Natalie Bauer-Lechner

Natalie Bauer-Lechner, geb. Lechner (* 9. Mai 1858 i​n Penzing, h​eute zu Wien; † 8. Juni 1921 i​n Wien), w​ar eine Bratschistin, d​ie u. a. m​it dem Streichquartett-Ensemble v​on Marie Soldat-Röger zwischen 1895 u​nd 1913 d​urch ganz Europa tourte. Sie w​ar außerdem e​ine langjährige Vertraute v​on Gustav Mahler.

Leben

Natalia Anna Juliana Bauer-Lechner w​ar die älteste Tochter d​es Wiener Universitätsbuchhändlers Rudolf Lechner (1822–1895) u​nd der Julia, geb. v​on Winiwarter (1831–1905).[1] Sie studierte a​m Wiener Konservatorium Violine u​nd Klavierbegleitung, w​o sie 1872 absolvierte. Am 27. Dezember 1875, m​it siebzehn Jahren, heiratete s​ie veranlasst d​urch ihre Eltern d​en am 16. Februar 1836 i​n Mosonmagyaróvár geborenen verwitweten Professor für chemische Technologie a​n der Technischen Hochschule Wien, Alexander Bauer (1836–1921). Bauers kleine Töchter w​aren damals elf, a​cht und e​in Jahr alt. Am 19. Juni 1885 w​urde die Ehe einverständlich geschieden.[2]

Ab 1885 b​is zu i​hrem Tod l​ebte Natalie Bauer-Lechner a​ls Bratschistin u​nd Violinpädagogin i​n Wien. Von 1895 b​is 1913 spielte s​ie Bratsche i​m Damen-Streichquartett v​on Marie Soldat-Röger (1. Violine), zusammen m​it Elly Finger-Bailetti (2. Violine, a​b 1898 Elsa v​on Plank) u​nd Lucy Herbert-Campbell (Violoncello, a​b 1903 Leontine Gärtner). Das Quartett debütierte a​m 11. März 1895 i​m Wiener Bösendorfer-Saal u​nd gab insgesamt 51 Konzerte zwischen 1895 u​nd 1913 i​n Wien u​nd weitere a​uf Auslandstourneen. Bauer-Lechner schloss s​ich nach i​hrer gescheiterten Ehe Gustav Mahler an, d​as Naheverhältnis endete n​ach Mahlers Verlobung m​it Alma Schindler. Zentraler Zeitraum d​er Kontakte zwischen Mahler u​nd Bauer-Lechner i​st die Zeit zwischen 1890 u​nd 1901.[3]

Das Soldat-Röger-Quartett (Quelle: A. Ehrlich. Das Streich-Quartett in Wort und Bild. Leipzig 1898, S. 25.) v.l.: Elly Finger-Bailletti, Natalie Lechner-Bauer, Lucy Campbell, Marie Soldat-Röger

In fortgeschrittenen Jahren entwickelte sich Natalie Bauer-Lechner zur Feministin und Pazifistin. 1907 veröffentlichte sie im väterlichen Verlag das Buch Fragmente. Gelerntes und Gelebtes, eine Sammlung von Aphorismen und Essays zu künstlerischen, politischen, philosophischen und psychologischen Themen, in denen sich ein starker Bezug zur Frauenfrage findet. Vor allem in den Kapiteln Beruf und Liebe, Sozialismus und Frauenfrage, Kindererziehung, Die Frauen – Sexuelle Fragen und Weiberkleidung werden frauenspezifische Themen konkret behandelt.[3] Der 1918 publizierte Artikel gegen den Krieg Über den Krieg führte zu einer Haftstrafe wegen Hochverrats. 1921 hielt sich Natalie Bauer-Lechner im Sanatorium der Wiener Kaufmannschaft bis zum 26. Februar auf. Danach lebte sie bis zu ihrem Tod am 8. Juni 1921 im Haus ihres Bruders Oskar. Dort wurde sie zu einem vereinbarten Tagessatz von 300 Kronen versorgt. Die Nachlasssumme inklusive ihrer Geige wurde mit 77.000 Kronen festgesetzt, was dem in anderen Quellen dargestellten Tod in Armut widerspricht. Natalie Bauer-Lechner wurde in der Gruft der Familie Lechner am Wiener Zentralfriedhof beigesetzt.[3] Bruchstücke der „Mahleriana“ wurden in Der Merker[4] (April 1913) anonym und in Musikblätter des Anbruch (April 1920) publiziert. Erinnerungen an Gustav Mahler kam 1923 heraus. Das Material befindet sich derzeit im Eigentum des Mahler-Forschers Henry-Louis de La Grange. Das Manuskript ist nicht intakt. Zahlreiche Seiten wurden von unbekannter Hand herausgerissen.

Sonstiges

Natalie Bauer-Lechner w​ar die Großtante v​on Herbert Killian, d​em „Nestor d​er Forstgeschichte“ i​n Österreich.[5] Killian g​ab 1984 i​hre gesammelten „Erinnerungen a​n Gustav Mahler“ (Gustav Mahler i​n den Erinnerungen v​on Natalie Bauer-Lechner) heraus.[6] Ihre „Mahleriana“, d​ie auf e​inem nicht erhaltenen privaten Tagebuch d​er Jahre 1890–1912 basieren, bieten wertvolle Einblicke i​n Mahlers berufliches u​nd privates Leben j​ener Jahre.

Werke

  • Fragmente: Gelerntes und Gelebtes. Wien 1907
  • Erinnerungen an Gustav Mahler. E. P. Tal & Co., Wien-Leipzig 1923 (archive.org). Revidierte und erweiterte Ausgabe: Herbert Killian (Hrsg.), Knud Martner (Anmerkungen): Gustav Mahler in den Erinnerungen von Natalie Bauer-Lechner. Wagner, Hamburg 1984, ISBN 3-921029-92-9.

Literatur

  • Martina Bick: Musikerinnen um Gustav Mahler, Berlin/Leipzig: Hentrich & Hentrich, 2020, S. 8–15.
  • Helmut Brenner, Reinhold Kubik: Mahlers Menschen. Freunde und Weggefährten. Residenz-Verlag, St. Pölten/Salzburg/Wien 2014, ISBN 978-3-7017-3322-4, S. 89–90.
  • Helen Haas: „Marie Soldat-Roeger (1863–1955)“. In: Carolin Stahrenberg und Susanne Rode-Breymann (Hg.): „... mein Wunsch ist, Spuren zu hinterlassen ...“ Rezeptions- und Berufsgeschichte von Geigerinnen. Hannover 2011, S. 136–152.
  • Rezension von Erinnerungen an Gustav Mahler. In: Hermann Bahr: Liebe der Lebenden. Tagebücher 1921/23. Band 3. Borgmeyer, Hildesheim 1925, S. 222–223 (Tagebuch. 15. September [1923]).

Filme

Einzelnachweise

  1. Mit großer Wahrscheinlichkeit war sie die Enkelin des Wiener Bratschisten Franz Lechner (Addressen-Buch von Tonkünstlern, Dilettanten, Hof-Kammer-Theater- und Kirchenmusikern, Vereinen, Lehr- und Pensions-Instituten, [...], 1823, S. 87 (Digitalisat)).
  2. Helmut Brenner, Reinhold Kubik: Mahlers Menschen. Freunde und Weggefährten. Residenz-Verlag, St. Pölten/Salzburg/Wien 2014, ISBN 978-3-7017-3322-4, S. 17.
  3. Helmut Brenner, Reinhold Kubik: Mahlers Menschen. Freunde und Weggefährten. Residenz-Verlag, St. Pölten/Salzburg/Wien 2014, ISBN 978-3-7017-3322-4, S. 19.
  4. ZDB-ID 799323-7.
  5. Herbert Killian – 85 Jahre, Seite auf: BauernZeitung.at, abgerufen am 18. Juni 2014.
  6. Library of Congress Authorities: Eintrag über Herbert Killian, abgerufen am 18. Juni 2014.
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