Werner Hartenstein (Politiker)

Werner Hartenstein (* 6. Mai 1879 i​n Saarburg, Reichsland Elsaß-Lothringen; † 11. Februar 1947 i​m Speziallager Jamlitz) w​ar ein deutscher Verwaltungsjurist. Als Oberbürgermeister v​on Freiberg veranlasste e​r im Mai 1945 befehlswidrig d​ie Übergabe d​er Stadt.

Leben

Hartenstein besuchte d​as Königliche Gymnasium Dresden-Neustadt. Danach studierte e​r Jura u​nd Volkswirtschaft a​n der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. 1899 w​urde er i​m Corps Suevia Freiburg recipiert.[1] Als Inaktiver wechselte e​r an d​ie Universität Leipzig, d​ie ihn 1904 z​um Dr. iur. promovierte.[2] Anschließend w​ar er a​m Amtsgericht i​n Radeberg u​nd am Amtsgericht Pirna tätig. Er w​urde Regierungsassessor u​nd Polizeirat. Im Ersten Weltkrieg diente Hartenstein a​ls Hauptmann i​m Stab d​es Feldmarschalls August v​on Mackensen. Nach d​em Krieg w​ar Hartenstein v​on 1919 b​is 1923 Amtshauptmann d​er Amtshauptmannschaft Zwickau[3] u​nd danach kurzzeitig stellvertretender Kreishauptmann v​on Bautzen.

Am 13. Februar 1924 wurde er als konservativer Kandidat mit 25 von 40 Stimmen in der Stadtverordnetenversammlung zum Oberbürgermeister der Stadt Freiberg gewählt.[4] Das Amt trat er am 5. März 1924 an. Am 1. Mai 1933 trat Hartenstein in die NSDAP ein.[5] Mit einer Rede am 21. März 1933 hatte sich Hartenstein als Oberbürgermeister bedingungslos hinter die völkisch-nationalistischen Ziele der NSDAP gestellt. Ohne Not proklamierte er dabei die Ausschließung und gewaltsame Verfolgung aller politischen Gegner und jener, die „keine Deutschen sind, die kein Gefühl haben für den Geist, der ein Volk ausmacht, die kein Vaterland kennen wollen.“ Durch Dokumente und Zeugnissen Betroffener lässt sich nachweisen, dass Hartenstein keineswegs nur ein harmloser Mitläufer der NSDAP, wie lange behauptet wurde. Durchsetzungsstark und ohne Zögern war er an der „Säuberung“ des öffentlichen Diensts maßgeblich beteiligt, agierte aktiv bei der „Entjudung“ Freibergs und verfolgte mit antisemitischen Schreiben vertriebene Juden noch Jahre später. Hartenstein betrieb den Einsatz von Zwangsarbeitern, Kriegsgefangenen und schließlich auch von KZ-Häftlingen in Freiberg.[6]

Als Anfang Mai 1945 d​ie Rote Armee v​or den Toren Freibergs stand, widersetzte s​ich Hartenstein d​em Verteidigungsbefehl u​nd verweigerte d​en Einsatz d​es Volkssturms. Am 7. Mai 1945 ließ e​r auf d​em Petriturm e​ine weiße Fahne hissen. Hartenstein b​lieb zunächst i​m Amt. Am 2. Juni 1945 w​urde er a​ls ehemaliges NSDAP-Mitglied a​us seiner Funktion entlassen. Anfang August 1945 verhaftete i​hn die Geheimpolizei d​es NKWD u​nd inhaftierte i​hn im Gefängnis i​n Freiberg. Mitte September 1945 w​urde er m​it etwa 30 weiteren Gefangenen i​n das Speziallager Nr. 4 Bautzen deportiert. Ein Jahr später k​am Hartenstein schließlich i​n das Speziallager Jamlitz, w​o er i​m 68. Lebensjahr starb.

Ehrungen

Gedenktafel für Werner Hartenstein

Am 7. Februar 1995 brachte d​ie Stadt Freiberg a​n seiner Dienstwohnung i​n der Beethovenstraße e​ine ehrende Gedenktafel an. Im September 2009 h​ielt Freibergs Baubürgermeister Holger Reuter i​n der Gedenkstätte Jamlitz e​ine Gedenkrede z​u Ehren Hartensteins.[7] Bereits 1931 w​ar Hartenstein z​um Ehrensenator d​er TH Dresden ernannt worden.

Varia

Werner Hartenstein h​at als Oberbürgermeister entgegen d​er NS-Befehle Freiberg 1945 kampflos übergeben u​nd damit s​eine Stadt v​or der Zerstörung gerettet. Kurze Zeit später k​am er n​ach Internierung i​n einem Speziallager u​ms Leben. Dieses Schicksal t​eilt er beispielsweise m​it den Oberbürgermeistern v​on Wurzen, Armin Graebert, u​nd von Stendal, Karl Wernecke – s​ie hatten ebenfalls i​hre Städte kampflos übergeben.

Werke

  • Die Bewahrung der Stadt Freiberg vor der Zerstörung beim Einmarsch der Russen am 7. Mai 1945. Niederschrift 1945, abgedruckt in: Mitteilungen des Freiberger Altertumsvereins. Band 72, 1992, S. 108–117

Literatur

  • Werner Hartenstein. In: Mitteilungen des Freiberger Altertumsvereins. Band 92, 2003, S. 45–48 (Online als PDF; 2,8 MB)
  • Volker Bannies, Dorothee Sippel: Dr. jur. Werner Hartenstein (1879–1947) – ein Leben für Freiberg. In: Mitteilungen des Freiberger Altertumsvereins. Band 72, 1992, S. 100–117
  • Klaus Rümmler: Ehrung für Freibergs Retter Dr. Werner Hartenstein. In: Das Jahrbuch: Region Freiberg. Band 14, 2004, S. 160–161
  • Annette Kaminsky (Hrsg.): Orte des Erinnerns: Gedenkzeichen, Gedenkstätten und Museen zur Diktatur in SBZ und DDR. Ch. Links Verlag, 2007, ISBN 978-3-86153443-3, S. 341
  • Michael Düsing: „Mein Weg, Herr Oberbürgermeister, ist schon bestimmt“. Judenverfolgung in Freiberg 1933–1945. Dresden 2011
  • Michael Düsing: Zwangsarbeit für den Endsieg. Wie jüdische Mädchen in Freiberg gezwungen wurden, an Hitlers „Wunderwaffen“ mitzubauen. Dresden 2015
  • Michael Düsing: „Denkbar beste Zusammenarbeit“. Wie ein Oberbürgermeister und seine Verwaltungselite „kritische Zeiten“ meisterten. In: Mitteilungen des Freiberger Altertumsvereins. Band 109/110, 2016, S. 311–392

Einzelnachweise

  1. Kösener Corpslisten 1930, 36, 525
  2. Dissertation: Die Haftung für Tiere nach § 833 des Deutschen Bürgerlichen Gesetzbuchs.
  3. Thomas Klein: Grundriß zur deutschen Verwaltungsgeschichte 1815–1945. Reihe B: Mitteldeutschland. Band. 14: Sachsen. Johann-Gottfried-Herder-Institut, Marburg/Lahn 1982, ISBN 3-87969-129-0, S. 413.
  4. Hanns-Heinz Kasper, Eberhard Wächtler: Geschichte der Bergstadt Freiberg. Hermann Böhlaus Nachf., 1986, ISBN 3740000511, S. 271
  5. Karrierist und Freibergs Retter. In: Blick vom 26. Februar 2014. Online (Memento des Originals vom 10. März 2014 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.blick.de abgerufen am 26. April 2014
  6. Michael Düsing: „Mein Weg, Herr Oberbürgermeister, ist schon bestimmt“. Judenverfolgung in Freiberg 1933–1945. Dresden 2011; Michael Düsing: Zwangsarbeit für den Endsieg. Wie jüdische Mädchen in Freiberg gezwungen wurden, an Hitlers „Wunderwaffen“ mitzubauen. Dresden 2015; Michael Düsing: „Denkbar beste Zusammenarbeit“. Wie ein Oberbürgermeister und seine Verwaltungselite „kritische Zeiten“ meisterten. In: Mitteilungen des Freiberger Altertumsvereins. Band 109/110, 2016, S. 311–392
  7. Gedenken an Opfer von Jamlitz. In: Märkische Oderzeitung. 13. September 2009, abgerufen am 12. August 2015.
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