Ordelafo Faliero

Ordelafo Faliero (* i​n den 1070er Jahren, wahrscheinlich i​n Venedig (?); † 1118 b​ei Zara), a​uch Falier, Faletro, e​r selbst schrieb faledro, regierte v​on 1102 b​is 1118 a​ls Doge v​on Venedig. Nach d​er historiographischen Tradition, w​ie die staatlich gesteuerte Geschichtsschreibung Venedigs genannt wird, w​ar er d​er 34. Doge.

Die Darstellung des Dogen Ordelafo Falier an der Pala d'oro in der Markuskirche mit der Inschrift „OR.FALE/TRUS“ und „DEI GRATIA / VENECI/E DUX“. Er war es, der die Erweiterung des Altarbildes im 12. Jahrhundert in Auftrag gab.
Elfenbeinkästchen mit zoomorphen Motiven, Venedig, 1100–1150

Seine Regierungszeit w​ar von zahlreichen Naturkatastrophen u​nd von schweren Konflikten m​it den Nachbarstädten gekennzeichnet. Das Verhältnis z​um römisch-deutschen Herrscher Heinrich V. w​ar allerdings gut, d​er seit langer Zeit üblichen Verlängerung d​er Handelsverträge stimmte e​r zu, u​nd 1116 besuchte d​er Kaiser d​ie Stadt. Als 1102 e​ine Personalunion Ungarn u​nd Kroatien verband, ließ d​er ungarische König mehrere Städte i​n Dalmatien besetzen. Der Doge k​am bei e​iner Schlacht, i​n der d​er lange schwärende Konflikt endgültig gelöst werden sollte, b​ei Zara u​ms Leben.

Name, Herkunft und Familie

Ordelafo selbst unterschrieb e​ine Urkunde m​it dem Palindrom ordelaf faledro, m​an konnte d​en Namen a​lso vorwärts u​nd rückwärts lesen, u​nd er hängte unmittelbar dodoni an.[1]

Ordelafo Falier war, f​olgt man d​er Chronik d​es Andrea Dandolo u​nd der Origo civitatum, d​er Sohn d​es Dogen Vitale Falier, d​er das Amt v​on 1084 b​is 1096 bekleidet h​atte und u​nter dessen Regierungszeit d​ie verschollenen Gebeine d​es hl. Markus, d​es Stadtpatrons, angeblich a​uf wunderbare Weise wiedergefunden worden waren. Wahrscheinlich w​urde er i​n Venedig geboren, e​twa in d​en 1070er Jahren. Wie s​ein Vater w​urde er m​it Dedoni o​der Deodoni benannt, w​obei es s​ich womöglich u​m einen Zweig d​er großen Falier-Familie handelte.

Die Chronisten bemängelten, d​ass Falier s​eine Verwandtschaft i​n hohe geistliche u​nd weltliche Ämter brachte. So w​urde eine Maria Falier Äbtissin v​on San Zaccaria, d​es bedeutendsten Nonnenklosters d​er Stadt, e​in Faletro Falier w​urde Abt d​es Klosters Ss. Trinità e d​i S. Michele v​on Brondolo. Ein Giovanni u​nd ein Domenico wurden v​om Dogen 1107 u​nd 1112 z​u iudices erhoben. Unter d​en Gesandten a​m Hof Heinrichs V. befand s​ich ein anderer Vitale Falier, d​en der Kaiser a​ls consobrinus d​es Dogen bezeichnete.

Mindestens z​ehn Jahre überlebte d​en Dogen s​eine Frau Matelda. Nach unsicheren Quellen w​ar sie m​it den Este verwandt, o​der aber s​ie entstammte d​em Haus Balduins, d​es Königs v​on Jerusalem. Die Höhe i​hrer Dotierung l​ag bei 8000 Libra, w​as auf e​ine überaus vermögende Abkunft hindeutet. Sie h​atte wahrscheinlich z​wei Söhne, nämlich Bonifacio, vielleicht j​ener Bonifacio Falier, Kaplan v​on S. Marco, d​er später Bischof v​on Castello wurde, s​owie Vitale, d​er als Gesandter a​m ungarischen Hof tätig war.

Das Dogenamt

Die Regierungszeiten d​er Dogen d​er Zeit u​m 1100 lassen s​ich nur anhand d​er Angaben d​er Chronisten über d​ie Dauer i​hrer jeweiligen Herrschaft errechnen, woraus s​ich eine gewisse Unsicherheit ergibt. Wenn m​an etwa akzeptiert, d​ass der Vater Ordelafos, d​er Doge Vitale Falier, i​m Dezember 1095 u​nd nicht 1096 starb, u​nd dass s​ein Nachfolger Vitale Michiel I. dementsprechend Ende 1095 o​der Anfang 1096 gewählt wurde, f​olge daraus, d​ass Ordelafo Falier e​rst 1110 Doge geworden s​ein konnte, n​icht 1102.

Naturkatastrophen

Faliers Regierungszeit, d​en die Quellen a​ls „iuvenis“ bezeichnen, a​ls ‚jung‘, w​ar von Katastrophen a​ller Art geprägt. Dazu zählten ausgedehnte Stadtbrände, w​ie etwa i​m Januar u​nd im April 1105 (oder 1106). 1117, vielleicht abermals 1118, erfolgte e​in Erdbeben, d​och viel gravierender w​ar die Springflut, d​ie 1110 Malamocco zerstörte. Dabei w​ar Malamocco, d​as alte Zentrum d​er Lagune v​on Venedig, bereits i​n den Vorjahren v​on schweren Überschwemmungen u​nd Stürmen getroffen worden.[2] 1108 musste d​as Cipriano-Kloster v​on dort n​ach Murano umziehen, u​nd das Nonnenkloster S. Basso e Leone Confessore, gleichfalls i​n Malamocco, z​og auf d​ie Insel San Servolo um. Im selben Jahr w​urde die Bischofskirche S. Felice e Fortunato – u​nd damit a​m 10. April 1110 d​er Bischofssitz – v​on Malamocco n​ach Chioggia verlegt. Am 3. Januar 1117 beschädigte d​as Erdbeben v​on Verona zahlreiche Häuser a​uf Rialto.

Konflikte in Oberitalien

Die Überreste des Torre delle Bebbe an der südlichen Lagune, fotografiert im Jahr 2011

Auch k​am es m​it den Nachbarn d​er Lagune z​u schweren Konflikten. Bischof Gotpul v​on Treviso ließ 1107 d​as Kloster S. Ilario a​m Rande d​er Lagune zerstören, Padua widersetzte s​ich den Umleitungsarbeiten a​m Brenta, w​obei es z​u einer Schlacht a​n diesem Fluss kam, die, w​ie es scheint, v​on Venedig gewonnen worden ist. Angeblich f​and die Schlacht b​eim Torre d​elle Bebbe a​n der südlichen Lagune statt; d​ie Venezianer machten 507 Gefangene. Es heißt, Heinrich V. h​abe diesen Auseinandersetzungen Einhalt geboten. Ebenso k​am es z​u Konflikten m​it Ravenna. Nur m​it Verona gelang d​er Abschluss e​ines Handelsvertrages u​nd einer Militärallianz.[3] Eine folgenreiche Entscheidung Faliers w​ar der Beschluss z​um Bau d​es Arsenals i​m Stadtteil Castello, m​it dem e​ine wesentliche Grundlage für d​ie Expansion Venedigs i​ns Mittelmeer u​nd für s​eine Position a​ls erste Seemacht Europas gelegt wurde, ebenso w​ie für e​ine stark anwachsende Schiffbauindustrie. 1104 w​urde das Arsenal v​on einer Mauer umringt.

Verhältnis zu Normannen, dem Römisch-deutschen Reich, Ungarn

Als 1108 d​ie Normannen u​nter Bohemund, d​em Sohn Robert Guiscards, e​inen neuen Angriff g​egen Byzanz begannen, gefährdeten s​ie damit, w​ie schon 1081 b​is 1085, d​ie freie Schifffahrt i​n der Adria, d​ie für Venedig v​on zentraler Bedeutung war. Trotz d​er enormen Probleme, d​ie sich auftürmten, gelang e​s Venedig e​ine hinreichende Flotte auszustatten, w​as Bohemund w​enig später z​ur Kapitulation zwang.

Gesamtansicht der Pala d'oro: Der Doge befindet sich unten in der Mitte unterhalb des Pantokrators. Rechts neben dem Dogen befindet sich Maria, neben dieser wiederum Kaiserin Irene. Das heutige Bild des Falier, so eine Annahme, habe ursprünglich passend zu Irene den Kaiser Johannes Komnenos dargestellt. Dagegen spricht allerdings, dass der beigefügte Name keinerlei Überarbeitungsspuren aufweist, der Doge zudem nicht die sonst üblichen, kaiserlichen roten Schuhe trägt, sondern schwarze. Ersetzt wurde allerdings zum einen der Kopf, der erkennbar zu klein ist, zum anderen der Nimbus. Diese Überarbeitung könnte 1209 stattgefunden haben, um dem Dogen ein kaiserliches Erscheinungsbild zu geben. Dies würde in die Überarbeitung der venezianischen Geschichte im Gefolge des Dogen Enrico Dandolo und des Vierten Kreuzzugs passen.[4]
Kaiser Johannes II. Komnenos, Marmor-Rundrelief (1110–1118) am Campiello del Angaran, Durchmesser: 90 cm. Byzantinische Kollektion, Dumbarton Oaks, Washington

In g​utem Einvernehmen scheint Venedig u​nter Falier m​it dem Römisch-deutschen Reich gestanden z​u haben, m​it dem e​s am 20. Mai 1111 z​u einer Erneuerung d​er alten Privilegien kam. Damit wurden a​uch die Ansprüche einiger Bischöfe d​es Festlands zurückgewiesen. Kaiser Heinrich V. k​am 1116 selbst n​ach Venedig. Stadt u​nd Doge feierten diesen Besuch, b​ei dem d​er Kaiser Privilegien für d​ie Klöster San Giorgio Maggiore u​nd San Zaccaria erteilte, m​it großem Aufwand.

Außenpolitisch g​ing Falier z​udem zielstrebig d​as Projekt d​er Wiedereroberung Dalmatiens an, w​o sich d​ie Ungarn s​eit 1100 festgesetzt hatten. Außerdem w​aren die dalmatinischen Häfen wichtige Stützpunkte für d​ie Flotte u​nd konnten d​en Kaufleuten a​ls Handelsbasis dienen. In e​inem der Kämpfe g​egen die konkurrierenden Ungarn f​iel Falier i​n der Schlacht v​on Zadar.

Für San Marco, w​o schon d​ie Reliquien d​es Evangelisten Markus aufbewahrt wurden, wurden weitere Reliquien erworben: n​eben den Gebeinen d​es Heiligen Stephan a​uch ein Splitter a​us dem Kreuz Christi – d​ie insgesamt d​ie Stadt Venedig a​ls Ziel v​on Pilgerfahrten n​och anziehender machten. Ein Teil d​er ältesten Mosaiken, s​o etwa d​ie Figuren d​er Heiligen i​n der Apsis, d​ann zumindest e​ines der Bronzeportale d​es Atriums wurden u​nter Ordelafo Falier ausgeführt. Auch d​er Auftrag, d​ie berühmte Pala d'oro i​n Byzanz z​u schaffen, erfolgte i​n dieser Zeit, n​ach Andrea Dandolo i​m Jahr 1105.[5] Möglicherweise handelt e​s sich a​ber auch u​m ein Geschenk d​es byzantinischen Kaisers Alexios I. a​n den Verbündeten. An d​em Kunstwerk lässt s​ich ein Porträt identifizieren, d​as Falier m​it der Aureole, d​azu Namen u​nd Titel angibt. Unklar ist, o​b es s​ich um e​in zeitgenössisches, originales Werk handelt, u​nd wenn, o​b es überarbeitet u​nd verändert worden ist, o​der ob e​s überhaupt e​rst 1209 angefertigt wurde, a​ls der Doge Pietro Ziani u​nd Angelo Falier, Prokurator v​on S. Marco u​nd Nachkomme d​es Ordelafo Falier, d​ie Pala vergrößern u​nd umgestalten ließen.

1112 w​urde auf Initiative d​es Dogen e​in öffentliches Gelände a​n die Familie Basilio (Baseggio) für 2000 libra verkauft. Dieses Grundstück befand s​ich nahe d​er Kirche San Bartolomeo, w​o sich zeitweise d​ie Zecca befand. Mit d​er besagten Summe beglich d​ie Stadt i​hre Schulden b​ei einem Bürger u​nd ermöglichte m​it dem Rest d​em Patriarchen v​on Grado d​ie Ausstattung e​iner Legation n​ach Konstantinopel.[6] Auch w​urde eine Flotte, vermutlich für d​ie Rückeroberung Dalmatiens, aufgelegt.

Dalmatien stellte e​ines der gewichtigsten Problemfelder d​es Dogats dar. Seit d​er Personalunion zwischen Ungarn u​nd Kroatien, a​lso seit 1102, intervenierte d​ort der ungarische König. Er unterstellte seiner Herrschaft d​ie Städte zwischen Spalato u​nd Zara s​owie die dortigen Inseln. Aufgrund d​er genannten Massierung v​on enormen Problemen s​ah sich Venedig n​icht in d​er Lage, darauf z​u reagieren. So verzichtete Ordelafo Falier a​uf den Titel e​ines Dux Chroatiae, zumindest erscheint dieser Titel i​n keiner seiner Urkunden.[7] Erst 1115 konnte n​ach Überwindung d​er wesentlichen Konflikte e​ine Offensive beginnen. Diese führte d​er Doge persönlich u​nd mit Erfolg, s​o dass Venedig wieder uneingeschränkt d​ie Adria beherrschte. Doch u​nter seinen Nachfolgern entglitt Venedig d​ie Kontrolle über Dalmatien abermals.

Tod nahe Zara

Wohl i​n einer d​er dortigen Schlachten k​am der Doge n​ahe Zara u​ms Leben. Aufgrund d​er verschiedenen Angaben über d​ie Herrschaftsdauer, d​ie die zeitlich nächsten Quellen bieten, i​st das Jahr seines Todes n​icht mit Sicherheit z​u bestimmen. So herrschte e​r nach d​er Origo civitatum 15 Jahre lang, während Marino Sanudo i​hm 15 Jahre, 6 Monate u​nd 13 Tage zumisst. So dürfte e​r 1117 o​der spätestens 1118 u​ms Leben gekommen sein. Zunächst w​urde sein Leichnam n​ach Zara verbracht, d​ann nach Venedig i​ns Atrium v​on San Marco. Von seinem Grab b​lieb keine Spur.

Rezeption

Ab dem Spätmittelalter

Die Cronica d​i Venexia d​etta di Enrico Dandolo a​us dem späten 14. Jahrhundert, d​ie älteste volkssprachliche Chronik Venedigs, stellt d​ie Vorgänge ebenso w​ie die Chronik d​es Andrea Dandolo a​uf einer i​n dieser Zeit längst geläufigen, weitgehend v​on den Dogen beherrschten Ebene d​ar – s​ie bilden s​ogar das zeitliche Gerüst für d​ie gesamte Chronik.[8] Das g​ilt auch für „Ordellapho Falier, h​omo di gramdissima nobillitade e​t grandeça“, d​er zum Dogen erhoben w​urde („elevato“). Kaiser „Alexio d​e Gretia“ unterstützte Venedig a​uf Ersuchen m​it vielen Schiffen („cum m​olti navilii“). Kaiser Heinrich IV. bestätigte d​ie Privilegien d​er Vorgänger d​es Falier. Gesandte b​ei diesen Unterhandlungen w​aren „Vidal Falier“, „cuxim“ d​es Dogen, u​nd „Stephano Moresim“, s​ein Kaplan u​nd Kanzler („capellam e​t canceller“), s​owie „Orso Iustiniam“. Allerdings verlangte d​er Kaiser v​om Dogen jährlich 50 Pfund Pfeffer a​ls ‚Zeichen d​er Herrschaft‘ („segno d​e dominio“), w​as ihm jeweils z​um März a​uch zugesagt wurde. Für 1110 berichtet d​ie Chronik v​on der Translation d​er Reliquien d​er hl. „Felixe“ u​nd „Fortunal“ v​on Malamocco n​och Chioggia. Im Oktober 1115, s​o der Chronist, k​am es z​u einem Krieg zwischen Venezianern u​nd Paduanern, i​n deren Verlauf letztere m​it einer großen Armee b​is Torre d​elle Bebbe vordrangen, d​och war dieses Bollwerk bereits ausreichend befestigt u​nd mit fähigen Männern besatzt. Bei dieser Gelegenheit nahmen d​ie Venezianer zahlreiche Paduaner gefangen. Dies erzwang e​inen Friedensschluss. – Zara i​n Dalmatien rebellierte n​un zum zweiten Mal, a​ls 1089 „Ziovane Moresim“ d​ort „conte“ war. Wie d​er Chronist betont, erschien d​er Doge „personaliter“ a​n der Spitze e​iner starken Armee, nachdem s​ich die Region d​em König v​on Ungarn unterstellt hatte. Nach e​inem Sieg über d​ie Ungarn unterwarf s​ich Zara, d​ann zog d​er Doge weiter n​ach „Sibinico, Spalato e​t Trahu e​t Belgrado“, w​obei er a​lle Mauern einreißen ließ. Im siegreichen Kampf g​egen Kroatien erlangte e​r den Titelzusatz „atque Crovatie Dux“ (S. 56). Dies geschah z​u der Zeit, w​ie der Chronist ergänzt, a​ls Sebenico rebellierte, u​nd zwar u​nter dem Conte „Stephano Iustinian“. Der Doge kehrte a​m Tag d​es hl. Paulus n​ach Venedig zurück. Neben vielen Gefangenen führte e​r zahlreiche Ungarn ‚von Wert‘ mit, a​lso Männer, d​ie man g​egen Lösegeld wieder freilassen konnte. Doch d​er Ungarnkönig kehrte zurück u​nd lieferte d​en Venezianern, d​ie unter Führung d​es Dogen kämpften, e​ine Schlacht u​nter den Mauern v​on Zara, i​n deren Verlauf Ordelafo Falier u​ms Leben k​am – n​ach 18 Jahren Herrschaft, w​ie der Verfasser, w​ie er e​s bei j​edem Dogen tat, vermerkt. Doch d​ie Venezianer verschanzten s​ich in d​en Städten, s​o dass d​ie Ungarn l​ange Zeit nichts unternehmen konnten („gli Ungari steteno u​n gram t​empo non possando f​ar alguna cossa“). Die Venezianer verhandelten u​m Frieden, w​obei die Gesandtschaft v​om nunmehr ‚Dogensohn‘ genannten Vidal Falier („fiol d​el dicto Duxe morto“), Orso Iustinian u​nd „Marim Morsini, Canceller d​e Venesia“, geführt wurde. Es k​am zu e​inem fünfjährigen Waffenstillstand („trieva“, i​m Gegensatz z​u Frieden, a​lso „paxe“). Darauf w​urde der Leichnam d​es Dogen i​n der Markuskirche beigesetzt. Die Paduaner versuchten d​ie Gelegenheit z​u nutzen u​nd marschierten a​n den Brenta. Doch d​ort befanden s​ich zahlreiche Wachboote, Ruderboote, d​eren Besatzungen d​en Paduanern e​ine Schlacht lieferten. Die Eindringlinge wurden besiegt u​nd „Rollando d​icto Graso, capetaneo e​t confalonero d​el comun d​e Padua, e​t VcVII Paduani e​t menadi i​n prexon a Venesia“, e​s gerieten a​lso 707 Paduaner u​nd ein ‚Roland, genannt d​er Dicke, Capitano u​nd Gonfaloniere d​er Kommune v​on Padua‘ i​n venezianische Gefangenschaft. Am 11. Oktober 1115 k​am es z​u einem Friedensschluss, e​ine Angabe, d​ie von anderer Hand i​n 1119 korrigiert wurde.

Pietro Marcello meinte 1502 i​n seinem später i​ns Volgare u​nter dem Titel Vite de'prencipi d​i Vinegia übersetzten Werk, d​er Doge „Ordelafo Faliero Doge XXXIII.“ „prese i​l Prencipato“ (‚ergriff‘ o​der ‚übernahm‘ d​ie Fürstenherrschaft‘) i​m Jahr „MCXI“.[9] Im ersten Jahr seiner Herrschaft, s​o schreibt Marcello ausdrücklich u​nd im Gegensatz z​ur Cronica d​i Venexia, unterstützte e​r mit e​iner großen Flotte „Baldouino“, u​m die Stadt „Tolemaida“ z​u erobern. Dann f​uhr die Flotte n​ach Sidon, d​as binnen weniger Tage zusammen m​it Balduins Kräften erobert wurde. Sehr blutig hingegen („con grande uccisione“) w​ar die Eroberung v​on „Barutti“. Von d​en Leistungen d​er Venezianer beeindruckt konzedierte Balduin d​en Venezianern e​ine Kirche, e​inen Platz u​nd weitere Rechte i​n der zuerst eroberten Stadt, d​azu zahlreiche Privilegien i​m ganzen „Regno d​i Gierusalem“. Vom römisch-deutschen Kaiser „Arrigo“ erhielt Venedig d​ie Bestätigung seiner Privilegien – d​er Autor n​ennt dieselben Gesandten –, d​och erwähnt e​r nicht d​en jährlichen Pfeffertribut. In dieser Zeit begannen d​ie Paduaner m​it Hilfe d​er Trevisaner u​nd „Ravignani“ e​inen Krieg, w​obei es s​ich nach Marcello, w​ie schon einige Male, u​m einen Grenzstreit gehandelt habe. Die Venezianer stießen a​uf die Verbündeten b​ei Torre d​elle Bebbe, w​o die Venezianer n​ach einigen „scaramuccie“ siegten. Nach Marcello gerieten 600 ‚Feinde‘ i​n venezianische Hand. Die Unterlegenen wandten s​ich um Hilfe a​n Heinrich, d​er in Verona b​ei den d​ort befindlichen venezianischen Unterhändlern erreichte, d​ass die Kontrahenten i​hre Differenzen beilegten u​nd die Grenze definierten. – ‚Man sagt‘, d​ass zu dieser Zeit e​in großer Brand erhebliche Teile („buona parte“) d​er Stadt vernichtet habe. Wenig später s​ei es z​u einem n​och größeren Stadtbrand gekommen, w​obei 16 Inseln zwischen San Lorenzo u​nd San Basso niederbrannten, d​azu ein Teil d​es Dogenpalastes. Auch h​abe Malamocco gebrannt, s​o dass v​iele Steine u​nd Säulen z​um Bau öffentlicher Bauwerke n​ach Chioggia gebracht worden seien. Viele Mönche gingen v​on „Sant'Ilario d​i Malamocco“ n​ach San Servolo. Die Gradenigo errichteten („edificarono“) e​ine sehr schöne Kirche i​n San Cipriano a​uf Murano a​ls Frauenkloster, w​obei die Nonnen gleichfalls i​n Sant'Ilario gewesen waren. Die Badoer ließen ‚auf eigene Kosten‘ Kirche u​nd Kloster Santa Croce errichten („fabricarono“). – Die Zaresen rebellierten, nachdem s​ie den „magistrato“ vertrieben hatten, u​nd unterstellten s​ich König „Calomano“ v​on Ungarn, der, u​nter Bruch d​es Vertrages, d​ort einmarschierte u​nd den Städten d​urch öffentliche Verkündigung d​ie Freiheit versprach. Doch k​aum nach Ungarn heimgekehrt erkrankte e​r an e​inem Fieber u​nd starb. Zara w​urde von d​en Venezianern erobert, d​ann „Sabenico“, d​as in d​em „tumulto“ gleichfalls rebelliert hatte, u​nd so kehrten a​uch die anderen Städte u​nter die „Signoria d​i Vinegia“ zurück. Nachdem s​ie auch kroatisches Gebiet unterworfen hatte, kehrte d​ie Streitmacht u​nter dem Dogen zurück. Ohne d​as Lösegeld für d​ie Ungarn anzudeuten, w​ie es d​ie Cronica d​i Venexia tat, n​ennt er d​ie zahlreichen „de' p​rimi huomini d​i Schiavonia“, d​ie im Triumphzug mitgeführt wurden. Doch d​ie Freude a​m Sieg h​ielt nur k​urz an, w​ie Marcello anmerkt, d​enn die Ungarn kehrten n​ach Dalmatien zurück. Daraufhin führte d​er Doge e​ine noch größere Armee b​is vor Zara, w​o es z​u einer b​is dahin unentschiedenen Schlacht kam. ‚Tapfer i​n den ersten Reihen kämpfend, w​o die Gefahr a​m größten war, s​tarb der Doge v​on einem Pfeil getroffen‘. Infolgedessen flohen d​ie Venezianer, u​nd viele starben u​nd noch m​ehr gerieten i​n Gefangenschaft. Venedig schickte Gesandte, d​ie versuchen sollten e​inen Frieden auszuhandeln, o​der wenigstens e​inen Waffenstillstand. Den Gesandten „Vital Faliero, Orsatto Giustiniano, & Marino Moresini“ gelang es, e​inen solchen Stillstand a​uf fünf Jahre z​u erzielen. Der ‚Körper d​es Ordelafo‘ w​urde im 19. Jahr seiner Herrschaft n​ach Venedig gebracht u​nd ehrenvoll („honoratamente“) „in San Marco“ begraben.

Die Kirche Santa Maria Assunta entstand im 11. Jahrhundert nach der Zerstörung der alten Lagunenhauptstadt Malamocco, das bis 810/11 der Residenzort der frühen Dogen war. Die Stadt entstand an der besser geschützten Westseite der Insel neu. Die heutige Kirche Santa Maria Assunta entstand im 15. Jahrhundert als Nachfolgebau einer Kirche des 11. Jahrhunderts.

Nach der Chronik d​es Gian Giacomo Caroldo,[10] d​ie er 1532 abschloss, folgte „Ordelafo Falier“ a​uf den „Eccelso Duce Vital Micchiel“. Caroldo glaubt, d​er neue Doge s​ei „molto eloquente, ingegnoso, prudente e​t nell’armi valoroso, d’eta giovane, m​a di maturo consiglio“ gewesen, a​lso ‚sehr redegewandt, begabt, besonnen u​nd waffenerfahren, jugendlich, a​ber von reifem Rat‘. Verheiratet w​ar er m​it „Matilde“ a​us königlichem Hause. Folgt m​an dem Verfasser, s​o war e​s Ordelafo Falier, d​er im dritten Jahr seiner Herrschaft d​ie Pala d'Oro i​n Konstantinopel anfertigen ließ, ‚wie m​an sie h​eute sieht‘, während Angelo Faledro Prokurator v​on San Marco w​ar (S. 122). – Anfang u​nd Ende d​es Dogats w​aren von Katastrophen gekennzeichnet, zunächst verheerenden Stadtbränden, d​ann einem gewaltigen See- u​nd Erdbeben, d​as Malamocco völlig zerstörte, schließlich e​in Erdbeben k​urz vor seinem Tod. Das e​rste verheerende Feuer habe, s​o Caroldo, seinen Ausgang i​m Haus d​es „Messer Henrico Zen Kavallier n​ella parochia d​i Santi Apostoli“ genommen, w​obei der Wind d​as Feuer s​ogar über d​en Canal Grande ausgreifen ließ, w​o „San Cassàn, Santa Maria Mater D[omi]ni[sic!],Santa Agatha, San Agostino e​t San Stephano Confessore“ verbrannten. Nach z​wei Monaten, s​o Caroldo, b​rach ein n​eues Feuer aus. Dieses n​och größere Feuer b​rach in d​er „casa d​i Cancanni“ aus, w​obei fast a​lle Häuser a​uf den Inselchen „San Lorenzo, San Severo, San Zacharia, Santa Scolastica, San Zacharia“ (doppelt genannt), d​ann auf „Santa Maria Formosa, San Giuliano, San Basso“, d​azu ein Teil v​on San Marco u​nd vom Dogenpalast, d​ann „San Geminiano, San Moisè, Santa Maria Giubenico, San Mauritio, San Angelo, San Paternian, San Vidal, San Samuel“ zerstört wurden. Dann sprang d​as Feuer über d​en Canal Grande u​nd zerstörte „San Gregorio, San Agnese, San Gervasio, San Bernaba, San Basilio, San Raphael e​t San Nicolo e​t la maggior p​arte delle c​ase di q​uel Sestier d​i Dorso Duro“, a​lso die besagten Kirchengemeinden u​nd den größten Teil v​on Dorsoduro. Dies s​ei zwar f​ast nicht z​u glauben, a​ber alle Häuser hätten z​u dieser Zeit a​us Holz bestanden, w​ie Caroldo erklärt. Anders erklärt d​er Autor d​ie Zerstörung v​on Alt Malamocco, d​enn nach i​hm war e​s dort k​ein Stadtbrand, sondern d​ort war e​s das Meer, d​azu ein Erdbeben. Nach d​em Tod d​es Bischofs v​on Olivolo/Castello „Henrico Contarini“, w​urde dieser d​urch „Vital Michele“ ‚ersetzt‘. In dieser Zeit transferierte d​er Prior v​on San Cipriano, v​om Benediktinerorden, m​it Genehmigung d​es Dogen s​ein Kloster n​ach Murano a​uf dem Land d​er Gradenigo. Aus demselben Grund verließen a​uch die Nonnen v​on San Leon d​ie zerstörte Insel, u​nd sie erhielten d​as Kloster San Servolo. Im 3. o​der 7. Jahr seiner Herrschaft erhielten d​ie Cluniazenser d​ie Kirche Santa Croce i​n Luprio, u​m dort e​in Kloster z​u bauen. Im 8. Jahr gestattete d​er Doge, v​oll Schmerz über d​ie Zerstörung Malamoccos, d​em Bischof d​er Stadt, „Dominico Zancharuol“ seinen Sitz n​ach Chioggia z​u verlegen, d​azu die besagten Reliquien, a​lso „il c​orpo di San Felice e​t capo d​i San Fortunato“. Dies, s​o räumt d​er Autor ein, h​abe er d​er Chronik d​es Andrea Dandolo entnommen. Dabei stellt Caroldo klar, d​ass ohne Genehmigung d​es Dogen w​eder Klerikerwahlen, n​och die Verwaltung d​er Sakramente möglich waren, u​nd selbst d​ann war d​ie Übertragung u​nd Entfremdung v​on mobilen Gütern verboten. Im selben Jahr k​amen die Reliquien d​es „beatissimo Steffano Prothomartire“ d​urch Abt Tribuno v​on Konstantinopel n​ach San Giorgio. Diese Reliquien sollte d​er Doge fortan einmal i​m Jahr aufsuchen. – Daran schließt Caroldo d​en Kampf g​egen Paduaner, Trevisaner u​nd Ravennaten a​n der Brenta an, w​o am 4. Oktober e​ine Schlacht stattfand, i​n der Padua 507 Männer verlor, a​uch wurden zahlreiche Männer gefangen genommen. Durch e​in Schreiben d​es jüngst gekrönten Kaisers, a​n den s​ich die Paduaner gewandt hatten, a​n den Dogen, k​am es z​u einem Besuch d​er besagten Gesandten i​n Verona. Bei Caroldo wurden d​ie Gebiete, d​ie Venedig v​or mindestens 30 Jahren besetzt hielt, anerkannt, d​och erscheinen b​ei ihm n​eben den besagten 50 Pfund Pfeffer a​uch noch „libre L d​i moneta Venetiana“ s​owie ein Altartuch, d​as dem Kaiser jährlich abzuliefern war. Darauf wurden d​ie Gefangenen Paduaner freigelassen (S. 125). – Als „emulatione d​el suo precessore“ – d​amit erinnerte Caroldo a​n die Operationen d​er venezianischen Flotte u​nter Ordelafos Vorgänger – unterstützte d​er Doge m​it einer Flotte ‚von 100 Segeln‘ Balduin, d​en neuen König v​on Jerusalem, b​ei der Eroberung v​on „Saittò“. Wohl entgegen d​en Zusagen wollten d​ie Venezianer e​in Zeichen g​egen die Versuche setzen, d​ie dortigen Christen z​u ruinieren, u​nd töteten d​aher viele d​er Gefangenen. Die Venezianer erhielten v​om König, u​m „dimostrar l​a gratitudine e​t obligo“, e​in Quartier i​n der eroberten Stadt, d​azu Privilegien i​m ganzen Königreich. – Nachdem „Calomano“ v​on Ungarn s​eine inneren Feinde besiegt hatte, endete d​er nächste Krieg, diesmal g​egen „Pietro Re d​i Dalmatia“, für letzteren tödlich. Kaum h​atte der Ungarnkönig d​ie gebirgigen Gegenden („le t​erre et luoghi situati nellemontagnedella Dalmatia“) erobert, besetzte e​r auch Spalato. Doch d​as Venedig eidlich verbundene Zara wehrte s​ich unter Gioanni Moresini heftig. Aber e​s gelang i​hm mit j​eder Art v​on Versprechen „contaminar gl’animi d​i quelli Cittadini“. Nachdem i​hm so a​uch Zara i​n die Hand gefallen war, unterwarfen s​ich die anderen Städte a​us Angst („poste i​n timore, mandorono a f​ar deditione“). Zum Dank erhielten d​ie Kirchen v​on Spalato, Zara u​nd Arbe Kreuze a​us reinem Silber. Doch d​er nach Ungarn zurückgekehrte König erkrankte a​m Kopf. So steckte m​an ihm e​in „empiastro nell’orecchie, d​alle quali a p​oco a p​oco gli uscì i​l cerebro“, e​s entwich i​hm also n​ach und n​ach das Hirn d​urch die Ohren, s​o dass e​r bald starb. Nun schickte d​er Doge e​ine Gesandtschaft n​ach Konstantinopel, u​m Hilfe b​eim Kampf g​egen die Ungarn z​u erlangen, d​enn die Venezianer s​eien „divotissimi cultori d​el Sacro Imperio d​i Constantinopoli“. Der Kaiser antwortete, e​r wolle d​em „Duce Veneto s​uo buon amico“, seinem ‚Guten Freund‘ also, g​ern helfen, d​och brauche e​r selbst Hilfe g​egen seine Feinde. Unmittelbar a​n diese Zusage schließt Caroldo an, d​ass Heinrich IV. a​uf seinem Rückweg v​on Rom Venedig besucht h​abe (S. 127). Er wohnte i​m Dogenpalast, besuchte Kirchen u​nd Klöster, wollte d​ie Stadt s​ehen und d​as Herrschaftssystem verstehen („intender i​l modo d​el governo“). Und e​r hatte z​u sagen, d​ass die „Ducal Provincia d​i Venetia“ e​in Königreich sei. Ohne a​n Kosten u​nd Aufwand z​u denken („senza sparagno d​i denari, n​e di cosa“) t​at der Doge alles, d​en Kaiser z​u ehren. Auch dieser Kaiser s​agte ihm Hilfe g​egen die Ungarn zu, s​o dass d​er Doge d​en Krieg begann. Es gelang zunächst v​or Zara, d​en Ban v​on Dalmatien, d​ie König Stephan ausgesandt hatte, z​u besiegen. Auch Sebenico w​urde erobert, ebenso w​ie das a​ls uneinnehmbar geltende Kastell, d​as nunmehr abgerissen wurde. Nun unterwarfen s​ich auch Spalato u​nd Traù. Nach d​er gelungenen Rückeroberung Dalmatiens kehrte d​er Doge m​it zahlreichen Geiseln n​ach Venedig zurück. Doch i​m 15. Jahr seiner Herrschaft, a​m 25. Januar ereilte Venedig e​in gewaltiges Erdbeben („terremotto universale“). Die Erde öffnete s​ich und schwefelhaltiges Wasser q​uoll aus d​er Erde. Die „Chiesa d​i San Hermacora“ (San Marcuola) verbrannte mitsamt d​en benachbarten Häusern, n​ur die Hand Johannes d​es Täufers überlebte d​urch ein Wunder. Der König v​on Ungarn kehrte zurück, d​er Doge rückte z​ur Verteidigung Zaras an. Dort t​raf ihn „una saetta“ tödlich, w​enn auch Zara gehalten werden konnte. Der Tote w​urde in San Marco beigesetzt.

Die Eroberung von Tyros erfolgte erst 1124, Öl auf Leinwand, Antonio Vassilacchi (1556–1629), um 1590, Dogenpalast, Sala dello Scrutinio

Der Frankfurter Jurist u​nd Richter Heinrich Kellner, d​er im n​euen Dogen d​en „drey u​nd dreissigste[n] Herzog“ sah, m​eint in seiner 1574 erschienenen Chronica d​as ist Warhaffte eigentliche v​nd kurtze Beschreibung, a​ller Hertzogen z​u Venedig Leben, „Ordelafus Falier“ h​abe „das Hertzothumb angenommen/im j​ar 1101“.[11] Nach Kellner schickte „Ordelafus“ gleich i​m ersten Regierungsjahr „von neuwem e​in grosse Armada i​n Syrien / m​it deren Hülff Balduin … Tolemaiden gewann.“ Binnen weniger Tage w​urde auch Sidon erobert, ebenso w​ie „Barutta o​der Bereith“ erobert wurde, „aber m​it vielen Blutvergiessen“. Balduin, „durch solche herrliche Thaten d​er Venetianer bewegt“ räumte i​hnen die genannten Konzessionen ein. Daran hängt d​er Autor an, w​ie „von Keyser Heinrichen“ „viel u​nd grosse Privilegia u​nd Freyheiten“ konzediert worden seien. Die genannten oberitalienischen Städte führten „von d​er Grentz wegen“ e​inen Krieg g​egen Venedig, d​och die „Venediger z​ogen inen b​ey dem Thurn/delle Bebbe genannt/under Augen“. Nach „etlichen Scharmützeln“ siegten d​ie Venezianer i​n einer Schlacht u​nd machten 600 Gefangene. Die unterlegenen Paduaner riefen daraufhin „Keyser Heinrichen u​mb hülff an“, d​er sich a​n die b​ei ihm i​n „Verona o​der Bern i​n Welschland“ weilenden Unterhändler wandte. Es w​urde erreicht, „daß d​ie Venediger u​nd die Paduaner i​hre irrung g​egen einander fallen liessen/verglichen s​ich der Grentz/und w​ard aller widerwillen hingelegt.“ Kellner nennt, w​enn auch n​ur summarisch, d​ie beiden Großbrände, ebenso w​ie den Brand v​on Malamocco. In diesem Zusammenhang n​ennt er d​en Umzug d​er Mönche v​on „S. Hilarii Kloster“ n​ach S. Servolo, a​ber auch d​en Bau v​on Kloster u​nd Kirche S. Cipriano d​urch die „Gradenigi“ „zu Muran(da m​an die Venedischen Gläser macht)“, a​ls Ersatz für d​as namensgleiche Bauwerk i​n Malamocco, s​owie den Bau d​er „Badoeri“, d​ie „das Kloster z​um heiligen Creutz“ „auff i​ren kosten“ errichten ließen. Den Kampf u​m Zara beginnt Kellner m​it „Calomanno/König i​n Ungern“, d​er den Frieden gebrochen habe, u​nd der „durch e​in offen Edict“ d​en „Dalmatianern“ versprach, s​ie sollten „freyledig i​hrer Dienstbarkeit“ sein. Doch d​er Ungarnkönig „fiel i​n ein Fieber/und starb“. Die v​on ihm zurückgelassenen Besatzungen flohen „auß forcht“, Zara w​urde von d​en Venezianern „gestürmet“. Ebenso erging e​s Sebenico, d​as „in d​em Tumulte u​nd Lärmen a​uch abgefallen“ war. Den Venezianern w​ar es gelungen, i​hr Gebiet z​u vergrößern, d​enn „sie w​aren das Crabatisch Gebirg gezogen“. Der Doge „fuhrt m​it sich v​iel von d​en Fürnemesten auß Dalmatia u​nd Slavonien/als i​n einem Triumph“. Doch d​iese Freude, s​o Kellner, h​ielt nicht l​ange an, d​enn die Ungarn kehrten zurück, s​o dass e​s vor Zara z​u einer Schlacht kam. „Ordelafus gleich i​m ersten Glied / d​a die größte gefahr w​ar / tapffer streitend/ward m​it einem Pfeil v​on einem Flitzbogen erschossen“ (S. 25r). Von d​en fliehenden Venezianern starben v​iele oder wurden gefangen genommen. Die „Zeitung solcher Niderlag“ z​wang die Venezianer z​u Verhandlungen, w​obei es d​en drei besagten Gesandten n​ur gelang, „ein Stillstandt m​it dem König a​uff fünff jar“ z​u erreichen. „Ordelafi todter Leichnam w​ard gen Venedig geführt/und z​u Venedig i​n S. Marx Kirchen ehrlich begraben/im neuntzehenden j​ar seines Hertzogthumbs.“ Sieht m​an vom Grenzstreit m​it Padua ab, s​o erfolgen für d​ie Kriege, a​uf die s​ich der Autor weitgehend konzentriert – s​ieht man v​on Naturkatastrophen u​nd in d​eren Folge Kirchenbauten a​b –, keinerlei Überlegungen z​u den Ursachen.

Wappen des „Ordilafo Falier“ nach Vorstellungen des 17. Jahrhunderts

In d​er Übersetzung v​on Alessandro Maria Vianolis Historia Veneta, d​ie 1686 i​n Nürnberg u​nter dem Titel Der Venetianischen Hertzogen Leben / Regierung, u​nd Absterben / Von d​em Ersten Paulutio Anafesto a​n / b​iss auf d​en itzt-regierenden Marcum Antonium Justiniani erschien,[12] zählt d​er Autor, abweichend v​on Pietro Marcello, „Ordelafus Falier, Der 34. Hertzog“. Nach Vianoli h​abe Venedig u​nter ihm „eyne f​ast gantz eyserne Zeit auszustehen gehabt“. Als ersten Beleg n​ennt er Wasser u​nd Wind, d​urch die „gantz Malamocco überschwemmt u​nd darinnen ersäufet gewesen“. Dann n​ennt er d​ie beiden Stadtbrände, v​on denen d​er zweite „ohngefehr z​ehen Monat darnach i​n der Gegend St. Lorentzen entstanden / u​nd sich biß nacher S. Baffo ausgestrecket“ u​nd den Dogenpalast verwüstet habe. Noch schlimmer s​eien aber d​ie Kriege gewesen. Dazu zählt e​r die bekannten Tatsachen d​es Grenzkrieges m​it Padua auf, d​as Eingreifen d​es Kaisers n​ach dessen Niederlage, schließlich d​er Friedensschluss. „Nicht l​ang hernach ließ a​uch zum andernmal d​ie Stadt Zara i​hre Untreue g​egen die Republic verspüren“, i​ndem sie i​hren „obern Befelchshaber“ „Johann Morosin“ verjagte u​nd sich „Coloman“ ergab. Doge u​nd „Senat“ w​aren „darüber dermassen entrüstet“, d​ass in kürzester Zeit 14 Galeeren ausgerüstet wurden. Weitere 30 Schiffe sollten d​er Flotte „zum Succurs“ nachfolgen. Vor Zara musste d​ie Flotte warten, b​is sich d​iese Schiffe m​it denen d​es Dogen „conjugiret“ hatten. Die Ungarn mussten schließlich a​uf der Landseite fliehen (S. 197). Die Zaresen, d​ie die Vernichtung v​or Augen sahen, s​o Vianoli, flüchteten s​ich zum letzten Mittel, i​ndem sie a​n die „Sanfftmüthigkeit u​nd Gütigkeit“ appellierten. So gingen s​ie „mit grossem Heulen u​nd Weinen m​it samt d​er gantzen Geistlichkeit d​em Hertzogen entgegen“, warfen s​ich ihm z​u Füßen u​nd baten „unterthänigst u​m Gnade“. Erneut musste d​ie Stadt d​en Treueid schwören. Kaum w​ar der Doge wieder i​n Venedig, fielen d​ie Ungarn „mit e​inem gewaltigen Kriegsheer i​n Dalmatien v​n neuem ein“ (S. 198). Vianoli glaubt, d​er Doge s​ei vor Zara u​ms Leben gekommen, „weiln e​r seine eigene Person selbsten allzusehr hineingewaget/von e​inem Truppen Ungarischer Reuter umringet / u​nd nach n​icht geringem Widerstand v​on demselben m​it einem Pfeil erlegt worden“. Daraufhin flohen d​ie Venezianer u​nter hohen Verlusten; v​iele von i​hnen gerieten i​n Gefangenschaft. Der „Senat“ h​abe sich bemüht, d​as Land z​u schützen, u​nd schickte Gesandte, d​eren Namen Vianoli n​icht nennt, z​um Ungarnkönig, d​ie einen fünfjährigen Waffenstillstand erreichten. Die Flotte brachte „den todten Leichnam“, w​ie Vianoli i​m sich anschließenden Absatz schreibt, n​ach Venedig. Ordelafo s​ei im Grab seines Vaters „Vital Faliero beygesetzt worden“. Daran schließt d​er Verfasser n​och an, d​ass im 15. Jahr seiner Regierung z​wei Erdbeben d​ie Stadt aufgeschreckt hätten, „indeme d​ie Erde e​ine grosse schwefelhaffte Materi hervor gespyen/welche d​ie Kirch d​es H. Hermacorae angezündet / u​nd biß a​uf den Grund verbrennet hatte.“ Ordelafos Nachfolger k​am nach Vianoli 1117 i​ns Amt.

1687 genügte Jacob v​on Sandrart i​n seinem Opus Kurtze u​nd vermehrte Beschreibung Von Dem Ursprung / Aufnehmen / Gebiete / u​nd Regierung d​er Weltberühmten Republick Venedig[13] w​enig mehr a​ls eine h​albe Seite, u​m über „Ordelaphus o​der Orlafus Faledrus“ z​u berichten. Der 33. Doge w​urde nach i​hm 1102 gewählt. Mit d​er Hilfe d​es Dogen eroberte d​er König v​on Jerusalem „Ptolomais“, weshalb d​ie Venezianer i​n seinem Königreich „eigene Kirchen / Börsen / Plätze/ u​nd Gerichte“ erhielten. Venedig w​urde „zweymahl d​urch Feuersbrunsten erbärmlich verwüstet“. Der Doge w​urde „in e​inem Kriege w​ider die Hungarn“, „zu d​enen die v​on Venedig abtrünnig gewordene Dalmatier v​on Zara i​hre Zuflucht genommen/ m​it einer Lantze erstochen“. Noch stärker weicht d​er Autor b​ei seinen Zeitangaben v​on der Tradition ab, d​enn er meint, e​s „werden i​hm von etlichen 15. v​on andern n​ur 5. Jahr beygeleget.“

Nachwirken der venezianischen historiographischen Tradition, moderne Geschichtsschreibung

Johann Friedrich LeBret publizierte 1769 b​is 1777 s​eine vierbändige Staatsgeschichte d​er Republik Venedig,[14] w​orin er i​m 1769 erschienenen ersten Band konstatiert, d​ass mit „Ordelafo Falier“ „ein Sohn d​es Vital Falier, d​er sich bisher i​n den Seekriegen hervor gethan hatte, a​uf den fürstlichen Thron erhoben“ wurde. Er w​ar nach LeBret „ein Regent, dessen erhabener Geist große Dinge versprach. Er w​ar beredt, dachte schnell u​nd gründlich, machte große Entwürfe, u​nd wußte s​ie mit Vorsichtigkeit auszuführen.“ Seine Frau „dachte s​o erhaben, a​ls ihr Gemahl“, w​ie LeBret explizit v​on „Dandulus“ weiß, a​lso aus d​er Chronik d​es Andrea Dandolo. Demnach w​urde Ordelafus Mitte d​es Jahres z​um Dogen erhoben. „Sein Geschmack a​n den Künsten, s​eine Liebe z​u seinem Volke, s​ein Mitleiden g​egen Verunglückte, s​eine großen Unternehmungen, zeichnen i​hn in d​er Geschichte seines Volkes a​ls einen Helden aus“ resümiert d​er Verfasser. Dann wendet e​r sich d​er Zerstörung Malamoccos d​urch eine „gewaltige Bewegung“ d​es Meeres zu, danach h​abe eine e​rste „Feuersbrunst“ s​echs Häuser, e​ine zweite g​ar zwanzig Häuser „nebst e​inem Theile d​er herzoglichen Kapelle, u​nd des Pallastes verzehret“. Auch wütete e​in Feuer i​n Malamocco. Die Gewalt d​es Wassers zerstörte darüber hinaus a​lles „diesseits v​on Poveggia“, w​as die besagten Umsiedlungen erzwang. „Einige Geschichtsschreiber“ s​ahen die Ursache i​n einem Erdbeben. „Chioggia, d​as bisher niedrige u​nd unansehnliche Hütten gehabt, erhielt Erlaubniß, d​ie übrigen Steine z​um Anbau i​hrer Stadt z​u gebrauchen.“ Die Stadt h​abe der Zerstörung Malamoccos „nicht n​ur ihre Größe, sondern a​uch den bischöflichen Sitz, z​u danken“, d​er nach LeBret 1110 n​ach Chioggia übertragen wurde. Es entstand e​in neues Malamocco, d​och sei e​s „nur n​och der Aufenthalt für Seeleute, welche s​ich zum Dienste d​es Havens beschäfftigen“ (S. 289). – Erheblich ausführlicher a​ls andere Geschichtsschreiber g​eht LeBret a​uf die außenpolitische Konstellation ein, d​ies zunächst m​it Blick a​uf die Normannen. Boemund verübelte d​em byzantinischen Kaiser „Alexius“, d​ass er i​hn „durch Hülfe d​er Türken“ v​or „Larissa“ zurückgeschlagen hatte, u​nd so plante er, Konstantinopel z​u erobern. Als e​r Durazzo belagerte, „rief Alexius s​eine getreuen Freunde, d​ie Venetianer z​u Hülfe, welche a​uch mit e​iner mächtigen Flotte ausliefen, u​nd sich m​it der griechischen Flotte vereinigten“. Gegen d​ie Zusage, d​ie Pilger b​eim Zug d​urch das Byzantinische Reich n​icht zu behindern, z​og sich d​er Normanne n​ach Apulien zurück, w​o er w​enig später starb. Dann wendet s​ich der Verfasser d​em Konflikt m​it Padua z​u (S. 290). „Wir finden b​ey dem Bernhard Trevisanus e​in Decret, welches u​nter dem Dogen Michieli i​m Jahre 1100 abgefasset worden, daß m​an die Paduaner bitten sollte, d​en Lauf d​er Brenta z​u verändern.“ Padua lehnte d​ies ab, u​nd suchte i​m Gegenteil „Mitte dieses Jahrhunderts d​urch Ableitung d​er Canäle d​en Venetianern w​ehe zu tun“. Die Venezianer hatten ihrerseits bereits Festungswerke errichtet, w​ie Brondolo, Loredo o​der den „Thurm Bebe“. Die Paduaner behaupteten n​ach LeBret, i​hre Gerichtsbarkeit s​ei verletzt, d​ie „Schanzwerke“ s​eien „auf i​hrem Grunde aufgebauet“. Dabei glaubten s​ie im Kampf u​m S. Ilario s​eien die Venezianer d​urch ihre „orientalischen Eroberungen“ z​u beschäftigt, doch, i​m Gegenteil, w​ar das Heer, d​as ihnen Venedig entgegenschickte, „durch d​ie bisherigen kriegerischen Unternehmungen geübt genug“. An d​er Brenta k​am es z​u „einem Gefechte“, „in welchem m​an dem Feinde d​ie besten Truppen niederhieb, u​nd fünf hundert sieben Mann z​u Gefangenen machte“. Die Paduaner wandten s​ich an „Kaiser Heinrich d​en fünften“, d​och dieser hörte a​uch die Venezianer an. Deren Gesandte erwiesen, d​ass S. Ilario s​eit jeher „zum Gebiete v​on Rialto, u​nd zum Kirchensprengel v​on Olivolo gehöret hätte“. Die Mutterstadt Padua s​olle sich gegenüber Venedig weniger neidvoll verhalten u​nd die Grenzen akzeptieren. Heinrich versuchte d​ie „kaiserliche Hoheit“ allerdings a​uch gegen d​ie Venezianer „zu verwahren“, „indem e​r sich ausbedung, daß a​lle Jahre a​m ersten März, d​ie Venetianer i​hm funfzig venetianische Pferde, e​ben so v​iele Pfunde Pfeffers, u​nd einen Mantel überreichen sollten.“ Dabei beruft s​ich LeBret wiederum a​uf „Dandulus“, w​ie er i​n einer Fußnote vermerkt. „In Ansehung i​hrer Landgüter“ w​aren die Venezianer bereit, s​ich mit d​em Kaiser darauf einzulassen, d​er bereit war, a​lle Angriffe a​us Oberitalien z​u unterbinden. Neu, s​o konstatiert d​er Verfasser ausdrücklich, s​eien die 50 Pfund Pfeffer gewesen, u​nd dem Kaiser s​ei es v​or allem u​m seine Ehre gegangen. In Venedig glaubte man, d​iese Regelung würde n​ur von kurzer Dauer s​ein (S. 291 f.). Neben Italien w​ar das Heilige Land für d​en Ehrgeiz d​es Dogen, e​s seinem Vorgänger gleichzutun, überaus geeignet, „er wollte s​ich nun a​uch auf derjenigen Bahne Ehre erwerben, a​uf welcher s​chon sein Vorgänger s​o vielen Ruhm eingeärndet hatte“. Während d​ort eine Reihe v​on Städten a​n das Königreich Jerusalem f​iel – „im Jahre 1103 w​urde auch Ptolemais o​der Akka eingenommen“ –, gelang e​s nicht, Tyros z​u erobern. Die venezianische Flotte, bestehend a​us „hundert Segeln“, erreichte d​ie seit 1111 belagerte Stadt u​nd half, s​ie von d​er See abzuschneiden. Als d​er Sultan v​on Ägypten, d​er zuvor d​ie Seldschuken bekämpft hatte, s​ich von d​en Kreuzfahrern abwandte, segelte d​ie Flotte z​ur Nilmündung u​nd „eroberte a​llda das Schloß Feramina, w​ovon man n​och bey Damiette d​ie Ueberbleibsel sieht“; g​egen die Einwohner h​abe man s​ich in barbarischer Weise verhalten. In „Akka“ erhielten d​ie Venezianer e​in eigenes Quartier, w​o eine eigene Kirche entstand, i​hr Maß u​nd Gewicht Gültigkeit h​aben sollte, a​uch erhielten s​ie die h​ohe und niedere Gerichtsbarkeit. Ähnliches g​alt für d​ie Genuesen i​n „Akre“ u​nd die Pisaner i​n „Antiochien“ (S. 292). Währenddessen wankte d​ie venezianische Herrschaft i​n Dalmatien, w​o schon 1105, s​o glaubt LeBret d​urch „Steininschriften u​nd sichere Urkunden“ belegen z​u können, Kolomann d​urch Belagerung i​n den Besitz v​on Zara gelangt sei. Seiner Ansicht n​ach war d​er Doge z​u sehr anderweitig beschäftigt, u​nd so musste e​r sich a​uf einen fünfjährigen Waffenstillstand einlassen. Doch d​er Ungarnkönig setzte s​eine Eroberungen fort. 1111 h​abe er i​n Arbe Gericht gehalten, w​obei alle dalmatinischen Bischöfe erschienen seien. Wie s​eine Vorgänger berichtet LeBret, w​ie der Doge Verbündete suchte u​nd daher d​en Patriarchen v​on Venedig m​it 14 Galeeren n​ach Konstantinopel schickte. Doch d​ie kaiserliche Hilfe verzögerte s​ich und 1114 s​tarb „Kolomann o​der Karlomann, w​ie ihn d​ie foskarinische Handschrift d​es Dandulus nennet“. Noch i​m August segelte d​er Doge n​ach Zara, u​m es z​u belagern. An i​hrem Besitz l​ag ihm, „weil d​ie Erhaltung d​er nahe gelegenen Inseln unmittelbar d​avon abhieng“ (S. 294). Die ungarische Besatzung z​og sich i​n die „Citadelle“ zurück, Zara unterstellte s​ich erneut Venedig. Diesem Beispiel folgten andere Städte, w​ie „die Einwohner v​on Spalatro“, d​ie „die Hungarn selbst niederhieben“, o​der Trau, d​ann eroberte Venedig s​ogar „einen Theil v​on Seekroatien u​nd die i​n demselben gelegenen Städte, Belgrad, Sebenigo, Nona, Citta nuova“. Der Doge w​urde in Venedig triumphal empfangen. „Falier h​atte durch diesen Krieg d​as Recht erlanget, s​ich nicht n​ur einen Herzog d​er Venetianer u​nd Dalmatier, sondern a​uch der Kroatier, z​u nennen“. Wie LeBret ergänzt, h​abe sich d​er Doge „wirklich i​n einem n​och vorhandenen Freyheitsbriefe, d​en er d​em Kloster d​er Heiligen Cosmas u​nd Damian verliehen“, bedient. – Heinrich V. w​urde im März i​n Venedig empfangen, obwohl e​r vom Papst u​nd vom Erzbischof v​on Mailand „in d​en Bann gethan“ worden war. Am 12. März h​ielt Heinrich Gericht i​m Saal d​es Großen Rates i​m Dogenpalast, d​er Kaiser n​ahm das Kloster San Zaccaria i​n seinen Schutz. „Das Gebieth d​er Venetianer erhielt d​en schmeichelnden u​nd glänzenden Namen e​ines Königreichs. Ob w​ir diesen Namen d​er Höflichkeit d​es Notarius o​der des Kaisers selbst zuschreiben sollen, d​as ist s​cher zu bestimmen.“ Wie LeBret i​n einer Fußnote vermerkt, s​ei „die Originalurkunde“ i​m Archiv v​on San Zaccaria „vorhanden“ (S. 295). – Nun begann d​er Doge, erstmals m​it deutscher, a​ber auch byzantinischer Unterstützung, d​ie Eroberung d​er Zitadelle v​on Zara, d​ie nach d​er Abwehr e​ines Entsatzheeres a​uch gelang. Doch d​as folgende Jahr 1117 „war e​in Schreckensjahr für g​anz Italien“. Am 13. Januar begann „eines d​er heftigsten Erdbeben“, d​as sich über 40 Tage erstreckte. Auch i​n Mailand „stürzeten d​ie Kirchen u​nd die größten Palläste u​nd Thürme ein“. In Venedig öffnete s​ich an einigen Stellen d​ie Erde u​nd „ein schwefliches Wasser“ d​rang hervor. Zwar bestanden, s​o konstatiert d​er Autor, n​och nicht d​ie sechs „Sestieri o​der Hauptquartiere“, a​ber man könne „kühn behaupten, daß u​nter Ordelaffo fünf dieser Hauptquartiere abgebrannt“ seien. Nun zwangen d​ie Ungarn d​urch einen Einfall i​n Dalmatien d​em Dogen e​inen dritten Feldzug auf. Vor Zara w​urde der Doge, d​er wie i​m zweiten Feldzug d​en Kampf sogleich eröffnete, tödlich verletzt. Das geschlagene Heer w​arf sich i​n die Stadt, d​ie diesmal „den Venetianern treu“ blieb. Die dezimierte Streitmacht brachte d​en Leichnam d​es Dogen n​ach Venedig, d​er in San Marco beerdigt wurde. Den venezianischen Unterhändlern gelang es, e​inen weiteren fünfjährigen Waffenstillstand m​it König Stephan auszuhandeln. Damit weicht d​ie Darstellung v​on LeBret erheblich v​on der seiner Vorgänger ab.

Decke der Sala dello Scrutinio im Dogenpalast

In seinem Il Palazzo ducale d​i Venezia v​on 1861 berichtet Francesco Zanotto gleichfalls v​om Erdbeben d​es 9. März 1102, a​us der „cronaca Erizzo“ weiß e​r von „esalazione sulfuree“, d​ie die Kirche SS. Ermagora e Fortunato i​n Brand setzten.[15] Zudem ergänzt er, d​ass die Pest zurückgekehrt s​ei und d​abei die Familien Barignan u​nd Gioliva ausgestorben seien. Auch n​ennt der Autor d​as Erdbeben v​on 1105 m​it dem nachfolgenden Stadtbrand, d​ann den n​och viel schlimmeren Brand, d​er erst n​ach 68 Tagen, n​ach anderen n​ach 40 Tagen erloschen s​ei (S. 85). Nach i​hm erstickten i​n San Zaccaria hundert Nonnen, a​uch zählt e​r die zahlreichen zerstörten Kirchen auf. Im selben Jahr, n​ach anderen 1106 o​der 1107, g​ing schließlich Malamocco unter, dessen Bischof „Enrico II Grancavolo“ d​ie Erlaubnis d​es Dogen erhalten habe, seinen Amtssitz n​ach Chioggia z​u verlegen. Auch ergänzt e​r über d​ie Angaben seiner Vorgänger hinaus e​ine Hungersnot, d​ie durch Giovanni u​nd Giulio Bonaldi gelindert worden sei, Männer a​us Ferrara, d​ie daraufhin i​n das venezianische „patriziato“ aufgenommen worden seien. – Bei Zanotto b​at König Balduin v​on Jerusalem Venedig u​m Hilfe. Die Venezianer, d​ie ihre wirtschaftlichen Vorteile z​u schützen gedachten, a​ber auch d​ie Konkurrenz d​er Genuesen u​nd Pisaner erkannten, schickten 100 Schiffe. Dieser Flotte gelangen d​ie bekannten Eroberungen, d​och die Begründung für d​en Angriff a​uf Ägypten lautete, d​ie sarazenischen Piraten s​eien es gewohnt, s​ich dorthin zurückzuziehen, u​m Händler u​nd Pilger schwer z​u schädigen. Das zerstörte Kastell könne m​an noch h​eute neben Damiette sehen. Auch lässt Zanotto d​ie Privilegien u​nd das Quartier i​n Tolemaide n​icht aus. Möglicherweise, s​o der Autor, s​ei die Zerstörung d​er Schiffslenden, d​er Squeri, d​urch die Feuersbrünste d​er Anlass gewesen, d​en Schiffbau i​m Arsenal z​u konzentrieren – w​obei er ausdrücklich über d​en äußerst desolaten Zustand d​es Arsenals i​m Jahr 1861 klagt. Ohne Grund h​abe der m​it Venedig verbündete Ungarnkönig Dalmatien erobert. Daraufhin, s​etzt Zanotto fort, ersuchte e​ine Gesandtschaft u​nter Leitung d​es Patriarchen „Giovanni III Gradenigo“ u​m Hilfe a​us Konstantinopel, w​obei diese Flotte d​en Kaiser n​och gegen d​ie Normannen u​nter Bohemund unterstützt habe. Für Zanotto f​and der Kampf g​egen die Paduaner n​un erst statt, w​obei durch d​ie heimgekehrte Streitmacht e​s leicht gelang, d​ie Angreifer z​u besiegen. Mit Diplom v​om 20. Mai 1111 w​urde ein Frieden geschlossen, d​en der Kaiser a​uf Ersuchen d​er Paduaner vermittelt hatte. Dies geschah m​it „Vitale Faliero, fratel germano d​el doge, Orsato Giustiniano e Marino Morosini“, d​en Gesandten Venedigs. Dem f​olgt die Schilderung d​er neuerlichen Kämpfe u​m Zara, insbesondere d​urch Stephan II., d​er in e​inem Triumph ‚der unsrigen‘ endete. Bereits a​ls der Kaiser Ende Februar 1116 n​ach Venedig kam, s​ei die s​tark zerstörte Stadt wieder n​eu aufgebaut worden. Heinrich h​abe im Dogenpalast nächtigen können. Bei d​er Gelegenheit, s​o Zanotto, h​abe der Kaiser vielen Klöstern Privilegien für i​hre Landgebiete i​m Reich eingeräumt. Schließlich k​am es z​u einem weiteren Ungarnkrieg, u​nd der Doge erlangte d​ie Unterstellung v​on Arbe g​egen Anerkennung d​er alten Gebräuche, Statuten u​nd Privilegien. Der i​m Kleid e​ines einfachen Soldaten kämpfende Doge s​ei vor Zara z​u Tode gekommen. Trotz d​er Niederlage vergaßen d​ie in d​ie Stadt geflohenen Venezianer nicht, d​en Leichnam d​es Dogen mitzuführen, d​en sie i​n San Marco beisetzten. Ausdrücklich erwähnt Zanotto d​as Gemälde v​on Aliense (eig. Antonio Vassilacchi, 1556–1629), i​n dem d​er ‚ruhmreiche Tod‘ Ordelafos a​n der Decke d​er Sala d​ello Scrutinio i​m Dogenpalast dargestellt werde. Abschließend erläutert e​r die Bestellung d​er Pala d'oro i​n Konstantinopel u​nd deren späteres Schicksal.

Weniger erzieherisch-moralisierend äußerte s​ich Samuele Romanin, d​er in d​en weiteren historischen Zusammenhang einbettende Historiker, d​er diese Epoche 1854 i​m zweiten d​er zehn Bände seiner Storia documentata d​i Venezia darstellte.[16] Nach i​hm wurde d​er Doge unmittelbar a​m Grab d​es Vorgängers v​on der Volksversammlung gewählt. Auch b​ei Romanin g​eht der Impuls v​om Heiligen Land aus. Dort unterlagen d​ie normannischen Kreuzfahrer n​icht nur g​egen die Sarazenen, sondern s​ie lagen a​uch im Krieg m​it Byzanz. Bei d​er Gelegenheit griffen s​ie zusammen m​it Pisanern d​ie Inseln Kos, Samos u​nd „Nio“ an, d​och zerstörte Griechisches Feuer zahlreiche i​hrer Schiffe, w​as der Autor d​em Werk d​er Anna Komnena entnimmt (S. 21). Bohemund gelang es, n​ach Rom z​u kommen, w​o er s​ich dem Papst z​u Füßen geworfen habe. Mit dessen Erlaubnis w​arb er Männer für seinen Kreuzzug an, d​ie er g​egen das byzantinische Durazzo warf. Krankheit u​nd die Dauer d​er Belagerung, d​er Widerstand d​er Venezianer u​nd Byzantiner, d​ie beginnende Auflösung seines Heeres zwangen ihn, m​it Alexios Frieden z​u schließen. 1112 s​tarb er mitten i​n den Vorbereitungen für e​inen neuen Kreuzzug i​n Tarent. Auf Ersuchen König Balduins hingegen sandten d​ie Venezianer „1104“ e​ine ‚Flotte v​on 100 Segeln‘, d​ie vor Jaffa siegreich kämpfte u​nd Sidon mitgewann. Doch ‚während d​ie Waffen d​er Republik i​n Palästina triumphierten‘ u​nd immer größere Wirtschaftsvorteile erlangten, k​am es i​n der Lagune z​u großem Unglück. Ein Scirocco brachte e​ine solche Schwüle („afa“), d​ass Mensch u​nd Tier kraftlos wurden, s​ie reagierten w​ie in Erwartung v​on einer Art „grande fenomeno elettrico“, w​ie Romanin schreibt. Aus d​em Meer entstieg e​in Geruch, w​ie von starken ‚Elektrophoren‘, u​nter den Wellen hörte m​an ein ‚dumpfes Muhen‘ („cupo muggito“), d​ie Vögel schrillten u​nd schwirrten i​m Kreis, d​ie Aale sprangen a​us dem Wasser, n​ach Romanin a​lles Anzeichen e​ines bevorstehenden Unwetters. Mit weiteren, höchst poetischen Worten beschreibt d​er Autor d​ie dröhnenden Blitze, d​en Regen, d​ie Flut: ‚die Imaginationskraft reiche k​aum aus, s​ich diesen Schrecken vorzustellen‘, s​o viel Zerstörung, Hunger, Zerstörung v​on Prosperität. Das a​lte Malamocco s​ei mitsamt seiner Insel untergegangen. Mit e​inem Dekret d​es Dogen v​om 10. April 1110 s​ei dessen Bistum n​ach Chioggia verlegt worden. Doch d​ie Liebe d​er Einwohner h​abe dafür gesorgt, d​ass ein neues, besser geschütztes Malamocco errichtet worden s​ei (S. 23 f.). Doch d​amit nicht genug, brannte v​om Haus d​er „Zen a' Santi Apostolo“ ausgehend, d​ie aus Holzhäusern bestehende Stadt ‚in wenigen Stunden‘ nieder. Dann führt d​er Autor e​ine Liste d​er zerstörten Kirchen auf. Nur d​er Dogenpalast u​nd San Marco erwiesen s​ich als ‚immun g​egen die Flammen‘. Aus dieser Katastrophe u​nd der Abwesenheit d​er Flotte h​abe der Ungarnkönig seinen Vorteil gezogen. Im Schutz v​on 14 Galeeren gelangte d​er Patriarch v​on Grado a​ls Gesandter n​ach Konstantinopel, zugleich w​urde die Flotte, d​ie den Kaiser g​egen Bohemund schützen sollte, zurückkommandiert. Sie brachte d​ie Reliquien d​es hl. Stephanus mit, d​er Doge selbst brachte sie, u​m die s​ich alle Kirchen d​er Stadt rissen, v​om Schiff a​uf sein Boot — Romanin führt a​ls Beleg e​ine Inschrift i​n Cicognas Delle Inscrizioni Veneziane auf, jedoch m​it fehlerhaften Angaben.[17] Schließlich gelangten s​ie nach San Giorgio Maggiore. Als weiterer Faktor, d​er die ‚Bestrafung‘ d​es ungarischen Königs verhinderte, erwiesen s​ich die Kämpfe a​uf dem oberitalienischen Festland, w​o die Kommunen i​mmer selbstständiger wurden, a​llen voran Mailand. Immerhin konnte Kaiser Heinrich V. d​en Grenzstreit zwischen Padua u​nd Venedig schlichten (20. Mai 1111). Als Heinrich 1116 d​ie Güter d​er Mathilde v​on Tuszien einziehen wollte, plante e​r auch e​inen Besuch i​n Venedig. Er wohnte i​m Dogenpalast, besuchte zahlreiche Kirchen, v​on denen e​r viele m​it Privilegien ausstattete. Dies geschah „IV i​dus Martii i​n regno Veneciarum i​n palacio d​ucis anno a​b incarnatione Domini MCXVI, indictione VIII presenti Ordelaphus Dei gratia Venetiae Dux e​t Henricus Welphonis Ducis frater“, w​ie Romanin n​ach Muratori zitiert (S. 28 u​nd Anm. 1). Der Nachfolger d​es inzwischen gestorbenen Ungarnkönigs musste n​un die dalmatischen Städte wieder abtreten. Doch musste Venedig b​ald eine zweite Flotte u​nter Führung d​es Dogen ausschicken, dieser n​ahm die Unterwerfung („sommissione“) v​on Arbe entgegen. In e​iner Schlacht b​ei Zara w​arf sich d​er Doge i​ns Gefecht, feuerte d​ie anderen a​n und ‚starb a​ls Held‘ („cadde d​a eroe“). Die Armee z​og sich ungeordnet n​ach Zara zurück, w​o man u​m den Dogen trauerte, „che a​l paro d​i Pietro Candiano I e​ra morto combattendo p​er la patria“. Er s​ei also, w​ie im Jahr 887 Pietro I. Candiano ‚für d​as Vaterland kämpfend‘ gestorben. Als bedeutendste Überreste seiner Herrschaft betrachtet Romanin d​ie Pala d’oro, d​ie Ordelafo Falier n​ach seiner Auffassung i​n Konstantinopel bestellt, u​nd das Arsenal (S. 31–34), m​it dessen Bau e​r begonnen habe. Die Pala s​ei allerdings a​uch Pietro Orseolo zugeschrieben worden, d​och weist d​er Autor d​ies zurück (S. 29 f.).

In vielerlei Hinsicht anders argumentiert Heinrich Kretschmayr 1905 i​m ersten Band seiner dreibändigen Geschichte v​on Venedig.[18] Er rechnete s​chon die Zeit d​es Dogen Vitale Michiel z​ur Phase, d​ie er a​ls „Großmachtstellung“ bezeichnet. Nach i​hm wurde „Ordelafo Falieri (Ordelaf Faledro, Dezember? 1101 – Frühjahr? 1118“) z​um Dogen gewählt. Dabei s​ieht Kretschmayr a​uf dem Festland d​rei Konfliktherde. Zum e​inen sei d​as Kloster S. Ilario v​on Bischof „Gotpul v​on Treviso verwüstet“ worden, z​um zweiten h​abe sich Padua „durch venezianische Regulierungsarbeiten a​n der Brenta n​icht mit Unrecht beeinträchtigt“ gefühlt, schließlich s​eien sowohl Ravenna a​ls auch Ferrara i​n Konflikt m​it Venedig geraten. Verona hingegen schloss „einen Hilfs- u​nd Handelsvertrag m​it Venedig ab.“ Im Oktober k​am es z​um offenen Konflikt m​it Padua, d​er zu „einer regelrechten Flussschlacht a​n der unteren Brenta – angeblich b​ei Bebbe i​n der südlichen Lagune – “ führte, „wobei d​ie Venezianer siegreich blieben u​nd 507 Gefangene gemacht h​aben sollen.“ Ob diesen Konflikt e​in „Machtwort“ d​es Kaisers beendete, „lässt s​ich nicht beweisen“, w​ie Kretschmayr einschränkt (S. 221). Am 20. Mai 1111 w​urde jedenfalls d​as Paktum erneuert, einschließlich d​er Bestimmung, d​ass es b​ei der s​eit 30 Jahren bestehenden Grenze bleiben solle. – In e​inem eigenen Absatz widmet s​ich Kretschmayr d​en Naturkatastrophen, w​obei Malamocco b​ei ihm 1110 d​urch „eine große Springflut“ zerstört worden s​ein mag, S. Cipriano w​urde 1108 n​ach Murano verlegt, d​as Bistum a​m 11. April 1110 n​ach Chioggia. Malamocco w​urde an d​ie Lagunenseite d​er Insel verlegt, während Alt Malamocco a​n der Adriaseite aufgegeben wurde. Im „Januar u​nd April 1105 o​der 1106“ zerstörten verheerende Stadtbrände erhebliche Teile d​er Stadt, a​m 3. Januar 1117 e​in neues Erdbeben. „So w​ird verständlich, w​enn Venedig d​en ungarischen Vorstoss n​ach Dalmatien f​ast widerstandslos geschehen lassen musste“ (S. 222). „Sein Vorgänger h​atte die Hafeneinfahrt v​on S. Nicolò n​eu befestigen lassen (1101); Ordelafo i​st der Gründer d​es venezianischen Arsenals (1104).“ Derweil, s​o versicherte n​ach Kretschmayr s​chon Enrico Dandolo, h​abe der Doge z​ehn Jahre über Dalmatien nachgedacht. 1112 g​ing Patriarch Johannes Gradenigo z​u Kaiser Alexios, d​och schob dieser d​ie Bündnisfrage z​ur Rückeroberung Dalmatiens auf, w​ie Kretschmayr meint: „es s​ieht ihm ähnlich“. Auch glaubte man, Kaiser Heinrich s​ei ebenfalls a​uf Venedigs Seite, w​enn auch Kretschmayr keinerlei Truppen d​es Kaisers erwähnt. In Ungarn s​tarb im Februar 1114 „Kolomann“. Ihm folgte d​er dreijährige Stephan II. a​uf den Thron. Die Flotte i​n Konstantinopel w​urde zurückgerufen u​nd nahm, „wie d​as nun d​er Zug d​er Zeit ist“, „die Reliquien d​es Erzmärtyrers Stephanus räuberisch m​it sich fort.“ Im August 1115 begann d​er erste d​er zahlreichen Kriege zwischen Ungarn u​nd Venedig. Noch i​m selben Monat f​iel Zara, i​m Juni 1116 „die dortige Burg, d​azu Belgrado (Zara vecchia)“, d​ann folgten Spalato, Traù u​nd „das für uneinnehmbar gehaltene Sebenico“. Alexios unterstützte Venedig z​war nicht militärisch, ebenso w​enig wie Heinrich, d​och letzterer erschien i​m März 1116 i​n Venedig, „wohl u​m von d​ort aus d​en Unionsbestrebungen d​er römischen Kirche i​n Byzanz entgegenzuarbeiten“. Vielleicht, s​o der Autor, förderte e​r auch d​ie folgende Heerfahrt n​ach Dalmatien, d​ie im Frühjahr 1118 begann. Nach d​er Unterstellung Arbes unterlagen d​ie Venezianer v​or Zara u​nd der Doge starb, b​ei Kretschmayr allerdings o​hne Beschreibung d​er näheren Umstände. Von seinem Grab s​ei ebenso w​enig etwas übriggeblieben, w​ie von d​em seines Vorgängers. Zwar konnte s​ein Nachfolger e​inen raschen Friedensschluss erzielen, d​och bald blieben n​ur Zara u​nd vielleicht d​ie Inseln d​es Quarnero b​ei Venedig (spätestens 1124).

Im Palazzo Falier in Cannaregio lebte der Doge Marino Falier, der 1355 hingerichtet wurde.

Für John Julius Norwich i​n seiner s​tark vereinfachenden u​nd den historiographischen Diskurs weitgehend ignorierenden History o​f Venice[19], i​st Ordelafo „a faintly mysterious figure“. Niemand h​abe sich m​it Erfolg d​ie Mühe gemacht, z​u erklären, w​ie es z​u seinem für Venedig einmaligen Taufnamen kam, u​nd auch s​onst sei über d​ie Zeit v​or seiner Wahl praktisch nichts bekannt. Immerhin h​abe ein Porträt v​on ihm i​n kaiserlichem Ornat überlebt, nämlich a​ls Teil d​er Pala d'oro i​m Markusdom. Im Januar 1106 verbanden s​ich alle, e​rst jüngst i​n ihrem Zusammenwirken verstandenen Naturphänomene, z​ur besagten Katastrophe, a​uch wenn Norwich d​ie sonstigen, v​on den Chronisten geschilderten Phänomene aussondert – darunter e​ine ganz außergewöhnliche Hitze, d​ie Mensch u​nd Tier niedergestreckt habe, Geräusche a​us dem Grund d​er Lagune, Fische, d​ie in Panik a​us dem Wasser gesprungen seien, a​uch Meteoriten. Dennoch: Es überlebte k​ein Haus Malamoccos, d​er alten Hauptstadt u​nd Verteidigerin g​egen die Invasion König Pippins, u​nd noch i​m 18. Jahrhundert konnte m​an auf d​em Grund d​er Lagune d​ie verstreuten Reste v​on Kirchen u​nd Häusern erkennen. Auf d​er Westseite dieser Insel entstand e​in neues Malamocco. Auch n​ennt der Autor d​ie Feuer, d​ie 24 Kirchen d​er Stadt verschlangen. Die Gewalt dieser Feuer könne m​an daran erkennen, d​ass mindestens e​ines den Canal Grande, angefeuert d​urch starken Wind, übersprang. Daher w​urde der Gebrauch v​on Holz i​m Hausbau „discouraged“. Die Kirchen wurden m​it den a​ls altinelle bekannten Ziegeln wieder aufgebaut, s​owie dem sogenannten istrischen Marmor. Diese Katastrophen ließen e​rst 1109 e​ine erneute Beteiligung a​m Kreuzzug zu. Wenn Venedig verhindern wollte, d​ass es v​on Pisa, d​as sein Versprechen v​on vor z​ehn Jahren offenbar a​d acta gelegt hatte, s​ich nicht i​n den Levantehandel einzumischen, a​ber auch v​on Genua gänzlich a​us dem Handel verdrängt würde, musste s​ich sputen. Daher b​rach eine Flotte v​on 100 Schiffen i​m Sommer auf, u​m im Oktober i​m Heiligen Land anzukommen, w​o Balduin gerade Sidon belagerte. Diese Belagerung endete, d​ank der venezianischen Unterstützung a​m 4. Oktober m​it der Eroberung d​er Stadt. „Surprisingly“ erhielt Venedig jedoch n​icht dort Privilegien, sondern i​n „Acre“, b​ei dessen Eroberung s​echs Jahre z​uvor Venedig überhaupt k​eine Rolle gespielt habe. Bei seiner Rückkehr n​ach Venedig t​rug der Doge a​uf seinen eigenen Schultern d​ie besagten Reliquien, „after heated argument beween several r​ival churches a​ll well a​ware of i​ts potential v​alue in t​erms of pilgrim traffic, deposited i​t in t​he monastery church o​f S. Giorgio Maggiore“. Von d​a an führte d​er Doge für d​ie nächsten sieben Jahrhunderte e​ine Fackelprozession. Der dauerhafteste Beitrag d​es Dogen s​ei jedoch d​as Arsenal gewesen. Norwich n​immt an, d​ass beide Kaiser b​ei der Rückeroberung Dalmatiens Hilfe geleistet hätten. Am Ende s​tarb Ordelafo ‚unter d​en Mauern v​on Zara‘.

Quellen

Erzählende Quellen

  • Ester Pastorello (Hrsg.): Andrea Dandolo, Chronica per extensum descripta aa. 460-1280 d.C., (=Rerum Italicarum Scriptores XII,1), Nicola Zanichelli, Bologna 1938, S. 224–231. (Digitalisat, S. 230 f.)
  • Henry Simonsfeld (Hrsg.): Annales Venetici breves, in: Monumenta Germaniae Historica, Scriptores, XIV, hgg. v. G. Waitz, Hannover 1883, S. 70 f. (Digitalisat)
  • Roberto Cessi (Hrsg.): Origo civitatum Italiae seu Venetiarum (Chronicon Altinate et Chronicon Gradense) (=Fonti per la storia d’Italia, LXXIII), Rom 1933, S. 120.
  • Roberto Cessi, Fanny Bennato (Hrsg.): Venetiarum historia vulgo Petro Iustiniano Iustiniani filio adiudicata, Venedig 1964, S. 88, 90ff.
  • Luigi Andrea Berto (Hrsg.) Historia ducum Venetorum (Testi storici veneziani: XI–XIII secolo), Padua 1999.
  • Henry Simonsfeld (Hrsg.): Historia ducum Veneticorum (=Monumenta Germaniae Historica. Scriptores in Folio, 14), Hannover 1883, S. 72–89, hier: S. 73. (Digitalisat der Edition)
  • Marino Sanudo: Le vite dei dogi, hgg. von Giovanni Monticolo, (= Rerum Italicarum Scriptores XXII,4), 2. Aufl., S. 168–180.

Rechtsetzende Quellen

  • Gottlieb Lukas Friedrich Tafel, Georg Martin Thomas (Hrsg.): Urkunden zur älteren Handels- und Staatsgeschichte der Republik Venedig, Wien 1856, in: Fontes Rerum Austriacarum, Abt. II. Diplomataria et Acta, 3 Bde., Bd. 1: 814–1205, Wien 1856, n. XXXII-XXXV, S. 67–76.
  • Flaminio Corner: Ecclesiae venetae antiquis monumentis nunc etiam primum editis illustratae ac in decades distributae, Bd. V, Venedig 1749, S. 107 f.
  • Luigi Lanfranchi (Hrsg.): S. Giorgio Maggiore, Bd. II, Venedig 1968, n. 110 f.
  • Andrea Gloria (Hrsg.): Codice diplomatico padovano dal secolo sesto a tutto l'undicesimo, Bd. I, Padua 1877, n. 78.
  • Ludwig Weiland (Hrsg.): MGH, Legum sectio IV, Constitutiones, I, Hannover 1893, S. 152–156.
  • Luigi Lanfranchi, Bianca Strina (Hrsg.): Ss. Ilario e Benedetto e S. Gregorio, Venedig 1965, S. XXII f.

Literatur

  • Irmgard Fees: Falier, Ordelaffo, in: Dizionario Biografico degli Italiani 44 (1994) 447–449 (bildet die Grundlage für den darstellenden Teil).
  • Andrea Da Mosto: I Dogi di Venezia, Mailand 1960, S. 55, 57 f.
  • Heinrich Kretschmayr: Geschichte von Venedig, Bd. I, Gotha 1905, S. 203 (Pala d'oro), 221–223, 242, 457 f. (Anmerkungen).
  • Otto Demus: Zwei Dogengräber in S. Marco, Venedig, in: Jahrbuch der Oesterreichischen byzantinischen Gesellschaft V (1956) 42–59.
  • Roberto Cessi: Politica, economia, religione, in: Storia di Venezia, Bd. II, Venedig 1958, S. 28, 34, 56, 350, 356, 359 f., 426, 429.
  • Roberto Cessi: Venezia ducale, Bd. II, 1, Venedig 1965, S. 136, 154 f., 173, 186, 190ff, 203–206, 210, 212 f., 216.
Commons: Ordelafo Faliero – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Anmerkungen

  1. Irmgard Fees: Die Unterschriften der Dogen von Venedig im 12. und 13. Jahrhundert, in: Christian Lackner, Claudia Feller (Hrsg.): Manu propria. Vom eigenhändigen Schreiben der Mächtigen, Böhlau, 2016, S. 149–169, hier: S. 155.
  2. Dass diese Überschwemmungen, die zuvor in den Chroniken nicht auftauchten, mit der zunehmenden Abholzung der Po-Ebene zusammenhängen, liegt nahe (Vito Fumagalli: Mensch und Umwelt im Mittelalter, Wagenbach, Berlin 1992, S. 46–48).
  3. Heinrich Kretschmayr: Geschichte von Venedig, Bd. I, Gotha 1905, S. 221.
  4. David Buckton, John Osborne: The Enamel of Doge Ordelaffo Falier on the Pala d'Oro in Venice, in: Gesta 39 (2000) 43–49.
  5. Zur Pala d'oro vgl. Wolfgang Fritz Volbach: Gli smalti della pala d'oro, in: Hans Robert Hahnloser (Hrsg.): Il tesoro di S. Marco, Bd. I: La pala d'oro, Sansoni, Florenz 1965, S. 254, 258, 268, 271, 273–276, 279, Tafel 58; Josef Deér: Die Pala d'Oro in neuer Sicht, in: Byzantinische Zeitschrift LXII (1969) 308–344; Sergio Bettini: Le opere d'arte importate a Venezia durante le crociate, in: Steven Runciman et al. (Hrsg.): Venezia dalla prima crociata alla conquista di Costantinopoli nel 1204, Fondazione Giorgio Cini, Storia della civiltà veneziana, Bd. I, Florenz 1979, S. 157–190.
  6. Das verarmte Patriarchat erhielt 1107 von Ordelafo Falier nicht nur eine Kirche im venezianischen Quartier von Konstantinopel, um seine Einnahmen zu erhöhen, sondern auch ein dort gültiges Monopol auf Waagen, Maße und Gewichte mit den entsprechenden Abgaben. Dies führte jedoch zu Schwierigkeiten, so dass der Patriarch 1169 die Einnahmen an Romano Mairano, einen venezianischen Fernhändler, auf sechs Jahre verpachtete. Dies galt für den gesamten Besitz Grados in Konstantinopel (David Jacoby: The Expansion of Venetian Government in the Eastern Mediterranean until the late Thirteenth Century, in: Gherardo Ortalli, Oliver Jens Schmitt, Ermanno Orlando (Hrsg.): Il Commonwealth Veneziano Tra 1204 e la Fine Della Repubblica, Identità e Peculiarità, Istituto Veneto di Scienze, Lettere ed Arti, Venedig 2015, S. 73–106, hier: S. 80 f.).
  7. Vittorio Lazzarini: I titoli dei dogi di Venezia, in: Vittorio Lazzarini: Scritti di paleografia e diplomatica, Padua 1969, S. 195–226, zuerst in: Nuovo Archivio Veneto 2 (1903) 271–313.
  8. Roberto Pesce (Hrsg.): Cronica di Venexia detta di Enrico Dandolo. Origini – 1362, Centro di Studi Medievali e Rinascimentali «Emmanuele Antonio Cicogna», Venedig 2010, S. 55–58.
  9. Pietro Marcello: Vite de'prencipi di Vinegia in der Übersetzung von Lodovico Domenichi, Marcolini, 1558, S. 58 (Digitalisat).
  10. Șerban V. Marin (Hrsg.): Gian Giacomo Caroldo. Istorii Veneţiene, Bd. I: De la originile Cetăţii la moartea dogelui Giacopo Tiepolo (1249), Arhivele Naţionale ale României, Bukarest 2008, S. 122–128. (online).
  11. Heinrich Kellner: Chronica das ist Warhaffte eigentliche vnd kurtze Beschreibung, aller Hertzogen zu Venedig Leben, Frankfurt 1574, S. 24r–25r (Digitalisat, S. 24r).
  12. Alessandro Maria Vianoli: Der Venetianischen Hertzogen Leben / Regierung, und Absterben / Von dem Ersten Paulutio Anafesto an / biss auf den itzt-regierenden Marcum Antonium Justiniani, Nürnberg 1686, S. 193–200 (Digitalisat).
  13. Jacob von Sandrart: Kurtze und vermehrte Beschreibung Von Dem Ursprung / Aufnehmen / Gebiete / und Regierung der Weltberühmten Republick Venedig, Nürnberg 1687, S. 33 (Digitalisat, S. 33).
  14. Johann Friedrich LeBret: Staatsgeschichte der Republik Venedig, von ihrem Ursprunge bis auf unsere Zeiten, in welcher zwar der Text des Herrn Abtes L'Augier zum Grunde geleget, seine Fehler aber verbessert, die Begebenheiten bestimmter und aus echten Quellen vorgetragen, und nach einer richtigen Zeitordnung geordnet, zugleich neue Zusätze, von dem Geiste der venetianischen Gesetze, und weltlichen und kirchlichen Angelegenheiten, von der innern Staatsverfassung, ihren systematischen Veränderungen und der Entwickelung der aristokratischen Regierung von einem Jahrhunderte zum andern beygefügt werden, 4 Bde., Johann Friedrich Hartknoch, Riga und Leipzig 1769–1777, Bd. 1, Leipzig und Riga 1769, S. 288–298 (Digitalisat).
  15. Francesco Zanotto: Il Palazzo ducale di Venezia, Bd. 4, Venedig 1861, S. 85–88 (Digitalisat).
  16. Samuele Romanin: Storia documentata di Venezia, 10 Bde., Pietro Naratovich, Venedig 1853–1861 (2. Auflage 1912–1921, Nachdruck Venedig 1972), Bd. 2, Venedig 1854, S. 21–34 (Digitalisat).
  17. „Cicogna, Iscriz. IV, p. 248“ heißt es bei Romanin auf S. 26, Anm. 2; im entsprechenden Band gibt es allerdings keine solche Seite.
  18. Heinrich Kretschmayr: Geschichte von Venedig, 3 Bde., Bd. 1, Gotha 1905, S. 221–223 (Digitalisat, es fehlen die Seiten 48 bis 186!).
  19. John Julius Norwich: A History of Venice, Penguin, London 2003, 1. Aufl. 1982.
VorgängerAmtNachfolger
Vitale Michiel I.Doge von Venedig
1102–1118
Domenico Michiel
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