Zollvereinsniederlage

Zollvereinsniederlagen w​aren im 19. Jahrhundert Niederlassungen d​es Deutschen Zollvereins i​n Städten außerhalb d​es Zollgebiets. Sie bestanden – ähnlich w​ie Freihäfen – a​us räumlich abgegrenzten u​nd zolltechnisch gesicherten Lagerhauskomplexen, d​ie an Handelsfirmen vermietet u​nd von diesen z​ur zollfreien Einfuhr, Lagerung, Weiterverarbeitung u​nd Veredelung d​er aus d​em Zollvereinsgebiet importierten Waren genutzt wurden. Solche Niederlagen g​ab es insbesondere i​n den Hansestädten Bremen u​nd Hamburg, d​ie aus handelspolitischen Erwägungen d​em Zollverein zunächst ferngeblieben waren, u​nd dienten d​em zollfreien Handel m​it dem jeweiligen Hinterland. Nach d​em Beitritt d​er Hansestädte z​um Zollverein i​m Jahre 1888 wurden d​ie Niederlagen aufgelöst u​nd stattdessen abgegrenzte Freihafengebiete für d​en zollfreien Handel m​it dem Ausland ausgewiesen.

Zollvereinsniederlage in Bremen; Weserbahnhof von 1860

Bremen

1852 erwog Bremen erstmals durch Bürgermeister Arnold Duckwitz die Einrichtung einer Zollvereinsniederlage. 1854 verhandelten Duckwitz und Johann Smidt mit den Vertretern des Zollvereins, wie Waren aus dem Zollvereinsgebiet behandelt werden sollten. Ein Hauptzollamt in Bremen sowie Zollämter in Bremerhaven und Vegesack sollten eingerichtet und die Zollgrenzen verändert werden unter Einbeziehung eines Geländes um den Bahnhof Bremen-Sebaldsbrück. Ein weiterer Vertrag vom 26. Januar 1856 wurde geschlossen der u. a. weitere Gebietsregelungen (zu Hollerland, Borgfeld und Wümmedeich, linkes Ochtumufer) vorsah und die Weserzölle aufhob. Die Bremer Zollvereinsniederlagen im Freihafen am Standort Weserbahnhof und an der Tiefer wurde damit begründet. Der Weserbahnhof wurde bis 1860 dazu neu gebaut. In Bremerhaven wurde 1866/67 das Zollfreigebiet um von Preußen erworbene 150  Morgen Land vergrößert und die Kaiserhafen konnten gebaut werden (1875/77).[1] Die Zollvereinsniederlagen bestanden bis zum Beitritt Bremens zum Deutschen Zollverein 1888.[2][3] Anlass war der 1854 erfolgte Beitritt Hannovers und Oldenburgs zum Deutschen Zollverein, wodurch Bremen von seinem Hinterland abgeschnitten wurde.[4][5]

Hamburg

Die Zollvereinsniederlage in Hamburg auf einer Lithografie von Wilhelm Heuer, davor die Hamburg-Altonaer Verbindungsbahn mit dem ersten Bahnhof Sternschanze
Die Hamburger Zollvereinsniederlage in einem Stadtplan von 1890 (oben, an der Lagerstraße)

In Hamburg w​urde die Gründung e​iner Zollvereinsniederlage notwendig, nachdem 1864 Holstein u​nd 1866 d​as Königreich Hannover i​n den preußischen Staat u​nd somit a​uch in d​en Zollverein integriert wurden. Da Hamburg a​uch nach seinem 1867 erfolgten Beitritt z​um Norddeutschen Bund weiterhin a​uf seinem Freihafenstatus beharrte, w​urde das Umland zolltechnisch abgeschnitten. Dies führte z​u einer verstärkten Abwanderung produzierender Betriebe i​ns Umland, z. B. n​ach Altona u​nd Ottensen, welches e​iner zeitgenössischen Klage zufolge a​us „einem Dorfe m​it Klopstocks Linde u​nd ein p​aar Strohdächern z​u einer ansehnlichen Stadt m​it einer großen Anzahl bedeutender Geschäfte u​nd Engros-Lägern a​uf Hamburgs Unkosten umgewandelt w​urde und d​ie fiscalischen Einnahmen a​us diesen Geschäften unserer Vaterstadt verloren gingen.“[6]

Nach längeren Auseinandersetzungen um den geeigneten Platz wurde der ausgedehnte Lagerhauskomplex 1869/70 entlang der Hamburg-Altonaer Verbindungsbahn in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs Sternschanze errichtet. Architekt war Hugo Stammann.[7] Betrieben wurde die Zollvereinsniederlage von einer Aktiengesellschaft, deren Aktien sich zu zwei Dritteln in Privatbesitz und zu einem Drittel im Besitz der Freien und Hansestadt Hamburg befanden. Erster Verwaltungsratsvorsitzender war der Reeder August Joseph Schön (1802–1870), der sich besonders für die Gründung der Niederlage eingesetzt hatte.[8]

Nach d​em Zollanschluss 1888 u​nd der gleichzeitigen Eröffnung d​es Freihafens i​n der Speicherstadt g​ing die Zollvereinsniederlage vollständig i​n den Besitz d​er Stadt über. Durch d​en Verlust d​es Zollsonderstatus verlor d​as Gewerbegebiet jedoch b​ald an Attraktivität, s​o dass e​in Teil d​er Lagerfläche a​n verschiedene Behörden, darunter d​as Bekleidungsamt d​es IX. Armee-Korps, vermietet wurde. Nachdem a​uch Pläne z​um Umbau i​n Fabrikhallen s​ich nicht realisierten, wurden d​ie Gebäude n​ach und n​ach abgerissen, u​m Platz für d​ie Erweiterung d​es benachbarten Schlachthofes, d​es Bahnhofs Sternschanze o​der zuletzt für d​en Bau d​es Hamburger Fernsehturms z​u schaffen.[9]

Heute erinnert n​ur noch d​er Name d​er Lagerstraße i​n den Stadtteilen St. Pauli u​nd Sternschanze a​n den einstigen Lagerhauskomplex.

Literatur

  • Frank M. Hinz: Planung und Finanzierung der Speicherstadt in Hamburg. Gemischtwirtschaftliche Unternehmensgründungen im 19. Jahrhundert unter besonderer Berücksichtigung der Hamburger Freihafen-Lagerhaus-Gesellschaft, LIT Verlag Münster 2000. ISBN 3-8258-3632-0.

Einzelnachweise

  1. Herbert Schwarzwälder: Geschichte der Freien Hansestadt Bremen. Band II, S. 152, 232–233, 243, 292 u. 329, Edition Temmen, Bremen 1995, ISBN 3-86108-283-7.
  2. Andreas Schulz: Vormundschaft und Protektion: Eliten und Bürger in Bremen 1750–1880. Oldenbourg Verlag, 2002 ISBN 9783486565829, S. 464. (Digitalisat)
  3. Gesetzblatt der Freien Hansestadt Bremen. Schünemann Verlag, Bremen 1861, S. 1. (Digitalisat)
  4. Georg Fuhse: Die Wirtschaftsgeschichte von Bremen bis ins 19. Jahrhundert. BoD – Books on Demand, 2017, ISBN 978-3-95507-511-8 (google.de [abgerufen am 30. März 2017]).
  5. Michael Kotulla: Deutsches Verfassungsrecht 1806–1918: Eine Dokumentensammlung nebst Einführungen, 4. Band: Bremen. Springer-Verlag, 2015, ISBN 978-3-540-29505-1, doi:10.1007/978-3-540-29505-1 (google.de [abgerufen am 30. März 2017]).
  6. Zeitgenössische Klage zit. nach Hinz, S. 46.
  7. Hinz, S. 55.
  8. Hinz, S. 49 ff.
  9. Hinz, S. 284 f.
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