Roßhalde
Roßhalde ist ein Roman von Hermann Hesse. Er erschien 1914 und schildert das Scheitern einer Künstlerehe.

Handlung
Johann Veraguth ist ein international hochgeschätzter Maler, seine Ehefrau Adele eine Pianistin. Mit dem gemeinsamen siebenjährigen Sohn Pierre bewohnen sie das abgelegene Herrenhaus Roßhalde. Den älteren Sohn Albert hat er nach außerhalb aufs Internat geschickt. Veraguth arbeitet und lebt im Atelier. Das Herrenhaus überlässt er Adele. Pierre pendelt unbekümmert zwischen den entfremdeten Eltern hin und her. Adele ist von der Ehe enttäuscht, hofft aber bis zuletzt, dass sich Veraguth doch noch besinnt. Veraguths Absicht, Adele freizugeben und sie großzügig abzufinden, stößt bei ihr auf Unverständnis. Als Mutter will sie den Zusammenhalt der Familie, obwohl doch die Eheleute seit Jahren trotzig nebeneinanderher leben. Der Maler bleibt nur bei seiner Frau, weil er Pierre über die Maßen liebt. Adele würde unter Umständen in die Scheidung einwilligen, wird jedoch den Jungen niemals hergeben. So muss der Vater auf Roßhalde ausharren und abwarten, wem der Junge sich einmal zuwenden wird.
Veraguth will für längere Zeit nach Indien reisen und dort malen. Adele befürchtet, ihn in dem Fall zu verlieren. Überhaupt rät sie ihm zur Vernunft. Veraguth lehnt ihre Vernunft ab. Er fühlt sich hin und her gerissen. Einerseits möchte er weg von Roßhalde, andererseits möchte er bei Pierre bleiben, dem einzigen Menschen, den er liebt und von dem er geliebt wird.
Das Malen fordert Veraguths ganze Konzentration und Kraft. Während der Jahre andauernder Kraftanstrengung hat er die Familie vernachlässigt. Zwar sorgt er materiell für die Seinen, ist aber ständig mit den Gedanken bei dem Bild, das er gerade auf der Staffelei hat. Seine frühere Heiterkeit, sein Strahlen, das Adele so für ihn eingenommen hatte, ist ihm abhandengekommen. Adele und Albert suchen das Atelier nicht mehr auf.
Veraguth erkennt, dass er sich von Adele längst losgesagt hat. Durch den Besuch seines alten Schulkameraden Otto Burkhardt wird ihm bewusst, in welchem Dilemma er lebt, und dass es für ihn nur den Ausweg gebe woanders ein neues Leben zu beginnen. Schließlich will er von Roßhalde weggehen. Also muss er sich auch von Pierre trennen. Da erkrankt der Junge an Hirnhautentzündung. Die Welt auf Roßhalde gerät aus den Fugen. Abwechselnd wachen die besorgten Eltern am Krankenbett. Aus einem Gespräch mit dem behandelnden Arzt weiß Veraguth, dass Pierre in Todesgefahr schwebt. Adele hingegen ist nicht informiert. Bei aller Not, die Veraguth leiden muss, bleibt er fest. Nachdem der Schmerz ausgestanden sein wird und niemand mehr da ist, den er liebt, wird er von Adele und Albert weggehen. Das sagt er Adele auf den Kopf zu, als sie ihn zur Rede stellt. Darauf gibt Adele Pierre frei. Der Junge dürfe nicht sterben. Falls Pierre überlebe, solle er beim Vater bleiben. Veraguth kann das Opfer, das Adele für den Jungen bringt, kaum fassen. Das Paar findet am Krankenbett vorübergehend zusammen. Doch Pierre stirbt, und Veraguth verlässt die Familie.
Hintergründe
Das Herrenhaus Roßhalde ist beschrieben nach dem Modell von Haus Belair in Schaffhausen, heute allgemein zugänglich als Jugendherberge.[1] Das Haus gehörte bis zu seinem Tod 1943 Hesses Freund, dem Maler Hans Sturzenegger, der auch das Modell für den Veraguth abgegeben hat. Der Roman enthält weitere autobiographische Elemente. So erkrankte Hesses damals dreijähriger Sohn 1914 an Hirnhautentzündung. Hesses Frau Maria litt unter Schizophrenie; Hesse verließ sie nach ihrer Heilung im Jahr 1919.
Zeugnisse
- Hermann Hesse 1914 in einem Brief: „...die unglückliche Ehe, von der das Buch handelt, beruht gar nicht auf einer falschen Wahl, sondern tiefer auf dem Problem der Künstlerehe überhaupt, auf der Frage, ob überhaupt ein Künstler ... zur Ehe fähig sei.“[2]
- Hermann Hesse in einem Brief vom 15. Januar 1942 an Peter Suhrkamp: „Damals, mit diesem Buch, hatte ich die mir mögliche Höhe an Handwerk und Technik erreicht und bin nie weiter darin gekommen.“
Rezeption
- Der Kreative habe „erotische Probleme“ und wolle sich aus seinen „bürgerlichen Fesseln“ befreien[3].
Literatur
- Günter Dedekind: »Kunst und Dämonie in Hermann Hesses Roßhalde«. In: Acta Germanica. Bd. 7, 1972, ISBN 0-86961-063-5, S. 137–149.
- Osman Durrani: »Roßhalde (1914): A Portrait of the Artist as a Husband and Father«. In: Ingo Cornils (Hrsg.): A Companion to the Works of Hermann Hesse. Rochester (NY), Camden House 2009, ISBN 978-1-57113-330-4, S. 57–79.
- Gustav Landgren: Hermann Hesses Roßhalde, Klingsors letzter Sommer und Steppenwolf im Kontext von Kunstkritik, Künstlerkrise und Intermedialität. Uppsala, Uppsala Universitet 2011 (= Acta Universitatis Upsaliensis. Studia Germanistica Upsaliensia. Bd. 56), ISBN 978-91-554-8055-4, bes. S. 122–154.
- Joseph Mileck: Hermann Hesse. Dichter, Sucher, Bekenner. Biographie. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Jutta und Theodor A. Knust. Frankfurt am Main, Suhrkamp 1987 (= Suhrkamp Taschenbuch. Bd. 1357), ISBN 3-518-37857-0, bes. S. 87–93.
- Martin Pfeifer: Hesse-Kommentar zu sämtlichen Werken. Überarbeitete und erweiterte Ausgabe des 1980 im Winkler Verlag, München, erschienenen Werkes. Frankfurt am Main, Suhrkamp 1990 (= Suhrkamp Taschenbuch, 1740), ISBN 978-3-518-38240-0, S. 143–152.
- Ellen Risholm: »Die Kunst des Mannes – Gender in Hermann Hesses Romanen Gertrud und Roßhalde«. In: Andreas Solbach (Hrsg.): Hermann Hesse und die literarische Moderne. Kulturwissenschaftliche Facetten einer literarischen Konstante im 20. Jahrhundert. Frankfurt am Main, Suhrkamp 2004 (= Suhrkamp Taschenbuch. Bd. 3609), ISBN 978-3-518-45609-5, S. 355–372.
- Christian Immo Schneider: Hermann Hesse. München, C. H. Beck 1991 (= Beck’sche Reihe. Bd. 620), ISBN 3-406-33167-X, S. 60–64.
- Sikander Singh: Hermann Hesse. Stuttgart, Reclam 2006 (= Reclams Universalbibliothek. Bd. 17661), ISBN 978-3-15-017661-0, S. 95–107.
- Joseph P. Strelka: »Hermann Hesses Roßhalde psychoanalytisch gesehen«. In: Acta Germanica. Bd. 9, 1976, ISBN 0-86961-087-2, S. 177–186.
- Lewis W. Tusken: »Hermann Hesses Roßhalde. The Story in the Paintings«. In: Monatshefte für deutschen Unterricht, deutsche Sprache und Literatur. Bd. 77, Nr. 1, (1985), ISSN 0026-9271, S. 60–66.
Buchausgaben
Hesse schrieb den Roman im Winter 1912/13 in Gaienhofen, Badenweiler und Bern. Er wurde 1913 in Velhagen & Klasings Monatsheften vorabgedruckt. Die Erstausgabe erschien 1914 im S. Fischer Verlag, zunächst ohne Gattungsbezeichnung, in den Ausgaben nach 1918 als Roman, in der Ausgabe 1931 als „Erzählung“ bezeichnet. Der Suhrkamp Verlag übernahm das Buch 1956 in seine Werkausgabe. Im Rowohlt Verlag erschien 1972 die erste Taschenbuchausgabe, bei Suhrkamp 1980 die zweite.
- Roßhalde. Titelholzschnitt von Emil Rudolf Weiß. Fischer, Berlin 1914.
- Roßhalde. Erzählung. Fischer, Berlin 1931; Suhrkamp, Berlin 1956 (= Gesammelte Werke in Einzelausgaben).
- Roßhalde. Roman. Rowohlt, Reinbek 1972 (143. Tsd. 1979), ISBN 3-499-11557-3 (= rororo 1557).
- Roßhalde. Roman. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1980, ISBN 3-518-36812-5 (= st 312).
Einzelnachweise
- https://www.youthhostel.ch/de/hostels/schaffhausen
- Beide Zitate nach: Hesse, Gesammelte Werke, Band 11: Schriften zur Literatur I, Frankfurt am Main 1970, S. 30.
- Peter Sprengel: Geschichte der deutschsprachigen Literatur 1900–1918. München 2004, ISBN 3-406-52178-9, S. 390.