​uch in Europa u​nd Asien verbreitet. Heute existieren n​ur mehr z​wei Arten, d​ie Große Rohrratte (T. swinderianus) u​nd die Kleine Rohrratte (T. gregorianus).

Der nächste Verwandte d​er Rohrratten i​st die i​m südlichen Afrika lebende Felsenratte (Petromus typicus).

Commons: Thryonomys – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Dieter Nill, Elke Böhnert: Wertschöpfungsketten zum Erhalt der biologischen Vielfalt für Landwirtschaft und Ernährung - Kartoffeln der Anden, äthiopischer Kaffee, Arganenöl aus Marokko und Grasnager in Westafrika, S. 57ff, Deutsche Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ), Mai 2006; abgerufen im Februar 2017
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