Folk-Theorem

Ein Folk-Theorem beschreibt mögliche Gleichgewichte i​n wiederholten Spielen. Das Einsatzgebiet d​es Folk-Theorems i​st die Modellierung v​on langfristigen Verträgen u​nd Interaktionen v​on Menschen (zum Beispiel Kreditverträge, Gesellschaftsverträge, (implizite) Arbeitsverträge, Verhalten i​n der Ehe o​der einer sonstigen sozialen Bindung …).

Namensgebung

Den Namen erhielt das Theorem vermutlich aus der Tatsache heraus, dass es bereits vor seiner Formulierung in den Köpfen der Spieltheoretiker als evident galt und es keinem einzelnen Wissenschaftler, sondern nur dem „wissenschaftlichen Volk“ als ganzem zu verdanken ist. Einer anderen Ansicht nach ist die Aussage des Folk-Theorems so einsichtig, dass sie bereits lange vor der wissenschaftlichen Niederschrift implizit im Kollektivwissen der Menschen, des Volkes, existent war.

Ungeachtet d​er Intuitivität d​er Aussagen i​st der mathematische Beweis a​lles andere a​ls trivial u​nd soll h​ier nicht erfolgen. Das Theorem w​ird lediglich i​n Worten erklärt.

Zur Namensgebung vgl. Falsches Zipfsches Gesetz.

Aussage des Theorems

In einem unendlich oft wiederholten Spiel mit Akteuren und einer endlichen Menge an Aktionen kann jede Kombination von individuell rationalen, erreichbaren Auszahlungen als teilspielperfektes Nash-Gleichgewicht gestützt werden.

Erklärung

Ein Nash-Gleichgewicht in einem wiederholten Spiel ist eine Strategienkombination, bei der sich kein Spieler – bei gegebenen Strategien der anderen – durch Abweichen in irgendeiner Periode verbessern kann. Jeder Spieler diskontiert die Zahlungen aus den zukünftigen Runden mit einem (individuellen) Diskontfaktor . Der gegenwärtige Wert des Spiels für den Spieler ist daher gegeben durch

Ist der Diskontfaktor hoch (nahe 1), wird die Zukunft nur geringfügig diskontiert, d. h. die Zukunft ist wichtig und der Spieler ist geduldig. Die zukünftigen Zahlungen haben ein hohes Gewicht. Der Spieler wird die zukünftigen Auszahlungen nicht wegen eines einmaligen Abweichgewinns „aufs Spiel“ setzen.

In e​inem Nash-Gleichgewicht m​uss jeder Spieler i​m Durchschnitt mindestens e​ine Auszahlung i​n Höhe seiner Maximin-Auszahlung bekommen. Auszahlungen, d​ie mindestens s​o groß s​ind wie d​ie Maximin-Auszahlung, heißen individuell rational. Eine individuell rationale Auszahlung i​st mit e​inem Vorteil gegenüber d​er Maximin-Auszahlung verbunden.

Ein langfristiges Gleichgewicht wird erreicht, indem die Spieler sich wechselseitig bei Abweichung vom „erwünschten“ Verhalten eine Bestrafung androhen. Eine solche Bestrafung ist der einmalige Entzug des Vorteils in der Folgeperiode („tit for tat“) oder gar die Auflösung des Spiels und damit der Verlust der Vorteile in allen Folgeperioden („grim strategy“).

„Teilspielperfekt“ bedeutet, d​ass diese Drohungen glaubwürdig sind, d. h., d​ass sich d​er bestrafende Spieler d​urch die Bestrafung n​icht selbst schadet (wenn e​r das Verhalten seiner Gegenspieler a​ls gegeben annimmt).

Auszahlungsprofile, d​ie nicht für j​eden Spieler individuell rational sind, lassen s​ich nicht a​ls langfristiges Gleichgewicht implementieren (da j​eder Spieler s​ich stets o​hne Mitwirkung d​er anderen Spieler d​ie Maximin-Auszahlung sichern kann).

Abweichen vom Gleichgewicht

Es gibt gemäß dem Folk-Theorem zwei Möglichkeiten, warum ein Spieler trotz Bestrafung vom Gleichgewicht abweicht. Dies ist einmal ein geringes oder gar nullwertiges – dem Spieler ist die Zukunft nicht wichtig. Auf der anderen Seite wird der Spieler abweichen, wenn die Wahrscheinlichkeit, dass das Spiel endet, sehr hoch ist und er trotz einem evtl. hohen damit rechnet, dass er keine weiteren Vorteile aus dem Spiel ziehen kann.

Literatur

  • Manfred Holler und Gerhard Illing: Einführung in die Spieltheorie. 6., überarbeitete Auflage, Springer Verlag, Berlin und Heidelberg, 2005. S. 143.
  • Norman Braun und Thomas Gautschi: Rational-Choice-Theorie. Juventa Verlag, München 2011. ISBN 978-3-7799-1490-7. Kap. 7.1.2 und 7.1.3
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