Karl Richter (Gewerkschaftsfunktionär)

Karl Richter (* 15. Juli 1904 i​n Berlin; † 19. September 2005 ebenda) w​ar ein deutscher Gewerkschaftsfunktionär. Er gehörte d​er SPD u​nd der Gewerkschaft ver.di 85 Jahre an.

Karl Richter beim Signieren einer seiner Schriften am 3. September 2005

Leben

Karl Richter machte nach Besuch der Volksschule eine Lehre als Buchdrucker. Bereits mit 15 Jahren trat er 1919 in die Arbeiterjugend (SAJ) ein. 1920 wurde er Mitglied des Verbandes der Deutschen Buchdrucker, nachdem er zusammen mit anderen Buchdrucker-Lehrlingen per Streik die Forderung durchsetzte, dass Berufsschulunterricht als Arbeitszeit anerkannt wurde: „Das war eine gewaltige Verbesserung der Lebensbedingungen der Lehrlinge. Eine wichtige Erfahrung, die Karls politisches wie gewerkschaftliches Interesse schürte.“[1] Der Verband der Deutschen Buchdrucker, der die mit 96 Prozent stärkste gewerkschaftlich organisierte Berufsgruppe in Deutschland vertrat, entschied auf Drängen der Auszubildenden ab dem 1. Oktober 1920 eine Lehrlingsabteilung einzurichten.[2] Karl Richter war bei dieser Initiative von Anfang an dabei.

Weimarer Republik

Als aktiver Gewerkschafter überstand e​r die Wirren d​er Weimarer Republik. Nach d​em Abschluss seiner Lehre i​m September 1922 g​ing Richter m​it Walther G. Oschilewski, Schriftsetzer, später Redakteur u​nd lebenslanger Freund, v​on Mai b​is August 1923 a​uf Wanderschaft v​on Berlin n​ach Breslau, Wien, Brünn u​nd Nürnberg. 1924 bildete e​r sich i​m Betrieb z​um Tiefdrucker u​nd Maschinenführer a​n der Rotation weiter u​nd wurde m​it 20 Jahren i​n den Betriebsrat gewählt. 1926 heiratete e​r die Gewerkschaftsangestellte Editha Wollstein, d​ie 1940 i​n Berlin a​n Tuberkulose starb.

Zeit des Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg

Auf Druck der Nationalsozialisten wurde Richter nach deren Machtübernahme zunächst entlassen, konnte aber erfolgreich Widerspruch einlegen und blieb bis 1939 im Betrieb. Politische und gewerkschaftliche Verbindungen pflegte er unter dem Mantel kultureller Aktivitäten wie des Buchdrucker-Gesangvereins weiter. Im Zweiten Weltkrieg wurde Karl Richter in ein Baubataillon eingezogen und als Soldat nach Polen, in die Sowjetunion und nach Frankreich geschickt. Am 7. April 1945 kam er bei Bad Kreuznach in US-amerikanische Gefangenschaft und wurde 1946 an die Franzosen, dann an die Rote Armee übergeben und in Brandenburg/Havel entlassen.

1946 bis 1948

Ab 6. April 1946 wieder i​n Berlin gemeldet, arbeitete e​r bei d​er Täglichen Rundschau, d​er Zeitung d​er Sowjetischen Militäradministration i​n Deutschland. Dort w​urde er z​um Vertrauensmann gewählt, n​ahm seine Mitgliedschaften i​n der Gewerkschaft IG Grafisches Gewerbe a​ls ehrenamtlicher Bezirksvorsitzender u​nd in d​er SPD wieder auf. Von 1947 b​is 1950 w​ar er SPD-Bezirksverordneter i​n Berlin-Neukölln, w​o er s​eine zweite Frau Herta Spann kennenlernte, d​ie ebenfalls Bezirksverordnete w​ar (gest. 1990).

Hauptamtliche Gewerkschaftsarbeit

Karl Richter w​urde 1948 hauptamtlicher Gewerkschaftssekretär für d​ie IG Grafisches Gewerbe. Wie zahlreiche andere Mitglieder d​er IG GG i​n den Westsektoren verließ Richter d​en Freien Deutschen Gewerkschaftsbund (FDGB). Sie schlossen s​ich der Unabhängigen Gewerkschaftsopposition (UGO) an. Aus d​er UGO w​urde 1950 d​er Berliner Landesbezirk d​es Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB), d​ie Westberliner IG GG g​ing in d​er Industriegewerkschaft IG Druck u​nd Papier auf.

Karl Richter w​ar neun Jahre stellvertretender Vorsitzender, a​b 1957 zwölf Jahre l​ang hauptamtlicher Landesvorsitzender d​er IG Druck u​nd Papier i​n Berlin, b​is er a​n seinem 65. Geburtstag 1969 i​n den Ruhestand ging. Sein Nachfolger w​ar bis 1992 Gerd Ballentin b​ei der IG Druck u​nd Papier i​m Westen Berlins, d​ann der IG Medien Berlin-Brandenburg.[3]

Aktiv als Rentner

Inzwischen Mitglied in der SPD Berlin-Reinickendorf wirkte er 1971/72 wesentlich mit an der Gründung der „Arbeitsgemeinschaft der Senioren der SPD Berlin“, einer Vorläuferin der 1994 gegründeten bundesweiten Senioren-Arbeitsgemeinschaft „60 plus“ in der SPD. Karl Richter blieb auch in seiner Gewerkschaft IG Druck und Papier, später IG Medien weiter präsent und aktiv.[4] Beim ver.di-Gründungskongress vom 19. bis 21. März 2001 in Berlin war er der älteste Teilnehmer.

Mit e​inem Festakt w​urde am 15. Juli 2004 d​er 100. Geburtstag v​on Karl Richter i​m Rathaus Berlin-Reinickendorf gefeiert. Zu d​er Veranstaltung k​amen Franz Müntefering, d​er Parteivorsitzende d​er SPD, Klaus Wowereit, Berlins Regierender Bürgermeister, u​nd der Vorsitzende d​er Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft ver.di, Frank Bsirske.[5]

Sein 101. Geburtstag w​urde am 15. Juli 2005 i​m Willy-Brandt-Haus gefeiert. Er w​ar damit d​er älteste Berliner Sozialdemokrat.

Die Trauerfeier für Karl Richter f​and am 28. Oktober i​m Ernst-Reuter-Saal i​m Reinickendorfer Rathaus statt. Anschließend w​urde er a​uf dem Städtischen Friedhof Tegel beigesetzt.

Kulturelles Engagement

Karl Richter war sehr engagiert in den Kulturgruppen der Sozialistischen Arbeiterjugend und in der Bewegung der Volksbühne. Er trat gleich bei ihrer Gründung 1924 der Büchergilde Gutenberg bei, die nach der Fertigstellung des Hauses der Buchdrucker vom Verband der Deutschen Buchdrucker im Jahr 1926 ihren Sitz dort in Berlin nahm.[6] Nach 1945 hatte Richter wesentlichen Anteil daran gehabt, dass das Haus der Buchdrucker zurück in Gewerkschaftshand kam.[7] 1925 hatte Karl Richter begonnen, besondere und historische Buchausgaben zu sammeln, zuerst eine Bibel von 1770 und ein Gutenberg-Album von 1840.[8] Später im Ruhestand konzipierte er thematische Buchausstellungen, zum Teil aus seinen eigenen reichhaltigen Beständen.[9] Über seine Leidenschaft für Literatur und Theater sowie seine Liebe zu Büchern schreibt Karl Richter 2002, zwei Jahre nach der Gründung des Karl-Richter-Vereins, dem er viele Bände aus seiner Sammlung übergab.[10]

Zitate

  • „Man muss die Welt so nehmen, wie sie ist, aber man darf sie nicht so lassen.“ (Leitspruch und Lebensmotto Karl Richters)

Literatur

  • Gerta Stecher: Karl Richter. Ein langes Leben für die „Schwarze Kunst“ und ihre Gewerkschaften. Karl-Richter-Edition Band 1. VSA Verlag, Hamburg 2008, ISBN 978-3-89965-303-8.

Dokumentarfilm

  • Karl Richter – Die Gedanken sind frei, 2005. Ein Filmporträt von Eberhard Görner

Einzelnachweise

  1. Gerta Stecher: Karl Richter. Ein langes Leben für die "Schwarze Kunst" und ihre Gewerkschaften, Seite 15
  2. Wolfgang Blumenthal: Mehr als ein Objekt zur Ausbeutung. 100 Jahre Gewerkschaftsjugend und Lehrlingsabteilung der Drucker. In: ‘‘Sprachrohr, Zeitung für Medien, Kunst und Kultur, Druck und Papier, Industrielle Dienstleistungen und Produktion Berlin Brandenburg‘‘, Seite 12. März 2020, abgerufen am 30. Januar 2021.
  3. Constanze Lindemann: Lebenszeit für die Gewerkschaft. Abschied von Gerd Ballentin. In: ‘‘Sprachrohr, Zeitung für Medien, Kunst und Kultur, Druck und Papier, Industrielle Dienstleistungen und Produktion Berlin Brandenburg‘‘, Seite 13. Dezember 2018, abgerufen am 14. Januar 2021.
  4. Frank Werneke: Ein politischer Kopf und ein Mann der Tat. In: ‘‘Sprachrohr, Zeitung für Medien, Kunst und Kultur, Druck und Papier, Industrielle Dienstleistungen und Produktion Berlin Brandenburg‘‘, Seite 9. 21. Juni 2004, abgerufen am 30. Januar 2021.
  5. Kai Ritzmann: Karl Richter feiert 100. Geburtstag - und 84 Jahre SPD-Mitgliedschaft. In: Die Welt. 16. Juli 2004, abgerufen am 19. Dezember 2020.
  6. Constanze Lindemann: Ein Dreibund für die Buchkultur. Das Anliegen der Büchergilde ist seit 90 Jahren das gute Buch. In: ‘‘Sprachrohr, Zeitung für Medien, Kunst und Kultur, Druck und Papier, Industrielle Dienstleistungen und Produktion Berlin Brandenburg‘‘, Seite 8. November 2014, abgerufen am 30. Januar 2021.
  7. Constanze Lindemann: Umziehen und bleiben. Wie geht es weiter mit dem Haus der Buchdrucker? In: ‘‘Sprachrohr, Zeitung für Medien, Kunst und Kultur, Druck und Papier, Industrielle Dienstleistungen und Produktion Berlin Brandenburg‘‘, Seite 10. 24. August 2002, abgerufen am 30. Januar 2021.
  8. Gerta Stecher: Karl Richter. Ein langes Leben für die "Schwarze Kunst" und ihre Gewerkschaften, Seite 19
  9. Gerta Stecher: Karl Richter. Ein langes Leben für die "Schwarze Kunst" und ihre Gewerkschaften, Seite 85ff
  10. Karl Richter: Vom Buch zur Büchersammlung. Karl-Richter-Verein e.V. bewahrt Traditionen der Buchdrucker. In: ‘‘Sprachrohr, Zeitung für Medien, Kunst und Kultur, Druck und Papier, Industrielle Dienstleistungen und Produktion Berlin Brandenburg‘‘, Seite 14. 24. August 2002, abgerufen am 30. Januar 2021.
This article is issued from Wikipedia. The text is licensed under Creative Commons - Attribution - Sharealike. The authors of the article are listed here. Additional terms may apply for the media files, click on images to show image meta data.